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Eine dunkle Geschichte

Honoré de Balzac: Eine dunkle Geschichte - Kapitel 5
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authorHonoré de Balzac
titleEine dunkle Geschichte
publisherErnst Rowohlt Verlag
yearo.J.
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
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Obwohl er ein großer Anhänger der Revolution war, und die Gräfin ihn kühl behandelte, fühlte der Bürgermeister sich noch immer durch die Bande der Ehrerbietung an die Cinq-Cygnes und die Simeuses gefesselt. Und so drückte er denn über alles, was im Schloß vorging, ein Auge zu. So nannte er es, wenn er die Bilder Ludwigs XVI., der Marie Antoinette, der Brüder des Königs, die Porträts von Cazalès und Charlotte Corday übersah, die die Wandtäfelungen des Salons schmückten, wenn er keinen Anstoß daran nahm, daß man der Republik in seiner Gegenwart den Untergang wünschte, sich über die fünf Direktoren und alle damaligen Verhältnisse lustig machte. Wie viele Emporkömmlinge glaubte er, nachdem er sein Glück gemacht hatte, wieder an die alten Familien und suchte Anschluß an sie. Und diese seine Stellung war von den beiden Personen benutzt worden, deren Beruf Michu so rasch erraten hatte, und die vor ihrem Erscheinen in Gondreville die Gegend durchforscht hatten.

Der Mann mit den schönen Traditionen der alten Polizei und Corentin, dieser Phönix der Spione, hatten einen geheimen Auftrag. Malin täuschte sich nicht, als er diesen beiden Künstlern in tragischen Possen eine doppelte Rolle zuschrieb; und so ist es vielleicht nötig, ehe wir sie an der Arbeit sehen, den Kopf zu zeigen, dem sie als Arme dienten. Als Bonaparte Erster Konsul wurde, fand er Fouché als Leiter der allgemeinen Polizei. Die Revolution hatte offen und nicht ohne Grund ein besonderes Polizeiministerium. Doch bei seiner Rückkehr von Marengo schuf Bonaparte die Polizeipräfektur, die er Dubois gab, und berief Fouché in den Staatsrat, während er zu seinem Nachfolger im Polizeiministerium das Konventsmitglied Cochon machte, der seitdem Graf von Lapparent geworden ist. Fouché, der das Polizeiministerium für das Wichtigste in einer weitschauenden Regierung mit fester Politik hielt, sah in diesem Wechsel eine Ungnade oder zum mindesten ein Mißtrauen. Nachdem Napoleon in dem Anschlag mit der Höllenmaschine und in der gegenwärtigen Verschwörung die außerordentliche Überlegenheit dieses großen Staatsmannes erkannt hatte, gab er ihm das Polizeiministerium zurück. Später erschrak er über die Talente, die Fouché in seiner Abwesenheit in der Affäre Walcheren entfaltete, und gab dies Ministerium dem Herzog von Rovigo, während er Fouché, den Herzog von Otranto, als Gouverneur in die illyrischen Provinzen schickte – ein richtiges Exil.

Dieser eigenartige Geist, der Napoleon eine Art Schrecken einjagte, zeigte sich bei Fouché nicht mit einemmal. Das unbekannte Konventsmitglied, einer der außerordentlichsten und am falschesten beurteilten Männer jener Zeit, entwickelte sich in den Stürmen der Revolution. Unter dem Direktorium erhob er sich zu der Höhe, von der tiefe Menschen die Zukunft aus der Vergangenheit erschließen. Dann gab er plötzlich, wie manche mittelmäßigen Schauspieler, die durch eine plötzliche Erleuchtung hervorragend werden, Proben von Geschicklichkeit während der raschen Revolution des achtzehnten Brumaire. Dieser blasse Mensch, der in klösterlicher Verstellung aufgewachsen war, der die Geheimnisse der Bergpartei, der er angehörte, und die der Royalisten kannte, denen er sich zuletzt anschloß, hatte langsam und schweigsam die Dinge und Menschen und die Interessen der politischen Bühne studiert. Er durchschaute Bonapartes Geheimnisse, gab ihm nützliche Ratschläge und wertvolle Auskünfte. Zufrieden, seine Geschicklichkeit und Nützlichkeit gezeigt zu haben, hatte Fouché sich wohl gehütet, sich ganz zu offenbaren. Er wollte in leitender Stellung bleiben, aber Napoleons Unsicherheit ihm gegenüber gab ihm seine politische Freiheit zurück. Die Undankbarkeit oder besser das Mißtrauen des Kaisers nach der Affäre von Walcheren erklärt diesen Mann, der zu seinem Unglück kein vornehmer Herr war und dessen Benehmen doch ein Abklatsch des Fürsten von Talleyrand war. In jenem Augenblick ahnten weder seine alten noch seine neuen Kollegen den Umfang seines Geistes, eines reinen ministeriellen und Regierungsgenies, das alles richtig voraussah und von unglaublichem Scharfblick war. Gewiß ist heute für jeden unparteiischen Geschichtsschreiber Napoleons übermäßige Eigenliebe eine der tausend Ursachen seines Sturzes, der übrigens all sein Unrecht grausam gesühnt hat. Dieser mißtrauische Herrscher besaß eine große Eifersucht auf seine junge Macht, die seine Handlungen ebenso beeinflußte wie sein geheimer Haß auf alle geschickten Leute, die das kostbare Erbteil der Revolution waren und aus denen er sich ein Kabinett hätte zusammenstellen können, das der Träger seiner Ideen war. Talleyrand und Fouché waren nicht die einzigen, die seinen Argwohn erregten. Nun gehört es zum Unglück der Usurpatoren, daß sie sowohl die zu Feinden haben, die ihnen die Krone gegeben haben, wie die, denen sie sie genommen haben. Nie überzeugte Napoleon seine früheren Vorgesetzten und Gleichgestellten, noch die, welche am Rechte festhielten, von seiner Souveränität. Somit hielt sich niemand durch seinen Eid an ihn gebunden. Ein mittelmäßiger Mensch, wie Malin, der unfähig war, Fouchés düsteres Genie zu erfassen oder seinem raschen Blick zu mißtrauen, verbrannte sich wie ein Schmetterling am Licht, als er ihn vertraulich bat, ihm Agenten nach Gondreville zu schicken, wo er, wie er sagte, Aufschlüsse über die Verschwörung zu finden hoffte. Ohne seinen Freund durch eine Frage stutzig zu machen, fragte er sich, warum Malin nach Gondreville wollte, warum er die Auskünfte, die er haben mochte, nicht gleich in Paris gab. Der ehemalige Oratorianer, der die Schule der Durchtriebenheit durchgemacht hatte und über das Doppelspiel vieler Konventsmitglieder Bescheid wußte, sagte sich:

»Durch wen kann Malin etwas wissen, wenn wir noch nicht viel wissen?«

Fouché schloß also auf eine geheime oder abwartende Mitwisserschaft und hütete sich wohl, dem Ersten Konsul etwas zu sagen. Er wollte sich Malin lieber zum Werkzeug machen als ihn verlieren. Derart behielt Fouché einen großen Teil der von ihm entdeckten Geheimnisse für sich und schuf sich eine Macht über die Menschen, die größer war als die Bonapartes. Diese Doppelzüngigkeit war einer der Vorwürfe Napoleons gegen seinen Minister. Fouché kannte die Gaunereien, denen Malin sein Landgut Gondreville verdankte und die ihn zur Überwachung der Herren von Simeuse zwangen. Die dienten im Heere Condés; Fräulein von Cinq-Cygne war ihre Base; sie konnten sich also in der Gegend befinden und an dem Unternehmen beteiligt sein. Ihre Teilnahme verwickelte das Haus Condé, dem sie sich verschrieben hatten, in das Komplott. Es lag Talleyrand und Fouché daran, in diesen sehr dunklen Winkel der Verschwörung von 1803 hineinzuleuchten. Diese Erwägungen stellte Fouché rasch und scharfblickend an. Aber zwischen ihm, Talleyrand und Malin gab es Bande, die ihn zur größten Umsicht nötigten und in ihm den Wunsch erweckten, das Innere des Schlosses von Gondreville genau kennenzulernen. Corentin war Fouché rückhaltlos ergeben, wie Herr von Besnardière dem Fürsten von Talleyrand, wie Gentz Herrn von Metternich, Dundas Pitt, Duroc Napoleon und Chavigny dem Kardinal von Richelieu. Corentin war nicht der Ratgeber dieses Ministers, sondern seine Kreatur, der feierliche Tristan dieses Ludwig XV. im kleinen; und so hatte Fouché ihn denn naturgemäß im Polizeiministerium gelassen, um ein Auge und einen Arm dort zu behalten. Dieser Bursche sollte, wie man sagte, zu Fouché in einer jener verwandtschaftlichen Beziehung stehen, die man nicht eingesteht; denn so oft er ihn in Tätigkeit setzte, belohnte er ihn überreich. Corentin hatte Peyrade, den alten Schüler des letzten Polizeiobersten, zum Freunde gewonnen; trotzdem hatte er Geheimnisse vor Peyrade. Corentin erhielt von Fouché Befehl, das Schloß von Gondreville auszukundschaften, sich dessen Anlage einzuprägen und seine geringsten Verstecke zu rekognoszieren.

»Wir werden vielleicht dorthin zurückkehren müssen«, sagte der Exminister zu ihm, genau wie Napoleon zu seinen Leutnants sagte, sie sollten sich das Schlachtfeld von Austerlitz genau so weit ansehen, wie er zurückzugehen beabsichtigte.

Corentin sollte auch auf Malins Benehmen achten, seinen Einfluß in der Gegend feststellen, die von ihm benutzten Leute beobachten. Fouché hielt die Anwesenheit der Simeuses in der Gegend für gewiß. Durch geschicktes Ausspionieren dieser beiden beim Prinzen Condé beliebten Offiziere konnten Peyrade und Corentin wertvolle Aufschlüsse über die Verzweigungen des Komplotts jenseits des Rheines erlangen. Jedenfalls erhielt Corentin die erforderlichen Mittel, Befehle und Leute, um Cinq-Cygne zu umstellen und das Land vom Walde von Nodesme bis nach Paris auszuspionieren. Fouché empfahl größte Umsicht und erlaubte eine Haussuchung in Cinq-Cygne nur für den Fall, daß Malin positive Auskünfte gab. Schließlich machte er Corentin, damit dieser Bescheid wußte, mit der unerklärlichen Persönlichkeit Michus bekannt, der seit drei Jahren überwacht wurde. Corentin kam auf den gleichen Gedanken wie sein Vorgesetzter: »Malin kennt die Verschwörung! . . . Aber wer weiß,« sagte er sich, »ob Fouché nicht auch daran beteiligt ist.«

Corentin, der vor Malin nach Troyes gereist war, hatte sich mit dem Kommandeur der Gendarmerie verständigt und die gescheitesten Leute ausgesucht, denen er einen geschickten Hauptmann zum Führer gab. Diesem bezeichnete er das Schloß von Gondreville als Treffpunkt und befahl ihm, bei Nacht eine Abteilung von zwölf Mann nach vier verschiedenen Punkten des Tales von Cinq-Cygne zu schicken, aber mit hinreichenden Abständen, um kein Aufsehen zu erregen. Diese vier Trupps sollten ein Viereck bilden und konzentrisch auf das Schloß Cinq-Cygne vorgehen. Da Malin ihn während seiner Besprechung mit Grévin im Schlosse allein ließ, konnte Corentin einen Teil seines Auftrags ausführen. Nach seiner Rückkehr aus dem Park hatte der Staatsrat Corentin so bestimmt gesagt, daß die Simeuses und Hauteserres in der Gegend seien, daß die beiden Agenten den Hauptmann losschickten, aber zum Glück für die Edelleute ritt dieser auf der Allee durch den Wald, während Michu seinen Spion Violette betrunken machte. Der Staatsrat hatte Peyrade und Corentin zunächst erklärt, welcher Falle er entgangen war. Nun erzählten die beiden Pariser ihm den Zwischenfall mit der Büchse, und Grévin sandte Violette aus, um ein paar Aufklärungen darüber zu erhalten, was im Pavillon vorging. Corentin riet dem Notar, der Sicherheit halber seinen Freund, den Staatsrat, für die Nacht in das Städtchen Arcis in seine Wohnung mitzunehmen. In dem Augenblick, da Michu durch den Wald nach Cinq-Cygne jagte, fuhren also Peyrade und Corentin von Gondreville ab, und zwar in einem elenden Korbwagen, der mit einem Postpferd bespannt war und von dem Brigadier von Arcis gefahren wurde, einem der verschlagensten Leute der Gendarmerietruppe, da der Kommandeur in Troyes seine Mitnahme empfohlen hatte.

»Das beste Mittel, alle zu kriegen, ist, ihnen zuvorzukommen«, sagte Peyrade zu Corentin. »In dem Augenblick, da sie bestürzt werden, da sie ihre Papiere retten oder entfliehen wollen, fallen wir wie der Blitz über sie her. Die Gendarmenkette, die sich um das Schloß zusammenzieht, wird wie ein Netzwurf wirken. So wird uns keiner entwischen.«

»Sie können den Bürgermeister zu ihnen schicken«, sagte der Brigadier. »Er ist gefällig und will ihnen nichts antun; ihm werden sie nicht mißtrauen.«

In dem Augenblick also, als Goulard zu Bett gehen wollte, war Corentin, der den Wagen in einem Gehölz halten ließ, bei ihm erschienen und hatte ihm vertraulich gesagt, in wenigen Augenblicken werde ein Agent der Regierung ihn auffordern, das Schloß Cinq-Cygne zu umstellen, um dort die Herren von Hauteserre und Simeuse abzufangen. Sollten sie verschwunden sein, so wolle man sich vergewissern, ob sie in der letzten Nacht dort geschlafen hätten, die Papiere des Fräuleins von Cinq-Cygne durchsuchen und vielleicht die Leute und die Herrschaft des Schlosses verhaften.

»Fräulein von Cinq-Cygne«, sagte Corentin, »wird zweifellos von hohen Personen beschützt, denn ich habe den geheimen Auftrag, sie von dieser Haussuchung in Kenntnis zu setzen und alles zu tun, um sie zu retten, ohne mich bloßzustellen. Bin ich erst auf dem Schauplatz, so bin ich nicht mehr Herr meines Tuns und nicht allein. Eilen Sie also aufs Schloß.«

Der Besuch des Bürgermeisters am späten Abend setzte die Spieler um so mehr in Verwunderung, als Goulard ein ganz verstörtes Gesicht machte.

»Wo ist die Gräfin?« fragte er.

»Sie geht zu Bett«, sagte Frau von Hauteserre.

Ungläubig begann der Bürgermeister auf die Geräusche im ersten Stockwerk zu lauschen.

»Was ist Ihnen heute, Goulard?« fragte Frau von Hauteserre.

Goulard verfiel in tiefstes Staunen, als er in diesen Gesichtern den Ausdruck der Aufrichtigkeit sah, den man in jedem Alter haben kann. Beim Anblick dieser Ruhe und dieser harmlosen gestörten Bostonpartie begriff er nichts von dem Verdacht der Pariser Polizei. In diesem Augenblick betete Laurence, in ihrer Betstube kniend, leidenschaftlich für den Erfolg der Verschwörung! Sie bat Gott, den Mördern Bonapartes Hilfe und Beistand zu leisten! Sie flehte Gott voller Liebe an, diesen verhängnisvollen Mann zu zerbrechen! Der Fanatismus des Harmodios, der Judith, des Jacques Clément, des Ankaström, der Charlotte Corday belebte diese reine, jungfräuliche schöne Seele. Katharina deckte das Bett auf, und Gotthard schloß die Fensterläden, so daß Martha Michu, als sie unter Laurences Fenstern ankam und Steinchen dagegen warf, bemerkt werden konnte.

»Fräulein, da gibt es was Neues«, sagte Gotthard, als er eine Unbekannte sah.

»Still!« sagte Martha leise. »Kommt her, ich habe mit Euch zu reden.«

Schneller als ein Vogel vom Baum auf die Erde geflogen wäre, war Gotthard im Garten.

»In einem Augenblick wird das Schloß von der Gendarmerie umstellt«, sagte sie zu Gotthard. »Du, sattle geräuschlos das Pferd des Fräuleins und führe es durch die Bresche in den Graben herab, hier zwischen dem Turm und den Ställen.«

Martha fuhr zusammen, als sie zwei Schritte vor sich Laurence sah, die Gotthard gefolgt war.

»Was gibt's?« fragte Laurence schlicht und anscheinend ohne Erregung.

»Die Verschwörung gegen den Ersten Konsul ist entdeckt«, flüsterte Martha der jungen Gräfin ins Ohr. »Mein Mann, der Ihre zwei Vettern retten will, schickt mich, um Ihnen zu sagen, Sie möchten kommen und sich mit ihm verständigen.«

Laurence wich drei Schritte zurück und blickte Martha an.

»Wer sind Sie?« fragte sie.

»Martha Michu.«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, entgegnete Fräulein von Cinq-Cygne kalt.

»Nicht doch, Sie bringen sie um! Kommen Sie, im Namen der Simeuses!« sagte Martha, indem sie sich auf die Knie warf und Laurence ihre Hände entgegenstreckte. »Sind keine Papiere hier, nichts, was Sie bloßstellen könnte? Droben vom Walde her sah mein Mann die betreßten Hüte und die Gewehre der Gendarmen glänzen.«

Gotthard war zunächst auf den Dachboden geklettert und erkannte von fern die Tressen der Gendarmen, hörte in der tiefen Stille der Felder den Hufschlag ihrer Pferde. Er stürzte in den Stall hinunter und sattelte das Pferd seiner Herrin, dem Katharina auf ein einziges Wort von ihm Leinenlappen um die Hufe band.

»Wo soll ich hinkommen?« fragte Laurence Martha, deren Blick und Worte ihr durch den unnachahmlichen Ausdruck der Ehrlichkeit Eindruck machten.

»Durch die Bresche«, sagte sie, Laurence fortziehend; »da ist mein edler Mann. Sie sollen erfahren, was ein Judas wert ist.«

Katharina ging rasch in den Salon, nahm dort die Reitpeitsche, die Handschuhe, den Hut und Schleier ihrer Herrin fort und ging hinaus. Katharinas plötzliches Erscheinen und Tun waren ein so sprechender Kommentar zu den Worten des Bürgermeisters, daß Frau von Hauteserre mit dem Abbé Goujet einen Blick tauschte, in dem sich der furchtbare Gedanke ausdrückte: »Lebwohl, all unser Glück! Laurence konspiriert; sie hat ihre Vettern und die beiden Hauteserres zugrunde gerichtet . . .«

»Wie meinen Sie das?« fragte Frau von Hauteserre den Bürgermeister.

»Nun, das Schloß ist umstellt; Sie werden eine Haussuchung über sich ergehen lassen müssen. Kurz, wenn Ihre Söhne hier sind, lassen Sie sie retten, ebenso die Herren von Simeuse.«

»Meine Söhne!« rief Frau von Hauteserre verblüfft.

»Wir haben niemand gesehen«, versetzte ihr Gatte.

»Umso besser!« sagte Goulard. »Ich liebe die Familien Cinq-Cygne und Hauteserre zu sehr, um mit anzusehen, wie ihnen ein Unglück zustößt. Hören Sie mich an: wenn Sie bloßstellende Papiere haben . . .«

»Papiere? . . .« wiederholte der Edelmann.

»Ja, wenn Sie welche haben, verbrennen Sie sie«, fuhr der Bürgermeister fort; »ich gehe, die Agenten hinzuhalten.«

Goulard, der es weder mit den Royalisten noch mit den Republikanern verderben wollte, ging hinaus, als die Hunde wütend anschlugen.

»Sie haben keine Zeit mehr, da sind sie«, sagte der Pfarrer. »Aber wer wird die Gräfin warnen? Wo ist sie?«

»Katharina hat ihre Reitpeitsche, ihre Handschuhe und ihren Hut nicht zum Vergnügen geholt«, sagte Fräulein Goujet.

Goulard versuchte die beiden Agenten ein paar Augenblicke hinzuhalten, indem er ihnen die völlige Unwissenheit der Schloßbewohner von Cinq-Cygne mitteilte.

»Sie kennen diese Leute nicht«, lachte Peyrade dem Bürgermeister ins Gesicht.

Nun traten die beiden zugleich süßlichen und unheimlichen Männer ein, gefolgt von dem Brigadier von Arcis und einem Gendarmen. Ihr Anblick ließ die vier friedlichen Bostonspieler zu Eis erstarren. Von einem derartigen Aufgebot von Kräften entsetzt, blieben sie auf ihren Stühlen sitzen. Der Lärm eines Dutzends Gendarmen, deren Pferde stampften, dröhnte auf dem Wiesenplan. »Hier fehlt nur Fräulein von Cinq-Cygne«, sagte Corentin.

»Nun, sie schläft gewiß in ihrem Zimmer«, entgegnete Herr von Hauteserre.

»Kommen Sie mit mir, meine Damen«, sagte er, in das Vorzimmer stürzend und von da nach der Treppe eilend, wohin Fräulein Goujet und Frau von Hauteserre ihm folgten. »Zählen Sie auf mich!« raunte Corentin der alten Dame ins Ohr. »Ich bin einer der Ihren, ich habe Ihnen schon den Bürgermeister geschickt. Mißtrauen Sie meinem Kollegen, und vertrauen Sie sich mir an, ich werde Sie alle retten!«

»Um was handelt es sich denn?« fragte Fräulein Goujet.

»Um Leben oder Tod! Wissen Sie das nicht?« entgegnete Corentin.

Frau von Hauteserre fiel in Ohnmacht. Zu Fräulein Goujets großem Erstaunen und zu Corentins tiefer Enttäuschung war Laurences Zimmer leer. Da Corentin sicher war, daß niemand aus dem Park oder aus dem Schlosse ins Tal entweichen konnte, weil alle Ausgänge besetzt waren, ließ er jedes Zimmer durch einen Gendarmen absuchen, befahl, die Gebäude und Ställe zu durchsuchen, und ging wieder in den Salon hinunter, wo bereits Durieu, dessen Frau und alle Leute in der heftigsten Aufregung zusammengelaufen waren. Peyrade studierte mit seinen kleinen blauen Augen alle Gesichter; er blieb ruhig und kalt inmitten dieses Durcheinanders. Als Corentin allein zurückkam, denn Fräulein Goujet bemühte sich um Frau von Hauteserre, hörte man Pferdegetrappel und dazwischen das Weinen eines Kindes. Die Pferde kamen durch das kleine Gitter herein. Inmitten der allgemeinen Angst erschien ein Brigadier, der Gotthard mit gebundenen Händen und Katharina vor sich hertrieb und sie den Agenten vorführte.

»Da sind ein paar Gefangene«, sagte er. »Der kleine Schlingel war zu Pferde und riß aus.«

»Schafskopf!« sagte Corentin dem verdutzten Brigadier ins Ohr, »warum hast du ihn nicht laufen lassen? Wenn wir ihm nachsetzten, hätten wir etwas erfahren.«

Gotthard hatte den Entschluß gefaßt, wie ein Blöder in Tränen auszubrechen. Katharina stand in der Haltung der Unschuld und Harmlosigkeit da, die dem alten Agenten viel zu denken gab. Der Schüler Lenoirs verglich die beiden Kinder miteinander und beobachtete die einfältige Miene des alten Edelmanns, den er für verschlagen hielt, und den geistreichen Pfarrer, der mit den Spielmarken spielte, die Bestürzung aller Leute und der Durieus; dann trat er auf Corentin zu und raunte ihm ins Ohr:

»Wir haben es nicht mit Tröpfen zu tun.«

Corentin antwortete zunächst mit einem Blick auf den Spieltisch, dann setzte er hinzu:

»Sie spielten Boston! Man machte das Bett der Schloßherrin, sie ist entschlüpft. Sie sind überrascht, wir kriegen sie fest.«

Eine Bresche hat stets ihre Ursache und ihren Zweck. Der Grund, wie und warum die Bresche zwischen dem sogenannten Damenturm und den Ställen angelegt war, ist dieser. Als der biedere Hauteserre sich in Cinq-Cygne niederließ, machte er aus einer langen Schlucht, durch die die Gewässer des Waldes in den Schloßgraben liefen, einen Weg, der zwei große Landstücke teilt, die zum Vorbehaltsgut des Schlosses gehörten, aber lediglich, um dort ein paar hundert Nußbäume zu pflanzen, die er in einer Baumschule fand. In elf Jahren waren diese Bäume so dicht geworden, daß sie fast ein Dach über diesem schon von sechs Fuß hohen Böschungen eingeschlossenen Weg bildeten, der zu einem kürzlich erworbenen Waldstück von dreißig Morgen führte. Als das Schloß voll bewohnt war, ging jedermann, statt den Umweg durch das Gitter zu machen, lieber durch den Graben, um den Gemeindeweg einzuschlagen, der an der Parkmauer entlang zum Pachthofe führte. Durch die stete Benutzung wurde die Bresche auf beiden Seiten erweitert. Das geschah ohne Absicht, aber auch ohne jedes Bedenken, denn im neunzehnten Jahrhundert sind Befestigungsgräben völlig zwecklos und der Vormund sprach oft davon, sie auszunutzen. Diese dauernde Zerstörung lieferte Erde, Kies und Steine, die schließlich die Grabensohle ausfüllten. Das Wasser, aus dem diese Art von Damm hervorragte, bedeckte ihn nur in der Regenperiode. Trotz dieser Zerstörung, zu der jedermann, auch die Gräfin selbst, beigetragen hatte, war die Bresche so steil, daß es schwer war, ein Pferd hinabzuführen, und noch schwerer, es auf den Gemeindeweg hinaufzubringen. Aber es ist, als verständen die Pferde in Gefahren das Denken ihrer Herren.

Während die junge Gräfin zauderte, Martha zu folgen, und Erklärungen von ihr verlangte, hatte Michu von seiner Anhöhe herab die Linien verfolgt, die die Gendarmen beschrieben, und den Plan der Spione begriffen. Er zweifelte am Erfolg, denn er sah niemand kommen. Ein Trupp Gendarmen folgte der Parkmauer und löste sich, in eine Postenkette auf, so daß von Mann zu Mann nur soviel Abstand blieb, daß sie sich zurufen und sehen konnten. Sie konnten also die leisesten Geräusche und die geringsten Dinge hören und überwachen. Michu lag platt auf dem Bauche, das Ohr an den Boden gedrückt, und schätzte wie ein Indianer nach der Stärke des Schalles die Zeit ab, die ihm noch blieb.

»Ich bin zu spät gekommen!« sagte er sich. »Violette soll es mir büßen! Wie lange das dauerte, bis er bezecht war! . . . Was tun?«

Er hörte den Trupp, der vom Walde herabkam, vor dem Gitter vorbeireiten; offenbar wollte er durch ein ähnliches Manöver wie der Trupp, der von dem Gemeindeweg kam, sich mit diesem vereinigen.

»Noch fünf bis sechs Minuten!« sagte er sich.

In diesem Augenblick erschien die Gräfin. Michu ergriff sie mit kräftiger Hand und stieß sie in den überdeckten Weg.

»Gehen Sie geradeaus! Führe sie«, gebot er seiner Frau, »dorthin, wo mein Pferd steht, und bedenkt, daß die Gendarmen Ohren haben.«

Als er Katharina mit der Reitpeitsche, den Handschuhen und dem Hute kommen sah, aber vor allem, als er die Stute und Gotthard erblickte, beschloß dieser Mann, der in der Gefahr alles so schnell begriff, die Gendarmen ebenso erfolgreich irrezuführen, wie er es mit Violette gemacht hatte. Gotthard hatte die Stute wie durch Zauberei gezwungen, durch den Graben zu klettern.

»Leinen an den Pferdehufen! . . . Ich küsse dich!« sagte der Verwalter und schloß Gotthard in seine Arme.

Michu ließ die Stute neben ihrer Herrin gehen und nahm Hut, Handschuh und Peitsche.

»Du bist klug, du wirst mich verstehen«, fuhr er fort. »Zwinge dein Pferd, auch heraufzuklettern, steig ohne Sattel auf, locke die Gendarmen hinter dir her, indem du, so schnell du kannst, querfeldein nach dem Pachthof zu reitest, und laß dich von dem ganzen Trupp verfolgen, der sich da auseinanderzieht«, setzte er hinzu, indem er seinen Gedanken mit einer Gebärde schloß, die den einzuschlagenden Weg angab. »Du, mein Kind,« sagte er zu Katharina, »auf dem Wege von Cinq-Cygne nach Gondreville kommen noch andre Gendarmen. Lauf in entgegengesetzter Richtung als Gotthard und locke sie vom Schloß nach dem Walde zu. Kurz, macht es so, daß wir im Hohlweg nicht belästigt werden.«

Katharina und der herrliche Junge, der bei dieser Sache soviel Proben von Intelligenz ablegen sollte, führten ihr Manöver derart aus, daß die beiden Gendarmenreihen glaubten, ihr Wild breche aus. In dem trügerischen Mondschein war weder der Wuchs, noch die Kleidung, noch das Geschlecht oder die Zahl der Verfolgten zu erkennen. Man setzte ihnen auf Grund des falschen Grundsatzes nach: »Wer flieht, den muß man verhaften!« Wie töricht dieser Grundsatz bei der Polizei war, hatte Corentin dem Brigadier eben energisch klar gemacht. Michu, der auf den Instinkt der Gendarmen gerechnet hatte, konnte den Wald kurz darauf mit der jungen Gräfin erreichen, die Martha nach dem angegebenen Orte geführt hatte.

»Lauf zum Pavillon«, gebot er Martha. »Der Wald muß von den Parisern bewacht sein; es ist gefährlich, hier zu bleiben. Wir werden gewiß unsre ganze Freiheit brauchen.«

Michu band sein Pferd los und bat die Gräfin, ihm zu folgen.

»Ich gehe nicht weiter,« sagte Laurence, »ohne daß Sie mir ein Pfand für den Anteil geben, den Sie an mir nehmen, denn schließlich sind Sie Michu . . .«

»Gnädiges Fräulein,« entgegnete er sanft, »meine Rolle ist mit zwei Worten erklärt. Ich bin ohne Wissen der Herren von Simeuse der Hüter ihres Vermögens. Ich habe diesbezügliche Anweisungen von Ihrem verstorbenen Vater und Ihrer teuren Mutter, meiner Gönnerin. So habe ich denn die Rolle eines wütenden Jakobiners gespielt, um meiner jungen Herrschaft zu dienen. Leider begann ich mein Spiel zu spät und konnte die Eltern nicht mehr retten!«

Hier versagte Michu die Stimme.

»Seit der Flucht der jungen Leute ließ ich ihnen die Summen zukommen, die sie zu einem anständigen Leben brauchten.«

»Durch das Haus Breintmayer in Straßburg?« fragte sie.

»Jawohl, gnädiges Fräulein, die Geschäftsfreunde des Herrn Girel, eines Royalisten in Troyes, der seines Vermögens wegen, wie ich, den Jakobiner gespielt hat. Das Papier, das Ihr Pächter eines Abends am Ausgang von Troyes aufhob, bezog sich auf diese Sache; es konnte uns bloßstellen. Mein Leben gehörte nicht mehr mir, sondern ihnen, verstehen Sie? Ich konnte mich nicht zum Herrn von Gondreville machen. In meiner Stellung hätte man mir den Hals abgeschnitten, wenn man mich gefragt hätte, woher ich soviel Geld hätte. Ich zog es vor, das Gut etwas später zurückzukaufen, aber der Schurke Marion war der Strohmann eines andern Schurken: Malin. Trotzdem wird Gondreville an seine Herren zurückfallen. Das ist meine Sache. Vor vier Stunden hatte ich Malin vor der Mündung meiner Büchse. Oh, er war geliefert! . . . Bei Gott, ist er erst tot, so wird Gondreville versteigert, und Sie können es kaufen. Im Fall meines Todes sollte meine Frau Ihnen einen Brief geben, der Ihnen die Mittel dazu geliefert hätte. Aber der Strolch sagte zu seinem Kumpan Grévin, eben solch einem Schurken, die Herren von Simeuse konspirierten gegen den Ersten Konsul, sie seien in der Gegend und es sei besser, sie auszuliefern und sie sich vom Halse zu schaffen, um in Gondreville Ruhe zu haben. Da ich nun zwei Meister der Spionage kommen sah, entlud ich meine Büchse und machte, daß ich herkam, denn ich dachte, Sie müßten wissen, wo und wie man die jungen Leute warnen kann . . . Das ist es!«

»Sie sind wert, adlig zu sein«, sagte Laurence und reichte Michu die Hand. Er wollte sich auf die Knie werfen, um diese Hand zu küssen.

Laurence sah seine Bewegung, kam ihr zuvor und sagte: »Auf, Michu!« in einem Ton und mit einem Blick, die ihn in diesem Augenblick ebenso glücklich machten, wie er seit zwölf Jahren unglücklich gewesen war.

»Sie belohnen mich, als hätte ich schon alles getan, was mir noch zu tun bleibt«, sagte er. »Hören Sie die Husaren der Guillotine? Reden wir anderwo weiter.«

Michu ergriff den Zügel der Stute und ritt auf die Seite, der die Gräfin den Rücken zuwandte. Dann sagte er:

»Kümmern Sie sich um nichts, als daß Sie sich gut festhalten, auf Ihr Pferd einschlagen und Ihr Gesicht vor den Baumästen schützen, die Ihnen hineinschlagen wollen.«

Dann führte er das Pferd des jungen Mädchens eine halbe Stunde lang in starkem Galopp, machte Umwege und Kehrtwendungen, kreuzte in den Lichtungen mehrmals den eignen Weg, um die Spur zu verwischen, und machte schließlich halt.

»Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und ich kenne den Wald doch so gut wie Sie«, sagte die Gräfin, sich umblickend.

»Wir sind genau in der Mitte«, entgegnete er. »Wir haben zwei Gendarmen hinter uns, aber wir sind gerettet!«

Den malerischen Ort, an den der Verwalter Laurence geführt hatte, sollte für die Hauptpersonen dieses Dramas und für Michu selbst so verhängnisvoll werden, daß es Pflicht des Geschichtschreibers ist, ihn zu schildern. Die Landschaft ist übrigens, wie man sehen wird, in den Gerichtsannalen des Kaiserreichs berühmt geworden.

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