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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Erster Band

Erstes Kapitel.

Der Nil hatte sein Bett verlassen. Weit und breit dehnte sich da, wo sonst üppige Saatfelder und blühende Beete zu sehen waren, eine unermeßliche Wasserfläche. Nur die von Dämmen beschützten Städte mit ihren Riesentempeln und Palästen, die Dächer der Dörfer so wie die Kronen der hochstämmigen Palmen und Akazien überragten den Spiegel der Fluth. Die Zweige der Sykomoren und Platanen hingen in den Wellen, während die hohen Silberpappeln mit aufwärts strebenden Aesten das feuchte Element meiden zu wollen schienen. Der volle Mond war aufgegangen und goß sein mildes Licht über den mit dem westlichen Horizonte verschwimmenden libyschen Höhenzug. Auf dem Spiegel des Wassers schwammen blaue und weiße Lotusblumen. Fledermäuse verschiedener Art schwangen und schnellten sich durch die stille, von dem Dufte der Akazien und Jasminblüthen erfüllte Nachtluft. In den Kronen der Bäume schlummerten wilde Tauben und andere Vögel, während, beschützt von dem Papyrusschilfe und den Nilbohnen, die am Ufer grünten, Pelikane, Störche und Kraniche hockten. Erstere verbargen im Schlafe die langgeschnäbelten Köpfe unter die Flügel und regten sich nicht; die Kraniche aber schraken zusammen, sobald sich ein Ruderschlag oder der Gesang arbeitender Schiffer hören ließ, und spähten, die schlanken Hälse ängstlich wendend, in die Ferne. Kein Lüftchen wehte, und das Spiegelbild des Mondes, welches wie ein silberner Schild auf der Wasserfläche schwamm, bewies, daß der Nil, der die Katarrhakten wild überspringt und an den Riesentempeln von Ober-Aegypten schnell vorbeijagt, da, wo er sich dem Meere in verschiedenen Armen nähert, sein ungestümes Treiben aufgegeben und sich gemessener Ruhe überlassen habe.

In dieser Mondnacht durchschnitt 528 Jahre vor der Geburt des Heilandes eine Barke die beinahe strömungslose kanopische Mündung des Nils. Ein ägyptischer Mann saß auf dem hohen Dache des Hinterdecks und lenkte von dort aus den langen Stab des Steuerruders(Anm. 1) Wilkinson, Manners and customs of the ancient Egyptians. III. 196 und III. plate XIV. Eine schöne Zusammenstellung der Fahrzeuge, deren sich die alten Aegypter bedienten, findet sich bei Dümichen, Die Flotte einer ägyptischen Königin, T. I–V, T. XXV–XXXI. Hier sehen wir auch die von einer Ophirfahrt heimkehrenden Schiffe, welche, außer den Pfauen, alle jene Schätze mitbringen, von denen wir durch das I. B. der Könige wissen (9, 28; 10, 11), daß sie den mit seinem Freunde Hiram von Phönizien Seefahrer aussendenden Salomo bereicherten. Selbst über den Fortschritt der nautischen Kunst bei den Aegyptern geben die Denkmäler Kunde. Das bewegliche Steuer ward erst in späterer Zeit verwendet. Werkstellen von Schiffbauern zeigen die Monumente schon in der Pyramiden-Zeit, z. B. in den Mastaba von Sakkara, welche sich die Reichsgroßen in der vierten Dynastie als Grüfte und Grabkapellen erbauten. Sie gaben den Mastaba die Form von abgestumpften Pyramiden, ließen ihre Außenwände ungeschmückt; ihr Inneres wurde aber um so reicher ornamentirt mit jenen zarten und doch scharf und charakteristisch behandelten Basreliefs, die heute noch die Bewunderung unserer Bildhauer erwecken. Schiffsdarstellungen z. B. in dem Mastaba des Ti. Dümichen, Resultate der auf Befehl Sr. Maj. des Königs Wilhelm I. unternommenen Reise I. T. II. und IV. Als Beigabe zu diesem Werke gibt der Verfasser eine ganz vorzügliche Abhandlung von Graser, dem größten Kenner des antiken Seewesens. Das Seewesen der alten Aegypter.. In dem Kahne selbst versahen halbnackte Ruderknechte singend ihren Dienst. Unter dem offenen, einer hölzernen Laube gleichenden Kajütenhause lagen zwei Männer auf niedrigen Polstern. Beide waren augenscheinlich keine Aegypter. Selbst das Mondlicht ließ ihre griechische Herkunft erkennen. Der Aeltere, ein ungewöhnlich großer und kräftiger Mann im Beginn der sechziger Jahre, dessen dichte graue Locken bis auf den gedrungenen Hals ohne sonderliche Ordnung herniederfielen, war mit einem schlichten Mantel bekleidet und schaute düster in den Strom, während sein etwa zwanzig Jahre jüngerer Gefährte, ein schlanker und zierlich gebauter Mann, bald zum Himmel hinaufblickte, bald dem Steuermann ein Wort zurief, bald seine schöne purpurblaue ChlamisDie Chlamis war ein leichter Sommermantel von meist kostbaren Stoffen, welcher namentlich von eleganten Athenern getragen wurde. Der einfache Mantel, das Himation, wurde von den dorischen Griechen, namentlich den Spartanern, getragen. in neue Falten warf, bald sich mit seinen duftenden braunen Locken oder dem zart gekräuselten Barte zu schaffen machte.

Das Fahrzeug war vor etwa einer halben Stunde aus Naukratis(Anm. 2) Diese Stadt, welche der Schauplatz eines Theiles unserer Erzählung sein wird, lag im Nordwesten des Nildelta's im saïtischen Nomos oder Bezirke, am linken Ufer der kanopischen Mündung des Nils. Nach Strabo und Eusebius ist dieselbe von Milesiern gegründet worden, und zwar, wie Bunsen rechnet, um 749 v. Chr. In früherer Zeit scheint griechischen Schiffen die Einfahrt in die kanopische Mündung nur im Nothfalle gestattet gewesen zu sein. Damals beschränkte sich auch der ganze Verkehr der Aegypter mit den verhaßten Ausländern auf die kleine, der Stadt Thonis gegenüber liegende Insel Pharus. Hom. Odyss. IV. 36. Herod. II. 113 und 114. E. Curtius versucht in seinem geistreichen Schriftchen über die Ionier eine weit frühere Verbindung namentlich der Ionier mit den Aegyptern nachzuweisen. Eine solche hat jedenfalls stattgefunden, aber kaum unmittelbar durch den genannten berühmten Stamm; vielmehr war die Nordküste von Unterägypten schon sehr früh von Phöniziern colonisirt worden, die sich ganz den ägyptischen Sitten anschlossen, Aegypto-Phönizier genannt werden können und der Politik ihrer Verwandten in Tyrus und Karthago treu blieben, allen Fremden durch Gewalt und List die von ihnen eröffneten Tausch- und Handelsplätze zu verschließen. Näheres in unserem Werke: Aegypten und die Bücher Mose's, S. 195. In jüngster Zeit hat Brugsch einige neue Beiträge für die Begründung der hier ausgesprochenen Ansicht geliefert. Histoire d' Égypte. Deuxième édition. p. 128. Cap. XI. Le sémitisme en Égypte. Sobald sich die Griechen einmal in Naukratis niedergelassen hatten, befestigten sie dasselbe und erbauten ihren Göttern Tempel: die Aegineten dem Zeus, die Milesier dem Apollo, die Samier der Hera. – Außerdem wurde daselbst ein großer, vielen Städten und Stämmen gemeinsamer Tempel und eine Art von Hansa, das Hellenion, gegründet. Alexander wählte später in der Nähe dieser blühenden Handelsstadt den Platz zur Gründung von Alexandria., dem einzigen hellenischen Hafenplatze im damaligen Aegypten, abgesegelt. Der graue, düstere Mann hatte auf der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, und der andere, jüngere, ihn seinen Gedanken überlassen. Als sich jetzt die Barke dem Ufer näherte, richtete sich der unruhige Fahrgast auf und rief seinem Genossen zu: »Gleich werden wir am Ziele sein, Aristomachus. Dort drüben, links, das freundliche Haus in dem Garten voller Palmen, der die überschwemmten Fluren überragt(Anm. 3) Wir sind im Oktober, wo der Nil bereits zu sinken beginnt. Die Gründe der Inundation sind namentlich seit H. Barths großartiger tabellarischer Arbeit (Zeitschr. für allgemeine Erdkunde. 1863. XIV. Bd. und S. Bakers Reise in Abessinien) genau bekannt geworden. Die Tropenregen und das Schmelzen des Schnee's auf den Hochgebirgen am Aequator verursachen die Ueberschwemmung. Anfangs Juni macht sich ein allmähliges Steigen des Stromes bemerklich, zwischen dem 15. und 20. Juli wird das langsame Schwellen zu einem rapiden Wachsen, Anfangs Oktober erreicht die Nilhöhe ihren Gipfelpunkt, den sie, nachdem sie schon den Rücktritt begonnen, zum andern Male zu erreichen sucht, um bald allmählig, und dann schnell und immer schneller zu sinken. Im Januar, Februar, März und April trocknet das Wasser noch immer nach; im Mai hat der Strom seinen tiefsten Stand erreicht. Seine Wassermenge ist dann 20mal so gering wie im Oktober., ist die Wohnung meiner Freundin Rhodopis. Ihr verstorbener Gatte Charaxus hat es bauen lassen, und all' ihre Freunde, ja selbst der König, beeifern sich, es in jedem Jahre mit neuen Verschönerungen zu versehen. Unnöthige Mühe! Dieses Hauses beste Zierde wird, und wenn sie alle Schätze der Welt hineintragen wollten, seine herrliche Bewohnerin bleiben!«

Der Alte richtete sich auf, warf einen flüchtigen Blick auf das Gebäude, ordnete mit der Hand seinen dichten grauen Bart, der Kinn und Wangen, aber nicht die Lippen(Anm. 4) Die Spartaner pflegten keine Schnurrbärte zu tragen. umgab, und fragte kurz: »Welches Wesen, Phanes, machst Du von dieser Rhodopis? Seit wann preisen die Athener alte Weiber?« Der also Angeredete lächelte und erwiederte selbstgefällig: »Ich glaube, daß ich mich auf die Menschen, und ganz besonders auf die Frauen wohl verstehe, versichere Dich aber nochmals, daß ich nichts Edleres in ganz Aegypten kenne, wie diese Greisin. Wenn Du sie und ihre holde Enkelin gesehen und Deine Lieblingsweisen von einem Chor vortrefflich eingeübter Sklavinnen(Anm. 5) Die Griechen ließen sich bei ihren Gastmählern oft durch Musik unterhalten; aber auch in Aegypten zeigen uns die Bilder bei den Gesellschaften gewöhnlich singende oder die Doppelflöte blasende Frauen, blinde Harfenisten &c. gehört haben wirst, so dankst Du mir sicher für meine Führung!« – »Dennoch,« antwortete mit ernster Stimme der Spartaner, »wäre ich Dir nicht gefolgt, wenn ich nicht den Delphier Phryxus allhier zu treffen hoffte.«

»Du findest ihn. Auch erwarte ich, daß Dir der Gesang wohlthun und Dich Deinem düsteren Sinnen entreißen wird.« Aristomachus schüttelte verneinend das Haupt und sagte: »Dich, leichtblütigen Athener, mag der Gesang der Heimath ermuntern; mir aber wird es, wenn ich die Lieder des Alkman(Anm. 6) Alkman (attisch Alkmäon) blühte um 650 in Sparta. Von einer lydischen Sklavin zu Sardes geboren, kam er in den Besitz des Spartaners Agesides, der ihn freiließ. Bald verschafften ihm seine schönen Lieder das Bürgerrecht von Lacedämon, woselbst man ihn zum Oberleiter im ganzen Gebiete der Tonkunst machte und er die sanfte lydische Musik, welche man durch Polymnestes kennen gelernt hatte, einzubürgern verstand. Himerius orat. 5. Seine Sprache ist die dorisch-lakonische. Nach einem dem Gesange, den Freuden der Tafel und der Liebe gewidmeten Leben soll er an einer schrecklichen Krankheit gestorben sein. Wegen der vielen Jungfrauenchöre (Parthenien), welche von ihm herrühren, seiner Loblieder auf die Frauen und des freundschaftlichen Verhältnisses, in dem er zu den Spartanerinnen, unter denen er die blonde Megalostrata besonders auszeichnete, gestanden haben soll, verdient er den Namen des lacedämonischen »Frauenlob«. Auch seine Paeane und Hymnen sind hoch berühmt. Seine Fragmente sind von Welcker gesammelt worden und bei Bergk, Poetae Lyrici Graeci, Alcm. fr. zu finden. Deutsch bei Hartung. Die griechischen Lyriker, griechisch mit metrischer Uebersetzung. Seine Lieder müssen in Aegypten, wenn auch erst in späterer Zeit bekannt geworden sein, da zu den köstlichsten Papyrosfunden, welche in jüngerer Zeit am Nile gemacht worden sind, ein Bruchstück der Lieder des Alkman gehört. vernehme, ergehen, wie in meinen wachend durchträumten Nächten. Mein Sehnen wird nicht gestillt, es wird verdoppelt werden.«

»Glaubst Du denn,« fragte Phanes, »daß ich mich nicht nach meinem geliebten Athen, den Spielplätzen meiner Jugend und dem lebendigen Treiben des Marktes zurücksehne? Wahrlich, das Brod der Verbannung will auch mir nicht munden, doch wird es durch Umgang wie den, welchen dieses Haus bietet, schmackhafter, und wenn meine theuren hellenischen Lieder, so wunderbar schön gesungen, zu meinem Ohre dringen, dann baut sich in meinem Geiste die Heimath auf; ich sehe ihre Oel- und Fichtenhaine, ihre kalten, smaragdnen Flüsse, ihr blaues Meer, ihre schimmernden Städte, ihre schneeigen Gipfel und Marmorhallen, und eine bittersüße Thräne rinnt mir in den Bart, wenn die Töne schweigen und ich mir sagen muß, daß ich in Aegypten verweile, diesem einförmigen, heißen, wunderlichen Lande, welches ich, Dank sei den Göttern, bald verlassen werde. Aber, Aristomachus, wirst Du die Oasen der Wüste umgehen, weil Du Dich doch später wieder durch Sand und Wassermangel winden mußt? Willst Du das Glück einer Stunde fliehen, weil trübe Tage Deiner warten? – Halt, da wären wir! Mach' ein fröhliches Gesicht, mein Freund, denn es ziemt sich nicht, in den Tempel der CharitinnenDie Göttinnen der Anmuth. Bekannter unter ihrem römischen Namen Gracien. traurigen Muthes zu treten.«

Die Barke landete bei diesen Worten an der vom Nil bespülten Mauer des Gartens. Leichten Sprunges verließ der Athener, schweren aber festen Schrittes der Spartaner das Fahrzeug. Aristomachus trug einen Stelzfuß; dennoch wanderte er so kräftigen Schrittes neben dem leichtfüßigen Phanes dahin, daß man denken konnte, er sei mit dem hölzernen Beine zur Welt gekommen.

Im Garten der Rhodopis duftete, blühte und schwirrte es wie in einer Mährchennacht. Akanthus, gelbe Mimosen, Hecken von Schneeballen, Jasmin und Flieder, Rosen und Goldregenbüsche drängten sich aneinander, hohe Palmen, Akazien und Balsambäume überragten die Sträucher, große Fledermäuse mit zarten Flügeln wiegten sich über dem Ganzen, und auf dem Strome tönte Gesang und Gelächter.

Ein Aegypter hatte diesen Garten angelegt, und die Erbauer der Pyramiden waren von Alters her als Gartenkünstler hoch berühmt(Anm. 7) Wilkinson II. 136–145. Rosellini, monimenti civili Taf. 68 und 69. Die besten Bilder von Gartenanlagen der alten Aegypter sind in den Gräbern von Tel el Amarna (18. Dynastie) gefunden worden. Lepsius, Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Abth. III. Bl. 102 fgd. Auch in einigen Gräbern zu Abd el Qurnah in der Todtenstadt von Theben, z. B. in Grab 34 und 35 und der von uns entdeckten Gruft des Generals Amen em heb, der ein großer Blumenfreund war.. Sie verstanden es, die Beete sauber abzustecken, regelmäßige Baum- und Sträuchergruppen zu pflanzen, Wasserleitungen und Springbrunnen, Lauben und Lusthäuschen anzulegen, ja sogar die Wege mit künstlich beschnittenen Hecken zu umzäunen, und Goldfischzucht in steinernen Becken zu treiben.

Phanes blieb an der Pforte der Gartenmauer stehen, schaute sich aufmerksam um und horchte in die Luft hinaus, dann schüttelte er den Kopf und sagte. »Ich begreife nicht, was dieß zu bedeuten hat. Ich höre keine Stimmen, sehe kein Licht, alle Barken sind fort, und dennoch flattert die Fahne auf der bunten Stange neben den Obelisken zu beiden Seiten der Pforte(Anm. 8) An den Thoren ägyptischer Landhäuser pflegten zuweilen Obelisken mit der Namensinschrift des Besitzers zu stehen; auch waren Fahnen nichts Ungewöhnliches. Doch finden wir dieselben fast ausschließlich an den Thoren der Tempel, an denen sich heute noch Spuren der ehernen Krammen nachweisen lassen, in die die Fahnenstangen gesteckt worden sind. Auch den Griechen waren Fahnen nichts Unbekanntes. Aus einigen Inschriften bei den Masten an den Pylonen geht hervor, daß wenn die ersteren auch nicht geradezu als Blitzableiter aufgestellt worden sind, man doch bemerkt hatte, daß sie den Blitz anzögen.. Rhodopis muß abwesend sein. Sollte man vergessen haben? . . . . .« Er hatte nicht ausgeredet, als er von einer tiefen Stimme unterbrochen wurde: »Ach, der Oberst der Leibwache!«

»Fröhlichen Abend, Knakias!« rief Phanes, den auf ihn zutretenden Greis mit Freundlichkeit begrüßend. »Wie kommt es, daß dieser Garten so still ist wie eine ägyptische Grabkammer, während ich doch die Fahne des Empfanges flattern sehe? Seit wann weht das weiße Tuch vergeblich nach Gästen?«

»Seit wann?« erwiederte lächelnd der alte Sklave der Rhodopis. »So lange die Parcen meine Herrin gnädig verschonen, ist auch die alte Fahne sicher, so viele Gäste herbei zu wehen, als dieses Haus zu fassen vermag. Rhodopis ist nicht daheim; muß aber bald wiederkommen. Der Abend war so schön, daß sie sich mit allen Gästen zu einer Lustfahrt auf dem Nil entschlossen hat. Vor zwei Stunden, beim Sonnenuntergange, sind sie abgesegelt, und die Mahlzeit steht schon bereit(Anm. 9) Man pflegte, namentlich zu Athen, die Hauptmahlzeit, das Deipnon (δει̃πνον) spät zu halten.. Sie können nicht mehr lange ausbleiben. Ich bitte Dich, Phanes, sei nicht ungeduldig, und folge mir in's Haus. Rhodopis würde mir nicht verzeihen, wenn ich einen so lieben Gast nicht zum Verweilen nöthigen wollte. Dich aber, Fremdling,« fuhr er, den Spartaner anredend, fort, »bitte ich herzlich zu verweilen, denn als Freund ihres Freundes wirst auch Du meiner Herrin hoch willkommen sein.«

Die beiden Griechen folgten dem Diener und ließen sich in einer Laube nieder.

Aristomachus betrachtete seine vom Monde hell erleuchtete Umgebung und sprach: »Erkläre mir, Phanes, welchem Glücke diese Rhodopis, eine frühere Sklavin und Hetäre(Anm. 10) Die Hetären der Griechen sind keineswegs mit den modernen Lustdirnen zu vergleichen, denn der bessere Theil derselben vertrat die Intelligenz und Bildung der weiblichen Bewohner, namentlich der ionischen Theile, von Hellas. Man denke an Aspasia und ihr wohlbezeugtes Verhältniß zu Perikles und Sokrates. Auch unsere Rhodopis war hochberühmt. Die Hetäre Thargalia von Milet wurde die Gattin eines thessalischen Königs. Ptolemäus Lagi heirathete die Thaïs. Ihre Tochter hieß Irene, ihre Söhne waren Leontiskus und Lagus. Athen. XIII. p. 576. Endlich wurden mehreren Hetären Bildsäulen errichtet. Hierüber handeln am besten F. Jakobs vermischte Schriften IV. und Becker Charikles II. S. 51–69. Mehr im Texte., es verdankt, daß sie wie eine Königin wohnt und ihre Gäste fürstlich zu empfangen vermag?«

»Diese Frage erwartete ich längst,« erwiederte der Athener, »es freut mich, daß ich Dich, ehe Du in das Haus dieses Weibes trittst, mit ihrer Vergangenheit bekannt machen darf. Während der Nilfahrt wollte ich Dir keine Erzählung aufdrängen. Dieser alte Strom zwingt mit unbegreiflicher Macht zum Schweigen und zur stillen Beschaulichkeit. Als ich, wie Du soeben, zum erstenmal eine nächtliche Nilfahrt machte, war auch mir die sonst so schnelle Zunge wie gelähmt.«

»Ich danke Dir,« antwortete der Spartaner. »Als ich den hundertfünfzig Jahre alten Priester Epimenides(Anm. 11) Epimenides war Zeuspriester zu Knossus auf Kreta und soll nach Plinius 299, nach Xenophanes von Kolophon, seinem Zeitgenossen, 154 Jahre alt geworden sein. Laërtius Diogenes erzählt, er habe sich nach Belieben sterben und wieder aufleben lassen können. Da er 576 zu Sparta gewesen ist, so kann ihn der alte Aristomachus wohl gesehen haben. von Knossus auf Kreta zum erstenmale sah, überkam mich ein seltsamer Schauder, seines Alters und seiner Heiligkeit wegen; wie viel älter, wie viel heiliger aber ist dieser greisenhafte Strom ›Aigyptos‹(Anm. 12) »Aigyptos« wurde der Nil in alter Zeit von den Griechen genannt; z. B. Homer. Odyss. IV. 478. Der Ueberschwemmungsnil von Unterägypten heißt auf einigen Denkmälern »Akab«; aber doch wohl nur nach dem Lande, das er an seiner Mündung bewässerte, denn das Litoral des Delta, welches in früher Zeit von Aegypto-Phöniziern bevölkert war, scheint Aikab-t oder Aigab-t, das gebogene Küstenland, genannt worden zu sein, und der Name Aegyptens wurde von den Griechen gewiß zuerst aus phönizischem Munde vernommen.. Wer möchte sich seinem Zauber entziehen? Doch bitte ich Dich, mir von Rhodopis zu erzählen!«

»Rhodopis,« begann Phanes, »ward als kleines Kind, da sie eben am thracischen Strande mit ihren Gefährtinnen spielte, von phönizischen Seefahrern geraubt und nach Samos gebracht, woselbst sie Iadmon, ein GeomoreDie eingeborenen Adelsgeschlechter von Samos. kaufte. Das Mägdlein ward täglich schöner, anmuthiger und klüger, und bald von Allen, die es kannten, geliebt und bewundert.

»Aesop(Anm. 13) Aesop (620–550) war nach Herodot ein Thracier, nach Andern ein Phryger oder ein Mann von Mesembria, einer milesischen Kolonie am schwarzen Meere. Er wurde an den Samier Iadmon als Sklave verkauft. In dem Hause desselben diente er mit Rhodopis zusammen und wurde später freigelassen. Herod. II. 134. Berühmt durch seine Thierfabeln, soll er als Sachwalter aufgetreten sein und der Freundschaft des Krösus genossen haben. Als er, schon hoch betagt, im Auftrage des letzteren nach Delphi ging, wurde er von den beleidigten Priestern des Diebstahls einer goldenen Schale beschuldigt, fälschlich zum Tode verurtheilt und von den delphischen Felsen hinabgeschleudert. In späterer Zeit erhielt jede durch eine Erzählung aus dem Naturreiche praktisch dargestellte Lebensregel den Namen der äsopischen Fabel. Ueber ihn und seine Dichtungen siehe Grauert de Aesopo et fabulis Aesopiis. Bonn 1825. In neuester Zeit ist vielfach, namentlich durch Zuendel, revue Archéol. S. 354 die gut begründete Behauptung aufgestellt worden, daß der Ursprung der äsopischen Fabeln in Aegypten zu suchen sei. Im Allgemeinen hält man Indien für die Heimath der Thierfabel. In der Villa Albani zu Rom die berühmte, leider beschädigte Statue des Aesop »Ein concentrirter Idealtypus des geistvollen Buckligen«., der Thierfabeldichter, welcher damals gleichfalls im Sklavendienste des Iadmon verweilte, freute sich ganz besonders an der Liebenswürdigkeit und dem Geiste des Kindes. Er belehrte es in allen Dingen und sorgte für Rhodopis wie ein Pädonomus, den wir Athener den Knaben halten. Der gute Lehrer fand eine lenksame, schnell begreifende Schülerin, und die kleine Sklavin redete, sang und musicirte in kurzer Zeit besser und anmuthiger, als die Söhne des Iadmon, welche auf's Sorgfältigste erzogen wurden. In ihrem vierzehnten Jahre war Rhodopis so schön und vollendet, daß die eifersüchtige Gattin des Iadmon das Mädchen nicht länger in ihrem Hause duldete und der Samier seinen Liebling schweren Herzens an einen gewissen Xanthus verkaufen mußte. Zu Samos herrschte damals noch der wenig bemittelte Adel. Wäre Polykrates schon am Ruder gewesen, so hätte sich Xanthus um keinen Käufer zu grämen brauchen. Diese Tyrannen füllen ihre Schatzkammern, wie die Elstern ihre Nester! So zog er denn mit seinem Kleinode nach Naukratis, und gewann hier durch die Reize seiner Sklavin große Summen. Damals erlebte Rhodopis drei Jahre der tiefsten Erniedrigung, deren sie mit Schauder gedenkt.

»Als endlich der Ruf ihrer Schönheit in ganz Hellas bekannt geworden war, und Fremde aus weiter Ferne nur um ihretwillen nach Naukratis kamen(Anm. 14) Nach Herodot II. 134 und 135 war Rhodopis so schön, daß jeder Hellene ihren Namen kannte., geschah es, daß das Volk von Lesbos seinen Adel vertrieb und den weisen Pittakus zum Herrscher wählte. Die vornehmsten Familien mußten Lesbos verlassen, und flohen theils nach Sizilien, theils nach dem griechischen Italien, theils nach Aegypten. Alcaeus(Anm. 15) Alcaeus, ein Zeitgenosse und Freund der Sappho, stammte, wie diese, aus einer der vornehmsten lesbischen Familien und darf zu den trefflichsten Lyrikern des ganzen Alterthums gezählt werden. Mit allen Vorzügen, aber auch allem Stolz und allen Vorurtheilen seines Standes ausgestattet, setzte er Leib und Leben, Wort und Lied ein, um die Tyrannis zu stürzen, die nach Lesbos übersiedelnden Athener aus Sigeum zu vertreiben, und endlich die Oberherrschaft für den Adel zu bewahren, der sich kräftig gegen die Gewalthaber Melanchrus, Megalagyrus, Myrsilus, die Kleanaktiden wehrte. In beiden letzten Unternehmungen unglücklich, mußte er, als sich Pittakus zum Führer des Volks aufgeschwungen hatte, mit seinen Brüdern und Gesinnungsgenossen die Flucht ergreifen. Erstere nahmen bei Nebukadnezar von Assyrien Kriegsdienste, letztere, und mit ihnen Alcaeus, schweiften in der Welt umher. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich der Dichter mit Charaxus, dem Bruder der Sappho, auch zu Naukratis aufgehalten habe. Nachdem Pittakus seine Gesetzgebung, welche ihm den Namen eines Weltweisen eintrug, vollendet hatte, rief er die Verbannten zurück und verzieh dem Dichter, obgleich ihn derselbe auch in der Fremde mit den bittersten Versen verfolgt hatte. Die Lieder des Alcaeus sind erfüllt »von der ritterlichen Poesie des Adels von Mytilene, der, in allen Künsten der oligarchischen Erziehung genährt, durch stolzes Selbstgefühl gehoben, und sicher im Erbe der schönsten Vorrechte, sein Leben zwischen That und Genuß theilen und im Unglück niemals den leichten Muth aufgeben durfte.« – Er war ein Feuergeist, der in vollendeten Formen sang, weil er eben singen mußte, wenn eine Lust ihm blühte, wenn ihn ein Leid bedrückte. Klar, wunderbar unbefangen, frei von Sehnsucht und den Augenblick genießend, muß man ihn als eines der bedeutendsten Vorbilder des Horaz, der nicht nur seine Metra, sondern auch viele seiner Gedanken adoptirte, betrachten. Seine im Text erwähnte Beziehung zu Sappho wird durch einzelne seiner Fragmente verbürgt. Dieselben finden sich in A. Matthiae Alcaei reliquiae. L. 1827. Dazu Welcker, Kleine Schriften I. S. 126–147 und Bergk, Lyr. gr. ed. I. p. 569–598. Hartung, Die griechischen Lyriker. Griechisch mit metrischer Uebersetzung. V. p. 18. Seine Porträtstatue ist bei Monte Calvo gefunden worden. Dieselbe entspricht ganz der oben gegebenen Charakteristik des Mannes. Wahrscheinlich soll auch eine treffliche Statue in der Villa Borghese zu Rom unsern Dichter darstellen. Braun glaubt, man habe in ihr einen Pindar zu erkennen., der größeste Dichter seiner Zeit, und Charaxus, der Bruder jener Sappho(Anm. 16) Die berühmte Dichterin Sappho lebte nach Athenäus zur Zeit des lydischen Königs Alyattes, also zwischen 620–563 v. Chr., nach der Chronik des Eusebius ol. 44, d. i. um 600 v. Chr. Außerdem wird sie als Zeitgenossin des Pittakus, Alcaeus und der Rhodopis genannt, was mit den obigen Angaben übereinstimmt. Wir werden kaum fehl gehen, wenn wir sie um 620 zu Mytilene auf Lesbos geboren werden lassen. Ihr Vater hieß Skamandronymus oder Skamon. Hiefür sprechen, außer Herodot, Aelian und andern alten Schriftstellern, Welcker, Bernhardy, Richter und Andere. Ihre Mutter und Tochter trugen den Namen Kleïs. Außer dem von uns erwähnten Charaxus hatte sie einen zweiten Bruder Larichus, der, nach Athenäus, im Prytaneum zu Mytilene ein hohes Ehrenamt bekleidete. Hieraus, sowie aus der Vertreibung der Sappho und des Charaxus zur Zeit des Pittakus erhellt, daß sie aus einer sehr vornehmen Familie stammte. Dieselbe muß auch wohlhabend gewesen sein, sonst hätte Charaxus, wie Herodot erzählt, Rhodopis nicht kaufen können. Suidas nennt den Gatten der Dichterin, Cerkolas, ausdrücklich einen sehr reichen Mann. Unter ihren Anbetern darf ihr berühmter Zeitgenosse Alcaeus nicht übergangen werden, während ihre bekannte unglückliche Liebe zu dem jungen Phaon von Bernhardy mit Recht eine Fabel genannt wird. Ebenso unwahr ist es, daß Anakreon, der erst mehrere Jahrzehnte später blühte, an Sappho gewisse erotische Verse, welche einer anderen Lesbierin gelten, gewidmet habe. Auch ihre unreine Leidenschaft für schöne Jungfrauen und ihr Sprung vom leukadischen Felsen gehören in das Reich der Fabel. Siehe Welcker, F. W. Richter, Bernhardy und Koechly. Von dem Aeußeren der Dichterin wissen wir nur wenig. Plato, Plutarch u. A. nennen sie »die schöne Sappho«. Alcaeus preist ihr schwarzes Haar und ihr liebreizendes Lächeln. Welcker zählt sie zu den im Alterthum gefeierten Schönheiten. Sie ist auf den Münzen ihrer Heimath, in Gemälden und Bildsäulen sehr häufig, aber wie es scheint, sehr verschieden abgebildet worden. Eines dieser Bilder beschreibt Democharis folgendermaßen:

»So zu gestalten, o Maler, die mythilenische Muse
Gab Dir einst die Natur selber, die Bildnerin ein.
Lieblicher Glanz entströmet den Augen zur deutlichen Kunde,
Wie ihr schaffender Geist quoll von lebendiger Kraft.
Aber das Fleisch in natürlichem Wuchs, nicht schwellend in Unmaß,
Deutet die Einfachheit ihres Gemüthes uns an.
Und das Gemisch von frohem zugleich und sinnigem Antlitz
Sagt, daß Cypris in ihr sich mit der Muse vermischt.«

Tausende von Liedern sind ihr gewidmet worden; wir aber wollen an dieser Stelle nur folgende Epigramme des Pinytus und Antipater von Sidon aus der Griechischen Blumenlese (F. Jakobs) erwähnen.

»Sappho's Asch' und Gebein und den Namen nur decket die Erde,
Aber ihr weiser Gesang freut der Unsterblichkeit sich.«

»Sappho ward ich genannt; ich besiegte die Lieder der Frauen
Weithin, so wie Homer männliche Lieder besiegt.«

Die Schreibart »Sappho« ist aeolisch. ΣΑΦΟ findet sich nur, wie auch Welcker glaubt, als Schreibfehler, auf einer Vase zu Wien. Die Fragmente ihrer Gedichte bei Bergk, Lyr. Gr. ed. II. Ein ganz vortrefflicher Vortrag über Sappho findet sich bei Koechly, Akademische Vorträge und Reden, S. 153 fgd. Solon äußerte den im Text angedeuteten Wunsch seinem Neffen gegenüber. Stobaeus Serm. XXIX. 28. Der Erwähnung werth an dieser Stelle ist das zu Melos gefundene Relief, welches Sappho darstellt, nach deren Laute Alcaeus greift. Konservirt im British-Museum. Zur Erklärung dieses Monuments hat Overbeek, Geschichte der Plastik I. S. 148 folgende von Aristoteles bewahrte Anekdote herangezogen: »Alkaeos liebte seine schöne und geniale Landsmännin, und soll sie einmal mit den zärtlich verschämten Worten: ›Du dunkellockige, keusche, süßlächelnde Sappho, ich möchte Dir gern etwas sagen, doch hält mich Scheu zurück‹, angeredet haben. Darauf antwortete die Dichterin spröde und etwas schnippisch: ›Wenn Dich eine schöne und edle Sehnsucht triebe, und nicht die Zunge etwas Böses sagen wollte, dann würde Dich nicht Scham das Auge niederschlagen heißen, sondern Du würdest heraussagen, was gerecht ist.‹«

, deren Oden zu erlernen der letzte Wunsch unseres Solon war, kamen hierher nach Naukratis, welches schon lange als Stapelplatz des ägyptischen Verkehrs mit der ganzen übrigen Welt blühte. Charaxus sah Rhodopis, und liebte sie bald so glühend, daß er eine ungeheure Summe hingab, um sie dem feilschenden Xanthus, welcher in die Heimath zurückzukehren wünschte, abzukaufen. Sappho verspottete den Bruder dieses Kaufes wegen mit beißenden Versen; Alcaeus aber gab dem Charaxus Recht, und besang Rhodopis in glühenden Liedern.

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