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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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4. Kapitel.
Owen Fairford.

Obwohl Florence Derwent manchen Freund älteren Datums besaß, so stand ihr doch, Vetter Arnold ausgenommen, keiner vertraulich näher, als Owen Fairford. Sie wußte nichts von seinem Vorleben oder seinen Verhältnissen, nichts von seiner Familie, auch nicht, warum er allein in Rookfield lebte, und dennoch dünkte ihr alles an dem einsamen Manne wohlbekannt und verständlich.

Er maß nahezu 6 Fuß und war mit seinen breiten Schultern und dem hübschen von der Sonne gebräunten Antlitz ein echter Sohn Englands, wie man deren viele auf den Schulen von Oxford und Cambridge sieht. Er mochte 34 Jahre zählen, schien aber bedeutend jünger, wohl wegen des blühenden, bartlosen Gesichtes.

Nach Florencens Meinung lag jedoch etwas in Owens Aeußerem, was ihn vorteilhaft von anderen jungen Männern ihrer Bekanntschaft unterschied. Worin das Besondere bestand, konnte sie sich nie recht klar machen. Er hatte fast schwarzes Haar und dunkelblaue Augen, mit meist recht traurigem Ausdrucke. Vielleicht war es dieser sinnende Blick im Verein mit seiner ungewöhnlichen Lebensweise, was sie auf die Vermutung führte, daß ihn ein geheimer Kummer bedrücke und zugleich die wärmste Teilnahme in ihrem Herzen weckte.

Montag Nachmittag stattete Fairford den ersten Besuch seit dem Tode von Florencens Mutter im ›Krähenneste‹ ab.

»Ich wollte nicht früher kommen,« sagte er, nachdem er das Mädchen begrüßt – »selbst heute that ich es nur zagend; – weiß ich doch kaum, was ich Ihnen sagen soll. Man möchte trösten, dem tief empfundenen Anteil Worte leihen, und weckt doch nur qualvolle Erinnerungen. Wollen Sie alles, was ich fühle, als gesprochen betrachten und uns weitere Pein ersparen?«

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind,« antwortete sie einfach.

»Der Polizeibeamte war diesen Morgen bei Ihnen,« nahm Fairford das beiden zunächst liegende Thema auf. »Brachte er irgend eine Nachricht? Der Wunsch, das Ergebnis seiner Bemühungen zu erfahren, flößte mir die Kühnheit ein, Sie schon heute aufzusuchen.«

»Nichts – keine Spur, Herr Fairford! Meines Vaters Rechtsanwalt sandte den Inspektor am verflossenen Donnerstage zum erstenmal zu mir. Er durchsuchte das ganze Haus, verhörte die Dienerschaft, mit Ausnahme Annens.«

»Warum wurde bei Anna eine Ausnahme gemacht?«

»Sie lag krank zu Bette – er konnte ihr Zimmer nicht betreten; im übrigen beharrt Inspektor Holt bei seiner Meinung, der Vater habe aus eigenem Antriebe das Haus verlassen, und damit müssen wir uns vorläufig zufrieden geben.«

»Sie halten dennoch die Ausschreibung der Belohnung aufrecht?« fragte Owen.

»Dr. Viret thut das, dem Rate unseres Anwaltes Edwards folgend. Ach, wie entsetzlich ist diese Ungewißheit! Wüßte man auch das Schrecklichste – es ließe sich leichter ertragen.«

Owen lehnte sich in seinem Sessel vor, und beide Arme auf die Knie stützend, faltete er die großen, kräftigen Hände in stummem Mitgefühl. »Man darf doch die Hoffnung nicht aufgeben,« tröstete er eindringlich. »Wir wissen ja gar nichts von den Nebenumständen dieses unbegreiflichen Falles.«

»Werde ich sie jemals erfahren? Kaum wage ich aufzuatmen, so erstickt der nächste Augenblick den leisen Hoffnungsschimmer in meiner gequälten Seele. Keine Minute vergeht, ohne daß ich des Vaters Gestalt leibhaftig vor mir sehe; jetzt, während ich hier sitze, ist's mir, als müsse die Thür aufgehen und er, nach alter Gewohnheit, mir entgegeneilen.«

»Ich glaube, Fräulein Derwent, es wäre das Beste, Sie entschlössen sich, dieses Haus zu verlassen; so lange Sie hier sind, verstärkt alles in Ihrer Umgebung nur von neuem Ihre Trauer.«

»Das würde ich nur thun, wenn die Notwendigkeit mich dazu zwänge. Wohin sollte ich auch gehen?« fuhr sie trostlos fort. »Ich habe nur einen Verwandten in der weiten Welt, meinen Vetter Arnold, und selbst dieser ist nicht in England. Er soll sich im Kaplande aufhalten; da jedoch auch Herr Edwards seine bestimmte Adresse nicht kennt, ist es sehr wahrscheinlich, daß der Brief mit der Nachricht von dem Tode der Mutter und dem Verschwinden des Vaters ihn gar nicht erreicht hat.«

»Ich erinnere mich nicht, daß Ihr Vater jemals von Arnold gesprochen hätte,« bemerkte Owen.

»Wir erwähnten ihn nicht gern. Früher lebte er bei uns, und wir waren uns herzlich gut, wie Bruder und Schwester. Als er nach London ging, um Medizin zu studieren, führte er einen etwas lockeren Lebenswandel, und fiel bei mehreren Prüfungen durch. Nachdem er auch das Doktorexamen nicht bestanden, verlor mein Vater die Geduld und entzog Arnold seine Hilfe. Er reiste nach dem Kapland, um dort bei der berittenen Polizei einzutreten; seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.«

»Glauben Sie, daß er auf die Nachricht des hier Geschehenen zurückkehren wird?«

»Er ist der Erbe,« antwortete Florence. »Des Großvaters Vermögen geht, da ich kein Knabe bin, vom Vater auf Arnold über – sobald mein Vater für tot erklärt wird, tritt Arnold in den Besitz des Hauses, sowie unseres gesamten Eigentums.«

Owen schien zu zögern. »Dies dürfte wohl nicht wörtlich zu nehmen sein,« warf er nachdenklich ein. »Herrn Derwents Werke sind überall verbreitet, seine Autoren-Rechte müssen einen beträchtlichen Gewinn abwerfen.«

»Gewiß, Herr Fairford, aber die Sachen sind meist in den Besitz des Verlegers übergegangen. Wie oft nannte die Mutter scherzend die Poesie meines Vaters erste Liebe – jedenfalls war er in Betreff der Ausstattung seiner Bücher äußerst verschwenderisch – Sie wissen selbst, in wie kostbarem Gewande sie prangen. Der Gewinn des neuen Werkes wurde daher stets durch das Erscheinen des nächsten verschlungen.«

»Verzeihen Sie meine Kühnheit, Fräulein – selbst wenn wir Herrn Derwents Tod als erwiesen annehmen müßten, – habe ich falsch verstanden oder sind Sie dann in der That gänzlich von Ihrem Vetter Arnold abhängig?«

»Nein, nein!« rief sie lebhaft, »nicht von ihm, nur von mir selbst. Ich fürchte die Zukunft nicht im geringsten,« fuhr sie tapfer fort. »Was andere Frauen gethan haben, kann ich ebenso gut leisten. Im Vergleiche zu dem Schmerz um meinen Vater ist jeder andere Verlust für mich völlig unwesentlich.«

»Immerhin,« wagte er anzudeuten, »müßte man doch an die Mittel und Wege denken – –«

»Dank der Güte Doktor Virets habe ich hiefür noch keine Sorge empfunden. Ich kann es kaum in Worte fassen, wie liebevoll er sich meiner annimmt. Ich hatte keine Vollmacht, Geld auf der Bank zu erheben; Doktor Viret hinterlegte daher eine Summe auf meinen Namen, damit ich die laufenden Ausgaben bestreiten kann; auch verpflichtete er sich, die Zahlung der ausgeschriebenen Belohnung zu leisten. Er ist ein treuer Freund; ich wollte, Sie lernten ihn kennen!«

Fairford stand auf und nahm seine Mütze vom Tische. »Das Einzige, was ich vorläufig ersehne«, sagte er, sich verabschiedend, »wäre, Ihnen, teures Fräulein, dienen zu dürfen; doch, wahrem Leide gegenüber fühlen wir unsere Machtlosigkeit am empfindlichsten. Es giebt nichts Traurigeres, als Zeuge des Kummers der Menschen zu sein, die wir am höchsten schätzen, und doch nicht ihre Thränen trocknen zu können.«

Während er so sprach, nahm er Florencens Hand; ihre Augen begegneten sich – die seinen schienen dem Mädchen sehnsüchtiger, düsterer denn je.

»Sie verstehen mich am besten,« flüsterte sie, von der Erregung des Moments fortgerissen – »ist's mir doch, als laste auch auf Ihrer Seele ein tiefer, geheimer Schmerz.«

Fairford glaubte, es habe noch kein Weib mit mehr zartfühlender Teilnahme zu ihm aufgeblickt. Er fand keine Antwort, sein starker Körper bebte, ein Schleier legte sich ihm über die Augen. Tief Atem holend, um seiner Bewegung Meister zu bleiben, drückte er die Hand, die noch immer in der seinen lag, und verließ Florence, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

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