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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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25. Kapitel.
Die Verfolgung.

Doktor Viret war in sein Laboratorium gegangen und Florence saß noch, in tiefes Nachsinnen verloren, da, als Arnold, diesmal entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen, unangemeldet eintrat.

Bei seinem Anblick erinnerte sich Florence, daß sie in ihrer Teilnahme für Owen es ganz versäumt hatte, Inspektor Holt nach dem Ergebnis seiner Nachforschungen über ihres Vetters Reise vom Kap nach England zu befragen. Es war indessen leichter, einen Verdacht in Arnolds Abwesenheit zu nähren – sobald sie sein freimütiges, ehrliches Gesicht sich gegenüber sah, konnte sie ihn unmöglich irgend einer Schlechtigkeit für fähig halten.

»Weißt du, Flora, man hat den Einbrecher endlich verhaftet!« rief er lebhaft erregt, »Holt wird nun mit Leichtigkeit die richtige Spur verfolgen.«

»Ich weiß alles, der Inspektor verließ uns soeben,« erwiderte Florence, während sie sich im stillen fragte, wie weit Arnold wohl unterrichtet sein möchte.

»Meine Neuigkeit stammt von Cadman,« fuhr Arnold fort. »Er ist wie ein Sieb; nichts kann er für sich behalten. Sobald Fairford den Gauner in Gewahrsam gebracht hatte, ist er aus Rookfield verschwunden; nur eine Dienerin blieb in dem Hause zurück. Holt war der Meinung, Fairford werde diese rasch nachkommen lassen und befahl Cadman, ihr gleich einem Schatten zu folgen.«

»Ist sie wirklich abgereist?« fragte Florence eifrig. Trotz ihrer Sehnsucht, die Wahrheit über des Vaters und noch mehr der Mutter Schicksal zu erfahren, hoffte sie dennoch, daß Owen die Flucht gelingen möchte. Andererseits wünschte sie freilich, er hätte den Kampf an Ort und Stelle ausfechten können, doch war sie überzeugt, daß er auch diesmal wieder nur seiner Mutter ein Opfer bringe.

»Sie ist fort,« berichtete Arnold weiter. »Ich konnte nicht schlafen und rauchte vor dem Frühstück meine Pfeife im Freien. Da traf ich Cadman, der in unserem Garten auf Wache stand und mir unaufgefordert alles mitteilte. Kaum war er zu Ende, so ging die Frau am Gitter vorbei. Der Wachtmeister folgte ihr auf den Fersen; ob der Tölpel sie einholen wird, weiß ich nicht. Aber, Flora, Thränen in den Augen! Was fehlt dir denn?«

»Nichts, Arnold!«

»Wahrhaftig, du hast geweint – ein Mädchen wie du thut das nicht ohne Grund.«

»Ich mag nicht davon reden,« meinte Florence, erzürnt darüber, daß ihre trüben Mienen sie verraten hatten.

»Das ist nicht hübsch von dir, Flora,« versetzte Arnold, »ich wüßte nicht, mit wem ich meine Angelegenheiten offenherziger besprechen würde, als mit dir.« – Er sah Florence mit ernstlich bekümmerter Miene an. »Du lieber Himmel!« rief er, »wie anders hätte sich alles gestaltet, wenn ich die Herren Professoren am chirurgischen Kollegium besser befriedigt hätte, wenn ich ehrbar Frack und Cylinder getragen und um zehn Uhr friedlich zu Bette gegangen wäre – vielleicht, Flora, würdest du jetzt eines wohlbestellten Arztes Gattin sein.«

Florence errötete lebhaft – ja, möglicherweise wäre es dahin gekommen – es gab eine Zeit, wo ihr dies Zukunftsbild vorgeschwebt hatte. »Du hast noch immer Zeit genug, Versäumtes nachzuholen,« sagte sie träumerisch.

»Sprichst du im Ernst, Liebste?« erwiderte Arnold in aufglühender Leidenschaft. »O, wenn du mir nur einen Schimmer von Hoffnung giebst, so will ich thun, was du von mir verlangst. Du weißt, Flora, ich war früher meiner Sache ziemlich gewiß, dir gegenüber, doch seit ich wieder in Rookfield bin, scheint mir alles verändert zwischen uns.«

»Du hast mich mißverstanden, Arnold,« erklärte Florence, »ich meinte, es sei noch nicht zu spät, das Doktorexamen abzulegen.«

»Ach!« rief er enttäuscht, »was sollte mir das wohl nützen! Freiwillig gehe ich nicht zu Sebastian zurück. Seit ich Vermögen besitze, ist meine Stellung so wie so gut genug.«

»Ich glaube, du hast überhaupt nur Sinn für Geld und Gut,« rief Florence und erhob sich von ihrem Sitze.

Bevor Arnold eine Antwort finden konnte, unterbrach Doktor Virets Erscheinen das Gespräch der jungen Leute. Er ließ sich den Bericht über Cadmans Thaten wiederholen. »Hat Cadman den Auftrag, Frau Cawdrey auch auf der Eisenbahn zu begleiten?« fragte Doktor Viret kurz.

»Natürlich, Herr Doktor, wenn nötig durch ganz England – sobald sie an einem Orte anhält, soll er es Inspektor Holt telegraphisch melden.«

»Hm!« brummte Viret.

»Auf mein Wort, Doktor,« versetzte Arnold, »Sie sehen gerade so drein, als ob Ihnen die Sache nicht paßte – wünschen Sie etwa, das Weib möchte uns entkommen?«

»Und wenn ich es thäte – warum nicht?«

»Gütiger Gott! Sie ist vielleicht Derwents Mörderin – die andere Frau, nicht die Haushälterin – ich habe immer behauptet, daß sie etwas mit der Geschichte zu thun haben muß.«

»Jene Frau hat kein Verbrechen begangen, so wenig wie Sie selbst,« sprach Doktor Viret ernst, »man verleumdet eine Unschuldige ohne jeden Grund.«

»Nun, ich möchte ihre Verteidigung nicht übernehmen,« entgegnete Arnold, und empfahl sich. Er verließ beide mit dem Bewußtsein, eine Niederlage erlitten zu haben, und gewann seine ungetrübte Laune erst am Abend wieder, nachdem er eine reichliche Mahlzeit gehalten.

Mittlerweile blieb Inspektor Holt nicht müßig. Er begab sich vom ›Lorbeerhofe‹ nach der ›Waldaussicht‹, wo ein anständiger junger Mann ihm das Thor öffnete und sich als Bevollmächtigten der Herren Barrow und Keys vorstellte.

»Vermutlich Herrn Fairfords Sachverwalter?« fragte Holt.

»Jawohl – ich wurde eilends hergeschickt, um Frau Cawdrey abzulösen.«

Aus dem Umstande, daß Cadman nicht mehr auf einem Posten stand, ersah Holt Frau Cawdreys Abreise. Ueber Fairfords Reiseziel erhielt er jedoch nur höchst ungenügende Auskunft. »Alles, was ich weiß,« sagte der junge Beamte, »ist, daß ich hier bleiben soll, bis der Auktionator die Sachen abholen läßt.«

»Soll das Haus gänzlich geräumt werden?«

»Man wird alle Möbel nach London schaffen und das Gebäude vorläufig zuschließen.«

Nachdem Inspektor Holt die Adresse der Herren Barrow und Keys, Chancery Lane, in sein Notizbuch eingetragen hatte, kehrte er auf die Polizeiwache zurück und traf alle Maßregeln, um Joseph Bodger baldigst nach der Kreisstadt befördern zu lassen.

Mit jeder Stunde wuchs Inspektor Holts Unruhe. Er hoffte zwar, Cadman werde auch, falls ihm Frau Cawdreys Spur verloren ginge, eine Nachricht senden, doch des Inspektors Vertrauen in den Scharfsinn seines Untergebenen war nicht übermäßig groß.

Außerdem lag es im Bereiche der Möglichkeit, daß Frau Cawdrey eine Vereinigung mit den Fairfords gar nicht mehr anstrebte. Zwar konnte sich Holt leicht erklären, warum Owen die treue Dienerin nicht sogleich mitgenommen. Wahrscheinlich wollte er seinen Bestimmungsort nicht mit der Eisenbahn, sondern zu Wagen erreichen und die Fahrt möglichst beschleunigen. Eine dritte Person wäre ihm dabei nur hinderlich gewesen.

Den ganzen Nachmittag über wartete Holt auf der Polizeiwache. Während sein Auge ängstlich den Zeiger der Uhr verfolgte, gewann die Furcht, Cadmans Botschaft werde zu spät eintreffen, so daß er den letzten Zug nach London nicht mehr benützen könnte, immer mehr die Oberhand. Als es fünf Uhr schlug, vermochte er seine Ungeduld kaum zu zügeln, um sechs setzte er den Hut auf und fragte selbst auf dem Telegraphenamte nach, doch erst um sieben Uhr wurde ihm folgende Depesche überbracht:

» Holt, Rookfield, Polizeiwache.

Sie ist hier im Hotel – keine Spur von den anderen.

Cadman
Hotel zu den königlichen Docks,
Southampton

Unverzüglich machte sich Inspektor Holt auf die Reise. Der nächste Zug ging erst in einer Stunde ab, und selbst wenn er London pünktlich erreichte, so konnte er kaum rechtzeitig ankommen, um noch Anschluß nach Southampton zu finden. Als Holt endlich in einem Coupee dritter Klasse aus Rookfield abfuhr, war es nach seiner Berechnung bereits um zehn Minuten zu spät. So oft ein Aufenthalt ihm die kostbare Zeit raubte, wetterte und fluchte der Inspektor, beklagte sich beim Stationsvorstand, aber auch das nützte nichts.

Wenn ihm nur Frau Cawdrey nicht doch noch entschlüpfte! Waren auch die beiden Fairfords in Southampton, so bewies das ihre Absicht, England zu verlassen; doch wie sollte es Owen möglich machen, einen Ueberfahrtsplatz für seine Mutter zu erlangen? Holt beschloß, falls das Glück ihn begünstigte, mit möglichster Kühnheit vorzugehen, er wollte Frau Fairford als Mitschuldige an dem Verbrechen verhaften; denn er war überzeugt, er könne sie zu einem Geständnisse zwingen, sobald er ihrer nur habhaft würde.

Als Holt die Halle des Londoner Bahnhofes betrat, war der Zug nach Southampton schon abgedampft – er mußte sich gedulden und die Nacht in seiner Wohnung zubringen. Des anderen Morgens fuhr er mit dem ersten Zuge nach der Hafenstadt, und erreichte gegen zehn Uhr das Hotel der königlichen Docks, eine einfache Schenke, die unmittelbar an der Schiffswerfte lag. Die erste Person, die ihm begegnete, war Cadman, der in einem grauen Anzuge, welcher offenbar vom Dorfschneider stammte, mit rotem, glänzendem Gesichte am Thore stand und so harmlos aussah, wie der richtige Polizeibeamte vom Lande.

»Warum telegraphierten Sie nicht früher?« fragte Holt mit strengem Ton.

Cadman stutzte und stellte sich in dienstliche Positur: »Ich glaube nicht, Herr Inspektor,« antwortete er bedächtig, »daß ich zu viel Zeit verloren habe – mit unserem Aufenthalte in London war es sechs Uhr geworden, bevor wir hier ankamen.«

»Ging Frau Cawdrey in London in die Stadt?«

»Jawohl, sie machte ein paar kleine Einkäufe, dann stieg sie in den Omnibus und fuhr zum andern Bahnhof, sie drinnen im Wagen, ich auf dem Dache.«

»Sie ließen sich doch selbstverständlich nicht sehen?«

Cadmans gutmütiges Gesicht nahm einen sehr bedenklichen Ausdruck an. »Sehen Sie, Herr Inspektor,« begann er zaghaft, »Frau Cawdrey kennt mein Aeußeres so gut wie ihr eigenes – auch scheine ich kein Talent für derartige Verfolgungen zu haben, denn sie rannte mich fast um.«

»Gut, gut, Sie folgten ihr trotzdem. Wurde Frau Cawdrey am Bahnhofe erwartet?«

»Nein. Sie erkundigte sich beim Thürsteher nach einem geeigneten Gasthause, wo sie übernachten könne, und kaum war sie fort,« fügte Cadman mit bedeutsamem Winke hinzu, »so fragte ich den Mann, welche Adresse er ihr angegeben hatte. Er nannte mir dieses Hotel, ich eilte hieher, hörte wie Frau Cawdrey ein Zimmer bestellte und den Auftrag gab, man möge sie heute morgen um halb neun Uhr wecken.«

»Ach so, ich verstehe!« rief Holt aufatmend. »Sie durchschauten natürlich Frau Cawdreys schlaues Spiel?«

»Ja, aber ...«

»Großer Gott, sie ist Ihnen doch nicht entkommen?«

»Sehen Sie, Herr Inspektor, das ging so zu –«

»Wo ist sie jetzt?« forschte Holt streng.

»Das weiß der liebe Himmel. Ich stand um acht Uhr auf mit der Absicht, ganz sicher zu gehen, dann wartete und wartete ich bis es neun schlug. Endlich fragte ich den Kellner und erfuhr, Frau Cawdrey habe schon um halb sieben Uhr das Hotel verlassen.«

Schweigend starrte Inspektor Holt in Cadmans Gesicht – er war zu erregt, um sofort Worte zu finden. »Cadman,« sagte er endlich mit bewundernswerter Selbstbeherrschung, »befolgen Sie meinen Rat: kehren Sie ruhig nach Hause zurück und bleiben Sie fortan für immer in Rookfield – da sind Sie am besten aufgehoben.«

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