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Eine dunkle Geschichte

Honoré de Balzac: Eine dunkle Geschichte - Kapitel 7
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authorHonoré de Balzac
titleEine dunkle Geschichte
publisherErnst Rowohlt Verlag
yearo.J.
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
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Der Gendarm ritt in vollem Galopp davon. Der Sinn dieses Auftrages und Corentins Absicht waren so klar, daß allen Schloßbewohnern das Herz stillstand. Aber diese neue Besorgnis war gleichsam nur ein Schlag mehr in ihrem Martyrium, denn in diesem Augenblick hatten sie die Blicke auf die kostbare Kassette gerichtet.

Während die beiden Agenten miteinander plauderten, beobachteten sie die Sprache dieser flammenden Blicke. Eine Art kalte Wut tobte in den Herzen der beiden fühllosen Menschen, die sich an dem allgemeinen Entsetzen weideten. Der Polizist kennt alle Aufregungen des Jägers, aber wo der eine die Kräfte des Körpers und des Geistes anspannt, um einen Hasen, ein Rebhuhn oder ein Reh zu erlegen, handelt es sich für den andern darum, den Staat oder den Herrscher zu retten und eine große Belohnung zu verdienen. So ist die Menschenjagd der andern um soviel überlegen, als Menschen und Tiere voneinander verschieden sind. Überdies muß der Spion sich in seiner Rolle zu der ganzen Größe und Bedeutung der Interessen erheben, denen er dient. Ohne diesem Berufe anzugehören, kann also ein jeder sich vorstellen, daß die Seele dabei ebensoviel Leidenschaft aufwendet wie der Jäger beim Verfolgen des Wildes. Je näher daher die beiden dem Lichte kamen, um so leidenschaftlicher wurden sie. Aber ihre Haltung, ihre Augen blieben ruhig und kalt, ebenso wie ihr Argwohn, ihre Gedanken, ihr Plan undurchdringlich blieben. Wer aber die Wirkungen der geistigen Witterung dieser beiden Spürhunde auf der Fährte unbekannter und verborgener Tatsachen verfolgt hätte, wer die Bewegungen hündischer Gelenkigkeit begriffen hätte, mit der sie durch eine rasche Prüfung der Wahrscheinlichkeiten zur Wahrheit gelangten, der hätte erschaudern können! Wie und warum standen diese genialen Männer so tief, da sie doch so hoch stehen konnten? Welche Mängel, welches Laster, welche Leidenschaft rissen sie so herab? Ist man Polizist, wie man Denker, Schriftsteller, Staatsmann, Maler, General ist, unter der Bedingung, daß man nichts kann als spionieren, wie jene sprechen, schreiben, regieren, malen oder kämpfen? Die Schloßbewohner hatten nur einen Herzenswunsch: »Wird der Blitz nicht auf diese Schurken herabfahren?« Alle spürten Rachedurst. Und wären die Gendarmen nicht dagewesen, so wäre ein Aufruhr ausgebrochen.

»Hat niemand den Schlüssel zu dem Kästchen?« fragte der Zyniker Peyrade die Anwesenden.

Der Provenzale bemerkte mit leisem Schrecken, daß keine Gendarmen mehr da waren. Er und Corentin waren allein. Dieser zog einen kleinen Dolch aus der Tasche und bemühte sich, ihn in den Spalt des Kastens zu schieben. In diesem Augenblick hörte man erst auf dem Wege, dann auf dem kleinen Pflaster das wilde Dröhnen eines verzweifelten Galopps. Aber noch weit mehr Entsetzen erweckte der Sturz und das Aufstöhnen des Pferdes, das am Fuße des Mittelturms mit allen vier Beinen zugleich zusammenbrach. Eine Erschütterung wie bei einem Blitzstrahl ergriff alle Zuschauer, als man Laurence erblickte, die das Rauschen ihres Reitkleides schon angekündigt hatte. Ihre Leute hatten rasch Spalier gebildet, um sie durchzulassen. Trotz ihres raschen Rittes hatte sie den Schmerz empfunden, den die Entdeckung der Verschwörung ihr bereiten mußte. Alle ihre Hoffnungen waren zusammengebrochen! Sie war durch Trümmer geritten und hatte an die Notwendigkeit gedacht, sich der Konsulatsregierung zu unterwerfen. Und so wäre sie denn ohne die Gefahr, in der die vier Edelleute schwebten, ohnmächtig hingesunken. Aber diese Gefahr war das Reizmittel, durch das sie ihrer Ermüdung und Verzweiflung Herr wurde. Sie hatte ihre Stute fast zu Tode geritten, um zwischen den Tod und ihre Vettern zu treten.

Beim Anblick dieses heroischen Mädchens, das bleich und mit verzerrten Zügen, den Schleier zur Seite geschlagen, die Reitpeitsche in der Hand, auf die Schwelle trat und mit ihrem brennenden Blick die ganze Szene überflog und erriet, erkannte jeder an der unmerklichen Bewegung, die über Corentins bitteres und verstörtes Gesicht glitt, daß zwei wirkliche Gegner einander gegenüberstanden. Ein furchtbarer Zweikampf stand bevor. Als die junge Gräfin ihre Kassette in Corentins Händen sah, erhob sie die Reitpeitsche, sprang heftig auf ihn los und gab ihm einen so heftigen Schlag auf die Hände, daß die Kassette zu Boden fiel. Sie packte sie, warf sie mitten in die Glut und stellte sich in drohender Haltung vor den Kamin, bevor die beiden Agenten sich von ihrer Überraschung erholt hatten. Verachtung flammte aus Laurences Blicken; ihre bleiche Stirn, ihre verächtlichen Lippen beschimpften diese Männer noch mehr als die autokratische Gebärde, mit der sie Corentin wie ein giftiges Tier behandelt hatte.

Der biedere Hauteserre fühlte sich als Kavalier; das Blut schoß ihm ins Gesicht; er bedauerte, keinen Degen zu haben. Die Diener fuhren zuerst vor Freude hoch. Die herbeigesehnte Rache hatte den einen dieser Männer getroffen. Aber ihr Glück ward von einer furchtbaren Angst in die Tiefe ihrer Seele zurückgedrängt: noch immer hörten sie die Gendarmen auf den Böden hin und her gehen. Der Spion, dies kräftige Wort, in dem alle Nuancen zusammenlaufen, die die Polizisten unterscheiden, denn das Publikum hat die verschiedenen Eigenschaften der Leute, die sich mit dieser für die Regierungen notwendigen Apothekerkunst befassen, in der Sprache nie unterscheiden wollen – der Spion also hat etwas Großartiges und Sonderbares an sich: er wird nie böse. Er besitzt die christliche Demut des Priesters, seine Augen sind an Verachtung gewöhnt, und er setzt sie seinerseits wie eine Schranke dem Schwarm der Tröpfe entgegen, die ihn nicht verstehen. Er hat eine eherne Stirn bei Beschimpfungen, er geht auf sein Ziel los wie ein Tier, dessen festes Rückenschild nur von Kanonenkugeln durchschlagen wird. Aber wenn er getroffen ist, wird er gleich dem Tier um so wütender, als er seinen Panzer für undurchdringlich hielt. Der Peitschenhieb auf die Finger war für Corentin, von dem Schmerz abgesehen, der Kanonenschuß, der den Panzer durchlöchert. Diese Bewegung voller Ekel von Seiten dieses stolzen und edlen Mädchens demütigte ihn nicht allein in den Augen dieser kleinen Welt, sondern auch vor sich selbst. Peyrade, der Provenzale, stürzte auf den Kamin zu, bekam einen Fußtritt von Laurence, packte sie am Fuß und hob ihn empor, so daß er sie durch das Schamgefühl zwang, sich in den Lehnstuhl zu werfen, in dem sie vorhin geschlummert hatte. Das war das Satyrspiel mitten im Schrecklichen, ein häufiger Kontrast in allen menschlichen Dingen. Peyrade versengte sich die Hand, um sich der brennenden Kassette zu bemächtigen, aber er packte sie, stellte sie auf den Boden und setzte sich darauf. Diese kleinen Ereignisse spielten sich stumm und sehr rasch ab. Corentin, der sich von dem Schmerze des Peitschenschlages erholt hatte, hielt Fräulein von Cinq-Cygne an den Händen fest.

»Zwingen Sie mich nicht, schöne Bürgerin, Gewalt gegen Sie zu brauchen«, sagte er in seiner verletzenden Höflichkeit.

Peyrades Tun hatte den Erfolg, daß das Feuer durch den Druck, der die Luft abhielt, erlosch.

»Gendarmen! her!« rief er, in seiner wunderlichen Stellung sitzenbleibend.

»Versprechen Sie, artig zu sein?« sagte Corentin unverschämt zu Laurence, indem er seinen Dolch aufhob, ohne den Fehler zu begehen, sie damit zu bedrohen.

»Die Geheimnisse dieser Kassette gehen die Regierung nichts an«, antwortete sie mit einem Gemisch von Schwermut in Miene und Tonfall.

»Wenn Sie die Briefe gelesen haben, die darin sind, werden Sie sich trotz Ihrer Niedertracht schämen, es getan zu haben . . . Aber schämen Sie sich noch vor etwas?« setzte sie nach einer Pause hinzu.

Der Pfarrer warf Laurence einen Blick zu, als wollte er ihr sagen: »Um Gottes willen, beruhigen Sie sich!«

Peyrade stand auf. Der Boden der Kassette, der auf den Kohlen gelegen hatte und fast ganz verbrannt war, ließ einen versengten Fleck auf dem Teppich zurück. Der Deckel war bereits verkohlt, die Seiten gaben nach. Der groteske Scaevola, der dem Gotte der Polizei, der Furcht, den Boden seiner aprikosenfarbenen Hose geopfert hatte, öffnete die beiden Seiten der Kassette, als klappte er ein Buch auf, und ließ drei Briefe und zwei Haarlocken auf den Spieltisch fallen. Er wollte schon mit einem Blick auf Corentin lächeln, als er wahrnahm, daß die Haarlocken von verschiedenem Weiß waren. Corentin ließ Fräulein von Cinq-Cygne los, um den Brief zu lesen, aus dem die Locken gefallen waren.

Auch Laurence stand auf, trat neben die beiden Spione und sagte:

»Oh! lesen Sie laut vor, das soll Ihre Strafe sein.«

Da sie nur mit den Augen lasen, so las sie selbst den folgenden Brief vor:

»Liebe Laurence!

»Wir erfuhren von Deinem schönen Benehmen an dem traurigen Tage unserer Verhaftung, mein Gatte und ich. Wir wissen, Du liebst unsre geliebten Zwillinge ebensosehr und ebenso gleichmäßig wie wir selbst. Deshalb übergeben wir Dir ein für sie ebenso kostbares wie trauriges Pfand. Der Herr Scharfrichter hat uns eben die Haare geschoren, denn wir sollen in wenigen Augenblicken sterben, und er hat uns versprochen, Dir die beiden einzigen Andenken zukommen zu lassen, die wir unsern geliebten Waisen geben können. So hebe denn für sie diese Überreste von uns auf, und gib sie ihnen in besseren Zeiten. Wir haben einen letzten Kuß für sie darauf gedrückt, und unseren Segen beigefügt. Unser letzter Gedanke wird zunächst unseren Söhnen gelten, dann Dir und schließlich Gott! Habe sie lieb.

Bertha von Cinq-Cygne
Johann von Simeuse.«

Beim Verlesen dieses Briefes füllten sich alle Augen mit Tränen.

Mit fester Stimme sagte Laurence zu den beiden Agenten, indem sie ihnen einen versteinernden Blick zuwarf:

»Sie haben weniger Mitleid als der Herr Scharfrichter!«

Corentin legte die Haare ruhig in den Brief und diesen zur Seite auf den Tisch, dann stellte er einen Korb mit Spielmarken darauf, damit er nicht wegflog. Diese Kaltblütigkeit inmitten der allgemeinen Aufregung war scheußlich. Peyrade entfaltete die beiden anderen Briefe.

»Oh, die sind ungefähr ebenso«, sagte Laurence. »Sie haben das Testament gehört, dies ist die Vollstreckung. Fortan wird mein Herz für niemand mehr Geheimnisse haben, weiter nichts.«

»1794, Andernach, vor dem Kampfe.

»Meine liebe Laurence!

Ich liebe Dich für mein Leben und will, daß Du es weißt. Aber, wenn ich sterben sollte, wisse, daß mein Bruder Paul Maria Dich ebenso liebt wie ich. Mein einziger Trost im Tode wird die Gewißheit sein, daß Du eines Tages meinen Bruder wirst heiraten können, ohne mich vor Eifersucht umkommen zu sehen, denn das würde geschehen, wenn Du ihn mir bei meinen Lebzeiten vorzögest. Alles in allem würde diese Bevorzugung mir ganz natürlich erscheinen, denn vielleicht ist er mehr wert als ich . . . usw.

Maria Paul.«

»Hier ist der andere«, fuhr sie mit reizender Röte auf der Stirn fort:

»Andernach, vor dem Kampfe.

»Meine gute Laurence!

Meine Seele ist etwas traurig, aber Maria Paul hat ein zu frohes Gemüt, um Dir nicht weit mehr zu gefallen als ich. Eines Tages wirst Du zwischen uns wählen müssen: wohlan, obwohl ich Dich leidenschaftlich liebe . . .«

»Sie standen im Briefwechsel mit Emigranten!« unterbrach Peyrade Laurence und hielt vorsichtshalber die Briefe gegen das Licht, um zu prüfen, ob zwischen den Zeilen nicht eine Schrift in sympathetischer Tinte stand.

»Ja«, entgegnete Laurence und faltete die kostbaren vergilbten Briefe wieder zusammen. »Aber, was gibt Ihnen das Recht, derart meine Wohnung, meine persönliche Freiheit und alle häuslichen Rechte zu vergewaltigen?«

»Ah, fürwahr!« rief Peyrade aus. »Wer mir das Recht gibt? Das muß ich Ihnen sagen, schöne Aristokratin,« und damit zog er aus seiner Tasche einen Befehl aus dem Justizministerium, der vom Minister des Innern gegengezeichnet war. »Da, Bürgerin, das haben die Minister auf ihre Kappe genommen . . .«

»Wir könnten Sie fragen,« flüsterte Corentin ihr zu, »wer Ihnen das Recht gibt, die Mörder des Ersten Konsuls bei sich aufzunehmen? Sie haben mir einen Peitschenhieb auf die Finger gegeben, der mich ermächtigen könnte, eines Tages einen Schlag zu führen, um Ihre Herren Vettern ins Jenseits zu befördern, während ich sie retten wollte . . .«

Bei der bloßen Bewegung seiner Lippen und dem Blick, den Laurence auf Corentin warf, begriff der Pfarrer, was der große unbekannte Künstler sagte, und er machte der Gräfin ein Zeichen des Mißtrauens, das nur Goulard bemerkte. Peyrade klopfte leicht auf den Boden der Schachtel, um festzustellen, ob er nicht doppelt war.

»O Gott!« sagte Laurence zu Peyrade und riß ihm den Deckel fort, »zerbrechen Sie ihn nicht . . . Warten Sie.«

Sie nahm eine Nadel und drückte auf den Kopf einer Figur, Die beiden Bretter sprangen durch den Druck einer Feder auf, und das eine, das hohl war, zeigte die beiden Miniaturbilder der Herren von Simeuse in der Uniform der Condéschen Armee, zwei in Deutschland auf Elfenbein gemalte Porträts. Corentin, der einen seines ganzen Zorns würdigen Gegner vor sich sah, zog Peyrade in eine Ecke und beriet sich leise mit ihm.

»Das warfen Sie ins Feuer!« sagte der Abbé zu Laurence mit einem Blick auf den Brief der Marquise und die Haarlocken.

Statt jeder Antwort zuckte das junge Mädchen bedeutungsvoll die Achseln. Der Pfarrer begriff, daß sie alles preisgab, um die Spione hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, und er blickte in bewundernder Gebärde gen Himmel.

»Wo hat man denn Gotthard verhaftet, den ich weinen höre?« fragte sie ihn laut genug, um gehört zu werden.

»Ich weiß nicht«, entgegnete der Pfarrer.

»War er nach dem Pachthof geritten?«

»Der Pachthof!« sagte Peyrade zu Corentin. »Wir wollen Leute hinschicken.«

»Nein,« entgegnete Corentin, »dies Mädchen hätte das Heil ihrer Vettern keinem Pächter anvertraut. Sie hält uns zum besten . . . Tun Sie, was ich Ihnen sage, damit wir nach dem Fehler, den wir durch unser Herkommen begingen, wenigstens einige Aufklärungen mit fortnehmen.«

Corentin trat vor den Kamin, hob seine langen spitzen Rockschöße, um sich zu wärmen, und nahm die Miene, den Ton und das Benehmen eines Mannes an, der zu Besuch ist.

»Meine Damen, Sie können zu Bette gehen, und Ihre Leute gleichfalls. Herr Bürgermeister, Ihre Dienste sind uns jetzt unnütz. Die Strenge unserer Befehle erlaubte uns nicht, anders zu handeln, als wir es getan haben, aber wenn alle Mauern, die mir recht dick scheinen, untersucht sind, gehen wir fort.« Der Bürgermeister grüßte die Gesellschaft und verschwand. Weder der Pfarrer noch Fräulein Goujet rührten sich. Die Leute waren zu besorgt, um das Schicksal ihrer jungen Herrin nicht zu verfolgen. Frau von Hauteserre, die Laurence seit ihrer Ankunft mit der Neugier einer verzweifelten Mutter beobachtete, stand auf, zog sie am Arme in eine Ecke und fragte sie:

»Hast du sie gesehen?«

»Wie hätte ich deine Söhne wohl unter unser Dach kommen lassen, ohne daß du es erfuhrest?« entgegnete Laurence. – »Durieu,« fuhr sie fort, »sehen Sie zu, ob meine arme Stella noch zu retten ist; sie atmet noch.«

»Sie hat einen weiten Weg gemacht?« fragte Corentin.

»Fünfzehn französische Meilen in drei Stunden«, antwortete sie dem Pfarrer, der sie verblüfft ansah. »Ich bin um halb zehn Uhr fortgeritten und erst nach ein Uhr zurückgekehrt.«

Sie blickten auf die Stutzuhr, die halb drei zeigte.

»Also,« fuhr Corentin fort, »leugnen Sie nicht, einen Ritt von fünfzehn Meilen gemacht zu haben?«

»Nein«, sagte sie. »Ich gestehe, daß meine Vettern und die Herren von Hauteserre in ihrer völligen Unschuld den Antrag stellen wollten, von der Amnestie nicht ausgeschlossen zu werden, und daß sie auf dem Rückweg nach Cinq-Cygne waren. Als ich daher glauben konnte, Herr Malin wollte sie in einen Verrat verwickeln, bin ich ihnen entgegengeritten, um sie zu warnen, damit sie nach Deutschland zurückkehren. Sie werden dort sein, bevor der Telegraph von Troyes sie an der Grenze signalisiert hat. Habe ich ein Verbrechen begangen, so wird man mich bestrafen.«

Diese wohlüberlegte Antwort Laurences, die in allen Teilen so wahrscheinlich klang, erschütterte Corentins Überzeugungen. Laurence beobachtete ihn von der Seite. In diesem so entscheidenden Augenblick, als alle Seelen gleichsam an diesen beiden Gesichtern hingen, als alle Blicke von Corentin zu Laurence und von ihr zu Corentin schweiften, erscholl auf der Straße und vom Gitter zum Pflaster der Galopp eines aus dem Walde kommenden Pferdes. Furchtbare Angst malte sich auf allen Gesichtern.

Peyrade trat freudestrahlend ein, ging eilig auf seinen Kollegen zu und sagte so laut, daß die Gräfin es hören konnte:

»Wir haben Michu!«

Laurence, der die Angst, die Ermüdung und die Anspannung all ihrer Geisteskräfte die Wangen gerötet hatte, erbleichte wieder und sank fast ohnmächtig, wie vom Blitze getroffen, in einen Lehnstuhl. Die Durieus, Fräulein Goujet und Frau von Hauteserre stürzten auf sie zu, denn sie rang nach Atem und gab durch eine Gebärde zu verstehen, daß man ihr die Schnüre ihres Reitkleides aufschneiden sollte.

»Sie ist hereingefallen«, sagte Corentin zu Peyrade. »Sie sind auf dem Wege nach Paris! Ändern wir die Befehle!«

Beide gingen hinaus und ließen einen Gendarmen an der Salontür. Die höllische Geschicklichkeit der beiden Männer hatte in diesem Zweikampf einen furchtbaren Sieg davongetragen, als Laurence in die Falle ihrer gewohnten Listen ging.

Um sechs Uhr früh, bei Tagesanbruch, kehrten die beiden Agenten zurück. Nach Untersuchung des Hohlweges hatten sie sich vergewissert, daß die Pferde dort durchgekommen waren und den Weg nach dem Wald eingeschlagen hatten. Sie warteten den Bericht des Gendarmeriehauptmanns ab, der die Gegend auskundschaften sollte. Während sie das Schloß unter dem Befehl eines Brigadiers umstellt hielten, gingen sie in ein Wirtshaus in Cinq-Cygne zum Frühstück, gaben aber vorher Befehl zur Freilassung Gotthards, der auf alle Fragen stets mit Tränenströmen geantwortet, sowie Katharinas, die sich andauernd still und unbeweglich verhalten hatte. Katharina und Gotthard kamen in den Salon und küßten Laurence die Hände. Die lag in dem Lehnsessel hingestreckt. Durieu erschien mit der Meldung, Stella ginge nicht ein, bedürfe aber großer Pflege.

Der Bürgermeister, der unruhig und neugierig war, traf Peyrade und Corentin im Dorfe. Er wollte es nicht dulden, daß höhere Beamte in einem elenden Wirtshaus frühstückten, und nahm sie mit sich nach Hause. Die Abtei lag eine Viertelstunde entfernt. Unterwegs bemerkte Peyrade, daß der Brigadier von Arcis nichts über Michu und Violette gemeldet hatte.

»Wir haben es mit begabten Leuten zu tun«, sagte Corentin. »Sie sind stärker als wir. Der Priester ist zweifellos daran beteiligt.«

In diesem Augenblick, als Frau Goulard die beiden Beamten in ein großes kaltes Eßzimmer eintreten ließ, erschien der Gendarmerieleutnant mit ziemlich verstörter Miene.

»Wir haben das Pferd des Brigadiers von Arcis im Walde gefunden, ohne seinen Reiter«, sagte er zu Peyrade.

»Leutnant,« rief Corentin, »reiten Sie flugs nach Michus Pavillon und sehen Sie zu, was dort vorgeht! Der Brigadier wird erschossen sein.«

Diese Meldung war dem Frühstück des Bürgermeisters abträglich. Die Pariser schlangen alles mit der Hast von Jägern herunter, die bei einer Rast essen, und kehrten in ihrem Korbwagen mit dem Postpferde zum Schlosse zurück, um rasch an jeden Punkt gelangen zu können, der ihre Anwesenheit erheischte. Als beide wieder in dem Salon erschienen, in dem sie Verwirrung, Schrecken, Schmerz und grausamste Angst angerichtet hatten, fanden sie Laurence im Morgenrock, den Edelmann und seine Frau, den Abbé Goujet und dessen Schwester in anscheinender Ruhe um das Feuer gruppiert.

»Hätte man Michu gefangen genommen,« hatte Laurence sich gesagt, »so hätte man ihn hergeführt. Ich habe den Kummer, daß ich nicht Herrin meiner selbst geblieben bin, sondern in die Vermutungen dieser Elenden etwas Licht gebracht habe. Aber alles läßt sich wieder gutmachen. – Werden wir lange Ihre Gefangenen bleiben?« fragte sie die beiden Agenten mit spöttischer, unbefangener Miene.

»Wie kann sie etwas von unserer Besorgnis um Michu wissen? Niemand ist von draußen ins Schloß gekommen. Sie verhöhnt uns!« sagten sich die beiden Spione mit einem Blick.

»Wir werden Sie nicht mehr lange belästigen«, antwortete Corentin. »In drei Stunden werden wir uns entschuldigen, Ihre Einsamkeit gestört zu haben.«

Niemand gab eine Antwort. Dies verächtliche Schweigen verdoppelte die innere Wut Corentins, auf dessen Kosten Laurence und der Pfarrer, die beiden Leuchten dieser kleinen Welt, sich lustig gemacht hatten. Gotthard und Katharina deckten am Kamin zum Frühstück, an dem der Pfarrer und seine Schwester teilnahmen. Weder Herrschaft noch Dienstboten beachteten im mindesten die beiden Spione, die im Garten, auf dem Hofe und auf dem Wege spazierengingen und von Zeit zu Zeit in den Salon zurückkehrten.

Um halb drei kam der Leutnant wieder.

»Ich habe den Brigadier gefunden«, sagte er zu Corentin. »Er lag auf dem Wege vom Pavillon von Cinq-Cygne zum Pachthof Bellache und trug keine andere Verletzung als eine schreckliche Quetschung am Kopfe, wahrscheinlich infolge seines Sturzes. Er wurde, sagt er, so schnell aus dem Sattel gehoben und so heftig nach rückwärts geschleudert, daß er sich nicht erklären kann, wie das zugegangen ist. Er hat die Steigbügel losgelassen, sonst wäre er tot, denn sein scheu gewordenes Pferd hätte ihn querfeldein geschleift. Wir haben ihn Michu und Violette anvertraut . . .«

»Was! Michu ist in seinem Pavillon!« sagte Corentin und blickte Laurence an.

Die Gräfin lächelte mit listigem Blick; das war ihre Frauenrache.

»Ich sah ihn selbst, wie er dabei war, mit Violette einen Handel abzuschließen, der gestern abend begonnen hat,« entgegnete der Leutnant. »Violette und Michu schienen mir betrunken, aber das ist kein Wunder; sie haben die ganze Nacht gezecht und sind noch nicht handelseinig.«

»Hat Ihnen Violette das gesagt?« rief Corentin.

»Jawohl«, entgegnete der Leutnant.

»Ach, man sollte alles selbst machen!« rief Peyrade mit einem Blick auf Corentin, der ebenso wie Peyrade dem Verstand des Leutnants mißtraute.

Der junge Mann antwortete dem Alten durch ein Kopfnicken.

»Wann sind Sie in Michus Pavillon angelangt?« fragte Corentin, als er bemerkte, daß Fräulein von Cinq-Cygne nach der Uhr auf dem Kamin blickte.

»Gegen zwei Uhr«, antwortete der Leutnant.

Laurence umspannte mit einem einzigen Blick das Ehepaar Hauteserre, den Abbé Goujet und dessen Schwester, die völlig im Dunkeln tappten. Siegesfreude strahlte aus ihren Augen; sie errötete und Tränen quollen aus ihren Lidern. Dies junge Mädchen, das gegen das größte Unglück gewappnet war, konnte nur vor Freude weinen. In diesem Augenblick war sie erhaben, besonders in den Augen des Pfarrers, den ihr männlicher Charakter fast bekümmert hatte. Nun erkannte er ihre äußerst weibliche Zärtlichkeit; aber diese Empfindsamkeit lag bei ihr wie ein verborgener Schatz in unendlicher Tiefe unter einem Granitblock.

Ein Gendarm kam mit der Frage, ob Michus Sohn vorgelassen werden solle. Der käme von seinem Vater, um mit den Herren aus Paris zu sprechen. Corentin winkte bejahend. Franz Michu, dieser schlaue junge Hund, der aus Rasseinstinkt jagte, stand im Hofe, wo der freigelassene Gotthard einen Augenblick unter den Augen des Gendarmen mit ihm sprechen durfte. Der kleine Michu richtete eine Bestellung aus und ließ dabei etwas in Gotthards Hand gleiten, ohne daß der Gendarm es merkte. Gotthard schlich sich hinter Franz herein und gelangte bis zu Fräulein von Cinq-Cygne, um ihr in aller Harmlosigkeit den zweiten Teil ihres Ringes zu geben. Sie küßte ihn leidenschaftlich, denn sie begriff, daß Michu ihr mit der Zusendung sagte, daß die vier Edelleute geborgen seien.

»Vater läßt fragen, wo er den Brigadier lassen soll, dem es gar nicht gut geht«, sagte er mit bäurischem Ausdruck.

»Was fehlt ihm?« fragte Peyrade.

»Er hat Kopfweh. Er ist doch auch auf die Erde gefallen. Für einen Gendarm, der reiten kann, ist das Pech. Aber er ist aufgeprallt! Er hat ein Loch, oh, so groß wie 'ne Faust, hinten am Kopfe. Er hat scheinbar Unglück gehabt und ist auf einen bösen Stein gefallen. Armer Kerl! Wenn er auch Gendarm ist, er hat doch Schmerzen, daß es einem leid tut.«

Der Gendarmeriehauptmann aus Troyes kam in den Hof geritten, saß ab und winkte Corentin zu. Als der ihn erkannte, stürzte er ans Fenster und riß es auf, um keine Zeit zu verlieren.

»Was gibt es?«

»Wir sind angeführt worden. Man hat fünf Pferde gefunden, die vor Erschöpfung gefallen sind, mit schweißbedecktem, gesträubtem Fell, mitten auf dem großen Waldwege. Ich lasse sie bewachen, um zu erfahren, woher sie kommen und wer sie geliefert hat. Der Wald ist umstellt; wer drin ist, kann nicht hinaus.«

»Wann sind die Reiter nach Ihrer Meinung in den Wald gekommen?«

»Um halb ein Uhr Nachts.«

»Daß mir kein Hase aus dem Wald herauskommt, ohne daß man ihn sieht!« flüsterte Corentin ihm ins Ohr. »Ich lasse Ihnen Peyrade hier und gehe nach dem armen Brigadier sehen. – Bleibe beim Bürgermeister; ich werde dir einen geschickten Mann zur Ablösung senden«, sagte er dem Provenzalen ins Ohr. »Wir müssen die Leute aus der Gegend zu Hilfe nehmen; sieh dir alle Gesichter genau an.«

Dann wandte er sich zu der Gesellschaft und sagte in drohendem Tone: »Auf Wiedersehen!«

Niemand grüßte die Agenten, als sie hinausgingen.

»Was wird Fouché zu einer Haussuchung ohne Ergebnis sagen?« rief Peyrade aus, als er Corentin in den Korbwagen half.

»Oh, die Sache ist noch nicht zu Ende«, sagte Corentin ihm ins Ohr. »Die Edelleute müssen im Walde sein.«

Er wies auf Laurence, die sie durch die kleinen Scheiben der großen Salonfenster beobachtete.

»Ich habe schon eine zur Strecke gebracht, die mindestens so viel wert war und die mir die Galle zu sehr erhitzt hat. Kommt sie mir wieder ins Gehege, so werde ich ihr den Peitschenhieb heimzahlen.«

»Die andre war eine Dirne,« sagte Peyrade, »und die da hat eine Stellung . . .«

»Mache ich etwa Unterschiede? Alles, was schwimmt, ist Fisch!« sagte Corentin und winkte dem Gendarmen, der ihn fuhr, auf das Postpferd einzuschlagen.

Nach zehn Minuten war das Schloß Cinq-Cygne ganz und gar geräumt. Laurence ließ Franz Michu sich setzen und gab ihm zu essen.

»Wie seid Ihr den Brigadier losgeworden?« fragte sie ihn.

»Meine Eltern haben mir gesagt, es ginge um Tod und Leben, und es dürfte niemand zu uns hinein. Da hörte ich Pferde im Walde kommen und merkte, daß ich es mit Hunden von Gendarmen zu tun hatte, und ich wollte verhindern, daß sie zu uns kamen. Ich holte dicke Stricke von unserm Boden und band sie an einen der Bäume, die am Anfang jedes Weges stehen. Dann spannte ich den Strick in Brusthöhe eines Reiters und schnürte ihn um den Baum gegenüber auf dem Wege, auf dem ich ein Pferd galoppieren hörte. Der Weg war gesperrt. Die Sache klappte. Der Mond schien nicht mehr, mein Brigadier flog zu Boden, war aber nicht tot. Einerlei, die Gendarmen sind nicht leicht tot zu kriegen. Man tut, was man kann.«

»Du hast uns gerettet!« sagte Laurence und gab Franz einen Kuß. Dann geleitete sie ihn bis zum Gitter. Als sie dort niemand sah, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Haben sie zu essen?«

»Ich habe ihnen eben ein Zwölf-Pfund-Brot und eine Flasche Wein gebracht. Das reicht für sechs Tage.«

Als das junge Mädchen in den Salon zurückkehrte, sah sie sich von den stummen Fragen des Herrn und der Frau von Hauteserre, des Abbé Goujet und seiner Schwester bestürmt. Alle blickten sie voller Bewunderung und Sorge an.

»So hast du sie wiedergesehen?« stieß Frau von Hauteserre hervor.

Die Gräfin legte lächelnd einen Finger auf die Lippen und ging in ihr Zimmer hinauf, um sich zu Bett zu legen.

Der kürzeste Weg von Cinq-Cygne nach Michus Pavillon führte vom Dorf nach dem Pachthofe und endete an dem Rondel, wo Michu tags zuvor die Spione erblickt hatte. Und so schlug auch der Gendarm, der Corentin fuhr, diesen Weg ein, auf dem der Brigadier von Arcis geritten war. Unterwegs fragte sich der Agent, auf welche Weise ein Gendarm wohl aus dem Sattel gehoben werden könne. Er grollte sich selbst, daß er auf diesen wichtigen Punkt nur einen einzigen Mann geschickt hatte, und zog daraus eine Lehre für ein Handbuch der Polizei, das er zu seinem Gebrauch verfaßte.

»Wenn man sich den Gendarmen vom Halse geschafft hat,« dachte er, »wird man es mit Violette ebenso gemacht haben. Auf den fünf gefallenen Pferden sind offenbar die vier Verschwörer und Michu aus der Gegend von Paris in den Wald zurückgeritten. – Hat Michu ein Pferd?« fragte er den Gendarmen, der zu der Brigade von Arcis gehörte.

»Ach, und einen famosen Gaul,« antwortete der Gendarm, »ein Jagpferd aus den Ställen des vormaligen Marquis von Simeuse. Es ist zwar schon fünfzehnjährig, aber darum nicht minder gut. Michu reitet es zwanzig Meilen, und sein Fell ist noch trocken wie mein Hut. Oh, er pflegt es gut. Er hat schon Geld dafür abgelehnt.«

»Wie sieht sein Pferd aus?«

»Schwarzbraunes Fell, weiße Flecken über den Hufen, mager, ganz Sehnen wie ein arabisches Pferd.«

»Hast du denn arabische Pferde gesehen?«

»Ich bin vor Jahresfrist aus Ägypten zurückgekommen; da habe ich Mameluckenpferde geritten. Ich habe elf Jahre bei der Kavallerie gedient; ich bin mit dem General Steingel über den Rhein gegangen, von da nach Italien, und ich bin dem Ersten Konsul nach Ägypten gefolgt. Deshalb soll ich auch Brigadier werden.«

»Wenn ich in Michus Pavillon bin, geh doch in den Stall, und wenn du seit elf Jahren mit Pferden zu tun hast, mußt du doch erkennen können, ob ein Pferd gelaufen ist.«

»Halt, da ist unser Brigadier zu Boden geworfen worden«, sagte der Gendarm und wies auf die Stelle, wo der Weg in das Rondel einmündete.

»Du wirst dem Hauptmann sagen, er soll mich in diesem Pavillon abholen. Wir werden zusammen nach Troyes fahren.«

Corentin stieg aus und besichtigte ein paar Augenblicke die Stelle. Er sah sich die beiden einander gegenüberstehenden Ulmen an, wovon eine an der Parkmauer, die andre auf der Böschung des Rondels stand, die von dem Gemeindeweg durchschnitten wurde. Dann erblickte er etwas, was noch niemand entdeckt hatte, einen Uniformknopf im Staube des Weges, und hob ihn auf. Als er den Pavillon betrat, sah er Michu und Violette am Tisch in der Küche; sie stritten noch immer miteinander. Violette stand auf, begrüßte Corentin und bot ihm zu trinken an.

»Danke . . . Ich möchte den Brigadier sehen«, sagte der junge Mann, der mit einem Blick erriet, daß Violette seit mehr als zwölf Stunden betrunken war.

»Meine Frau pflegt ihn oben«, sagte Michu.

»Nun, Brigadier, wie geht es Ihnen?« fragte Corentin, der die Treppe hinaufgeeilt war und den Gendarmen mit einer Kompresse auf dem Kopfe auf Frau Michus Bett fand. Sein Hut, Säbel und Lederzeug lagen auf einem Stuhl.

Martha, die dem weiblichen Empfinden treu blieb und zudem nichts von dem Heldenstück ihres Sohnes wußte, pflegte den Brigadier mitsamt ihrer Mutter.

»Wir warten auf Herrn Varlet, den Arzt aus Arcis«, sagte Frau Michu. »Gaucher ist fort, um ihn zu holen.«

»Lassen Sie uns einen Augenblick allein«, sagte Corentin, ziemlich überrascht von diesem Schauspiel, das für die Unschuld der beiden Frauen zeugte.

»Wie wurde Sie getroffen?« fragte er und blickte auf die Uniform.

»An der Brust«, antwortete der Brigadier.

»Lassen Sie mal Ihr Lederzeug sehen«, sagte Corentin.

Auf der gelben, weißbesäumten Binde, die der sogenannten Nationalgendarmerie durch ein neues Gesetz verliehen war, das die geringsten Einzelheiten ihrer Uniform vorschrieb, befand sich ein Schild, ähnlich dem unsrer jetzigen Feldhüter, auf dem nach der Vorschrift des Gesetzes die eigenartigen Worte eingraviert waren: »Achtung vor den Personen und dem Eigentum!« Der Strick hatte notwendig das Lederzeug getroffen und es stark gequetscht. Corentin nahm den Rock und besah sich die Stelle, wo der auf der Straße gefundene Knopf fehlt«.

»Wann hat man Sie aufgefunden?« fragte Corentin.

»In der Morgendämmerung.«

»Hat man Sie gleich heraufgebracht?« fragte Corentin, als er den Zustand des nicht aufgedeckten Bettes bemerkte.

»Jawohl.«

»Wer hat Sie heraufgebracht?«

»Die Frauen und der kleine Michu, der mich bewußtlos gefunden hat.«

»Gut! Sie sind nicht zu Bett gegangen«, sagte sich Corentin. »Der Brigadier ist weder von einem Schuß getroffen, noch von einem Stockhieb, denn um ihn zu treffen, hätte sein Gegner in gleicher Höhe sein und zu Pferde sitzen müssen. Er kann also nur durch ein Hindernis auf seinem Wege aus dem Sattel gehoben worden sein. Ein Stück Holz? Unmöglich. Eine eiserne Kette? Die hätte Spuren hinterlassen. – Was haben Sie gefühlt?« fragte er den Brigadier laut und trat auf ihn zu, um ihn zu untersuchen.

»Ich wurde so plötzlich hintenüber geworfen . . .«

»Ihre Haut ist unter dem Kinn abgeschürft.«

»Mir scheint«, antwortete der Brigadier, »als wäre mir ein Strick durchs Gesicht gefahren . . .«

»Ich hab's«, sagte Corentin. »Man hat zwischen zwei Bäumen einen Strick gespannt, um den Weg zu sperren.«

»Das könnte wohl sein«, sagte der Brigadier.

Corentin ging hinunter und trat in das Zimmer.

»Nun, alter Lump, machen wir Schluß!« sagte Michu zu Violette und blickte den Spion an. »Hundertzwanzigtausend Franken fürs Ganze, und Sie sind Herr auf meinen Äckern. Ich werde Rentner.«

»Ich habe nur sechzigtausend, so wahr Gott lebt.«

»Aber wenn ich Ihnen Frist für den Rest gebe . . . Da sitzen wir nun seit gestern hier und können nicht handelseinig werden . . . Land von erster Güte!«

»Das Land ist gut«, entgegnete Violette.

»Wein her, Frau!« schrie Michu.

»Habt Ihr denn noch nicht genug getrunken?« rief Marthas Mutter. »Das ist ja die vierzehnte Flasche seit gestern um neun Uhr . . .«

»Sie sind seit neun Uhr morgens hier?« fragte Corentin Violette.

»Nein, entschuldigen Sie. Seit gestern abend hab' ich mich nicht vom Fleck gerührt und nichts dabei gewonnen. Je mehr er mir zu trinken gibt, um so mehr verlangt er mir ab.«

»Wer bei einem Handel das Glas hebt, hebt auch den Preis«, sagte Corentin.

Ein Dutzend leere Flaschen, die am Rande des Tisches standen, bezeugten die Worte des Alten. In diesem Augenblick winkte der Gendarm Corentin von draußen und flüsterte ihm auf der Schwelle zu:

»Im Stall ist kein Pferd.«

»Sie haben Ihren Jungen zu Pferde nach der Stadt geschickt«, sagte Corentin, als er zurückkam. »Er muß bald wieder da sein.«

»Nein, Herr, er ist zu Fuß gegangen«, sagte Martha.

»Na, und was haben Sie mit Ihrem Pferde gemacht?«

»Ich hab es verliehen«, sagte Michu trocken.

»Kommen Sie mal her, Sie frommer Mann,« gebot Corentin dem Verwalter, »ich habe Ihnen zwei Worte ins Ohr zu sagen.«

Und er ging mit Michu hinaus.

»Mit der Büchse, die Sie gestern um ein Uhr luden, wollten Sie den Staatsrat töten . . . Grévin, der Notar, hat Sie gesehen. Aber damit kann man Sie nicht fassen: da war viel Absicht und wenig Zeugen. Sie haben, ich weiß schon wie, Violette eingeschläfert, und Sie, Ihre Frau und Ihr Junge, haben die Nacht draußen verbracht, um Fräulein von Cinq-Cygne von unsrer Ankunft zu benachrichtigen und ihre Vettern zu retten, die Sie hierher gebracht haben, wohin, weiß ich noch nicht. Ihr Sohn oder Ihre Frau haben den Brigadier recht schlau zu Fall gebracht. Kurz, Sie haben uns geschlagen. Sie sind ein famoser Kerl. Aber damit ist noch nicht alles gesagt; das letzte Wort liegt nicht bei uns. Wollen Sie sich vergleichen? Ihre Herren werden dabei gewinnen.«

»Kommen Sie mit; wir wollen miteinander reden, ohne daß man uns hört«, sagte Michu und führte den Spion in den Park bis zum Teich.

Als Corentin das Wasser sah, blickte er Michu fest an. Der wollte ihn zweifellos mit Hilfe seiner Körperkraft in sieben Fuß Schlamm unter drei Fuß Wasser werfen. Michu antwortete mit einem nicht minder festen Blick. Es war genau so, als hätte eine schlaffe, kalte Boa einen der rotbraunen, wilden Jaguare Brasiliens herausgefordert.

»Ich habe keinen Durst«, sagte der Stutzer und blieb am Rand der Wiese stehen, während er mit der Hand in seine Seitentasche griff, um seinen kleinen Dolch zu fassen.

»Wir können uns nicht verstehen«, sagte Michu kalt.

»Benehmen Sie sich klug, mein Lieber, die Justiz wird ein Auge auf Sie haben.«

»Wenn sie nicht klarer sieht als Sie, ist jedermann in Gefahr«, sagte der Verwalter.

»Sie lehnen ab?« fragte Corentin ausdrucksvoll.

»Lieber will ich mir hundertmal den Hals abschneiden lassen, wenn man das einem Menschen hundertmal machen könnte, als mit einem Kerl wie du gemeinsame Sache machen!«

Corentin stieg rasch wieder in den Wagen, nachdem er Michu, den Pavillon und den ihm nachbellenden Couraut mit einem Blicke gemessen hatte. Bei der Durchfahrt durch Troyes hinterließ er ein paar Befehle, dann kehrte er nach Paris zurück. Alle Gendarmeriebrigaden erhielten einen Auftrag und geheime Weisungen.

Während der Monate Dezember, Januar und Februar wurde in den kleinsten Dörfern emsig und anhaltend nachgeforscht. Man horchte in allen Schenken. Corentin erfuhr drei wichtige Dinge: ein Pferd, dem Michus ähnlich, wurde in der Gegend von Lagny tot aufgefunden. Die fünf im Walde von Nodesme verscharrten Pferde waren für je fünfhundert Franken von Pächtern und Müllern an einen Mann verkauft worden, dessen Personenbeschreibung auf Michu paßte. Als das Gesetz über die Hehler und Mitschuldigen von Georges veröffentlicht wurde, beschränkte Corentin seine Überwachung auf den Wald von Nodesme. Dann, als Moreau, die Royalisten und Pichegru verhaftet wurden, sah man keine fremden Gesichter mehr in der Gegend. Michu verlor damals seine Stellung; der Notar aus Arcis überbrachte ihm das Schreiben, worin der Staatsrat, der jetzt Senator geworden war, Grévin bat, die Abrechnung des Verwalters entgegenzunehmen und ihn zu entlassen. Binnen drei Tagen ließ Michu sich eine Entlassung in aller Form geben und wurde frei. Zur großen Verwunderung der Gegend zog er nach Cinq-Cygne, wo Laurence ihn zum Pächter aller Vorbehaltsgüter des Schlosses machte. Der Tag seiner Einsetzung traf schicksalsvoll mit der Hinrichtung des Herzogs von Enghien zusammen. Fast ganz Frankreich erfuhr gleichzeitig die Verhaftung, die Verurteilung und den Tod des Fürsten: eine furchtbare Vergeltung, die dem Prozeß gegen Polignac, Rivière und Moreau vorausging.

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