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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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18. Kapitel.
Nochmals Inspektor Holt.

Ein heimwärts drängender Menschenstrom überflutete das Pflaster von Cheapside; zwei endlose Reihen von Wagen rollten auf der Straße dahin; ratlos stand Doktor Viret an einer Ecke im Gewühl der Großstadt, als ein höflicher Sicherheitsbeamter sich seiner annahm und ihn über die Königsstraße nach Alt-Jewry lootste.

Die Kanzleien der Herren Edwards, Sohn und Mathews lagen ihm nun zur Linken; ein verspäteter Schreiber geleitete ihn die Treppe hinauf zu dem persönlichen Empfangszimmer seines Herrn.

Edwards, ein kleiner, hochschulteriger Mann, von etwa fünfzig Jahren, glatt rasiert, mit langem, ergrautem Haar, der eher einem Schauspieler, als einem Rechtsanwalt glich, stand, die Hände lässig in den Taschen, an den Kamin gelehnt. Bei Doktor Virets Eintritt lachte er gerade herzlich über eine Geschichte, die ihm der zweite im Zimmer anwesende Herr – niemand anderes als Inspektor Holt – erzählte.

»Ohne Ihr Telegramm,« sagte Edwards, auf Doktor Virets Entschuldigung über die späte Besuchsstunde, »hätten Sie mich nicht mehr hier angetroffen. So ist die Leiche des armen Derwent doch endlich entdeckt worden! Ich setze voraus, Sie kennen Inspektor Holt. Da wir keine Zeit verlieren dürfen, hielt ich es für zweckmäßig, den Herrn Inspektor an unserer Beratung teilnehmen zu lassen. Setzen Sie sich, Doktor, und berichten Sie uns die letzten Ereignisse. Also zuvörderst: Wo wurde der Leichnam gefunden und wann?«

Aufmerksam lauschten die Herren Doktor Virets Erzählung, keiner der beiden unterbrach den eingehenden Bericht. Als der Doktor zu Ende war, knöpfte Inspektor Holt seinen Rock zu und lehnte sich vorwärts, bereit, in die nähere Besprechung des Sachverhaltes einzugehen.

»Wenn ich recht verstanden habe,« begann er, »so ist die Wahrheit nur dadurch an den Tag gekommen, daß man beschlossen hatte, jene Anna Thursday in Frau Derwents Grabe zu bestatten?«

»So ist es,« lautete die Antwort.

»Ging die Anregung hierzu von Fräulein Derwent aus?«

»Nein, von ihrem Vetter.«

»Er ist also nach England zurückgekehrt?« fragte der Inspektor gespannt.

»Samstag vor einer Woche,« fiel Edwards ein.

»Bevor er den Brief erhalten hatte, der ihm des Onkels Verschwinden mitteilen sollte?«

»Gewiß, er verließ das Kap zu einer Zeit, als meine Nachricht unmöglich dort angelangt sein konnte, ja, bevor Derwents Tod eine Thatsache war.«

»Fräulein Derwent sagte mir, er hätte England mit der Absicht verlassen, jahrelang fortzubleiben. Sie erinnern sich wohl,« fuhr Holt in geschäftsmäßigem Tone fort, »daß Arnold Derwent – so lautet doch sein Name? – der einzige ist, dem ein Vorteil aus seines Onkels Tode erwächst.«

»Er kehrte erst drei Wochen nach dem traurigen Ereignisse heim,« versetzte Viret.

»Auf welchem Schiffe machte er die Ueberfahrt?« erkundigte sich der Inspektor.

»Auf dem Stirling-Castle,« gab Edwards zur Antwort. »Ich kann Ihnen gleichzeitig mitteilen, daß genanntes Schiff am achtundzwanzigsten Februar in Southampton landen sollte.«

»Fünf Tage vor Verübung des Mordes,« bemerkte Holt sinnend. »Ich dachte, Derwent sei erst Samstag vor einer Woche angelangt?«

»So war es auch,« bestätigte Edwards. »Er schiffte sich auf dem Stirling-Castle ein, blieb in Teneriffa zurück und war demnach gezwungen, den Rest der Fahrt an Bord des ›Radnor‹ zurückzulegen, der Samstag vor acht Tagen in den Docks von Southampton einlief.«

»Es wäre mir von Interesse, über diesen Punkt ins klare zu kommen,« sprach der Inspektor. »Herr Arnold Derwent segelte auf dem Stirling-Castle von Kapstadt weg. Wäre er an Bord dieses Schiffes geblieben, so hätte er am achtundzwanzigsten Februar in England landen müssen; allein, er unterbrach die Reise auf Teneriffa und kam infolgedessen erst vor zehn Tagen hier an. Angenommen, Herr Edwards,« fuhr er unentwegt in seiner Beweisführung fort, »Derwent hätte die ganze Fahrt mit dem Stirling Castle gemacht, wäre am sechsten März neuerdings abgereist, und zwar nach Teneriffa – wie viel Zeit brauchte er, um zum zweiten Male auf englischem Boden zu landen?«

»Etwa eine Woche.«

»Es wäre demnach noch immer möglich gewesen, daß Arnold Derwent verflossenen Samstag mit dem ›Radnor‹ in Southampton ankam.«

Ein kurzes Schweigen folgte auf diese klaren, sachlichen Auseinandersetzungen. Neugierig blickte Holt seine nachdenklichen Gefährten an.

Doktor Viret nahm zuerst das Wort: »Mir sind derartige Verdächtigungen zuwider! Uebrigens läßt sich diese Frage auf sehr einfache Weise beantworten – Sie können durch Einsicht in die Schiffslisten jederzeit erfahren, ob Arnold Derwent sich bei der Ankunft des Schiffes in England an Bord des Stirling-Castle befand, was ich entschieden bezweifle.«

»Ich teile Ihre Meinung, Doktor,« stimmte Edwards mit Wärme bei. »Der junge Mann mag manchen leichtsinnigen Streich gemacht haben, doch halte ich ihn im übrigen für geradsinnig und ehrenhaft.«

»Das wird sich erweisen,« versetzte Holt. »Bemerkten Sie Spuren von Gewaltthätigkeit an Derwents Leichnam?« forschte er weiter, zu Viret gewendet.

»Ich sah den Körper noch nicht, die Nachricht, daß er entdeckt ist, wurde mir durch Herrn Fairford mitgeteilt.«

»Ich erinnere mich, der nächste Nachbar des ›Krähennestes‹, – derselbe Mann, der in einem ziemlich großen Hause ganz allein wohnt?« Inspektor Holt beobachtete Doktor Viret genau, wie es immer seine Gewohnheit war, wenn er jemanden einem ihm wichtigen Verhöre unterzog. »Oder irre ich mich? lebt er nicht allein?« fügte er scheinbar sich besinnend hinzu.

Viret lächelte in seiner ernsten Art. »Ich gab Ihnen unabsichtlich einen Fingerzeig,« entgegnete er leichthin, »im übrigen zählt dieses Gerücht zu den offenen Geheimnissen.«

»Dann darf ich Sie wohl bitten, mir zu sagen, was Ihnen darüber zu Ohren gekommen ist,« sprach der Inspektor.

Mit wenigen Worten schilderte Viret Lisas nächtliches Erlebnis und Arnolds Argwohn, auch berichtete er von dessen mißglücktem Versuche, die Wahrheit in fast gewaltthätiger Weise zu ergründen.

»Der junge Derwent schien sehr besorgt, das Rätsel zu lösen,« gab Holt zurück, »in seiner Lage nicht eben verwunderlich.«

»Auch ich finde es begreiflich, daß er bestrebt war, seines Onkels Tod zu beweisen,« fiel Edwards ein. »Er durfte, bevor dies nicht geschehen war, keinen Heller des Vermögens antasten. Da Sie selbst, Herr Inspektor, überzeugt waren, Derwent sei noch am Leben, fühlte ich mich nicht berechtigt, dem jungen Manne einen Vorschuß zu machen.«

»Also,« erwiderte der Inspektor, ohne auf die letzte Bemerkung einzugehen, »wenn es sich darum handelt, die Existenz dieser Frau nachzuweisen, so besitzen wir nur das Zeugnis einer Dienerin, denn Arnold Derwent hat ja nur Owen Fairford selbst gesehen.«

»Ich erachte es nach wie vor für ein leeres Gerücht,« meinte Viret, »das ich am liebsten gar nicht erwähnt hätte. Da nun aber dieser Punkt einmal zur Sprache gekommen ist, will ich gleich hinzufügen, daß Arnold trotzdem an seiner Theorie festhält und behauptet, Fairford habe, im Bewußtsein beobachtet zu werden, ihn vorsätzlich irre geführt.«

»Was sagen Sie zu dieser Auffassung?« fragte Edwards den Inspektor.

»Ich bin mir darüber noch nicht recht klar,« gestand Holt, »und möchte vorläufig noch einige andere Fragen an Herrn Doktor Viret richten: Ich vermute, Sie haben der Beerdigung von Frau Derwent beigewohnt – wie stand es mit dem Grabe – unausgemauert, natürlich?«

»O nein, es war eine mit Ziegeln ausgefütterte Gruft.«

»Was? Ist Ihnen nicht bekannt, daß ein Leichnam, der in einem gemauerten Grabe beigesetzt werden soll, in einem verlöteten zinnernen Schreine liegen muß? Nun würde es aber keine geringe Mühe kosten, einen derartig festen Uebersarg zu öffnen!«

»Erlauben Sie mir dieser ganz richtigen Einwendung zu begegnen,« erwiderte Doktor Viret. »Die Gruft ist ein altes Besitztum der Familie. Herr Derwent wünschte seine Frau darin zu bestatten, worauf noch genau so viel Platz übrig blieb, als er seinerseits benötigt hätte, um an ihrer Seite zu ruhen. Er verfocht mit Vorliebe einen Gedanken, den er gewiß auch mit Ihnen, Herr Edwards, wiederholt besprochen hat ...«

»Sie meinen seine fixe Idee, es sei am besten, den Leichnam möglichst rasch mit der Mutter Erde in Berührung zu bringen?« versetzte Edwards. »O ja, er erwähnte das öfters in meiner Gegenwart; es lag ihm sehr am Herzen.«

»Für Derwent bestand nun die Schwierigkeit darin,« fuhr Doktor Viret fort, »seine Lieblingsidee zur Geltung zu bringen, auch wenn er die ausgemauerte Gruft benutzte. Er zog Erkundigungen ein und fand, daß die Behörden auf besonderen Wunsch gestatten, den Hohlraum nachträglich mit Erde auszufüllen, daher in diesem Falle ein gewöhnlicher Holzsarg in Anwendung kam.«

»Derwent ging von der Annahme aus,« erklärte Edwards, »das Holz werde in kürzester Zeit vermodern und dadurch die rascheste Verbindung des Körpers mit der ihn umgebenden Erdschichte bewerkstelligt werden.«

»Hierin liegt auch der Grund,« fügte Doktor Viret bei, »warum die Gruft während der dem Begräbnisse folgenden Nacht offen geblieben war.«

»Wie,« rief Holt, »man verschloß sie nicht unmittelbar nach der Leichenfeier?«

»Nein,« antwortete Viret, »die Füllung des Grabes sollte erst am folgenden Tage vor sich gehen; doch muß man annehmen, daß der Totengräber die Gruft nicht unbedeckt gelassen hat.«

»Er wird Bretter über das offene Grab gelegt haben,« meinte Edwards, »der Verbrecher brauchte demnach nur diese wegzuräumen, den Sargdeckel abzuheben und die beiden Leichname zu vertauschen. Welchen Zweck er mit dieser entsetzlichen Handlung verfolgte, entzieht sich unserer Beurteilung und könnte nur durch eine eingehende Untersuchung festgestellt werden.«

»Vorläufig bleibt es eines der dunkelsten Rätsel, das mir je vorgekommen ist,« sagte der Inspektor. »Es ergiebt sich als Schlußfolgerung, daß der Mord in der Nacht des vierten März verübt wurde. Ist diese Annahme richtig, so müßte der Körper Zeichen von Gewaltthätigkeit an sich tragen, wir bedürfen daher noch manches aufklärenden Beweises.«

»Haben Sie vergessen, daß zu gleicher Zeit ein Einbruchsdiebstahl verübt wurde?« fragte Edwards den Inspektor.

»O nein, mein Gedächtnis ist treu.«

»Nicht wahr, Edwards,« sagte Doktor Viret, indem er sich erhob, »Sie werden Fräulein Derwent bei der Verhandlung vertreten, die voraussichtlich schon morgen stattfinden dürfte?«

»Sobald die Stunde des gerichtlichen Verfahrens festgesetzt ist,« antwortete Edwards, »bitte ich mich und Herrn Inspektor Holt telegraphisch zu benachrichtigen.«

Nachdem Viret dies versprochen hatte, verabschiedete er sich und kehrte mit dem nächsten Zuge nach Rookfield zurück.

Als der Doktor im Hause ankam, hatte sich Florence schon lange zur Ruhe begeben. Trotzdem sie aufs äußerste erschöpft war, floh jedoch der Schlaf ihre müden Augen. Wie oft hatte sie das Ende der qualvollen Ungewißheit herbeigesehnt – das ewige Hangen und Bangen schien ihr weit unerträglicher, als die Ueberzeugung, den Vater tot zu wissen; und nun, wiewohl ihr Klarheit zu teil geworden, begann der grausige Kampf von neuem! Seine Leiche war entdeckt, doch niemand wußte, wo die der Mutter verborgen lag. Einen Beweggrund für die Schandthat zu entdecken, schien ihr unmöglich und die Entweihung des Grabes erfüllte sie mit beinahe größerem Abscheu und Entsetzen, als das gewaltsame Ende ihres armen gemordeten Vaters.

»Herein, herein,« rief Doktor Viret, als Florence am Freitag Morgen gegen elf Uhr an die Thür des Laboratoriums pochte, nachdem sie der Bitte der Haushälterin nachgegeben und das Frühstück in ihrem Schlafzimmer eingenommen hatte. »Sie sehen hier den geheimnisvollen Raum, welchen Daubney die Schlachtbank zu nennen beliebt,« fügte er lächelnd hinzu, als er den neugierigen Blick bemerkte, mit dem Florence die Käfige an den Wänden musterte. »Unser teurer Pfarrer hält mich für einen gar kaltblütigen und herzlosen Schlächter.«

»Weil er Sie nicht kennt, wie ich und Ihre wenigen Freunde.«

»Es ist auch besser, wenn wir uns fremd bleiben, denn eine nähere Bekanntschaft mit mir würde ihn einer seiner angenehmsten Aufregungen berauben. – Vor Ihnen, liebes Kind, liegt ein schwerer Tag! Edwards und Inspektor Holt kommen hierher zur Verhandlung, welche, wie mir Cadman soeben mitteilte, um ein Uhr im Schulzimmer stattfinden wird. Doktor Brown nimmt die Totenschau vor und lange ehe Sie aufgestanden sind, war ich schon im ›Krähenneste,‹ um den Leichnam meines armen Freundes zu identificieren.«

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