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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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8. Kapitel.
Ein Gang durch den Wald.

Eine Woche, nachdem Joseph Bodger den Dienst in der ›Waldaussicht‹ angetreten hatte, saß Florence in des Vaters Bibliothek. Der Sonnenschein, der ihr aufgeschlagenes Buch goldig überglänzte, stahl sich auch in ihr trauerndes Herz hinein. Das Haus dünkte ihr einem Gefängnisse gleich. Sehnsucht nach Luft und Bewegung trieben sie ins Freie.

»So ist's recht, Fräulein,« ermunterte Anna, als das junge Mädchen, zum Ausgehen gerüstet, das Zimmer der kranken Dienerin betrat. »Es thut der Jugend kein gut, sich von der Welt und ihren Freuden abzuschließen – wir rufen mit unserer Trauer die teuere Verstorbene nicht mehr ins Leben zurück.«

Anna erwähnte stets nur der verlorenen Herrin – Derwents rätselhaftes Verschwinden überging sie zumeist mit Schweigen, und wenn sie davon sprach, so geschah es in gleichgültigster Weise, ohne jedes Bedauern.

Nachdem Florence liebevoll, aufmerksam wie immer, für manche kleine Bequemlichkeit Annens gesorgt hatte, verließ sie das Haus, um den Weg nach dem Rookfielder Forst einzuschlagen. Keine Wolke trübte den sonnenklaren Himmel. Blühende Flächen von Heidekraut und Stechginster dehnten sich längs des Weges, während die schlanken Tannen auf den angrenzenden Hügeln so rein und scharf gegen den Horizont emporstrebten, daß es dem Mädchen schien, sie könne die Nadeln an den einzelnen Zweigen zählen. In durstigen Zügen atmete Florence die wohlthuenden Frühlingsdüfte ein, beugte sich, um hier ein rosiges Heidekraut, dort den gelben, stachligen Ginster zu pflücken, ließ frohgemut den leisen Windhauch ihre Stirn umfächeln, der gleich einer erfrischenden Seebrise das wellige Land überflutete, und als sie die Landstraße verließ, um rüstig durch das blumige Feld zu schreiten, schwellte endlich wieder die Empfindung ihr Herz, das Leben sei doch schön und wert gelebt zu werden.

Aber wenn auch die Welt diesen Morgen sonnig für sie leuchtete, weckte doch alles was sie umgab nur wehmütiges Erinnern in ihr. Unten im Thale pflegte sie, in Gesellschaft ihres pflanzenkundigen Vaters, den ersten blauen Enzian zu suchen, in den Wiesen nach Kinderart die Staubfäden der wolligen Wegdistel mutwillig wegzublasen, und sogar den Moorgrund am Rande des Baches nicht zu scheuen, um Dotterblumen und Vergißmeinnicht zu pflücken.

Von ihrem schmerzlich vermißten Vater wandelten ihre Gedanken unwillkürlich zu dessen Erben. Wie viele Wochen mußten noch vergehen, bevor Arnold in England landete? Florence hegte für ihren Vetter aufrichtige Zuneigung. Sie hatten zwar niemals Liebesworte getauscht, doch jede Begegnung mit ihm, sowie mancher kleine Zwischenfall aus gemeinsam verlebten Stunden, blieb ihrem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt. Nur einmal im Leben hatte sie sich beifallen lassen, ihres Vaters Handlungsweise zu tadeln. Gegen Arnold war er doch entschieden zu hart gewesen!

Arnold war bereits ein heranwachsender Jüngling, als Florence noch kurze Kleidchen trug und ihre schönen, blonden Haare lose über den Gürtel flossen. Später, als sie zum Mädchen erblühte und er in London den Studien oblag, um sich nach Derwents Wunsch zum Arzte auszubilden, wurden seine Besuche weitaus seltener. Der letzte, den er im ›Krähenneste‹ abgestattet hatte, war leider durch böse Auftritte zwischen ihm und dem Oheim arg verbittert worden. Florencens Erinnerung weilte daher am liebsten bei der entschwundenen Kinderzeit. Was sie jetzt noch mit dem einzigen Verwandten ihres Hauses verband, trug mehr den Charakter pietätvollen Andenkens, als thatsächlicher Empfindung. Sie war ihm gut gewesen als Bruder und Hausgenossen; heute dachte sie, sein Kommen müsse sie erfreuen, es werde ihr wohlthun, von alten glücklichen Zeiten mit ihm zu sprechen und in ihrer Verlassenheit Trost und Stütze bei ihm zu finden.

Ein leises Geräusch weckte sie aus tiefem Sinnen; sie wandte sich um und sah Owen Fairford. Er trug eine leichte, bequeme Joppe, einen kräftigen Stock in der Hand. Als er die Mütze zum Gruße lüftete, flog freudige Röte über sein hübsches, jugendliches Gesicht und bewundernd hing sein Blick an der schlanken, anmutigen Gestalt im Trauerkleide. Sie wartete schüchtern im blühenden Heidekraut bis Owen näher kam. Die frische Morgenluft hatte den früheren, rosigen Schimmer auf ihre Wange zurückgezaubert und spielte mit den goldenen Löckchen, die ihre weiße Stirn umrahmten.

»Ich hatte nicht auf so viel Glück gehofft,« sagte Fairford, Florencens Hand herzlich schüttelnd. »Was braucht es mehr, um den Morgen zu einem köstlichen zu gestalten?«

Ueberschwenglichkeit war sonst nicht seine Art. Unbewußt trat Florence einen Schritt zurück, ein scheuer Ausdruck flog über ihre Züge, der erst dann entwich, als Owen im gewohnten, ruhigen Tone fortfuhr: »Ich sah Sie von weitem und verfolgte schon lange Ihre Spur.«

»Es ist das erstemal, daß ich mich so weit vom Hause entferne,« antwortete sie, während beide den Rückweg nach dem Dorfe einschlugen. »Endlich draußen, in der schönen, freien Natur, kam ein Gefühl über mich, als wollte ich am liebsten ewig weiter wandern; fürchte ich mich doch, in mein einsames, verlassenes Heim zurückzukehren. – Sagen Sie selbst, Herr Fairford, giebt es etwas Entsetzlicheres, als daß ein Mann spurlos vom Erdboden verschwindet und niemand nur zu ahnen vermag, was aus ihm geworden ist? Die Angst und Ungewißheit wird mich noch um den Verstand bringen.«

»Halten Sie diesen Zustand für aufreibender, als eine Gewißheit, selbst der traurigsten Art?«

»Oft kommt es mir so vor,« erwiderte Florence, die nur zu rasch in ihre alte Trostlosigkeit zurückfiel. »Ich vermisse meine Mutter mehr und mehr mit jedem neuen Tage, allein die Trauer um sie ist friedvolle Wehmut im Vergleich zu dem wilden Schmerze, der mich erfaßt, wenn ich des Vaters gedenke.«

»Gewiß,« stimmte Owen teilnehmend bei – »der Tod ist nicht der Uebel größtes! Er läßt uns den versöhnenden Trost, daß wir Hinterbliebenen allein noch zu leiden haben, während sie, die uns entrissen wurden, nichts mehr von Weh und Enttäuschung empfinden. Tausendmal bitterer ist es, geliebte Menschen mit dem Unglück kämpfen zu sehen, ohne einen Schatten von Hoffnung, daß ihr Leiden jemals Linderung finden könnte.«

Verstohlen blickte Florence zu ihrem Begleiter hinüber. Er hielt die Augen auf den Boden geheftet, die breiten Schultern leicht nach vorn gebeugt, und köpfte ab und zu ein Heideröslein mit der Spitze seines Stockes. Nannte auch er ein Wesen sein, das er liebte und das einem grausamen Schicksale verfallen war?

»Haben Sie schon über Ihre nächste Zukunft einen Entschluß gefaßt?« nahm Fairford mit verändertem Tone das stockende Gespräch wieder auf, als sie sich der belebteren Straße näherten.

»Nein – mein Sinnen gehört noch immer der Vergangenheit,« erwiderte Florence; »sie giebt mir ebenso unergründliche Rätsel auf, wie der Gedanke an die kommenden Tage.«

»Ich hoffe, Sie denken nicht daran das ›Krähennest‹ zu verlassen?« forschte Owen weiter.

»Doktor Viret giebt sich alle Mühe, mich dazu zu bewegen.«

»Wie, Doktor Viret will sie überreden, Ihr Heim aufzugeben?«

»Ja, er bietet mir ein neues bei sich, im ›Lorbeerhofe‹ an.«

»Und Sie antworteten ihm?« –

»Ich bat mir Bedenkzeit aus. Ich gestehe, sein Antrag hat manches Verlockende für mich – Doktor Viret gestattet mir sogar meine Diener mitzubringen; die einzige jedoch, für die ich seine Güte in Anspruch nehmen würde, meiner Mutter Kammerjungfer Anna, dürfte voraussichtlich unser Haus nur verlassen, um ihrer Herrin ins Grab zu folgen. Sie leidet an einem schweren Herzübel, das sich mit jedem Tage verschlimmert. O, in was für ein Trauerhaus hat das Geschick unser schönes Heim verwandelt! Früher glücklich, behaglich, sorglos wie keines, – und jetzt – nichts als Elend darin!«

»Sie sollten so verzweifelte Gedanken nicht aufkommen lassen,« unterbrach Fairford ihren schmerzlichen Gefühlserguß. »Wir geben uns selbst auf, sobald wir der Hoffnungslosigkeit Thür und Thor öffnen. Wenn sich unser Leben verdüstert, vergessen wir nur zu leicht den Sonnenschein, der uns einst beglückte.«

»Wird er mir jemals wieder leuchten?« frage Florence, mit den Thränen kämpfend.

»Gewiß, ich hoffe es zuversichtlich,« antwortete Owen treuherzig. »Halten Sie doch fest an dem alten Erfahrungssatze ausgleichender Gerechtigkeit, der eine der ersten Grundlagen unseres Daseins bildet.«

»Glauben auch Sie daran?« fragte Florence, einem Kinde gleich, leicht getröstet durch Owens vertrauensvolle Worte.

»Was können wir Besseres thun, als uns der festen Zuversicht hingeben, daß höhere Mächte auch dem größten Unglück ein Ziel zu setzen vermögen,« erwiderte Fairford ernst. »Sie wären also geneigt, auf Doktor Virets Anerbieten einzugehen?« fügte er nach kurzer Pause hinzu.

»Was würden Sie mir raten, Herr Fairford?«

»Ich fürchte, mein Rat wäre nicht uneigennützig – ich verliere eine Freundin, sobald Sie Ihr Haus verlassen.«

»Keineswegs,« erwiderte Florence entschieden, »ich bin keine Gefangene; auch wenn ich im ›Lorbeerhofe‹ wohne, werden meine Freunde den Weg zu mir finden. Doch, ich vergaß – Sie besuchen nicht gern fremde Häuser – Sie sind menschenscheu!«

»Gewisse Umstände verurteilen mich zur Einsamkeit,« rief er lebhaft, »aber seien sie überzeugt, Fräulein Derwent, ich bin weit entfernt, meinesgleichen zu hassen. Nicht immer lebte ich wie heute – ich besaß Freunde und Genossen, verfolgte bestimmte Ziele, hatte meine Arbeit, meinen Ehrgeiz.«

»Haben Sie auf das alles für immer verzichtet?« warf Florence mit regem Anteil ein.

»Voraussichtlich ja! es scheint mir unmöglich, das frühere Leben je wieder aufzunehmen. Die Sehnsucht danach wird freilich noch manchmal wach.«

»Und niemand darf um Ihr Geheimnis wissen?«

»Ich fürchte, es muß auf immer verschwiegen bleiben.«

»So soll Ihr Ehrgeiz mit Ihnen zu Grabe gehen?«

»Gewiß – wenn ich nicht auch in meiner Abgeschiedenheit Befriedigung für ihn finde. Doch reden wir nicht mehr von mir!«

Sie hatten bald das Dorf erreicht und verabschiedeten sich von einander.

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