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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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27. Kapitel.
Letzte Aufklärungen.

Weit und breit war niemand zu sehen, als die beiden Liebenden, die einander entgegeneilten. Ein Schrei des Entzückens entfloh den Lippen des Mädchens – sie streckte beide Hände nach Owen aus. Er ergriff sie mit stürmischer Geberde, zog das liebliche Wesen eng an sich und küßte sie voll Inbrunst. So feierten sie wortlos, inmitten des heiligen Friedens der Natur, ihre Verlobung.

Zusammen schritten sie weiter und tauschten ihre beglückenden Empfindungen aus. Florence wagte nicht nach Fairfords Mutter zu fragen, so sehr es sie drängte, die Ursache der fluchtartigen Reise zu erfahren. Doch Owen ließ sie nicht lange in Ungewißheit.

»Niemand von uns schloß in jener unvergeßlichen Sonntagnacht die Augen,« erzählte er. »Als Viret zu meiner Mutter kam, hatte sie sich schon beinahe wieder erholt. Sobald der Doktor uns verlassen hatte, brachte sie einen Wunsch zur Sprache, der ihr seit Monaten auf dem Herzen lag. Bisher setzte ich ihrem Verlangen entschiedenen Widerstand entgegen, allein nach den Ereignissen dieser Nacht mußte ich mich ihrem Willen fügen. ›Anstatt hier zu bleiben, wo ich für mich und meine Umgebung nur eine Last bin‹, sprach sie, ›laß mich dorthin ziehen, wo ich offen im Tageslichte wandeln und jenen helfen darf, die gleich mir dem entsetzlichsten aller Leiden verfallen sind!‹ Als ich endlich nachgab, bestand die Mutter auf unserer sofortigen Abreise. Es war Gefahr im Verzuge, und die Angst, an die Oeffentlichkeit gezogen zu werden, überwog bei ihr jedes andere Bedenken. Vielleicht bist du im stande, mein Liebling, unsere Empfindungen zu verstehen! Ich führte meine Mutter nach Molokai und nahm dort für immer Abschied von ihr. So grausam es klingt – es war das beste, was wir für einander thun konnten! Hier in England lastete ein grauenvolles Geschick mit erdrückender Schwere auf meiner armen Mutter; möge sie dort in barmherziger Pflege ihrer Leidensgenossen das eigene Unglück vergessen!«

Schweigend gingen sie eine Weile miteinander durch den Wald. Florence vermochte ihr Verlangen nicht länger zu zügeln. »Owen,« fragte sie, »hat deine Mutter wirklich in jener verhängnisvollen Nacht meinen Vater gesehen?«

»Ja, sie sah ihn.«

»Und – wußte sie ...«

»Ja, Florence, sie wußte alles, während ich erst an jenem Morgen, als dein Vetter Arnold mich besuchte, erfuhr, daß meine Mutter auch in der Nacht des Mordes gegen meinen Willen den Garten verlassen hatte. Auf meine Frage, ob sie Herrn Derwent begegnet sei, leugnete sie es standhaft. Du mußt ihr das verzeihen, mein teueres Mädchen!«

»Gewiß, von Herzen gern!« erwiderte Florence eifrig, »doch bitte, sage mir alles, laß' mich endlich die Wahrheit wissen – ich finde sonst keine Ruhe.«

»Du sollst alles erfahren,« sprach Owen ernst. »Es wird dir eine grausame Enttäuschung bereiten. Doch war es Virets eigener Wunsch, daß du es aus meinem Munde hören solltest.«

»Wie, Doktor Viret war mit im Geheimnisse?« rief Florence in fieberhafter Spannung.

»Allerdings, Viret wußte alles, vom Anbeginn an.«

Owens Stimme klang so seltsam gepreßt, daß Florence unwillkürlich ihren Arm fester in den seinen schmiegte.

»Weiß Doktor Viret von deiner Rückkehr?« stammelte sie.

»Jawohl, liebes Herz! Er muß meinen Brief Dienstag früh erhalten haben, denn ich schrieb Montag, unmittelbar nach meiner Ankunft in London. Ich fragte an, wann ich nach Rookfield kommen sollte, worauf Viret mir den heutigen Tag bestimmte. Als ich dich nicht zu Hause traf, vermutete ich dich im Walde und folgte dir hierher.«

Florencens Herz pochte stürmisch. Endlich sollte die Binde von ihren Augen genommen werden. Was würde sie erfahren? Wer hatte ihren Vater ermordet, wer den Leichnam der Mutter geraubt? – Daß Doktor Viret Rookfield im Augenblicke von Owens Rückkehr verlassen hatte, war ihr völlig unbegreiflich.

»Folge mir zurück zu jener Nacht,« begann Owen, »in der ich Doktor Viret nach der ›Waldaussicht‹ holte, begleite uns im Geiste die Dorfstraße entlang, stelle dir vor, wie unser Freund teilnahmvoll der Mitteilung über den Zustand meiner Mutter lauschte, wie er mit mir das Haus betrat, sich zur Kranken nach dem ersten Stock hinauf begab und ahnungslos die Schwelle ihres Zimmers überschritt. Frau Cawdrey entfernte sich, als sie uns kommen sah; meine Mutter saß aufrecht im Lehnstuhle. Sie war von jeher eigentümlich in ihrem Wesen. Sobald ihr Blick auf Viret fiel, streckte sie die Hand gegen ihn aus. ›Du bist der Mann!‹ rief sie ihm drohend zu.«

Entsetzt stand Florence still – angsterfüllt schaute sie in höchster Spannung zu Owen empor. »Doktor Viret!« stöhnte sie, »er, mein bester Freund!«

»Ich fürchtete,« fuhr Owen in seinem Berichte fort, »die plötzliche Erschütterung würde Doktor Viret das Leben kosten; der Kopf sank ihm auf die Brust, seine Kniee bebten. In ihrer ersten Erregung überwältigt durch den Eindruck, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, erzählte meine Mutter in abgebrochenen Sätzen das Erlebnis der verhängnisvollen Nacht, das sie bisher auch vor mir geheim gehalten hatte. Sie sah deinen Vater nicht früher, als bis sie auf ihrem einsamen Spaziergange den Kirchhof erreichte. Ihr Gesicht ist schwach und sie war tief in Gedanken. Auf dem Heimweg begriffen, wollte sie soeben zum zweitenmale an der Kirchhofthür vorübergehen, als ein Schrei sie erschreckte. Du weißt, mein Liebling, in welcher abgelegenen Ecke das Grab deiner Eltern ist. Meine Mutter trat etwas nach links; während sie regungslos an der Mauer lehnte, brach der Mond hinter den Wolken hervor. Sie unterschied trotz der Dunkelheit zwei Gestalten von verschiedener Größe – die Hand des kleineren Mannes hielt Doktor Virets Kehle umspannt; da erhob dieser den rechten Arm und dein Vater fiel, von einem wuchtigen Schlage getroffen, lautlos zu Boden.«

Worte vermögen es nicht, den Eindruck zu schildern, welchen diese Enthüllung in Florence hervorrief. Sie war aller Fassung beraubt, von Grauen überwältigt. Wenn ein anderer als Owen ihr die furchtbare Mitteilung gemacht hätte, sie würde ihm keinen Glauben geschenkt haben. Doktor Viret, ihr bester, treuester Freund, ihres Vaters Freund, der Mann, der sie in ihren Nöten teilnehmend unterstützt, liebevoll in seinem Hause aufgenommen hatte! Kaum schien es ihr möglich, dies für denkbar zu halten.

Owen nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf: »Ich führte Viret hinab, stärkte ihn mit etwas Wein und hörte sein ergreifendes Geständnis an. Viret hatte die Krankheit deiner Mutter von Anfang an mit großem wissenschaftlichen Interesse verfolgt. Sie bot dem Auge des Arztes höchst ungewöhnliche Erscheinungen, und zählte zu jenen seltenen Fällen, deren Studium für die Erkenntnis und Heilung ähnlicher Krankheiten ungemein wichtig ist. Die Leiden der armen Dulderin waren mannigfaltiger Art. Viret jedoch, als Spezialist für Krebsleiden, wandte seine Hauptaufmerksamkeit der krankhaften Wucherung auf ihrer Wange zu. Als sie gestorben war, erbat sich Viret von deinem Vater die Erlaubnis, die Wucherung ausschneiden zu dürfen ...«

»Vater hat mir nie etwas davon gesagt,« rief Florence.

»Wohl deshalb nicht,« fuhr Owen fort, bestrebt, seine peinliche Aufgabe zu Ende zu bringen, »weil der bloße Gedanke daran, Herrn Derwent mit Entrüstung erfüllte; auch als er ruhiger geworden war, beharrte er auf seiner entschiedenen Weigerung. Wie wir wissen, wohnte Viret an deines Vater Seite dem Begräbnisse der Mutter bei. Der einmal erwachte Wunsch hatte so unwiderstehlich von ihm Besitz ergriffen, daß er vor dem offenen Grabe den Plan zu der entsetzlichen That entwarf, welche sein ganzes übriges Leben für immer zerstören sollte. Zufällige Nebenumstände förderten das Gelingen seines Vorhabens. Auf Wunsch deines Vaters wurde die Gruft nur mit Brettern bedeckt, während Mogford den Auftrag erhielt, sie des anderen Tages mit Erde zu füllen. Außer von einem gewissen Standpunkt aus, in schräger Richtung, ist es unmöglich, beim Vorübergehen des Grabes ansichtig zu werden, – auch begegnet man in Rookfield um Mitternacht niemand am Kirchhofthor. Viret brauchte somit nur unter dem Schutze des Eibenbaumes die Bretter von der Gruft zu entfernen, hinabzusteigen, den Sargdeckel abzuschrauben (du erinnerst dich, daß die Mutter nur in einem leichten Holzsarge ruhte), ein Stück der krankhaften Wucherung von der Wange der Verstorbenen abzulösen und Sarg und Gruft wieder zu schließen. Etwas vor ein Uhr stahl sich Viret durch die Hinterthür des Laboratoriums ins Freie, und erreichte in wenigen Minuten den Kirchhof. Tiefe Stille herrschte auf der Straße und im Dorfe. Gesichert vor jeder Beobachtung, hob Viret zwei Bretter von der Gruft und stieg, den Schraubenzieher in der Hand, in das Gewölbe hinab. »Ach, Florence!« unterbrach sich Owen, als er, von heißem Mitgefühle bewegt, ihr blasses Gesicht mit angstvoll fragendem Blicke sich zugewendet sah, »Wie furchtbar für dich, dies alles anhören zu müssen!«

»Verbirg mir nichts, laß mich auch das Grauenhafteste wissen,« bat sie flehend, »ich mußte es ja endlich erfahren.«

»Die Schrauben aus dem Sargdeckel zu entfernen,« sprach Owen weiter, »war ein leichtes Stück Arbeit, im Vergleiche zu dem weit schwereren, den Deckel abzuheben. In dem engen Raume, der keine freie Bewegung gestattete, wurde es Viret unmöglich, diesen Teil seiner Aufgabe zu vollführen; er kletterte daher wieder ins Freie, hielt das Werkzeug in der rechten Hand, legte sich platt auf eines der Bretter, beugte sich so weit als möglich über den Rand des Grabes, streckte den rechten Arm tief hinab, faßte die Ecke des Deckels, und hatte denselben gerade genug von der Stelle gerückt, um das Gesicht der Leiche bloßzulegen, als er Schritte hinter sich vernahm, und aufblickend, deinem Vater ins Antlitz sah. Viret ließ den Deckel fallen und sprang auf. Die beiden Männer standen, durch den schmalen Raum des offenen Grabes getrennt, einander gegenüber. Derwent stieß einen halbunterdrückten Schrei aus, (meine Mutter hat ihn gehört), sprang mit einem kurzen Satze über die Gruft hinweg, faßte Viret an der Kehle und zwar so kräftig, daß dieser, nach seiner Behauptung, in wenig Augenblicken erdrosselt zu Boden gesunken wäre, wenn er nicht sofort Gegenwehr geleistet hätte. Von dem Instinkte der Selbsterhaltung getrieben, hob er in Todesnot den rechten Arm und führte mit dem Werkzeuge, das ihm beim Oeffnen des Sargdeckels gedient hatte, einen wuchtigen Hieb gegen Derwents Stirn.«

Schluchzend lag Florence an Owens Brust. »Was that er mit dem Leichnam der Mutter?« stöhnte sie. »Ach, Owen! Konnte ich jemals auf eine so furchtbare Lösung gefaßt sein?«

Fairford trachtete das weinende Mädchen so weit zu beruhigen, daß sie den Schluß seiner Enthüllungen anhören konnte.

»Nachdem das Entsetzliche geschehen war,« erzählte er weiter, »überblickte Viret schaudernd seine Lage. Wäre sein Anschlag gelungen, so hätte er das Grab in dem früheren Zustand zurückgelassen und nur ein kleines Stück Haut als Beute mit fortgenommen. Keinem wäre ein Leid geschehen, die Wissenschaft jedoch, durch das Ergebnis seiner Forschungen vielleicht um vieles bereichert worden. Jetzt aber lag ein Leichnam zu seinen Füßen, denn schon der erste Augenschein belehrte Viret, daß bei deinem Vater der Tod sofort eingetreten sei. Die Schädeldecke war zertrümmert, der Stoß bis in das Gehirn gedrungen. Wiewohl Herr Derwent kleiner war, als seine Frau, wog er doppelt so viel, denn die lange Krankheit hatte ihren Körper fast bis zur Hälfte des Gewichtes herabgebracht. Das alles erwog Viret mit Blitzesschnelle; er durfte keine Zeit verlieren, nur im raschen Handeln lag seine Rettung. Er streckte sich nochmals zur Erde, hob den Deckel des Sarges ab, nahm den Leichnam deiner Mutter heraus, legte an dessen Stelle deinen toten Vater, deckte die Bretter wieder über die Gruft und versäumte nicht, sogar die Kränze an ihren alten Platz zu legen. Noch blieb das Gefährlichste zu thun übrig: den Leichnam nach seinem Hause zu schaffen. Im Fall ihn jemand sah, war er verloren! Der Zufall wollte, daß keine lebende Seele Viret auf dem martervollen Wege begegnete, welchen er zurücklegen mußte. Die fünf Minuten, die er mit seiner weißen Bürde im Arm dahinwanderte, erschienen ihm endlos. Als er im Laboratorium ankam, fühlte er sich geborgen – er ahnte ja nicht, daß seine That einen Zeugen gehabt hatte.

»Und der Leichnam?« wiederholte Florence, »der Leichnam meiner armen Mutter – was that er mit diesem?«

»Er verbrannte ihn in seinem Laboratorium,« lautete die Antwort, »das Häufchen Asche, das zurückblieb, begrub er im Garten.«

»Das ist also der Mann,« rief Florence mächtig ergriffen, »dem ich so viel verdanke, zu dem ich mit töchterlicher Verehrung emporblickte, den ich geliebt, geachtet habe, und der doch der Mörder meines Vaters war! Ach, Owen, warum ließest du mich, nachdem du die Wahrheit wußtest, nur eine Stunde länger in seinem Hause?«

»Was hätte ich thun sollen, Geliebte? Als meine und meiner Mutter Abreise beschlossen war, blieb mir keine Wahl. Ich durfte es damals nicht wagen, dich um Hand und Herz zu bitten, ebensowenig nach meiner Rückkehr von Molokai – es mußten Monate vorübergehen, bis erwiesen war, daß ich der Gefahr der Ansteckung entgangen sei und keinen verborgenen Krankheitskeim mehr zu fürchten brauchte. Hätte ich dir vorher die grausame Thatsache enthüllt, so wärest du sofort aus dem ›Lorbeerhofe‹ geflohen und schutzlos, vereinsamt in der Welt gestanden. Auf deinen Vetter konnte ich mich nicht verlassen, – abgesehen von meinem eigenen Mangel an Vertrauen in seinen Charakter, wußte ich, wie sehr es dir widerstreben würde, Arnold als deine Stütze zu betrachten, und schließlich trachtete ich, Viret so lange als möglich vor Entdeckung zu schützen. Ich bedauere den beklagenswerten Mann von ganzem Herzen; sein ursprünglicher Plan läßt sich zwar weder rechtfertigen noch entschuldigen, doch, bis zur letzten Minute, auch als er deinem Vater gegenüberstand, lag ihm die Absicht fern, diesem ein Leid zuzufügen. Als er trotzdem, dem Instinkte der Notwehr folgend, das Entsetzliche verübt hatte, wollte er seinem Leben freiwillig ein Ende machen, allein um deinetwillen wies er die Versuchung zurück. Er hat nie geduldet, daß auch nur der Schatten eines Verdachtes auf einen anderen fiele. Ueberzeugt, daß die Stunde kommen mußte, in der er selbst seine Schuld eingestehen würde, spielte er die Rolle des unschuldigen Mannes, für den jedermann ihn hielt. Er war es, der, sobald der Körper deines Vaters gefunden wurde, den Rechtsanwalt Edwards zur Einleitung der gerichtlichen Schritte aufforderte. Deinetwegen, meine teure Florence, hegte ich keine Furcht, so lange ich dich unter dem Schutze Virets wußte. Es klingt gleich einem Widerspruche und doch war ich der festen Ueberzeugung, daß dir in den langen Monaten, welche du in seinem Hause verbrachtest, kein Haar gekrümmt werden würde. Er behütete dich treulich bis zu dem Zeitpunkte, wo es mir gestattet war, meine Verlobte abzuholen, – aus den Händen des Freundes, solltest du in diejenigen des Gatten übergehen.«

»Gewiß, Owen, du hast recht gehandelt,« erwiderte Florence, »doch nie mehr kann ich den Fuß über Virets Schwelle setzen. Er war gut, sehr gut, gegen mich,« fügte sie mit zitternder Stimme hinzu, »er bewies es auch jetzt, indem er ging, bevor ich das Entsetzliche erfuhr, allein er ist und bleibt der Mörder meines Vaters, dessen Haus mir fortan verschlossen bleiben muß.«

»Du würdest aber trotzdem nicht wünschen, ihn zu verraten?« drängte Owen.

Ein Schauder überflog Florencens Gestalt. »Nein, nein, das nicht! Schweigen kann ich, doch ihn wiedersehen, niemals – ich würde diese Begegnung nicht ertragen!«

»Sei ohne Furcht,« antwortete Owen, »das wird nie geschehen. Viret kehrt erst dann in sein Haus zurück, wenn ich ihn hiezu ermächtige. Ich trage seinen letzten Brief in der Tasche – er gesteht in demselben, daß er gehofft hat, ich würde nie mehr nach England kommen. Wiewohl er deine Liebe und Achtung nicht verdiente, betrachtete er dennoch den Umgang mit dir als den höchsten Genuß seines Lebens. Da er wußte, du würdest nach den Eröffnungen des heutigen Tages, jede Begegnung mit ihm vermeiden wollen, kam er dem durch seine freiwillige Abreise zuvor. Doch bittet er dich, du möchtest den ›Lorbeerhof‹ als dein Haus betrachten, bis du es an meiner Hand für immer verlassest. Dann erst will er zurückkehren und in stiller Verborgenheit ein Leben beschließen, das von erdrückender Gewissenspein belastet bleibt, bis der Tod ihm als Befreier naht.«

Es bedurfte noch mancher Ueberredung von seiten Owens, bevor Florence sich entschloß, mit ihm den Weg nach Virets Hause einzuschlagen. Eine Woche später verließ sie Rookfield, und die wenigen Menschen, welche dort mit ihr verkehrt hatten, tadelten die offenbare Undankbarkeit, mit der Florence des Freundes Wohlthaten lohnte.

Außer den beiden Verlobten, Doktor Viret und Frau Fairford auf Molokai, wußte niemand um das Geheimnis, welches nach wie vor das Schicksal von Florencens Eltern umgab. Inspektor Holt liebt es nicht, an diese Angelegenheit erinnert zu werden.

Fairford nahm seine Laufbahn wieder auf, welcher er vor sechs Jahren in opfermutiger Sohnesliebe entsagt hatte. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Florence sein glückliches Weib, und allmählich schwinden die Schatten der Trauer von ihrer Seele; doch mitten im Sonnenglanze des neuen Lebens steigt Doktor Virets Gestalt zuweilen vor ihr auf. Vermag sie es auch nicht, ihm sein Verbrechen zu verzeihen, so füllen doch Thränen ihre Augen und ihr Herz wallt von Mitleid über, wenn sie des verlassenen Einsiedlers in Rookfield wehmutsvoll gedenkt.

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