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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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7. Kapitel.
Der neue Diener.

Am Morgen nach Joseph Bodgers Unterredung mit Owen Fairford pochte ersterer an die Hausthür Nr. – Seymour-Straße, Hyde-Park. In den Fenstern des Erdgeschosses kündigten gedruckte Zettel an, daß hier Wohnungen zu vermieten waren. Ein verdächtig aussehender Mann mit roter Zwiebelnase, zitternden Händen und weinerlicher Stimme ließ Bodger ein.

»Beim Himmel, Joseph, ich erkannte dich nicht, solch' ein Stutzer bist du geworden!« rief er mit aufrichtigem Erstaunen. »Gottlob, daß du nicht mehr hinter Schloß und Riegel bist! Gesegnet sei dir die Freiheit, wenn du deinen Unterhalt ehrlich verdienen willst!«

»Da würde nicht viel für mich herauskommen!« antwortete Bodger, »hör' zu, was ich dir sage und spiele dich nicht auf den ehrsamen Heuchler. Es wird ein Brief an mich abgegeben werden – an Herrn Joseph Bodger, daß du mir den ja nicht öffnest! Wenn du es thust, drehe ich dir das Genick so lange um, bis dein alter, blöder Kopf mir in der Hand bleibt. Ich werde morgen wiederkommen – lieferst du mir die Botschaft richtig ab, so sollst du einen Schilling dafür haben.«

Die Folge war, daß die Post bald darauf einen von Joseph Bodger unterzeichneten Brief beförderte, in welchem Herrn Owen Fairford auf seine Nachfrage gemeldet wurde, Wilhelm Saunders erfreue sich eines recht guten Leumundes, er sei vollkommen ehrlich und treu, höflich, nüchtern und geschickt zu jedem häuslichen Geschäfte; nur liebe er es, mit den Mädchen zu plaudern und neige etwas zur Unpünktlichkeit.

Samstag früh fand Joseph im Laden des Barbiers Jones in der Weststraße die Antwort, in der ihm bedeutet wurde, Wilhelm Saunders habe sich am nächsten Montag in der ›Waldaussicht‹ zu Rookfield einzufinden.

Getreu dem Befehle erschien Joseph an dem genannten Tage um acht Uhr abends, in Begleitung eines Bahndieners, der einen kleinen, angestrichenen Blechkoffer trug, vor Owen Fairfords Haus.

»Ich hoffe, das Zeugnis ist gut ausgefallen,« sagte er höflich, die Hand an die Hutkrempe legend.

»Sonst hätte ich Sie nicht kommen lassen,« erwiderte Owen kurz. »Nehmen Sie Ihren Koffer und folgen Sie mir.«

Ausgenommen einige große Packkisten, stand der Stall, nach welchem der Hausherr den neuen Diener führte, vollkommen leer. Im äußersten Winkel stieg man auf einer hölzernen Leiter zu einer nett hergerichteten Schlafkammer hinauf.

»Kommen Sie nachher in die Küche,« befahl Fairford, als Joseph seinen Koffer in die Ecke gestellt hatte, »Frau Cawdrey wird für Ihr Nachtessen sorgen.«

»Besten Dank, Herr!«

Sobald er allein war, überblickte Bodger neugierig den ihm zur Verfügung gestellten Raum. Von dem einzigen Fenster aus sah man in einen großen, mauerumfriedeten Garten. Dem Fenster gegenüber bemerkte Joseph eine zweite Thür, die sich bei näherer Untersuchung als geschlossen erwies.

Ins Haus zurückkehrend, schritt er am Speisezimmer und einem hinter demselben gelegenen Gemache vorbei; dann verengte sich der Vorsaal zu einem schmalen Gange, an dessen Ende eine Thür in den Garten führte. Aehnlich wie im oberen Stockwerke, konnte dieser Teil des Hauses durch eine frisch angestrichene Verschalung von den übrigen Räumen abgeschlossen werden. Jetzt stand der Verschluß offen und wurde – wie Joseph bemerkte – durch einen an der Wand befestigten Haken am Zuklappen verhindert. Verschiedene Eingänge führten nach dem Innern des Hauses. An eine offen stehende Thür pochte Joseph sachte an – er vermutete richtig, daß sie zur Küche führe.

»Herein!« rief eine harte, weibliche Stimme, und Bodger trat auf die Schwelle. »Guten Abend, junger Mann,« ließ Frau Cawdrey sich vernehmen, »ich hoffe, Sie haben Ihre Stiefel gut abgeputzt!«

Die Haushälterin mochte fünfzig Jahre zählen; sie war ein ernstes, stattliches Frauenzimmer, in schwarzem, einfachem Anzuge und weißer Haube. Mit ihrem Schlüsselbund am Gürtel glich sie nach Josephs Ansicht einem bärbeißigen, weiblichen Gefangenwärter.

»Ich habe so lange an meinen Schuhen gerieben, bis die Sohle durchgewetzt war,« antwortete der neue Hausgenosse mit gesenktem Kopf. Dann schielte er flüchtig zu Sarah hinüber, die im Hintergrunde stand und deren Herz ängstlich klopfte, da sie fürchtete, Bodger könnte sein erstes Zusammentreffen mit ihr voreilig verraten.

»Kommen Sie her zum Nachtessen,« befahl Frau Cawdrey, worauf sie ihren Platz am oberen Ende des gedeckten Tisches einnahm, während Joseph und Sarah sich unten einander gegenüber saßen.

Bodger konnte sich des Einflusses, den die strenge Haushälterin auf ihn ausübte, nicht erwehren. Jedes Wort, das sie sprach, klang wie unwiderruflicher Befehl, ihre Anwesenheit und Stellung im Hause, ihre Alleinherrschaft über Küche und Diener schien ein Geheimnis zu bergen, das vor allem der Aufklärung bedurfte.

»Ein nettes, behagliches Haus!« bemerkte Joseph, seine nächste Umgebung mit scheinbar unbefangenen Blicken musternd.

»Mich freut es, wenn Sie dieser Meinung sind,« gab Sarah vorlaut zurück, »was mich betrifft, so gefällt es mir gar nicht; ja ich möchte wetten, das Haus ist verhext.«

»Warten Sie nur,« sagte Joseph, »jetzt wo ich da bin, sollen Sie sich bald recht gemütlich fühlen!«

»Ihr längeres oder kürzeres Bleiben wird ganz von Ihrer Aufführung abhängen,« fiel Frau Cawdrey mit scharfem Tone ein; »du aber, Sarah, solltest dich schämen, so gottlose Reden zu führen – verhext! Wer hat je so etwas gehört!«

Damit war jedes weitere Gespräch abgeschnitten. Joseph bemerkte, daß die Haushälterin, sie mochte thun was sie wollte, ihn nie aus den Augen verlor. Ihr Wesen blieb gleich rauh und abweisend – ganz geeignet, dem neuen Diener eine heilsame Scheu vor ihr einzuflößen.

Als er, den Leuchter in der Hand, wieder in sein Kämmerchen hinaufgeklettert war, verriegelte er zuerst die eine Thür und trachtete hierauf die zweite, dem Fenster gegenüber, zu öffnen, zu welchem Zwecke er seinem Blechkoffer einige sonderbar geformte Instrumente aus gebogenem Eisendrahte entnahm. Bodger kniete nieder, untersuchte genau das Schlüsselloch und öffnete nach längerem Bemühen die versperrte Thür. Sie führte nach einem leeren Heuboden, den er, beim Schein des Lichtes, einem raschen Ueberblicke unterzog. Etwa sechs Fuß vom Estrich entfernt, erspähte er ein kleines Fenster. Mit Hilfe eines aus der Schlafkammer herbeigeholten Stuhles konnte er gemächlich den ganzen Vorgarten überschauen. Obwohl er den größten Teil der Nacht auf diesem erhöhten Standpunkt verbrachte und sorgsam die ganze Umgebung musterte, sah er niemanden weder das Haus noch den Garten verlassen – er war daher am nächsten Morgen, als er zum Frühstück ins Wohnhaus hinüberging, um nichts klüger geworden, als am Abend seiner Ankunft.

Frau Cawdreys Anblick dünkte ihm bei Tageslicht womöglich noch starrer und abschreckender. Sie wies ihm seine Arbeit an, doch kaum hatte sie eine halbe Stunde später den Rücken gekehrt, so verließ auch er die Spülbank, stahl sich in den Vorsaal und schlich neugierig die Treppe hinauf. Den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt, besah er aufmerksam die in der Stiegenabteilung angebrachte Thür. Auf Thürschlösser verstand er sich sonst meisterhaft, aber über den hier angebrachten Verschluß schüttelte er ernsthaft das Haupt. Die Thür hatte keine Klinke, konnte daher von der Außenseite nur durch den passenden Schlüssel geöffnet werden, und zwar mußte dieser, nach der Konstruktion des Schlüsselloches zu urteilen, einen merkwürdig gewundenen Bart besitzen.

»Sie sind gar fleißig bei der Arbeit,« rief ihm Sarah vom Vorsaale aus zu.

»Ich warf nur einen Blick auf dies seltsame Pförtchen,« antwortete er, indem er rasch die Stufen wieder herabkam. »Unser Hausherr scheint sich recht sorgsam einzuschließen.«

»Herr Fairford wohnt nicht oben,« erklärte Sarah, »er schläft hinter dem Speisezimmer. Sehen Sie diese Thür,« flüsterte sie leise, nach dem Ende des Korridors deutend, wo der Ausgang in den Garten offen stand wie am Abend vorher. »Wenn ich zu Bette gehe, ist der Durchgang frei, so wie jetzt, hingegen finde ich ihn stets verschlossen, sobald ich des Morgens mein Zimmer früher verlasse, als Frau Cawdrey das ihrige. Es ist mir gar nicht angenehm, bei Nacht eingesperrt zu sein – was sollte ich thun, wenn Feuer ausbricht? Ueberdies höre ich zuweilen Schritte einer unsichtbaren Person.«

»Wie können Sie wissen, daß die Schritte jemand Unsichtbarem angehören?« fragte Joseph scheinbar harmlos.

»Wo sind die Schuhe des Nachtwandlers?« gab Sarah zurück. »Sie haben nur zwei Paar geputzt, beide für Herrn Fairford. Ein Mensch muß essen, und wenn einer oben wohnt, so lebt er entschieden von der Luft.«

»Von der Luft allein zu leben wäre ein Kunststück,« meinte Bodger lachend, »vielleicht sorgt aber Frau Cawdrey für den Betreffenden.«

»Davon weiß ich nichts,« versetzte Sarah. »Sie wird aber gleich hinter mir her sein und mich schelten, wenn ich noch länger mit Ihnen plaudere.«

Nach dem Frühstück führte Owen den neuen Diener in den Garten. Er zeigte ihm die hinter dem Stalle gelegene Werkzeughütte und wies ihm sein Geschäft an. Als er ihn verlassen hatte betrachtete Bodger mit Muße die verschiedenen Spaten und Hauen. Er fühlte eine eingewurzelte Abneigung gegen jede Gattung von Werkzeug, mit Ausnahme seiner eigenen. Seit langem war er ehrlicher Beschäftigung entwöhnt – er hätte lieber den Kampf mit einer Viper aufgenommen, als den Spaten friedsam zu handhaben.

Der Garten, dessen hohe, von Pfirsich-, Pflaumen-, und Kirschbäumen verdeckte Mauer jeden Ausblick ins Freie hinderte, war in gänzlich vernachlässigtem Zustand. Es blühten wohl zwischen den Spalieren am Ende des Grundstücks einige Stachel- und Johannisbeersträuche, doch auf den Sandwegen wuchs das Gras, und die wenigen Beete, mit Ausnahme eines kleinen Fleckes, den Owen selbst umgegraben, waren voller Unkraut und abgestandener Kohlstrünken preisgegeben.

Nachdem Joseph einige Minuten lang gearbeitet hatte, stützte er sich auf den Spaten, wischte sich den Schweiß von der Stirn und richtete seine beobachtenden Blicke nach den Hinterfenstern des Erdgeschosses, wo matte Glasscheiben den Einblick in das Innere des Hauses verwehrten.

»Verdammte Vorsicht, damit unsereins nicht mehr sieht, als ihm gut thut,« brummte Joseph.

Was mochte wohl die Ursache dieser geheimnisvollen Maßregeln sein? Warum schlief Fairford im Erdgeschosse? Warum verbannte er den einzigen männlichen Diener nach dem Stalle? Was bewog ihn, das Zimmer des Hausmädchens und den ganzen oberen Stock jede Nacht von den übrigen Räumen des Hauses abzuschließen? – Alle diese Rätsel schienen Joseph einer gründlichen Untersuchung wert, – die Beantwortung der wichtigsten Frage aber, wer überhaupt die Räume des oberen Stockwerkes bewohnte, sollte die Hauptaufgabe seiner gegenwärtigen Dienstbarkeit bilden.

Mehrere Tage verflossen, ohne neuen Stoff zur Beobachtung zu liefern. Frau Cawdrey behielt Bodger ebenso scharf und unausgesetzt im Auge, als dieser es Owen Fairford gegenüber that.

Welche Stellung Frau Cawdrey im Hause einnahm, konnte Joseph nicht ergründen. Trotzdem sie die Bereitung der Mahlzeiten besorgte, und zwar in einer Weise, die seinen Magen auf eine harte Probe stellte, spielte sie keineswegs die Rolle einer Dienerin. Er wußte auch nicht, ob sie das Vorrecht des Zutrittes nach den oberen Räumen besaß – er hielt die Augen zu jeder Stunde offen, sah sie jedoch niemals über die Stiege kommen oder gehen. Sobald die Nacht hereinbrach, warf er den Rock ab, zündete sich eine Pfeife an, bestieg den am Fenster des Heubodens aufgestellten Sessel und bewachte beide Thore mit der musterhaften Ausdauer eines besoldeten Hüters. Ungeachtet dieser Bemühungen, rückte er der Enthüllung des Geheimnisses um keinen Schritt näher, doch beharrte er standhaft auf seinem Entschluß, die Waldaussicht nicht zu verlassen, bevor er die ersehnte Lösung gefunden.

Donnerstag Nachmittag, als beide Frauen in der Küche beschäftigt waren, lehnte Joseph den Spaten gegen die Mauer, schlüpfte vorsichtig ins Haus und lugte zum Speisezimmer hinein. Es war leer – leise betrat Bodger das für ihn bisher verschlossene Gemach und bestieg einen Sessel, wodurch es ihm gelang, das Ohr knapp an die niedere Zimmerdecke zu legen. Atemlos horchend, konnte er zuerst nicht das geringste Geräusch unterscheiden – die tiefste Stille herrschte in allen Räumen des Hauses – da vernahm er über seinem Haupte langsame schwere Fußtritte, offenbar ging jemand im oberen Stockwerke stetig auf und ab.

Wer konnte es sein? Die weiblichen Bewohner des Hauses wußte Joseph in der Küche, es blieb nur die Wahl zwischen Owen Fairford, dem er seit mehreren Stunden nicht begegnet war, und der geheimnisvollen Frau, die Montag vor acht Tagen nachts im Garten lustwandelte und dann vor seinen Augen im Hause verschwand.

»Wißt ihr vielleicht, wo der Herr ist?« fragte Bodger drei Minuten später an der Küchenthür.

»Was wollen Sie von ihm?« rief Frau Cawdrey barsch zurück.

»Wollte nur etwas fragen, wegen meiner Arbeit im Garten – nichts von Belang, Madam!« antwortete Joseph, der sich grundsätzlich der gestrengen Haushälterin gegenüber musterhaftester Höflichkeit befleißigte.

»Herr Fairford kommt soeben die Treppe herab,« rief Sarah dazwischen.

Nachdenklich kehrte Joseph zu seinem Gemüsebeete zurück, nachdem er eine gleichgültige Frage an Fairford gerichtet hatte.

Die Schritte, die er zweifellos gehört, konnten ebenso gut von Owen Fairford stammen, als von einer anderen Person; doch gleichzeitig war ein ganz neuer Verdacht in Bodgers scharfsinnigem Kopfe rege geworden, und er beschloß, keine Gelegenheit, zu versäumen, diese frische Spur aufmerksam zu verfolgen.

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