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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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23. Kapitel.
Owen Fairford gewinnt das Spiel.

Sobald Joseph allein war, konnte er seine freudige Bewegung nicht länger bemeistern. Er reckte die Arme empor und wiegte sich im Tanzschritte auf dem Teppiche hin und her.

Freilich wäre ihm das bare Geld lieber gewesen, doch war er von früheren Gelegenheiten her den Beamten und Schreibern der Bank von Wisborough wohlbekannt. Als der Zeiger der Uhr auf dem Kaminsimse stetig vorrückte, erfaßte ihn Ungeduld und Besorgnis – es ging auf fünf Uhr, war also bereits zu spät, um die Anweisung heute noch zu Gelde zu machen.

Ach! Endlich Schritte in dem Hausflur! Der glückliche Augenblick nahte, da Bodger den Lohn für so viel Beharrlichkeit einheimsen sollte. Die Thür ging auf, Owen Fairford trat ein, doch zu Josephs unermeßlichem Erstaunen mit ihm der Wachtmeister Cadman und ein Polizeidiener, der an der Schwelle stehen blieb. Cadman war ein großer, starker Mann in mittleren Jahren, mit blühendem, rotem Gesicht und dichtem, schwarzem Schnurr- und Backenbart. Da der Nachmittag sehr heiß war, und Owen zur Eile gedrängt hatte, um Joseph nicht lange warten zu lassen, standen die Spuren des beschleunigten Ganges auf des Wachtmeisters breiter Stirn; er zog ein großes, rotes Taschentuch hervor, und wischte sich mit der einen Hand die dicken Schweißtropfen ab, während die andere den Czako hielt. Nie im Leben war Bodger derart überrascht worden wie heute, nicht einmal in jener denkwürdigen Nacht, als er durch das Hinterfenster einer abgelegenen Villa in St. Johns Wood einstieg und dort Inspektor Holt, der damals noch nicht Inspektor war, seiner harrend fand.

»Hier ist der Mann,« sagte Owen. »Zufolge seines eigenen Geständnisses befand er sich in der Nacht, als der Einbruch bei Oberst Askew verübt wurde, um ein Uhr auf der Straße. Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie bei Durchsuchung seines Zimmers nicht genug Beweise fänden, um ihn festnehmen zu können. Dann lassen Sie den Haftbefehl ausstellen, schicken seine Personalbeschreibung ein, und ...«

»Ja, ja, es ist schon alles richtig,« unterbrach ihn Joseph, »Sie wissen, wie man die Sache anstellen muß. Verflucht!« fügte er zähneknirschend hinzu, während sein fahles Gesicht einen rachedürstenden Ausdruck annahm, »aber Sie sollen mir teuer dafür bezahlen!«

An Widerstand dachte er nicht. Sowohl Owen als Cadman waren ihm an Körperkraft überlegen. Er wußte, daß sein Schicksal besiegelt war, und jeder Fluchtversuch seine Lage nur verschlimmern würde. Trotzdem ging ihm diese unerwartete Wendung tief zu Herzen – es war zu bitter, statt des Sieges eine derartige Enttäuschung zu erleben! Seinen einzigen Trost fand er in der Aussicht auf Rache. Durch einen bloßen Gewaltstreich sollte Owen ihn nicht zum Schweigen bringen! Er staunte über dessen Kühnheit, welcher er für den Augenblick zum Opfer fiel. Doch bald würde die Sühne auf dem Fuße folgen; wenn man ihn auch in Gewahrsam nahm, so sollte Fairford schwer genug für seine Verwegenheit büßen.

Mit Owen als Vorhut und Cadman hinter sich, verließ Joseph das Speisezimmer, um die Halle zu durchschreiten, wo Sarah von der Küchenthür aus in grenzenloser Bestürzung dem Zuge nachsah.

Sie führten ihn durch den Garten nach dem Stalle, die Leiter hinauf in seine Kammer. Zwar machte Bodger noch einen schwachen Versuch, eine Durchsuchung seines Besitztums zu verweigern, aber Cadman zog den Blechkoffer hervor und kniete vor demselben nieder. »Geben Sie den Schlüssel her,« rief er, die Hand ausstreckend. Bodger wußte, daß man ihm den Schlüssel mit Gewalt abnehmen würde, falls er ihn nicht gutwillig ablieferte; mißmutig nahm er ihn aus der Westentasche und warf ihn auf den Boden.

Sofort wurde der Deckel des Koffers geöffnet und dessen Inhalt von Cadman mit der Fertigkeit eines Zollbeamten durchwühlt. Zuerst brachte er ein Paar Filzpantoffeln zum Vorschein, dann ein Stemmeisen, das er Owen zeigte.

»Es genügt,« sagte der Wachtmeister, sich erhebend. »Kommen Sie nur ruhig mit,« setzte er zu Joseph gewendet hinzu.

Fairford blieb zurück, während die beiden sich nach der Polizeiwache auf den Weg machten. Cadman faßte seinen Gefangenen beim Rockkragen, doch als sie eine Strecke gegangen waren, wehrte sich Joseph gegen diese unwürdige Behandlung. »Ich glaube, Verehrtester,« sagte er vertraulich, »Sie könnten meinen Rock von Ihrem Griffe befreien. Nach der Strafkolonie komme ich doch, aber höchstens auf fünf Jahre und das muß ich mir gefallen lassen. Wo ist Holt?«

»Fürchten Sie nichts, Freundchen!« erwiderte Cadman, »Sie werden ihn früh genug zu sehen bekommen, wahrscheinlich noch heute abend.«

»Dann bitten Sie den Inspektor,« versetzte Joseph, »mich so bald wie möglich zu besuchen. Wenn ich's dieser Brut nicht tüchtig eintränke, so soll mein Name nicht ... hm!«

Nachdem Bodger in einer Zelle untergebracht war, ging Cadman auf das Postamt, und sandte ein Telegramm an Inspektor Holt nach Scotland Yard, um den Beamten von der Verhaftung des Einbrechers zu benachrichtigen. Holt, der soeben von Southampton zurückgekommen war, eilte auf die Bahn und erreichte noch rechtzeitig den letzten Zug, um mit Einbruch der Nacht in Rookfield eintreffen zu können.

Ein weißes Brett über der Thür, auf welchem mit schwarzen Buchstaben das Wort ›Polizeiwache‹ stand, nebst einer im Hausflur aufgehängten Lampe, war alles, was Cadmans Amtswohnung von den übrigen Häusern des Dorfes unterschied. In einem äußeren Anbau befanden sich zwei Zellen, deren eine Joseph Bodger jetzt zum Aufenthalt diente; sie war nicht größer als ein Wandschrank, mit einer Bank als Lagerstätte und einigen Oeffnungen in der Thür, um Luft und Licht einzulassen.

An jenem ereignisreichen Montagabend schob Wachtmeister Cadman gegen elf Uhr den Riegel zurück und geleitete Inspektor Holt in die Zelle des Gefangenen.

»Oho, Joseph!« rief der Beamte, »sehen wir uns also doch endlich wieder! Sie brauchen nicht zu warten, Wachtmeister, reichen Sie mir nur die Lampe herein, danke!« fügte er hinzu, als Cadman die Zelle verließ. »He, Bodger! Wie ich bemerke, haben Sie eine neue Laufbahn versucht!«

»Einem armen Teufel wie mir,« erwiderte Bodger weinerlich, »bleibt nicht viel Wahl; selbst wenn man sich redlich durchbringen wollte, kommt man hier zu Lande auf keinen grünen Zweig. Bloß weil ich vergessen habe, die paar Werkzeuge wegzuschenken, faßt man mich heute beim Kragen und wirft mich in dieses elende Loch. Bei Gott, ich weiß nicht, warum man mich eingesteckt hat.«

»Vielleicht wegen des Einbruches bei Oberst Askew?«

»Man hat nicht den geringsten Beweis gegen mich.«

»Mag sein,« antwortete Holt ruhig, »allein, abgesehen von dieser Einbruchsgeschichte, habe ich Sie schon lange auf dem Korn; aber eine Liebe ist der anderen wert – wenn Sie mir wahrheitsgetreu erzählen, was Sie in der Nacht des vierten März erlebt haben, so würde ich trachten, Ihre jetzige Lage nach Möglichkeit zu erleichtern.«

»Und wenn ich nicht dort gewesen wäre und somit nichts gesehen hätte?«

»Dann würden Sie schwerlich den Dienst bei Herrn Fairford angenommen haben. Mir können Sie nichts weiß machen, Joseph. Heraus mit der Sprache! Sie nützen sich selbst am meisten damit.«

Das Verlangen Holt's, der Wahrheit endlich näher zu kommen, war ebenso groß, als Bodgers Wunsch, sich an Owen zu rächen; er schilderte daher in wenigen Worten die Ereignisse des vierten März, die Beobachtungen, welche er in Fairfords Hause gemacht hatte und schließlich Doktor Virets langen Besuch, während der letztverflossenen Nacht.

Zehn Minuten, nachdem Inspektor Holt Josephs Zelle wieder verschlossen hatte, betrat er den Garten der ›Waldaussicht‹. Kein einziges Fenster war erleuchtet, nur in dem Hausflur brannte ein Licht, und als Holt zum zweitenmal die Glocke zog, öffnete Frau Cawdrey die Hausthür. Der Inspektor setzte rasch den Fuß hinein, so daß sie nicht wieder geschlossen werden konnte. »Kann ich Herrn Fairford sprechen?« fragte er.

»Nicht zu Hause,« lautete die barsche Antwort.

»Wann erwarten Sie ihn zurück? Ich bin Inspektor Holt von Scotland Yard und komme in einer wichtigen Angelegenheit – ich muß Herrn Fairford noch heute nacht sehen.«

»Das ist ganz unmöglich,« antwortete Frau Cawdrey in etwas milderem Tone, »denn er kommt überhaupt nicht zurück!«

»Wollen Sie damit sagen, daß er Rookfield auf immer verlassen hat?«

»Jawohl, auf immer.«

»Dann rufen Sie Ihre Herrin.«

»Verzeihen Sie, Herr Inspektor, ich bin die einzige Person, die sich noch im Hause befindet.«

»Ist niemand von den Dienern hier? Wo ist das Hausmädchen?«

»Sie wurde heute abend entlassen.«

Holt stand noch immer auf der Strohmatte, und blickte nachdenklich auf seine glänzend gewichsten Stiefel. »Wann ist Herr Fairford abgereist?« fragte er.

»Gegen neun Uhr.«

»Mit der Eisenbahn?«

»Von hier aus mit dem Wagen.«

»Ich verstehe – zur Bahnstation?« forschte er gebieterisch.

Frau Cawdrey preßte die dünnen Lippen aufeinander, als einziges Zeichen, daß sie Inspektor Holts Frage gehört hatte.

»Ich muß Herrn Fairfords Adresse haben,« fuhr der Beamte ungeduldig fort. »Ich sagte Ihnen bereits, es handle sich um eine Sache von großer Wichtigkeit – bitte, seien Sie vernünftig – wo kann ich Herrn Fairford finden?«

»Ich bin nicht imstande, Herr Inspektor, Ihnen hierüber die geringste Auskunft zu geben.«

»Das heißt, Sie wollen nicht; bedenken Sie, daß Sie Gefahr laufen, wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörde verhaftet zu werden.«

»Das fehlte nur noch,« erwiderte die Haushälterin mürrisch, »ich habe, Gott sei Dank, noch niemals mit den Gerichten zu thun gehabt, und im übrigen können mich alle Gesetze und alle Inspektoren der Welt nicht vermögen, über Dinge zu sprechen, welche niemanden etwas angehen.«

Frau Cawdrey in ihrem dunklen Anzuge, die weiße Haube auf dem Kopfe, das hagere, gelbliche Gesicht mit den harten, verschlossenen Zügen, vom Licht der Lampe grell beleuchtet, war ein Bild der eigensinnigsten Halsstarrigkeit; Holt sah ein, daß er mit diesem entschlossenen Frauenzimmer nicht so leicht fertig werden würde und beschloß, sich wenigstens von der Wahrheit ihrer Aussagen zu überzeugen. »Könnte ich einen Gang durch das Haus machen?« fragte er, und war höchlich erstaunt, als Frau Cawdrey nicht den geringsten Einwand erhob. Sie bat ihn einzutreten, verschloß das Hausthor, nahm eine Lampe in die Hand und führte den Inspektor sofort nach dem oberen Stockwerke, welches so lange der Zielpunkt von Joseph Bodgers heißesten Wünschen gewesen war.

Der Hausgang, von dem man in eine Reihe von vier Zimmern gelangte, war, ebenso wie sämtliche Räume, mit dicken Teppichen belegt. Das erste Zimmer, ein Schlafgemach, dessen Fenster nach dem Garten gingen, war kahl und schmucklos; besonders das schmale Bett ohne Vorhänge sah äußerst unbehaglich aus.

»Wer hat hier gewohnt?« fragte der Inspektor, während Frau Cawdrey ihm voranleuchtete. Sie überhörte die Frage geflissentlich und schritt nach dem nächsten Zimmer, welches zwar einen wohlgefüllten Bücherschrank, ein Ruhebett und einige hölzerne Stühle enthielt, jedoch gleich dem vorigen jeder weiteren Ausstattung entbehrte. Im dritten Zimmer erreichte Holts Erstaunen seinen Höhepunkt, denn er fand dieses zu einer niedlichen Musterküche umgestaltet, deren Einrichtung in einem hölzernen Tische, einem Kochherde und zahlreichen Töpfen und Pfannen bestand. Der Boden war ebenfalls mit einem dicken Teppich belegt, doch hatte man zum Schutze eine einfache braune Matte darüber gebreitet. Das letzte Zimmer stand fast leer, von Wand zu Wand zogen sich Drähte wie bei einer Telegraphenleitung, die an eisernen in die Mauer eingefügten Haken befestigt waren. In einer Ecke stand auf zwei hohen Stühlen eine große hölzerne Wassertonne.

»Wünschen Sie auch die unteren Räume zu besichtigen?« fragte Frau Cawdrey mit ausgesuchter Höflichkeit.

Inspektor Holt nahm die Einladung bereitwilligst an, ließ keinen Winkel des Hauses unbesehen, knöpfte schließlich seinen Rock fest zu und wandte sich gegen die Eingangsthür. »Sie verweigern mir also jede Auskunft über Herrn Fairfords Reiseziel und jetzigen Aufenthalt? Nun gut,« fuhr er fort, als Frau Cawdrey, das Licht noch immer in der Hand, stumm zu Boden blickte, »Sie werden in kürzester Zeit von mir hören.«

Wachtmeister Cadman erwartete, getreu dem erhaltenen Befehle, Inspektor Holt auf der Polizeiwache. »Um wieviel Uhr geht morgen der erste Zug, gleichviel nach welcher Richtung, von Rookfield ab?« fragte der Beamte.

»Um sechs Uhr fünfundvierzig Minuten, Herr Inspektor.«

»Geben Sie nun acht, Wachtmeister, was ich Ihnen sage, und begehen Sie ja keinen Irrtum! Sie müssen vor sechs Uhr am Thore der ›Waldaussicht‹ stehen – kennen Sie die Dienerinnen des Herrn Fairford wenigstens dem Aussehen nach?«

»Er hatte deren zwei – ein Hausmädchen und Frau Cawdrey.«

»Ich meine nicht das Mädchen, doch wenn Frau Cawdrey das Haus verläßt, so folgen Sie ihr, wohin sie auch geht, ob zu Fuß oder mit der Bahn. Von dem Orte, an dem Sie anhält, senden Sie mir sofort ein Telegramm – natürlich müssen Sie Zivilkleider anziehen und sich möglichst unauffällig benehmen.«

Von der Polizeiwache begab sich Holt nach dem ›Lorbeerhofe‹. Mitternacht war vorüber – das Haus lag, wie der Inspektor es nicht anders erwarten konnte, in tiefster Ruhe; da kein Grund vorhanden war, Doktor Viret um diese Stunde zu wecken, Holt sich daher gezwungen sah, seine Unterredung mit dem Arzte auf morgen zu verschieben, so schlug er den Weg nach dem Gasthof zum ›Löwen‹ ein, wo er, als umsichtiger Reisender, schon bei seiner Ankunft ein Zimmer für die Nacht bestellt hatte.

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