Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Alle Gäste hatten das Haus verlassen.

Wie Hagelschlag in ein blühendes Saatfeld war die Schmährede des Schlemmers in die Freude der Scheidenden gefallen; Rhodopis selbst stand bleich und zitternd in dem verödeten festlich geschmückten Zimmer. Knakias verlöschte die bunten Lampen an den Wänden. Statt des hellen Lichtes trat ein unheimliches Halbdunkel ein, welches das zusammengeworfene Tafelgeschirr, die Ueberreste der Mahlzeit und die von ihren Plätzen gerückten Ruhebänke spärlich beleuchtete. Durch die offene Thür zog eine kalte Luft, denn es begann Morgen zu werden, und die Zeit vor dem Sonnenaufgange pflegt in Aegypten empfindlich kühl zu sein. Die Glieder der leicht gekleideten Greisin durchschauerte leiser Frost. Thränenlos starrte sie in den öden Raum, der noch vor wenigen Minuten von Lust und Jubel erfüllt war. Sie verglich ihr Inneres mit diesem öden Freudengemach. Es war ihr, als zehre ein Wurm an ihrem Herzen, als gerinne all' ihr Blut zu Schnee und Eis.

So stand sie lange, lange, bis ihre alte Sklavin erschien und ihr in ihr Schlafgemach voranleuchtete.

Schweigend ließ sich Rhodopis entkleiden, schweigend öffnete sie den Vorhang, welcher ein zweites Schlafgemach von dem ihren trennte. In der Mitte desselben stand ein Bett von Ahornholz, in dem auf einer Matratze von zarter Schafwolle, die mit weißen Laken überdeckt war, unter lichtblauen Tüchern(Anm. 85) Becker, Charikles III. 67. Pollux X. 67. A. Rich unter lectulus, Overbeck, Pompeji dritte Auflage S. 375. Eben daselbst die Abbildung eines zu Pompeji gefundenen Bettschirms (spanische Wand). Die antiken Betten waren von Holz, Bronze oder Elfenbein; sehr häufig wurden sie auch gemauert und zwar als eine 7–8 Fuß lange, 2–2½ Fuß hohe Stufe, deren vorderer Rand zuweilen etwas erhöht war, und auf die man die Matratze, Decken &c. legte. ein holdseliges, wunderliebliches Wesen schlummerte, Sappho, die Enkelin der Rhodopis. Die zarten, schwellenden Formen, dieses feingebildete Angesicht gehörten einer aufblühenden Jungfrau, dies selige, friedliche Lächeln einem harmlosen, glücklichen Kinde.

Die eine Hand, auf welcher das holde Haupt der Schläferin ruhte, war in dem dunkelbraunen vollen Haare verborgen, die andere legte sich leicht um ein kleines Amulet von grünem Stein(Anm. 86) Die alten Griechen führten häufig, um sich vor Unglück zu schützen und dauernden Wohlseins zu genießen, Amulette. Hierüber besonders Arditi: Il fascino e l'amuleto; presso gli antichi. Bei den alten Aegyptern sehen wir Amulette in allerhäufigstem Gebrauche. Sie sollten nicht nur von den Lebenden, sondern vielmehr auch von den Seelen der Verstorbenen das Unheil abwenden., welches von ihrem Halse herniederhing. Die langen Wimpern der geschlossenen Augen bewegten sich kaum bemerkbar, und über die Wangen der Schläferin breitete sich ein zartes, sanft verschwimmendes Rosenroth. Die feinen Nasenflügel hoben und senkten sich in gleichmäßigen Athemzügen. So bildet man die Unschuld, so lächelt der träumende Friede, solchen Schlummer schenken die Götter der sorglosen ersten Jugendzeit.

Die Greisin näherte sich lautlos, den dichten Teppich(Anm. 87) Obgleich die Teppiche von Sardes und Babylon besonders berühmt waren, so preist doch schon Homer die ägyptischen Decken, welche er τάπητος (v. τάπης) nennt. Odyss. IV. 124. Theokrit nennt die Purpurteppiche von Alexandrien sanfter als den Schlaf. Es gab kostbare auf beiden Seiten wollige ägyptische Teppiche (αμφίταποι). Athen. V. 197. voller Behutsamkeit kaum mit den Fußspitzen berührend, diesem Lager. Unsagbar zärtlich schaute sie in das lächelnde Kinderantlitz, leise und schweigend kniete sie vor dem Bette nieder, behutsam preßte sie ihr Angesicht in die weichen Decken desselben, so daß die Hand der Jungfrau die Spitzen ihres Haares berührte. Dann weinte sie ohne Unterlaß, als wollte sie mit diesen Thränen die Demüthigung, welche sie erfahren hatte, und alles Leid aus ihrer Seele waschen.

Endlich stand sie auf, hauchte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin, hob die Hände betend zum Himmel empor und ging in ihr Gemach zurück, behutsam und leise, wie sie gekommen war.

An ihrem Lager fand sie die alte Sklavin, welche ihrer immer noch wartete.

»Warum bist Du nicht zur Ruhe gegangen, Melitta?« fragte sie freundlich und leise. »Geh' zu Bett; das lange Wachen thut nicht gut in Deinem Alter; Du weißt, daß ich Dich nicht mehr brauche. Gute Nacht! komm' morgen nicht eher, als bis ich Dich rufen lasse. Ich werde wenig schlafen können und bin froh, wenn mir der Morgen kurzen Schlummer bringt!«

Die Sklavin zauderte; man sah ihr an, daß sie noch etwas zu sagen habe, und sich dennoch zu reden scheue.

»Du möchtest mich um etwas bitten?« fragte Rhodopis.

Die Alte zauderte noch immer.

»Sprich nur, sprich; aber mach' es kurz!«

»Ich sah Dich weinen,« sprach die Sklavin, »Du scheinst mir bekümmert oder krank zu sein; darf ich nicht bei Dir wachen; willst Du mir nicht sagen, was Dich quält? Schon oftmals hast Du erfahren, daß Mittheilung die Brust erleichtert und den Schmerz zertheilt. Vertraue mir auch heute Dein Weh; das wird Dir gut thun, gewiß, das wird Dir die Ruhe Deiner Seele wiedergeben!«

»Nein, ich kann nicht sprechen!« erwiederte jene. Dann fuhr sie bitter lächelnd fort. »Ich habe wiederum gesehen, daß kein Gott im Stande ist, die Vergangenheit eines Menschen auszulöschen und daß Unglück und Schande Eins zu sein pflegen. Gute Nacht! Verlaß mich, Melitta!«

Um die Mittagszeit des folgenden Tages hielt dieselbe Barke, welche am vorigen Abende den Athener und Spartaner getragen hatte, vor dem Garten der Greisin.

Die Sonne schien so hell, so heiß und fröhlich vom klaren dunkelblauen ägyptischen Himmel, die Luft war so rein und leicht, die Käfer schwirrten so lustig, die Schiffer in den Kähnen sangen so laut und übermüthig ihre einförmigen, sich immer und immer wiederholenden Lieder, das Nilufer war so blühend, so fahnenbunt und menschenreich, die Palmen, Sykomoren, Akazien und Bananen grünten und blühten so saftig und kraftstrotzend, der ganze Landstrich ringsumher schien so außergewöhnlich reich von einer freigebigen Gottheit ausgestattet zu sein, daß der Wanderer glauben mußte, aus diesen Auen sei alles Unglück verbannt, hier sei die Heimath aller Lust und aller Freude.

Wie häufig wähnen wir, an einem unter blühenden Obstbäumen versteckten stillen Dörfchen vorbeifahrend, dies sei der Sitz allen Friedens, der Anspruchslosigkeit und des herzlichen Beisammenlebens. Wenn wir aber in die einzelnen Hütten treten, so finden wir in ihnen, wie überall, Angst und Noth, Verlangen und Leidenschaft, Furcht und Reue, Schmerz und Elend neben ach! so wenigen Freuden! Wer mochte, nach Aegypten kommend, ahnen, daß dieses lachende, strotzende, bunte Sonnenland, dessen Himmel sich niemals bewölkt, zu Ernst und Bitterkeit geneigte Menschen ernährte, wer konnte vermuthen, daß in dem zierlichen, von Blüthen umkränzten, gastfreien Hause der glücklichen Rhodopis ein Herz in tiefem Kummer schlüge? Welcher Besucher der allgefeierten Thracierin konnte ahnen, daß dieses Herz der anmuthlächelnden Greisin angehöre?

Bleich, aber schön und freundlich wie immer, saß sie mit Phanes in einer schattigen Laube neben dem kühlenden Wasserstrahle des Springquells. Man sah ihr an, daß sie abermals geweint hatte. Der Athener hielt ihre Hand und sprach ihr lebhaft zu.

Rhodopis hörte ihn geduldig an, jetzt bitter, jetzt zustimmend lächelnd. Endlich unterbrach sie den wohlmeinenden Freund und sagte.

»Ich danke Dir, Phanes! Ueber kurz oder lang muß auch diese Schmach vergessen werden. Die Zeit ist ein guter Wundarzt. Wäre ich schwach, so verließe ich Naukratis, und lebte in der Stille ganz allein für meine Enkelin. In diesem jungen Wesen, sag' ich Dir, schlummert eine ganze Welt. Tausendmal wollt' ich Ägypten verlassen, tausendmal besiegte ich diesen Wunsch. Mich hielt nicht das Verlangen nach Huldigungen Deines Geschlechts; deren habe ich so viele genossen, daß ich mehr als gesättigt bin! Mich, das schwache, das einst verachtete Weib, die frühere Sklavin, hielt und hält das Bewußtsein, freien, edlen Männern gewiß von einigem Nutzen, vielleicht manchmal unentbehrlich zu sein. An einen großen männlichen Wirkungskreis gewöhnt, würde mich die bloße Sorge für ein geliebtes Wesen nicht befriedigen; ich würde verdorren wie eine Pflanze, die man aus fettem Boden in die Wüste versetzt, und meine Enkelin bald ganz vereinsamt, dreifach verwaist in der Welt dastehen. Ich bleibe in Aegypten!

»Jetzt, nach Deiner Abreise, werde ich den Freunden wahrhaft unentbehrlich sein. Amasis ist alt; wenn Psamtik ihm nachfolgen sollte, so werden wir mit großen, uns bisher erspart gebliebenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ich muß bleiben und fort- und vorkämpfen für Hellenen-Freiheit und Hellenen-Wohlfahrt. Das ist der Zweck meines Lebens. Diesem Zwecke bin ich um so treuer, je seltener sich eine Frau vermißt, ähnlichen Zielen ihr Leben zu weihen. Mögen sie mein Streben unweiblich nennen, immerhin! In dieser durchweinten Nacht habe ich gefühlt, daß noch unendlich viel von jener Frauenschwäche in mir wohnt, welche zu gleicher Zeit das Glück und Unglück meines Geschlechts ausmacht. Diese Schwäche, vereint mit der ganzen Fülle zarter Weiblichkeit in meiner Enkelin zu erhalten, ist meine erste Aufgabe gewesen; die zweite war, mich selbst von aller Weichheit zu befreien. Doch ist es unmöglich, gegen die eigene Natur einen Sieg ohne Niederlage zu erkämpfen. Will mich ein Schmerz unterjochen, will ich verzweifeln, dann ist mein einziges Mittel, jenes Pythagoras, des herrlichsten aller Lebenden, meines Freundes(Anm. 88) Pythagoras war unbedingt, und zwar zur Zeit des Amasis, wahrscheinlich in der Mitte des sechsten Jahrhunderts (wir rechnen um 536), in Aegypten. Herod. II. 81. 123. Diod. I. 98. Chaeremon beim Porphyrius de abstin. IV. Jamblichus vita Pythag. 35. Sehr reiches Material über Pythagoras bringt der sehr gelehrte, aber oft in seinen Konjekturen viel zu kühne Roeth, Geschichte unserer abendländ. Philos. Bd. II. und seiner Worte zu gedenken: ›Bewahre das Ebenmaß in allen Dingen, hüte Dich vor jubelnder Lust wie vor klagendem Jammer, und strebe danach, Deine Seele harmonisch und wohlklingend zu erhalten wie die Saiten einer schöngestimmten Harfe!‹ Dieser pythagoreische Seelenfrieden, diese tiefe, ungetrübte Ruhe des Gemüths habe ich täglich in meiner Sappho vor Augen; ich aber ringe darnach, trotz mancher Griffe des Schicksals, welche die Saiten meiner Herzenslaute gewaltsam verstimmen. Jetzt bin ich ruhig! Du glaubst nicht, welche Macht der bloße Gedanke an jenen großen Denker, jenen stillen gemessenen Mann, auf mich ausübt. Die Erinnerung an ihn zieht wie ein weicher und doch frisch belebender Ton durch mein Dasein. Auch Du hast ihn gekannt und mußt verstehen, was ich meine. Jetzt bitte ich Dich, Dein Anliegen vorzubringen. Mein Herz ist ruhig wie die Wogen des Nils, welcher dort so still und ungetrübt an uns vorüberfließt. Sei es Schlimmes, sei es Gutes, ich bin bereit Dich zu hören.«

»So gefällst Du mir,« sprach jetzt der Athener. »Hättest Du früher des edlen Freundes der Weisheit, wie sich Pythagoras selbst zu nennen pflegte(Anm. 89) Pythagoras war der erste hellenische Denker, welcher sich nicht ein »Weiser«, sondern ein »Freund der Weisheit», »Philosophos« nannte., gedacht, dann würde Deine Seele schon gestern ihr schönes Gleich[ge]wicht wiedergefunden haben. Der Meister gebietet, man solle an jedem Abende die Ereignisse, Gefühle und Gedanken des vergangenen Tages in seiner Vorstellung noch einmal durchleben. Hättest Du das gethan, so würdest Du Dir gesagt haben, daß die ungeheuchelte Bewunderung all' Deiner Gäste, unter denen sich Männer von hohem Verdienste befanden, die Schmähreden eines trunkenen Wüstlings tausendfach aufwiegt; Du hättest Dich als eine Freundin der Götter fühlen müssen, denn in Deinem Hause gewährten die Unsterblichen einem edlen Greise nach jahrelangem Mißgeschicke die höchste Wonne, welche nur immer einem Menschen zu Theil werden kann; endlich nahmen sie Dir einen Freund, um Dir sofort einen neuen, besseren zu schenken. Keine Widerrede, und laß mich jetzt mit meiner Bitte beginnen!

»Du weißt, daß man mich bald einen Athener, bald einen Halikarnassier(Anm. 90) Halikarnassus (heute Bodru) an der südwestlichen Küste von Kleinasien war eine dorische Pflanzstadt auf karischem Gebiete. Das berühmte Grabmal des Königs Mausolos (Mausoleum), welches sich hier befand, ist in seinen Trümmern wieder aufgefunden worden, und die 1856 begonnenen, von Newton und Pullans geleiteten Grabungen haben jene herrlichen Erzeugnisse der griechischen Kunst zu Tage gefördert, welche jetzt neben den Bildwerken vom Parthenon dem British Museum zur höchsten Zierde gereichen. Herodot, selbst ein Halikarnassier, nennt Phanes einen Sohn desselben Ortes. Herod. I. 63. 64. Wir haben den Obersten zu einem Athener gemacht, um in ihm das Bild eines attischen Edlen zu geben. In der von dem gelehrten Holländer Professor Veth vorzüglich geschriebenen Kritik unseres Werkes werden wir deßwegen, vielleicht nicht mit Unrecht, getadelt. Wir würden in der zweiten Auflage Phanes ganz zu einem Halikarnassier gemacht haben, wenn uns nicht viel daran gelegen gewesen wäre, einen ionischen Griechen handelnd auftreten zu lassen. nennt. Die jonischen, aeolischen und dorischen Söldner haben sich von jeher mit den karischen nicht sonderlich vertragen; darum war mir, dem Anführer beider Theile, meine ich möchte sagen dreifache Herkunft besonders nützlich. So treffliche Eigenschaften Aristomachus besitzen mag, so wird mich Amasis dennoch vermissen; denn mir gelang es leicht, Einigkeit unter den Söldnerschaaren herzustellen, während der Spartaner den Karern gegenüber auf große Schwierigkeiten stoßen wird.

»Diese meine doppelte Herkunft kommt daher, daß mein Vater eine Halikarnassierin aus edlem dorischem Geschlechte zum Weibe hatte und mit ihr, um das Erbe ihrer Eltern in Empfang zu nehmen, gerade zu Halikarnassus verweilte, als ich geboren wurde. Obgleich man mich schon in meinem dritten Lebensmonde nach Athen zurücknahm, so bin ich doch eigentlich ein Karer, denn der Geburtsort bestimmt die Heimath des Menschen.

»In Athen ward ich, als junger Eupatride aus dem vornehmen, uralten Geschlechte des Ajax, mit allem Stolze eines attischen Adeligen aufgesäugt und erzogen. Der tapfere und kluge Pisistratus, aus einer der unsern zwar ebenbürtigen, aber keineswegs überlegenen Familie (es gibt kein vornehmeres Geschlecht wie das meines Vaters), wußte sich der Alleinherrschaft zu bemächtigen. Den vereinten Bemühungen des Adels gelang es, ihn zweimal zu stürzen. Als er zum dritten Male mit Hülfe des Lygdamis von Naxos, der Argier und Eretrier zurückkehren wollte, stellten wir uns ihm entgegen. Beim Athenetempel zu Pallene hatten wir uns gelagert. Als wir vor dem Frühstücke der Göttin opferten, überraschte uns der kluge Gewalthaber, überfiel unsere waffenlose Mannschaft und errang einen leichten unblutigen Sieg. Da mir die Hälfte des ganzen tyrannenfeindlichen Heeres anvertraut war, so beschloß ich eher zu sterben, als vom Platze zu weichen. Ich kämpfte mit allen Kräften, beschwor die Soldaten, Stand zu halten, wich und wankte nicht; fiel aber zuletzt mit einem Speere in der Schulter zu Boden.

»Die Pisistratiden wurden Herren von Athen(Anm. 91) Thucyd. VI. 56. 57.. Ich floh nach Halikarnaß, meiner zweiten Heimath, wohin mich meine Frau mit unseren Kindern begleitete, erhielt den Ruf als Oberster der Söldner in Aegypten, weil mein Name wegen eines Pythischen(Anm. 92) Die pythischen Spiele wurden dem Pythontödter Apollo zu Ehren in der Nähe von Delphi alle 4 Jahre gefeiert. Sie fielen in das dritte Jahr der Olympiaden. Sieges und kühner Kriegsthaten bekannt war, machte den Feldzug auf Cypern mit, theilte mit Aristomachus den Ruhm, die Geburtsstätte der Aphrodite für Amasis erstritten zu haben, und wurde endlich Oberbefehlshaber aller Söldner in Aegypten.

»Meine Frau starb im vorigen Sommer; die Kinder, ein Knabe von elf und ein Mädchen von zehn Jahren, blieben bei ihrer Muhme in Halikarnaß. Auch diese verfiel dem unerbittlichen Hades. Nun habe ich die Kleinen vor wenigen Tagen hierher bestellt; sie können aber nicht vor Ablauf dreier Wochen zu Naukratis eintreffen und möchten die Reise schon angetreten haben, ehe sie ein Gegenbefehl erreichen kann.

»In vierzehn Tagen muß ich Aegypten verlassen, und vermag daher die Kinder nicht selbst zu empfangen.

»Ich habe beschlossen, mich nach dem thracischen Chersonnes zu begeben, wohin mein Oheim, wie Du weißt, von dem Stamme der Dolonker(Anm. 93) Herod. VI. 35. 36. Laërt. Diog. I. 47. Miltiades, welcher die nach Delphi ziehenden Gesandten der von ihren Nachbarn befehdeten Dolonker, eines thracischen Stammes, in sein Haus geladen hatte, wurde von denselben zum Fürsten erwählt. berufen werden ist. Dorthin sollen auch die Kinder nachkommen. Korax, mein alter treuer Sklave, wird in Naukratis bleiben, um die Kleinen zu mir zu bringen.

Willst Du zeigen, daß Du in der That meine Freundin bist, so empfange und pflege sie, bis ein Schiff nach Thracien segelt, und verbirg sie sorgfältig vor den Blicken der Spione des Thronerben Psamtik. Du weißt, daß mich dieser tödtlich haßt, und sich leicht durch die Kinder an dem Vater rächen könnte. – Ich habe Dich um diese große Gunst gebeten, weil ich erstens Deine Güte kenne; zweitens aber, weil Dein Haus durch jenen Freibrief des Königs, welcher es zum Asyle macht, die Kinder vor allen Nachforschungen der Sicherheitsbehörde schützt, die ja in diesem formenreichen Lande gebietet, jeden Fremden, selbst Kinder, bei den Bezirksbeamten anzumelden.

»Du siehst, wie hoch ich Dich schätze, denn ich übergebe Dir das Einzige, was mir das Leben noch lebenswerth macht. Selbst die Heimath ist mir nicht theuer, so lange sie sich dem Zwingherrn schmählich unterwirft. Willst Du dem geängstigten Herzen eines Vaters seine Ruhe wiedergeben, willst Du . . .?«

»Ich will, ich will, Phanes!« rief die Greisin in unverstellter Herzensfreude. »Du bittest mich um Nichts, Du machst mir ein Geschenk. O, wie ich mich auf die Kleinen freue! Und wie wird Sappho jubeln, wenn die lieben Geschöpfe ankommen und ihre Einsamkeit beleben werden! Aber das sage ich Dir, Phanes, mit dem ersten thracischen Schiffe lass' ich meine kleinen Gäste auf keinen Fall abreisen! Ein kurzes halbes Jahr länger kannst Du Dich wohl von ihnen trennen, denn ich stehe dafür, daß sie trefflichen Unterricht empfangen und zu allem Schönen und Guten angehalten werden sollen.«

»Darüber wäre ich unbesorgt,« erwiederte Phanes, dankbar lächelnd; »doch muß es dabei bleiben, daß Du die beiden Störenfriede mit dem ersten Schiffe reisen läßt. Meine Furcht vor der Rache des Psamtik ist leider nur zu wohl begründet. Nimm denn schon im Voraus den herzlichsten Dank für Deine Liebe und Güte gegen die Kinder. Uebrigens glaube ich selbst, daß die Zerstreuung durch die munteren Geschöpfe Deiner Sappho in ihrer Einsamkeit wohlthun wird.«

»Und ferner,« unterbrach ihn Rhodopis mit niedergeschlagenen Blicken, »berechtigt mich doch wohl das Vertrauen, das ein Edler in meine mütterlichen Tugenden setzt, nicht mehr an die Schmach zu denken, die mir ein Schlemmer im Rausche angethan – da kommt Sappho!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.