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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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VII.
Von San Marino bis Florenz

An Herrn Izsó Hajós in Nagy Banom

Florenz, den 25. Mai 1902 im Hotel Paoli.

Lieber Freund! Wenn irgend eine Landschaft Italiens eine, wenn auch nur entfernte, Ähnlichkeit mit eurem ungarischen Flachlande hat, so ist es das Stück Romagna, durch das uns der Weg von Rimini nach Faenza führte. Im ganzen ist sie großartig, an Reizen des Einzelnen arm. Sofort ersichtlich ist, daß der kleinbäuerliche Landwirtschaftsbetrieb gegenüber dem Großgrundbesitz zurücktritt. Die Dörfer sind größer, aber ärmlicher, Einzelgüter seltener; zuweilen erscheinen große, aber nüchterne Herrenhäuser mit weiten, doch reizlosen Gärten; die Felder sind ausgedehnter und weniger mit Bäumen und Reben durchsetzt; das Vieh ist auffallend schön und groß; die Bevölkerung macht einen ungemütlichen, ja bösartigen Eindruck, und ich bin geneigt, zu glauben, daß ihr nicht besonders angenehmer Ruf berechtigt ist. In den Ortschaften findet man häufig in Schablonenschrift die Worte: evviva il sozialismo, während früher loyalere Aufschriften von der Unita Italia und dem Rè handelten. Die Straßen waren aber auch hier, wie bisher überall in Italien, brillant, wahre Laufwagenbahnen, breit, glatt, tadellos gehalten.

Wir machten schon in Faenza halt und hatten es nicht zu bereuen. Von dieser Stadt stammt bekanntlich der Ausdruck Fayence für künstlerisch geschmücktes Steingut, und altes Steingut von Faenza ist heute unter Sammlern eine große Kostbarkeit. In Faenza selbst ist davon nur noch wenig zu sehen, und wir mußten uns einen Begriff von dem Reizt dieser alten Gefäße aus einem schönen Werke des Professors Federigo Argnani zu verschaffen suchen, der persönlich die Liebenswürdigkeit hatte, uns in der Pinakothek und dem Museo civico, die beide seiner Leitung unterstehen, herum zu führen. Ein paar schöne Stücke sind wohl vorhanden, die schönsten aber sind ins Ausland gegangen, und Faenza muß sich damit begnügen, den besten Kenner dieses Zweiges der angewandten Kunst, eben den alten Cavaliere Argnani, zu besitzen, der das schönste, was davon übrig geblieben ist, mit äußerster Peinlichkeit und dem feinsten Sinne für alle Stilunterschiede persönlich abbildet und in seinen Sammelwerken vereinigt, die von der Blüte der Steingutkunst des alten Faenza einen großen Begriff geben. Auch heute bestehen noch Manufakturen in Faenza, und wir haben die größte besucht, aber die Kunst ist zur Industrie geworden. Doch ist es immerhin eine Industrie von künstlerischem Anstrich insoferne, als die Herstellung der Töpfereien in den alten schönen Formen und durch die Hand, nicht durch Maschinen, geschieht. Es werden in der Hautsache Wasser-, Öl-, Weingefäße in den verschiedensten Größen, auch Tassen, Schüsseln, Becken gefertigt, die, in der Form alle altertümlich, je nach dem Geschmack der Gegend, wohin sie ausgeführt werden, ihren besonderen, immer primitiven Schmuck erhalten. Die Formung geschieht mit der Hand auf der Drehscheibe, und man muß über die Sicherheit staunen, mit der die Arbeiter in unglaublicher Schnelligkeit die verschiedenen Formen entstehen lassen. Auch die Ornamente werden mit der Hand aufgetragen, und trotz dieser nach deutschen Begriffen teuren Herstellungsart sind die Preise der einzelnen Gefäße unglaublich billig. Große Vasen von schönster, direkt antik anmutender Form, grün oder blau glasiert und mit zwar primitiven, aber geschmackvollen Mustern geschmückt, sind für ein paar Lire käuflich. Sie wären in Deutschland nicht für das Fünffache des Preises herzustellen. Aber nur die »gemeine Ware« ist gut, die keine künstlerischen Prätensionen macht. Was sich als Kunst gibt, ist schlechter »Jugendstil« und ein schmerzlicher Anblick, um so schmerzlicher, wenn man vorher die Abbildungen alter Fayencen gesehen hat. Selbst die Ausschußscherben im Museo civico sind erfreulicher anzusehen. – Die Pinakothek von Faenza wird wohl nur selten besucht, und doch besitzt sie einige sehr interessante Stücke und eine große Kostbarkeit, um derentwillen allein es sich verlohnte, in die Stadt des alten Steingutes zu reisen. Man lernt hier mit vielem Vergnügen ein paar alte Faentiner Meister kennen, die der Kunstfreund, ist er ihnen einmal begegnet, sicher nicht mehr vergißt, wenn sie auch sonst nur den Kunstgelehrten bekannt sein mögen. Auf mich machten den stärksten Eindruck Leonardo Scaletti und Marco Melozzo, an die ich mich auch nach den Genüssen von Florenz dankbarst erinnere. Aber die schönste Erinnerung bleibt der junge Johannes Donatellos, ein unsagbar köstliches Meisterwerk, die schönste Knabenbüste aus der christlichen Zeit, die ich noch gesehen habe. Es ist schwer, sich von ihrem Anblick zu trennen, und es müßte eine besonders begnadete Stunde sein, in der man es vermöchte, mit Worten den Eindruck auch nur annähernd zu schildern, den sie in ihrer zauberhaften, innigen und frischen Holdseligkeit macht, – ein wahres Wunder des Meißels. Professor Argnani erzählte uns, daß Geheimrat Bode sie um 100 000 Franken für das alte Museum in Berlin erwerben wollte, und es ist gewiß, daß sie an keinen Ort besser hinpaßt, als an diese Stelle, die schon so viele Werke ersten Ranges beherbergt, aber keines, das imstande wäre, dieses unvergleichliche Stück in Schatten zu stellen. Auch der wundervolle junge Johannes Donatellos, den Berlin schon besitzt, steht nicht darüber, ja ich möchte glauben, daß, so herrlich er ist, er vor diesem Werke zurücktreten muß. Doch mag es sein, daß ich, unter dem frischeren Eindruck der Faentiner Büste stehend, nicht imstande bin, objektiv zu vergleichen. Auf alle Fälle ist es sehr zu bedauern, daß es Herrn Direktor Bode nicht gelungen ist, das entzückende Werk für Berlin zu erhalten. Zwar hält er es jetzt vielleicht nicht mehr für einen Donatello, wie das bei Kunstgelehrten so kommt, wenn die Trauben allzu hoch hängen, als daß man sie noch süß heißen könnte, denn des Menschen Herz ist trostbedürftig, aber trotzdem, lieber Izsó, wenn Du wieder einmal nach Florenz kommst, darfst Du es nicht verabsäumen, den Abstecher nach Faenza zum Knaben Johannes zu machen. – Als Stadt bietet der ehemals bedeutende Ort allerdings nicht eben viel. Dafür ist das Stück Apennin zwischen Florenz und Faenza umso interessanter, – zumal wenn man es nicht auf der Eisenbahn durchtunnelt, sondern im Automobil durchfährt. Der Motor bekommt dabei freilich rechtschaffen zu tun, aber der unsre machte, wie immer, seine Sache gut. Nicht so die Pneumatiks, die uns dreimal zwangen, mitten in der Fahrt zu pausieren. Es waren die Veranlassung dazu nicht Schäden von Außen, keine Nägel, Scherben oder Steine, sondern die Luftschläuche selber erwiesen sich als zu schwach, weil man uns leider nicht die stärksten mitgegeben hatte, als welche allein imstande gewesen wären, auf die Dauer auszuhalten. In diesen Dingen bei einer solchen Reise sparen zu wollen, ist verfehlt. Die Pausen selber sind nicht so unangenehm, wie das Gefühl der Unsicherheit, das sich einstellt, sobald man die Erfahrung macht, unzureichendes Material zu haben. – Die Entfernung von Faenza nach Florenz beträgt 96 Kilometer. Wir brauchten dazu infolge der unfreiwilligen Pausen und wegen der großen Schwierigkeiten, die das Gelände einem verhältnismäßig so schwachen Motor wie dem unseren bietet, fast zehn Stunden. Hätten wir die Gefälle schnell nehmen wollen, so würden wir wesentlich schneller zum Ziel gekommen sein, aber für das Reisen im Laufwagen gilt noch mehr als sonst das Wort: chi va piano, va sano, und die Abhänge des Apennin haben ein allzufatales Aussehen, als daß man sich an ihnen gerne der Gefahr eines Absturzes aussetzte. So opferten wir also lieber ein paar Bremsleder und nahmen die außerordentlich starken Gefälle langsam. Bei den Steigungen blieb uns von vornherein nichts andres übrig. Die Straße steigt von Faenza bis zum Colle di Casaglia fast unablässig; das ist eine Strecke von etwa 50 Kilometern, auf der man von 36 Metern Höhe auf 932 Meter Höhe gelangt. Nun fällt die Straße bis Borgo S. Lorenzo außerordentlich steil innerhalb einer Strecke von noch nicht 20 Kilometern bis auf 187 Meter, steigt dann wieder 13 Kilometer lang bis auf 520 Meter, um dann innerhalb 12 Kilometer bis auf 55 Meter zu fallen, bei einem ganz außerordentlich starken Anfangsgefälle, das sich innerhalb vier Kilometern von 520 auf 175 Meter senkt. Es liegt auf der Hand, daß man ein solche Gelände mit einem achtpferdigen Motor, der einen großen Wagen mit drei Insassen, einem großen und fünf kleinen Koffern fortzubewegen hat, nicht prestissimo durcheilen kann, daß man sich vielmehr zu einem ausgesprochenen adagio bequemen muß. Zum Glück haben wir längst keine Eisenbahnnerven mehr und sind zu solchen Freunden des Bummelfahrens geworden, daß uns auch dieses breite adagio ein sehr angenehmes Tempo war, das wir ausgiebig dazu benutzten, die sehr merkwürdige Landschaft aufmerksam zu betrachten. Diese Landschaft bekommt sehr bald hinter Faenza ein von der vorigen sehr verschiedenes Aussehen. Die Apenninschwelle zwischen der Emilia und Toskana ist ein Stück Gebirgsland von fast unheimlicher Öde. Nichts erinnert an Gebirge von gleicher Höhe in Deutschland. Man könnte glauben, daß man sich mindestens 600 Meter höher befindet, als es in Wirklichkeit der Fall ist, so leer und kahl ist es hier oben. Ganz wenige, höchst kümmerliche Ortschaften (bis auf Marradi, das sich stattlich macht und sehr malerische Blicke bietet), und nicht die Spur von Wald, – eine Gebirgswelle hinter der andern aus einem grauen schieferigen Geschiebe, das nur stellenweise einen dünnen grünen Überzug hat. Deutlich markiert sich überall das gewundene Band der schön gemauerten Straße, die oben hinüber führt, während sich die Eisenbahn unten irgendwo durch das Gebirge wühlt. Wir sind, außer bei den Ortschaften, keinem Menschen begegnet, – also auch keinem Banditen, deren es hier noch eine gute Anzahl gibt. Erst Tags vorher war, wie wir in Florenz erfuhren, einer von zwei verkleideten Karabinieris festgenommen worden, auf die er einen Anfall versucht hatte.

Auf der toskanischen Seite verändert sich das Bild bald. Maulbeerbaumanlagen und schöne Steineichen treten am meisten hervor, und der erste Blick nach Toskana ist wahrhaft überwältigend. Das ist die ideale Landschaft kurz und gut; die Landschaft, der schlechterdings nichts fehlt. Im ersten Augenblick ist man fast benommen von dieser Schönheit, und als ich nach Worten suchte, kamen mir als die einzigen die Goethes entgegen: Die Augen gingen ihm über. Es ist ein Rausch des Gesichts, Überschwang und Aufschwung; man möchte die Arme ausbreiten und vor dieser Fülle einer schön verschwendenden Natur niedersinken wie der junge Mann auf dem Klingerschen Blatte an die Schönheit. Hier geziemt sich Pathos, hier wird der Name Gottes nicht eitel genannt, hier heißt sehen beten. Noch niemals habe ich das Gefühl gehabt, das mich hier übermannte und das sich laut in den Worten aussprach: Wenn ich hier geboren wäre! Es ist wohl dasselbe Gefühl, das unsre Vorfahren so oft über die Alpen getrieben hat.

Und warst du lange, Herz,
In Grau und Gram verloren,
Hier gehst du selig auf
Vor Paradieses Toren.

Gottloses Herz sei froh,
Die Götter kehren ein,
Ein Tempel wirst du nun
Und lauter Freude sein.

Florenz, den 27. Mai 1902.

Zwei große Sträuße Rosen stehen vor mir, und darüber geht der Blick hinaus in einen schönwipfeligen Garten, hinter dem der graubraune Turm von Santa Croce aufragt. Auf dem Tische liegen Photographien nach Lorenzo Credi, Cosimo Roselli, Luca Signorelli, Sandro Botticelli, Bronzino, Michelangelo, Raphael, Mantegna, Donatello, Massaccio, Perugino, Andrea il Verrocchio, Filippino Lippi, Lionardo da Vinci, Ghirlandajo, Cimabue, Giorgione, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich den Hof des Bargello vor mir und die Halle der Landsknechte, das Refektorium von San Marco und den Glockenturm des Giotto. Der David Donatellos im Schäferhute hat es mir angetan; ich bin in ihn verliebt; aber er darf nicht eifersüchtig sein, – ich habe noch eine ganze Reihe andrer Lieben. So ein paar primitive Madonnen und alle diese süßen Jungen Botticellis mit dem schmalrunden Kinn, so wie nicht minder der Page Tiepolos (den ich sonst nicht weiter mag) und der ruhende Hermaphrodit. Aber das sind längst nicht alle. Muß man sich nicht in die fornarina verlieben? Kann man etwas anderes als verliebt sein in den Engel der Verkündigung des frommen Bruder Angelico? Es ist ja lauter Liebe, was diese inbrünstigen Farben, diese edel holden Linien hier singen, und der Teufel des Hasses, der Schwere, des Zweifels wird hier mit der dreimal heiligen Kraft der Schönheit ausgetrieben. Anbetungswürdige Kunst von Florenz, ich habe dich nicht studiert und darf mich nicht erdreisten, zu sagen, daß ich in dich eingedrungen wäre, wie die weisen Männer, die ich hier mit Bleistift und Notizbuch brillenernst herumwandeln sehe, aber ein Hauch deines liebevollen, heiter bewegten Lebens ist in mich gedrungen, daß ich mich selber heiter bewegt und wie in einem Strome von gütigen Gewalten fühle.

Geh fröhlich in den Tag!
Laß deinen Gram beiseit!
Wie winzig ist dein Weh!
Die Welt, wie ist sie weit!

Das höchste Gefühl vermag nur zu stammeln, und wo such die Schönheit eines aus der begnadeten Liebe eines wahren Künstlers entstandenen Werkes mit der liebend hingegebenen Empfänglichkeit eines Betrachters paart, der mit der gleichen Liebe genießt, mit der jener schuf, da entsteht eine Wonne der Empfängnis, die nicht imstande ist, über sich selbst Rechenschaft zu geben. Kritische Gelehrsamkeit in allen Ehren! Sie möge ihre Genugtuung finden im Zensurenerteilen und Analysieren, – mich freut es, daß mir so selig unkritisch zumute ist, wie es nur einem Verliebten zumute sein kann, der nicht sagt: Dies und das und so und so, sondern der über das Ganze außer sich ist und auch kein Muttermälchen für alle Schätze Himmels und der Erde hergeben möchte.

Florenz, den 29. Mai 1902.

Wir haben einen Bruder meiner Frau besucht, der die bei Florenz gelegenen Güter des Barons Francchetti bewirtschaftet, und dabei einen Einblick in die hiesige Landwirtschaft gewonnen. Die Ergiebigkeit des Bodens ist erstaunlich. Neben den eigentlichen Ackerfrüchten und Futtergewächsen, bringt er Wein, Öl, Obst hervor. Alles gedeiht zusammen. Die Öl- und Obstbäume durchziehen in engen Reihen die Saatfelder und Wiesen, und an den Bäumen hinan rankt sich die Rebe. Hier wächst der berühmte Chiantiwein, der ein leises Irisparfüm hat und in den schönen Korbflaschen auf allen Wirtshaustischen steht. Selbst die Mauern ergeben Ernten: aus allen Ritzen grünt der Kapernstrauch. Die Ölbäume blühen eben, aber die Blüte ist so klein und unscheinbar, daß man sie kaum bemerkt. Groß und von schönen Formen ist das Rindvieh, meist weiß und mit auffällig starken Hörnern. Es wird mehr als Zugtier, denn zu Milchgewinnung gezogen. Der Bedarf an Butter ist gering, weil ihre Stelle das Öl vertritt. Man bewahrt es in riesigen Terrakottavasen von schöner antiker Form auf. Nach den Weinkellern und den Ölhallen bemißt sich der Reichtum des Landwirtes. Der Stolz unsrer Bauern, das große, starke Pferd, fehlt gänzlich. Dafür sieht man viele Esel und Maultiere, die aber selten gut gehalten sind. Das alte Thema der Tierschinderei drängt sich hier jedem Deutschen auf, und auch die gebildeten Italiener fangen an, ein Auge dafür zu bekommen, daß die schlechte Behandlung des Viehes eine Schande für ihr Land ist. – Auf der Rückfahrt von der Fattoria meines Schwagers genossen wir einen wunderbaren Sonnenuntergang. Es waren wirklich die violetten »Tinten«, die uns auf den Bildern der düsseldorfer Italiener so fatal sind, aber sie nahmen sich in natura sehr anders aus, als in Öl; ein Goldton kam hinzu, den die braven Meister von der Düssel offenbar nicht »gekonnt« hatten. Auch haben sie wohl nicht die rechte Kurage gehabt, die dazu gehört, einen solchen Sonnenuntergang zu malen. Bei ihnen sieht pomadig aus, was in Wahrheit Glut und höchster Überschwang der Farbe ist. Der Ort, von dem aus wir das himmlische Schauspiel genossen, heißt fonte del podicchio, was gewiß deutschen Ohren sehr fürnehm klingt, auf gut deutsch aber doch nur Lausebronn heißt.

Wir blieben gern länger in Florenz, denn längst noch haben wir nicht alles gesehen, aber die beginnende Hitze treibt uns fort. In unserm Laufwagen werden wir sie weniger spüren, als in dieser Stadt, die zwar zauberhaft schön, aber tief in einem Kessel liegt, von dem ich fürchte, daß er bald zu brodeln beginnen wird. – Einiges, das ich noch zu verzeichnen habe, wie unsern Besuch in der pia casa di lavoro spare ich mir für später auf. Ein paar Bilder aus diesem Wohltätigkeitsinstitute, das eine genaue Schilderung verdient, sind uns glücklich gelungen und haben den Abkonterfeiten das größte Vergnügen gemacht. Die Anstalt ist zugleich Waisenhaus, Kinderbewahranstalt, Arbeitshaus (ohne Strafcharakter) und Altersheim, die größte Italiens und durchaus verschieden von Instituten mit ähnlichen Zielen in Deutschland. Mitteilungen ihres verdienstvollen Direktors, des Cavaliere Ceroni, setzen mich in den Stand, darüber genaueres zusammenzustellen, doch muß ich mir dies für später aufsparen. Auch über die merkwürdigen Spiele aus der Renaissancezeit, die wir hier mit angesehen haben, wäre genaueres zu berichten, als im Rahmen eines Reisetagebuchs – und bei dieser Hitze möglich ist. Sie fanden auf dem schönen Platze vor er Kirche Santa Maria Novella statt und erfreuten sich des lebhaftesten Zulaufs aus allen Bevölkerungsschichten. Das eine ist ein Fußballspiel, das manches mit dem in England und jetzt auch bei uns üblichen gemeinsam hat. Es wurde von Studenten in Renaissancetracht gespielt. Die vielen Farben in der Kleidung nahmen sich recht lustig aus in der Bewegung dieses sehr stürmischen Spieles, doch muß gesagt werden, daß die moderne englische Sporttracht dafür zweckentsprechender und daher auch schöner wirkt, vor allem auch deshalb, weil sie den Körper des Spielenden besser zur Geltung und nicht das Gefühl des Bedauerns darüber aufkommen läßt, wie heiß ein solches Ballvergnügen sein mag. – Nur in der alten Tracht dagegen zu denken ist das Ritterspiel, das sich La giuostra del Saracino e dell' Ariete, zu deutsch etwa »Sarrazen und Widderkopf«, nennt. Abgesehen von allerhand schönem Zeremoniell und prachtvollen Aufzügen mit Pauken und Trompeten besteht es darin, daß jeder der Ritter im Vorbeigalopp mit seiner Lanze einmal den Brustschild eines Sarrazenen und dann den an einem wagerechten Drehbaum befindlichen holzgeschnitzten Kopf eines Widders treffen muß, und zwar nicht bloß treffen schlechthin, sondern an einer bestimmten Stelle. Gelingt ihm dies nicht, trifft er den Schild falsch, so versetzt ihm der Sarrazen, der beweglich ist, einen Schlag auf den Rücken, und der Widderkopf bringt ihn in Gefahr, die Lanze zu verlieren. Dieses Spiel verlangt brillante Reiter und Meister in der Handhabung der Lanze. Die Offiziere, die es aufführten, machten ihre Sache ausnahmslos vorzüglich, und des Beifalls nahm kein Ende. Zum Schlusse umritten sie die Arena und warfen den Damen aus großen Körben Blumen zu, – was sich denn besonders hübsch ausnahm und ein echt florentinischer Spielschluß war. – Wir werden nun Florenz verlassen, meine Frau besonders ungern, weil es ihre Vaterstadt ist, und ich mit dem Bedauern, daß uns die Hitze den Genuß der Schönheiten, die die wunderbare Stadt beherbergt, allzusehr beeinträchtigt hat. Mich hat außerdem noch etwas gestört: Die abscheuliche Art, mit der hier Werke der Kunst durch Erzeugnisse der Klempnerei verunstaltet werden, sobald sie nackte männliche Figuren darstellen. Man sagt, daß dieser Feigenblätterunfug auf die Verschämlichkeit der Engländerinnen zurückgehe, die erklärt hätten, keinen Fuß in eine Stadt zu setzen, auf deren öffentlichen Plätzen unbekleidete männliche Statuen zu sehen seinen. Ich für meinen Teil finde es bedauerlich, daß man diese Gelegenheit, jene Engländerinnen auf gute Weise los zu werden, nicht benutzt hat, denn ihre Anwesenheit steigert durchaus nicht den Genuß der Kunstwerke, über die sie in unerträglich lauter Manier ihre oder Herrn Bädekers Meinungen zu äußern pflegen, wobei die Gurgellaute des Englischen das Ganze noch besonders verscheußlichen.

Florenz den 30. Mai 1902.

Das Wetter ist drückend heiß geworden; die großen schönen Steinquadern, mit denen die Stadt asphalteben gepflastert ist, lassen durch die Stiefelsohlen hindurch die Hitze fühlen, die sie ausströmen: selbst die Engländerinnen, die leider standhaftesten unter den hiesigen Fremden, entfernen sich. Wenn es wirklich wahr ist, daß die abscheulichen Feigenblätter, mit denen die herrlichen Statuen hier verschimpfiert werden, auf Eingaben prüder Misses hin angebracht worden sind, die auf so unanständige Weise schamhaft sind, so ist zu hoffen, daß die Meisterwerke der Skulptur jetzt von diesen gemeinen Anhängseln befreit werden. Es ist eine wahre Schande für die Stadt Michel Angelos und Donatellos, daß man Kunstwerke reinster und höchster Art, Darstellungen der menschlichen Schönheit, wie sie edler nicht zu denken sind, um der krankhaften Instinktverirrung bedauernswerter Wesen willen mit Miniaturschürzen aus Blech behängt, die durch den grotesken Kontrast, mit dem sie zu dem edlen Material der Bildwerke stehen, den Blick eben auf den Körperteil lenken, den sie »verhüllen« wollen. Es ist in der Tat ein nicht bloß künstlerisch unanständiger Anblick, und das Schamgefühl der Personen, die diesen Unfug veranlaßt haben, muß dem gesunden Sinne geradezu pervers erscheinen. Daß der Magistrat einer der ersten Kunststädte der Welt auf derartige Verirrungen Rücksicht nimmt, ist eine Unbegreiflichkeit, es sei denn, er gehörte in dasselbe Krankenhaus. Savonarolas Leib ist verbrannt worden, sein Geist lebt aber wohl noch in vielen, und nicht bloß in Kuttenträgern. Aber auch der Geist Lorenzos ist nicht tot. Warum ermannt er sich nicht und macht dieser Bemakelung reiner Kunst ein Ende? Ist es wirklich die Furcht, daß ein paar prüde Engländerinnen der Medizeerstadt fern bleiben könnten? Dann wäre jedes dieser Blechblätter ein Schandmal für Florenz.

Spätere Nachschrift (Mai 1903).

Indem ich meinen Florenzer Zornerguß gegen die in usum der Aoh-yes-Weiblichkeit hergerichteten, durch Blech neutralisierten Marmorstandbilder der Arnostadt überlese, fällt mir eine lustige Geschichte ein, die mir kürzlich aus Rom berichtet worden ist, und die sich wie ein allerliebster Hohn des Zufalls auf diesen Unfug ausnimmt. Unter den zu Ehren des deutschen Kaisers veranstalteten Festen war eines, das in einem mit vielen antiken Statuen geschmückten Prunksaale abgehalten wurde. Irgend ein schlecht beratener Funktionär glaubte ein gutes Werk zu tun, indem er, nach dem Muster von Florenz, die sonst unverhüllten Mittelstücke der antiken Marmorschönheiten verfeigenblätterte, aber, da nun die Finanzen Italiens nicht eben in üppiger Blüte stehen, meinte er: für das eine Mal ist echtes Blech wohl nicht von nöten, und ließ papierenen Feigenblättern nur einen Blech anstrich geben. Diese Sparsamkeit rächte sich grausam lustig, denn, da in diesem Raume getanzt wurde, ließ die tanzbewegte Luft die Pseudobleche mittanzen, und es war zur allgemeinen Heiterkeit ein fortwährendes Blätterrauschen um die antiken Lendengegenden, die bald à l'anglaise verhüllt, bald à la romaine so erschienen, wie es die verruchte Natur nun einmal beliebt hat. Seine Majestät soll sich nicht am wenigsten darüber amüsiert haben. – Übrigens fällt mir nun auch noch ein, daß in Florenz just die ausgesprochensten Männlichkeiten, nämlich alle die, die zur Familie des großen Pan gehören, von jener Verschimpfierung ihres Zentrums ausgenommen sind. Geschieht dies aus Respekt vor ihrer halben Göttlichkeit oder von wegen ihrer halben Zugehörigkeit zur Gattung der Böcke? Die Psychologie der Verschämlichkeit hat einige dunkle Stellen, wie es scheint.

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