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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Siebentes Kapitel.

Der Nil begann wiederum zu steigen. Zwei Monate, in denen sich Manches zugetragen hatte, waren seit der Flucht des Phanes vergangen.

Sappho war an demselben Tage, an welchem der Athener Aegypten verließ, eines Mägdleins genesen und hatte sich unter der Pflege ihrer Großmutter soweit erholt, daß sie an einer Nilfahrt, welche auf Vorschlag des Krösus am Feste der Neith unternommen wurde, theilnehmen konnte. Das junge Ehepaar wohnte nicht mehr zu Memphis, denn Bartja hatte, um dem seit der Flucht des Phanes unerträglichen Benehmen seines Bruders zu entgehen, mit Erlaubniß desselben das Königsschloß von Sais bezogen. Auch Rhodopis, in deren Hause der Lyder mit seinem Sohne, Bartja, Darius und Zopyrus keine seltenen Gäste waren, schloß sich den Lustreisenden an.

Am Morgen des Neithfestes bestieg man acht Meilen unterhalb Memphis eine köstlich geschmückte Barke und fuhr, von einem günstigen Nordwinde und zahlreichen Ruderern getrieben, den Strom hinauf.

Unter dem theils vergoldeten, theils mit bunten Farben bemalten hölzernen SchirmdacheSiehe I. Theil Anmerkung 101., welches sich inmitten des Verdeckes erhob, verweilten die Fahrgäste, gesichert vor den brennenden Strahlen der Sonne.

Krösus saß an der Seite der Greisin, zu deren Füßen der Milesier Theopompus ruhte. Sappho lehnte sich an Bartja; Syloson, der Bruder des Polykrates, lag neben dem tiefsinnig in den Strom schauenden Darius, während Gyges und Zopyrus die Blumen, welche ihnen ein ägyptischer Sklave überreichte, zu Kränzen für die Stirn der beiden Frauen zusammenflochten.

»Man sollte nicht glauben,« sagte Bartja, »daß wir gegen den Strom fahren. Der Nachen fliegt wie eine Schwalbe über das Wasser!«

»Das macht der kräftige Nordwind, der unsere Stirnen kühlt,« entgegnete Theopompus. »Auch verstehen die ägyptischen Ruderknechte ihr Handwerk ganz vorzüglich.«

»Und arbeiten doppelt fleißig,« fügte Krösus hinzu, »weil es gegen den Strom geht! Nur wo wir Widerstand finden, pflegen wir unsere Kräfte einzusetzen.«

»Und wir schaffen uns selbst Schwierigkeiten,« sagte Rhodopis, »wenn das Geschick unsern Lebenskahn auf glatte Fluthen setzt.«

»So ist es!« rief Darius; »der Edle haßt das bequeme Schwimmen mit dem Strome. In thatenloser Ruhe sind alle Menschen gleich; darum bedürfen wir des Kampfes, um zeigen zu können, daß wir besser sind als die Andern!«

»Aber die edlen Kämpfer sollen sich hüten, Händel zu beginnen,« fügte Rhodopis hinzu. »Siehst Du dort die Wassermelonen, welche auf dem schwarzen Lande gleich goldenen Kugeln umhergestreut liegen? Würde der Landmann den Samen allzu freigebig versenkt haben, so wäre keine von ihnen gereift! Ueppige Ranken und Blätter hätten die Früchte erstickt und die Ernte vereitelt. Kampf und Arbeit ist der Beruf des Menschen; aber auch hierin muß er, wie in allen Dingen, Maß zu halten verstehen, wenn sein Streben einen gedeihlichen Fortgang haben soll. Die rechten Grenzen nirgend zu überschreiten, das ist die wahre Kunst des Weisen.«

»Könnte Dich doch der König hören!« rief Krösus. »Statt mit seiner großen Eroberung zufrieden zu sein und nun auf die Wohlfahrt seiner Unterthanen zu sinnen, schweifen seine Wünsche in die Ferne. Die ganze Welt möchte er bezwingen, während er sich selbst seit der Verbannung des Phanes fast alle Tage von dem Diw der Trunkenheit zu Boden werfen läßt.«

»Hat denn seine erhabene Mutter gar keine Macht über ihn?« fragte Rhodopis.

»Sie konnte ihn nicht einmal von dem Vorsatze, Atossa zu heirathen, abbringen und hat dem Hochzeitsschmause in eigener Person beiwohnen müssen!«

»Die arme Atossa!« murmelte Sappho.

»Sie verlebt als Königin von Persien keine goldenen Tage,« sagte Krösus, »und wird mit ihrem brüderlichen Gatten um so schwerer in Zufriedenheit leben können, von je heftigerer Gemüthsart sie selber ist. – Kambyses soll sie leider sehr vernachlässigen und ihr wie einem Kinde begegnen. Uebrigens erscheint diese Heirath den Aegyptern gar nicht außergewöhnlich, denn bei ihnen werden Bruder und Schwester nicht selten Mann und Weib(Anm. 122) Zahlreiche Denkmaler bestätigen, daß die Aegypter nicht selten ihre Schwestern oder die Wittwen ihrer verstorbenen Brüder heiratheten. Diod. I. 27. Cod. Justin. V. tit. V. leg. VIII. Ebenso die Griechen. Cornel. Nep. I. v. Cim. I. Die Geschichte des ptolemäischen Königshauses mit seinen »Philadelphen« ist voll von Beispielen für Geschwisterehen in Aegypten.

»Und auch in Persien,« fügte Darius, vollkommene Ruhe erheuchelnd, hinzu, »hält man Verbindungen mit Blutsverwandten für die besten EhenSiehe III. Theil Anmerkung 98.

»Um aber auf den König zurückzukommen,« sagte Krösus, der mit Rücksicht auf den Sohn des Hystaspes dieses Gespräch geflissentlich abbrach, »so versichere ich Dich, Rhodopis, daß er ein edler Mensch genannt werden darf. Seinen in Leidenschaft und Jähzorn begangenen Fehlern folgt die Reue auf dem Fuße, und niemals hat ihn der Vorsatz, ein guter und gerechter Herrscher zu sein, verlassen. Neulich fragte er zum Beispiel beim Schmause, ehe noch der Wein seinen Geist getrübt hatte, was die Perser von ihm, im Vergleiche mit seinem Vater, hielten.«

»Und was war die Antwort?« fragte Rhodopis.

»Intaphernes zog uns geschickt genug aus der Schlinge,« lachte Zopyrus, »denn er rief dem Könige zu: ›Wir denken, daß Du den Vorzug verdienst, weil Du das Gebiet des Cyrus nicht nur ohne Schmälerung besitzest, sondern auch unser Reich über das Meer hinaus durch die Eroberung von Aegypten vergrößert hast!‹ Diese Antwort behagte jedoch dem Könige nicht, denn er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: ›Schmeichler, elende Schmeichler!‹ Intaphernes erschrak nicht wenig über diesen unerwarteten Angriff; der König aber wandte sich an Krösus und befragte diesen um seine Meinung. ›Mir scheint es,‹ antwortete unser kluger Freund, ›als hättest Du den Werth Deines Vaters noch nicht erreicht; fehlt Dir doch,‹ fügte er begütigend hinzu, ›ein Sohn, wie ihn der Verstorbene in Dir hinterließ(Anm. 123) Herod. III. 34..‹«

»Schön, schön,« rief die Greisin dem Freunde lächelnd zu, indem sie in die Hände klatschte, »diese Worte hätten dem vielgewandten Odysseus Ehre gemacht! Aber wie nahm der König diese mit süßem Honig bestrichene Pille der Wahrheit auf?«

»Mit großem Beifall. Er dankte dem Krösus und nannte ihn seinen Freund.«

»Ich aber,« fuhr der Greis, das Wort ergreifend, fort, »benutzte die Gelegenheit, um ihn von seinem Vorhaben, die lange lebenden Aethiopen, Ammonier und Karthager zu bekriegen, abzubringen. Von ersterem Volke weiß man nur märchenhafte Dinge und wird, wenn man es bekriegt, mit großen Opfern einen kleinen Gewinn erkaufen. Die Oase des Ammon ist wegen der Wüste, welche sie von Aegypten trennt, für ein größeres Heer kaum zugänglich, und es scheint mir sündhaft, gegen einen Gott und die Schätze eines solchen, möge man auch nicht zu seinen Anbetern gehören, einen Krieg zu beginnen. Was endlich die Karthager betrifft, so hat der Erfolg bereits die Wahrheit meiner Voraussagung bestätigt. Die Matrosen unserer Flotte sind fast ohne Ausnahme Syrer und Phönizier und weigerten sich natürlich, gegen ihre Brüder zu Felde zu ziehen. Kambyses verlachte meine Gründe, nannte mich einen Feigling und schwur endlich, als ihn der Wein übermannt hatte, daß er auch ohne Phanes und Bartja im Stande sein würde, schwierige Unternehmungen durchzuführen und große Völker zu unterjochen.«

»Was bedeutet diese Anspielung auf Dich, mein Sohn?« fragte die Greisin.

»Er hat die Schlacht von Pelusium gewonnen, kein Anderer!« rief Zopyrus, dem Freunde das Wort schneidend.

»Du aber,« sagte Krösus, »hättest sammt Deinen Freunden vorsichtiger sein und bedenken sollen, daß es gefährlich ist, die Eifersucht eines Mannes wie Kambyses zu erwecken. Ihr vergeßt immer, daß sein Herz wund ist und den kleinsten Verdruß gleich einem Schmerz empfindet. Die Schickung hat ihm das Weib seiner Liebe und den Freund, der ihm theuer war, entrissen; jetzt legt ihr es darauf an, ihm auch noch das Letzte, was ihm am Herzen liegt, seinen Kriegsruhm, zu schmälern.«

»Tadle ihn nicht,« rief Bartja, die Hand des Greises ergreifend. »Mein Bruder ist niemals ungerecht gewesen und weit entfernt, mir mein Glück – denn Verdienst kann ich meinen rechtzeitigen Angriff kaum nennen – zu beneiden. Ihr wißt ja, daß er mir nach der Schlacht diesen herrlichen Säbel, hundert edle Rosse und eine goldene HandmühleSiehe III. Theil Anmerkung 187. als Belohnung für meine Tapferkeit schenkte!«

In Sappho's Seele war bei der Rede des Krösus eine leise Besorgniß aufgestiegen, die aber nach den zuversichtlichen Worten ihres Gatten schnell verschwand und ganz vergessen wurde, als Zopyrus seinen Kranz vollendet hatte und ihn auf die Stirn der Greisin drückte.

Gyges bot den seinen der jungen Mutter dar, die das Geflecht von schneeweißen Wasserlilien auf ihre vollen braunen Locken drückte und in diesem schlichten Schmucke so wunderbar schön aussah, daß sich Bartja nicht enthalten konnte, trotz der anwesenden Zeugen, einen Kuß auf ihre Stirn zu drücken. Dieser Zwischenfall gab dem ernsten Gespräch eine heitere Wendung. Jeder bemühte sich, seinen Theil zur Belebung des Frohsinns beizutragen; ja, selbst Darius ließ von seinem gewöhnlichen Ernste, um mit den Freunden, denen jetzt allerlei Speisen und Getränke aufgetragen wurden, zu lachen und zu scherzen.

Als die Sonne hinter dem Mokattam-Gebirge verschwunden war, setzten die Sklaven kostbar geschnitzte Stühle, Fußbänke und Tischchen auf das offene Verdeck, welches die muntere Gesellschaft nunmehr betrat. Ein wunderbar schöner, alle Erwartungen übertreffender Anblick bot sich den überraschten Augen dar.

Das Fest der Neith, welches die Aegypter Lampen brennen nannten und das durch eine große Illumination aller Häuser des Landes gefeiert zu werden pflegte, hatte mit dem Aufgange des Mondes begonnen(Anm. 124) Von diesem »Lampenbrennen« der λυχνοκαΐα zu Ehren der Neith (Pallas Athene) erzählt Herodot II. 62. Bemerkenswerth erscheint, daß in Homer Pallas Athene mit einer Oellampe in der Hand vorkommt. Homer Odyss. XIX. 34. Strabo 396 erwähnt eine ewige Lampe, die zu Ehren der Athene Polias in ihrem alten Tempel auf der Akropolis unterhalten wurde.. Die Ufer des Riesenstromes glichen unabsehbar langen Feuerstreifen. Jeder Tempel, jedes Haus, jede Hütte war, je nach dem Wohlstande des Besitzers, mit Lampen geschmückt. An den Portalen der Landhäuser, sowie auf den Thürmchen der größeren Gebäude brannten in Pechpfannen helle Feuer und schickten dichten Rauch empor, der sich mit den Fahnen und Wimpeln in der Luft wiegte. Die vom Mondscheine versilberten Palmen- und Sykomorenbäume spiegelten sich, seltsame Gestalten annehmend, in den vom Abglanze der Flammen gerötheten Wellen, welche das Ufer bespülten. Aber all' das Licht genügte nicht, um auch die Mitte des Riesenstromes, in der sich die Barke der Luftfahrer hielt, zu erhellen. Es war ihnen, als führen sie, von zwei lenchtenden Tagen umgeben, in finsterer Nacht dahin. Dann und wann zeigten sich Barken, die, mit Lampen erleuchtet, wie feurige Schwäne über das Wasser flogen und, wenn sie sich an den Ufern hielten, das Ansehen hatten, als ob sie einen glühenden Eisenguß durchschnitten.

Schneeweiße Lotusblumen wiegten sich auf den Wellen und erschienen den Lustfahrern wie die Augen des Wassers. Kein Laut erreichte von den Ufern her das Ohr der Lauschenden. Die Kraft des vom Nordwinde entführten Schalles war zu gering, um die Mitte des Stromes zu erreichen. Nur der Ruderschlag und der einförmige Gesang der Matrosen unterbrach die tiefe Stille der ihres Dunkels beraubten Nacht.

Lange Zeit schauten die Freunde schweigend auf das seltsame Schauspiel, welches an ihnen vorüberzugleiten schien. Endlich unterbrach Zopyrus die Stille, indem er hoch aufathmend ausrief »Wie beneide ich Dich, Bartja! Wenn es mit rechten Dingen zuginge, so müßte Jeder von uns in dieser Stunde sein geliebtestes Weib an seiner Seite haben!«

»Wer hat Dir verboten, eine von Deinen Frauen mitzunehmen?« antwortete der glückliche Gatte.

»Meine fünf anderen Lebensgefährtinnen,« seufzte der Jüngling. »Hätt' ich Parysatis, des Oroetes Töchterlein, meinen jüngsten Liebling, allein mit mir zu kommen gestattet, so würde dieser reizende Anblick mein letzter gewesen sein, denn morgen hätte es ein Paar Augen weniger auf der Welt gegeben!«

Bartja nahm Sappho's Rechte fest in die seine und sagte: »Ich glaube beinah, daß ich mich Zeitlebens mit einem Weibe begnügen werde!«

Die junge Mutter erwiederte den Druck der geliebten Hand und sprach, sich an Zopyrus wendend: »Ich traue Dir nicht, Freund, denn es scheint mir, als fürchtetest Du weniger den Zorn Deiner Gattinnen, als einen Verstoß gegen die Sitten Deiner Heimath zu begehen. Man hat mir schon erzählt, daß man in den Frauengemächern meinen armen Bartja schilt, weil er mich nicht von Eunuchen bewachen läßt und mir gestattet, seine Freuden zu theilen.«

»Er verwöhnt Dich auch schrecklich,« gab Zopyrus zurück, »und unsere Weiber berufen sich schon, wenn wir sie ein wenig kurz halten, auf seine Güte und Nachsicht. In den nächsten Tagen wird an der Pforte des Königs eine Empörung der Frauen losbrechen, und die Achämeniden, welche scharfen Schwertern und Pfeilen entkamen, werden von spitzen Zungen erstochen und von salzigen Thränenfluthen ertränkt werden.«

»O Du unhöflicher Perser,« lachte Syloson, »wir müssen Dir größere Ehrfurcht vor den Ebenbildern Aphrodite's beibringen.«

»Ihr Hellenen etwa?« fragte der Jüngling. »Beim Mithra, unsere Frauen haben es eben so gut als die euren. Nur die Aegypterinnen leben unglaublich frei!«

»So ist es!« sagte Rhodopis. »Die Einwohner dieses seltenen Landes gewähren seit Jahrtausenden meinem schwachen Geschlechte dasselbe Recht, welches sie für sich selbst beanspruchen. In mancher Beziehung haben sie uns sogar den Vorzug gegeben. Gebietet doch z. B. das ägyptische Gesetz nicht den Söhnen, sondern den Töchtern, die greisen Eltern zu ernähren und zu pflegen. Diese Vorschrift zeigt, wie fein die weisen Väter eines jetzt gedemüthigten Volkes die Natur des Weibes zu beurtheilen verstanden, wie richtig sie erkannt hatten, daß wir euch Männer an umsichtiger Sorge, aufmerksamer Pflege und hingebender Liebe um Vieles übertreffen! – Spottet nicht dieser Thieranbeter, welche ich nicht verstehe und dennoch schon darum tief bewundere, weil mich Pythagoras, der Meister alles Wissens, versichert hat, die in den Lehren der Priester verborgene Weisheit sei so ungeheuer wie die Pyramiden.«

»Und euer großer Lehrer hat Recht!« rief Darius. »Ihr wißt, daß ich seit mehreren Wochen täglich mit Neithotep, dem Oberpriester der Neith, den ich aus seiner Gefangenschaft befreien ließ, sowie mit dem alten Onuphis verkehre, oder besser mich von ihnen unterrichten lasse. Wie viel Neues, nie Geahntes hab' ich von den Greisen erlernt! Wie viel Trauriges vergess' ich, wenn ich ihren Lehren lausche! Die ganze Geschichte des Himmels und der Erde ist ihnen bewußt. Sie kennen den Namen jedes Königs, den Hergang jedes bedeutsamen Ereignisses seit viertausend Jahren; sie haben Kunde vom Lauf aller Sterne und den Leistungen aller Künstler und Weisen ihres Volkes seit eben so langer Zeit, denn alles Dies steht aufgezeichnet in großen Büchern, welche zu ThebenSiehe III. Theil Anmerkung 17. in einem Palaste, den sie ›Heilanstalt der Seele‹ nennen, aufbewahrt werden. Ihre Gesetze sind ein reiner Quell der Weisheit, und die Einrichtungen ihres Staates den Bedürfnissen des Landes mit hohem Geiste angepaßt. Ich wollte, daß wir uns der gleichen Ordnung, der gleichen Regelmäßigkeit in unserer Heimath rühmen könnten! Der Grund ihres Wissens beruht in dem Gebrauche der Zahlen, mit deren Hülfe es allein möglich ist, die Sternenbahnen zu berechnen, das Bestehende genau zu bestimmen und zu begrenzen, ja sogar, durch Verlängerung und Verkürzung der Saiten, die Töne zu regeln(Anm. 125) Zeller, Geschichte d. Philosophie d. Griechen I. S. 292. Wir nehmen mit Jamblichus an, daß diese pythagoreischen Ansichten den ägyptischen Mysterien entlehnt sind.. Die Zahl ist das einzige Gewisse, jeder Willkür, jeder Deutung Spottende. Jedes Volk hat seine eigene Ansicht vom Rechten und Unrechten, jedes Gesetz kann durch Verhältnisse unbrauchbar werden; diejenigen Erfahrungen aber, deren Grundlagen die Zahlen bilden, bleiben ewig unumstößlich. Wer kann bestreiten, daß zweimal zwei vier ausmacht? Die Zahlen bestimmen fest und sicher den Inhalt alles Seienden, jedes Seiende ist gleich seinem Inhalte, darum sind die Zahlen das wahre Sein, das Wesen aller Dinge!«

»In Mithra's Namen, Darius, höre auf, wenn Du nicht willst, daß ich schwindelig werde!« rief Zopyrus, den Freund unterbrechend. »Wenn man Dich so reden hört, sollte man denken, Du habest Dein Leben lang mit diesen ägyptischen Spintisirern verkehrt und niemals ein Schwert in der Hand gehabt! Was gehen uns die Zahlen an?«

»Mehr als Du glaubst,« sagte Rhodopis. »Auch Pythagoras hat diese Lehren, welche zu dem Geheimwissen der ägyptischen Priester gehören, demselben Onuphis zu danken, der Dich, Darius, jetzt in die Mysterien einweiht. Besuche mich bald einmal und laß Dir berichten, wie wunderbar schön der große Samier die Gesetze der Zahlen mit denen der Harmonieen in Einklang gebracht hat(Anm. 126) Aristoteles, Metaphys.. l. 5.. – Aber seht nur, seht, da zeigen sich die Pyramiden!«

Die Lustfahrer erhoben sich von ihren Sitzen und schauten sprachlos auf das gewaltige Schauspiel, welches sich ihnen darbot.

Massig und ehrfurchtgebietend, den Boden mit ihrer Wucht erdrückend, lagen am linken Ufer des Stromes, versilbert vom Scheine des Mondes, die uralten Riesengräber gewaltiger Herrscher, beweisend die Schöpferkraft des Menschenwillens, mahnend an die Eitelkeit irdischer Größe. – Wo war jener Chufu, der einen Berg von Steinen mit dem Schweiße seiner Unterthanen zusammengekittet hatte, wo jener langlebige Chafra, der die Götter verachtet und, trotzend auf seine eigene stolze Kraft, die Pforten der Tempel verschlossen haben sollte, um sich und seinen Namen durch ein übermenschliches Grabmal unsterblich zu machen(Anm. 127) Herodot erzählt in gutem Glauben nach, daß die Erbauer der großen Pyramiden Götterverächter gewesen wären. Die Gräber ihrer Getreuen am Fuße der Riesenbauten (mustergültig behandelt von E. de Rougé, Recherches sur les monuments qu'on peut attribuer aux VI premières dynasties etc.) beweisen aber, daß ihr übler Leumund seine Entstehung nur dem Hasse des Volkes verdankte, welches die Zeit der härtesten Frohnarbeiten nicht vergessen konnte und das Andenken seiner Bedrücker, wo es anging, brandmarkte. Statt »des Volkes« könnten wir »die Sage« schreiben, denn sie ist es, die die Stimmung der Menge in die Form der Geschichte gießt.? Ihre leeren Sarkophage zeigen vielleicht an, daß sie von den Todtenrichtern unwerth der Grabesruhe, unwerth der Auferstehung erfunden worden sind, während der Bauherr der dritten, schönsten Pyramide, Menkera, der sich mit einem kleineren Grabmale begnügte und die Thore der Tempel wieder aufthat, ungestört ruhen durfte in seinem Sarge von blauem Basalt(Anm. 128) Bunsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte II. 169 fgd. Taf. XVII., auch bei Vyse, pyramids of Gizeh II. Der Sarkophag gieng leider mit dem Schiffe, das ihn nach Europa bringen sollte, an der spanischen Küste unter. Der arabische Geograph Idrisi (1240) erzählt, daß die Pyramide geöffnet worden sei, und man in dem Sarkophag eine Mumie und mit unbekannten Schriftzügen bedeckte Goldbleche gefunden habe. Die von Lepsius hergestellte Inschrift und künstlerische Darstellungen aller Theile der Todtenstadt von Memphis bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 33 fgd..

Da lagen die Pyramiden in schweigender Nacht, beglänzt von den Sternen, behütet von dem Wächter der Wüste, der riesigen Sphinx, überragend die öden Felsen der libyschen Steinhügel. Zu ihren Füßen schlummerten in köstlich geschmückten Gräbern die Mumien der Getreuen ihrer Erbauer, und gegenüber dem hohen Denkmale des frommen Menkera erhob sich ein Tempel, in welchem die Priester des Osiris für die Seelen der zahllosen in der Todtenstadt von Memphis beigesetzten Verstorbenen Gebete sprachen. Im Westen, dort wo die Sonne hinter den libyschen Bergen unterging, wo das Fruchtland aufhörte und die Wüste begann, hatten die Memphiten ihre Gräber erbaut, – nach Westen schauten die Lustfahrer und verharrten, von frommem Schauder und ehrfurchtsvollem Staunen erfüllt, in tiefem Schweigen.

Als der Nordwind den fliegenden Kahn an der Stätte des Todes und jenen ungeheuren DämmenSiehe I. Theil Anmerkung 141., welche die Menes-Stadt vor den überströmenden Fluthen sicherten, vorbeigetrieben hatte, als die Residenz der alten Pharaonen immer näher kam und sich endlich Milliarden Lichter, welche zu Ehren der Neith überall und überall angezündet waren, den Nilfahrern zeigten, wich der Bann von ihren Zungen, und laute Worte der Bewunderung ließen sich hören, als sie dem Riesentempel des PtahSiehe I. Theil Anmerkung 56., dem ältesten Bauwerke des ältesten Landes, nahten.

Tausende von Lampen erhellten das Haus des Gottes, hundert Feuer brannten auf den Pylonen, den Zinnen der Mauern und den Dächern des Heiligthums. Zwischen den Sphinxreihen, welche die verschiedenen Thore mit dem Hauptgebäude verbanden, glühten leuchtende Fackeln, und das leere Haus des heiligen Stieres Apis(Anm. 129) Ueber die Abzeichen des Apis (ägyptisch Hapi) etwas weiter unten im Text; ebenso über das Fest der Auffindung desselben. Wenn der heilige Stier starb, so wurde er tief betrauert und mit fabelhaftem Prunk bestattet. Als unter Ptolemäus Lagi der Apis an Altersschwäche fiel, verwendete dessen Hüter zu seinem Begräbnisse nicht nur den ganzen vorhandenen Geldvorrath, sondern borgte noch dazu von dem Könige 50 Silbertalente, das sind 45,000 Rthlr. Einige Vorsteher des Apistempels sollen für das Begräbniß des Thiers 100 Talente, 150,000 Rthlr., ausgegeben haben. Diod. I. 84. Ein ganzer Stall von Kühen soll ihm gehalten worden sein. Aelian XI. 10. Die Aegypter schrieben ihm die Kraft der Weissagung zu (Plin. VIII. 71) und scheinen mit ihm eine Zeitperiode von 25 Jahren symbolisirt zu haben. Diese Ansicht ist durch die Ausgrabungen im Serapeum und den Apisgräbern durch Mariette und die Entzifferung der Inschriften auf den sogenannten Apisstelen bestätigt worden. Ersterer fand eine steinerne, mit schönen Inschriften bedeckte Statue des Stieres, welche nach Paris gebracht wurde, und eine Menge von kolossalen Apissärgen. A. Mariette, Le Sérapéum de Memphis. Die Daten auf den Apisstelen sind für die Chronologie der späteren ägyptischen Geschichte von höchster Wichtigkeit. Durch dieselben lassen sich namentlich die Zeiten der Könige aus der 26. Dynastie genau bestimmen. Als interessant verweisen wir auch auf Mariette's Studie la mère d'Apis. Er soll nach mehreren Alten, wie der Mnevisstier von Heliopolis der Sonne, dem Monde geweiht und von einem Mondenstrahle gezeugt worden sein. Pomp. Mela. I. 9. 7. Ueber die Bedeutung des Apis in der ägyptischen Religion zu handeln, ist hier nicht der Platz. Vieles bei Mariette und Reinisch, Die ägyptischen Denkm. in Miramar S. 178 fgd. strahlte, von bunten Flammen umwallt, wie ein vom tropischen Abendroth beglänzter Kreidefelsen. Ueber diesem leuchtenden Bilde flatterten Wimpel, wallten Fahnen, schlangen sich Blumengewinde, tönte Musik und lauter Gesang.

»Herrlich, herrlich!« rief Rhodopis, begeistert von diesem wunderbaren Schauspiele. »Seht nur, wie die buntbemalten Säulen und Wände strahlen, und welche Figuren die Schatten der Obelisken und Sphinxe auf das gelbe, glatte Pflaster der Höfe zeichnen!«

»Und wie geheimnißvoll,« fügte Krösus hinzu, »dunkelt dort drüben der heilige Hain des Gottes! Niemals sah ich ein gleiches Schauspiel!«

»Ich aber,« versicherte Darius, »habe noch Wunderbareres erschaut. Ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage, daß ich Zeuge einer Mysterienfeier der Neith gewesen bin!«

»Erzähle – erzähle!« riefen die Freunde.

»Neithotep weigerte sich erst, mir Einlaß zu gewähren; als ich ihm aber versprach, mich versteckt zu halten und außerdem die Freiheit seines Kindes zu erwirken, führte er mich auf seine Sternwarte, die einen weiten Rundblick gewährt, und theilte mir mit, daß ich einer Darstellung der Schicksale des Osiris und seiner Gattin Isis beiwohnen werde(Anm. 130) Solche im Haine der Neith aufgeführte Schauspiele scheinen zum äußeren Apparate der Mysterien gehört zu haben. Die Bühne derselben war der heute noch fluthende See Sa-el-Hagar, bei dem sich, wie Herod. II. 170 andeutet, ein Grab des Osiris befand. 171 sagt der Halikarnassier: »Diese Schauspiele stellten die Schicksale des oben Genannten dar und hießen Mysterien.« S. Anmerk. 132..

»Kaum hatte er mich verlassen, als seltsame, bunte Lichter den Hain so hell erleuchteten, daß ich bis in seinen innersten Schooß zu sehen vermochte.

»Vor mir lag ein spiegelblanker, von schönen Bäumen und bunten Blumenbeeten umgebener SeeSiehe I. Theil Anmerkung 150 und 7., auf dessen Fläche goldene Boote schwammen, in denen liebliche, schneeweiß gekleidete Knaben und Mädchen, süße Lieder singend, fuhren. Kein Schiffer lenkte die Nachen, und dennoch durchkreuzten sie in zierlichen Wendungen, wie von Zauberhand geleitet, die glatten Wogen. Inmitten dieser Kähne schwamm ein herrliches, großes Schiff, dessen Bord von Edelsteinen erglänzte. Ein schöner Knabe schien sein einziger Leiter zu sein; aber wunderbar, das Steuer, welches er regierte, bestand nur aus einer weißen Lotusblume, deren zarte Blätter die Fluthen kaum berührten. In der Mitte des Fahrzeuges ruhte auf seidenen Kissen ein wunderholdes, mit königlicher Pracht gekleidetes Weib. An ihrer Seite saß ein übermenschlich großer Mann, der eine mit Epheu umrankte hohe Krone auf den wallenden Locken, ein Pantherfell über den Schultern und einen gekrümmten Stab in der Rechten führte. Im Hintertheile des Schiffes stand, unter einem von Rosen, Epheu und Lotusblumen gebildeten Dach, eine schneeweiße Kuh(Anm. 131) Der Epheu war die Pflanze des Osiris, die Kuh das heilige Thier der Isis. Diod. I. 17. Plutarch, Isis und Osiris 37. Herod. II. 41. Isis wird auf den Denkmälern fast immer mit dem Kuhkopfe dargestellt, auch heißt sie tausendmal »die Kuh« (ehe), ein Name, der Manche veranlaßt hat, sie mit der Io zusammenzubringen. mit goldenen Hörnern, über deren Rücken sich eine purpurne Decke breitete. Der Mann war Osiris, das Weib Isis, der Knabe am Steuer Horus, der Sohn des Götterpaares, die Kuh das heilige Thier der unsterblichen Frau. All' die kleinen Boote fuhren an dem großen Schiffe vorüber, und Jubellieder erklangen, sobald sich die Nachen den Himmlischen näherten, welche Blumen und Früchte auf die holden Sänger und Sängerinnen warfen. Plötzlich ließ sich ein Donner vernehmen, dessen Grollen immer lauter erschallte und zu herzerschreckendem Krachen wurde, als ein furchtbar anzuschauender, mit dem Fell eines Ebers bekleideter Mann, dessen rothes Haar in struppigem Gewirr ein scheußliches Angesicht umgab, aus der Nacht des Haines hervortrat und sich, in den See springend, von siebzig ihm ähnlichen Männern begleitet, dem Schiffe des Osiris näherte(Anm. 132) Dieses ganze Schauspiel schildern wir nach der Osiris-Mythe, wie sie sich bei Plutarch, Isis und Osiris 13–19, Diod. I. 21 und 22 findet und von den Denkmälern tausendmal erwähnt wird. Den ganzen Kampf mit all' seinen Stationen führt uns eine von Naville edirte Inschrift zu Edfu vor..

»Windesschnell enteilten die kleinen Nachen und die Lotusblume entfiel der zitternden Hand des steuerführenden Knaben. Das scheußliche Ungethüm stürzte sich, schnell wie der Gedanke, auf Osiris, erschlug ihn mit Hülfe seiner Genossen, warf den Leichnam in einen Mumienkasten(Anm. 133) Hier weichen wir etwas von der Erzählung des Plutarch ab, in der Typhon den Osiris mit List dahin bringt, daß er sich in den Kasten legt. und diesen wiederum in den See, welcher den schwimmenden Sarg, wie durch Zauber, entführte. Indessen hatte sich Isis in einem der kleinen Boote an's Land gerettet und lief mit fliegendem Haar, laute Wehklagen ausstoßend und von den Jungfrauen, welche, gleich ihr, den Nachen entstiegen waren, begleitet, am Rande des Wassers umher. Sie alle suchten unter seltsam rührenden Tänzen und Gesängen, bei denen die Mädchen mit schwarzen Byssustüchern wunderbare Bogen schwangen und schlangen, den Leichnam des Verstorbenen. – Auch die Jünglinge blieben nicht müßig und bereiteten unter Tänzen und Klapperschlagen einen kostbaren Sarg für die verschwundene Leiche des Gottes. Als er fertig war, vereinten sie sich mit dem weiblichen Gefolge der wehklagenden Isis und schweiften mit ihr, suchend und Schmerzenslieder singend, am Rande des Wassers umher.

»Da plötzlich erhob sich eine leise Stimme von unsichtbarem Munde, welche in einem immer lauter werdenden Gesange verkündete, daß die Leiche des Gottes nach GebalBekannter in der griechischen Form Byblos. im fernen Phönizien von der Strömung des Mittelmeers getragen worden sei.

»Dieser Gesang, welchen der Sohn des Neithotep, der an meiner Seite weilte, ›den Wind des Gerüchtes‹ nannte, ergriff mir Herz und Seele.

»Kaum hatte Isis die frohe Kunde vernommen, als sie ihre Trauerkleider abwarf und, begleitet von den Stimmen ihres liebreizenden Gefolges, ein helles Jubellied anstimmte. Das Gerücht hatte nicht gelogen, denn die Göttin fand in der That am nördlichen Ufer(Anm. 134) Isis findet naturgemäß die Leiche ihres Gatten im Norden. Höchst eigentümlich muß die in der Mythe, wie sie Plutarch überliefert, vorkommende Verbindung von Phönizien und Aegypten genannt werden. Wir erklären auch die nahe Verwandtschaft der Isis- und Osiris- und Adonismythe durch das Zusammenwohnen von Aegyptern und Phöniziern an der von den letzteren kolonisirten mittelländischen Deltaküste. Plutarch, Isis und Osiris ed. Parth. 15 erzählt von der Auffindung der Leiche sehr lieblich dieß: Der Sarg war von einer Erika umwachsen worden, mit der der König von Byblus sein Dach stützte. Dieß erfuhr Isis durch einen wunderbaren Hauch des Gerüchts (πνεύματι δαιμονίω φήμης) und kam nach Byblus, wo sie sich verweint und in dürftiger Gestalt an eine Quelle setzte und mit keinem Menschen sprach; nur den Mägden der Königin begegnete sie freundlich und liebreich, flocht ihnen das Haar und hauchte ihnen den wunderbaren Wohlgeruch ein, der ihr selbst eigen war. Als die Königin ihre Mägde sah, so fühlte sie ein Verlangen nach der Fremden, deren Locken und Haut einen ambrosischen Duft verbreiteten, und ließ sie holen. Bald wurde sie mit ihr vertraut und machte sie zur Amme ihres Kindleins . . . Isis nährte es, indem sie ihm statt der Brust den Finger in den Mund steckte . . . Sie selbst verwandelte sich in eine Schwalbe und umflog klagend die Säule . . . Endlich offenbart sich die Göttin, verlangt die Säule, zieht sie leicht unter dem Dache weg, schält aus der Erika den Sarg des Osiris heraus, den sie unter heißen Thränen salbt &c. des Sees den Sarkophag und die Leiche ihres Gatten. Sobald beide unter Tanzen an's Land gebracht worden waren, warf sich Isis über die geliebte Leiche, rief Osiris beim Namen und bedeckte die Mumie des Todten mit tausend Küssen, während die Jünglinge ein wundervolles Grabgewölbe von Lotusblumen und Epheuranken für ihn zusammenflochten.

»Nachdem der Sarkophag beigesetzt war, verließ Isis die Stätte der Trauer, um ihren Sohn aufzusuchen. Sie fand ihn am östlichen Ende des Sees, woselbst ich schon lange einen wunderschönen Jüngling bemerkt hatte, der sich mit zahlreichen Altersgenossen in Waffenspielen übte. Dieser stellte den nunmehr herangewachsenen Horus dar.

»Während sich die Mutter mit dem schönen Kinde freute, ließ sich ein neuer Donner vernehmen, der zum Zweitenmale das Nahen des Typhon verkündete. Das Ungeheuer stürzte sich auf das blühende Grab seines Opfers, entriß ihm den Sarkophag und zerhieb die Mumie in vierzehn Stücke(Anm. 135) Nach Diod. I. 21 in 26 Stücke, welche Typhon an eben so viele seiner Genossen vertheilte. Plutarch, Isis und Osiris 18, gibt übereinstimmend mit den Denkmälern, welche sogar die einzelnen nennen, 14 Glieder an., welche er unter Posaunen- und Donnerschall am Rande des Wassers umherstreute.

»Als sich Isis dem Grabmale wiederum näherte, fand sie nichts als verwelkte Blumen und einen leeren Sarkophag; am Ufer des Sees aber flammten an vierzehn verschiedenen Stellen vierzehn Feuer in wunderbaren Farben. Die Beraubte eilte mit ihren Jungfrauen diesen Lichtern entgegen, während sich die Jünglinge mit Horus vereint hatten und, von ihm geführt, am jenseitigen Ufer des Wassers gegen Typhon kämpften.

»Ich wußte nicht, wohin ich meine Augen und Ohren zuerst wenden sollte. Hier tobte unter Donnerschlägen und Trompetengeschmetter eine furchtbare Schlacht, von deren Verlauf ich die Blicke nicht losreißen mochte; dort sangen liebliche Frauenstimmen herzbestrickende Lieder zu zauberischen Tänzen, denn Isis hatte bei jedem der plötzlich entflammten Lichter eins der Glieder ihres Gatten wiedergefunden und feierte jetzt ein Freudenfest.

»Hättest Du doch diese Tänze sehen dürfen, Zopyrus! Ich finde keine Worte, um die Anmuth der Bewegungen jener Mädchen zu beschreiben, und kann euch nicht anschaulich machen, wie schön es war, wenn sie in verworrenem Getümmel umherschwärmten, um plötzlich in makellos gleichmäßigen Reihen einander gegenüber zu stehen und neuen Wirrwarr mit neuer Ordnung pfeilgeschwind zu vertauschen. Dabei zuckten fortwährend blendende Lichtstrahlen aus den wirbelnden Reihen; trug doch jede Tänzerin einen Spiegel(Anm. 136) Dupuis, Origine des cultes. Diese Spiegeltänze beschreibt Th. Moore auf's Lieblichste in seinem Epicurean. Bestimmtes läßt sich über dieselben nicht sagen. zwischen den Schultern, dessen Schwingung Blitze erzeugte, dessen Stillstand das Bild der Jungfrauen verdoppelte.

»Kaum hatte Isis das vorletzte Glied(Anm. 137) Das letzte Glied, den Phallus, suchte sie vergebens. Typhon (Seth) hatte ihn in den Nil geworfen. Isis verfertigte nun ein künstliches Glied und setzte den Phallusdienst, welcher uns aus Phönizien nach Aegypten gekommen zu sein scheint, ein. Diod. I. 22. Plutarch, Isis und Osiris 18. des Osiris gefunden, als auch vom jenseitigen Ufer des Sees triumphirende Fanfaren und Lieder erklangen.

»Horus hatte Typhon geschlagen und drang nun, um seinen Vater zu befreien, in die offene Pforte der Unterwelt, welche sich auf der Westseite des Sees, bewacht von einem grimmigen weiblichen Nilpferde(Anm. 138) Lepsius hält das die Unterwelt bewachende Thier, welches gewöhnlich vor Osiris sitzend abgebildet wird, für ein weibliches Nilpferd. Uebrigens stellt dasselbe auch eine säugende Hündin oder Löwin dar, meist zeigt es eine Mischform, die immer etwas vom Nilpferde an sich trägt. Vielleicht verdankt der Cerberus diesem »Fresser des Amenthes« seinen Ursprung., aufthat.

»Jetzt ertönten, näher und näher kommend, liebliche Harfen- und Flötentöne, himmlischer Wohlgeruch stieg auf, ein rosiges Licht verbreitete sich, heller und heller werdend, über den Hain, und an der Hand seines siegreichen Sohnes trat Osiris aus der offenen Pforte der Unterwelt. Isis eilte in die Arme des erlösten, von den Todten erstandenen Gatten, gab dem schönen Horus von neuem, statt des Schwertes, eine Lotusblume in die Hand und streute Blüthen und Früchte aus, während sich Osiris unter einen mit Epheu umrankten Baldachin setzte und die Huldigung aller Geister der Erde und des AmenthesUnterwelt, ägyptisch amenti. eigentlich der Westen, das Reich des Todes, in den die Seele, wie die Sonne nach ihrem Untergange, nach dem Tode des Körpers einkehrte. In einer von Dümichen mitgetheilten Hieroglyphen-Inschrift aus der Ptolemäerzeit wird der Amenti geradezu Hades genannt. empfing.«

Darius schwieg. Rhodopis ergriff nach ihm das Wort und sagte:

»Wir danken Dir für Deine anmuthige Erzählung; würden aber doppelt erkenntlich sein, wenn Du uns den Sinn dieses seltsamen Schauspiels, welches nicht ohne höhere Bedeutung sein kann, mittheilen wolltest.«

»Deine Ahnung betrügt Dich nicht,« antwortete Darius; »ich muß aber das, was ich weiß, verschweigen, denn ich habe Neithotep eidlich versprechen müssen, nicht aus der Schule zu plaudern(Anm. 139) Als Herodot II. 170 von dem Osiris der Mysterien spricht, sagt er: »Dieß Heiligthum ist Einem geweiht, dessen Namen ich hier zu nennen für eine Versündigung halte,« und 171: »Obgleich ich Vieles von den Mysterien weiß, so schweige ich doch mit tiefer Ehrfurcht davon.«

»Soll ich Dir sagen,« fragte Rhodopis, »welchen Sinn ich nach allerlei Andeutungen des Pythagoras und Onuphis jenem Schauspiele unterlege? – Isis scheint mir die gütige Erde zu sein, Osiris die Feuchtigkeit oder der Nil, welche dieselbe fruchtbar machen, Horus der junge Lenz, Typhon die Alles versengende Dürre. Letztere vernichtet den Osiris oder die Feuchtigkeit. Die gütige Erde, der Zeugungskraft beraubt, sucht wehklagend den geliebten Gatten, den sie im kühleren Norden, wohin der Nil sich ergießt, wiederfindet. Endlich ist Horus, die junge Triebkraft der Natur, erwachsen und besiegt Typhon oder die Dürre. Osiris war, wie die Fruchtbarkeit, nur scheintodt, entsteigt der Unterwelt und beherrscht mit seiner Gattin, der gabenreichen Erde, von neuem das gesegnete Nilthal.«

»Und weil sich der erschlagene Gott in der Unterwelt löblich aufführte,« – lachte Zopyrus, »so empfing er am Ende dieser wunderlichen Geschichte die Huldigung aller Bewohner des Hamestegan, Duzakh und Gorothman(Anm. 140) Haméstegân = Aufenthalt Derer, deren gute und schlechte Thaten einander ganz gleich stehen; Duzakh = Hölle; Gorothman = das Paradies der Perser. Spiegel, Avesta I. S. 23. Ulmai Islam bei Vullers, Fragmente. Die Anschauung von den sieben Himmeln (The Ardai-Viraf nameh etc. Transl. from the Persian by J. A. Pope) scheint einer späteren Zeit zu entstammen. Spiegel, Avesta Farg. XIX. Anmerk. zu §. 121., ober wie ich diese Wohnungen des ganzen ägyptischen Seelenheeres nennen soll!«

»Sie heißt Amenti!« sagte Darius, auf den heiteren Ton des Zopyrus eingehend; »die Geschichte des Götterpaares versinnbildlicht aber nicht nur das Leben der Natur, sondern auch das der Menschenseele, die, wenn der Leib gestorben, wie der erschlagene Osiris, niemals fortzuleben aufhört.«

»Dank' schön,« antwortete dieser; »ich will mir's für den Fall, daß ich in Aegypten sterben sollte, merken. Nächstesmal muß ich übrigens diesem Schauspiele um jeden Preis beiwohnen.«

»Ich theile Deinen Wunsch,« sagte Rhodopis, »denn das Alter macht neugierig.«

»Du bleibst ewig jung!« unterbrach Darius die Greisin. »Deine Rede ist so schön geblieben wie Dein Angesicht, und Dein Geist so hell wie Deine Augen!«

»Verzeih' mir,« rief Rhodopis, als habe sie diese Schmeichelworte überhört, »wenn ich Dich unterbreche; bei ›Augen‹ fällt mir aber der Augenarzt Nebenchari ein, und mein Gedächtniß ist so schwach geworden, daß ich Dich, eh' ich es vergesse, nach ihm fragen muß. Ich höre nichts mehr von dem Künstler, dem doch die edle Kassandane so viel verdankt!«

»Der arme Mann!« rief Darius. »Schon auf dem Zuge nach Pelusium mied er allen Umgang und verschmähte es sogar, mit seinem Landsmanne Onuphis zu reden. Nur sein alter, hagerer Gehülfe durfte ihn bedienen und mit ihm verkehren. Nach der Schlacht veränderte sich aber sein ganzes Wesen. Strahlenden Antlitzes trat er vor den König, um ihn zu ersuchen, ihn nach Sais zu begleiten und sich zwei Bürger dieser Stadt als Sklaven auswählen zu dürfen. Kambyses glaubte dem Wohlthäter seiner Mutter keine Bitte abschlagen zu können, und gab ihm die betreffende Vollmacht. In der Residenz des Amasis angekommen, eilte er sofort in den Neithtempel, ließ den Oberpriester, welcher sich überdem an die Spitze der den Persern feindlichen Bürger gestellt hatte, sowie einen ihm verhaßten Augenarzt verhaften und erklärte ihnen, sie würden von nun an, zur Strafe für die Verbrennung gewisser Schriften, zeitlebens einem Perser, an den er sie verkaufen wolle, in der Fremde die niedrigsten Sklavendienste leisten müssen. Ich war Zeuge dieses Auftritts und versichere euch, daß ich vor dem Aegypter erbebte, als er seinen Feinden diese Erklärung machte. Neithotep hörte ihn jedoch ruhig an und sagte, als Nebenchari schwieg: ›Wenn Du, thörichter Sohn, um Deiner verbrannten Schriften willen Dein Vaterland verrathen hast, so handeltest Du eben so ungerecht als unweise. Ich bewahrte Deine kostbaren Werke sorgsam auf, legte sie in unserem Tempel nieder und schickte eine vollständige Abschrift in die Büchersammlung nach ThebenSiehe III. Theil Anmerkung 17.. Wir ließen nichts verbrennen, als die von Amasis an Deinen Vater gerichteten Briefe und eine alte, werthlose Kiste. Psamtik und Petammon sahen dem Feuer zu und beschlossen bei demselben, Dir, zum Dank für Deine Schriften, und als Ersatz für jene Papiere, welche wir, um Aegypten zu retten, leider vernichten mußten, in der Todtenstadt ein neues Erbbegräbniß bauen zu lassen. An seinen Wänden kannst Du in zierlicher Malerei die Gemälde der Gottheiten, denen Du Dich weihtest, die heiligsten Kapitel des Todtenbuchs und viele auf Dich bezügliche schöne Bilder finden(Anm. 141) Beschreibungen und Abbildungen solcher Gräber finden sich bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort und an vielen andern Orten. Wo es Felsenberge gab, wurden die Grüfte in das Gestein gehauen; im flachen Delta errichtete man freistehende Gräberbauten. Diese wie jene wurden mit Inskriptionen versehen. Als besonders interessant gebe ich die Inschrift einer Grabstele im ägyptischen Museum zu Bulaq (Kairo). Mariette's Katalog S. 76, Nr. 51: »O ihr Großen, ihr Propheten, ihr Priester, ihr Festredner und all' ihr Leute, die ihr nach mir kommen werdet in Millionen von Jahren; wenn Einer meinen Namen hintenansetzt und dafür seinen Namen hinsetzt (auf diese Stele), so wird Gott ihm vergeben mit der Zerstörung seines Bildes auf Erden; wenn er auszeichnet meinen Namen auf diesem Steine, so wird Gott ihm das Gleiche thun.« – Wir lassen Kapitel des Todtenbuchs an die Wände der Grabkammer des Nebenchari malen, weil dieß in der Zeit der 26. Dynastie, in der er lebte, üblich war. Lepsius, älteste Texte des Todtenbuchs S. 14. A. 1. Eine der größten und reichausgeschmücktesten Grüfte in der thebaischen Nekropolis gehört einem Großen aus der Psamtikiden-Zeit. Viele Kapitel des Todtenbuchs an den Wänden der Sarkophagkammer im Grabe des der 18. Dynastie angehörenden Amen em ha zu Abd el Qurnah an der Westseite von Theben..‹

»Der Arzt erbleichte und ließ sich zuerst seine Bücher, dann seine neue, herrlich ausgestattete Grabkammer zeigen. Hierauf schenkte er seinen Sklaven, welche trotzdem als Gefangene nach Memphis geführt wurden, die Freiheit und ging, wie ein Trunkener taumelnd und fortwährend mit der Hand über die Stirn fahrend, nach Hause. Hier setzte er ein Testament auf, in dem er den Enkel des alten Dieners Hib zum Erben all' seiner Güter einsetzte, und legte sich, Unwohlsein vorschützend, auf sein Lager. Am andern Morgen fand man ihn als Leiche wieder. Er hatte sich mit dem furchtbaren Strychnos-SafteSiehe II. Theil Anmerkung 96. vergiftet!«

»Der Unglückliche!« rief Krösus. »Von den Göttern verblendet, mußte er, als Verräther seines Vaterlandes, statt der Rache, Verzweiflung ernten!«

»Ich beklage den Armen!« murmelte Rhodopis. »Aber seht nur, die Ruderknechte ziehen schon die Riemen ein! Wir sind am Ziele; dort drüben warten eure Sänften und Wagen. Das war eine schöne Fahrt! Lebt wohl, ihr Lieben, und laßt euch bald in Naukratis sehen! Ich kehre sogleich mit Syloson und Theopompus dorthin zurück. Gib der kleinen Parmys in meinem Namen hundert Küsse und sage Melitta, sie solle mit dem Kinde während der Mittagszeit niemals in's Freie treten. Das ist gefährlich, wegen der AugenkrankheitSiehe II. Theil Anmerkung 75.. Gute Nacht, Krösus, – gute Nacht, ihr Freunde, lebe wohl, mein lieber Sohn!«

Die Perser verließen, winkend und grüßend, das Schiff. Auch Bartja wandte sich noch einmal um, trat fehl und fiel auf der Landungsbrücke nieder.

Zopyrus eilte herbei und rief dem Freunde, welcher schon ohne seine Hülfe aufgesprungen war, lachend zu: »Nimm Dich in Acht, Bartja! Es bedeutet Unglück, wenn man, an's Land tretend, hinfällt – Mir ging es gerade so, als wir damals zu Naukratis vom Schiffe stiegen!«

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