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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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10. Kapitel.
Arnold Derwent.

»Warum ließen Sie mich nicht früher holen?« lautete Doktor Virets erste Frage, als er am folgenden Morgen gegen elf Uhr Annens Krankenzimmer mit Florence verließ.

»Ich hatte nach Ihnen geschickt,« erwiderte Florence, mit ihm in das Bibliothekzimmer tretend, »jedoch – –«

»Es kam niemand zu mir.«

»Ganz richtig – Lisa sollte die Botschaft überbringen – als sie in die Nähe der Kirche kam, scheint sie irgend Jemanden gesehen zu haben und war darüber derart entsetzt, daß sie halb tot vor Angst nach Hause zurückrannte.«

»Unsinn, Florence! Wie können Sie darauf hören?«

»Lisa beharrte bei ihrer Aussage, sie sei an eine große, schwarz gekleidete, dicht verschleierte Frau beinahe angerannt; sie dürfte demnach in der That einer bestimmten Person begegnet sein.«

»Wer könnte es gewesen sein?« versetzte Doktor Viret ungläubig – »zu dieser Stunde geht niemand ohne besondere Ursache über die Dorfstraße. Offenbare Sinnestäuschung!«

»Vielleicht sah Lisa eine Nachtwandlerin?«

»Kennen Sie eine? Ich nicht! Doch nun zu Ihnen, liebes Kind – Sie sehen recht müde und abgespannt aus. Ich möchte Sie weder drängen noch quälen, nur als Arzt zu Ihnen reden, auch wenn Sie meinen Rat nicht begehren – packen Sie Ihren Koffer und kommen Sie mit mir nach dem ›Lorbeerhofe‹.«

»Ich bat Sie schon einmal, lieber Doktor, mich nicht der Undankbarkeit zu zeihen.«

»Dankbarkeit kommt hier nicht in Frage – meine Haushälterin hat das hübscheste Zimmer für Sie in Bereitschaft gesetzt.«

»Ich kann Anna unmöglich allein lassen.«

»Richtig!« erwiderte Viret nachdenklich. »Ich vergaß die Kranke, die Ihre Pflege nicht leicht entbehren kann. Ich fürchte jedoch, Annens Tage sind gezählt, und keinesfalls können Sie für immer hier bleiben.«

»Edwards meinte, ich solle bis zu Arnolds Eintreffen das ›Krähennest‹ nicht verlassen,« antwortete Florence kleinlaut.

»Arnold kann vor einem Monat nicht kommen, selbst wenn Edwards' Brief ihn ohne Verzögerung erreicht hat.«

Doktor Viret hatte kaum diese Worte gesprochen, als die Thür hastig aufgerissen wurde und Lisa mit dem Rufe »Herr Derwent!« Florence entgegenstürzte.

»Vater, Vater!« schrie das Mädchen im Zustande höchster Erregung, indem sie sofort beflügelten Schrittes nach der Halle eilte. An der Schwelle hielt Doktor Viret sie zurück; er legte die Hand mit beruhigender Geberde auf ihren Arm.

»Teueres Kind, nicht der Vater, nur Ihr Vetter kann es sein,« sprach er mit sanfter, beschwichtigender Stimme. »So rede doch, Mädchen!« wandte er sich zürnend der erschreckten Lisa zu.

»Ich meinte Herrn Arnold Derwent!«

»Warum sagtest du das nicht gleich?«

Ohne Lisas Entgegnung abzuwarten, hatte sich Florence von Doktor Viret losgerissen. Sie lief fast in die Arme eines mittelgroßen, breitschulterigen, blonden jungen Mannes, der, ein frohes Lächeln auf dem freimütigen Antlitze, ihr stürmisch entgegenkam, ihre beiden Hände ergriff und sie brüderlich küßte.

Die Gesichtsfarbe des neuen Ankömmlings war so tief gebräunt, daß der helle Schnurrbart seltsam davon abstach. Als Florence vor wenigen Monaten von ihrem Vetter Abschied genommen hatte, trug er einen Vollbart – ohne diesen erschien ihr Arnold jetzt beim ersten Anblick sehr verändert; auch sein Anzug aus einfachem Wollstoff, welcher Spuren vielfacher Abnützung zeigte, gab ihm ein fremdes Aussehen.

Mit offenbarer Befriedigung ruhte des jungen Mannes helles, blaues Auge auf Florencens anmutigem Gesicht, denn trotz seiner wechselnden Beziehungen zu ihren Eltern hatte er nie aufgehört, das schöne Mädchen auf seine Weise zu lieben. Wenn er auch während seiner Abwesenheit von Rookfield nicht an besonders tiefem Liebesschmerz gelitten hatte, so freute er sich doch herzlich, Florence wiederzusehen. Die Sehnsucht nach ihr hatte weder sein Wohlbefinden getrübt, noch ihn verhindert des Lebens mannigfache Genüsse reichlich auszukosten – sein Herz war weit genug, um außer Florence auch andern Schönen zu huldigen – aber jetzt durchbebte ihn ein wohliges Gefühl, als er in ihr liebes Antlitz blickte. Auch Florence freute sich aufrichtig seiner Gegenwart; nur wäre es ihr lieber gewesen, wenn Arnold bei der Begrüßung die verwandtschaftliche Vertraulichkeit von ehemals vermieden hätte.

»Wie glücklich bin ich, daß du hier bist,« rief sie, seine Hand herzhaft schüttelnd. »So sehr ich deine Ankunft ersehnte, glaubte ich noch lange nicht darauf hoffen zu dürfen!«

»Du weißt gar nicht, Flora, wie unendlich mich das Herz nach der Heimat drängte!« erwiderte er mit großer Wärme. »Seit ich dir Lebewohl sagte, stand dies Wiedersehen als einzig begehrenswerter Ausblick vor mir. Wie geht's dir, teueres Bäschen? Ich hoffe recht gut, – was mich betrifft, so habe ich mich noch nie so glücklich gefühlt.«

Er ließ ihre Hände los und wandte sich Doktor Viret zu. Florence erinnerte sich, daß sie erst nach Arnolds Abreise den Doktor kennen gelernt hatte, und versäumte daher nicht, die beiden Herren einander vorzustellen, worauf sie dieselben aufforderte, ihr wieder nach der Bibliothek zu folgen.

Weitaus kühler und überlegter als die von der Freude des Wiedersehens befangenen jungen Leute, faßte Doktor Viret sofort den Umstand ins Auge, daß Arnold das Kapland verlassen haben mußte, bevor Edwards' Brief mit der Nachricht von Derwents rätselhaftem Verschwinden ihn erreicht haben konnte. Ueberzeugt von seiner Unkenntnis des Geschehenen und bestrebt Florencens Gefühle zu schonen, legte er die Hand auf Arnolds Arm: »Sie sind soeben in England gelandet, Herr Derwent?« fragte er im leisen Flüstertone. »Wie sonderbar, Sie mit dem gleichen Namen anreden zu müssen, wie meinen armen Freund!«

»Ich kam Samstag Nacht in Southampton an,« lautete die Antwort. »Ich hatte die Ueberfahrt auf dem ›Radnor,‹ einem vorzüglichen Schiffe, gemacht.«

»In diesem Falle,« fuhr Doktor Viret noch immer mit gedämpfter Stimme fort, indem er an der Schwelle stehen blieb, »können Sie noch nichts von dem Unglücke wissen, das diesem Hause widerfahren ist – noch nichts von Ihres Onkels plötzlichem Verschwinden.«

Ohne des Doktors Absicht verstehen zu wollen, betrat Arnold das Studierzimmer, wo Florence, verwundert über Virets Gebahren, die Zurückgebliebenen erwartete.

»O ja, ich habe bereits alles erfahren!« erwiderte er laut und rücksichtslos. »Das erste, was mir im Hotel zu Southampton in die Augen fiel, war, wenn ich mich recht entsinne, die Ankündigung der ausgeschriebenen Belohnung. Ueberraschung genug, um auch einen kräftigen Jungen wie mich, aus der Fassung zu bringen!« Sein Aeußeres verriet keine Spuren der erlittenen Erschütterung – er hatte sie offenbar ohne Schaden überwunden. »Ganz richtig – ich ließ mir ein Zeitungsblatt geben, und sofort starrte mir die Kundmachung entgegen. Ich konnte die ganze Nacht darüber nicht schlafen – gestern früh eilte ich mit dem ersten Zuge nach London, dort hielt mich der alte Edwards den Tag über auf, so daß ich fast daran zweifelte heute noch hier eintreffen zu können.«

Die Gleichgiltigkeit in ihres Vetters Sprache verleitete Florence zu dem Glauben, er sei noch außer stande, den vollen Umfang des entsetzlichen Ereignisses zu ermessen; sie versuchte daher, ihm dasselbe in seiner ganzen erschütternden Tragik darzustellen. »Ach, Arnold!« rief sie unter Thränen, »wie furchtbar, den teuren Vater in dieser Weise zu verlieren! Keine Ahnung, keine Warnung kündigte das Unglück an, dem er zum Opfer fiel! Hier stand er Dienstag Abend um elf Uhr, lebend und gesund, und mit dem nächsten Morgen war er vom Erdboden verschwunden, ohne ein Zeichen, eine Spur zu hinterlassen, ohne uns den leisesten Wink über sein Schicksal an die Hand geben zu können.«

»Natürlich, gerade genug, dich, armes Ding, um den Verstand zu bringen!« erwiderte Arnold, der fortwährend an seinem blonden Schnurrbärtchen drehte. »Ein entsetzlicher Schlag, – mußte dich tatsächlich vernichten – auf mein Wort, es thut mir ungeheuer leid um dich!«

Selbstverständlich konnte auch diese Auffassung Florence nicht befriedigen – sie versuchte es in anderer Weise auf ihres Vetters Gemüt zu wirken. »Ich weiß es, Arnold, du trauerst gewiß ebenso um ihn, wie ich. Denke doch, wie gut er für uns alle war, für dich, für mich, für jeden, der ihm nahe stand. Halte dir sein edles Bild vor Augen, und dann wirst du die ganze Grausamkeit des Schicksals begreifen, das über uns hereingebrochen ist.«

»Jawohl, grausam!« wiederholte er verständnislos; »ich fühle es ja nicht minder, wenn auch natürlich nicht so wie du! Mißhelligkeiten sind selbst in den friedfertigsten Familien unvermeidlich,« fuhr er fort, von Florencens thränenüberströmtem Antlitz zu Doktor Viret gewendet. »Onkel Roderich pflegte mir manche scharfe Predigt zu halten, ich war der Ermahnungen oft recht müde – jetzt ist er tot, und fern sei es von mir, ihm nachträglich darob zu grollen. Ich weiß, daß ich oft gerechten Tadel verdiente – wäre er noch am Leben, so würde ich nicht anstehen, ihm dies offenherzig zu sagen.«

»Unglücklicherweise ist Ihnen die Gelegenheit hiezu benommen,« stieß Doktor Viret heraus. »Ich vermute, Herr Derwent, Sie beabsichtigen eine Weile hier zu bleiben.«

»Erraten, Doktor! Ich wollte zwar soeben ein hübsches, einträgliches Geschäft abwickeln, doch jetzt verlasse ich Rookfield nicht eher, bis ich den Schleier von diesem merkwürdigen Geheimnisse gelüftet habe.«

»Ich wußte es ja, du würdest nicht ruhen, so lange die Ungewißheit über des Vaters Schicksal auf uns lastet!« rief Florence, hoch erfreut einen Punkt der Uebereinstimmung mit ihrem Vetter entdeckt zu haben. »Du wirst aber großen Schwierigkeiten begegnen; es dünkt mir oft, wir werden der Lösung des Rätsels niemals näher kommen – hat doch die Polizei alles versucht und schließlich ihre Nachforschungen aufgeben müssen. Eine bedeutende Belohnung wurde ausgeschrieben, ohne bisher einen Erfolg zu erzielen, nur Inspektor Holt hält an der Ansicht fest, mein Vater sei noch am Leben.«

»Das glaub' ich nicht!« antwortete Arnold, indem er mit den Händen in den Taschen seines Beinkleides sich lässigen Schrittes dem Fenster näherte. »Er ist tot, entschieden tot! Wenn etwas in der Welt außer Zweifel steht, so ist es Onkel Roderichs Ende. Bleib' mir mit Inspektor Holt vom Leibe, ich kenne diesen Schwindler, mit dem wollen wir schon fertig werden.«

Arnolds unverantwortliches Benehmen steigerte Florencens Unbehagen bis zu körperlichem Ekel. Seit Wochen, seit ihres Vaters unnatürlichem Verschwinden hatte sie voll Sehnsucht Arnolds Kommen entgegen geharrt; jetzt war er noch keine Stunde im Hause, und schon erfüllte eine förmliche Abneigung ihr Herz, ein Empfinden, dem nur die Erinnerung an frühere glückliche Tage, so wie ihre fest eingewurzelte verwandtschaftliche Liebe zu Arnold ein Gegengewicht zu halten vermochte.

Doktor Viret verbarg seine Gefühle nicht. Vom ersten Augenblicke an war ihm Arnold gründlich verhaßt gewesen – er kehrte sich unmutig von ihm ab und schickte sich an, Florence Lebewohl zu sagen.

»Ich werde abends wieder kommen, um nach Annens Befinden zu fragen,« sagte er, dem Mädchen die Hand reichend.

»Oho!« rief Arnold mit rascher Wendung – »was ist's mit der guten alten Anna? Ist sie krank?«

»Ich fürchte, Arnold, Anna liegt im Sterben.«

»Beim Jupiter, Flora, dich hat es bös getroffen – zuerst Tante Alice, dann Onkel Roderich und jetzt die alte Anna; doch tröste dich, nach drei Unglücksfällen folgt gemeiniglich keiner mehr nach! Nun will ich aber sofort zu Annen gehen.«

Mit ernster, strenger Miene blieb Doktor Viret auf der Schwelle stehen: »So viel ich weiß, haben Sie niemals das Doktor-Examen gemacht.«

»Ja, ja, ganz richtig!« rief Arnold mit leichtfertigem Lachen – »ich vergaß all' den Formenkram, seitdem ich die Wissenschaft über Bord geworfen habe. Bedaure aufrichtig, Anna leidend zu wissen! Guten Morgen, Doktor! Hoffe Sie heute noch zu sehen. – Nun, Flora,« begann er von neuem, nachdem Doktor Viret sich entfernt hatte, »wenn du nichts dagegen hast, so gieb mir einen stärkenden Trunk, und dann erzähle mir die ganze, traurige Geschichte. Ich hörte zwar bereits des alten Edwards Bericht, allein am sichersten schöpft man an der Quelle selbst. Sag' mir vorher, wie findest du mich ohne Bart?«

»Du siehst dem Vater nicht mehr so ähnlich wie früher.«

Die Aehnlichkeit zwischen Onkel und Neffen war nämlich, so weit es der Gegensatz des alternden Mannes zum kräftigen Jüngling gestattete, stets auffallend gewesen. Beide kennzeichnete die untersetzte, starke Gestalt, der kurze Nacken, die breiten Schultern, das gekrauste Haar. Zur Zeit, als Arnold England verließ, trugen sie den gleichen Schnurr- und abgestutzten Backenbart. Arnolds regelmäßig geschnittene Gesichtszüge, so wie die eigentümlich viereckig geformte Stirn, glichen der Kopfbildung seines Onkels täuschend. Bei dem jahrelangen Zusammenleben hatte sogar Sprache und Gang der beiden Männer immer mehr an Aehnlichkeit gewonnen, und doch konnte es kaum zwei Menschen geben, die an Charakter und Gemütsart so himmelweit von einander verschieden waren, wie Roderich Derwent und sein Neffe Arnold.

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