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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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»Der Bruder der Dichterin, der sich früher unter den Fremden in Naukratis verloren hatte, ward plötzlich durch Rhodopis berühmt. In seinem Hause versammelten sich um ihretwillen alle Fremden, und überhäuften sie mit Geschenken. Der König Hophra(Anm. 17) Wir haben für diesen König seinen bekannteren biblischen Namen Hophra gewählt. Den Griechen hieß er Uaphris und Apries. Seine hieroglyphischen Namensschilder (s. Lepsius, Königsbuch T. 48) Uah-ph-ra-het, woher die Umschreibung Uaphris und Hophra (Uah-ph-ra). Er regierte von 588–569. Diese Zahlen sind gesichert, erstens durch die hier schon vorhandenen Gleichzeitigkeiten, zweitens aber besonders durch die von Mariette gefundenen Apisgräber, deren Inschriften über die Regierungsjahre namentlich der Könige der 26. Dynastie, der auch Hophra angehörte, die schönsten Aufschlüsse geben. Er wurde von Amasis, der nach Athenäus sein Freund war, bei einem Aufstande, dessen die Propheten des alten Bundes erwähnen, Jerem. 44, 30. 46, 24–26, und den Herodot näher beschreibt, gestürzt. Herod. II. 169. Für diesen Theil der ägyptischen Geschichte treten jetzt die assyrischen Denkmäler mit ihren immer sicherer zu entziffernden Keilschriften mächtig fördernd ein., welcher viel von ihrer Schönheit und Klugheit gehört hatte, ließ sie nach Memphis kommen, und wollte sie dem Charaxus abkaufen; dieser aber hatte ihr längst im Geheimen die Freiheit geschenkt und liebte sie zu sehr, um sich von ihr trennen zu mögen. Andererseits liebte auch Rhodopis den schönen Lesbier, und verblieb gerne bei ihm, trotz der glänzenden Anerbietungen, welche ihr von allen Seiten gemacht wurden. Endlich machte Charaxus das wunderbare Weib zu seiner rechtmäßigen Gattin, und blieb mit ihr und ihrem Töchterchen Klëis in Naukratis, bis Pittakus die Verbannten in die Heimath zurück berief.

»Nun begab er sich mit seiner Gemahlin nach Lesbos. Auf der Reise dorthin erkrankte er und starb bald nach seiner Ankunft in Mitylene. Sappho, welche ihren Bruder wegen seiner Mißheirath verspottet hatte, wurde schnell zur begeisterten Bewundererin der schönen Wittwe, welche sie, mit ihrem Freunde Alcaeus wetteifernd, in leidenschaftlichen Liedern besang.

»Nach dem Tode der Dichterin zog Rhodopis mit ihrem Töchterlein nach Naukratis zurück, und wurde hier gleich einer Göttin empfangen. Amasis(Anm. 18) Amasis von 570–526 v. Chr., von dem im Texte vielfach die Rede sein wird, hieß nach seinen Hieroglyphenschildern, Lepsius Königsbuch Taf. 48. 8, Aahmes (junger Mond). Sein gewöhnlicher Beiname war Se-Net, »Sohn der Neith«. Namen oder Bilder desselben finden sich auf Steinen der Festung Kairo, einem Relief zu Florenz, einer Statue im Vatikan, auf Sarkophagen zu Stockholm und London, einer Statue in der Villa Albani, einem Tempelchen von Rosengranit zu Leyden. Ein schöner Porträtkopf von Grauwacke in unserem Besitze stellt wohl denselben König dar., der jetzige König von Aegypten, hatte sich unterdessen des Thrones der Pharaonen bemächtigt, und behauptete ihn mit Hülfe der Soldaten, aus deren Kaste er stammte. Da sein Vorgänger Hophra durch seine Vorliebe für die Griechen und den Verkehr mit den allen Aegyptern verhaßten Fremden seinen Sturz beschleunigt und namentlich die Priester und Krieger zu offener Empörung veranlaßt hatte, so hoffte man mit Sicherheit, daß Amasis, wie in alten Zeiten, das Land den Fremden absperren(Anm. 19) Die alten Aegypter sind in ihrem Verhältniß zu den Fremden mit den heutigen Japanesen vergleichbar. Alle Nichtägypter waren ihnen verhaßt, aber sie mußten doch gezwungener Weise von jeher Ausländern den Zugang über ihre Grenzen gewähren, ja sie konnten nicht verhindern, daß namentlich die Phönizier, in deren Hand der ägyptische Import- und Exporthandel sich befand, ähnlich wie die Portugiesen und Spanier in Japan (16. Jahrh.) einen großen Einfluß auf alle Kreise des Lebens, ja selbst auf das religiöse Bewußtsein des Volkes gewannen. Und wie in Japan auf die Iberier die Holländer folgten, so in Aegypten auf die Phönizier die Griechen, welche nach der persischen Invasion und den Zügen Alexanders das Nilthal beherrschten., die hellenischen Söldner entlassen und statt auf griechische Rathschläge, auf die Befehle der Priester hören werde. Nun, Du siehst ja selbst, daß sich die klugen Aegypter in ihrer Königswahl betrogen haben und aus der Scylla in die Charybdis gefallen sind. Wenn Hophra ein Freund der Griechen war, so können wir Amasis unsern Liebhaber nennen. Die Aegypter, und vor allen die Priester und Krieger, speien Feuer und Flamme und möchten uns am liebsten sammt und sonders hinschlachten, wie Odysseus die Freier, die sein Gut verpraßten. Um die Krieger bekümmert sich der König nicht viel, weil er weiß, was jene und was wir ihm leisten; auf die Priester muß er jedoch immerhin Rücksicht nehmen, denn von einer Seite haben sie unbegrenzten Einfluß auf das Volk, dann aber hängt der König auch mehr, als er uns gegenüber eingesteht, an jener abgeschmackten Religion(Anm. 20) Wir wissen zwar, daß die ägyptische Priesterweisheit in hohem Ansehen bei den Griechen stand; viele Stellen in den Klassikern zeigen aber, daß die älteren Griechen und Römer, die nur die bizarren äußeren Formen der ägyptischen Religion sahen, dieselbe in der That für abgeschmackt hielten. – Später haben namentlich die Neuplatoniker den Lehren der Priesterschaft von Heliopolis, Theben &c. Vieles entnommen., welche in diesem seltsamen(Anm. 21) Herod. II 35. Lande seit Jahrtausenden unverändert fortbesteht, und deßhalb ihren Bekennern doppelt heilig erscheint. Diese Priester machen dem Amasis das Leben schwer, verfolgen und schaden uns wie und wo sie können, ja ich wäre längst ein todter Mann, wenn der König nicht seine schützende Hand über mich ausgebreitet hätte. Doch wohin gerathe ich! Rhodopis ward also zu Naukratis mit offenen Armen empfangen und von Amasis, der sie kennen lernte, mit Gunstbezeugungen überhäuft. Ihre Tochter Klëis, welche, wie jetzt Sappho, niemals die allabendlichen Zusammenkünfte in ihrem Hause theilen durfte, und beinahe noch strenger als die anderen Jungfrauen von Naukratis erzogen wurde, heirathete Glaukus, einen reichen phocäischen Handelsherrn aus edlem Hause, der seine Vaterstadt gegen die Perser tapfer vertheidigt hatte, und folgte demselben nach dem neu gegründeten Massalia(Anm. 22) Massalia, das heutige Marseille, wurde um 600 v. Chr. von Phocaea aus gegründet. Letztere ionische Stadt an der kleinasiatischen Küste fiel, nachdem sich alle Bürger auf ihren Schiffen aus derselben entfernt hatten, 19 Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung in die Gewalt der Perser. Bevor die Kleinasiaten sich dort niederließen, bestand wohl schon eine phönizische Faktorei an der Stelle von Massalia. Später finden wir jedenfalls Phönizier als Mitbesitzer des Orts, eine Thatsache, die nicht nur von den Klassikern, sondern auch durch die hier gefundenen Denkmäler und Inschriften bestätigt wird. – Celten hießen bei den alten Griechen nicht nur die Gallier, sondern auch die germanischen und iberischen (spanischen) Stämme., an der celtischen Küste. Die jungen Leute erlagen dem dortigen Klima, nachdem ihnen eine Tochter, Sappho, geboren war. Rhodopis unternahm selbst die lange Fahrt gen Westen, holte die junge Waise ab, nahm sie zu sich in's Haus, ließ sie auf's Sorgfältigste erziehen, und verbietet ihr jetzt, da sie erwachsen ist, die Gesellschaft der Männer, denn sie fühlt die Flecken ihrer frühesten Jugend so tief, daß sie ihre Enkelin, und das ist bei Sappho keine schwere Aufgabe, entfernter von jeder Berührung mit unserem Geschlecht hält, als es die ägyptische Sitte gestatten würde. Meine Freundin selbst bedarf des geselligen Verkehrs so nothwendig, wie ein Fisch des Wassers, wie ein Vogel der Luft. Alle Fremden besuchen sie, und wer ihre Gastfreundschaft einmal gekostet hat, der wird, wenn es ihm seine Zeit erlaubt, niemals fehlen, so oft die Fahne einen Empfangsabend verkündet. Jeder Hellene von irgend welcher Bedeutung besucht dieses Haus, denn hier wird berathen, wie man dem Hasse der Priester begegnen könne, und wie der König zu dem oder jenem zu bereden sei. Hier trifft man stets die neuesten Nachrichten aus der Heimath und der ganzen übrigen Welt, hier findet der Verfolgte ein unantastbares Asyl, denn der König hat seiner Freundin einen Freibrief gegen alle Belästigungen der Sicherheitsbehörde(Anm. 23) In Aegypten bestand eine sehr umsichtige und strenge Polizei, um deren Organisation sich Amasis besonders verdient gemacht haben soll. Von einem Gensdarmeriecorps, in dessen Reihen man mit Vorliebe Ausländer einstellte, haben wir durch zahlreiche Inschriften und Papyrusrollen Kunde. gegeben hier hört man die Sprache und Lieder der Heimath, hier wird berathen, wie Hellas von der wachsenden Alleinherrschaft(Anm. 24) Kurz vor der Zeit unserer Erzählung war es mehreren ehrgeizigen Hellenen, wie dem Pisistratus von Athen † 527, dem Polykrates von Samos † 522 und Lygdamis von Naxos † 524 gelungen, die Adelsherrschaft zu stürzen und sich der Regierung zu bemächtigen. befreit werden kann; dieses Haus ist mit einem Worte der Knotenpunkt aller hellenischen Interessen in Aegypten und von höherer politischer Bedeutung, als selbst das Hellenion, die hiesige Tempel- und HandelsgemeinschaftSiehe Anmerkung 2.. In wenigen Minuten wirst Du die seltene Großmutter, und vielleicht auch, wenn wir allein bleiben, die Enkelin sehen, und schnell begreifen, daß diese Menschen keinem Glücke, sondern ihrer Trefflichkeit Alles verdanken. Ha, da sind sie! Jetzt gehen sie dem Hause zu. – Hörst du die Sklavinnen singen? Jetzt treten sie ein. Laß sie sich erst niederlassen, dann folge mir, und beim Abschiede will ich Dich fragen, ob Du bereust, mit mir gegangen zu sein, und ob Rhodopis nicht eher einer Königin gleicht, als einer freigelassenen Sklavin.«

Das Haus der Rhodopis(Anm. 25) Die innere Einrichtung der Räume des Hauses haben wir nach Becker und K. F. Hermann gegeben. Das nach der nicht ganz klaren Stelle im Vitruv zu Barthelemy's Anacharsis gezeichnete Haus ist für unsern Zweck viel zu weitläufig. Hirts Entwurf sagt uns weniger zu, als die meisten anderen, wogegen uns der Hermann'sche Riß, Charikles II. 99, mit eben so scharfer Kritik als geschmackvoller Benutzung der bezüglichen Stellen gezeichnet zu sein scheint. Charaxus konnte, als reicher Mann, ein solches Haus recht wohl erbauen, obgleich die griechischen Privatwohnungen, namentlich in jener Zeit, einfacher als die von uns beschriebene gewesen sein mögen. Weit klarer als das griechische liegt uns das römische Haus, das sich namentlich nach den in Pompeji erhaltenen Bauwerken vortrefflich reconstruiren läßt, in seiner Anordnung vor. Mit großer Schärfe und Klarheit behandelt von J. Overbeck, Pompeji. dritte Aufl. 1866. Bd. I. S. 230. Der Riß S. 212. war im griechischen Stil erbaut. Die Außenseite des einstöckigen länglichen Gebäudes mußte nach unseren Begriffen durchaus einfach genannt werden, während die innere Einrichtung hellenische Formenschönheit mit ägyptischer Farbenpracht vereinte. Durch die weite Hauptthüre kam man in die HausflurThyroreion., an deren linker Seite ein großer Speisesaal seine Fensteröffnungen dem Strome zukehrte. Diesem gegenüber lag die Küche, ein Raum, welcher sich nur in den Häusern reicher Hellenen vorfand, während die ärmeren ihre Speisen an dem Herde im Vorzimmer zu bereiten pflegten. Die Empfangshalle lag an der Mündung der Hausflur, hatte die Gestalt eines Quadrats und war rings von einem Säulengange umgeben, von welchem viele GemächerOikemata. ausgingen. Inmitten dieser Halle, dem Aufenthaltsorte für die MännerAndronitis., brannte auf einem altarartigen Herde von reicher äginetischer Metallarbeit(Anm. 26) Die plastische Kunst der Aegineten war schon frühzeitig berühmt. In den Ueberresten altäginetischer Kompositionen läßt sich der Uebergang von der typischen Form zur freien Nachahmung der Natur am dentlichsten erkennen. Die 1811 von einer Gesellschaft englischer, dänischer und deutscher Reisender aufgefundenen Giebelgruppen vom Athenetempel zu Aegina, welche sich gegenwärtig zu München befinden, dürfen die interessantesten Denkmäler althellenischer Kunst genannt werden. Die erwähnten Figuren stellen Kämpfe zwischen Griechen und Trojanern um die Leichen gefallener Griechen, hier des Achill, dort des Oikles dar. Die Gruppe des Westgiebels mit der Athenestatue in der Mitte ist besonders bemerkenswerth und wohlerhalten. S. Wagner, Bericht über die äginetischen Bildwerke mit Anmerkungen von Schelling. 1817. Gerhard, Vorlesungen über Gipsabgüsse. 1844. S. 3–28. Welcker, antike Denkmäler I. S. 30 fgd. Overbeck, Geschichte der griech. Plastik. I. S. 117 fgd. Abgebildet bei O. Müller, Denkmäler der Kunst. I. T. 6–8. Clarac, Musée de sculpture p. 815. 821 fgd. In Bezug auf den Einfluß der ägyptischen auf die Anfänge der griechischen Kunst Fr. Thiersch, Epochen der Kunst bei den Griechen. 1829. R. Lepsius, Ueber einige ägyptische Kunstformen und ihre Entwickelung. Aus den Abhandl. d. k. Akademie d. W. Berlin 1871. das Feuer des Hauses.

Bei Tage erhielt dieser Raum sein Licht mittels der Oeffnungen im Dache, durch welche zu gleicher Zeit der Rauch des Herdfeuers seinen Ausgang fand. Ein der Hausflur gegenüber liegender Gang, der durch eine feste ThürMetaulos Thüra. verschlossen war, führte in das große, nur von drei Seiten mit Säulen umgebene FrauengemachGynäkonitis., in welchem sich die weiblichen Hausbewohner aufzuhalten pflegten, wenn sie nicht in den bei der sogenannten Garten- oder HinterthüreKepaia Thüra. gelegenen Zimmern beim Spinnrocken oder Webestuhle saßen. Zwischen diesen und den Gemächern, welche das Frauengemach zur Linken und Rechten als Wirthschaftsräume umgaben, lagen die SchlafzimmerThalamos und Antithalamos., in denen zu gleicher Zeit die Schätze des Hauses aufbewahrt wurden. Die Wände des Männersaales waren mit röthlich brauner Farbe bemalt, von der sich weiße Marmorbildwerke, Geschenke eines Künstlers von Chios(Anm. 27) Auf der Insel Chios sollen die ersten Kunstwerke aus Marmor gefertigt worden sein., in scharfen Linien abhoben. Den Fußboden bedeckten schwere Teppiche aus Sardes. Den Säulen entlang zogen sich niedrige, mit Pardelfell überzogene Polster, während in der Nähe des kunstreichen Herdes seltsam geformte ägyptische Lehnsessel und fein geschnitzte Tischchen von Thyaholz(Anm. 28) Aegyptischer Lehnsessel. Wilkinson II. plate XI. S. 192 fgd. Rosellini mon. civ. T. 66, 90–91, wo sich auch Sopha's finden, die den unseren nicht unähnlich sind. – Elegant gearbeitete Sitze auch für mehrere Personen, auf denen die Besitzer von Gräbern in Reliefdarstellungen und Bildern oder die in Form von Statuen dargestellten Götter und Könige thronen, sind häufig. – Das Thyaholz kam von der Oase des Jupiter Ammon in der libyschen Wüste und war so kostbar, daß Cicero für einen Tisch von diesem Holze eine Million Sesterzien, d. s. 55,000 Thaler bezahlte. In Algier sah ich in einer großen Ausstellung der Produkte der Provinz eine Platte von einem sehr schweren, festen und schönen Cedernholz, das unserer Birkenmaser glich und das der Katalog, wohl nach einer Conjectur seines Verfassers, »Thya-Wurzel und Stammholz aus Teniet-el-had« nannte. standen, auf denen allerlei musikalische Instrumente, Flöten, Kithara und Phormix lagen. An den Wänden hingen zahlreiche, mit Kikiöl(Anm. 29) Oel aus der Frucht des Wunderbaumes ricinus communis, welches von den Aegyptern Kiki genannt und zum Brennen und Salben gebraucht wurde. Herod. II. 94. Strabo, ed. Casaub. 824. Plinius XV. 7. Dioscor. IV. 164. Auf den Denkmälern, am häufigsten in Papyrusrollen, so auch in dem großen Papyros Ebers kommen Kuku oder Kaka-Nüsse vor. Wir möchten die letzteren mit den Oel spendenden Früchten der alten Aegypter zusammenbringen, da sie auch »Neter Kaka«, heilige Kiki-Nüsse genannt werden. gefüllte Lampen in verschiedenen Formen. Diese stellten einen feuerspeienden Delphin, jene ein seltsam geflügeltes Ungeheuer, dessen Rachen eine Flamme ausströmte, dar. Das von ihnen ausgehende Licht verschmolz sich zu schöner Wirkung mit dem Feuer des Herdes.

In dieser Halle standen einige Männer von verschiedenem Aussehen und in verschiedenen Trachten. Ein Syrer aus Tyrus in langem rosinfarbenem Gewande unterhielt sich lebhaft mit einem Manne, dessen scharf geschnittene Züge und krauses schwarzes Haar den Israeliten erkennen ließen. Er war aus seiner Heimath nach Aegypten gekommen, um für den König von Juda, Serubabel, ägyptische Pferde und Wagen, die berühmtesten in jener Zeit, einzukaufen(Anm. 30) Chronika I. 3, 17–19. Schon Salomo ließ um 1000 v. Chr. Pferde und Wagen in Aegypten kaufen. Ein Pferd kostete 150, ein Wagen 600 Sekel (75 und 300 Thlr.). Ein Sekel, nach Luther »Silberling«, ist etwa gleich einem halben Thaler. Könige I. 10, 28. 29. Chronika II. 1, 16 u. 17. Die Denkmäler zeigen nicht nur schöne Pferde vor den Fahrzeugen des Pharao und Wagen, sondern selbst Wagenfabriken. Uebrigens sind beide, Pferde und Wagen, erst im 3. Jahrtausende vor Christus, wie die Monumente beweisen, in Aegypten eingeführt worden. Die Gestüte scheinen in Nordägypten, wo es weite Flächen gab, gehalten worden zu sein. Wir hören von Gestütsobersten reden (Stele mit der 400jährigen Aera zu Tanis) und Pharaonen schon vor der 26. Dynastie, der Amasis angehörte, besondern Werth auf den Pferdestand des Landes legen. Stele des Pianchi. Ueber das Zaumzeug der Aegypter und die Theile des Fuhrwerks, welches schon früh in Syrien mit Kunst verfertigt wurde, findet sich Treffliches in Chabas' Analyse des Papyr. Anastasi I. Voyage d'un Égyptien etc. Ein ganzer wohlerhaltener, leicht gebauter Wagen eines alten Aegypters hat sich in dem Grabe seines einstigen Besitzers (doch wohl kaum als seine Kriegsbeute) gefunden. Konservirt im ägyptischen Museum zu Florenz.. Drei Griechen aus Kleinasien in den kostbaren faltenreichen Gewändern ihrer Heimath Milet, standen neben ihm und führten ernste Gespräche mit Phryxus, dem schlichtgekleideten Abgesandten der Stadt Delphi, welcher Aegypten besuchte, um Gelder für den Apollotempel zu sammeln. Das alte Pythische Heiligthum war vor zehn Jahren ein Raub der Flammen geworden; jetzt galt es ein neues, schöneres aufzuführen(Anm. 31) Herod. II. 180. Pindar. Pyth. 7. 9..

Die Milesier, Schüler des Anaximander und Anaximenes(Anm. 32) Anaximander von Milet, geboren 611–546, ein berühmter Geometer, Astronom, Weltweiser und Geograph, verfaßt ein Buch über die Natur, zeichnete die erste Weltkarte auf Erz und führte eine Art von Uhr, welche er den Babyloniern entlehnt zu haben scheint, in Griechenland ein. Er denkt sich ein schwer definirbares Urwesen, das die Welt in ihrer Gesammtheit lenkt, auf welches sich das Materielle und Begrenzte gründet, und das doch selbst unendlich und unbegrenzbar ist. Der »Urschlamm« versinnlicht ihm den Keim alles Geschaffenen, und er läßt aus demselben Wasser, Erde, Pflanzen, Thiere, Fischmenschen, Menschen &c. entstanden sein. Zeller, Philosophie der Griechen I. 170. Brandis T. 1. S. 123. – Anaximenes, 570–500, war gleichfalls ein Naturphilosoph von Milet und bezeichnete die »Luft« als den Urstoff. Plutarch plac. phil. I. 3. 6. Zeller, Philosophie der Griechen I. Brandis T. 1. S. 141., befanden sich am Nil, um zu Heliopolis Astronomie und ägyptische Weisheit zu studiren.

Der Dritte war ein reicher Kaufmann und Schiffsherr, Namens Theopompus, welcher sich zu Naukratis niedergelassen hatte. Rhodopis selbst unterhielt sich lebhaft mit zwei Griechen aus Samos, dem vielberühmten Baumeister, Metallgießer, Bildhauer und Goldschmied Theodorus(Anm. 33) Theodorus, aus einer berühmten samischen Künstlerfamilie stammend, machte sich um die Architektur und den künstlerischen Metallguß besonders verdient. Thiersch, Epochen der Kunst bei den Griechen 1829. Brunn, Künstlergeschichte II. S. 380 ff. Overbeek i. d. Berichten der kgl. sächsischen Gesellsch. d. Wissenschaften 1868. S. 68 ff. Bursian in Jahn's Jahrbüchern 1856. I. Abth. S. 509 ff. und dem Jambendichter Ibykus aus Rhegium(Anm. 34) Ibykus aus Unteritalien blühte in Mitten des 6. Jahrh. v. Chr. Den leidenschaftlichen und hochgebildeten Dichter zog Polykrates an seinen Hof. Die Begebenheiten nach seinem gewaltsamen Tode waren im Alterthum sprüchwörtlich geworden und sind durch Schiller's Kraniche des Ibykus allgemein bekannt. Seine Fragmente sammelte Schneidewin, Ibyc. carm. reliq. und Bergk, Poet. lyr. gr. Daß er in Aegypten gewesen sei, wird nirgends erwähnt; wohl aber, daß er die Griechen die den Aegyptern längst bekannte Identität des Morgen- und Abendsterns gelehrt habe. Achilles Tatius, Isag. in Arati Phaenomen. im Uranolog. Petavii p. 136. S. Lepsius Chronologie, Einleitung S. 91. Diese Stelle, sowie die Freundschaft des Polykrates und Amasis machen es nicht unwahrscheinlich, daß Ibykus in Aegypten gewesen sei., welche den Hof des Polykrates auf einige Wochen verlassen hatten, um Aegypten kennen zu lernen und dem Könige Geschenke ihres Herrn zu überbringen. Dicht neben dem Herde lag ein wohlbeleibter Mann mit starken sinnlichen Zügen, Philoinus aus Sybaris(Anm. 35) Sybaris war eine Stadt in Unteritalien, welche im ganzen Alterthume wegen ihrer Ueppigkeit berüchtigt war und, nach Strabo 62, von Achäern gegründet worden sein soll. Sie wurde um 510 von den Krotoniaten erobert und zerstört und später als Thurii wieder aufgebaut., lang ausgestreckt auf dem bunten Pelzüberzuge eines zweisitzigen Stuhls, und spielte mit seinen duftenden, golddurchflochtenen Locken und den goldenen Ketten, die von seinem Halse auf das saffrangelbe Gewand hernieder fielen, welches bis an seine Füße reichte.

Rhodopis hatte für Jeden ein freundliches Wort: jetzt aber sprach sie ausschließlich zu den berühmten Samiern. Sie unterhielt sich mit ihnen über Kunst und Poesie.

Die Augen der Thracierin glühten im Feuer der Jugend, ihre hohe Gestalt war voll und ungebeugt, das graue Haar schlang sich noch immer in vollen Wogen um das schön geformte Haupt, und schmiegte sich am Hinterkopf in ein Netz von zartem Goldgeflechte. Die hohe Stirn war mit einem leuchtenden Diademe geschmückt.

Das edle griechische Angesicht erschien bleich, aber schön und faltenlos, trotz seines hohen Alters; ja der kleine, immer noch wohlgeformte Mund, die großen, sinnigen und milden Augen, die edle Stirn und Nase dieses Weibes konnten einer Jungfrau zur Zier gereichen.

Man mußte Rhodopis für jünger halten, als sie wirklich war, und dennoch verläugnete sie die Greisin keineswegs. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach matronenhafte Würde, und ihre Anmuth war nicht die der Jugend, welche zu gefallen sucht, sondern die des Alters, die sich gefällig erweisen will, welche Rücksichten nimmt und Rücksichten verlangt.

Jetzt zeigten sich die uns bekannten Männer in der Halle. Jedes Auge wandte sich ihnen zu, und als Phanes, seinen Freund an der Hand führend, eintrat, bewillkommnete man ihn auf's Herzlichste; einer der Milesier aber rief:

»Wußt' ich doch nicht, was uns fehlte! Jetzt ist mir's auf einmal klar; ohne Phanes gibt es keine Fröhlichkeit!«

Philoinus der Sybarit erhob jetzt seine tiefe Stimme und rief, ohne sich in seiner Ruhe stören zu lassen: »Die Fröhlichkeit ist ein schönes Ding, und wenn Du sie mitbringst, so sei auch mir willkommen, Athener!«

»Mir aber,« sprach Rhodopis, auf die neuen Gäste zutretend, »seid herzlich gegrüßt, wenn ihr fröhlich seid, und nicht minder willkommen, wenn euch ein Kummer drückt; kenne ich doch keine größere Freude, als die Falten auf der Stirn eines Freundes zu glätten. Auch Dich, Spartaner, nenne ich ›Freund‹, denn also heiß' ich Jeden, der meinen Freunden lieb ist.«

Aristomachus verneigte sich schweigend; der Athener aber rief, sich halb an Rhodopis, halb an den Sybariten wendend: »Wohl denn, meine Lieben, so kann ich euch beide befriedigen. Du, Rhodopis, sollst Gelegenheit haben, mich, Deinen Freund, zu trösten, denn gar bald werde ich Dich und Dein liebes Hans verlassen müssen; Du aber, Sybarit, wirst Dich an meiner Fröhlichkeit ergötzen, denn endlich werde ich mein Hellas wiedersehen, und diese goldne Mäusefalle von einem Lande, wenn auch unfreiwillig, verlassen!«

»Du gehst fort? Du bist entlassen worden? Wohin gedenkst Du zu reisen?« fragte man von allen Seiten.

»Geduld! Geduld! Ihr Freunde,« rief Phanes, »ich muß euch eine lange Geschichte erzählen, die ich bis zum Schmause aufbewahren will. – Nebenbei gesagt, liebste Freundin, ist mein Hunger fast eben so groß, wie mein Kummer, euch verlassen zu müssen.«

»Hunger ist ein schönes Ding,« philosophirte der Sybarit, »wenn man einer guten Mahlzeit entgegensieht.«

»Sei unbesorgt, Philoinus,« antwortete Rhodopis; »ich habe dem Koche befohlen, sein Möglichstes zu thun, und ihm mitgetheilt, daß der größeste Feinschmecker aus der üppigsten Stadt in der ganzen Welt, daß ein Sybarit, daß Philoinus über seine zarten Gerichte strenges Gericht halten werde. Geh', Knakias, und sage, man solle anrichten! Seid ihr jetzt zufrieden, ihr ungeduldigen Herren? Arger Phanes; mir hast Du mit Deiner Trauerkunde die Mahlzeit verdorben!«

Der Athener verneigte sich; der Sybarit aber philosophirte abermals: »Zufriedenheit ist ein schönes Ding, wenn man die Mittel hat, all' seine Wünsche zu befriedigen; auch danke ich Dir, Rhodopis, für die Würdigung, welche Du meiner unvergleichlichen Heimath angedeihen läßt. Was sagt Anakreon?(Anm. 36) Anakreon von Teos lebte gleichfalls zur Zeit unserer Erzählung am Hofe des Polykrates. Der berühmte, liebenswürdige Sänger der Liebe und des Weins wird im Texte öfters genannt und angeführt werden. Die citirte Stelle findet sich Anacr. fragm. ed. Moebius XV. Seine Portraitstatue in der Villa Borghese zu Rom. Abgebildet in den Abhandl. der k. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse III. S. 730 ff. mit Text von Otto Jahn.

›Der heutige Tag liegt mir am Herzen,
Wer weiß, was uns der nächste bringt,
Drum flieht den Gram, verbannt die Schmerzen,
Und spielt das Würfelspiel und trinkt! – –‹

»He! Ibykus, hab' ich Deinen Freund, der mit Dir an der Tafel des Polykrates schmaust, richtig citirt? Ich sage Dir, daß, wenn Anakreon auch bessere Verse macht als ich, meine Wenigkeit sich dafür doch nicht schlechter auf's Leben versteht, wie der große Lebenskünstler. Er hat in allen seinen Liedern kein Lob auf's Essen, und ist denn das Essen nicht wichtiger, als das Spielen und Lieben, obgleich diese beiden Tätigkeiten – ich meine Spielen und Lieben – mir auch recht theuer sind? Ohne Essen müßt' ich sterben, ohne Spiel und Liebe kann ich schon, wenn auch nur kümmerlich, fortbestehen.«

Der Sybarit brach, zufrieden mit seinem schalen Witze, in ein lautes Gelächter aus; der Spartaner aber wandte sich, während man in ähnlicher Weise fortplauderte, an den Delphier Phryxus, zog ihn in eine Ecke und fragte ihn, seiner gemessenen Art vergessend, in großer Aufregung, ob er ihm die lang ersehnte Antwort des Orakels mitbringe? Das ernste Gesicht des Delphiers ward freundlicher; er griff in die Brustfalten seines Chiton und holte ein kleines Röllchen von pergamentartigem Schafleder hervor, auf dem mehrere Zeilen geschrieben waren.

Die Hände des starken und tapferen Spartaners zitterten, als er nach dem Röllchen griff, und nachdem er es geöffnet, saugten sich seine Blicke an die Schriftzüge an, die es bedeckten. So stand er kurze Zeit; dann schüttelte er mißmuthig die grauen Locken, gab Phryxus die Rolle zurück und sagte:

»Wir Spartaner lernen andere Künste, als Lesen und Schreiben. Wenn Du kannst, so lies mir vor, was Pythia sagt.«

Der Delphier überflog die Schrift und erwiederte: »Freue Dich! LoxiasBeiname, welchen Apollo wegen seiner dunklen, schiefen Orakelsprüche führte. Macrob. I. 17. verheißt Dir eine glückliche Heimkehr; höre, was Dir die Priesterin verkündet:

›Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt
Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt,
Führt Dich der zaudernde Kahn herab zu jenem Gefilde,
Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt;
Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt,
Schenkt Dir die richtende Fünf, was sie Dir lange versagt.‹«

Gespannten Ohres lauschte der Spartaner diesen Worten. Zum zweiten Male ließ er sich den Spruch des Orakels vorlesen, dann wiederholte er ihn aus dem Gedächtnisse, dankte Phryxus, und steckte das Röllchen zu sich.

Der Delphier mischte sich in das allgemeine Gespräch; der Spartaner aber murmelte den Spruch des Orakels unaufhörlich vor sich hin, um ihn ja nicht zu vergessen, und bemühte sich, die rätselhaften Worte zu deuten.

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