Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Eine dunkle Geschichte

Honoré de Balzac: Eine dunkle Geschichte - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/balzac/dunkgesc/dunkgesc.xml
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleEine dunkle Geschichte
publisherErnst Rowohlt Verlag
yearo.J.
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071226
modified20171219
projectid96b91b66
Schließen

Navigation:

Corentins Rache

Einstweilen, bis der für Michu bestimmte Pachthof erbaut war, wohnte der falsche Judas in den Gesindewohnungen über den Ställen auf der Seite der berühmten Bresche. Michu verschaffte sich zwei Pferde, eins für sich, das andre für seinen Sohn, denn beide begleiteten jetzt Fräulein von Cinq-Cygne und Gotthard auf allen ihren Ritten, die, wie man sich denken kann, den Zweck hatten, die vier Edelleute zu ernähren und dafür zu sorgen, daß ihnen nichts abging. Franz und Gotthard, von Couraut und den Hunden der Gräfin unterstützt, kundschafteten die Umgegend des Versteckes aus und versicherten sich, ob niemand in der Nähe war. Laurence und Michu brachten ihnen die Speisen, die Martha, deren Mutter und Katharina zubereiteten, ohne daß die Dienstboten etwas merkten, so daß das Geheimnis ganz unter ihnen blieb, denn keiner von ihnen zweifelte, daß im Dorfe Spione waren. Deshalb fand dies Unternehmen auch nur zweimal in der Woche und stets zu verschiedenen Stunden statt, bald bei Tage und bald bei Nacht. Diese Vorsichtsmaßregeln dauerten so lange wie der Prozeß gegen Rivière, Polignac und Moreau. Als der Senatsbeschluß, der die Familie Bonaparte zur Kaiserwürde berief und Napoleon zum Kaiser ernannte, dem französischen Volke zum Entscheid vorgelegt wurde, unterschrieb Herr von Hauteserre sich in der Liste, die Herr Goulard ihm vorlegte. Schließlich erfuhr man, daß der Papst Napoleon die Weihe geben würde. Seitdem war Fräulein von Cinq-Cygne nicht mehr dagegen, daß die beiden jungen Leute und ihre Vettern einen Antrag stellten, um von der Liste der Emigranten gestrichen zu werden und ihre bürgerlichen Rechte zurückzuerhalten. Der Biedermann reiste alsbald nach Paris und suchte dort den früheren Marquis von Chargeboeuf auf, der Herrn von Talleyrand kannte. Dieser Minister, der damals in Gunst stand, schickte die Bittschrift an Josephine, und diese gab sie ihrem Gatten, den man schon Kaiser, Majestät und Sire nannte, bevor das Ergebnis der Volksabstimmung bekannt war. Herr von Chargeboeuf, Herr von Hauteserre und der Abbé Goujet, der gleichfalls nach Paris kam, erhielten eine Audienz bei Talleyrand, und der Minister versprach seine Unterstützung. Schon hatte Napoleon die Haupturheber der großen, gegen ihn gerichteten royalistischen Verschwörung begnadigt; aber obwohl die vier Edelleute nur verdächtig waren, berief der Kaiser nach Verlassen einer Sitzung des Staatsrats doch den Senator Malin, Fouché, Talleyrand, Cambacérès, Lebrun und den Polizeipräfekten Lebrun in sein Kabinett.

»Meine Herren,« sagte der künftige Kaiser, der noch seine Uniform als Erster Konsul trug, »wir haben von den Herren von Simeuse und von Hauteserre, Offizieren in der Armee des Prinzen von Condé, eine Bitte um Erlaubnis zur Rückkehr nach Frankreich erhalten.«

»Sie sind schon da«, sagte Fouché.

»Wie tausend andre, denen ich in Paris begegne«, antwortete Talleyrand.

»Ich glaube, diesen sind Sie nicht begegnet,« entgegnete Malin, »denn sie sind im Walde von Nodesme versteckt und fühlen sich dort zu Hause.«

Er hütete sich wohl, dem Ersten Konsul und Fouché die Worte zu sagen, denen er das Leben verdankte, aber auf Corentins Berichte gestützt, überzeugte er den Rat von der Teilnahme der vier Edelleute an der Verschwörung Rivières und Polignacs und machte Michu zu ihrem Mitschuldigen. Der Polizeipräfekt bestätigte die Angaben des Senators.

»Aber wie sollte dieser Verwalter erfahren haben, daß die Verschwörung entdeckt war, – in dem Augenblick, da allein der Kaiser, sein Rat und ich dies Geheimnis kannten?« fragte der Polizeipräfekt.

Niemand achtete auf Dubois' Bemerkung.

»Wenn sie in einem Walde versteckt sind und Sie sie seit sieben Monaten nicht gefunden haben,« sagte der Kaiser zu Fouché, »so haben sie ihr Unrecht genügend gebüßt!«

»Es genügt,« versetzte Malin, von dem Scharfblick des Polizeipräfekten erschreckt, »daß sie meine Feinde sind, damit ich das Benehmen Eurer Majestät nachahme. Ich bitte also um ihre Streichung und mache mich bei Ihnen zu ihrem Fürsprecher.«

»Sie werden Ihnen weniger gefährlich sein, wenn sie heimgekehrt sind, als wenn sie im Ausland bleiben, denn dann haben sie den Eid auf die Reichsverfassung und auf die Gesetze geleistet«, sagte Fouché, Malin scharf anblickend.

»Wieso bedrohen sie den Herrn Senator?« fragte Napoleon.

Talleyrand sprach einige Minuten leise mit dem Kaiser. Die Streichung und die Wiedereinsetzung der Herren von Simeuse und von Hauteserre in ihre Rechte schien damit bewilligt.

»Sire,« sagte Fouché, »Sie werden von diesen Leuten noch hören können.«

Auf Bitten des Herzogs von Grandlieu hatte Talleyrand im Namen der Herren ihr Wort als Edelleute gegeben – ein Wort, das auf Napoleon stets verführerisch wirkte –, nichts gegen den Kaiser zu unternehmen und sich ohne Hintergedanken zu unterwerfen.

»Die Herren von Hauteserre und von Simeuse wollen nach den letzten Ereignissen die Waffen nicht mehr gegen Frankreich tragen. Sie hegen wenig Sympathie für die kaiserliche Regierung und gehören zu den Leuten, die Eure Majestät erobern muß. Aber sie werden sich damit begnügen, auf französischem Boden zu leben und den Gesetzen zu gehorchen«, sagte der Minister.

Dann legte er dem Kaiser einen Brief vor, den er erhalten hatte und in dem diese Gesinnung ausgedrückt war.

»Etwas so Offnes muß ehrlich sein«, sagte der Kaiser mit einem Blick auf Lebrun und Cambacérès. »Haben Sie noch Einwendungen?« fragte er Fouché.

»Im Interesse Eurer Majestät«, entgegnete der künftige Polizeiminister, »bitte ich um den Auftrag, den Herren ihre Streichung mitzuteilen, sobald sie endgültig bewilligt ist«, sagte er mit erhobener Stimme.

»Gut«, sagte Napoleon, der in Fouchés Zügen Sorge las.

Der Kleine Kronrat wurde aufgehoben, ohne daß die Sache erledigt schien; doch sein Ergebnis war, daß er in Napoleons Geist einen Zweifel über die vier Edelleute hinterließ. Herr von Hauteserre, der an den Erfolg glaubte, hatte diese gute Nachricht schon in einem Briefe mitgeteilt. Die Bewohner von Cinq-Cygne waren daher nicht erstaunt, als sie nach ein paar Tagen Goulard ankommen sahen, der Frau von Hauteserre und Laurence meldete, sie sollten die vier Edelleute nach Troyes schicken, wo ihnen der Präfekt die Verfügung ihrer Wiedereinsetzung in alle Rechte übergeben würde, sobald sie den Eid geleistet und sich den Gesetzen des Kaiserreichs unterworfen hätten. Laurence antwortete dem Bürgermeister, sie würde ihre Vettern und die Herren von Hauteserre davon benachrichtigen.

»So sind sie nicht hier?« fragte Goulard.

Frau von Hauteserre blickte das junge Mädchen bang an. Laurence ließ den Bürgermeister stehen und ging hinaus, um sich mit Michu zu beraten. Michu hatte gegen die sofortige Auslieferung der Emigranten nichts einzuwenden. Laurence, Michu, dessen Sohn und Gotthard ritten also in den Wald und nahmen ein lediges Pferd mit, denn die Gräfin sollte die vier Edelleute nach Troyes begleiten und mit ihnen zurückkehren. Alle, die diese gute Nachricht erfuhren, versammelten sich auf dem Wiesenplan, um dem Aufbruch des fröhlichen Zuges beizuwohnen. Die vier jungen Leute verließen ihr Versteck, stiegen ungesehen zu Pferde und schlugen in Begleitung von Fräulein von Cinq-Cygne den Weg nach Troyes ein. Michu schloß mit Hilfe seines Sohnes und Gotthards den Kerkereingang wieder und kehrte dann mit ihnen zu Fuß zurück. Unterwegs fiel Michu ein, daß er die silbernen Bestecke und den silbernen Becher seiner Herren in dem Keller gelassen hatte, und kehrte allein um. Als er am Rande des Sumpfes ankam, hörte er Stimmen im Kerker und ging durch das Gestrüpp stracks auf den Eingang zu.

»Sie wollen gewiß Ihr Silberzeug holen?« sagte Peyrade lächelnd und zeigte ihm durch das Blattwerk seine rote Nase.

Ohne zu wissen, warum, denn die jungen Leute waren schließlich gerettet, fühlte Michu einen Schmerz in allen Gliedern; so lebhaft war bei ihm jene unbestimmte, unbestimmbare Befürchtung, die ein kommendes Unglück verursacht. Trotzdem trat er vor und fand Corentin auf der Treppe mit einem Wachsstock in der Hand.

»Wir sind nicht boshaft«, sagte er zu Michu. »Wir hätten Eure verflossenen Edelleute schon seit einer Woche fassen können, aber wir wußten, daß sie gestrichen sind . . . Sie sind ein tüchtiger Kerl! Und Sie haben uns zuviel Scherereien gemacht, als daß wir nicht wenigstens unsre Neugier befriedigen wollten.«

»Ich gäbe was drum,« rief Michu aus, »wenn ich wüßte, wie und von wem wir verkauft worden sind!«

»Wenn das Ihre Neugier so reizt, mein Junge,« sagte Peyrade lächelnd, »so sehen Sie sich die Hufeisen Ihrer Pferde an, und Sie werden sehen, daß Sie sich selbst verraten haben.«

»Ohne Groll«, sagte Corentin und winkte dem Gendarmeriehauptmann, mit den Pferden zu kommen.

»Der elende Pariser Arbeiter, der die Pferde so gut auf englische Art beschlug und der Cinq-Cygne verlassen hat, war einer der Ihren!« rief Michu aus. »Sie brauchten nur bei feuchtem Wetter von einem Ihrer Leute, der als Holzfäller oder Wilderer verkleidet war, die Spuren unserer Pferde, die mit ein paar Krampen beschlagen waren, im Gelände aufsuchen und verfolgen zu lassen. Wir sind quitt.«

Michu tröstete sich bald in dem Gedanken, daß die Entdeckung dieses Schlupfwinkels jetzt gefahrlos war, denn die Edelleute wurden ja wieder Franzosen und hatten ihre Freiheit erlangt. Und doch hatte er mit allen seinen Ahnungen recht. Die Polizei und die Jesuiten haben die Eigenschaft, daß sie weder ihre Feinde noch ihre Freunde je aufgeben.

Der biedere Hauteserre kehrte aus Paris zurück und war ziemlich erstaunt, nicht der erste zu sein, der die gute Nachricht überbrachte. Durieu richtete das üppigste Mahl her. Die Leute zogen sich an, und mit Ungeduld erwartete man die Proskribierten, die gegen vier Uhr eintrafen, fröhlich und gedemütigt zugleich, denn sie standen für zwei Jahre unter Polizeiaufsicht, mußten jeden Monat in der Präfektur erscheinen und durften während dieser zwei Jahre die Gemeinde Cinq-Cygne nicht verlassen.

»Ich werde Ihnen das Register zur Unterschrift schicken«, hatte der Präfekt zu ihnen gesagt. »Dann werden Sie nach ein paar Monaten die Aufhebung dieser Bedingungen beantragen, die übrigens allen Mitschuldigen Pichegrus auferlegt sind. Ich werde Ihren Antrag befürworten.«

Diese ziemlich verdienten Beschränkungen betrübten die jungen Leute ein wenig. Laurence begann zu lachen.

»Der Kaiser der Franzosen«, sagte sie, »hat eine ziemlich schlechte Erziehung. Er ist an das Begnadigen noch nicht gewöhnt.«

Die Edelleute fanden alle Schloßbewohner am Gitter, und auf dem Wege einen guten Teil der Leute aus dem Dorfe, die gekommen waren, um die jungen Leute zu sehen, die durch ihre Abenteuer im ganzen Departement berühmt geworden waren. Frau von Hauteserre hielt ihre Söhne lange in den Armen; ihr Gesicht war mit Tränen bedeckt. Sie war keines Wortes mächtig und blieb einen Teil des Abends tief ergriffen, doch glücklich. Sobald die Zwillinge Simeuse sich zeigten und vom Pferde stiegen, erscholl ein allgemeiner Ruf der Überraschung ob ihrer erstaunlichen Ähnlichkeit: der gleiche Blick, die gleiche Stimme, das gleiche Gebaren. Beide machten genau dieselbe Bewegung, als sie sich zum Absitzen im Sattel hoben, das Bein über die Kruppe des Pferdes schlugen und die Zügel hinwarfen. Auch ihre völlig gleiche Kleidung trug dazu bei, sie zu wahren Menächmen zu machen. Sie trugen Suwarowstiefel, die über dem Spann fest anlagen, enge weiße Lederhosen, grüne Jagdwesten mit Metallknöpfen, schwarze Krawatten und Wildlederhandschuhe. Die beiden jungen Leute, damals einunddreißig Jahre alt, waren nach dem Ausdruck jener Zeit reizende Kavaliere. Sie waren mittelgroß, aber gut gebaut, hatten lebhafte, wie bei den Kindern feucht schwimmende Augen mit langen Wimpern, schwarzes Haar, eine schöne Stirn und weiße, ins Olivenfarbene spielende Haut. Ihre Reden, sanft wie Frauenworte, kamen anmutig von ihren roten Lippen. Ihr Benehmen war eleganter und höflicher als das des Provinzadels; man merkte, daß die Welt- und Menschenkenntnis ihnen jene zweite Erziehung gegeben hatte, die noch wertvoller ist als die erste, und die vollendete Männer macht. Dank Michu hatte es ihnen während ihrer Emigrantenzeit nicht an Geld gefehlt; sie hatten reisen können und waren an den fremden Höfen wohl aufgenommen worden. Der alte Edelmann und der Abbé fanden sie ein wenig hochmütig, aber das war in ihrer Lage vielleicht die Wirkung eines schönen Charakters. Sie besaßen die hervorragenden kleinen Eigenschaften einer sorgfältigen Erziehung und entwickelten in allen Leibesübungen eine hervorragende Gewandtheit. Ihre einzige Unähnlichkeit, durch die man sie auseinanderhalten konnte, lag in ihrem Geiste. Der Jüngere bezauberte ebenso durch seinen Frohsinn, wie der Ältere durch seine Schwermut; aber dieser rein innere Gegensatz wurde erst nach langem vertrautem Umgang bemerkbar.

»Ach, Kind,« sagte Michu seiner Frau ins Ohr, »wie soll man den beiden jungen Leuten da nicht ergeben sein?«

Martha, die die Zwillinge als Frau wie als Mutter bewunderte, nickte ihrem Mann reizend zu und drückte ihm die Hand. Die Leute durften ihre neuen Herren umarmen.

In den sieben Monaten der Zurückgezogenheit, zu denen die vier jungen Leute sich verurteilt hatten, begingen sie die ziemlich unerläßliche Unvorsichtigkeit, mehrmals auszureiten, allerdings unter dem Schutze von Michu, dessen Sohn und Gotthard. Während dieser Ritte in schönen hellen Nächten hatte Laurence, die die Gegenwart mit ihrem vergangenen gemeinsamen Leben verknüpfte, die Unmöglichkeit erkannt, zwischen beiden Brüdern zu wählen. Ihr Herz war in gleich starker und reiner Liebe zwischen den Zwillingen geteilt. Sie glaubte zwei Herzen zu haben. Die Jünglinge ihrerseits hatten noch nicht gewagt, miteinander von ihrer bevorstehenden Nebenbuhlerschaft zu sprechen. Vielleicht hatten alle drei es dem Zufall anheimgestellt. Die Geistesverfassung, in der Laurence sich befand, blieb zweifellos nicht ohne Wirkung, denn nach einem Augenblick sichtlichen Zögerns gab sie beiden Brüdern den Arm, um mit ihnen in den Salon zu gehen. Ihnen folgte das Ehepaar Hauteserre, das seine Söhne führte und Fragen an sie stellte. In diesem Augenblick schrien alle Leute:

»Es leben die Cinq-Cygnes und die Simeuses!«

Laurence drehte sich zwischen den beiden Brüdern um und dankte mit reizender Gebärde.

Als diese neun Menschen sich dann beobachteten, denn bei jedem Zusammenkommen, selbst im Familienkreis, tritt stets ein Augenblick ein, wo man sich nach langer Trennung beobachtet, schien es der Mutter und dem Abbé Goujet beim ersten Blick, den Adrien von Hauteserre auf Laurence warf, daß der junge Mann die Gräfin liebte. Adrien, der jüngere Hauteserre, besaß eine zärtliche, weiche Seele. Sein Herz war jung geblieben, trotz der Katastrophen, die ihn zum Manne gehärtet hatten. Darin glich er vielen Soldaten, bei denen die Seele durch die beständige Gefahr jungfräulich bleibt, und er fühlte sich von der holden Schüchternheit der Jugend bedrückt. Dadurch unterschied er sich sehr von seinem Bruder. Das war ein Mann von brutalem Aussehen, ein großer Jäger und furchtloser Soldat, voller Entschlußkraft, aber materiell und ohne geistige Regsamkeit, ohne Feingefühl in den Dingen des Herzens. Der eine war ganz Seele, der andere ganz Tat, doch besaßen beide in gleichem Maße das Ehrgefühl, das für das Edelmannsleben genügt. Adrien von Hauteserre war braun, klein, mager und dürr, hatte jedoch ein sehr kräftiges Aussehen, während sein hochgewachsener, blasser und blonder Bruder schwächlich erschien. Adrien war von nervösem Temperament und stark durch seine Seele; Robert, obwohl lymphatisch, gefiel sich darin, seine rein körperliche Kraft zu beweisen. Manche Familie weist solche Wunderlichkeiten auf, deren Ursachen fesselnd sein könnten; doch hier kann nur davon die Rede sein, um zu erklären, weshalb Adrien in seinem Bruder keinen Nebenbuhler finden sollte. Robert hegte für Laurence verwandtschaftliche Zuneigung und die Achtung eines Adligen für ein junges Mädchen seines Standes. In Gefühlsdingen gehörte der ältere Hauteserre zu jenem Schlage von Männern, die die Frau als vom Manne abhängig ansehen, ihr Mutterrecht auf das rein Körperliche beschränken, jede Vollkommenheit von ihr verlangen, ihr aber keine anrechnen. Nach ihrer Ansicht ist die Anerkennung der Frau in der Gesellschaft, in der Politik, in der Familie ein sozialer Umsturz. Heute stehen wir dieser alten Auffassung der primitiven Völker so fern, daß fast alle Frauen daran Anstoß nehmen können, selbst die, welche die von den neuen Sekten gepredigte verderbliche Freiheit nicht wollen; aber Robert von Hauteserre hatte das Unglück, so zu denken. Er war ein Mensch aus dem Mittelalter, der Jüngere ein Mann der Gegenwart. Diese Unterschiede hatten die gegenseitige Zuneigung der Brüder nicht beeinträchtigt, sondern sie vielmehr noch enger geknüpft. Schon am ersten Abend wurden diese Nuancen von dem Pfarrer, von Fräulein Goujet und Frau von Hauteserre erfaßt und gewürdigt; während ihres Bostonspiels erkannten sie bereits Schwierigkeiten in der Zukunft.

Mit dreiundzwanzig Jahren, nach dem Sinnen in der Einsamkeit und den Ängsten eines großen mißglückten Unternehmens, war Laurence wieder zum Weibe geworden und empfand ein grenzenloses Liebesbedürfnis; sie entfaltete alle Anmut ihres Geistes und war bezaubernd. Sie offenbarte die Reize ihrer Zärtlichkeit mit der Naivität eines fünfzehnjährigen Kindes. In diesen letzten dreizehn Jahren war Laurence nur im Leiden Frau gewesen; sie wollte sich entschädigen, und so zeigte sie sich ebenso liebevoll und kokett, wie sie bisher groß und stark gewesen war. Die vier alten Leutchen, die als letzte im Salon blieben, waren denn auch ziemlich beunruhigt über das neue Benehmen des reizenden Mädchens. Welche Gewalt mußte die Leidenschaft bei einem jungen Mädchen von diesem Charakter und diesem Adel haben! Die beiden Brüder liebten die gleiche Frau mit gleich starker, blinder Zärtlichkeit. Welchen von beiden würde Laurence wählen? Einen wählen, hieß das nicht, den andern töten? Als Gräfin und Stammhalterin ihres Namens brachte sie ihrem Gatten einen Titel und schöne Vorrechte, eine lange Reihe erlauchter Ahnen zu; vielleicht würde der Marquis von Simeuse angesichts dieser Vorteile sich selbst opfern, damit Laurence seinen Bruder heiratete, der nach den alten Gesetzen arm und ohne Rang war. Aber würde der Jüngere seinem Bruder das große Glück rauben wollen, Laurence zur Frau zu erhalten? Aus der Ferne hätte dieser Liebeskampf wenig Unzuträgliches gehabt; zudem konnte der Zufall des Krieges die Schwierigkeit lösen, solange beide Brüder in Gefahren schwebten; aber was sollte nun aus ihrem Beisammensein entstehen? Wenn Maria Paul und Paul Maria, die beide das Alter erreicht hatten, da die Leidenschaften mit aller Gewalt wüten, sich in die Blicke, die Gebärden, die Aufmerksamkeiten und Worte ihrer Base teilten, würde da zwischen ihnen nicht eine Eifersucht entstehen, deren Folgen furchtbar sein konnten? Was sollte aus ihrem schönen gleichartigen und gemeinsamen Zwillingsdasein werden? Auf diese Mutmaßungen, die ein jeder bei der letzten Bostonpartie nach einander hinwarf, antwortete Frau von Hauteserre, sie glaubte nicht, daß Laurence einen ihrer Vettern heiraten würde. Die alte Dame hatte während des Abends eine jener unerklärlichen Vorahnungen gehabt, die ein Geheimnis zwischen den Müttern und Gott sind. Laurence war im Herzensgrunde nicht minder erschrocken, sich ihren Vettern gegenüber zu sehen. Auf das bewegte Drama der Verschwörung, auf die Gefahren, die beiden Brüdern drohten, auf das Elend ihrer Emigrantenzeit folgte ein Drama, an das sie nie gedacht hatte. Zu dem Gewaltmittel, keinen der beiden Zwillinge zu heiraten, konnte das edle Mädchen nicht greifen; sie war zu ehrbar, um sich zu verheiraten und im Herzensgrund eine unbezwingliche Leidenschaft zu bewahren. Unverheiratet zu bleiben, die beiden Vettern zu ermüden, indem sie sich nicht entschied, und den zum Gatten zu nehmen, der ihr trotz ihrer Launen treu bleiben würde, das war eine weniger gesuchte als geahnte Entscheidung. Beim Einschlafen sagte sie sich, das Klügste sei, sich dem Zufall zu überlassen. Der Zufall ist ja in der Liebe die Vorsehung für die Frauen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.