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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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5. Kapitel.
Cherchez la femme.

Als Joseph Bodger am Montag Abend aus dem letzten in der Station Rookfield einlaufenden Zuge stieg, hätte ihn selbst Inspektor Holt nicht erkannt, so verändert sah er in dem neuen glänzenden Spitzhute und dem schwarzen Rocke aus, der, bei einem Kleiderhändler aus zweiter Hand gekauft, für seinen mageren Körper viel zu weit war und in reichlichen Falten an ihm niederhing. Hierzu trug er glatte, graue Beinkleider, den hohen Kragen von einem Halstuche umschlungen, in der Hand einen leichten Spazierstock.

Die Absicht, den Spuren der geheimnisvollen Frau zu folgen, führte Joseph neuerdings auf den Schauplatz seiner letzten Heldenthat. Er hatte sie damals in der Richtung des Kirchhofes gehen sehen; es lag demnach ein guter Grund vor, sie in einem der beiden Oberst Askews Besitzung zunächst liegenden Häuser zu vermuten. Nachdem Joseph sich bis gegen Mitternacht in der Nähe des Bahnhofs herumgetrieben, wagte er endlich den Weg nach dem ›Krähenneste‹ einzuschlagen.

Die Nacht war dunkel, der Mond durch Wolken verdeckt, die Straße vollkommen menschenleer. Gegenüber dem Gitterthor von Derwents Garten führte ein zweites in eine offene Wiese – dort verbarg sich Joseph und wartete. Kein Laut störte die tiefe Stille, kein Zweig bewegte sich; erst nach Verlauf von anderthalb Stunden glaubte er, langsame, regelmäßige, jedoch nicht näher kommende Schritte zu hören – es war, als ginge jemand auf einer bestimmten Strecke auf und ab.

Leise über die Straße huschend, kroch er an der Hecke von Derwents Garten unter die überhängenden Aeste eines wilden Maulbeerbaums, hielt den Atem an und lauschte in die Finsternis hinaus. Alles blieb dunkel, unheimlich still, nur der Schall regelmäßiger Tritte erreichte sein Ohr.

Den Schutz des Maulbeerbaums verlassend, stahl sich Joseph längs der Hecke, die das ›Krähennest‹ von der ›Waldaussicht‹ trennte, so weit vor, bis er eine Lücke in derselben entdeckte. Mit so wenig Geräusch als möglich kroch er hindurch und schlich auf der andern Seite behutsam vorwärts bis zu dem Zaun, welcher die Grenze von Owen Fairfords Grundstück bildete. Ebenso wie vor dem Hause standen auch hier einige Lindenbäume, deren Stämme sich in dichtem Gebüsch verbargen. Als Joseph durch das Blätterwerk ins Freie lugte, bemerkte er dieselbe dunkle Gestalt, die er Dienstag Nacht gesehen und die nun langsam den breiten Kiesweg vor dem Hause auf und nieder ging.

Wieder machte ihr unheimlicher Anblick sein Blut erstarren, als er sie in aufrechter Haltung mit steifem Oberkörper und plumpen, weitausgreifenden, männlichen Schritten einherwandeln sah, in Schwarz gekleidet, dicht verschleiert, die großen, weißen Hände an den Seiten niederhängend. Nicht lange, so blieb sie vor der Thür stehen, durch deren Spalt ein blasses Licht über den Gartenpfad leuchtete, zog einen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloß – Joseph hörte das Klirren des Metalles – öffnete und verschwand im Innern des Hauses.

Die ›Waldaussicht‹ zählte zu den ältesten Gebäuden Rookfields. Der schmale Eingang hatte ein Schutzdach und an jeder Seite ein Fenster, während sich zur Rechten ein niederer Stall an das Hauptgebäude anschloß. Der untere Teil des Hauses bestand aus dunkelroten Ziegeln; beim oberen Stockwerk sah man dagegen bis zum überhängenden Dach hinauf das vergipste Holzgebälk. An den Fenstern waren außen Gitterläden, innen Rollvorhänge angebracht.

Nachdem es Joseph gelungen war, auf so unerwartete Weise den Wohnort der geheimnisvollen Frau zu entdecken, galt es zunächst, ihre Person und Lebensverhältnisse festzustellen. Für den Augenblick verbot die vorgerückte Stunde jede weitere Nachforschung; Joseph verließ daher seinen Schlupfwinkel und strich umher, bis er endlich in einem Heuschober eine passende Schlafstätte fand.

Gegen sieben Uhr am folgenden Abend nahm er seinen Schlachtplan von neuem auf, jedoch mit offenem Visier, indem er sich bei Owen Fairfords Haus ungescheut zur Beobachtung aufstellte. Als er kaum eine Viertelstunde gewartet hatte, belohnte ihn das Erscheinen eines jungen, schmucken Frauenzimmers von auffallend zierlicher Gestalt. Sie trug eine knapp anschließende schwarze Tuchjacke, einen blauen Rock, just kurz genug, um ein Paar niedlicher Schuhe hervorsehen zu lassen, dazu ein schwarzes, mit herausfordernd roter Feder geschmücktes Hütchen, das dem runden, hübschen, frischwangigen Gesichte vortrefflich stand.

Es war Sarah nie so recht klar geworden, warum sie eine Stelle auf dem Lande angenommen. Sie hatte sich heute zu einem Ausgange entschlossen, weil es gerade ihr freier Abend war, denn der Unterhaltung wegen, die Rookfield bot, hätte sie eben so gut zu Hause bleiben können. Ohne bestimmtes Ziel wandelte sie durch den Garten zum Gitterthore hinaus, als ihr Blick auf einen schlanken jungen Mann fiel, der den hohen Spitzhut verwegen auf sein großes linkes Ohr gedrückt trug und ein Spazierstöckchen in prahlerisch-ungezwungener Weise handhabte.

Er trat rasch auf die Seite, um sie vorbei zu lassen, doch kaum war Sarah einige Schritte weiter gegangen, als ihr einfiel, daß sie ihren Sonnenschirm vergessen hatte. Es war der Blütenmond der Narzissen und Primeln, die Stunde halb acht vorbei – doch schien es ihr geraten, umzukehren, um den genannten nützlichen Gegenstand zu holen, bevor sie ihren Spaziergang fortsetzte.

Diesmal wich der junge Mann nicht mehr aus, sondern entschuldigte sich artig, daß er ihren Weg kreuze. Sie faßte ihn genauer ins Auge und bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß sein welkes, spitziges Gesicht älter aussah, als die geschmeidige Gestalt es vermuten ließ.

»Bitte um Vergebung, Fräulein,« sagte Joseph »ich wollte Ihnen gewiß nicht im Lichte stehen, in keiner Beziehung – ich wollte nur fragen, ob ich auf dem rechten Wege bin.«

Keiner Abweisung begegnend, schlenderte Joseph an Sarahs Seite dem Dorfe zu.

»Wie reizend Sie wohnen!« fuhr er gesprächig fort – »ein nettes, kleines Schlößchen, so was man ein heimliches Nestchen nennt; ich möchte wetten, ein hübscher kleiner Hausstand darin?«

»Der Hausstand besteht nur aus Frau Cawdrey und mir,« antwortete Sarah schnippisch, »wir haben nicht Raum genug für viele Leute.«

»Wer ist Frau Cawdrey?«

»Alles in allem; Köchin, Wirtschafterin und Hausfrau zugleich.«

»Dann sind Sie ja nur zu zweien im Hause?«

»Wir möchten gern einen männlichen Diener haben, wenn ein tauglicher zu finden wäre; die Bearbeitung des Gartens nimmt jetzt Herrn Fairfords ganze Zeit in Anspruch – ach Gott, meine Lust wäre das Umgraben gerade nicht – Herr Fairford thut es zwar mit großem Eifer, ermüdet aber zu rasch bei der Arbeit – dann wären auch die Stiefel und die Eßbestecke zu putzen, nur müßte der Mann über dem leeren Stalle schlafen und das schreckte bisher jeden ab.«

»Wirklich – trotz Ihrer Nähe – das wundert mich,« erwiderte Joseph galant. »Ist im Hause selbst gar kein Raum, oder sollte die Familie so zahlreich sein?«

»Es ist niemand im Hause außer Frau Cawdrey, mir und Herrn Fairford« wiederholte Sarah. »Wir sind überhaupt erst seit zwei Monaten da, wir kamen im Januar – ich könnte nicht behaupten, daß die Reise angenehm war.«

»Schade, daß Sie mich nicht zur Hilfe hatten!« warf Joseph ein. »Nun, und wie war's dann weiter?«

»Ach, ich erinnere mich noch ganz wohl. An einem Mittwoch kamen wir, ich und Frau Cawdrey, die mich in London in ihre Dienste genommen, mit dem großen Gepäck hier an. Wir fanden Herrn Fairford im Hause, doch reiste er dieselbe Nacht ab. Als wir Freitag mit der Einrichtung fertig geworden und das Haus schlossen, war er noch immer abwesend; ich dachte daher, es träfe mich der Schlag, als ich ihn Samstag früh vor mir stehen sah.«

»Er war demnach während der Nacht heimgekehrt?«

»Natürlich,« rief Sarah, »doch konnte er bestimmt keinen Eisenbahnzug benützt haben. Ich vermute, Frau Cawdrey hat ihn hereingelassen. Auf jeden Fall stand er Samstag morgens im Vorsaal, um mich weidlich zu erschrecken.«

Damit endete Sarahs erste Unterredung mit Joseph. Sie war nicht wenig erstaunt, ihm am nächsten Vormittag gegen elf Uhr auf den Stufen zur Hausflur zu begegnen.

»Ist Herr Fairford daheim?« fragte er, dem Mädchen vertraulich zunickend. »Ich hörte, man brauche hier einen geschickten Diener.«

Allein gelassen auf dem mattenbelegten Vorplatze, während Sarah davonschwebte den Hausherrn zu benachrichtigen, benutzte der neue Ankömmling die freie Minute zu einer flüchtigen Umschau. Linker Hand bemerkte er eine offene Thür, vermutlich zum Empfangszimmer – im Hintergrunde führte die Stiege nach dem oberen Stockwerke, und dort sah Joseph eine Einrichtung, die seine Aufmerksamkeit sofort in hohem Grade erregte: Eine aus Brettern offenbar neu hergestellte Verschalung lief längs des Stiegenabsatzes von einer Wand zur andern, während eine kleine darin angebrachte Thür den Durchgang zur oberen Treppe bildete. Durch diese frisch angestrichene Holzwand war der erste Stock von den unteren Räumen vollkommen abgetrennt.

Noch starrte Joseph hinauf, nachdenklich überlegend, was oder wer dort oben verborgen sein mochte, als Sarah zurückkam, um ihn nach dem zur Rechten des Flures gelegenen Speisezimmer zu führen, einem geräumigen Gemache, mit gediegener Einrichtung, das jedoch etwas vernachlässigt aussah, als sorge keine Hausfrau für Ordnung und Behaglichkeit.

Fairford, der an dem gedeckten Frühstückstische saß, legte bei Josephs Eintreten die Zeitung beiseite, stand auf und stellte sich, die Hände in den Taschen, vor das knisternde Feuer.

»Was wünschen Sie?« fragte er kurz, den Mann scharf ins Auge fassend.

»Entschuldigen Sie, ich hörte, Sie brauchten einen anstelligen Diener zu allerlei Hausarbeit.«

Joseph nahm eine demütige Haltung an; seine Züge waren zwar durchaus nicht einnehmend, auch schaute er Owen nicht gerade ins Gesicht, sondern schielte immer nach der eigenen Nasenspitze, aber in dem glatt gebürsteten, schwarzen Rocke und den reinlichen Beinkleidern konnte er ganz gut für einen Bedienten gelten, der eine neue Stellung sucht.

»Sind Sie aus dem hiesigen Orte?« forschte Owen weiter.

»Nein, ich war zwei Jahre in London, im Dienste des Obersten Hoskins, Bergstraße, Mayfair. Seit einem Monat bin ich ausgetreten, um meine Gesundheit zu kräftigen. Ich würde gern in dieser gesunden Gegend bleiben.«

»Ich brauche keinen Bedienten,« sagte Owen, »sondern einen tüchtigen Mann, um die Dienerinnen zu unterstützen und den Garten zu bearbeiten.«

»Die Liebe zur Gärtnerei ist mir zur zweiten Natur geworden – ich bin auf dem Lande geboren und aufgewachsen.«

»Würden Sie Anstoß daran nehmen, über dem Stalle zu schlafen? Ich halte keine Pferde, erachte es aber für unpassend, einen Mann im Hause wohnen zu lassen.«

»Mein Vater war Kutscher – wenn Sie mich wählen ließen, würde ich den Stall vorziehen – ich hab' da immer so ein Gefühl, als wäre ich zu Hause.«

Nach einer kurzen Auseinandersetzung in Betreff des Lohnes, wobei sich Joseph durchaus nicht anspruchsvoll erwies, bemerkte Owen: »Vermutlich besitzen Sie Zeugnisse?«

»Oberst Hoskins ist nach dem Auslande gereist,« gab Bodger schlagfertig zur Antwort; »er verwies mich behufs weiterer Empfehlung an seinen Haushofmeister, und wenn Sie die Güte haben wollten, an diesen zu schreiben, so würden Sie nur das Beste von mir erfahren.«

Owen nahm Papier und Bleistift aus der Tasche und fragte nach Josephs Namen.

»Wilhelm Saunders.«

»Und Namen und Adresse des Haushofmeisters?«

»Herr Bodger, Euer Gnaden – Joseph Bodger, wohnt Seymour-Straße, Nr. –.«

»Ich werde mich noch heute an Herrn Bodger wenden,« schloß Owen. »Wenn ich Günstiges über Sie höre, so können Sie nächsten Montag in meine Dienste treten. Wo trifft Sie ein Brief?«

»Bei Herrn Jones, Haarkünstler und Barbier, London, Weststraße Nr. 3. Ich sehe dem Zeugnisse ganz beruhigt entgegen; niemand kann über mich etwas Nachteiliges sagen.«

»In diesem Falle würde ich Sie benachrichtigen, und Sie könnten Montag Abend eintreten.«

Damit verabschiedete Owen den höflichen Bewerber, der mit dem nächsten Zuge wieder nach der Hauptstadt zurückkehrte.

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