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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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3. Kapitel.
Florence Derwent.

»Ist Fräulein Derwent zu Hause?«

»Ich werde nachsehen, mein Herr.«

Das stämmige, rothaarige, ländliche Hausmädchen wies Inspektor Holt den Weg nach dem Empfangszimmer und ging, das Fräulein von seinem Besuche zu benachrichtigen.

Der Beamte mochte vierzig Jahre zählen, war mittelgroß, sorgfältig gekleidet, glatt rasiert, und hatte ein kurzes, entschiedenes Wesen. Weder mit übernatürlichem Scharfsinn noch der Kraft der Weissagung begabt, besaß er doch einen klaren kritischen Verstand. Seit er die Lösung verwickelter Kriminalfälle zur Hauptaufgabe seines Lebens gemacht, war es ihm gelungen, manches scheinbar unergründliche Geheimnis aufzuhellen. Auch bei dem vorliegenden, rätselhaften Ereignisse hatte er nicht nur Herrn Derwents Haus und Nachbarschaft der gründlichsten Durchsuchung unterzogen, sondern eingehende Unterredungen mit dem Verleger des vermißten Mannes sowie mit dessen Bankier gepflogen – kurz, alles gethan, was in seiner Macht lag, um irgend einen bisher ungekannten dunkeln Hintergrund des anscheinend so friedlichen Lebens im ›Krähenneste‹ zu entdecken. Er mochte jedoch forschen wie er wollte, es lauerte kein Gespenst in der ungetrübten Atmosphäre des stillen Dichterheims. Herr Derwent hatte kein Weib geliebt, außer seine eigene Frau; er hinterließ keine Schulden, sein Vermögensstand wies sogar einen Ueberschuß auf; man hätte seinen ganzen Lebenslauf vor aller Welt enthüllen können, ohne etwas Ehrenrühriges zu finden, worüber seine Tochter zu erröten brauchte.

Schon nach einigen Minuten, gerade als die Uhr auf dem Kaminsimse die zwölfte Stunde, Montag Mittag, verkündete, kam Lisa zurück und führte den Inspektor nach Herrn Derwents Studierzimmer.

Der Berichterstatter hatte nicht übertrieben, als er Florencens Schönheit rühmte; auch den seltenen Vorzügen ihres Geistes und Gemütes, die bei jedem der anspruchslosen, klugen Worte, die sie sprach, den Hörer für sie einnehmen mußten, hatte er nur Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die leuchtenden, grauen Augen gaben ihrem Antlitz großen Reiz, und die reine, etwas blasse Gesichtsfarbe stimmte vortrefflich zu dem reichen, goldglänzenden Haare. Der anziehendste Zauber ihrer Persönlichkeit lag außerdem in der stattlichen, edlen Gestalt. Gleich ihrer Mutter war sie größer als Herr Derwent, und jede Bewegung ihres jugendkräftigen Körpers zeugte von vollendeter Anmut.

Noch schien es ihr unmöglich, an das Unglück zu glauben, das erst seit wenigen Tagen auf ihr lastete. Bis zum Beginn der langwierigen Krankheit ihrer Mutter war Florencens Leben in heiterer Ruhe dahingeflossen, und als die Sorge um die Kranke sich in Schmerz über ihren Verlust verwandelte, hatte sich zu ihrer Trauer noch das Entsetzen über des Vaters rätselhaftes Verschwinden gesellt. Wie teuer auch die Mutter dem Mädchen gewesen, der Vater war ihr noch unendlich mehr – geistige Verwandtschaft verband die hochbegabte Tochter mit dem ihr in zärtlicher Liebe ergebenen Manne, so daß außer natürlicher Neigung auch noch der Stolz gegenseitigen Besitzes die beiden seltenen Menschen innig verknüpfte.

Mit vor Erregung geröteten Wangen stand Florence bei Inspektor Holts Eintritt von dem Sessel an ihres Vaters Schreibtische auf.

»Sie haben mir etwas zu sagen,« rief sie ihm entgegen.

»In unserem Falle, mein Fräulein, ist keine Nachricht gute Nachricht.«

»O, dürfte ich Ihnen glauben!« stammelte sie inbrünstig.

»Warum sollten Sie nicht,« antwortete der Beamte tröstend – »Sie fragen mich, wodurch sich diese Zuversicht rechtfertigen läßt? Nun, wir haben Haus und Garten und jeden Zollbreit Erde der Nachbarschaft abgesucht, jeden Wassertümpel durchforscht, in allen umliegenden Scheunen Umschau gehalten, und nirgends eine Spur des Vermißten entdeckt.«

»Gelang es Ihnen, den Mann zu finden, der bei Oberst Askew eingebrochen ist?« fragte Florence.

»Ich wollte, wir hätten ihn! Beiläufig bemerkt, Fräulein Derwent, ich rannte beinahe Ihren Nachbar um, als ich den Garten betrat.«

Rasch schlug Florence die Augen auf. »Herrn Fairford?« fragte sie hastig.

»Er ist wohl ein alter Freund Ihres Hauses?«

»Kein alter Freund,« erwiderte sie, »er lebt erst seit zwei Monaten in unserer Gegend. Mein Vater lernte ihn an demselben Tage kennen, als er das uns zunächst gelegene Haus bezog, das heißt, als er im Begriffe war, es einzurichten.«

»Hat Herr Fairford Familie?« forschte der Inspektor weiter.

»Er lebt allein mit seiner Dienerschaft.«

»Also noch ein junger Mann,« fuhr Holt sinnend fort – »er scheint kaum dreißig Jahre zu zählen. Haben Sie ihn vor seiner Ankunft hier nicht gekannt?«

»Nein. Ich sah ihn vor zwei Monaten zum erstenmal, als er an unserem Garten vorüberging. Gleichzeitig mit der Nachricht, das leerstehende Haus bekäme einen neuen Mieter, trafen Handwerksleute aus London ein, um es wohnlich herzurichten. Wenige Tage später, an einem Mittwoch, begegnete mein Vater Herrn Fairford, brachte ihn zu uns zum Frühstück und seitdem war er oft des Abends unser Gast. Mein Vater behauptete, er sei der einzige Mensch in Rookfield, dessen Verkehr Genuß und Anregung biete.«

»Fragte Herr Derwent seinen neuen Freund niemals nach dessen früherem Aufenthaltsort?«

»Nur einmal, dann nie mehr – es kam uns vor als rufe der Gedanke an die Vergangenheit unwillkommene Erinnerungen in ihm wach.«

»Sie wissen also nichts von seinem Leben, ehe er ihr Nachbar wurde?«

»Durchaus nichts! Warum stellen Sie diese Fragen an mich, Herr Inspektor?« rief Florence betroffen, »sollten Sie glauben, Herr Fairford könnte Schuld an meines Vaters Unglück tragen?«

»Ich fürchte, die Neugier ist eine meiner bösesten Gewohnheiten,« antwortete der Beamte ausweichend. »Halten Sie fest daran, liebes Fräulein, daß ich überhaupt nicht an ein Herrn Derwent zugefügtes Leid glaube – wäre er tot, wo ist sein Leichnam?«

»Ebenso frage ich: wenn er lebte, warum kehrt er nicht zurück?«

»Für uns steht nur die eine Thatsache fest, daß Ihr Vater bisher nicht zurückgekommen ist. Dies kann aus zweierlei Ursachen geschehen sein. Entweder wurde er ohne erklärbaren Grund ermordet, und sein Körper nach einem sicheren, uns unzugänglichen Versteck gebracht, oder er verließ das Haus aus eigenem Antriebe. Es giebt nur eine Person, welcher aus seinem Tode Gewinn erwächst.«

»Sie meinen den Vetter Arnold!« rief Florence entrüstet.

»Der Vetter Arnold,« fiel der Inspektor ihr rasch in die Rede »war zur Zeit, als das Unglück geschah, gar nicht in England – ist auch jetzt, so viel ich weiß, noch im Ausland. Es ließen sich eine Menge Fälle aufzählen, daß Leute scheinbar ohne allen Grund verschwunden sind, z. B. der folgende: Ein Geistlicher, ein gewöhnlicher, ruhig dahinlebender Mann, verließ eines Tages seinen Wohnort, reiste nach einer viele Meilen entfernten Stadt und eröffnete dort einen Buchladen. Nach zwei Monaten erst kam er wieder zum Bewußtsein seiner Handlungen, ohne sich des dazwischen liegenden Zeitraums im geringsten entsinnen zu können. Der Fall ist in den Annalen der Polizei wohlbekannt.«

»Hier war ohne Zweifel Krankheit oder Wahnsinn im Spiele,« gab Florence zur Antwort.

»Es handelte sich um einen lang andauernden, epileptischen Anfall.«

»Kein Mensch könnte daran denken, den Vater für epileptisch zu halten, er war gesund an Körper und an Geist!«

»Es wäre ganz unstatthaft, Bestimmtes behaupten zu wollen, verehrtes Fräulein,« beendete Inspektor Holt die Unterredung. »Wir haben im Polizeiamte eingehend über diese Angelegenheit verhandelt und sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß kein Verbrechen vorliegt. Sollte eine neue Wendung sich ergeben, so bitte ich, mich sofort zu benachrichtigen. Ich hoffe zuversichtlich, Herr Derwent wird in kürzester Zeit, gerettet und wohlauf, seine geliebte Tochter in die Arme schließen.«

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