Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Friedrich Lamprecht >

Eine arabische Geschichte

Jakob Friedrich Lamprecht: Eine arabische Geschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Friedrich Lamprecht
titleEine arabische Geschichte
booktitleVon Gottsched bis Nicolai
publisherDieterich'sche Verlagsbuchhandlung
pages166-184
seriesDeutschsprachige Erzähler
volume3
senderhille@abc.de
created19990706
Schließen

Navigation:

Jakob Friedrich Lamprecht

Eine arabische Geschichte

Wenn du dir von den Göttern etwas wünschen willst, so bitte sie um ein gutes Herz, um ein gesundes Gemüte und sodann um einen gesunden Leib. Diese Vorteile wünsche dir; überhaupt aber verlange von den Göttern nichts, wofür du dich schämen müßtest, wenn es tugendhafte und vernünftige Leute hörten. Allein so weit vergessen sich die Menschen, sie tragen den Göttern das törichtste Verlangen vor, und sie entdecken ihnen, was sie gerne für andere Menschen verschweigen. Wir betriegen uns mehrenteils bei allen Vorfällen, und wir machen uns von der Gottheit so verkehrte Begriffe, daß wir auch sogar uns unterstehen, solche Dinge von ihr zu begehren, deren Schaden und Torheiten wir selbst erkennen, und wir malen uns einen Gott vor, den wir verpflichtet halten, alle unsere verkehrte Bitten anzunehmen.

Seneca

Ich will meinen Lesern heute eine arabische Geschichte hersetzen, die denjenigen Gelegenheit genug geben wird, ihre Betrachtungen anzustellen, welche gewohnt sind, die Vorfälle etwas aufmerksamer anzusehen als andere. Überhaupt werden sie darin einen Menschen finden, der sich durch einen unbedachtsamen Wunsch um alle Ruhe und um alles Vergnügen bringet, welches er vorher empfunden hatte, und sie werden daraus leicht die Lehre ziehen, wie unglücklich wir uns machen würden, wenn es in unserer Gewalt stünde, unser unruhiges Verlangen allemal zu erfüllen. Die Geschichte selbst wird von einem Muselmanne erzählet.

Nil ergo optabunt homines? si consilium vis,
permittes ipsis expendere numinibus quid
conveniat nobis rebusque sit utile nostris.
Nam pro iucundis aptissima quaeque dabunt Di;
carior est illis homo quam sibi.

Juvenalis

Ein Emir hatte sich durch sein beständiges Gebet und die genaue Beobachtung aller Gesetze, die den Muselmännern in dem Alkoran vorgeschrieben sind, so sehr in die Gunst des Propheten gesetzt, daß ihm dieser einst des Nachts im Traum erschien. «Haly», redete er ihn an, «ich habe dein Betragen bisher mit Beifall angemerkt. Dein Eifer, meinen Gesetzen ein Genügen zu tun, und deine Gebete erwecken mein Wohlgefallen, und ich bin entschlossen, dir ein besonderes Zeichen meiner Gnade zu geben. Du darfst morgen in deinem dritten Abendgebete mir sagen, was du wünschest, es soll geschehen.»

Der Emir erwachte von diesem Gesichte, ganz eingenommen, und seine Gedanken durchliefen sofort alles, was den Wunsch der Menschen reizen kann. Reichtum, Hoheit und Macht waren die ersten Vorteile, welche in seinem Wunsche den Vorzug haben wollten. Diese falsche Glückseligkeiten werden viel zu eifrig von den Menschen gesucht, als daß sie nicht auch den Emir im Anfange aufmerksam machen sollen. Ihre eingebildete Wollust und ihre falsche Ehre verführen unser Verlangen, und wir geben ihrer Schmeichelei auch denn noch nach, wenn wir bereits gemerkt haben, daß sie uns betriegen.

Der Emir gab ihrer ersten Reizung Raum. Er sehnte sich, ein mächtiger König zu werden, und es schien ihm angenehm zu sein, die Schätze der Welt in seiner Gewalt zu haben. Doch er unterdrückte diese Vorstellungen bald wieder, da ihm alle Vorteile seines gegenwärtigen Zustandes einfielen und da er sich erinnerte, wie ruhig und glücklich er dabei gelebt hatte.

Gewiß würde er nunmehro einen langen und ungestörten Genuß aller Glückseligkeiten und den Besitz der vollkommensten Schönheiten allem andern vorgezogen haben, wenn er nicht als ein wahrer Muselmann fest versichert gewesen wäre, daß er dieses alles in dem andern Leben erhalten müßte, dessen künftigen Genuß er durch den Vorschmack in dieser Welt nicht verderben wollte. Es fiel also zwar auch dieser Vorwurf wieder weg, allein seine Unruhe ward dadurch nicht geringer.

Er hatte kein geringes Verlangen, die Annehmlichkeit des Weines und der andern starken Getränke zu kosten, und es war nicht ohne große Anfechtung, wenn er sich deren enthalten mußte. Er hatte von andern Völkern gehört, wie hoch sie dieses Gewächse hielten, und es war ihm bekannt, daß die Juden besonders Gott dafür dankten. Hier wachte sein Verlangen weit stärker wieder auf als jemals, da er die Erfüllung davon hoffen konnte. Er nahm sich vor, den Propheten um Erlaubnis zu bitten, daß er sein Gesetz übertreten dürfte, und dieser Entschluß machte ihn ganz munter. Er hielt noch bei demselben fest, als ihm die Lehre einfiel, die ihm ehemals ein weiser Mann gegeben. Dieser hatte ihm gesagt, daß es ein gewisses Merkmal eines niederträchtigen Gemütes wäre, wenn man Vergebung für eine Sünde sucht, die man erst begehen will, und er hatte noch hinzugefügt, daß alle diese Leute sich nicht entsehen würden, die größten Lastertaten auszuüben, wenn sie sich nicht für die Strafe fürchteten.

Diese Lehre hatte bei ihm einen so starken Eindruck gemacht, daß er auch den letztern Entschluß verwarf. Nach vielen Überlegungen fiel ihm endlich bei, daß die Sinne bei verschiedenen Tieren viel stärker wären als bei den Menschen, und er entschloß sich, den Propheten zu bitten, daß er die seinigen so fein und so stark machen mögte, daß er darin alle andere überträfe. Er glaubte, sich durch diesen Vorzug einen großen Nutzen zu schaffen, wenn er nunmehro imstande wäre, alle Eigenschaften der Dinge auf das genaueste zu kennen.

Doch der gute Emir fand sich sehr in seinem Wahn betrogen. Kaum war sein Wunsch erhört, so mußte er bereits für sein ausschweifendes Verlangen büßen. Er fiel bei dem Geruch einer Blume in Ohnmacht, der Fall einer Schreibfeder betäubte sein Gehör so stark, als wenn ein schwerer Balken niedergefallen wäre. Er begab sich in sein Serail, um zu versuchen, was ihm da seine erhaltene Vorteile helfen würden, er erhielt aber sofort Ursache, seine Vorzüge auch hier zu beklagen. Er ward gewahr, daß sich daselbst ein anderer Mann als seine gewöhnlichen Aufwärter eingefunden hatte, und er entdeckte, daß ihm ebendiejenige ungetreu war, die er am meisten liebte. Diese Erkenntnis stürzte sein Herz in die tiefste Traurigkeit, welche dadurch noch vermehret ward, daß er seinen glücklichen Nebenbuhler für den größten Günstling des Kaisers erkannte.

Er brachte diesen Tag mit den schwersten Sorgen zu, welche die Nacht noch vermehrte, da die betrieglichen Schatten seinem klaren Gesichte tausend Bilder vorstellten, die er gleichwohl nicht deutlich genug entwickeln konnte und die nur seine Bekümmernis vermehrten. Die Untreue seiner geliebten Zaide schwebte ihm beständig dabei in Gedanken. Seine Neigung zu ihr hielt ihn zurück, an einer Person Rache zu üben, die er über alles geliebt hatte und er schätzte sein Unglück noch für größer, da er auch die Tat nicht einmal an seinem mächtigen Mitbuhler ahnden durfte. Er beschloß endlich, die Zaide heimlich seinem Feinde zuzuschicken, als wenn es ohne sein Wissen geschähe, und er blieb um so viel fester bei diesen Gedanken, da er durch die Erfüllung seines Wunsches in den Zustand geraten war, daß ihm alles dasjenige mißfiel, worin er sonst sein Vergnügen gefunden hatte. Es ward auch sein Unglück immer größer. Ein lauwarmer Kaffee verbrannte ihm die Zunge, und als von ungefähr im Garten ein Blatt von einem Baume auf seinen Turban fiel, so empfand er solche Schmerzen, als wenn ihm die Hirnpfanne zerschlagen wäre. Dieses Bezeigen des Emirs kam bald unter alle seine Bediente, welche sich endlich einbildeten, daß ihr Herr wahnwitzig geworden wäre. Er konnte nun seinen Geschmack nicht mehr gebrauchen. Das geringste Süße und das wenigste Sauer fiel ihm unleidlich, und er konnte nicht einmal die Luft der Speisen vertragen.

Er war also in allen Stücken unglücklich, und diese Überzeugung war um soviel empfindlicher, da er gerade das Gegenteil vermutet hatte. Er bat den Propheten Tag und Nacht um die Befreiung von dieser Qual, die ihm immer unerträglicher ward und bei der er seinen törichten Wunsch tausendmal bereuete.

Nachdem er nun einige Wochen mit dieser Qual zugebracht hatte, so erschien ihm der Prophet zum zweiten Male. Er verwies ihm mit einem sanften Ernste seine Unbesonnenheit, und er kündigte ihm zugleich an, daß er von seinem Unglücke wieder befreiet werden sollte, wenn er eine Wallfahrt nach Mekka tun und daselbst den Propheten bei dem heiligen Grabe um seine Erlösung anflehen würde.

Der Morgen war kaum angebrochen, so befahl er seinen Sklaven, alles zur Reise fertigzumachen. Sein Befehl ward mit der größten Geschwindigkeit ausgerichtet, und man trug ihn in einer Sänfte auf sehr weichen Betten fort. Er kam endlich nach starken Tagereisen zu Mekka an, wo er der Vorschrift des Propheten genau nachlebte und wo er weit eifriger um seine Befreiung bat, als er vorher um die Erfüllung seines Wunsches geflehet hatte. Der Prophet erhörte ihn, und Haly ward wieder in seinen vorigen Stand gesetzt. Seine Freude war unaussprechlich, er dankte dem höchsten Wesen mit der aufrichtigsten Andacht, daß es ihn aus dem Elende gerissen hatte, worin er durch seinen törichten und verwegenen Wunsch gefallen war, und er erkannte, wie unglücklich die Menschen sein würden, wenn ihr schädliches Verlangen erfüllet werden sollte.

Nunmehro war Haly wieder wie ein anderer Mensch, er hatte den ordentlichen Gebrauch seiner Sinne, und seine Empfindungen hinderten ihn nun nicht mehr an dem Genusse der Vorteile, welche die höchste Weisheit ausgebreitet hat. Die Untreue der so zärtlich geliebten Zaide beunruhigte ihn nur noch allein. Doch auch dieser Verdruß ward aufgehoben. Der Liebhaber der Zaide war gestorben, sie versöhnte sich wieder mit dem Haly, und sie hat die übrige Zeit ihres Lebens ihn allein geliebet.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.