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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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17. Kapitel.
Endlich eine Enthüllung.

Es war Donnerstag Morgen und der für Annens Begräbnis festgesetzte Tag. Im ›Krähenneste‹ hatte man alle Vorhänge herabgelassen. Die Sonne schien heiß auf das stille Haus des Todes, im Garten blühten und dufteten die Blumen.

Doktor Viret, der wie immer Florencens unausgesprochenen Wunsch erriet, hatte ihr angeboten, sie bei der traurigen Feier zu begleiten. Dankbar nahm sie es an – es war ja niemand außer ihm da, der geneigt schien, der alten Dienerin die letzte Ehre zu erweisen.

Das Begräbnis war für ein Uhr angesetzt. Gegen halb zwölf, als Florence die Morgenzeitung las und Arnold, müde auf einen Divan hingestreckt, seinen gebrochenen Arm pflegte, meldete die Glocke einen Besuch.

Es war Owen. Zu ihrem beiderseitigen Erstaunen stieß er das ihm vorantretende Hausmädchen zurück, vergaß jede Begrüßung, übersah die Gegenwart Arnolds, mit dem er seither nicht zusammengetroffen war, vollkommen, und eilte raschen Schrittes auf Florence zu. »Ich bringe böse Nachricht,« rief er, während seine breite Brust sich vor heftiger innerer Erschütterung hob und senkte.

»Vom Vater!« stammelte Florence, die bis an die Lippen erbleichte und entsetzt dem Boten ins Antlitz schaute.

»Herrn Derwents Leiche ist gefunden.«

Arnold erhob sich vom Sopha, – der verletzte Arm gestattete ihm keine rasche Bewegung. »Großer Gott!« rief er mit unterdrückter Stimme.

Florence war in ihren Sessel zurückgesunken; ihr Auge blieb trocken, ein tödlicher Schrecken lag auf ihrem fahlen Gesichte. »Wo? wo?« keuchte sie endlich, kaum imstande, ihr Empfinden in Worte zu fassen, »sagen Sie mir alles, auch das Schlimmste – ich kann es ertragen.«

»Ich beschwöre Sie, Florence, seien Sie tapfer,« mahnte Owen, »man fand Ihres Vaters Leichnam im Grabe der Mutter!« Er beugte sich teilnahmsvoll über das arme Mädchen, das mit weit vorquellenden Augen, die Lippen vor Entsetzen halb geöffnet, sich unbewußt an Owens Arm klammerte.

»Ich ging am Kirchhofe vorbei,« berichtete Owen, »und trat ein, da ich eine ungewöhnliche Ansammlung von Menschen bemerkte. Neben dem offenen Grabe Ihrer Mutter stand der Sarg, den man herausgenommen hatte und dessen Deckel man soeben wieder zu befestigen im Begriffe war.«

»Warum – warum haben sie ihn aufgemacht?« fragte Florence, vor Angst erbebend.

Arnold schritt langsam im Zimmer auf und ab. Auch der oberflächlichste Beobachter hätte erkannt, daß die Nachrichten, welche die Tochter mit natürlichem Grauen ergriffen, ihn auf ganz andere Weise berührten. Sein hübsches, ansprechendes Gesicht leuchtete von einer freudigen Erregung, die er kaum zu bemeistern vermochte.

»Als man das Grab öffnete,« berichtete Fairford, »entdeckte der Totengräber Mogford, daß mit dem obersten Sarge etwas nicht in Ordnung sei und sandte nach dem Wachtmeister Cadman. In dessen Gegenwart wurde der Deckel, der nur mit vier Schrauben befestigt war, abgehoben, und statt Ihrer Mutter Leichnam lag der tote Herr Derwent darin.«

»Auf jeden Fall,« warf Arnold dazwischen, »ist das Geheimnis endlich enthüllt.«

Zum erstenmale seit Owens Ankunft wurde sich Florence der Anwesenheit ihres Vetters bewußt. Sein Benehmen flößte ihr Abscheu und Verachtung ein – selbst in dieser grauenvollen Stunde dachte er nur an den eigenen Vorteil. Ach! wie tief sank er in ihrer Achtung. Das frühere, freundliche Bild, das sie noch festzuhalten bestrebt war, verblaßte für immer in ihrem Herzen.

»Das ist alles, was ich weiß,« fiel Owen rasch ein, wie um des anderen rohes Betragen zu bemänteln. »Man wird den Sarg hieher bringen – ich fürchtete, der unerwartete Anblick könnte Sie ohne Vorbereitung treffen.«

»Die Mutter!« stöhnte Florence. »Wo ist die geliebte teuere Mutter? Was hat man mit ihr gemacht? Wer hat ihren Leichnam entwendet und wo wurde er verborgen? O, es ist entsetzlich, noch viel grauenhafter, als ich es jemals auszudenken wagte! Man hat schimpflich an ihr gehandelt – nur ein Unmensch konnte solcher That fähig sein!«

Noch während sie sich dem ersten, sinnbethörenden Schmerze hingab, hörte man von draußen den Schall schwerer Tritte. Mit einem bangen Blick auf ihr geisterhaft bleiches Gesicht öffnete Owen die Thür und eilte hinaus.

»Sagte ich dir doch, Onkel Roderich sei tot,« rief Arnold, der seiner Befriedigung Luft machen mußte. »Geschworen hätte ich darauf! Nun,« fuhr er fort, als könnte er sich das für ihn so erfreuliche Resultat nicht oft genug wiederholen – »auf jeden Fall ist das Rätsel endlich gelöst.«

»Gelöst!« fiel Florence mit bitterem Vorwurfe ein, »im Gegenteil, wir stehen einem noch weit dunkleren Geheimnisse gegenüber, einem Verbrechen, das uns mit Schauder erfüllen muß. Wann und wo wird es aufgedeckt werden? Wer hat den Vater gemordet, der Mutter Grab entheiligt?«

Beide schwiegen, Florence erschöpft, Arnold mit seinen Gedanken beschäftigt; nur des Mädchens stürmische Atemzüge, das Ticken der schwarzen Marmoruhr auf dem Kamine, sowie Arnolds rastloses auf und nieder Wandeln unterbrachen die tiefe Stille. Das Geräusch seiner Schritte that Florence weh, sie bat ihn, ruhig zu bleiben – er willfahrte, und als kein Laut sie mehr störte, horchte das Mädchen mit angehaltenem Atem auf jeden Ton, der von außen an ihr Ohr schlug. Sie vernahm schwere Tritte auf der Stiege, wie von Männern, die eine Last langsam vorwärts bewegen, dann wieder Stille, bis die Thür aufging und Owen von neuem erschien.

»Verzeihen Sie, daß ich mir so viele Freiheiten nehme,« sagte er, rasch an ihre Seite tretend – »ich habe Ihren Dienern Befehle gegeben, als ob sie die meinen wären. Der Sarg ist hinaufgetragen worden.«

»In sein Zimmer?«

»Ich dachte, das würde Ihnen recht sein.«

Sie erhob sich schnell. »O,« rief sie, »wird man dem teuern Vater endlich Ruhe gönnen! Bitte, Herr Fairford, ich muß ihn sehen.«

Er öffnete ihr sogleich die Thür. Wer sie kannte, der wußte auch, daß sie bei aller Sanftmut einen starken Willen besaß.

Der Sarg, von Staub bedeckt, wie man ihn aus der Gruft genommen, stand auf drei Stühlen am Fußende des Bettes, Arnold auf der einen, Florence auf der anderen Seite. Owen hob den Deckel und lehnte ihn gegen den Ankleidetisch.

Thränenlos sah das Mädchen auf das teuere Antlitz herab; des Zeitraumes vergessend, der seit dem Verschwinden ihres Vaters verflossen war, hatte sie erwartet, die geliebten Züge würden noch unentstellt sein, ein getreues Abbild des Lebenden, friedvoll und bleich, gleich jenen der Mutter, als sie diese zum letztenmal sehen durfte. Wie anders nun die grause Wirklichkeit! –

Noch erschütternder als auf Florence wirkte der Anblick auf Arnold. Der Stoß, den sein Nervensystem durch den Armbruch erlitten hatte, mochte wohl schuld daran sein. Während Florence nur stumm ihr Antlitz in beiden Händen verbarg, taumelte er nach rückwärts und wäre zweifellos gefallen, hätte nicht Owens starker Arm ihn gehalten.

»Schwach, wie ein Weib!« sagte er eine Minute später, gleichsam zu seiner Entschuldigung. »Ich sollte an einen derartigen Anblick durch meine medizinischen Studien gewöhnt sein, allein fast raubt er mir die Sinne.«

Als sie das Trauergemach verließen, wandte sich Owen zu Florence: »Sie dürfen in diesem Hause nicht bleiben,« bat er dringend.

»Was fällt Ihnen ein – wozu setzen Sie ihr das in den Kopf?« rief Arnold, als sie ins Speisezimmer traten; »überdies ...«

An Fairford ging Arnolds Einwendung spurlos vorüber. Er sorgte ausschließlich für Florence, und sie fühlte sich getröstet in dem Bewußtsein, daß ein starker, besonnener Mann für sie dachte und handelte.

»Doktor Viret wartet nur darauf, Sie in seinem Hause aufzunehmen,« redete er ihr teilnehmend zu. »Ich würde Sie am liebsten sofort nach dem ›Lorbeerhofe‹ führen.«

Florence zögerte einige Minuten, sie beobachtete aufmerksam Arnolds Benehmen. Was sie heute an ihm erfahren hatte, erleichterte ihr nicht nur den Abschied, sondern bildete geradezu ihren Hauptbeweggrund, das Vaterhaus zu verlassen. Sie nahm daher Owens Vorschlag an, sagte, daß sie in kürzester Zeit bereit sein werde, und ließ die beiden jungen Männer allein.

»Wahrhaftig, Fairford,« rief Arnold, »Sie nehmen sich viel heraus! Doch könnte ich Ihnen manches verzeihen in Anbetracht der wichtigen Entdeckung, deren Ueberbringer Sie waren.«

Florence schied nicht ohne heißes Weh von der Heimstätte, der sie voraussichtlich für immer Lebewohl sagte. Sie empfand klar die Unmöglichkeit ihres Bleibens, solange sich des Vaters Leiche im Hause befand und Arnold die Genugthuung, welche ihn erfüllte, rücksichtslos zur Schau trug. Mit einem flüchtigen Händedruck trennte sie sich von ihrem Vetter und folgte Owen durch den Garten auf die freie Dorfstraße.

»Herr Derwent ist der Meinung, ich hätte mir zu viele Freundesrechte angemaßt,« sagte Owen nachdenklich »ich hoffe, Sie teilen diese Ansicht nicht.«

»O nein!« entgegnete sie treuherzig, »ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet.«

Schweigend gingen sie weiter. Als sie sich dem Kirchhofe näherten, legte Owen wortlos Florencens Arm in den seinen, denn noch immer umstanden müßige Gaffer das offene Grab, und er beschleunigte den Schritt, um so rasch wie möglich Doktor Virets Haus zu erreichen.

Der Doktor stand in der Halle, als er die jungen Leute den Gartenweg heraufkommen sah. Ueberrascht, Florence in Owens Begleitung zu sehen, eilte er ihnen hastig entgegen.

»Sie haben den Vater gefunden und nach Hause gebracht!« rief das Mädchen ihm zu, »doch ach! nur seinen Leichnam!«

Diese unerwartete Nachricht schien den Doktor für einen Augenblick gänzlich zu überwältigen. Er faßte sich jedoch wunderbar schnell, nahm zärtlich Florencens Hand und geleitete sie nach dem Laboratorium. Ohne seine Fragen abzuwarten, erzählte sie ihm alles, was sie bisher erfahren hatte. »Er lag im Sarge der Mutter,« schloß sie atemlos. »O, Doktor, sagen Sie mir, wo hält man die arme teuere Mutter verborgen?«

Sie kam über diesen Gedanken nicht hinweg, welcher sie nun empfindlicher schmerzte, als die Bestätigung ihrer traurigsten Befürchtungen über das Schicksal des Vaters – den Leichnam der Mutter entwendet zu wissen, war mehr, als sie ertragen konnte.

»Haben Sie den Toten gesehen?« fragte Viret, nachdem Owen ihm die näheren Umstände der Entdeckung mitgeteilt hatte.

»Ja, ich sah ihn,« erwiderte Florence – »es war eine Pflicht, der ich mich nicht entziehen durfte. War es wirklich der Vater? Ich konnte diese entstellten, formlosen Züge nicht mehr erkennen. Ach, mein Freund, erklären Sie mir, was mit der Mutter geschehen ist? Wer hat sie geraubt und wo ruht nunmehr ihre Leiche?«

Mit väterlicher Teilnahme legte Doktor Viret die Hand auf die Schulter des weinenden Mädchens, wobei er Owen bedeutungsvoll ansah.

»Ich hielt es für unangemessen, Fräulein Derwent länger im ›Krähenneste‹ zu lassen,« erklärte letzterer; »wenn ich nun hier nicht weiter von Nutzen bin ...«

»Wir haben noch Annens Begräbnis vor uns,« fiel Doktor Viret ein. »Die Zeit eilt – es sollte jemand dem Sarge folgen – Derwent wollen wir gar nicht darum angehen, und für mich bleibt manches andere zu besorgen. Es wird,« fuhr er zu Florence gewendet fort, »wahrscheinlich schon morgen eine gerichtliche Untersuchung stattfinden. Ihre Interessen müssen hierbei durch einen Anwalt – am besten durch Edwards vertreten werden. Es ist zu spät zum schreiben, kaum noch Zeit, nach London zu reisen und Edwards vor Kanzleischluß zu sprechen. Ich muß mit dem nächsten Zuge fort – wer wird also unsere Stelle bei Annens Leichenzug einnehmen?«

Die Befürchtung, man würde ihre alte Dienerin ungeleitet ins Grab senken, berührte Florence auf das wehmütigste. In dieser neuen Verlegenheit blickte sie flehend auf Owen; er verstand sie, ohne daß sie die Bitte in Worte kleidete, erklärte sich bereit, dem Begräbnisse beizuwohnen und eilte schleunigst nach dem ›Krähenneste‹ zurück.

Nachdem Doktor Viret seine Haushälterin, eine schmächtige, alte Frau von etwa sechzig Jahren, mit weißem Haare und welkem Gesicht, doch sanftem, gütigem Benehmen, gerufen und Florence ihrer Sorge übergeben hatte, verließ auch er in Eile das Haus.

Auf dem Wege zur Eisenbahn hielt er im Postamte an und sandte folgendes Telegramm an Edwards: »Derwents Leichnam gefunden – komme, mich mit Ihnen zu beraten.«

Schon mit dem nächsten Zuge dampfte er der Hauptstadt zu.

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