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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Sechstes Kapitel.

Schon zu Ephesus erhielt das junge Ehepaar die Nachricht vom Tode des Amasis. Von dort führte sie ihr Weg erst nach Babylon, dann nach Pasargadä in der Provinz Persis. Hier befanden sich Kassandane, Atossa und Krösus. Erstere hatte das Bedürfniß empfunden, vor dem Zuge nach Aegypten, den sie mitmachen sollte, das nach Angabe des Krösus jüngst vollendete Grabmal ihres verstorbenen Gatten aufzusuchen. Die Greisin, welche das Licht ihrer Augen durch die Kunst des Nebenchari wiedererlangt hatte, war über die würdige Ausführung der Begräbnisstätte hoch erfreut und verweilte täglich stundenlang in dem herrlichen Lustgarten, welche dieselbe umgab.

Das Denkmal des Cyrus bestand aus einem riesigen Sarkophage von Marmorblöcken, der, einem Hause ähnlich, auf einem Unterbau von sechs hohen Marmorstufen ruhte. Das Innere des Sarkophages war gleich einem Zimmer ausgestattet und enthielt neben dem goldenen Sarge, in welchem die von Hunden, Geiern und den Elementen verschonten Ueberreste des Cyrus ruhten, ein silbernes Bett und einen Tisch von gleichem Metall, auf welchem goldene Becher standen und vielerlei Gewänder mit den reichsten Edelstein-Geschmeiden lagen.

Die Höhe des Gebäudes betrug vierzig Fuß. Schattige Paradiese und Säulengänge, welche der Angabe des Krösus ihren Ursprung verdankten, umgaben das Ganze, und inmitten des Haines erhob sich ein Wohnhaus für die Magier, denen die Bewahrung des Grabes oblag.

In der Ferne war der Palast des Cyrus sichtbar, den, nach seiner Anordnung, die künftigen Könige von Persien alle Jahre wenigstens auf einige Monate bewohnen sollten. In diesem, einer Festung gleichenden Prachtbau befand sich auch, wegen der schwer zugänglichen Lage des Platzes, die Schatzkammer des Reichs(Anm. 96) Strabo 730, nach Aristobul. Arrian. Anab. VI. Curtius X. 1. Plinius VI. 29. Kugler, Geschichte der Baukunst I. S. 99. Schnaase, Kunstgesch. I. 213. Rich, Narrative of a journey to the site of Babylon. Ritter, Erdkunde VIII. S. 492 fgd. Niebuhr, Reisen &c. Dieser Bau erinnert unbedingt an die architektonische Anordnung der Griechen. Herder und Anquetil meinen gleichfalls, die Perser hätten mehr vom hellenischen, als vom ägyptischen Baustil angenommen..

Kassandane fühlte sich in der frischen Gebirgsluft, welche das Grab ihres geliebten Verstorbenen umwehte, unendlich wohl und sah mit Freude, daß auch Atossa an diesem stillen, schönen Orte ihre alte Heiterkeit, welche sie seit dem Tode der Nitetis und der Abreise des Darius verloren hatte, wiedergewann. Sappho befreundete sich bald mit der neuen Mutter und Schwester und verließ, wie diese, nur ungern das schöne Pasargadä.

Darius und Zopyrus waren bei dem großen Reichsheere, welches sich in der Ebene des Euphrat sammelte, verblieben, und auch Bartja mußte vor dem Aufbruche desselben nach Babylon zurück.

Kambyses zog seiner heimkehrenden Familie entgegen und sprach sich über die Schönheit seiner jungen Schwägerin mit Bewunderung aus, während Sappho den Bruder ihres Gatten, wie sie Bartja gestand, nur mit Furcht betrachten konnte.

Der König hatte sich in wenigen Monaten sehr verändert. Seine sonst nicht unedel geformten bleichen Züge waren jetzt vom übermäßigen Genusse des Weines unschön geworden und geröthet. Seine dunklen Augen hatten zwar die alte Gluth behalten, brannten aber in einem unreineren Feuer als früher. Sein sonst so glänzendes, rabenschwarzes Haar umwallte jetzt, grau und wüst, sein Haupt und Kinn, während das triumphirend stolze Lächeln, welches sonst seine Züge verschönte, einem Ausdrucke verachtungsvollen Ueberdrusses und herber Strenge gewichen war.

Nur in der Trunkenheit, einem Zustande, der bei ihm längst aufgehört hatte, etwas Ungewöhnliches zu sein, hörte man ihn lachen; dann aber wiehernd und maßlos.

Vor seinen Weibern zeigte er nach wie vor Widerwillen und ließ den Harem, selbst als er nach Ägypten aufbrach, in Susa zurück, während all' seine Großen ihre Lieblingsfrauen und Kebsweiber mit sich führtenSiehe II. Theil Anmerkung 23.. Trotzdem hatte sich niemand über Ungerechtigkeit von seiner Seite zu beklagen; vielmehr drang er, nachdrücklicher als je, auf strenge Vollziehung des Rechts; zeigte sich aber, wenn er einen Mißbrauch entdeckt hatte, unerbittlich und verhängte Strafen der grausamsten Art. Als ihm z. B. hinterbracht worden war, ein Richter Namens Sisamnes habe für Geld ein falsches Urtheil gesprochen, ließ er dem Unglücklichen die Haut abziehen und den Richterstuhl mit ihr beschlagen; darauf ernannte er den Sohn des Gestraften zum Richter an des Vaters Stelle und zwang ihn, jenen entsetzlichen Stuhl einzunehmen(Anm. 97) Herodot V. 25.. Außerdem zeigte er sich als Kriegsherr unermüdlich thätig und leitete die Uebungen der bei Babylon versammelten Gruppen mit eben so großer Strenge als Umsicht.

Nach dem NeujahrsfesteIn unserem März. sollte die Reichsarmee aufbrechen. Kambyses ließ es mit ungeheurem Aufwande begehen und begab sich nach Beendigung der Feierlichkeit zum Heere, bei dem er seinen vor Glückseligkeit strahlenden Bruder traf, welcher ihm, sein Gewand küssend, triumphirend erzählte, daß er hoffen dürfe, Vater zu werden. Der König erbebte bei dieser Kunde, erwiederte Bartja kein einziges Wort, berauschte sich am Abende bis zur Bewußtlosigkeit und rief am folgenden Morgen die Mobeds, Magier und Chaldäer zusammen, um ihnen eine Frage vorzulegen.

»Ihr wißt,« so begann er, »daß ihr, meine Träume deutend, behauptet habt, Atossa würde einen künftigen König dieses Reiches gebären. Werde ich gegen die Götter sündigen, wenn ich meine Schwester zum Weibe nehme und wahr mache, was mir mein Traum verhieß?« –

Die Magier beriethen sich kurze Zeit; dann warf sich Oropastes, der Oberpriester, vor dem Könige nieder und sprach:

»Wir glauben nicht, daß Du durch diese Heirath sündigen würdest; denn erstens ist es Sitte, daß die Perser ihre Verwandten heimführen(Anm. 98) Nach Anquetil wird von den heutigen Parsen eine Ehe unter nahen Verwandten für besonders gut gehalten. S. III. Theil Anmerk. 122.; – zweitens steht es zwar nicht im Gesetze, daß der Reine seine Schwester ehelichen darf; wohl aber, daß der König thun kann, was ihm beliebt(Anm. 99) Nach Herod. III. 31.. Handle, wie Du wünschest, und Du wirst stets das Recht vollbracht haben!«

Kambyses entließ die Magier mit reichen Geschenken, übergab Oropastes alle Vollmachten als Statthalter des Reichs und verkündete später seiner entsetzten Mutter, er gedenke, sobald er die Aegypter besiegt und den Sohn des Amasis bestraft haben würde, seine Schwester Atossa heimzuführen.

Endlich brach das Heer, welches mehr als achtmalhunderttausend Streiter zählte, in einzelnen Abtheilungen auf und kam nach zwei Monaten zur syrischen Wüste, woselbst es die von Phanes gewonnenen AraberstämmeSiehe III. Theil Anmerkung 144 [14] der Amalekiter und Gessuriter antraf, welche die Truppen mit Wasser, das sie auf Pferden und Kameelen herbeigebracht hatten, versorgten.

Bei Akko, im Lande der Kanaaniter, sammelten sich die Flotten der dem Perserreiche angehörenden Syrer, Phönizier und Ionier, sowie die gleichfalls von Phanes geworbenen Hülfsschiffe der Cyprier und Samier. Mit Letzteren hatte es eine eigene Bewandtniß. Polykrates sah nämlich die Aufforderung, dem Kambyses eine Flotte zu senden, für eine günstige Gelegenheit an, um sich auf einmal von allen mit seiner Alleinherrschaft unzufriedenen Bürgern zu befreien. So ließ er denn vierzig Trieren mit achttausend mißvergnügten Samiern bemannen und sandte sie den Persern zu, mit der Bitte, keinen Einzigen von ihnen heimkehren zu lassen(Anm. 100) Herod. III. 44..

Sobald Phanes dieses erfahren hatte, warnte er die Preisgegebenen, welche dann statt gegen Aegypten zu kämpfen, nach Samos zurückfuhren und Polykrates zu stürzen versuchten. Sie wurden aber von ihm in einem Landtreffen geschlagen, begaben sich nach Sparta und suchten dort Hülfe gegen den Zwingherrn.

Einen vollen Monat vor der Ueberschwemmungszeit standen die persischen den ägyptischen Heeren bei Pelusium an der Nordostküste des Delta gegenüber.

Alle Anordnungen des Phanes hatten sich als vorzüglich bewährt. Die Reise eines Heeres durch die Wüste, welche sonst Tausende von Opfern zu fordern pflegte, war diesmal, Dank den ihre Versprechungen treulich haltenden Arabern, ohne sonderliche Verluste zurückgelegt worden, und die glücklich gewählte Jahreszeit gestattete den persischen Soldaten, auf trockenen Wegen bequem und ohne Säumniß in Aegypten einzudringen.

Der König hatte seinen hellenischen Freund mit großer Auszeichnung empfangen und freundlich genickt, als ihm derselbe zurief: »Ich habe vernommen, daß Du seit dem Tode Deiner schönen Freundin weniger heiter zu sein pflegst, als früher. Dem Manne ziemt ein langes Festhalten an seinem Schmerze, während die Frau ihr Leid in stürmischen, aber flüchtigen Klagen ausströmt. Ich fühle mit Dir, was Dich bewegt, denn auch ich verlor mein Liebstes. Danken wir gemeinsam den Göttern, daß sie uns die besten Mittel gegen den Schmerz, Kampf und Rache, gewähren!«

Dann begleitete Phanes den Herrscher zu seinen Soldaten und zum Schmause. Es war staunenswerth, welchen Einfluß er auf den grimmen Mann zu üben verstand, wie gemessen, ja zuweilen heiter Kambyses wurde, sobald der Athener in seiner Nähe erschien.

Wenn das persische Reichsheer ungeheuer genannt werden mußte, so war auch die Zahl der ägyptischen Truppen keineswegs zu verachten.

Das Lager derselben lehnte sich an die Mauern von Pelusium, der Grenzfestung, welche Ägypten von Alters her vor den Einfällen der Völker des Ostens zu sichern bestimmt war. Ueberläufer versicherten die Perser, daß die Gesammtheit des Pharaonischen Heeres beinahe sechsmalhunderttausend Mann betrage.

Außer einer großen Anzahl von Wagenkämpfern, dreißigtausend karischen und ionischen Söldnern und dem Gendarmeriecorps der MazaïEin zum Theil aus Fremden zusammengesetztes Korps, das die Kriegsgefangenen zu bewachen und andere ähnliche Obliegenheiten zu erfüllen hatte. hatten sich zweimalhundertfünfzigtausend Kalasirier, einmalhundertsechzigtausend Hermotybier, zwanzigtausend Reiter(Anm. 101) Herod. II. 64 berichtet, die ganze ägyptische Armee sei in zwei Abtheilungen: Hermotybier und Kalasirier, getheilt gewesen. Ueber die Bedeutung dieser Namen sind sehr viele Vermuthungen, auch schon von Herodot, ausgestellt worden. S. S. Birch, Lettre à M. Letronne sur l'expression hiéroglyphique du mot égyptien calasiris. Revue archéol. 1847. p. 149 fgd. Aegyptisch heißen die Kalasirier Klaschr und sind Bogenschützen. Die Hermotybier haben ihren Namen wohl von dem Schurze Hämitybion (ημιτύβιον), den sie trugen. Aristot. Plut. 729. Nach Pollux VII. 71 war dieß ägyptisch. – Wagenkämpfer finden wir auf fast allen Denkmälern, zum Theil höchst naturgetreu, dargestellt. Siehe Rosellini Mon. stor.. II Taf. 103. I. Taf. 78. u. v. a. O. Lepsius, Denkmäler, besonders Abth. III. auf vielen Blättern. – Schon Hom. Il. IX. 383 kennt und rühmt die Zahl der ägyptischen Wagenkämpfer. Obgleich man auf allen Denkmälern der Aegypter, so viel wir wissen, bisher nur fünf Reiter (den schönsten auf einem Reliefbilde in dem viel zu wenig bekannten ethnographischen Museum zu Bologna) gefunden hat, so beweisen doch ihre eigenen Inschriften und zahlreiche Berichte anderer Völker, daß sie sich auch der Reiterei bedienten. König Ramses führte nach Diodor 24,000 Reiter in's Feld, und Sesonchis (Scheschenk) kam mit 60,000 Reitern nach Jerusalem. Chron. II. 12, 3. Jesaias 36, 9. König Amasis saß nach Herodot zu Pferde, als der Bote des Hophra zu ihm kam. und viele Hülfstruppen (über fünfzigtausend Mann), unter denen die libyschen MaschawaschaWahrscheinlich die von Herodot genannten nordafrikanischen Maxyer. sich durch alten Kriegsruhm, die Aethiopier durch große Anzahl hervorthaten, unter den Feldzeichen des Psamtik versammelt.

Die Infanterie war in Regimenter und Kompagnieen, welche sich um vielerlei Feldzeichen(Anm. 102) Eine große Anzahl solcher Standarten findet sich abgebildet bei Wilkinson I. 294 und Rosellini, Mon. civ. 121. Jeder Nomos hatte sein wappenartiges Abzeichen. Besonders lehrreich die Gaulisten in den Tempeln, namentlich denen aus der Ptolemäerzeit, deren Bedeutung zuerst von dem englischen Konsul in Alexandrien Harris erkannt ward. schaarten, eingetheilt und abtheilungsweise verschieden gerüstet. Da gab es Schwerbewaffnete mit großen Schildern, Lanzen und Dolchen; Beil- und Schwertfechter(Anm. 103) Alle diese, sowie die nachfolgenden Angaben, haben wir den Bildern altägyptischer Denkmäler bei Champollion, Wilkinson, Rosellini, Lepsius oder den Monumenten selbst entnommen. Ein Dolch befindet sich im Museum zu Berlin. Die Klinge desselben ist von Bronze, der Griff von Elfenbein, die Scheide von Leder. Große Schwerter sehen wir nur in den Händen der fremden Hülfsvölker; mit kleinen dolchartigen waren auch die Aegypter bewehrt. Das größte, welches wir kennen, ein mehr als zwei Fuß langes, befindet sich im Besitze des Herrn E. Brugsch zu Kairo. mit kleinen Schildern und leichten Keulen, Schleuderer und, als Hauptmasse des Heeres, Schützen, deren ungespannte Bogen die Höhe des Menschenleibes beinah' erreichten. Die Reiter waren nur mit dem Schurze bekleidet und führten leichte, den Morgensternen ähnliche Keulen, während die Wagenkämpfer, welche dem vornehmsten Theile der Kriegerkaste angehörten, im reichsten Schmuck in den Kampf zogen und sowohl auf das Geschirr ihrer herrlichen, weltberühmten RosseSiehe I. Theil Anmerkung 30., als auf die Pracht ihrer zweirädrigen Fuhrwerke große Summen verwandten(Anm. 104) Ganz besonders schöner Streitwagen bei Rosellini, Mon. stor. I. Taf. 78. Mon. civ. T. 122. Wilkinson I. S. 346.. An ihrer Seite standen die Wagenlenker, während sie selbst, nur auf den Kampf bedacht, mit Bogen und Lanzen zu fechten pflegten.

Das Fußvolk der Perser war nicht viel zahlreicher, als die ägyptische Infanterie, wogegen die asiatische Reiterei die Kavallerie der Nilthalbewohner um das Sechsfache übertraf.

Sobald die beiden Heere einander gegenüber standen, ließ Kambyses das weite pelusinische Gefilde von Gestrüpp und Bäumen reinigen und die Sandhügel, welche da und dort zu sehen waren, abräumen, um seinen Reitern und Sichelwagen freie Bahn zu schaffen(Anm. 105) Nach der Schlacht bei Gaugamela. Curtius IV. Arrian III. 11.. Phanes unterstützte ihn mit seiner genauen Kenntniß des Orts und wußte es dahin zu bringen, daß sein mit tiefer strategischer Einsicht entworfener Schlachtplan nicht nur von Kambyses, sondern auch von dem alten Oberfeldherrn Megabyzus und den kriegskundigsten Achämeniden angenommen wurde. Seine Lokalkunde war besonders schätzenswerth wegen der Sümpfe, die die pelusinische Ebene durchzogen und die, sollte der Kampf für die Perser einen günstigen Ausgang nehmen, vermieden werden mußten. Nach Beendigung des Kriegsraths bat der Athener noch einmal um das Wort und sagte: »Jetzt endlich darf ich auch eure Neugier in Bezug auf die verschlossenen Wagen voller Thiere, die ich hierher schaffen ließ, befriedigen. Sie enthalten fünftausend Katzen. Ihr lacht; ich versichere euch aber, daß diese Thiere uns nützlicher sein werden, als hunderttausend Schwertkämpfer! Viele von euch kennen jenen Aberglauben der Aegypter, dem zuliebe sie eher sterben, als eine Katze tödten. Ich selbst hätte, wegen des Mordes solcher Vierfüßler, beinahe mein Leben eingebüßt. Dieses Aberglaubens gedenkend, hab' ich, wohin ich kam, auf Cypern, woselbst es prächtige Mäusefänger gibt, auf Samos, Kreta und in ganz Syrien alle Katzen, deren man habhaft werden konnte, einfangen lassen und mache euch nun den Vorschlag, sie an die Soldaten, welche rein ägyptischen Gruppen gegenüberstehen, zu vertheilen und den Leuten zu befehlen, die heiligen Geschöpfe an ihre Schilder zu binden und den Angreifern entgegenzuhalten. Ich wette, daß jeder rechte Aegypter lieber das Schlachtfeld verlassen, als auf eines der angebeteten Thiere schießen wirdSiehe I. Theil Anmerkung 51.

Ein schallendes Gelächter antwortete diesem Vorschlage, der bei näherer Erwägung gebilligt und zur sofortigen Ausführung anempfohlen wurde. Kambyses bot dem erfindungsreichen Hellenen die Hand zum Kusse, ersetzte seine Auslagen mit einem überreichen Geschenke und drang in ihn, sich mit einer vornehmen Perserin zu vermählen(Anm. 106) Auch Themistokles wurde, als er an den persischen Hof kam, vom Könige mit einer vornehmen Perserin vermählt. Diod. XI. 57.. Dann lud er den Athener zum Abendschmause ein; Phanes entschuldigte sich aber mit der nothwendigen Musterung der ihm kaum bekannten ionischen Truppen, welche er führen sollte, und begab sich in sein Zelt.

An der Thür desselben fand er seine Sklaven im Streite mit einem bärtigen, zerlumpten und beschmutzten Greise, der durchaus mit ihm zu sprechen begehrte. Phanes hielt den Alten für einen Bettler und warf ihm ein Goldstück hin; Jener bückte sich aber nicht einmal nach der reichen Gabe, sondern rief, indem er ihn am Mantel festhielt: »Ich bin Aristomachus von Sparta!«

Phanes erkannte jetzt den grausam veränderten Freund, führte ihn in sein Zelt, ließ ihm die Füße waschen und das Haupt salben, gab ihm Wein und Fleisch zur Stärkung, nahm ihm seine Lumpen ab und legte einen neuen Chiton um seine abgemagerten, sehnigen Schultern.

Aristomachus ließ sich dies Alles schweigend gefallen. Erst nachdem er durch die kräftige Kost und den belebenden Trunk neue Kräfte gesammelt hatte, beantwortete er die Fragen des drängenden Atheners und erzählte ihm Folgendes:

»Als Psamtik das Söhnlein des Phanes gemordet hatte, war er ihm mit der Erklärung entgegengetreten, daß er seine Untergebenen veranlassen werde, aus dem Dienst des Amasis zu treten, wenn man das Töchterlein seines Freundes nicht ohne Säumen freilassen und eine genügende Auskunft über das Ende des verschwundenen Knaben geben würde. Der Thronerbe versprach, sich die Sache zu überlegen. Als der Spartaner zwei Tage später eine nächtliche Nilfahrt nach Memphis unternahm, wurde er von äthiopischen Kriegern angegriffen, überwältigt und mit geknebelten Gliedern in den finstern Raum eines Fahrzeuges geworfen, welches, nach einer Reise von vielen Tagen und Nächten, an einem ihm unbekannten Ufer die Anker auswarf. Nun befreite man den Gefangenen aus seinem Kerker und führte ihn, bei glühender Hitze, durch eine Wüste, an seltsam gestaltetem Gesteine vorbei nach Osten zu. Endlich kam er zu einem Gebirge, an dessen Fuße zahlreiche Hütten gebaut waren, in denen viele Menschen wohnten, die, mit Ketten an den Füßen, alle Morgen in den Schacht eines Bergwerks getrieben wurden, um dort Goldkörner aus dem harten Gefels zu hacken(Anm. 107) Diod. III. 12 fgd. beschreibt die Zwangsarbeit in den Goldbergwerken ausführlich. Die Sträflinge waren theils Kriegsgefangene, theils Leute, welche man in blinder Leidenschaft aus dem Wege räumen wollte. Die Minen lagen in der Breite von Koptos unweit des rothen Meeres. In jüngster Zeit hat man Spuren von ihnen wieder aufgefunden. Zu Radesieh und Kuban sind aus der Zeit des großen Ramses (14. Jahrh. v. Chr.) je eine höchst interessante auf die Goldminen bezügliche Inschrift gefunden und bereits in Europa edirt und erklärt worden. (Lepsius, Denkm. Abth. III. 139–141. Die Stele von Kuban, zuerst edirt von Prisse d'Avennes, Mon. Égypt. pl. 21, behandelt von S. Birch, Archaeologia Th. 34. Dann nach einer höchst genauen photographischen Reproduktion von Chabas in seiner Schrift: Les inscriptions des mines d'or. Paris 1862.) Es handelt sich an beiden Orten um Verbesserung des Wegs zu den in der arabischen Wüste zwischen Kuban und dem rothen Meere gelegenen Goldminen durch Trinkwasser. Von höchstem Interesse ist ein hierhergehöriger Papyrus im turiner Museum, welcher in einer Karte die auf den Stelen besprochene Bergwerksgegend in ganz eigentümlicher Projektion darstellt. Chabas gibt ein treffliches kolorirtes Facsimile derselben. (Schon in Lepsius' Auswahl von Urkunden des ägyptischen Alterthums publizirt. 1842. Taf. 22. Richtig gewürdigt von S. Birch und dann in der erwähnten Chabas'schen Schrift.) Auf den rothgefärbten goldhaltigen Bergen liest man in hieratischer Schrift die Worte »tu en nub«. Goldberg. S. Ebers, Aegypten S. 269 fgd. und Ebers, Durch Gosen zum Sinai S. 144 fgd.. Manche der unglücklichen Grubenarbeiter verweilten schon länger als vierzig Jahre an dieser Stätte des Elends; die meisten von ihnen verfielen aber durch die ungeheure Anstrengung, welche man ihnen auferlegte, und die entsetzliche Hitze, die ihnen, sobald sie den Schacht verließen, entgegenstrahlte, einem frühzeitigen Tode.

»Meine Genossen,« so erzählte Aristomachus, »waren theils zum Tode verurtheilte und begnadigte Mörder, theils ihrer Zunge beraubte Staatsverräther, theils dem Könige gefährliche und von ihm gefürchtete Menschen, wie ich. Drei Monate arbeitete ich mit diesem Gesinde, von dem Stocke der Vögte geschlagen, verschmachtend in der Hitze des Mittags, erstarrend, wenn der kalte Thau der Nächte auf meine nackten Glieder herniederfiel, dem Tode erlesen und nur lebend und mich fristend durch die Hoffnung auf Rache an meinen Verfolgern. Da fügten es die Götter, daß sich die Wärter bei dem Feste der PachtSiehe I. Theil Anmerkung 53. II. Theil Anmerkung 73., wie es Sitte in Aegypten ist, so sehr in Wein übernahmen, daß sie in den starren Schlaf der Trunkenheit verfielen und nicht bemerkten, wie ich und ein junger gefangener Jude, der beschuldigt worden war, bei einem Handel falsches Gewicht gebraucht zu haben, und deßhalb seiner rechten Hand beraubt worden war, die Flucht ergriffen. Zeus Lacedämonius und der große Gott jenes Jünglings standen uns zur Seite und blendeten die Verfolger, deren Stimmen wir oftmals dicht hinter uns vernahmen.

»Mit einem den Wächtern von mir entwandten Bogen schaffte ich uns Nahrung. Wo sich kein Wild fand, aßen wir Wurzeln, Baumfrüchte und Vogeleier. Der Stand der Sonne und der Sterne half uns den rechten Weg zu finden. Wir wußten, daß das rothe Meer nicht fern von den Bergwerken fluthe und daß wir im Süden von Memphis, ja von Theben, verweilt hatten. Bald erreichten wir den Strand und strebten nun unermüdlich nach Norden zu, bis wir mit freundlichen Schiffern zusammentrafen, die uns so lange verpflegten, bis ein arabisches Boot uns aufnahm, welches mich und den Juden, der die Sprache der Seefahrer kannte, nach Ezeongeber, im Lande der Edomiter, brachte. Dort vernahmen wir, daß Kambyses mit einem großen Heere gegen Aegypten heranziehe, und reisten mit einem amalekitischen Reiterzuge, welcher die Perser mit Wasser unterstützen sollte, nach Harma. Von hier aus wanderte ich mit Nachzüglern des großen asiatischen Heeres, die mich aus Mitleiden dann und wann auf ihre Pferde setzten, nach Pelusium und höre jetzt, daß Du dem Großkönige als Kriegsoberster dienst. Ich habe meinen Schwur gehalten und bin treu für die Hellenen in Aegypten eingetreten; jetzt ist die Reihe an Dir, dem alten Aristomachus zu helfen und ihm das Einzige zu verschaffen, wonach er sich sehnt: Rache an seinen Verfolgern!«

»Die sollst Du haben,« rief der Athener und drückte die Hand des Greises. »Ich werde Dich an die Spitze der milesischen Schwerbewaffneten stellen und Dir anheimgeben, gegen unsere Feinde zu wüthen, wie es Dir beliebt! Aber damit hab' ich meine Schuld noch lange nicht abgetragen, und ich preise die Götter, weil sie mir jetzt schon gestatten, Dich durch ein einfaches Wort glücklich zu machen! Wisse, daß wenige Tage nach Deinem Verschwinden ein spartanisches Ehrenschiff, geführt von Deinem trefflichen Sohne, nach Naukratis kam, um Dich, den Vater zweier olympischer Sieger, auf Befehl der EphorenSiehe I. Theil Anmerkung 83. in die Heimath zurückzurufen.«

Bei dieser Nachricht erbebten die Glieder des Greises, seine Augen füllten sich mit Thränen, und seine Lippen murmelten ein leises Gebet. Dann schlug er sich vor die Stirn und rief mit zitternder Stimme: »Jetzt erfüllt es sich, – jetzt wird es zur Wahrheit! Verzeihe mir, Phöbus Apollo, wenn ich an den Worten Deiner Priesterin zweifelte! Was verhieß das Orakel?

›Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt
Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt, –
Führt Dich der zaudernde Kahn hinab zu jenem Gefilde,
Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt!
Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt, –
Schenkt Dir die richtende Fünf, was sie Dir lange versagt.‹

»Jetzt erfüllt es sich, was mir der Gott verhieß. Jetzt darf, jetzt will ich heimkehren; erst aber heb' ich die Hand empor und bitte Dice, die ewigwaltende Gerechtigkeit, daß sie mir die Wonne der Rache nicht versagen möge!«

»Morgen graut der Tag der Vergeltung!« rief Phanes in das Gebet des Alten einstimmend. »Morgen schlacht' ich meinem Sohne die Todtenopfer und gehe nicht eher zur Ruhe, bis Kambyses mit den von mir geschnitzten Pfeilen das Herz von Aegypten getroffen hat! Komm' jetzt, mein Freund, und laß Dich zum Könige führen. Ein Mann wie Du schlägt einen ganzen Haufen ägyptischer Schleuderer in die Flucht!«

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