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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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14. Kapitel.
Arnold macht einen Besuch.

»Wie geht's der alten Anna, Flora?« fragte Arnold Samstag morgens beim Frühstück. »Hatte sie eine ruhige Nacht?«

»Eine Nacht der heftigsten Schmerzen,« lautete die Antwort. »So oft sie einschlummern wollte, fuhr sie in Erstickungsnot angstvoll empor. Doktor Viret meint, sie werde in einem dieser Anfälle hinübergehen.«

» Angina pectoris, deutlich nachweisbar,« sagte Arnold mit selbstbewußter Weisheit. »Du solltest eine Wärterin nehmen, du kannst das unmöglich Nacht für Nacht aushalten.«

»Wir müssen die Auslagen berücksichtigen,« erwiderte Florence, deren Gesicht die Spuren großer Müdigkeit trug; – »du vergissest, Doktor Viret sorgt thatsächlich für alle unsere Bedürfnisse; auch ist Anna keine gewöhnliche Dienerin, – was in meinen Kräften steht, thue ich gern für sie.«

»Wenn das der Fall ist, läßt sich nichts dagegen sagen,« entgegnete Arnold, indem er sich erhob. »Uebrigens, Flora, ich habe einen Besuch vor.«

»Wo?« fragte Florence rasch aufblickend.

»Wo anders als bei unserem Nachbar?«

»Arnold!«

»Warum sollte ich Fairfords Besuch nicht erwidern? Es ist doch weiter nichts daran, wenn ich einen Freund von dir und Onkel Roderich begrüße? Oder hast du etwas dagegen einzuwenden, einen vernünftigen Grund vorzubringen?«

»Frage nicht nach meinen Gründen, Arnold, allein ich wünsche entschieden, daß du nicht zu Fairford gehst, ja, ich bitte dich, mir den Gefallen zu erweisen und diesen Besuch zu unterlassen.«

»Sieh', Flora,« antwortete er, »ich wüßte wenig Dinge, die ich nicht willig aufgeben könnte, sobald du es von mir begehrst.«

»Ja, ja, es wird uns leider zumeist nur das gewährt, was wir nicht verlangen,« versetzte Florence trübe. »Ich wünsche nur eines, aber an der Erfüllung dieser Bitte hängt mein Herz.«

Florence sah flehend zu ihm empor. Arnold zog einen Stuhl an ihre Seite, setzte sich neben sie, und lehnte sich mit gekreuzten Armen über den Tisch.

»Liegt dir nicht ebenso viel daran, wie mir, die Wahrheit über Onkel Roderichs Tod zu erfahren?« fragte er im Tone gewinnender Ueberredung.

»Du weißt, wie sehr ich mich nach Aufklärung sehne, wie begierig ich bin, den Thatsachen endlich auf den Grund zu kommen, doch weder Fairford noch – noch irgend jemand in seinem Hause könnte uns hierüber auch nur die geringste Mitteilung machen. Sie wissen nicht mehr als ich und du.«

»Ich weiß gar nichts! Wie sollte ich auch, da ich zur betreffenden Zeit noch nicht in England war; doch sie weiß alles – je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr befestigt sich meine Ueberzeugung.«

»Du weisest also meine Bitte zurück?« rief Florence, indem sie sich in ihrer ganzen Höhe aufrichtete, so daß Arnold, in Bewunderung ihrer schönen Gestalt verloren, für einen Augenblick Owen und den besprochenen Besuch vergaß – »nur um diese eine kleine Gefälligkeit hatte ich dich gebeten, und du bist hartherzig genug, mir nein darauf zu sagen.«

»Der Teufel weiß, ich hätte lieber mit ja geantwortet,« versetzte Arnold, »allein um deinethalben, ebenso wie in meinem Interesse halte ich fest an dem einmal gefaßten Entschlusse.«

»Das ist barer Unsinn!« gab Florence unwillig zurück – »du brauchst meinethalben gar nichts zu unternehmen.«

»Gut!« fuhr Arnold fort. »Sobald du von der Ansicht ausgehst, jene Frau könne uns keine Mitteilung machen, wo liegt dann ein Grund zur Unruhe, wenn ich Fairford besuche? Woher kommt dir diese auffallende Sorge, besagtes Weib in irgend einer Hinsicht belästigt zu wissen?«

Ein Erröten flog über Florencens Wangen. »Nicht aus diesem Grunde,« erwiderte sie ruhiger, »glaubst du wirklich, daß diese – diese Person in der ›Waldaussicht‹ wohnt?«

»Ich glaube daran, so wie du, Flora.«

»Wenn auch, so wünscht Fairford entschieden die Sache geheim zu halten, und ich verabscheue jede Einmischung in die Angelegenheiten fremder Leute.«

»Damit sind wir auf den Kern der Frage gekommen. Ich halte diese Sache für meine eigene Angelegenheit, weil sie mich persönlich sehr nahe berührt. Ich beabsichtige nicht, meinen Plan vorschnell zu verraten, für heute gilt es nur einen flüchtigen Besuch abzustatten, dessen geheimer Zweck Fairford verborgen bleiben soll – ein freundschaftlicher Gang von einem Nachbar zum andern.«

»Jawohl – freundschaftlich!« rief Florence vorwurfsvoll. Sie ließ Arnold allein und flüchtete in die Einsamkeit ihres Zimmers, von dem Gedanken gequält, sie habe in dem Bestreben, Owen zu schonen, ihre innersten Empfindungen allzusehr preisgegeben. War sie denn in der That so sicher, daß die vielbesprochene Frau in keiner, wenn auch der harmlosesten Verbindung mit ihres Vaters Verschwinden stand? Und war es so weit mit ihrem Herzen gekommen, daß sie lieber die Wahrheit umging, als Owen einer Unannehmlichkeit auszusetzen? Oder fürchtete sie vielleicht eine Enthüllung, welche Owens guten Ruf schädigen konnte?

In betreff Arnolds empfand Florence erneute Bitterkeit und Enttäuschung. Wie gering war der Einfluß, dessen er sie in prahlerischer Weise versichert hatte. Erst vorgestern hatte er erklärt, sie besitze die Macht, sein Leben zu festigen oder zu vernichten, und heute schon schlug er die erste Bitte, die sie an ihn richtete, rundweg ab. –

Das Glück begünstigt den Kühnen! Owen stand auf den Stufen zur Hausthür, als sein Besuch gegen elf Uhr vormittags den Garten der ›Waldaussicht‹ betrat.

»Ein schöner Morgen!« rief Arnold näher kommend in der ihm eigenen munteren, umgänglichen Art. »Zu Hause war es unausstehlich trübe, ich dachte, es wäre am besten, ein wenig herüberzukommen. Wie ich sehe, sind Sie ein Müßiggänger gleich mir. Erlauben Sie, daß ich eintrete und mich auf ein Stündchen bei Ihnen niederlasse.«

Owen schien mit der Antwort zu zögern – Arnold machte sich bereits auf eine abweisende Bemerkung gefaßt, doch in der nächsten Minute schritt ihm der Hausherr nach der Halle voran.

»Treten Sie ein,« sagte er in einem Tone, der kühl genug war, um jeden weniger dickfelligen Menschen noch an der Schwelle zurückzuhalten. »Wenn es Ihnen gefällig ist, ins Speisezimmer. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?«

»Habe nichts dagegen. Sie wissen, was ein Junggeselle braucht; ein Frauenzimmer versteht davon nichts. Ich bin überzeugt, auch Sie finden Rookfield nicht gerade erheiternd!« fuhr er fort, indem er sich von dem Branntwein mit Sodawasser einschenkte, den Owen vom Nebentische genommen und ihm vorgesetzt hatte.

»Nein, ich könnte es nicht behaupten!« antwortete Fairford, der seines Gastes Beispiel folgte und ebenfalls Platz nahm.

»Meine Base erzählte mir, Sie lebten hier ganz allein?«

Owen nickte zustimmend.

»Wie, um des Himmels willen, vertreiben Sie sich dann die Zeit? Ich vermute, indem Sie Vögel schießen? Sind Sie Jäger?«

»Jetzt, im April?« fragte Owen lächelnd.

»Verzeihung – ich vergaß – um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich fange an, etwas kindisch zu werden. Mein Kopf faßt nur einen Gedanken und kommt über diesen nicht hinweg. Wenigstens habe ich keinen Zweifel, was meine Aufgabe ist. Denken Sie sich in meine Lage, hier stehen tausend Pfund jährlich, reif zur Ernte, und doch darf ich keinen Heller davon anrühren, wenn es mir nicht gelingt, meines Onkels Tod zu beweisen. Nicht daß mich der Wunsch beseelte, seine Mörder der gerechten Strafe zu überliefern ...«

»Falls er ermordet wurde!«

»Sie glauben das also nicht?«

»Ich möchte mir gar keine Meinung bilden, sondern vorurteilsfrei bleiben, bis ein Beweis zu Tage gefördert wurde,« versetzte Owen ruhig.

»Zum Henker!« rief Arnold, dessen Kopf sich sehr leicht erhitzte. »Sie werden doch eine Ansicht über die Sache haben?«

»Wenn ich gezwungen wäre, meine Meinung zu sagen,« erwiderte Owen kalt, »so würde ich der Vermutung beistimmen, Herr Derwent habe einen Selbstmord verübt.«

»In welchem Winkel der Erde steckt dann sein Körper?«

»Könnte ich Ihnen diese Frage beantworten, so wäre die Wahrheit schon längst an den Tag gekommen. Ohne Zweifel war Herr Derwent außer sich vor Gram und Schmerz, sein Bett blieb unberührt, er hatte demnach während der Nacht keine Ruhe gefunden. Um elf Uhr hörte man ihn verzweiflungsvoll den Namen seiner Gattin rufen, ein Beweis, daß sein Geisteszustand, wenigstens in diesem Augenblick, ein unnatürlicher war. Ich teile nicht Inspektor Holts Meinung, er habe ohne besonderen Zweck das Haus verlassen, und zwar aus dem Grunde, weil ich mich verschiedener Fälle ersinne, in welchen Selbstmörder alles daran setzten, um die Spuren ihrer That nach Möglichkeit zu verwischen.«

»Gut!« sagte Arnold, indem er sich, lebhaft angeregt von dem Gehörten, vorbeugte. »Ich werde Ihnen sagen, was ich glaube. Erinnern Sie sich der Erzählung meiner Base über unser Hausmädchen und der Erscheinung, die ihr begegnete?«

Arnold wartete auf eine Antwort – sie erfolgte nicht. Owens Antlitz wurde um einen Schatten bleicher, er nahm das Glas zur Hand, füllte es und befeuchtete seine Lippen.

»Erinnern Sie sich dessen?« beharrte Arnold.

»Ja, ich entsinne mich,« entgegnete Owen, den diese Erinnerung offenbar höchst peinlich berührte.

»Nun denn, wie wir wissen, streift die unbekannte Frau zur Nachtzeit durch das Dorf.«

»Bisher ist sie nur einmal gesehen worden.«

»Wer ist sie?« forschte Arnold, der sich immer weiter über den Tisch lehnte. »Niemand kennt sie, niemand weiß, wo sie lebt, außer unserer Dienerin ist kein Mensch ihr begegnet – nur eine gewichtige Ursache kann diese Frau zwingen, in derartiger Verborgenheit auszuharren.«

»Man sollte denken, daß dem so sei.« Owen befeuchtete nochmals die trockenen Lippen.

»Nehmen wir an, sie sei wahnsinnig!«

»Vergebung, was meinen Sie?«

»Sie sei wahnsinnig, ihres Verstandes beraubt, geistesgestört, blöde!«

Owen schrak sichtlich zusammen. »Ja, ja, ich verstehe!« stieß er mühsam hervor.

»Ich wollte, ich könnte das Rätsel lösen,« rief Arnold. »Wie, wenn sie meinem Oheim in der Nacht des vierten März begegnet wäre?«

Owen erhob sich, schritt nach dem Fenster und blickte in den Garten hinaus. »Meine Einbildungskraft ist nicht lebhaft genug, um Ihrer Darstellung zu folgen,« antwortete er ruhig.

Auch Arnold stand ungestüm auf und gesellte sich zu Owen. »Fairford,« sagte er in gedämpftem Tone, »ich schwöre bei Gott, daß ich dieses Weib ihrer Verborgenheit entreißen werde.«

»Sie kann nicht mehr wissen, als wir alle, ebenso unschuldig sein, wie wir.« Owen schien die äußerste Selbstbeherrschung zu üben – und es klang, als ränge sich jedes Wort mühselig aus seiner Kehle hervor.

»Wenn sie unschuldig ist, warum redet sie nicht frei heraus?« drängte Arnold.

»Was sollte sie sagen, wenn sie nichts weiß!«

»Das glaube ich nicht – schuldlos mag sie sein, doch unwissend auf keinen Fall! Ich könnte schwören, sie sah meinen Oheim! Warum das Geheimnis, das sie umgiebt?«

»Sie wird ohne Zweifel ihre Beweggründe dazu haben,« entgegnete Owen geduldig. »Triftige Ursachen, die nur das besagte Weib berühren, für die Außenwelt jedoch ohne Wert sind.«

»Ich aber werde diese Beweggründe zu enträtseln wissen!« rief Arnold; beide Männer standen sich Auge in Auge gegenüber. »Wenn sie Freunde hat, so thäten diese am besten, mir bei meinen Nachforschungen behilflich zu sein; wenn sie dies unterlassen, mögen die Folgen auf ihr Haupt fallen! Wo mir diese Frau über den Weg kommt, reiße ich ihr den Schleier vom Gesicht!«

»Sie ist ein Weib, Derwent!« mahnte Owen, indem er die Hände krampfhaft in einander schlang.

»Zum Henker damit! Und wäre sie eine Hexe, so würde ich den Kampf mit ihr aufnehmen!«

»Sie meinten selbst soeben, Herr Derwent, diese Frau könnte Freunde haben,« warf Owen nachdrücklich ein.

»Ich fürchte weder sie, noch sonst irgend eine Menschenseele!« gab Arnold zurück, »ich wünsche nur, endlich in den Besitz des mir rechtmäßig zukommenden Gutes zu gelangen. Ich kam jedoch nicht hieher, um mich unnötig aufzuregen,« fügte er, sich bemeisternd, hinzu, »sondern um eine Stunde angenehm mit Ihnen zu verplaudern. Die Zeit eilt, ich muß nach Hause zu Florence.«

Während er mit Fairford durch die Vorhalle schritt, blieb Arnold absichtlich stehen, um seine nächste Umgebung zu überblicken.

»Eine hübsche alte Treppe,« äußerte er leichthin. »Sie können wahrlich nicht behaupten, daß Sie zu wenig Raum hätten – aus diesem Grunde haben Sie wohl die Abteilung oben anfertigen lassen! Guten Morgen, Fairford, ich hoffe, Sie besuchen uns recht bald, doch nicht für so kurze Zeit, wie das letztemal, wo Sie gar eilig davonrannten.«

Owen kehrte nach dem Speisezimmer zurück, setzte sich vor den Kamin und stützte das Haupt in die Hand. Wer sein sorgenvolles Antlitz gesehen hätte, müßte ein steinernes Herz gehabt haben, um ungerührt zu bleiben von dem tiefen Seelenschmerze und der bittern Qual in seinen jugendlichen Zügen.

Auch Arnold schien sehr unbefriedigt von dem Ergebnisse seines Besuchs.

»Ich wollte, ich hätte deinen Rat befolgt, und wäre zu Hause geblieben,« sagte er beim zweiten Frühstück zu Florence, »ein alter Fehler von mir, das Richtige erst dann einzusehen, wenn es zu spät ist. Etwas habe ich immerhin gewonnen: ich hegte schon früher kaum einen Zweifel, doch jetzt könnte ich mit meinem Leben dafür einstehen, daß die geheimnisvolle Frau in Fairfords Haus und zwar oben, hinter der Stiegenabteilung wohnt. Was gäbe ich darum, ein Viertelstündchen ungestört im oberen Stocke zubringen zu dürfen! Leider habe ich doch eine Dummheit begangen und mir von Owen in die Karten sehen lassen.«

»Wie so? Das verstehe ich nicht!« erwiderte Florence zaghaft.

»Ich meine, Owen ist sich nun bewußt, beobachtet zu werden. Er wird die seltsame Frau, wo immer sie sei, voraussichtlich noch strenger behüten als vorher, und auch gut thun, jede Vorsicht anzuwenden, falls er Gewicht darauf legt, sie meinen Blicken zu entziehen.«

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