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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Viertes Kapitel.

Ein heißer Hundstags-Morgen war über Naukratis aufgegangen. Der Nil hatte bereits seine Ufer überschritten und die Aecker und Gärten von Aegypten mit Wasserfluthen bedeckt.

Die Häfen an der Mündung des Stromes wimmelten jetzt von Schiffen. Aegyptische Fahrzeuge, bemannt mit den phönizischen Kolonisten der Deltaküste, brachten seine Gewebe von Malta, Metalle und Gestein von Sardinien und Wein und Kupfer aus Cypern(Anm. 52) Die Existenz von phönizischen Kolonisten an der Deltaküste haben wir nachzuweisen versucht in Aegypt. u. B. M. S. 127 fgd. Aegyptophönizische Kolonieen sind nachweisbar auf Sardinien, Kreta, Malta, Cypern und auf Euböa u. a. O. Höchst lehrreich sind die auf Sardinien und die in dem glänzenden Cesnolaschen Werke mitgeteilten, auf Cypern gemachten Funde. Sardinisches bei Spano, Lamarmora, in Gerhard's archäol. Zeitung, im Bulletino Sardo und bei H. v. Maltzan.. Griechische Trieren führten feine Oele und Weine, Mastixzweige, chalcidische Erzarbeiten und wollene Gewebe herbei; phönizische und syrische Fahrzeuge mit bunten Segeln, Kupfer, Zinn, Purpurstoffe, Edelsteine, Gewürze, Glasarbeiten, Teppiche und Cedern vom Libanon zum Bau von Häusern, nach dem holzarmen Aegypten, um die Schätze Äthiopiens: Gold, Elfenbein, Ebenholz, bunte Tropenvögel, Edelsteine und schwarze Sklaven, besonders aber das weltberühmte ägyptische Korn oder memphitische Wagen, saïtische Spitzengewebe und feinen Papyrus für ihre Waaren einzutauschen. Aber die Zeit des bloßen Tauschhandels war längst vorüber, und die Kaufleute von Naukratis bezahlten ihre Einkäufe nicht selten mit klingendem Golde und sorglich gewogenemSiehe I. Theil Anmerkung 172. Silber.

Große Waarenspeicher umgaben den Hafen der hellenischen Pflanzstadt. Neben ihnen standen leicht gebaute Häuser, in welche Musik und Gelächter, sowie der Blick und Zuruf geschminkter Dirnen die müßigen Seefahrer lockte(Anm. 53) Abgesehen davon, daß solche Freudenhäuser in keiner großen Hafenstadt des Alterthums fehlten, werden die an der kanopischen Mündung ausdrücklich von Strabo 801 erwähnt.. Zwischen schwarzen und weißen Sklaven, welche schwere Ballen auf dem Rücken trugen, tummelten sich Ruderknechte und Steuermänner in verschiedenen Trachten. Schiffsherren in hellenischen oder schreiend bunten phönizischen Kleidern riefen ihren Untergebenen Befehle zu und übergaben den Großhändlern ihre Frachtgüter. Wo sich ein Streit erhob, zeigten sich schnell ägyptische Sicherheitsbeamte mit langen Stäben und hellenische Hafenwächter, die von den Aeltesten der Kaufmannschaft der milesischen Pflanzstadt angestellt warenSiehe I. Theil Anmerkung 2..

Jetzt entleerte sich der Hafen, denn die Stunde der Eröffnung des Marktes war nahe(Anm. 54) Wie eifrig sich die Griechen zum Markte drängten, beweist folgendes Geschichtchen, welches Strabo 658 erzählt: Ein Flötenspieler zu Jasos wurde von all' seinen Zuhörern verlassen, sobald die Glocke zum Markte rief. Nur Einer blieb bei ihm. Der Musikant dankte demselben, daß er sich nicht habe durch die Glocke im Zuhören stören lassen. »Ach« – rief der Mann – »es hat also schon geläutet?!« und lief gleichfalls fort., und der freie Hellene pflegte dort nicht gern zu fehlen. Mancher Neugierige blieb aber diesmal zurück, denn soeben wurde ein schön gebautes samisches Schiff mit langem Schwanenhalse, die Okeia(Anm. 55) ’Ωκει̃α »das Schnelle«. Böckh, Staatshaushalt der Athener III. 93. Götterbilder als Schiffszierrath finden sich nicht nur bei den Griechen, sondern auch bei den Phöniziern., an deren Vordertheil ein hölzernes Bild der Göttin Hera prangte, abgeladen. Besonderes Aufsehen erregten drei schöne Jünglinge in lydischer Kriegertracht, welche der Triere entstiegen. Mehrere Sklaven folgten denselben und trugen ihnen einige Kisten und Bündel nach.

Der Schönste der Ankömmlinge, in denen der Leser unsere jungen Freunde Darius, Bartja und Zopyrus erkannt haben wird, redete einen Hafenwächter an und bat ihn, ihm die Wohnung Theopomp's, des Milesiers, seines Gastfreundes, zu zeigen.

Dienstwillig und höflich, wie alle Griechen, ging der Beamte den Fremden voran und führte sie über den Markt, dessen Eröffnung gerade durch den Klang einer Glocke angezeigt wurde, in ein stattliches Haus, das Eigenthum des angesehensten Mannes von Naukratis, des Milesiers Theopompus.

Aber die Jünglinge waren nicht ohne Aufenthalt über den Markt gekommen. Der Zudringlichkeit frecher Fischverkäufer hatten sie sich ebenso leicht entzogen, als dem einladenden Zurufe der Fleischer, Wurst- und Gemüsehändler, Töpfer und Bäcker. Als sie sich aber dem Platze(Anm. 56) Die verschiedenen Waaren wurden in begrenzten Abtheilungen (κύκλοι) feilgeboten. Der Platz der Blumenverkäuferinnen, welche im Allgemeinen für leichtsinnige Mädchen galten, hieß der Myrtenmarkt. Aristoph. Thesmoph. 448. Becker, Charikles II. S. 156. der Blumenmädchen näherten, klatschte Zopyrus vor heller Freude über den reizenden Anblick, der sich vor ihm aufthat, laut in die Hände.

Drei wunderliebliche Geschöpfe in weißen, halbdurchsichtigen Gewändern mit bunten Säumen saßen, von lauter Blumen umgeben, auf niedrigen Sesseln und wanden gemeinsam einen großen Kranz von Rosen, Veilchen und Orangeblüthen. Ihre holden, von Kränzen umgebenen Köpfchen glichen den drei Rosenknospen, welche Eine von ihnen, die unsere Freunde zuerst bemerkt hatte, ihnen entgegenhielt.

»Kauft mir meine Rosen ab, ihr schönen Herren!« rief sie mit heller, klangvoller Stimme, »und steckt sie euren Liebchen in die Haare!«

Zopyrus nahm die Blumen und gab, die Hand des Mädchens festhaltend, zurück: »Ich komme soeben aus weiter Ferne, schönes Kind, und habe noch keine Freundin zu Naukratis; darum laß mich diese Rosen in Dein eigenes goldenes Haar und dieses Goldstück in Dein weißes Händchen stecken!«

Das Mädchen lachte fröhlich auf, zeigte die überreiche Gabe(Anm. 57) Bei dieser Stelle haben wir an folgendes Epigramm des Dionysius gedacht:

»Du mit Rosen im Korb, was, rosiges Mädchen, verkaufst Du?
Rosen? Dich selbst? – o sprich! oder auch beides zugleich?«

ihrer Schwester und rief: »Beim Eros! Jünglingen wie euch kann es nicht an Freundinnen fehlen! Seid ihr Brüder?«

»Nein!«

»Das ist schade, denn wir sind Schwestern!«

»Und Du meinst, daß wir drei hübsche Pärchen abgeben würden?«

»Das hab' ich vielleicht gedacht; aber nicht gesagt.«

»Und Deine Schwestern?«

Die Mädchen lachten, schienen kaum abgeneigt gegen eine derartige Verbindung zu sein und reichten auch Bartja und Darius Rosenknospen dar.

Die Jünglinge nahmen die Blumen an, spendeten gleichfalls ein Goldstück und wurden nicht eher von den Schönen fortgelassen, bis sie den Helm eines jeden mit grünen Lorbeerblättern umkränzt hatten.

Die Kunde von der seltenen Freigebigkeit der Fremden hatte sich indessen unter den vielen Blumenmädchen, welche rings umher Bänder, Blüthen und Kränze feilhielten, verbreitet. Jede reichte ihnen Rosen und lud sie mit Blicken und Worten ein, zu verweilen und zu kaufen.

Zopyrus wäre gern, wie mancher junge Herr von Naukratis, noch viel länger bei den Mädchen geblieben, die sich fast alle durch Schönheit und leicht zu gewinnende Herzen auszeichneten; Darius drängte ihn aber fort und ersuchte Bartja, dem Leichtsinnigen jeden weiteren Aufenthalt zu verbieten. So gelangten sie denn, nachdem sie bei den Tischen der Wechsler und den Bürgern, die, auf steinernen Bänken sitzend, unter freiem Himmel Rath hielten, vorbeigekommen waren, zum Hause des Theopomp.

Sobald ihr hellenischer Führer mit dem metallenen Klopfer an die Thüre gepocht hatte, ward sie von einem Sklaven geöffnet. Da sich der Hausherr auf dem Markte befand, wurden die Fremden von dem Beschließer, einem im Hause des Theopomp ergrauten Diener, in die AndronitisSiehe I Theil, S. 12, Anmerkung 25. Die Beschreibung des Hauses der Rhodopis. geführt und gebeten, dort die Heimkehr des Wirthes zu erwarten.

Während sich die Jünglinge noch an den schönen Wandmalereien und der kunstreichen Steinarbeit des Fußbodens dieser Halle erfreuten, kehrte Theopompus, jener Großhändler, den wir bereits im Hause der Rhodopis kennen gelernt haben, begleitet von vielen Sklaven, welche ihm die von ihm erstandenen Gegenstände nachtrugen, vom Markte zurück(Anm. 58) Selbst vornehme Griechen verschmähten es nicht, von ihren Sklaven begleitet, Einkäufe auf dem Markte zu machen. Dagegen konnten ihn ehrbare Hausfrauen nicht besuchen. Gewöhnlich schickte man Sklavinnen zum Einkaufen aus. Becker, Charikles II. S. 150..

Der Milesier kam den Fremden mit anmuthiger Höflichkeit entgegen und fragte in verbindlicher Weise, womit er ihnen dienen könnte.

Nachdem Bartja sich überzeugt hatte, daß sich kein unberufener Hörer in der Nähe aufhalte, übergab er dem Hausherrn die Briefrolle, welche ihm von Phanes beim Abschiede übergeben worden war.

Kaum hatte Theopompus das Schreiben gelesen, als er sich tief vor dem Königssohne verbeugte und ausrief: »Beim Zeus, der das Gastrecht wahrt, eine größere Ehre, als durch Deinen Besuch, hätte meinem Hause nicht widerfahren können. Betrachte Alles, was ich habe, als Dein Eigenthum, und bitte auch Deine Begleiter, bei mir vorlieb zu nehmen! Verzeihe, wenn ich Dich in Deinen lydischen Kleidern nicht gleich erkannte. Wie ich meine, sind Deine Locken kürzer und Dein Bart ist voller geworden, seitdem Du Aegypten verlassen. Ich habe Recht, und Du wünschest unerkannt zu bleiben? Ganz nach Deinem Begehr! Die schönste Gastlichkeit ist diejenige, welche den Gästen die vollste Freiheit gewährt. O, jetzt erkenne ich auch Deine Freunde wieder! Aber diese haben sich ebenfalls sehr verändert und,. gleich Dir, die Locken gestutzt. Ja, ich möchte behaupten, daß Du, mein Freund, dessen Name . . .«

»Ich heiße Darius.«

»Daß Du, Darius, Deine Haare schwarz gefärbt hast. Ja? Ihr seht, daß mein Gedächtniß mich nicht betrügt. Uebrigens darf ich mich dessen nicht allzuhoch rühmen; hab' ich euch doch mehrmals zu Sais und auch hier, als ihr ankamet und abreistet, gesehen! Du fragst, o Königssohn, ob euch die anderen nicht erkennen würden? Gewiß nicht! Die fremde Tracht, die kurzen Haare und die Färbung eurer Augenbrauen verändern euch wunderbar. Aber verzeiht einen Augenblick! Mein alter Schließer winkt und scheint eine wichtige Nachricht zu bringen.«

Wenige Minuten später kehrte Theopompus zurück und rief: »Ei, ei, meine Werthen! So darf man nicht zu Naukratis auftreten, wenn man unerkannt zu bleiben wünscht! Ihr habt mit den Blumenmädchen getändelt und sie für ein paar Rosen nicht wie entflohene lydische Hekatontarchen, sondern wie große Herren, die ihr eben seid, bezahlt! Ganz Naukratis kennt die schönen, leichtsinnigen Schwestern Stephanion, Chloris und Irene, die mit ihren Kränzen manches junge Herz bestrickt und mit ihren süßen Blicken manchen blanken ObolusGroschen. aus dem Säckel unserer leichtblütigen Söhne gelockt haben! Bei den Blumenmädchen halten sich die Herrlein zur Zeit des Marktes am liebsten auf, und was dort verhandelt wird, das pflegt in stiller Nacht mit mehr als einem Goldstücke bezahlt zu werden. Für ein freundliches Wort und ein paar Rosen ist man aber weniger freigebig, als ihr! Die Mädchen haben sich mit euren Geschenken gebrüstet und ihren kargeren Bewerbern die glänzenden Goldstücke gezeigt. Das Gerücht ist eine Göttin, welche arg zu übertreiben und aus der Eidechse ein Krokodil zu machen pflegt. So kam denn dem ägyptischen Hauptmanne, der, seitdem Psamtik regiert, den Markt bewacht, die Nachricht zu Ohren, drei eben angekommene lydische Krieger hätten Gold unter die Kranzwinderinnen ausgestreut. Das erregte Verdacht und veranlaßte den ToparchenSiehe I. Theil Anmerkung 140., einen Beamten hierher zu schicken, der sich nach eurer Herkunft und dem Zwecke eurer Reise nach Aegypten erkundigen soll. Da habe ich denn eine List gebrauchen und dem Kundschafter etwas weismachen müssen. Ich handelte nach eurem Willen und gab euch für reiche Jünglinge von Sardes aus, die dem Grolle des Satrapen entflohen sind . . . Aber da kommt der Beamte mit dem Schreiber, der euch einen Paß ausstellen wird, damit ihr unangefochten am Nile verbleiben könnt. Ich habe ihm eine reiche Belohnung versprochen, wenn er euch zum Eintritt in die Söldnerschaar des Königs behülflich sein will. Er ist in die Falle gegangen und glaubt mir. Wegen eurer Jugend traut man euch keine geheime Sendung zu.«

Der gesprächige Hellene hatte kaum ausgeredet, als der Schreiber, ein dürrer, weißgekleideter Mann, sich den Fremden gegenüberstellte, und sie mit Hülfe eines Dolmetschers nach ihrer Herkunft und dem Zweck ihrer Reise befragte.

Die Jünglinge hielten ihre Behauptung, entwichene lydische Hekatontarchen zu sein, fest und ersuchten den Beamten, ihnen Mittel und Wege für ihren Eintritt in die ägyptischen Hülfstruppen anzugeben und sie mit Pässen zu versehen.

Nachdem Theopompus für unsere Freunde Bürgschaft geleistet hatte, zauderte der Beamte nicht lange und stellte ihnen die gewünschten Papiere aus.

Der Paß des Bartja lautete:

»Smerdes, – Sohn des Sandon aus Sardes, – ungefähr 22 Jahre alt, von stattlichem, schlankem Wuchse, mit wohlgestaltetem Angesichte, gerader Nase und hoher Stirn, in deren Mitte sich eine kleine Narbe befindet, darf, weil Bürgschaft für ihn geleistet worden ist, da, wo das Gesetz die Fremden duldet, in Aegypten verweilen.

Im Namen des Königs.   Sachons, Schreiber.«

Die Pässe des Zopyrus und Darius waren in derselben Weise abgefaßt(Anm. 59) Aehnliche Signalements haben die Papyrus erhalten. Wilkinson m. a. c. bringt ein Bild aus Theben, auf dem ein sich verneigender Mann vor den Schreiber geführt wird, welcher ihm einen Paß auszustellen scheint..

Als die Beamten das Haus verlassen hatten, rieb sich Theopompus die Hände und sagte: »Nun könnt ihr, wenn ihr meinen Rath in allen Stücken befolgt, sicher in diesem Lande verweilen. Bewahrt diese Papierröllchen gleich euren Augen und laßt sie niemals von euch. Jetzt ersuche ich euch aber, mir zum Frühstück zu folgen und mir, wenn es euch genehm ist, zu erzählen, ob das Gerücht, welches am Markte verbreitet war, nicht, wie gewöhnlich, lügt. Eine von Kolophon kommende Triere brachte nämlich die Nachricht, Dein hoher Bruder, edler Bartja, rüste gegen Amasis.«

Am Abende desselben Tages feierten Bartja und Sappho ein Wiedersehen, dessen Glück durch die mit dem Erscheinen des Königssohnes verbundene Ueberraschung so unermeßlich war, daß die Jungfrau in der ersten Stunde keine Worte für ihre Wonne und Dankbarkeit finden konnte. Als sie endlich wieder in jener Akanthus-Laube, welche ihre junge Liebe mit blühenden Zweigen verborgen hatte, allein waren, sank Sappho an das Herz des theuren Wiedergekehrten. Lange sprachen sie kein Wort und sahen weder Mond noch Sterne, die in der lauen Sommernacht ihre stillen, bedeutungsvollen Kreise über ihren Häuptern zogen. Sie hörten nicht das Lied der Nachtigallen, welche, wie damals, ihren geliebten Itys in flötenden Wechselgesängen riefen, sie fühlten nicht den befeuchtenden Thau, den die Nacht auf ihre, wie auf die Häupter der Blumen im Rasen, herniedergoß.

Endlich faßte Bartja beide Hände seiner Geliebten und schaute sie lange sprachlos an, als wollte er sich das Bild ihrer Züge unauslöschlich einprägen; sie aber blickte schämig zu Boden, als er endlich ausrief:

»Wenn ich von Dir träumte, so schienst Du mir schöner als Alles, was Auramazda erschaffen; jetzt aber find' ich, daß Du selbst meine Träume an Schönheit überbietest!«

Und als sie ihm für diese Worte mit einem strahlenden Blicke gedankt hatte, schlang er nochmals seinen Arm um ihre Hüften, zog sie fester an sich und fragte

»Hast Du mein gedacht?«

»Nur, nur an Dich!«

»Und hofftest Du, mich schon so bald zu sehen?«

»Ach, Stund' für Stunde dacht' ich: ›er muß kommen!‹ Wenn ich des Morgens in den Garten trat und schaute hin nach Osten, Deiner Heimath, und ein Vöglein flog von drüben, von der rechten Seite auf mich zu, fühlt' ich ein Zucken in dem rechten Augenlid; wenn ich in meiner Kiste räumte und allda die Lorbeerkrone fand, die Dir so herrlich ließ, und die ich drum zum Angedenken aufhob, – Melitta sagt, solch' aufbewahrter Kranz erhalte treue Liebe(Anm. 60) Der Vogel, welcher von der rechten Seite herkam, galt für glückbringend; ebenso das zuckende rechte Auge. Theokrit III. 37. Der aufbewahrte Kranz. Lucian. Tox. 30., – dann klatscht' ich in die Hände, dachte mir: ›heut' muß er kommen,‹ lief dem Nile zu und winkte jedem Nachen mit dem Tuch, denn jedes Fahrzeug, dacht' ich, trüge Dich zu mir heran. Und wenn Du doch nicht kamst, so ging ich traurig in das Haus zurück und sang ein Lied und schaute in das Feuer des Herdes, das im Weibersaale brennt, bis mich Großmutter aus dem Traume rief und sagte: ›Höre, Mädchen, wer bei Tage träumt, ist in Gefahr, des Nachts schlaflos zu liegen und mit trübem Sinn, mit müdem Hirn und mit erschlafften Gliedern des Morgens von dem Lager aufzustehen. Der Tag ward uns gegeben, um zu wachen, um unsere Augen offen zu erhalten und zu streben, daß keine Stunde ungenützt verrinne. Vergangene Zeit gehört den Todten an, die Narrheit hoffet von der Zukunft Heil; der Weise hält sich an die Gegenwart, die ewig junge, und nimmt diese wahr, um alle Gaben, die uns Zeus verliehen, die uns Apollo, Pallas, Cypris schenkte, durch Arbeit so zu pflegen, daß sie nach und nach sich steigern und ergänzen und veredeln, und unser Sinnen, Handeln, Fühlen, Reden zuletzt wohllautend werde wie der süße Klang der Harmonieen eines Saitenspiels. Du kannst dem Manne, dem Dein Herz gehört, den Du für höher als Dich selber hältst, weil Du ihn eben liebst, nicht besser dienen und Deine Treue ihm nicht schöner zeigen, als wenn Du Deinen Geist und Dein Gemüth, so hoch es nur in Deinen Kräften steht, veredelst. Was Du auch Schönes, Gutes neu erlernst, das wird für Deinen Liebsten zum Geschenk, denn, gibst Du ihm Dein ganzes Wesen hin, empfängt er Deine Tugenden mit Dir. Doch träumend hat noch niemand Sieg erkämpft. Der Labethau der Tugendblume nennt sich Schweiß!‹ So sagte sie; ich aber sprang beschämt vom Herde fort, ergriff das Saitenspiel, erlernte neue Lieder oder hing am Munde meiner Lehrerin, die mich, – sie übertrifft an Weisheit manchen Mann, – mit Wort und Schriften liebend unterwies. So floß die Zeit dahin, ein rascher Strom, der, gleich dem Nil dort drüben, ewig fließt und bald ein bunt' bewimpelt' goldenes Boot, bald ein gefräßig' böses Krokodil an uns, den Sterblichen, vorüberführt!«

»Jetzt sitzen wir in jenem Wonnekahn! O hielte doch in diesem Augenblick der Strom der Zeit die schnellen Fluthen auf, o wär' es immerwährend so wie jetzt! – Du holdes Mädchen, wie Du klüglich sprichst, wie Du die schönen Lehren wohl begreifst und sie noch anmuthsvoller wiedergibst. Ja, meine Sappho, ich bin stolz auf Dich! In Deiner Tugend hab' ich einen Schatz, der mich viel reicher macht, als meinen Herrn und Bruder, dem die halbe Welt gehört!«

»Du, stolz auf mich, Du hoher Fürstensohn, der Schönste, Beste Deines ganzen Stammes?!«

»Ich finde keinen höhern Werth in mir, als den, daß Du mich Deiner würdig hältst!«

»Ihr großen Götter, sagt, wie kann dies kleine Herz solch' eine Fülle höchster Seligkeit ertragen, ohne, einer Vase gleich, die man mit schwerem Golde überfüllt, gesprengt zu werden.«

»Weil ein anderes Herz, das meine, Deine Last zu tragen hilft, weil Deine Seele meine unterstützt. Mit dieser Hülfe spotte ich der Welt und aller Leiden, die die Nacht gebiert.«

»O reize nicht den Neid, den Zorn der Götter, die oft das Glück der Sterblichen verdrießt. Wir haben, seit Du in die Ferne zogst, gar manchen thränenreichen Tag verlebt. Des guten Phanes armes Kinderpaar, ein Knabe, schön wie Eros, eine Maid, so hold und rosig wie ein Wölkchen, das, vom Morgenroth beleuchtet, freundlich strahlt, verlebten manchen Tag in unserem Haus. Großmutter ward von neuem froh und jung, wenn sie die lieben, frischen Kleinen sah; ich aber schenkte ihnen all' mein Herz, obgleich es Dir ja ganz allein gehört. Doch wundervoll geartet ist solch' Herz, das, gleich, der Sonne, Vielen Strahlen schenkt, und doch nicht ärmer wird an Licht und Glanz und Keinem vorenthält, was ihm gebührt. Ich liebte Phanes Kinder, ach, so sehr! – An einem Abend saßen wir allein mit Theopompus in dem Frauensaal, als an der Thüre wilder Lärm erklang. Der alte Knakias, unser treuer Sklave, kam just zur Pforte, als der Riegel sprang und eine Schaar von Kriegern durch die Flur in's Peristyl, die Andronitis und von dort, die Mittelthür zerschlagend, zu uns drang. Großmutter zeigte ihnen jenen Brief, durch den Amasis unser Haus zur unantastbar sichern Zuflucht macht. Sie lachten aber spöttisch jener Schrift und zeigten ein besiegelt' Dokument, in dem der Kronprinz Psamtik streng befahl, des Phanes Kinder jener rohen Schaar sofort zu übergeben. Theopomp verwies den Kriegern ihre rauhe Art und sagte, jene Kinder, die bei uns zu Gaste wären, seien aus Korinth und hätten mit dem Phanes nichts zu thun. Der Hauptmann der Soldaten aber bot dem edlen Manne nichts als Hohn und Trotz, stieß die besorgte Ahne frech zurück, drang mit Gewalt in ihren Thalamus, wo, neben allen Schätzen bester Art, die sie besitzt, zu Häupten ihrer eignen Lagerstatt die beiden Kleinen friedlich schlummerten, riß sie gewaltsam aus dem Bettchen fort und führte sie, – auf einem offenen Kahn, zu kalter Nachtzeit, – in die Königsstadt. Nach wen'gen Wochen war der Knabe todt. Man sagte, Psamtik hab' ihn umgebracht. Das holde Mägdlein schmachtet heute noch in eines finstern Kerkers ödem Raum und weint nach ihrem Vater und nach uns. O, mein Geliebter, sprich, ist es nicht hart, daß sich auch in das allerreinste Glück ein Unheil schleichen muß? Die Wonnezähre hier in diesem Blick vereint sich jetzt schon mit dem Schmerzensnaß, und dieser Mund, der eben noch gelacht, wird jetzt zum Herold eines tiefen Leids.«

»Ich fühle Deine Schmerzen nach, mein Kind; doch härm' ich mich nicht nur gleich Dir, dem Weib'. Was Dich zu nichts als warmen Thränen zwingt, das ballt zum Faustschlag meine Männerhand. Der holde Knabe, der Dir theuer war, das Mägdlein, das im öden Kerker weint, soll bald gerochen werden. Traue mir! Bevor der Nil zum zweiten Male schwillt, dringt ein gewalt'ges Heer in dieses Land und wird Vergeltung fordern für den Mord!«

»O liebster Mann, wie Deine Augen glühen! So schön, so herrlich sah ich Dich noch nie! Ja, ja, der Knabe muß gerochen sein, und Niemand darf ihn rächen außer Dir!«

»Mein sanftes Mädchen wird zur Kriegerin!«

»Auch Weibern ziemet Kampf, wo Unrecht lacht, auch Weiber freuen sich, wenn das Laster fällt! Doch sage, habt ihr schon den Krieg erklärt?«

»Noch nicht, doch zieht schon heute Schaar auf Schaar zum Euphratthale fort und eint sich dort mit unserem großen Heer.«

»Jetzt sinkt mir schon der schnell entflammte Muth. Ich zittre vor dem bloßen Worte ›Krieg‹. Wie viele Mütter macht er kinderlos, wie vielen Weibern sinkt, wenn Ares tobt, der Witwenschleier auf das schöne Haupt, wie viele Betten werden naß geweint, wenn Pallas ihre grause Aegis schwingt!«

»Wie aber wächst der Mann im wilden Streit, wie weitet sich sein Herz, wie schwillt sein Arm! Wie jubelt ihr, wenn der geliebte Held mit Ruhm bedeckt als Sieger heimwärts kehrt! Ein Perserweib muß sich der Schlachten freuen; denn ihres Gatten Leben ist ihr lieb, doch lieber noch ist ihr sein Heldenruhm!«

»Zieh' in den Kampf, Dich schirmet mein Gebet!«

»Und der gerechten Sache wird der Sieg! Erst schlagen wir das Heer des Pharao, – dann wird des Phanes Töchterlein befreit . . .«

»Und dann der brave Aristomachus, der des entflohenen Phanes Platz bekam. Er ist verschwunden, niemand weiß, wohin. Doch sagte man, der Kronprinz habe ihn, weil er der Kinder wegen ihn bedroht, in eines Kerkers finstere Nacht gebannt; wenn er ihn nicht, – was schlimmer wäre, als der schlimmste Tod, – in einen fernen Steinbruch schleppen ließ. Der arme Alte war vom Heimathland durch böse Feinde sonder Schuld verbannt. Am selben Tage, der ihn uns entzog, kam eine Botschaft vom Spartanervolk am Nile an, um Aristomachus, durch dessen Söhne Sparta hohen Ruhm gewonnen hatte, zum Eurotasstrom mit allen Ehren, welche Hellas kennt, zurückzurufen. Ein bekränztes Schiff erwartete den vielgepries'nen Greis, und, als der Führer der Gesandten, kam sein eigner ruhmgekrönter, starker Sohn.«

»Ich kannte jenen eisenharten Mann, der sich verstümmelte, um einer Schmach, die seiner Ehre drohte, zu entgehen. Wir rächen ihn, beim Anahita SternSiehe III. Theil Anmerkung 38, der dort im Osten zitternd untergeht.«

»O, mein Geliebter, ist es schon so spät? Mir ist die Zeit vergangen wie ein Hauch, der unsere Stirnen küsset und entflieht. Hörst Du nicht rufen? Ja, man harret auf uns! Vor Tagesanbruch sollt ihr in der Stadt im Hause eures edlen Gastfreundes sein. Leb' wohl, mein Held!«

»Geliebte, lebe wohl! Und in fünf Tagen tönt der Hochzeitssang. Du zitterst ja, als ging es in den Krieg!«

»Ich bebe vor der Größe unseres Glücks, wie man vor allem Ungeheuren bebt!«

»Rhodopis ruft schon wieder: laß' uns gehen! Ich habe Theopomp gebeten, mit der Greisin, wie es Brauch, sich zu bereden, wann und wie und wo die Hochzeitsfeier zu begehen sei. Ich bleibe unerkannt in seinem Haus, bis daß ich Dich als mein geliebtes Weib mit mir entführe.«

»Und ich folge Dir!«

Als die Jünglinge am nächsten Morgen im Garten des Theopompus mit ihrem Gastfreunde lustwandelten, rief Zopyrus: »Ich habe diese ganze Nacht von nichts als Deiner Sappho geträumt, Du glücklicher Bartja. Solch' ein Wesen ist noch niemals geschaffen worden. Wenn Araspes sie gesehen haben wird, so muß er mir zugeben, daß Panthea übertroffen worden sei! Meine neue Frau in Sardes, die ich für Wunder wie schön hielt, kommt mir jetzt wie eine Nachteule vor! Auramazda ist ein Verschwender! Mit Sappho's Reizen hätte er drei Schönheiten ausstatten können! Und wie köstlich es klang, als sie uns auf Persisch ›gute Nacht‹ wünschte.«

»Sie hat während meiner Abwesenheit,« erwiederte Bartja, »die Sprache unserer Heimath von einer Susianerin, der Gattin eines babylonischen Teppichhändlers, welche zu Naukratis wohnt, zu erlernen versucht und überraschte mich mit diesem mühsam erworbenen Geschenke.«

»Sie ist ein herrliches Mädchen!« rief der Großhändler. »Meine verstorbene Gattin liebte die Kleine wie ihr eigenes Kind und hätte sie gern mit unserem Sohne, der den Geschäften meines Hauses zu Milet vorsteht, verheirathet; doch die Götter haben es anders gewollt! Meine Abgeschiedene würde sich freuen, wenn sie die Hochzeitskränze am Hause der Rhodopis sehen könnte!«

»Es ist also Sitte bei euch, die Wohnung einer Braut mit Blumen zu schmücken?« fragte Zopyrus.

»Freilich!« antwortete Theopompus. »Wenn ihr einer bekränzten Thür begegnet, so wißt ihr, daß sie eine Braut verschließt; seht ihr einen Oelzweig an einem Hause hängen, so ward in demselben ein Knabe geboren; erblickt ihr dagegen eine wollene Binde über der Pforte, so hat ein Mägdlein hinter ihr die Welt erblickt. Ein Gefäß mit Wasser vor der Thür bedeutet, daß ihr einem Sterbehause nahe seid(Anm. 61) Schömann, Privatalterthümer. Wasser vor dem Hause. Schol. Arist. Nub. V. 837.. Doch die Stunde des Marktes naht, meine Freunde! Ich muß euch verlassen, denn mich rufen wichtige Geschäfte.«

»Ich begleite Dich,« rief Zopyrus, »und bestelle Kränze für das Haus der Sappho.«

»Ahaha!« lachte der Milesier. »Du sehnst Dich nach den Blumenmädchen! O, Dein Leugnen hilft Dir nichts! Wenn Du wünschest, so kannst Du mich immerhin begleiten; ich bitte Dich aber, weniger freigebig zu sein als gestern, und Dich an Deine Verkleidung, die leicht gefährlich werden könnte, wenn sichere Nachrichten von dem drohenden Kriege eintreffen sollten, zu erinnern!«

Der Hellene ließ sich von einem Sklaven die Sandalen an die Füße binden und begab sich in Begleitung des Zopyrus auf den Markt, um wenige Stunden später heimzukehren. Wichtige Dinge mußten sich zugetragen haben, denn der sonst so heitere Mann schien außergewöhnlich ernst, als er zu den zurückgebliebenen Freunden trat.

»Ich fand die ganze Stadt in großer Aufregung,« begann er zu erzählen, »denn ein Gerücht verkündete, Amasis sei tödtlich erkrankt. Als wir nun eben, um Geschäfte abzuschließen, auf der Börse(Anm. 62) Auf dem sogenannten δει̃γμα der Börse pflegten die griechischen Großhändler ihre Waaren nach der Probe zu verkaufen. Böckh, Staatshaushaltung der Athener I. S. 84 u. 85. beisammen standen, und ich im Begriff war, durch den schnellen Verkauf all' meiner hoch im Preise stehenden Vorräthe große Summen zu sammeln, die ich, wenn durch die sichere Aussicht auf einen großen Krieg der Werth der Waaren gefallen sein wird, zum Ankauf neuer Handelsgüter anzuwenden gedachte (die frühere Kenntniß von den Rüstungen Deines erhabenen Bruders kann mir großen Nutzen bringen), erschien der Doparch in unserer Mitte und brachte die Nachricht, daß Amasis nicht nur erkrankt sei, sondern, von allen Aerzten aufgegeben, seine letzte Stunde erwarte. Jeden Augenblick müssen wir auf das Ableben des Königs und auf ernste Wendungen der Dinge gefaßt sein. Der Tod dieses Monarchen ist der schwerste Verlust, welcher uns Hellenen treffen kann, denn er war uns stets mit Freundschaft zugethan und begünstigte uns, wo er konnte, während sein Sohn, ein erklärter Griechenfeind, Alles aufbieten wird, um uns womöglich aus Aegypten zu verdrängen. Naukratis mit unseren Tempeln haßt er. Hätte sein Vater ihn nicht verhindert, und bedürfte er nicht der hellenischen Söldner nothwendig, so würde er uns, die verabscheuten Fremden, schon lange aus seinem Reiche vertrieben haben. Wenn Amasis todt ist, so wird ganz Naukratis den Heeren des Kambyses entgegenjubeln; wissen wir doch von meiner Heimath her, daß ihr auch Nichtperser zu ehren und in ihren Rechten zu schützen pflegt.«

»Ich werde dafür sorgen,« sagte Bartja, »daß mein Bruder all' eure alten Freiheiten bestätigt und ihnen neue hinzufügt.«

»Möge er schnell in Aegypten eindringen!« rief der Hellene. »Wir wissen, daß uns Psamtik, sobald er nur irgend kann, befehlen wird, unsere Tempel, die ihm ein Greuel sind, niederzureißen; der Bau einer hellenischen Opferstätte zu Memphis ist schon längst verboten worden.«

»Hier aber,« sagte Darius, »haben wir stattliche Tempel gesehen, als wir vom Hafen kamen.«

»Wir besitzen deren mehrereSiehe I. Theil Anmerkung 2.. Doch da kommt Zopyrus mit meinen Sklaven, die ihm einen Wald von Kränzen nachtragen. Er lacht mit dem ganzen Gesichte und muß sich mit den Blumenmädchen außerordentlich gut unterhalten haben. Fröhlichen Morgen, Freund! Dich scheint die trübe Botschaft, welche Naukratis erfüllt, nicht eben zu bekümmern!«

»Ich gönne dem Amasis noch hundert Jahre!« rief Zopyrus. »Aber man wird, wenn er stirbt, mehr zu thun bekommen, als auf uns Acht zu haben. Wann werdet ihr zu Rhodopis fahren, ihr Freunde?«

»Sobald es dunkelt.«

»Dann bietet der edlen Frau diese Blumen, als Geschenk von mir! Ich dachte nie, daß eine Greisin mich so bezaubern könnte! Jedes ihrer Worte klingt wie Musik, und ob es auch ernst und weise ist, schmeichelt es sich doch wie ein Scherz in unser Ohr. Ich mag Dich diesmal nicht begleiten, Bartja, denn ich würde Dich doch nur stören! Was hast Du beschlossen, Darius?«

»Ich möchte kein Gespräch mit Rhodopis versäumen.«

»Das verdenke ich Dir nicht! Du mußt eben Alles wissen und erlernen, während ich bestrebt bin, Alles zu genießen! Wollt ihr mir auf heut' Abend Urlaub geben, ihr Freunde? Seht einmal . . .«

»Ich weiß Alles!« unterbrach Bartja lachend den leichtfertigen Jüngling. »Du hast die Blumenmädchen bis jetzt nur bei Tage gesehen und möchtest nun auch wissen, wie sie sich beim Lampenlicht ausnehmen.«

»So ist's!« rief Zopyrus, ein ernstes Gesicht machend. »In dieser Beziehung bin ich wißbegierig wie Darius.«

»So wünschen wir Dir viel Vergnügen bei den drei Schwestern! –«

»Nicht doch; – nur bei Stephanion, der jüngsten!«

Als Bartja, Darius und Theopompus das Haus der Rhodopis verließen, graute schon der Morgen. Ein edler Hellene, Syloson(Anm. 63) Herod. III. 39. 139. 141 fgd., der Bruder des Polykrates, welcher durch den Tyrannen aus seiner Heimath vertrieben worden war, hatte den Abend mit ihnen getheilt und kehrte jetzt in ihrer Gesellschaft nach Naukratis, wo selbst er seit mehreren Jahren wohnte, zurück.

Dieser Mann, den sein Bruder zwar verbannt hielt, dennoch aber reichlich mit Geld versorgte, führte das glänzendste Haus in Naukratis und war ebenso berühmt wegen seiner verschwenderischen Gastlichkeit, als wegen seiner Kraft und Gewandtheit. Außerdem zeichnete sich Syloson durch Schönheit und Kleiderpracht ganz besonders aus. Alle Jünglinge von Naukratis rechneten es sich zur Ehre, den Schnitt und Faltenwurf seiner Gewänder nachzuahmen. Unabhängig und unbeschäftigt wie er war, brachte er viele Abende im Hause der Rhodopis zu, welche ihn zu ihren besten Freunden zählte und ihn auch in das Geheimniß ihrer Enkelin eingeweiht hatte.

An jenem Abende war bestimmt worden, die Hochzeit solle in vier Tagen still und heimlich begangen werden. Bartja hatte den Quittenapfel bereits mit seiner Geliebten, welche dem Zeus, der Hera und den anderen Schutzgöttern der Ehe am selben Tage Opfer darbrachte(Anm. 64) Diod. V. 73 nennt nur Zeus und Hera als die Götter, denen hochzeitliche Opfer dargebracht wurden. Plutarch, Solon 20, sagt, ein solonisches Gesetz habe den Bräuten in Athen vor der Hochzeit einen Quittenapfel (μη̃λον κυδώνιον), der auch sonst für Liebende von Bedeutung gewesen zu sein scheint, zu essen befohlen. Daß auch bei den Griechen ein Brautstand in unserem Sinne existirte, ist unzweifelhaft. Man denke nur an die Antigone des Sophokles, welche mit Hämon verlobt war., verzehrt und sich durch diese Ceremonie förmlich mit ihr verlobt. Syloson übernahm es jetzt, für Sänger des Hymenäus und Fackelträger zu sorgen. Der Hochzeitsschmaus sollte im Hause des Theopompus, als dem des Bräutigams(Anm. 65) S. Böttiger, Aldobr. Hochzeit S. 142, wo der Hochzeitsgesang oder Hymenäus mit Flötenbegleitung gesungen wird. Wer eigentlich die Brautfackeln trug, ist nicht genau zu bestimmen. K. F. Hermann, Privatalterthümer §. 31. Ebenso zweifelhaft ist es, ob der Hochzeitsschmaus im Hause der Braut oder des Bräutigams abgehalten worden sei. Für beide Orte lassen sich Stellen anführen. Durch das mangelnde Haus des Bräutigams sind wir verhindert, den ganzen gebräuchlichen Hergang der Hochzeit genau wiederzugeben. So fällt natürlich die Wagenfahrt der Braut fort, welche, von einem Chore begleitet, in das Haus des künftigen Gatten geführt wird. Bei dieser Gelegenheit wurde im Chore das Wagenlied (αρμάτειον μέλος) gesungen. Dem Zuge schritten Dienerinnen mit brennenden Fackeln voran., zugerichtet werden. Die kostbaren Brautgeschenke des Königssohnes waren der Greisin bereits übergeben worden, während Bartja das bedeutende väterliche Erbtheil seiner Geliebten ausschlug und auf Rhodopis, die sich es anzunehmen hartnäckig weigerte, übertrug.

Syloson begleitete die Freunde bis zum Hause des Theopompus und wollte sich eben von ihnen verschieden, als sich lauter Lärm in den nächtlich stillen Straßen vernehmen ließ, und bald darauf eine ägyptische Schaarwache, die einen gebundenen Mann in's Gefängniß abführte, herbeikam. Der Verhaftete schien sehr erzürnt zu sein und wurde um so heftiger, je weniger die Schaarwächter auf sein gebrochenes Griechisch und seine in einer ihnen unbekannten Sprache ausgestoßenen Flüche achteten.

Kaum hatten Bartja und Darius die Stimme des Gefangenen vernommen, als sie auf ihn zueilten und Zopyrus in ihm erkannten.

Syloson und Theopompus hielten die Schaarwache augenblicklich an und fragten ihren Befehlshaber, was der Gefangene verbrochen habe. Der Beamte, welcher, wie jedes Kind zu Naukratis, den Milesier und den Bruder des Polykrates kannte, verneigte sich vor ihnen und erzählte, daß von dem fremden Jünglinge ein Mord begangen worden wäre.

Theopompus nahm nun den Hauptmann bei Seite und machte ihm große Versprechungen, wenn er den Gefangenen freilassen würde, konnte aber von dem Aegypter nichts weiter erlangen, als die Erlaubniß, seinen Gast sprechen zu dürfen.

Als die Freunde dem Zopyrus gegenüberstanden, baten sie ihn, schnell zu erzählen, was sich ereignet habe, und erfuhren, daß der leichtsinnige Jüngling beim Einbruche der Nacht die Blumenmädchen besucht habe, bis zum grauenden Morgen bei Stephanion geblieben und dann auf die Straße getreten sei. Kaum hatte er die Hausthür geschlossen, als er von mehreren jungen Leuten angegriffen wurde, die ihm aller Wahrscheinlichkeit nach aufgelauert hatten. Mit Einem von ihnen, welcher sich Stephanion's Bräutigam nannte, war er schon am Morgen in Streit gerathen. Die Dirne hatte den lästigen Bewerber von ihren Blumen fortgewiesen und Zopyrus gedankt, als er den Aufdringlichen mit Schlägen bedrohte. Sobald sich der Achämenide überfallen sah, zog er sein Schwert und schlug die nur mit Stöcken bewaffneten Angreifer leicht zurück, hatte aber das Unglück, den Eifersüchtigen, welcher ungestüm auf ihn eindrang, so schwer zu verwunden, daß er niedersank. Indessen war die Schaarwache herbeigekommen und wollte Zopyrus, dessen Opfer kläglich »Mörder und Räuber« schrie, festnehmen; dieser aber zeigte sich keineswegs gewillt, seine Freiheit so leichten Kaufes hinzugeben. Angestachelt von der ihn umgebenden Gefahr, stürzte der kampflustige Perser mit erhobenem Schwerte auf die Häscher los und hatte sich schon Bahn durch sie gebrochen, als eine zweite Wache herbeikam und ihn, vereint mit der ersten, angriff. Wieder schwang er sein Schwert, das diesmal den Schädel eines Aegypters spaltete. Ein zweiter Schlag verwundete einen Soldaten am Arme; als er aber zum dritten Hiebe ausholte, fühlte er plötzlich, wie sich eine Schlinge um seinen Hals legte und sich fester und fester zusammenzog. Schnell verging ihm Besinnung und Athem. Als er wieder zu sich kam, war er gebunden und mußte, trotz seines Passes und seiner Berufung auf Theopompus, den Häschern folgen.

Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, gab der Milesier dem Jüngling seine Mißbilligung zu erkennen und versicherte ihn, daß seine unzeitige Kampflust die traurigsten Folgen haben könnte. Darauf wandte er sich noch einmal an den Hauptmann und bat ihn, seine Bürgschaft für den Gefangenen anzunehmen; dieser aber wies jede Vermittlung ernst zurück und versicherte, daß er sein eigenes Leben durch Nachsicht gegen den Mörder verwirken werde; galt doch in Ägypten ein Gesetz, das selbst den Hehler eines Mordes mit der Todesstrafe bedrohte(Anm. 66) Der Hehler eines Mordes sollte geknutet (έδει μαστιγου̃σθαι) und drei Tage lang ohne Trank und Speise gelassen werden. Diod. I. 77.. Er müsse, so versicherte der Hauptmann, den Verbrecher sofort nach Sais bringen und dort dem NomarchenSiehe I. Theil Anmerkung 140. zur Bestrafung überantworten. »Er hat,« so schloß er seine Rede, »einen Aegypter gemordet und muß darum von einem ägyptischen Obergerichte verurtheilt werden. In jedem andern Falle steh' ich Dir gern zu Diensten.«

Während dieser Rede sprach Zopyrus mit den Freunden und bat sie, unbesorgt um ihn zu sein. »Ich schwöre euch beim Mithra,« rief er aus, als Bartja ihm versprechen wollte, sich zu erkennen zu geben, um seine Freiheit zu erwirken, »daß ich mir ohne Besinnen mein Schwert in's Herz stoße, wenn ihr euch um meinetwillen diesen ägyptischen Hunden in die Hand gebt. Schon ist das Gerücht von dem nahenden Kriege in der ganzen Stadt verbreitet. Sobald Psamtik erfährt, was für kostbare Vögel in seinem Garn sitzen, wird er sich nicht lange besinnen und das Netz zuschlagenSiehe I. Theil. Anmerkung 201., um euch als Geiseln zu behalten. Auramazda schenke euch Heil und Segen und Reinheit! Lebt wohl, ihre Freunde, und denkt manchmal des heiteren Zopyrus, der für Kampf und Liebe gelebt hat und für Liebe und Kampf in den Tod geht!« –

Der Hauptmann hatte sich unterdessen wieder an die Spitze des Zuges gestellt und seinen Leuten den Befehl zum Aufbruche gegeben.

Wenige Minuten später war Zopyrus den Freunden entschwunden.

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