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Eine dunkle That

Thomas Cobb: Eine dunkle That - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorThomas Cobb
titleEine dunkle That
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150827
projectid21a62e8f
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9. Kapitel.
Die Erscheinung.

Die National-Oekonomen behaupten, Reichtum sei das Ergebnis von Arbeit, Enthaltsamkeit und kühnem Wagnis. Jede dieser Bedingungen erfüllte Joseph Bodger während seines Aufenthalts in der ›Waldaussicht‹ im vollsten Maße. Die Arbeit, die er leistete, war für ihn wahre Zwangsarbeit, in Betreff der Enthaltsamkeit hätte er, einige verstohlene Besuche im Dorfwirtshause ausgenommen, Mitglied des Mäßigkeitsvereins sein können, und waghalsig genug war sein Unternehmen, da Tag für Tag Frau Cawdreys scharfes Auge wachsam auf ihm ruhte.

»Zum Henker mit dem ewigen Warten – da könnte auch einem Heiligen die Geduld ausgehen!« rief Bodger gähnend, als er Samstag früh gegen halb zwei Uhr auf seinem Sessel stand und durch das Guckfenster des Heubodens den Garten beobachtete. Eine Viertelstunde später belebten sich seine durch Schlaflosigkeit abgespannten Züge. Deutlich hörte er die vordere Hausthür öffnen. Auf die Gefahr hin, das Genick zu brechen, reckte er sich auf den Fußspitzen empor, drückte die Nase platt an die Glasscheibe und unterschied nun in der That die ihm bereits wohlbekannte, große, steife, schwarz verhüllte Gestalt. Dicht verschleiert, die weißen Hände ohne Hülle, schritt sie vor dem Hause rüstig auf und ab.

Joseph hatte sich längst eine Ansicht über die geheimnisvollen Dinge gebildet, die sich hier zutrugen, und er brannte vor Begierde, sich von der Richtigkeit derselben zu überzeugen. Das ließ sich jedoch nur ausführen, wenn die nächtliche Spaziergängerin sich entschloß, den Garten zu verlassen. Er wünschte dies um so sehnlicher, als nach seiner bisherigen Erfahrung eine so günstige Gelegenheit, wie die heutige, nur selten wiederkehrte.

Wahrhaftig – sie unterbrach ihr einförmiges Auf- und Niederwandeln, schritt dem Gitterthore zu, stand dort zögernd einige Augenblicke still, schloß die Gartenthür hastig auf und schlug die Richtung nach dem Kirchhof ein.

»Endlich,« rief Bodger mit sichtlich erleichtertem Herzen. Er sprang vom Sessel, zündete ein Licht an, entnahm seinem Koffer einige Werkzeuge, stieg die Leiter hinab, verließ den Stall und blieb erst vor dem Fenster des im Erdgeschosse gelegenen Wohnzimmers stehen.

Es war ihm ein leichtes, den Riegel zurückzuschieben. Er schwang sich in das dunkle Gemach und schlich geräuschlos bis zum Eingang. Wenn er die Thür verschlossen fand, hätte es ihm keine Schwierigkeit bereitet, sie mit Hilfe der mitgebrachten Instrumente zu öffnen, doch wollte er womöglich keine Spur seiner nächtlichen Entdeckungsreise hinterlassen. Er zitterte heftig, als er mit den kalten Fingern nach der Klinke griff – das Glück war ihm hold – die Thür ging widerstandslos auf, und Joseph huschte, leise wie eine Katze, ohne Hemmnis die Treppe hinauf. Doch hier verlegte ihm das fest verschlossene Pförtchen in der Stiegenabteilung den Weg. Er schlich wieder zurück und wandte sich ebenso geräuschlos der Thür von Owens Schlafzimmer zu.

Dicke Schweißtropfen standen auf Josephs blasser Stirn, als er dort mit schlotternden Knieen atemlos lauschend stille hielt. Er war sich der Kühnheit seines Unternehmens vollkommen bewußt, – es galt festzustellen, ob auch Owen Fairford an der nächtlichen Wanderung des unbekannten Weibes teilnahm; seiner Berechnung nach hätte er zehn gegen eins gewettet, daß er des Hausherrn Schlafgemach leer finden würde, allein, selbst Joseph Bodgers Scharfsinn konnte irre gehen und wenn er jetzt in Fairfords Hände fiel, war sein Spiel für immer verloren.

Mit der Rechten umklammerte Bodger ein in der Tasche verborgenes Stemmeisen, das eben so gut als Werkzeug, wie als Verteidigungswaffe dienen konnte, mit der Linken faßte er die Klinke; machte die Thür vorsichtig auf und kroch dann auf allen Vieren in größter Herzensangst nach Owens Bett hin. Sobald er den Pfosten desselben fühlte, hielt er horchend still. Mit bebender Hand rieb er ein Zündhölzchen an und ließ den schwachen Lichtschimmer auf die Lagerstätte fallen. Zu seiner unaussprechlichen Genugthuung war sie leer, ja sogar unberührt; auf der Decke lag der schwarze Rock, den Owen noch beim Abendessen getragen hatte.

Wohlbehalten in seiner Kammer wieder angelangt, riß sich Bodger Jacke und Kragen vom Leibe, zündete seine Pfeife an, setzte sich auf den Bettrand und begann das Erlebte einer reiflichen Ueberlegung zu unterziehen.

Was sollte dies alles bedeuten? Owens Zimmer leer – die sonderbare Unbekannte zu nächtlicher Stunde auf Streifzügen durch das Dorf begriffen! Angenommen, Frau Cawdrey sorge für die leiblichen Bedürfnisse jener Person, – zu welcher Tageszeit verkehrte sie mit ihr? er sowohl, wie Sarah, welche die Neugier dazu trieb, standen zu jeder Stunde auf der Wacht, und keines von beiden hatte jemals Frau Cawdrey durch die geheimnisvolle Thür nach oben gehen sehen.

Bodger war der Lösung des großen Rätsels auch heute nicht näher gerückt, nur über einen Umstand waltete für ihn kein Zweifel: hier gab es Geld, sogar sehr viel Geld zu verdienen. Doch galt es erst etwas mehr Licht in das Dunkel zu bringen, bevor er einen Erpressungsversuch wagen durfte. Er mußte daher auf seinem Posten ausharren, den Garten im Schweiße seines Angesichts bearbeiten, die Stiefel geduldig putzen und vor allem seine Luchsaugen Tag und Nacht offen halten.

Am folgenden Montag saß Florence allein in ihrem Wohnzimmer, als Owen eintrat und sich im Verlauf seines Besuches nach Annens Befinden erkundigte.

»Sie ist übler daran, als je,« berichtete Florence, »man darf sie weder bei Tag noch bei Nacht allein lassen, auch Doktor Viret scheint äußerst besorgt zu sein.«

»Das klingt recht traurig,« meinte Owen teilnehmend; »doch dachte ich mir wohl, daß es schlecht mit ihr steht. Die Nachfrage sollte mir nur zum Vorwande dienen, Sie aufzusuchen.«

»Dessen bedarf es doch nicht, Herr Fairford!«

»Dann lassen sie es als Beschwichtigung meines Gewissens gelten,« beharrte Fairford. »Es klingt abscheulich feige, und doch kann ich über die Empfindung nicht hinaus, daß ich in Ihrem Hause nichts mehr zu suchen habe.«

»Trotzdem sind Sie hier,« warf Florence mit sanftem Lächeln ein.

»Weil unser innerstes Wesen oft unwiderstehlich nach Befriedigung begehrt – wir bezahlen sie nachträglich teuer genug, aber das läßt sich nicht ändern.«

Owen stand auf, um sich zu verabschieden. Florencens Lebewohl war diesmal um einen Schatten kühler, sie grollte ihm wegen seiner dunklen Reden. Warum sprach er so sonderbar? Warum baute er selbst Schranken auf, die den früher so harmlosen Verkehr notwendig erschweren mußten? Er wollte nichts mehr in ihrem Hause zu suchen haben, und nahm doch die erste Gelegenheit wahr, um wiederzukommen. Florence war klug genug, den verborgenen Sinn seiner Worte zu verstehen, auch wünschte sie nicht, daß er sich deutlicher ausspräche.

Mit einbrechender Nacht verschlimmerte sich Annens Zustand derart, daß Florence, trotz dem Widerstande der Kranken, Doktor Viret berufen wollte.

»Er wird mir ebenso wenig helfen, wie meiner armen Herrin,« sagte Anna, »für mich ist ohnehin alles vorbei, gottlob, es ist niemand mehr im Hause, der Sie, mein liebes Fräulein, von mir trennen könnte, so wie man mich unserer teueren Verstorbenen entriß. Ich fürchte den Tod nicht,« fügte sie ruhiger hinzu, »nur die Schmerzen! die Atemnot ist so entsetzlich, daß man darüber wahnsinnig werden könnte.«

Vorläufig gab Florence nach, um die Kranke nicht noch mehr zu erregen, als jedoch gegen ein Uhr nachts Unruhe und Beängstigung stetig zunahmen, erachtete sie es als ihre Pflicht, nach dem Arzte zu schicken, da Annens Zustand das Aeußerste befürchten ließ.

Florence gab Lisa, dem rothaarigen Hausmädchen, den Auftrag, nach dem ›Lorbeerhofe‹ zu gehen. Sie war die Tochter des Totengräbers Mogford, und im Dorfe geboren und aufgewachsen; doch furchtsam von Natur, erschrak sie heftig bei dem Gedanken, während der Nacht allein bis zu Doktor Virets Wohnhaus zu gehen. Sie wagte es indessen nicht, dem Befehle der Herrin zu widersprechen, ließ eine brennende Kerze auf einem der hohen Eichenstühle in der Vorhalle stehen, öffnete die Hausthür und trat gefaßt ihre Wanderung an.

Kaum eine Viertelstunde später wurde stark an der Hausglocke gerissen. Florence weckte die Köchin, als sie diese aber zittern und zögern sah, ging sie selbst, das Thor zu öffnen. Sie besorgte, ein erneuter Lärm könnte Anna wecken, die soeben nach vorübergegangenem Anfalle einzuschlummern schien.

Wie groß war ihr Erstaunen, als sie Lisa auf den Stufen stehen sah. Kaum war die Thür aufgeschlossen, so rannte das Mädchen in die Halle, warf sich auf einen Stuhl, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen und brach in krampfhaftes Weinen aus.

»Du warst nicht bei Doktor Viret?« rief Florence, sich ängstlich über die Schluchzende beugend, »was ist geschehen?«

»O!« stöhnte Lisa, noch immer von Thränen halb erstickt – »ich ginge auch nicht mehr, und wenn es mein und Annens Leben gälte! Großer Gott, ich bin ja geraden Weges an sie angerannt.«

»An wen? so sprich doch!«

»Ich weiß es nicht, Fräulein – an ein großes, kräftiges, schwarzes Weib, das wie ein Gespenst im Schlafe daherwandelte –« ein Schauer überflog Lisas bebende Gestalt – »sie hatte das Gesicht mit einem Schleier dicht verhüllt, und, o gütiger Himmel, so lange weiße Hände! Als ich mit lautem Aufschrei zurücktaumelte, warf sie mir nur einen Blick zu und ging, ohne mich zu beachten, mit großen Schritten weiter.«

»Um Gottes willen, Fräulein, schließen Sie das Haus ab!« rief die Köchin, die im Nachtgewande ängstlich die Treppe herabgekommen war.

»Noch nicht!« entgegnete Florence, sichtlich bemüht ihre Stimme zur Ruhe und Festigkeit zu zwingen. »Ich werde vorerst bei Annen nachsehen – wenn sie nicht besser ist, gehe ich selbst, Doktor Viret zu holen.«

Bei allem Mute, den sie gezeigt, empfand es Florence doch als eine Erleichterung, als sie Anna fest eingeschlafen fand und somit Doktor Virets ärztlichen Besuch mit gutem Gewissen bis zum Morgen hinausschieben konnte.

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