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Eine dunkle Geschichte

Honoré de Balzac: Eine dunkle Geschichte - Kapitel 4
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authorHonoré de Balzac
titleEine dunkle Geschichte
publisherErnst Rowohlt Verlag
yearo.J.
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
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In dem Augenblick, da unsre Geschichte beginnt, machte ein Feigling, wie es deren stets bei allen Verschwörungen gibt, die nicht auf eine kleine Zahl gleich starker Männer beschränkt werden, ein Verschworener, der mit dem Tode bedroht wurde, Angaben über das Ziel des Unternehmens, die zum Glück für dessen Umfang unzureichend, aber ziemlich genau waren. Und so ließ die Polizei, wie Malin zu Grévin gesagt hatte, die überwachten Verschwörer frei handeln, um alle Verzweigungen des Komplotts aufzudecken. Immerhin war der Regierung durch Georges Cadoudal, der den Anschlag ausführen sollte, gewissermaßen die Hand gebunden, denn er folgte nur seinem eignen Rat und hielt sich mit fünfundzwanzig Chouans in Paris verborgen, um den Ersten Konsul anzufallen.

In Laurences Denken verband sich Haß mit Liebe. Bonaparte vernichten und die Bourbonen zurückführen – hieß das nicht, Gondreville wiedererlangen und das Glück ihrer Vettern machen? Diese beiden Empfindungen, deren eine der Gegenpol der andern ist, reichen besonders mit dreiundzwanzig Jahren hin, um alle Fähigkeiten der Seele und alle Lebenskräfte zu entfalten. Und so erschien denn Laurence seit zwei Monaten den Bewohnern von Cinq-Cygne schöner denn je. Ihre Wangen waren rosig geworden; die Hoffnung gab ihrer Stirn bisweilen einen Anflug von Stolz. Wenn man dann aber abends die »Gazette« mit den konservativen Maßnahmen des Ersten Konsuls las, senkte sie die Augen, damit man in ihnen nicht die drohende Gewißheit vom baldigen Sturz dieses Feindes der Bourbonen las. Niemand im Schloß ahnte also, daß die junge Gräfin ihre beiden Vettern in der letzten Nacht wiedergesehen hatte. Die beiden Söhne des Ehepaars Hauteserre hatten die Nacht im Zimmer der Gräfin verbracht, unter dem gleichen Dache wie ihre Eltern; denn um keinen Verdacht zu erregen, war Laurence, nachdem sie die beiden Hauteserres zur Ruhe gebracht hatte, zwischen ein und zwei Uhr morgens zum Stelldichein mit ihren Vettern gegangen und hatte sie mitten in den Wald geführt, wo sie sie in der verlassenen Hütte eines Forsthüters untergebracht hatte. Da sie des Wiedersehens gewiß war, zeigte sie nicht die geringste Freude, nichts, was die Erregung der Erwartung verriet; selbst die Spuren der Freude über dies Wiedersehen hatte sie verwischt und war völlig kalt. Die hübsche Katharina, die Tochter ihrer Amme, und Gotthard, die beide ins Geheimnis gezogen waren, paßten ihr Benehmen dem ihrer Herrin an. Katharina war neunzehn Jahre alt. In diesem Alter ist ein junges Mädchen so fanatisch wie Gotthard in dem seinen und läßt sich den Hals abschneiden, ohne ein Wort zu sagen. Gotthard aber hätte, wenn er nur das Parfüm roch, das seine Herrin in ihr Haar und an ihre Kleider tat, die Folter ertragen, ohne ein Wort zu sagen.

In dem Augenblick, als Martha, von der drohenden Gefahr benachrichtigt, rasch wie ein Schatten auf die von Michu bezeichnete Bresche zueilte, sah es im Salon des Schlosses Cinq-Cygne höchst friedlich aus. Seine Bewohner ahnten so wenig, welcher Sturm über sie daherbrausen sollte, daß ihr Benehmen das Mitleid des ersten besten erregt hätte, der ihre Lage gekannt hätte. In dem hohen Kamin, der mit einem Wandspiegel geschmückt war, über dessen Scheibe Schäferinnen im Reifrock tanzten, brannte ein Feuer, wie es nur in Schlössern möglich ist, die am Waldrande liegen. An diesem Kamin lag die junge Gräfin in einem großen Lehnstuhl aus vergoldetem Holze, der mit wunderbarer grüner Seide gepolstert war, in der Haltung völliger Erschöpfung hingestreckt. Sie war erst um sechs Uhr von der Grenze von Brie zurückgekehrt, nachdem sie dem kleinen Trupp als Kundschafterin vorausgeritten war, um die vier Edelleute richtig nach dem Obdach zu bugsieren, wo sie ihre letzte Rast vor dem Einzug in Paris halten sollten, hatte Herrn und Frau von Hauteserre gegen Ende ihres Nachtessens überrascht und, vom Hunger getrieben, sich zu Tisch gesetzt, ohne ihr schmutzbespritztes Reitkleid und ihre Stiefel auszuziehen. Statt sich nach der Mahlzeit auszukleiden, hatte sie, von all ihren Anstrengungen überwältigt, ihren schönen entblößten Kopf mit seinen tausend blonden Locken in die Lehne des riesigen Fauteuils sinken lassen und die Füße vor sich auf ein Taburett gelegt. Das Feuer trocknete die Spritzflecken ihres Reitkleides und ihrer Stiefel. Ihre Wildlederhandschuhe, ihr kleiner Biberhut, ihr grüner Schleier und ihre Reitpeitsche lagen auf der Konsole, auf die sie sie geworfen. Sie blickte bald auf die alte Boulle-Uhr, die auf dem Kaminsims zwischen zwei geblümten Leuchtern stand, um zu sehen, ob die vier Verschwörer nach der Zeit schon im Bett lagen, und bald auf den vor dem Kamin aufgestellten Bostontisch, an dem Herr und Frau von Hauteserre, der Pfarrer von Cinq-Cygne und dessen Schwester saßen.

Selbst wenn diese Personen nicht mit unserm Drama verknüpft wären, hätten ihre Gesichter doch das Verdienst, die Aristokratie von einer der Seiten darzustellen, die sie seit ihrer Niederlage von 1793 kennzeichneten. In dieser Hinsicht hat die Schilderung des Salons von Cinq-Cygne den Reiz der Geschichte im Négligé.

Der damals zweiundfünfzigjährige Edelmann, groß, hager und vollblütig, von robuster Gesundheit, hätte als kraftvoll erscheinen können, hätten seine großen fayenceblauen Augen nicht so einfältig dreingeschaut. In seinem Gesicht, das in ein schuhförmiges Kinn auslief, war zwischen Nase und Mund ein nach den Gesetzen der Zeichnung übermäßiger Zwischenraum, der ihm einen unterwürfigen Ausdruck verlieh, der völlig zu seinem Charakter paßte, ebenso wie die geringsten Einzelheiten seiner Physiognomie. So bildete sein graues Haar, das durch den fast den ganzen Tag lang getragenen Hut verfilzt war, gleichsam eine Kappe auf seinem Kopfe und ließ dessen birnenförmigen Umriß hervortreten. Seine Stirn, durch das Landleben und seine beständigen Sorgen stark gerunzelt, war platt und ausdruckslos. Seine Adlernase belebte sein Gesicht etwas; das einzige Anzeichen von Kraft lag in seinen schwarz gebliebenen buschigen Brauen und in seiner lebhaften Gesichtsfarbe. Aber dies Anzeichen trog nicht; wiewohl schlicht und sanft, hielt der Edelmann am monarchischen und katholischen Glauben fest, und keine Rücksicht hätte ihn zu einem Parteiwechsel vermocht. Dieser Biedermann hätte sich verhaften lassen; er hätte nicht auf die Munizipalgardisten geschossen und lammfromm das Schafott bestiegen. Seine dreitausend Franken Leibrente, sein einziger Besitz, hatten ihn von der Auswanderung zurückgehalten. Er gehorchte also der gegenwärtigen Regierung, ohne von seiner Liebe zum Königshause zu lassen, dessen Wiedereinsetzung er wünschte. Aber er hätte sich geweigert, sich durch Teilnahme an einem Anschlag zugunsten der Bourbonen bloßzustellen. Er gehörte zu jenem Schlage von Royalisten, die es nie vergaßen, daß sie geschlagen und beraubt worden waren, die seitdem stumm dahinlebten, sparsam, grollend, ohne Tatkraft, aber unfähig zu irgendeiner Entsagung und irgendeinem Opfer, bereit, das siegreiche Königtum zu begrüßen, Freunde der Religion und der Priester, aber entschlossen, jeden Schimpf des Unglücks zu ertragen. Das heißt nicht mehr eine Meinung haben, sondern eigensinnig sein. Das Wesen der Parteien ist Handeln. Geistlos, aber bieder, geizig wie ein Bauer und doch von edlem Benehmen, kühn in seinen Wünschen, aber zurückhaltend in Worten und Taten, aus allem Nutzen ziehend und bereit, sich zum Bürgermeister von Cinq-Cygne ernennen zu lassen, vertrat Herr von Hauteserre ausgezeichnet jene ehrenwerten Edelleute, die über ihre Edelsitze und ihre Köpfe die Stürme der Revolution dahinbrausen ließen, die sich unter der Restauration dank dem Wohlstand ihrer versteckten Ersparnisse wieder erhoben, stolz auf ihre verschwiegene Anhänglichkeit, und die nach 1830 auf ihre Landsitze zurückkehrten. Seine Kleidung, die ausdrucksvolle Hülle dieses Charakters, malte den Mann und die Zeit, Herr von Hauteserre trug einen jener haselnußbraunen Überröcke mit kleinem Kragen, die der letzte Herzog von Orléans bei seiner Rückkehr aus England in Mode gebracht hatte und die während der Revolution gleichsam ein Mittelding zwischen den abscheulichen Volkstrachten und den eleganten Röcken der Aristokratie bildeten. Seine Samtweste mit geblümten Streifen, deren Schnitt an die von Robespierre und Saint-Just gemahnte, ließ den oberen Teil eines in kleine Falten gelegten Jabots frei, das auf seinem Hemd ruhte. Er trug noch Kniehosen, aber von grobem blauem Tuch mit blindgewordenen Stahlschnallen. Strümpfe aus schwarzer Florettseide umschlossen seine mageren Hirschbeine; seine groben Schuhe wurden durch schwarze Tuchgamaschen festgehalten. Er trug noch den Musselinkragen mit tausend Falten, der am Hals durch eine goldene Schnalle befestigt war. Der Biedermann hatte durchaus keinen politischen Eklektizismus treiben wollen, als er diese zugleich bäurische, revolutionäre und aristokratische Kleidung anlegte, er hatte sehr harmlos den Verhältnissen gehorcht.

Frau von Hauteserre war vierzig Jahre alt, aber durch die Aufregungen entnervt. Sie hatte ein ältliches Gesicht, das stets aussah, als wollte sie für ein Porträt Modell stehen. Ihre mit weißen Satinschleifen garnierte Spitzenhaube trug eigenartig zu diesem feierlichen Aussehen bei. Sie war noch gepudert, trotz des weißen Fichus, des flohbraunen Seidenkleides mit glatten Ärmeln und dem sehr weiten Rock – die traurige letzte Kleidung der Königin Marie Antoinette. Ihre Nase war dünn, das Kinn spitz, das Gesicht fast dreieckig, die Augen verweint, aber sie trug einen Hauch von Rot auf, der ihre grauen Augen belebte. Sie schnupfte und wandte stets die hübschen Vorsichtsmaßregeln an, mit denen die Modedämchen dereinst soviel Mißbrauch trieben. Alle Einzelheiten des Schnupfens bildeten eine Zeremonie, die ein Wort erklärt: sie hatte hübsche Hände.

Seit zwei Jahren hatte der ehemalige Erzieher der beiden Simeuses, der Freund des Abbé von Hauteserre, namens Goujet, ein Abt der Minimes, die Pfarre von Cinq-Cygne aus Freundschaft für die Hauteserres und für die junge Gräfin zum Alterssitz erwählt. Seine Schwester, Fräulein Goujet, die siebenhundert Franken Einkommen besaß, legte dies Geld zu den mageren Einkünften der Pfarre und führte ihrem Bruder den Haushalt. Weder Kirche noch Pfarrhaus waren verkauft worden, weil sie wenig Wert besaßen. Der Abbé Goujet wohnte also ein paar Schritte vom Schloß, denn die Gartenmauer des Pfarrhauses und die des Parks stießen hier und da aneinander. Und so speiste denn der Abbé Goujet mit seiner Schwester zweimal wöchentlich in Cinq-Cygne, und sie erschienen jeden Abend zum Kartenspielen bei den Hauteserres. Laurence verstand keine Karte zu halten. Der Abbé Goujet, ein weißhaariger Greis, bleich wie eine alte Frau, hatte ein liebenswürdiges Lächeln und eine sanfte, einschmeichelnde Stimme. Sein nichtssagendes, ziemlich puppenhaftes Gesicht wurde durch zwei sehr kluge Augen und eine Stirn belebt, aus der Intelligenz sprach. Er war mittelgroß, gut gewachsen und trug den schwarzen französischen Priesterrock mit silbernen Hosen- und Schuhschnallen, schwarzseidene Strümpfe und eine schwarze Weste, auf die sein Bäffchen herabfiel, was ihm etwas Großartiges gab, ohne seiner Würde Abbruch zu tun. Dieser Abbé, der nach der Restauration Bischof von Troyes wurde, war durch sein früheres Leben gewöhnt, die Jugend zu beurteilen, und hatte Laurences großen Charakter erkannt. Er schätzte sie nach ihrem ganzen Wert und hatte dem jungen Mädchen von Anfang an eine ehrerbietige Achtung bezeigt, die viel dazu beitrug, sie in Cinq-Cygne selbständig zu machen, so daß die strenge alte Dame und der gute Edelmann sich ihr beugten, wo sie ihnen doch nach dem Brauch hätte gehorchen müssen. Seit sechs Monaten beobachtete der Abbé Goujet Laurence mit der den Priestern eigenen Begabung, denn sie sind ja die scharfblickendsten Leute, und ohne zu wissen, daß das dreiundzwanzigjährige Mädchen damit umging, Bonaparte zu stürzen, während ihre schwachen Hände eine verhäkelte Schnur ihres Reitkleides aufdröselten, nahm er doch an, daß ein großer Plan sie bewegte.

Fräulein Goujet war eins jener Mädchen, deren Porträt in zwei Worten gezeichnet ist, die auch den Phantasielosesten eine Vorstellung von ihr geben: sie gehörte zum Schlage der Mannweiber. Sie wußte, daß sie häßlich war, lachte zuerst über ihre Häßlichkeit und zeigte dabei ihre langen Zähne, die so gelb waren wie ihre Haut, und ihre knochigen Hände. Sie war durchaus gutmütig und heiter. Sie trug die berühmte altmodische Schoßjacke, einen sehr weiten Rock, dessen Taschen stets voller Schlüssel waren, eine Bänderhaube und eine Haartour. Sie war sehr früh vierzig Jahre alt geworden, aber wie sie sagte, glich sich das wieder aus, da sie seit zwanzig Jahren an diesem Alter festhielt. Sie verehrte den Adel und wußte ihre eigene Würde zu wahren, indem sie den Adligen alle Achtung und Ehren erwies, die ihnen zukamen.

Diese Gesellschaft war für Frau von Hauteserre sehr zur Zeit nach Cinq-Cygne gekommen, denn sie ging nicht wie ihr Gatte in der Landwirtschaft auf, noch hatte sie wie Laurence die Anregung des Hasses, um sich die Last eines einsamen Lebens erträglich zu machen. Und so war denn auch seit sechs Jahren alles besser geworden. Die Wiederherstellung des katholischen Kults erlaubte die Erfüllung der religiösen Pflichten, die im Landleben mehr Widerhall finden als anderswo. Durch die konservativen Maßnahmen des Ersten Konsuls beruhigt, hatten Herr und Frau von Hauteserre mit ihren Söhnen in Briefwechsel treten und von ihnen hören können. Sie brauchten nicht mehr für deren Leben zu zittern und hatten sie gebeten, ihre Streichung zu beantragen und nach Frankreich zurückzukehren. Der Staatsschatz hatte die rückständigen Zinsen gezahlt und zahlte regelmäßig alle halben Jahre. Die Hauteserres besaßen damals außer ihrer Leibrente achttausend Franken Jahreseinkommen. Der Greis beglückwünschte sich zu seiner klugen Voraussicht; er hatte alle seine Ersparnisse, zwanzigtausend Franken, ebenso wie sein Mündel, vor dem achtzehnten Brumaire angelegt, seit dem alle Anlagen bekanntlich von zwölf auf achtzehn Franken gestiegen waren.

Lange war Cinq-Cygne kahl, leer und verödet geblieben. Aus Berechnung hatte der vorsichtige Vormund während der Revolutionswirren nichts am Aussehen des Schlosses ändern wollen, aber nach dem Frieden von Amiens hatte er eine Reise nach Troyes gemacht, um ein paar Überreste aus den beiden zerstörten Stadthäusern zu holen, die er bei Trödlern aufgekauft hatte. Damals war der Salon unter seiner Leitung möbliert worden. Schöne Gardinen aus weißer, grün geblümter Seide, die aus dem Hause Simeuse stammten, schmückten die sechs Fenster des Salons, in dem die genannten Personen saßen. Der riesige Raum war ganz mit Holztäfelungen ausgekleidet worden, die in Felder mit Rahmen aus Perlstäben geteilt waren. Sie waren in den Ecken mit Masken geschmückt und in zwei grauen Tönen bemalt. Die Füllungen über den vier Türen zeigten Grisaillemalereien, wie sie unter Ludwig XV. Mode waren. In Troyes hatte der Biedermann vergoldete Konsolen, Möbel aus grüner Seide, einen Krystallleuchter, einen eingelegten Spieltisch und alles gefunden, was zur Widereinrichtung von Cinq-Cygne dienen konnte. 1792 war die ganze Einrichtung des Schlosses geraubt worden, denn die Plünderung der Stadthäuser fand ihr Gegenspiel auf dem Lande. Von jeder Reise nach Troyes brachte der alte Herr ein paar Überreste des alten Glanzes zurück, bald einen schönen Teppich wie den, der den Fußboden des Salons bedeckte, bald einen Satz Geschirr oder altes Meißner und Sèvres-Porzellan. Seit einem halben Jahre hatte er gewagt, das Silber von Cinq-Cygne auszugraben, das der Koch in einem ihm gehörenden Häuschen am Ende einer der langen Vorstädte von Troyes vergraben hatte.

Dieser treue Diener namens Durieu und seine Frau waren ihrer jungen Herrin in all ihren Schicksalen gefolgt. Durieu war das Faktotum des Schlosses und seine Frau die Wirtschafterin. Zur Hilfe in der Küche hatte Durieu Katharinas Schwester, der er seine Kunst beibrachte, so daß sie eine ausgezeichnete Köchin wurde. Ein alter Gärtner, dessen Frau, sein Sohn, der als Tagelöhner arbeitete, und seine Tochter, die als Kuhmagd diente, vervollständigten das Gesinde des Schlosses. Seit einem halben Jahre hatte die Durieu für den Gärtnerssohn und für Gotthard, heimlich Livreen in den Farben der Cinq-Cygnes machen lassen. Der Edelmann schalt sie ob dieser Unvorsichtigkeit zwar sehr aus, aber sie hatte doch das Vergnügen, am Sankt-Lorenztage, dem Namenstag der jungen Gräfin, das Festmahl fast wie früher servieren zu sehen. Diese mühsame und langsame Wiederherstellung aller Dinge bildete die Freude der Hauteserre und der Durieus. Laurence lächelte über diese Kindereien, wie sie es nannte. Aber der biedere Hauteserre dachte auch an die Hauptsache: er besserte die Gebäude aus, richtete die Mauern wieder auf, pflanzte überall an, wo Aussicht bestand, daß ein Baum gedieh, und ließ keinen Zoll des Bodens unbenutzt. Und so sah man ihn denn im Tal von Cinq-Cygne als landwirtschaftliches Orakel an. Er hatte es verstanden, hundert Morgen strittigen und unverkauften Bodens zurückzuerlangen, die die Gemeinde sich angeeignet hatte. Er hatte sie in künstliche Wiesen verwandelt, die das Vieh des Schlosses ernährten, und sie mit Pappeln eingefaßt, die seit sechs Jahren prächtig gediehen. Er ging damit um, noch ein paar Äcker zurückzukaufen und alle Gebäude des Schlosses auszunutzen, indem er einen zweiten Pachthof anlegte, den er selbst bewirtschaften wollte.

Das Leben auf dem Schlosse war also seit zwei Jahren beinahe glücklich geworden. Herr von Hauteserre brach bei Sonnenaufgang auf und überwachte seine Arbeiter, denn er beschäftigte stets Leute. Zum Frühstück kehrte er heim, bestieg dann einen Pächtersgaul und machte seine Runde wie ein Aufseher; dann kehrte er zur Hauptmahlzeit zurück und beschloß seinen Tag mit der Bostonpartie. Alle Schloßbewohner hatten ihre Beschäftigung; das Leben war geregelt wie in einem Kloster. Nur Laurence brachte Unruhe hinein durch ihre plötzlichen Reisen, ihre Abwesenheiten, durch das, was Frau von Hauteserre ihre Streiche nannte. Dennoch gab es in Cinq-Cygne zwei politische Parteien und Anlässe zu Zwist. Zunächst waren Durieu und dessen Frau eifersüchtig auf Gotthard und Katharina, die mit ihrer jungen Herrin, dem Idol des Schlosses, auf vertrauterem Fuße standen als sie selbst. Dann wünschten die beiden Hauteserres, von dem Pfarrer und Fräulein Goujet unterstützt, daß ihre Söhne und die Zwillinge Simeuse heimkehrten und an dem Glück dieses friedlichen Lebens teilnähmen, statt sich im Ausland kümmerlich durchzuschlagen. Laurence bekämpfte diesen schmählichen Kompromiß; sie vertrat den reinen, kriegerischen und unversöhnlichen Royalismus. Die vier alten Leutchen, die dies glückliche Leben nicht mehr gefährdet sehen und diesen Erdenwinkel nicht preisgeben wollten, den sie den wütenden Fluten der Revolution abgerungen hatten, suchten Laurence zu ihren wahrhaft verständigen Lehren zu bekehren, denn sie erkannten wohl, daß Laurence an dem Widerstand ihrer Söhne und der beiden Simeuses gegen eine Rückkehr nach Frankreich stark beteiligt war. Die stolze Geringschätzung ihres Mündels erschreckte die armen Leutchen, die sich in ihrer Befürchtung vor einem tollen Streich, wie sie es nannten, nicht täuschten. Dieser Zwist war ausgebrochen, als in der Rue Saint-Nicaise die Höllenmaschine explodierte, der erste royalistische Anschlag gegen den Sieger von Marengo, als er sich geweigert hatte, mit dem Hause Bourbon zu unterhandeln. Die Hauteserres sahen es als ein Glück an, daß Bonaparte dieser Gefahr entronnen war, denn sie hielten die Republikaner für die Urheber des Attentats. Laurence weinte vor Wut, als sie den Ersten Konsul gerettet sah. Ihre Verzweiflung siegte über ihre gewohnte Verstellung; sie klagte Gott an, daß er die Söhne des heiligen Ludwigs verriete.

»Mir,« rief sie aus, »mir wäre es gelungen!« Und als sie die tiefe Bestürzung sah, die dies Wort auf allen Gesichtern hervorrief, sagte sie zum Abbé Goujet: »Hat man nicht das Recht, die Usurpation mit allen möglichen Mitteln anzugreifen?«

»Mein Kind,« entgegnete der Abbé Goujet, »die Kirche ist von den Philosophen scharf angegriffen und getadelt worden, weil sie einst behauptet hatte, man dürfe gegen die Usurpation alle Waffen gebrauchen, deren sich die Usurpatoren bedient hätten, um ihr Ziel zu erreichen. Heute aber verdankt die Kirche dem Herrn Ersten Konsul zu viel, um ihn nicht zu schützen und ihn vor diesem Grundsatz zu behüten, der übrigens von den Jesuiten stammt.«

»So läßt uns die Kirche im Stich!« hatte sie mit finstrer Miene geantwortet.

Seit jenem Tage verließ die junge Gräfin allemal den Salon, wenn die vier alten Leutchen davon sprachen, daß man sich der Vorsehung fügen müsse. Seit einiger Zeit erörterte der Pfarrer, geschickter als der Vormund, nicht mehr die Grundsätze, sondern hob die materiellen Vorteile der Konsulatsregierung hervor, weniger um die Gräfin zu bekehren, als um in ihren Augen einen Ausdruck zu erhaschen, der ihn über ihre Pläne aufklären konnte. Gotthards Abwesenheiten, Laurences häufige Ritte und der sorgenvolle Ausdruck, der sich in den letzten Tagen auf ihrem Gesicht zeigte, schließlich eine Menge von Kleinigkeiten, die in der Stille und Ruhe des Lebens auf Cinq-Cygne nicht unbeachtet bleiben konnten und besonders den besorgten Blicken der Hauteserres, des Abbé Goujet und der Durieu nicht entgingen, – all dies hatte die Befürchtungen dieser kleinmütigen Royalisten erweckt. Da sich aber nichts ereignete und in der politischen Sphäre seit ein paar Tagen die völligste Ruhe herrschte, war das Leben in dem kleinen Schlosse wieder friedlich geworden. Jeder hatte die Ritte der Gräfin ihrer Jagdpassion zugeschrieben.

Man kann sich vorstellen, welche tiefe Stille um neun Uhr im Park, in den Höfen und in der Umgebung des Schlosses herrschte, wo in diesem Augenblick die Dinge und Personen so harmonisch abgetönt waren, wo der tiefste Friede herrschte, wo der Überfluß wiederkehrte, wo der gute, verständige Edelmann sein Mündel zu seinem System des Gehorsams durch die Dauer der glücklichen Resultate zu bekehren hoffte. Diese Royalisten spielten nach wie vor ihr Boston, das durch ganz Frankreich Unabhängigkeitsideen in harmloser Form verbreitete, das zu Ehren der Aufständischen Amerikas erfunden war und mit sämtlichen Ausdrücken an den von Ludwig XVI. ermunterten Kampf erinnerte. Während sie ihre »Independenzen« oder »Miseren« legten, beobachteten sie Laurence, die bald vom Schlummer überwältigt, mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen, einschlief. Ihr letzter Gedanke hatte dem friedlichen Bild dieses Tisches gegolten, an dem die kurze Bemerkung, daß die jungen Hauteserres die letzte Nacht unter ihrem Dache geschlafen hatten, den Eltern den heftigsten Schrecken hätte einjagen können. Welches junge Mädchen von dreiundzwanzig Jahren wäre nicht in Laurences Lage stolz darauf gewesen, selbst ein Schicksal zu sein, hätte nicht wie sie eine leise Regung des Mitleids für die empfunden, die sie so weit unter sich sah?

»Sie schläft«, sagte der Abbé. »Ich habe sie noch nie so müde gesehen.«

»Durieu sagte mir, ihre Stute sei ganz abgetrieben. Ihre Büchse ist nicht benutzt; die Pfanne war sauber; gejagt hat sie also nicht.«

»Ha; verflixt,« rief der Pfarrer, »das gefällt mir nicht.«

»Bah!« rief Fräulein Goujet, »als ich dreiundzwanzig Jahre alt war und mich dazu verurteilt sah, sitzen zu bleiben, bin ich noch ganz anders herumgelaufen und habe mich abstrapaziert. Ich begreife, daß die Gräfin durch die Felder spazieren reitet, ohne ans Jagen zu denken. Es ist bald zwölf Jahre her, daß sie ihre Vettern nicht gesehen hat. Sie liebt sie. Nun, wäre ich an ihrer Stelle und jung und hübsch, ich ritte in einem Zuge nach Deutschland. Vielleicht ist es auch so, und es zieht den armen Liebling nach der Grenze.«

»Sie sind leichtfertig, Fräulein Goujet«, lächelte der Pfarrer.

»Aber,« fuhr sie fort, »ich sehe Sie besorgt um das Kommen und Gehen eines jungen Mädchens von dreiundzwanzig Jahren. Ich erkläre es Ihnen.«

»Ihre Vettern werden zurückkehren. Sie ist dann reich und wird sich schließlich beruhigen«, sagte der gute Hauteserre.

»Gott gebe es!« rief die alte Dame und ergriff ihre goldne Tabaksdose, die seit dem lebenslänglichen Konsulat wieder ans Tageslicht gekommen war.

»Es gibt etwas Neues in der Gegend«, sagte der gute Hauteserre zum Pfarrer. »Malin ist seit gestern abend in Gondreville.«

»Malin?« rief Laurence, die bei diesem Namen aus ihrem tiefen Schlaf erwachte.

»Ja,« entgegnete der Pfarrer; »aber er reist heute nacht wieder ab, und man ergeht sich in Vermutungen über den Zweck dieser überstürzten Reise.«

»Dieser Mensch«, sagte Laurence, »ist der böse Geist unserer beiden Häuser.«

Die junge Gräfin hatte von ihren Vettern und den Hauteserres geträumt und sie bedroht gesehen. Ihre schönen Augen wurden starr und trüb, als sie an die Gefahren dachte, die sie in Paris liefen. Sie stand plötzlich auf und ging ohne ein Wort in ihr Zimmer. Sie bewohnte das Ehrenzimmer, an das ein Kabinett und eine Betstube stießen, die in dem Turm nach dem Walde zu lagen. Als sie den Salon verlassen hatte, schlugen die Hunde an. Man hörte am kleinen Gitter läuten, und Durieu trat mit verstörtem Gesicht in den Salon und meldete:

»Der Bürgermeister ist da! Es gibt etwas Neues . . .«

Dieser Bürgermeister, ein früherer Reitknecht des Hauses Simeuse, kam bisweilen aufs Schloß, und die Hauteserres bezeugten ihm aus Politik eine Achtung, auf die er größten Wert legte. Dieser Mann, namens Goulard, hatte eine reiche Kaufmannsfrau aus Troyes geehelicht, deren Grundbesitz in der Gemeinde von Cinq-Cygne lag; er hatte ihn um alle Ländereien einer reichen Abtei vermehrt, in deren Erwerb er alle seine Ersparnisse anlegte. Die ausgedehnte Abtei Val des Preux, die eine Viertelstunde vom Schlosse lag, bot ihm einen fast ebenso glänzenden Wohnsitz wie Gondreville, in dem er und seine Frau wie zwei Ratten in einem Dom hausten.

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