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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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15. Kapitel.
Angriff und Niederlage.

Am Abend, nach Tische, überließ Florence ihren Vetter seinen eigenen Gedanken, und kam erst gegen elf Uhr aus Annens Zimmer herab, ihm gute Nacht zu sagen.

»Lasse die Lichter nicht löschen,« bat Arnold, »es ist zu früh für mich, um hinauszugehen, ich kann ganz gut noch ein paar Stunden hier behaglich sitzen bleiben.«

Florence faltete flehend die Hände und sah angstvoll in Arnolds ihr zugewandtes Antlitz. »Wohin willst du gehen?« stammelte sie.

»Wohin anders, als auf Wache!«

»Ach, Arnold,« rief sie, »ich dächte, du hättest schon genug davon.«

»Genug? nachdem ich noch gar nicht begonnen habe! Ich sagte dir ja, Flora, ich gedenke dieses Weib mit eiserner Hartnäckigkeit zu verfolgen.«

»Vergiß, was du mir gesagt hast, Arnold! Mir zuliebe, laß' ab von deinem Vorhaben! Fairford war ein Freund meines Vaters, ist auch mir ein Freund geworden – heute früh besuchtest du sein Haus, unter dem Vorwande, seine Bekanntschaft fortzusetzen. Arnold, nur dies eine Mal laß' dich überzeugen und schenke meinen Wünschen Gehör!«

»Thut mir leid, Flora, aber ich kann nicht!« antwortete er rauh, »es ärgert mich ohnehin, wenn du an dem Burschen, den du kaum drei Monate kennst, so lebhaftes Interesse nimmst. Geh' zu Bett! Wenn ich dir morgen die Wahrheit enthülle, wirst du mir Dank wissen, daß ich zum erstenmal in meinem Leben standhaft geblieben bin.«

Traurig verließ Florence das Zimmer, während Arnold sich bequem auf zwei Stühlen hinstreckte. Bald nach Mitternacht erfaßte ihn Unruhe, der Drang, etwas zu unternehmen. Die Nacht war kühl, er schlug den Kragen seines Ueberrockes hinauf und machte sich langsam auf den Weg.

Er hatte nicht weit zu gehen. Unter den herabhängenden Zweigen des Maulbeerbaumes stellte er sich auf, um von dort die beiden Gitterthore zu beobachten, welche nach dem Garten der ›Waldaussicht‹ führten. Wiewohl er mit einer Ausdauer, die eines Joseph Bodger würdig gewesen wäre, nahezu zwei Stunden wartete, unterschied sein Ohr keinen anderen Laut, als den Schlag der ziemlich entfernten Kirchturmuhr, den verschiedene Uhren im Innern des Hauses mit regelmäßigem Echo beantworteten, sowie das leise Rauschen der Blätter im Nachtwinde, und ab und zu das Krähen eines ruhelosen Hahnes.

Es war elf Uhr vorbei, als Arnold am nächsten Morgen zum Frühstück kam.

»Hatte kein Glück verflossene Nacht,« sagte er ingrimmig. »Natürlich, ich forderte den Burschen selbst zur Wachsamkeit heraus, war ein gräulicher Thor! Doch wir wollen sehen, Flora, wer von uns beiden zuerst ermüdet, ich oder er.«

Arnold Derwent war nicht der einige in Rookfield, der sich den Kopf über die geheimnisvolle schwarze Dame zerbrach. Nachdem Lisa Sonntag Nachmittag andächtig dem Gottesdienste beigewohnt hatte, ging sie nach ihres Vaters Wohnung, einem reinlich gehaltenen, weiß getünchten, mit Stroh gedeckten Häuschen, in angemessener Entfernung vom Kirchhofe gelegen, dem langjährigen Arbeitsfelde des braven Mogford.

»Ich bin der Meinung, Lisa, du sahst ein Gespenst,« behauptete Frau Mogford, das einzige schwarzhaarige Mitglied der Familie, »du kannst mir glauben, ich habe schon manchmal eins gesehen, zum Beispiel in der Nacht, ehe die arme Tante Lotti starb.«

»Es war kein Gespenst,« erklärte Johann, der älteste Sohn, »ich bin noch nie einem begegnet, ich wette, es würde sich menschlich geberden, sobald man es faßte!« Johann lachte laut.

»Wenn es kein Gespenst war,« erwiderte Frau Mogford, »so begreife ich nicht, warum man sich vor ihm fürchten sollte. Einen Menschen kann man doch ruhig durch das Dorf gehen lassen, wann es ihm beliebt, – was meinst du, Vater?«

»Ich teile ganz deine Meinung, Emma,« antwortete Mogford, den die Erfahrung gelehrt hatte, wie viel Unannehmlichkeit und Streit vermieden wurde, durch die von ihm stets beobachtete Vorsicht, seiner Frau unbedingt Recht zu geben. Er war ein untersetzter, krummbeiniger Mann mit schwermütigem Gesicht, einem Wuste brandroter Haare und unvertilgbarem Erdgeruche in den Kleidern.

»Wir wollen bald ergründet haben, wer es ist,« meinte Jakob, der Jüngstgeborene.

»Wie willst du das herausbekommen?« fragte Lisa.

»Aufpassen und mit eigenen Augen sehen. Ist das nicht das einzig Richtige? Wenn du einen Gegenstand erkennen willst, so mußt du ihn genau anschauen, dann wird er dir klar! Hältst du mit, Johann?«

»Ich bin dabei, Jakob.«

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Frau?« fragte Vater Mogford mit einiger Besorgnis.

Frau Mogford schwankte zwischen dem Bestreben, ihre waghalsigen Sprößlinge unter den natürlichen Schutz des Vaters zu stellen und dem Wunsche, diesen vor etwaigen Gefahren zu behüten; trotzdem wurde der Plan ausgeheckt und Lisa teilte Florence am Montag Morgen das Vorhaben ihrer Brüder ausführlich mit.

Als das junge Mädchen im Laufe desselben Tages Owen Fairford im Dorfe begegnete, blieb sie stehen und sprach ihn an. Er schien den peinlichen Auftritt während seines Besuches im ›Krähenneste‹ sowie seine damalige Befangenheit gänzlich vergessen zu haben, begrüßte Florence freudig und fragte sofort nach Annens Befinden.

»Sie geht rasch dem Tode entgegen,« erwiderte Florence. »Doktor Viret zweifelt, daß sie den heutigen Tag überleben wird. Hätte er mich nicht so sehr gedrängt, wenigstens eine halbe Stunde Luft zu schöpfen, so wäre ich kaum zu bewegen gewesen, die arme Sterbende zu verlassen.«

Als ihre schmalen Finger in seiner großen, kräftigen Hand ruhten, erfaßte sie eine unbezwingliche Sehnsucht, ihm das abgekartete Spiel zu verraten. Doch sie wagte es nicht, so schwer ihr auch die Sorge aufs Herz fiel, daß sowohl Arnold als die Mogfords, ohne von einander zu wissen, auf dem Ausluge standen und Owens Sicherheit gefährdeten.

Ein dritter, der wachsamste von allen, den weder Florence noch Fairford im Verdacht hatten, lag mittlerweile ebenfalls stets auf der Lauer. Joseph Bodger hatte im ›Gasthause zum Löwen‹ von dem Schlachtplane der Mogfords flüstern hören, und war entschlossen, sich von den beiden Jungen nicht das Brot aus dem Munde nehmen zu lassen. Mit Befriedigung bemerkte er, daß die Wolken, welche den ganzen Tag über Rookfield gehangen hatten, sich gegen fünf Uhr in einem heftigen Guß zu entladen begannen. Wenn die Mogfords thöricht genug waren, trotzdem auf die Jagd zu gehen, so würde ihr Unternehmen zweifellos zu Wasser werden, denn wer sollte sich einem derartigen Unwetter aussetzen!

Bodger selbst zog sich gegen elf Uhr in seine Schlafkammer zurück. Klatschend schlug der Regen auf das Dach über seinem Haupte, er hörte eine Thür auf- und zugehen, und erreichte noch rechtzeitig seinen Beobachtungsposten, um zu sehen, wie eine große, dunkle Gestalt durch das Gitterthor schritt, die allem Anscheine nach der bekannten nächtlichen Wanderin vollkommen glich, nur das sonst verschleierte Gesicht konnte er diesmal nicht gewahren, da der Kopf der unheimlichen Erscheinung durch einen aufgespannten Regenschirm gänzlich verdeckt wurde.

Wie sehnlich Joseph auch wünschte, der Gestalt nach gewohnter Art zu folgen, er wagte es heute nicht. Abgesehen von dem Umstande, daß er nicht genügend warm gekleidet war, um dem tosenden Sturme Widerstand zu leisten, konnten möglicherweise auch die Mogfords auf Wache stehen und einen Zusammenstoß mit ihnen wollte Joseph als vorsichtiger Mann vermeiden.

In der That spähten drei rothaarige Köpfe, von schwarzen Kappen bedeckt, hinter der Kirchhofsmauer hervor, wenige Klafter vom Eingangsthor entfernt. Der Regen floß in Strömen auf die zusammengekauerten Gestalten. Mogford, der Vater, bedauerte lebhaft, seine Söhne, die kein Wetter von dem erwarteten Spaße abzuhalten vermochte, bei diesem tollen Unternehmen begleitet zu haben.

»Halb eins,« flüsterte Johann, als die Turmuhr die erste halbe Stunde nach Mitternacht schlug.

»Ich möchte nur wissen, wie lange das noch dauern wird!« brummte der alte Mogford, indem er es versuchte, sich besser einzuhüllen, um dem Wasser weniger Durchgang zwischen Rock und Nacken zu gestatten.

»Holla!« rief Johann, »ich höre etwas!«

Sie steckten die Köpfe zusammen und lauschten angestrengt. In das eintönige Geplätscher des herabströmenden Regens mengte sich deutlich der Schall schwerer, regelmäßiger, langsam näher kommender Schritte.

»Höre, Johann,« lispelte Jakob, »ich und der Vater wir wollen hier bleiben, während du zum Gitterthore gehst und das Weib überfällst.«

»Nein, nein, Jakob, ich bleibe mit dem Vater und du gehst ihr entgegen.«

»Am besten wäre es, der Vater ginge allein!« meinte Jakob, der im entscheidenden Augenblicke alle Lust zur Führerschaft verloren hatte.

»Laßt uns alle drei zusammen ihr den Weg vertreten,« entschied der Vater.

Ein unterdrückter Schrei entschlüpfte sämtlichen Helden.

»Sie kommt!« stöhnte Johann aus heiserer Kehle.

Vorsichtig streckten sie ihre Häupter über die Mauer und lugten ins Freie. Den Jungen klapperten die Zähne vor Furcht, und Vater Mogford, der kein Gebiß mehr aufzuweisen hatte, zitterte wie Espenlaub.

Da kam die große, finstere Gestalt dahergeschritten, genau wie Lisa sie beschrieben hatte; das Gesicht war durch den Regenschirm verdeckt, die bloße, linke Hand hing an der Seite herab. Als die Erscheinung auf gleiche Höhe mit ihnen kam, duckten sich die Mogfords in ihrem Hinterhalt noch tiefer, und krochen unter dem Schutze der Mauer nach dem Gitterthore. Vater Mogford öffnete es.

»Macht keinen Unsinn!« brummte Jakob, den lebhaftes Verlangen beseelte, bei geschlossenem Thore zurückzubleiben; da jedoch das Gitter bereits offen stand, schritten sie einmütig vorwärts und machten vor dem schwarzverhüllten Wesen Halt, um ihm den Weg zu vertreten. Im nächsten Augenblick flog der Regenschirm in die Höhe, zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen sahen sie sich dem strengen Antlitze Owen Fairfords gegenüber. Er trug einen langen, schwarzen Mantel, welche seine Figur derart verbarg, daß bei der herrschenden Dunkelheit und dem dichten Regen ein Irrtum in betreff des Geschlechts leicht erklärlich war.

»Was wollt ihr?« rief Fairford. »Warum versperrt ihr die ganze Breite des Weges?«

Mogford fühlte, er sei in eine böse Falle geraten, auch wußte er nicht, welche Entschuldigung er vorschützen solle. Er zog die Kappe, kraute sich den struppigen Kopf, stammelte eine unverständliche Bitte um Vergebung und trat, gefolgt von seinen Söhnen, einen schmählichen Rückzug an. Er versicherte später, man hätte ihn in dieser Verwirrung mit dem kleinen Finger umwerfen können, sein Weib aber meinte kurz und bündig: »Lisa ist rein übergeschnappt!«

Noch waren indessen die Ereignisse der Nacht nicht zu Ende. Treu seinem Worte, hatte Arnold schon öfters umsonst gewacht und gewartet. Er versicherte Florence, hätte er nicht durch seinen Besuch in der ›Waldaussicht‹ Owen zu verdoppelter Vorsicht veranlaßt, so wäre jene Frau gewiß zum Vorschein gekommen und ihm von selbst in die Hände gefallen. Die heutige Nacht schien seinen Absichten besonders günstig. Fairford konnte ihm nicht so viel Zähigkeit zutrauen, um auch den entfesselten Elementen zum Trotze auf seinem Posten auszuharren. Gerade bei solchem Wetter würde er seine Wachsamkeit aufgeben und der Frau, die er zweifellos während der vergangenen Nächte im Hause eingeschlossen hatte, einen Ausgang gestatten.

Etwas nach halb zwölf war Arnold auf den Anstand unter dem Maulbeerbaum gegangen, nachdem er so lange als thunlich gezögert, um die heute wenig beneidenswerte Wacht möglichst zu beschränken. Der dicht niederfallende Schüttregen legte sich ihm gleich einem Schleier vor die Augen. Als er gegen ein Uhr Schritte zu hören vermeinte, streckte er den Kopf spähend nach vorn und bemerkte in der That eine Gestalt, die soeben im Begriffe war, das entferntere der beiden Gitterthore zur ›Waldaussicht‹ zu durchschreiten. Schleunigst rannte Arnold längs der Hecke hin, um den Garten durch das zweite ihm näher gelegene Thor zu erreichen. Er wollte der nächtlichen Erscheinung den Weg verlegen, bevor diese zur Hausthür gelangen konnte.

Trotz seines beflügelten Laufes kam Arnold zu spät am Eingange an. In der Erregung, die ihn aller Besonnenheit beraubte, warf er sich mit Gewalt gegen die Thür; diese wurde von innen aufgerissen und er stand Owens blassem, finsterem Gesichte gegenüber. Doch Arnold ließ sich nicht einschüchtern; rasch setzte er den Fuß auf die Strohmatte, um sich den Eintritt zu erzwingen.

»Verlassen Sie mein Haus!« rief Owen, indem er drohend auf den Eindringling niedersah. Allein Arnolds Blut war in Wallung geraten; ungestüm trat er um einen Schritt vor; doch schon war Owen zurückgetreten, hatte den rechten Arm gerade ausgestreckt und dem nach vorwärts drängenden Arnold einen kräftigen Schlag mitten auf die Stirn versetzt, der ihn seiner ganzen Länge nach auf dem Kiesweg zu Falle brachte.

Arnold stürzte auf den Ellbogen, den er im rechten Winkel gebogen hatte. Als Owen das Thor zum zweitenmal schließen wollte, hörte er einen lauten Schmerzensschrei und eilte die Stufen hinab.

»Sind Sie verletzt?« fragte er, sich über den Gefallenen beugend.

»Großer Gott, Sie haben mir den Arm gebrochen!«

»Was fiel Ihnen ein, gewaltsam den Weg in mein Haus zu erzwingen?« fuhr Owen fort, während er Arnold unter die Schultern griff, um ihm aufzuhelfen.

»Machen Sie mir jetzt keine Vorwürfe,« stieß Arnold mühsam heraus. »Nehmen Sie ein Taschentuch und knüpfen Sie eine Schlinge. War gut gezielt – hat wenig gefehlt, und ich läge beim Henker als toter Mann hier am Wege.«

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