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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Drittes Kapitel.

Sechs Wochen nach diesen Ereignissen trabte eine kleine Reiterschaar den Thoren von Sardes entgegen.

Ross' und Leute waren von Schweiß und Staub bedeckt. Erstere, welche die Nähe der Stadt mit ihren Ställen und Krippen ahnten, nahmen ihre letzte Kraft zusammen, schienen aber für die Ungeduld der beiden Männer, die in bestaubter persischer Hoftracht an der Spitze des Zuges ritten, viel zu langsam zu gehen.

Die wohlgehaltene Königsstraße, welche sich über die Vorberge des Tmolus-Gebirges hinzog, war von Aeckern mit schwarzem Fruchtboden und Bäumen von mancherlei Art umgeben. Oliven-, Citronen- und Platanenhaine, Maulbeer- und Weinpflanzungen zogen sich am Fuße der Berge hin, während in größerer Höhe Pinien, Cypressen und Nußbaumwälder grünten. Auf den Aeckern standen Feigensträucher und Dattelpalmen voller Früchte. Im Grase der Wiesen und am Boden der Wälder blühten farben- und duftreiche Blumen. Dann und wann zeigten sich sorgsam eingefaßte Brunnen mit Ruhesitzen und schattigem Strauchwerk am Rande der Straße, die über Schluchten und Bäche, welche durch die Hitze des Sommers halb vertrocknet waren, führte. An schattigen feuchten Stellen blühte die Lorbeerrose, während sich da, wo die Sonne am heißesten brannte, schlanke Palmen wiegten. Ein tiefblauer, vollkommen wolkenloser Himmel lag über dieser üppigen Landschaft, deren Horizont im Süden von den schneeigen Spitzen des Tmolus-Gebirges, im Westen von den bläulich schimmernden Sipylus-Bergen begrenzt war.

Die Straße führte jetzt durch ein Birkenwäldchen, um dessen Stämme sich traubenreiche Weinreben bis zu den Gipfeln rankten, thalabwärts. An einer Krümmung des Weges, welche einen Blick in die Ferne bot, hielten die Reiter. Vor ihnen lag die Hauptstadt des einstigen lydischen Reiches, die frühere Residenz des Krösus, das goldene Sardes(Anm. 31) Aeschylus, Perser V. 45., im vielberühmten Hermusthale.

Ein steiler schwarzer Felsen, auf dessen Gipfel sich weithin sichtbare Bauten von weißem Marmor erhoben, die Burg, um deren dreifache Mauer der König Meles vor vielen Jahrhunderten einen Löwen getragen hatte, damit sie uneinnehmbar werde, beherrschte die Schilfdächer der zahlreichen Häuser der Stadt(Anm. 32) Herod. I. 84 und 94. V. 101.. Nach Süden hin war der Abfall des Burgberges weniger steil und mit Häusern bebaut. Im Norden der Akropolis erhob sich am Goldsand führenden Paktolus der frühere Palast des Krösus. Ueber dem Marktplatze, der den bewundernden Reisenden wie ein unbewachsener Fleck inmitten einer blühenden Wiese erschien, rauschte der röthliche Fluß, der sich nach Westen zu in ein schmales Gebirgsthal ergoß, um dort den Fuß des großen Tempels der Cybele zu bespülen.

Nach Osten hin erstreckten sich weite Gärten, in deren Mitte der spiegelhelle Gygäische See erglänzte. Bunte Lustfahrzeuge, begleitet von vielen schneeweißen Schwänen, bedeckten ihn. Etwa eine Viertelstunde von den Wassern entfernt erhoben sich zahlreiche, von Menschenhänden aufgeschüttete Hügel, unter denen sich drei, ihrer bedeutenden Größe und Höhe wegen, besonders anszeichneten(Anm. 33) Der gygäische See war schon dem Homer, Ilias II. 863, XX. 386, 392, bekannt. Er ist nach Prokesch drei Stunden lang und eine Stunde breit. S. auch Hamilton, Asia Minor I. S. 145. Die lydischen Königsgräber wurden von Herod. I. 93 nach den ägyptischen und babylonischen die größten Werke von Menschenhand genannt. Diese kegelförmigen Hügel stehen heute noch unweit des gygäischen Sees bei den Trümmern von Sardes. Hamilton (Asia Minor I. p. 45) zählte einige 60, und brauchte zehn Minuten, um den Hügel des Alyattes zu umreiten; Prokesch (Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient) sah 100 solcher Hügel. Der größte (das Grab des Alyattes) hat noch immer 3400 Fuß Umfang und mißt in schräger Höhe 650 Fuß. Nach Prokesch liegen auf einigen dieser Gräber riesige Phallus-Säulen. Konsul Spiegelthal zu Smyrna fand in dem Hügel des Alyattes eine Grabkammer. Monatsber. der berl. Akad. der Wissenschaften. Dez. 1854. S. 700 fgd. Sardes ward jüngst besucht und beschrieben von Starck..

»Was haben diese eigentümlich aussehenden Erdberge zu bedeuten?« fragte Darius, der Anführer jener Schaar, den an seiner Seite reitenden Mann, Prexaspes, den Botschafter des Kambyses.

»Es sind die Gräber der früheren Könige von Lydien,« lautete die Antwort. »Das größte unter ihnen, dort drüben links, nicht das mittlere, welches einem fürstlichen Ehepaare, der Panthea und dem Abradat geweiht wurdeSiehe II. Theil Anmerkung 111., ist das dem Vater des Krösus, Alyattes, errichtete Denkmal. Die Handelsleute, Handwerker und Dirnen von Sardes haben es ihrem verstorbenen Könige aufgeschüttet. An den fünf Säulen, welche auf dem Gipfel stehen, kann man lesen, wie viel jeder Theil zuwege brachte. Die Dirnen sind am fleißigsten gewesen(Anm. 34) Herod. I. 93.. Der Großvater des Gyges soll ein besonderer Freund von ihnen gewesen sein.«

»Dann ist der Enkel sehr aus der Art geschlagen!«

»Was um so wunderbarer erscheinen muß, da auch Krösus in seiner Jugend durchaus kein Feind der Weiber gewesen ist, und die Lyder den Freuden der Liebe sehr ergeben zu sein pflegen. Dort drüben im Paktolus-Thale, unweit der großen Goldwäscherei, steht der Tempel der Göttin von Sardes(Anm. 35) Die kleinasiatischen Griechen nahmen den Kultus dieser Göttin auf und stellten sie auf einem Löwen reitend oder überhaupt in Begleitung von Löwen dar. O. Müller, Archäol. §. 395 und 387. Sie trug ein Tambourin in der Hand, welches, nach Pindar bei Strabo p. 470, bei ihren taumelnden Festen geschlagen wurde. P. Heyse hat in seiner Thekla eine sehr schöne Schilderung eines Cybele-Festes gegeben. Das Wesen dieser großen Naturgottheit personifizirte die Zeugung und Fruchtbarkeit auf allen Gebieten. Deßwegen war auch ihr Kultus ein wollüstiger. Herod. I. 93 erzählt, die Mädchen von Sardes hätten sich im Dienste der Göttin durch Umgang mit Männern ein Heirathsgut erworben. In der Ehe wären sie dann ihren Gatten treu gewesen. Athen. deipn. p. 515. Die Griechen machten die große Mutter der Kleinasiaten zur Gemahlin des Kronos, die Mutter des Zeus, der Ahnfrau der Götter. Der Niobesage liegt wohl die Mythe von der Cybele d. i. der fruchtbaren Erde, welche in jedem Herbste ihrer Kinder beraubt wird, zu Grunde. M. Duncker, Geschichte des Alterthums O. S. 252. Der Stein der Niobe sieht, wie schon Pausanias I. 21 erzählt, einem trauernden Weibe ähnlich. v. Olfers legte der archäologischen Gesellschaft zu Berlin den 4. Nov. 1862 Photographieen dieses Felsens vor, welche beweisen, daß die Kunst nachgeholfen hat, um dem Steine die Gestalt eines Weibes zu geben. – Als mittelgroßer Stein, den ein Mann aufzuheben vermochte, wurde Cybele zu Pessinus verehrt. Dieser Stein wurde am Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. auf Geheiß der sibyllinischen Bücher nach Rom gebracht und angewendet, um die angezweifelte Keuschheit der vestalischen Jungfrauen zu prüfen. Livius XXIX. 14. Phrygische Eunuchen versahen das Priesteramt bei demselben. Die beiden letzten Umstände beweisen, im Bunde mit vielen anderen Nachrichten, daß mit dem Namen Cybele zwei verschiedene (eine der Zeugung freundliche und eine ihr feindliche) Gottheiten bezeichnet worden sind. Duncker findet in ihr ganz richtig eine Vereinigung der syrischen Astarte und Aschera., die man Cybele oder Ma benennt. Du siehst das weiße Gemäuer aus dem Haine, der ihn umgibt, hervorleuchten. Da findet sich manches schattige Plätzchen, wo sich die jungen Leute von Sardes zu Ehren der Göttin, wie sie sagen, in süßer Liebe vereinen.«

»Grad' wie zu Babylon am Feste der Melitta(Anm. 36) Herod. I. 199. Buch Baruch VI. 43. Strabo 1058.

»An den Küsten von Cypern herrscht dieselbe Gewohnheit(Anm. 37) Herod. I. 199. Justin. XVIII. 5. Movers, Religion der Phönizier a. a. O. Prostitution gehörte überhaupt zum Kultus der Naturgottheiten Westasiens.. Als ich dort auf meiner Heimfahrt von Aegypten landete, empfing mich eine Schaar der schönsten Mädchen mit süßen Gesängen und führte mich, tanzend und Cymbeln schlagend, in den Hain ihrer Göttin. Dort mußte ich einige Goldstücke niederlegen und wurde dann von dem holdseligsten Kinde, das Du Dir denken kannst, in ein duftendes Zelt von Purpurstoff geführt, woselbst ein Lager von Rosen und Lilienblättern uns aufnahm.«

»Zopyrus wird der Krankheit des Bartja nicht zürnen.«

»Und sich länger im Haine der Cybele als an der Seite des Leidenden aufhalten. Ich freue mich sehr, den heitern Kumpan wiederzusehen.«

»Er wird jene trübe Laune, der Du jetzt so oft verfällst, nicht mehr aufkommen lassen.«

»Ich werde sie unterdrücken, obgleich jene Stimmungen, die Du mit Recht tadelst, ihren Grund haben. Krösus sagt, man sei nur übel gelaunt, wenn man zu träge oder kraftlos wäre, gegen Mißhelligkeiten anzukämpfen. Unser Freund hat Recht. Man soll Darius weder einer Schwäche noch einer Trägheit zeihen dürfen. Wenn ich nicht die Welt beherrschen kann, so will ich wenigstens Herr meiner selbst sein!«

Der schöne Jüngling richtete sich bei diesen Worten in seinem Sattel hoch empor. Sein Begleiter sah ihn staunend an und rief: »Wahrlich, Sohn des Hystaspes, ich glaube, daß Du zu großen Dingen bestimmt bist. Die Götter haben ihrem Lieblinge Cyrus, als Du noch ein Knabe warest, nicht von ungefähr jenen Traum geschenkt, um deswillen er Dich von Deinem Vater in Gewahrsam halten ließ.«

»Und dennoch sind mir noch keine Flügel gewachsen!«

»Nicht Deinem Körper, wohl aber Deinem Geiste. Jüngling, Jüngling, Du wandelst eine gefährliche Straße!«

»Braucht der Geflügelte den Abgrund zu fürchten?«

»Ja; wenn seine Kräfte versagen!«

»Ich aber bin stark!«

»Doch Stärkere werden versuchen, Deine Schwingen zu brechen!«

»Sie mögen kommen! Ich weiß, daß ich nur das Rechte will, und vertraue meinem Sterne!«

»Weißt Du auch, wie er heißt?«

»Er beherrschte die Stunde meiner Geburt und Anahita(Anm. 38) Der Planet Venus. Vullers, Fragmente über die Religion des Zoroaster. ist sein Name.«

»Ich glaube ihn besser zu kennen. Heißer Ehrgeiz nennt sich die Sonne, deren Strahlen Deine Handlungen leiten. Hüte Dich, Jüngling! Auch ich bin einstmals jene Straße gewandert, welche entweder zum Ruhm oder in die Schande, aber nur selten zum wahren Glücke führt. Der Ehrgeizige gleicht dem Dürstenden, welcher Salzwasser trinkt! Je mehr Ruhm er erntet, desto begieriger wird er nach Ruhm und Größe! Ich bin aus einem geringen Soldaten der Botschafter des Kambyses geworden; was bleibt Dir zu erstreben übrig, da es jetzt schon, außer den Kindern des Cyrus, keinen Größeren gibt, als Dich? . . . Aber trügen mich nicht meine Augen, so reiten dort Zopyrus und Gyges an der Spitze jener Reiterschaar, die uns von der Stadt her entgegengeht. Der Angare, welcher vor uns die Herberge verließ, muß unsere Ankunft gemeldet haben.«

»Ja, sie sind es!«

»Wahrlich! Sieh' nur, wie der muthwillige Zopyrus mit dem Palmenzweige, den er soeben abbrach, winkt und wedelt!«

»Ihr Leute, schneidet uns schnell ein paar Aeste von diesem Strauche! So ist's recht! Laßt uns mit purpurner Granate der grünen Palme antworten!«

Wenige Minuten später umarmten Darius und Prexaspes ihre Freunde. Dann zogen die vereinten Reiterschaaren durch die Gärten, welche den Gygäischen See, den Erholungsplatz der Bewohner von Sardes, umgaben, in die volkreiche Stadt, deren Bürger, da sich die Sonne zum Untergange neigte und kühlere Lüfte zu wehen begannen, in hellen Haufen den Thoren entströmten, um sich im Freien zu ergehen. Lydische Krieger mit reich verzierten Helmen und persische Soldaten, welche cylinderförmige Tiaren trugen, gingen geschminkten und bekränzten Dirnen nach. Wärterinnen führten Kinder zu dem See, um sie die Schwäne füttern zu lassen. Unter einem Platanenbaume saß ein blinder Sängergreis, der seinen zahlreichen Zuhörern wehmüthige Lieder, die er mit der zwanzigsaitigen lydischen Laute, der Magadis, begleitete, vorsang. Kegel und Würfel spielende(Anm. 39) Die Lyder sollen das Würfel-, Ball- und andere Spiele, nur nicht das Brettspiel erfunden haben. Herod. I. 94. Das letztere scheint ägyptischen Ursprungs zu sein. Uebrigens ist es auch höchst wahrscheinlich, daß man am Nile früher als in Lydien das Ballspiel kannte. Jünglinge ergötzten sich im Freien, und halberwachsene Mädchen kreischten erschrocken auf, wenn der geschleuderte Ball eine Genossin traf oder von ungefähr in den See fiel.

Die persischen Ankömmlinge achteten kaum dieses bunten Bildes, welches sie zu anderer Zeit ergötzt haben würde. Ihre ganze Aufmerksamkeit wandte sich den Freunden zu, die ihnen von Bartja und dessen glücklich überstandener Krankheit erzählten.

Der Satrap von Sardes, Oroetes, ein stattlicher Mann in überladen glänzender Hoftracht, dessen kleine schwarze Augen durchdringend und stechend unter buschigen zusammengewachsenen Augenbrauen hervorsprühten, kam ihnen an der ehernen Pforte des Palastes, den Krösus vor ihm bewohnt hatte, entgegen. Die Satrapie, welche er verwaltete, war eine der wichtigsten und einträglichsten im ganzen Reiche. Seine Hofhaltung glich derjenigen des Kambyses an Glanz und Reichthum, wenn auch seine Diener und Weiber weniger zahlreich waren, als die des Königs. Dennoch kam den Reitern an der Pforte des Palastes eine große Schaar von Leibwächtern, Sklaven, Eunuchen und reich gekleideten Beamten entgegen.

Das Statthaltereigebäude, welches noch immer prächtig genannt werden mußte, war einstmals, als Krösus dasselbe bewohnte, das glänzendste aller Königsschlösser gewesen; bei der Einnahme von Sardes waren aber von dem persischen Eroberer die Reichthümer des Entthronten in den Schatz des Cyrus nach Pasargadae abgeführt und die schönsten Kunstwerke von rohen Händen vernichtet worden. Seit jener Schreckenszeit hatten die Lyder manchen verborgenen Schatz hervorgeholt und sich in einigen Friedensjahren unter der Regierung des Cyrus und Kambyses durch Kunstfleiß und Betriebsamkeit soweit erholt, daß Sardes wiederum als eine der reichsten Städte Kleinasiens, und somit der ganzen Welt, angesehen werden konnte.

Obgleich Darius und Prexaspes an die Pracht einer königlichen Hofhaltung gewöhnt waren, so erstaunten sie dennoch über die Schönheit und den Glanz des Satrapenhauses. Absonderlich köstlich schien ihnen die künstliche Marmorarbeit, welche sich weder zu Babylon, noch zu Susa, noch zu Ekbatana vorfand(Anm. 40) Zur Zeit unserer Erzählung existirte der Palast von Persepolis noch nicht. Dieser war theils aus dem schwarzen Gestein des Berges Rachmed, theils aus weißem Marmor zusammengefügt. Darius wird den Bau desselben begonnen haben. Der Palast von Susa bestand aus Ziegeln, Strabo p. 728; der von Ekbatana aus Holz, welches mit Goldblechen von ungeheurem Werthe bekleidet und mit Ziegeln von edlen Metallen bedeckt war. Polyb. X. 27.. Gebrannte Ziegel und Cedernholz mußten dort die glatten Blöcke des Urkalkes ersetzen.

In der großen Halle fanden die Ankömmlinge den bleichen Bartja, welcher ihnen von dem Polster aus, auf dem er lag, die Arme entgegenstreckte.

Nachdem die neuvereinten Freunde an der Tafel des Satrapen geschmaust hatten, begaben sie sich, um einander ungestört sprechen zu können, in das Gemach des Genesenden. Als sie sich dort niedergelassen, rief Darius, indem er sich au Bartja wandte:

»Jetzt mußt Du mir zu allererst erzählen, wie Du zu dieser bösen Krankheit gekommen bist.«

»Kerngesund,« begann der Königssohn, »reisten wir, wie ihr wißt, von Babylon ab und kamen ohne Unterbrechung bis nach Germa, einem kleinen am Sangarius gelegenen Städtchen. Von dem anstrengenden Ritte ermüdet, verbrannt von der Sonne des Chordât und vom Staube des Weges beschmutzt, sprangen wir von den Pferden, warfen die Kleider ab und stürzten uns in die Wogen des Stromes, welcher klar und hell, recht zum Baden auffordernd, an dem Stationshause vorüberfloß. Gyges tadelte unsere Unvorsichtigkeit; wir aber schlugen, auf unsere abgehärteten Glieder bauend, seine Mahnungen in den Wind und schwammen fröhlich in den grünen Wogen umher. Vollkommen ruhig, wie immer, ließ uns Gyges gewähren, entkleidete sich, nachdem wir mit dem Bade fertig waren, und sprang gleichfalls in den Strom.

»Zwei Stunden später saßen wir von neuem in den Sätteln, jagten, als gälte es Tod und Leben, auf der Landstraße fort, wechselten bei jedem Stationshause die Pferde und machten die Nacht zum Tage.

»In der Nähe von Ipsus bekam ich heftige Kopf- und Gliederschmerzen, schämte mich aber, meine Leiden zu gestehen und hielt mich aufrecht, bis wir zu Bagis frische Pferde besteigen sollten. Als ich mich in den Sattel schwingen wollte, schwanden mir Kräfte und Sinne, und bewußtlos sank ich zu Boden.«

»Wir bekamen einen schönen Schreck, als Du zusammenbrachest,« unterbrach Zopyrus den Redner, »und es war ein rechtes Glück, daß Gyges bei mir war. Ich hatte den Kopf ganz und gar verloren; Jener behielt aber seine volle Geistesgegenwart und handelte, nachdem er seinem Herzen durch einige für uns nicht gerade schmeichelhafte Worte Luft gemacht hatte, wie ein umsichtiger Feldherr. – Der Esel von einem Arzte, der herzulief, betheuerte, Bartja sei rettungslos verloren, wofür er von mir eine Tracht Prügel bekam.«

»Die er sich gern gefallen ließ,« lachte der Satrap, »da Du auf jede Schwiele eine Goldstatere zu legen befahlest.«

»Meine Kampflust hat mich schon viel Geld gekostet! Doch zur Sache. Kaum hatte Bartja wieder die Augen geöffnet, als mir Gyges auftrug, nach Sardes zu reiten und einen guten Arzt mit einem bequemen Reisewagen zu holen. Den Ritt macht mir sobald Keiner nach! Eine Stunde vor der Stadt brach mein drittes Pferd vor Ermüdung zusammen. Nun lief ich, was ich laufen konnte, den Thoren zu. Die Spaziergänger und Wanderer müssen mich alle für wahnsinnig gehalten haben. Den ersten Reiter, der mir begegnete, einen Kaufmann aus Kelänä, riß ich ohne Weiteres vom Pferde, schwang mich in den Sattel und war, bevor der nächste Morgen graute, mit dem geschicktesten sardischen Arzte und dem besten Reisewagen des Oroetes bei unserem Kranken, den wir, im langsamsten Schritte fahrend, in dieses Haus brachten, woselbst er ein hitziges Fieber bekam, alle Dummheiten, die nur ein Menschengehirn ausdenken kann, phantasirte, und uns so grausame Angst ausstehen ließ, daß mir, wenn ich daran denke, noch immer die hellen Schweißtropfen von der Stirne triefen.«

Hier ergriff Bartja die Hand des Freundes und sagte, sich an Darius wendend:

»Ihm und Gyges verdanke ich mein Leben. Sie haben mich, bis sie euch entgegenritten, keine Minute verlassen und mich gepflegt wie eine Mutter ihr krankes Kind. Auch Deiner Güte, Oroetes, bin ich verpflichtet; doppelt, weil Dir aus derselben Unannehmlichkeiten erwachsen sind.«

»Wie wäre das möglich?« fragte Darius.

»Jener Polykrates von Samos, dessen Namen in Aegypten so oft genannt wurde, hat den berühmtesten Arzt, den Griechenland zeugte, bei sich. Nun schreibt Oroetes, als ich krank in seinem Hause liege, an DemocedesSiehe I. Theil Anmerkung 80. und bittet ihn mit ungeheuren Versprechungen, sogleich nach Sardes zu kommen. Samische Seeräuber, welche die ganze ionische Küste unsicher machen, fangen den Boten auf und überbringen den Brief des Oroetes ihrem Herrn Polykrates. Dieser öffnet ihn und schickt den Abgesandten hieher zurück mit der Botschaft, Democedes stehe in seinem Solde. Wenn Oroetes(Anm. 41) Dieser selbe Oroetes lockte später den Polykrates mit List nach Sardes und ließ ihn dort an's Kreuz schlagen. Herod. III. 120–125. Valerius Maximus VI. 9. 5. seine Dienste begehre, so möge er sich an ihn, den Polykrates selbst, wenden. Unser edler Freund demüthigte sich um meinetwillen und willfahrte dem Samier, indem er ihn seinen Arzt nach Sardes zu senden ersuchte.«

»Und Polykrates?« fragte Prexaspes.

»Der hochmüthige Inselfürst sandte sofort den Heilkünstler, welcher mich, wie ihr seht, wieder hergestellt und Sardes erst vor wenigen Tagen reich beschenkt verlassen hat.«

»Uebrigens,« fiel Zopyrus dem Königssohn in die Rede, »kann ich wohl begreifen, warum der Samier seinen Leibarzt nicht gern von sich läßt. Ich sage Dir, Darius, solchen Mann gibt es nicht zweimal! Schön ist er wie Minutscher, klug wie Piran Wisa, stark wie Rustem(Anm. 42) Helden aus der uns besonders durch die Epen des Firdusi erhaltenen ältesten persischen Sage. und hülfreich wie das heilige SomaSiehe II. Theil Anmerkung 50. Du hättest nur sehen sollen, wie er metallene Scheiben, die er Diskus nannte, zu schleudern verstand. Ich bin kein Schwächling; aber er warf mich nach kurzem Ringen zu Boden, und Geschichten konnte er Dir erzählen, Geschichten, daß einem beim Zuhören das Herz im Leibe tanzte.«

»Wir haben einen ähnlichen Menschen kennen gelernt,« sagte Darius, die Begeisterung seines Freundes belächelnd, »Phanes, den Athener, welcher damals kam, um unsere Unschuld zu beweisen.«

»Democedes, der Arzt, ist aus Kroton, einem Orte, der dicht beim Untergange der Sonne liegen muß –«

»Aber,« fügte Oroetes hinzu, »wie Athen von Hellenen bewohnt wird. Hütet euch vor diesen Menschen, meine jungen Freunde, denn sie sind eben so schlau, lügnerisch und selbstsüchtig, als kräftigen Leibes, klug und schön.«

»Democedes ist edel und wahrheitsliebend,« rief Zopyrus.

»Und Phanes,« versicherte Darius, »wird selbst von Krösus für ebenso tugendhaft als tüchtig gehalten.«

»Auch Sappho,« bestätigte Bartja diese Aussage, »hat des Atheners nur rühmend gedacht. Schweigen wir aber von den Hellenen, denen Oroetes nicht wohl will, da sie ihm, ihrer Widerspenstigkeit wegen, viel zu schaffen machen.«

»Das wissen die Götter!« seufzte der Satrap. »Eine Griechenstadt ist schwerer im Gehorsam zu halten, als alle Länder zwischen dem Euphrat und Tigris.«

Während dieser Worte des Satrapen war Zopyrus an das Fenster getreten und rief, den Redner unterbrechend: »Die Sterne stehen schon sehr hoch, und Bartja bedarf der Ruhe; darum eile Dich, Darius, und fange an von der Heimath zu erzählen!«

Der Sohn des Hystaspes winkte beistimmend und begann mit dem Berichte jener Ereignisse, welche wir bereits kennen. Das Ende der Nitetis flößte namentlich Bartja aufrichtige Teilnahme ein, während der entdeckte Betrug des Amasis alle Anwesenden mit Staunen und Entrüstung erfüllte.

»Nachdem die eigentliche Herkunft der Verstorbenen unumstößlich festgestellt war,« fuhr der Erzähler nach einer kurzen Pause fort, »schien Kambyses wie umgewandelt zu sein. Er berief uns Alle zum Kriegsrath, und hatte bei Tafel wieder statt der Trauerkleider königliche Gewänder an. Ihr könnt euch denken, mit welchem Jubel die Hoffnung auf einen Krieg mit Aegypten aufgenommen wurde. Nicht einmal Krösus, der dem Amasis wohl will, und sonst, wo er nur immer kann, zum Frieden räth, hatte diesmal etwas einzuwenden. Am andern Morgen wurde, wie gewöhnlich, das im Rausche Beschlossene nüchternen Muthes überdacht. Nachdem verschiedene Ansichten laut geworden waren, bat Phanes um das Wort und sprach wohl eine Stunde lang. Aber wie verstand er zu reden! Es war, als hätten ihm die Götter Wort für Wort in den Mund gelegt. Unsere Sprache, die er in unglaublich kurzer Zeit erlernt hat, floß wie Honig von seinen Lippen und lockte bald heiße Thränen aus Aller Augen, bald stürmischen Jubel und wilde Ausbrüche der Wuth aus der Brust der Anwesenden. Jede Bewegung seiner Hände war anmuthig wie der Wink einer Tänzerin, und dennoch männlich und würdevoll. Ich vermag seine Rede nicht wiederzugeben, denn meine Worte würden neben den seinen wie Trommelgerassel neben Donnerschlägen klingen. Und als wir endlich, hingerissen und begeistert, den Krieg einstimmig beschlossen hatten, nahm Phanes noch einmal das Wort und gab die Mittel und Wege an, durch welche man den Sieg am leichtesten erringen könnte.«

Hier mußte Darius innehalten, denn Zopyrus war ihm mit lauten Jubelrufen um den Hals gefallen. Auch Bartja, Gyges und der Satrap Oroetes nahmen diese Nachricht freudig auf und drängten den Erzähler, schleunigst fortzufahren.

»Im Monat Farwardin(Anm. 43) Der Farwardin ist gleich unserem März, der Murdâd gleich unserem Juli. Spiegel, Avesta, Einl. S. XCVIII.,« begann der Jüngling von neuem, »müssen unsere Heere an der Grenze von Aegypten stehen, weil im MurdâdFarw, März. Murd, Juli. der Nil sein Bett verläßt und den Marsch des Fußvolks zu hindern droht. Der Hellene Phanes ist jetzt auf dem Wege zu den Arabern, um ein Bündniß mit ihnen zu schließen(Anm. 44) Herod. III. 5.. Die Wüstensöhne sollen unsere Heere in ihrem quellenlosen Lande mit Wasser und Führern versehen. Ferner will er das reiche Cypern, welches er einstmals dem Amasis eroberte, für uns gewinnen. Die Könige dieser Insel haben durch seine Fürsprache ihre Kronen behalten und werden seinen Rathschlägen Folge leisten. Der Athener sorgt für Alles und kennt Weg und Steg, als könne er, wie die Sonne, die ganze Erde überschauen. Er zeigte uns auch das Bild aller Länder auf einer Kupfertafel.«

Oroetes nickte zustimmend mit dem Kopfe und sagte: »Auch ich besitze solches Gemälde der Welt. Ein Milesier Namens Hekatäus(Anm. 45) Hekatäus von Milet kann, wie Herodot »der Vater der Geschichte«, »der Vater der Geographie« genannt werden. Er verbesserte die Karten des Anaximander und schrieb ein großes Werk, »die Reise um die Welt«, welches leider, abgesehen von ganz kleinen Bruchstücken, verloren gegangen ist und von den Alten für das vorzüglichste in seiner Art gehalten wurde. Er kannte, wie Herod. V. 36 versichert, alle Theile des persischen Reichs auf's Genaueste und hat auch Aegypten bereist. Er lebte zur Zeit unserer Erzählung, denn er ward etwa um 550 v. Chr. zu Milet geboren, dessen Fall (496) er noch erlebte. Seine Karte ist von Klausen i. d. fragm. Heact. hergestellt worden. Solche findet sich auch bei Mure, Lan. and Lit. of ancient Greece. Tom. IV. Uebrigens gab es schon längst vor ihm Landkarten, die älteste bekannte ist die der Goldminen, im turiner ägypt. Museum aufbewahrte (s. III. Th. A. 107), welche eine ägyptische Priesterhand mit großem Geschicke und einer Projektion, die ein ziemlich deutliches Bild der dargestellten Gegend gibt, gezeichnet hat., der sich fortwährend auf Reisen befindet, hat es gezeichnet und es mir für einen Freipaß überlassen.«

»Was diese Hellenen aber auch Alles erdenken!« rief Zopyrus, der sich gar nicht erklären konnte, wie ein Bild der Erde aussehen möchte.

»Ich will Dir morgen meine Kupfertafel zeigen,« sagte Oroetes; »jetzt aber sollten wir Darius nicht wieder unterbrechen.«

»Phanes ging also nach Arabien,« fuhr der Erzähler fort, »während Prexaspes nicht nur abreiste, um Dir, Oroetes, zu befehlen, so viele Soldaten als möglich, – besonders Ionier und Karier, deren Anführung der Athener übernehmen wird, – auszuheben, sondern auch, um Polykrates ein Bündniß mit uns anzutragen.«

»Ein Bündniß mit ihm, dem Seeräuber?« fragte Oroetes, dessen Stirn sich verfinsterte.

»Demselben,« sagte Prexaspes, indem er die unwillige Miene des Oroetes geflissentlich unberücksichtigt ließ. »Phanes hat von dem Gebieter über so viele treffliche Schiffe schon Zusagen erhalten, die meiner Sendung einen günstigen Erfolg versprechen.«

»Die phönizischen, syrischen und ionischen Kriegsfahrzeuge,« erwiederte der Satrap, »würden hinreichen, um die ägyptische Flotte zu bewältigen.«

»Ganz Recht! Sollte sich aber Polykrates gegen uns erklären, so würden wir uns kaum auf der See behaupten können; sagtest Du doch selbst, daß er im ägäischen Meere nach Willkür schalte und walte.«

»Dennoch mißbillige ich jeden Vertrag mit dem Räuber!«

»Wir suchen vor allen Dingen starke Bundesgenossen, und die Seemacht des Polykrates ist gewaltig. Erst wenn wir Aegypten mit seiner Hülfe besitzen, wird die Zeit, seinen Uebermuth zu demüthigen, gekommen sein. Einstweilen bitte ich Dich, Deinen persönlichen Groll zu unterdrücken und nur an das Gelingen unseres großen Vorhabens zu denken. Diese Worte sage ich im Namen des Königs, dessen Ring ich trage und Dir zu zeigen beauftragt bin.«

Oroetes verneigte sich kurz vor diesem Zeichen der Herrschergewalt und fragte: »Was verlangt Kambyses von mir?«

»Er befiehlt, daß Du Alles aufbieten mögest, um jenes Bündniß mit dem Samier zu Stande zu bringen. Auch sollst Du Deine Truppen sobald als möglich zum großen Reichsheer in der babylonischen Ebene stoßen lassen.«

Der Satrap verneigte sich und verließ in trotziger Haltung das Zimmer.

Sobald seine Schritte in dem Säulengange des inneren Hofes verhallten, rief Zopyrus:

»Der arme Mann! Es ist hart für ihn, dem Uebermüthigen, der sich manche Frechheit gegen ihn herausnahm, freundlich begegnen zu sollen. Denkt nur an die Geschichte mit dem Arzte!«

»Du bist zu mild,« sagte Darius, den Freund unterbrechend. »Dieser Oroetes gefällt mir nicht! So darf man keinen Befehl des Königs aufnehmen! Saht ihr nicht, wie er seine Lippen blutig biß, als ihm Prexaspes den Siegelring des Herrschers zeigte?«

»In diesem Manne lebt ein trotziger Geist!« rief auch der Botschafter. »Er verließ uns so schnell, weil er seinen Zorn nicht länger bemeistern konnte.«

»Trotzdem ersuche ich Dich,« bat Bartja, »meinem Bruder das Benehmen des Satrapen, dem ich Dankbarkeit schulde, zu verschweigen.«

Prexaspes verneigte sich; Darius aber sprach: »Jedenfalls muß man ein wachsames Auge auf diesen Menschen richten. Gerade an dieser Stelle, so weit von der Pforte des Königs, inmitten feindlicher Völker, brauchen wir Statthalter, die ihrem Herrscher williger gehorchen, als Oroetes, der sich einbildet, König von Lydien zu sein!«

»Grollst Du dem Satrapen?« fragte Zopyrus.

»Ich glaube, ja,« – lautete die Antwort. »Wer mir auch begegnet, flößt mir gleich im ersten Augenblicke entweder Liebe oder Abneigung ein. Dieses schnelle unerklärliche Gefühl hat mich selten betrogen. Oroetes mißfiel mir schon, eh' ich ein Wort ans seinem Munde vernommen hatte. Ebenso erging es mir mit dem Aegypter Psamtik, während ich mich zu Amasis hingezogen fühlte.«

»Du bist einmal anders, als wir!« lachte Zopyrus »Thu' mir aber jetzt den Gefallen und laß den armen Oroetes ruhen; 's ist ganz gut, daß er fort ist, denn nun kannst Du ungezwungener von der Heimath reden. Was macht Kassandane und Deine Göttin Atossa? Wie geht's dem Krösus? Was treiben meine Weiber? Sie werden nächstens eine neue Gefährtin bekommen, denn ich bin willens, morgen um das holde Töchterlein des Oroetes zu werben. Mit den Augen haben wir Beide uns schon allerlei Liebes erzählt. Ich weiß nicht, ob wir persisch oder syrisch sprachen; aber wir sagten einander die angenehmsten Dinge.«

Die Freunde lachten, und Darius rief, in die allgemeine Heiterkeit einstimmend: »Jetzt sollt ihr ein frohe Botschaft, die ich mir eigentlich, als das Beste, für den Schluß aufgespart hatte, vernehmen. He, Bartja, spitze nur die Ohren! Deine Mutter, die edle Kassandane, hat das Licht der Augen zurückerlangt! Ja, ja, – es ist die reine, lautere Wahrheit! – Wer sie geheilt hat? – Nun wer anders, als der griesgrämliche Aegypter, der jetzt womöglich noch düsterer geworden ist, als früher. Beruhigt euch nur und laßt mich weiter erzählen, sonst wird es Morgen, ehe Bartja zum Schlafen kommt. Uebrigens sollten wir schon jetzt aus einander gehen, denn das Schönste habt ihr vernommen und könnt davon träumen. Ihr wollt nicht? Dann muß ich in Mithra's Namen weiter erzählen, wenn mir auch das Herz dabei blutet.

Laßt mich mit dem Könige beginnen! – So lange Phanes in Babylon war, schien er seinen Schmerz um die Aegypterin vergessen zu haben. Der Athener durfte ihn niemals verlassen. Sie waren so unzertrennlich wie Reksch und RustemSiehe II. Theil Anmerkung 119.. Kambyses fand in dieser Gesellschaft auch gar keine Zeit zur Trauer, denn der Hellene hatte jeden Augenblick neue Einfälle und unterhielt nicht nur den König, sondern uns Alle bewunderungswürdig. Dabei war ihm Jeder hold; ich glaube, weil ihn Keiner recht beneiden konnte. Sobald er nämlich einen Augenblick allein war, traten ihm Thränen über seinen gemordeten Knaben in die Augen; darum war seine große Heiterkeit, die er auch auf Deinen ernsten Bruder, lieber Bartja, zu übertragen verstand, doppelt bewundernswürdig. – Alle Morgen ritt er mit Kambyses und uns Allen zum Euphrat und freute sich an den Uebungen der Achämeniden-KnabenSiehe II. Theil Anmerkung 30.. Als er die Buben spornstreichs an den Sandhügeln vorbeireiten und die auf ihnen stehenden Töpfe mit Pfeilen zerschießen sah, als er erblickte, wie sie Holzblöcke auf einander warfen und ihnen geschickt auswichen(Anm. 46) Niebuhr sah auf seiner Reise nach Asien zu Schiraz junge Leute, welche diese Spiele mit großem Eifer betrieben. Siehe auch Hyde, De ludis orientalium., gestand er, daß er dies nicht nachzumachen verstünde, wogegen er sich anbot, im Speerwerfen und Ringspiele mit uns Allen den Kampf aufzunehmen. Lebhaft, wie er ist, sprang er sogleich vom Pferde, warf, – es war eine Schande(Anm. 47) Die Morgenländer hielten schon damals die Nacktheit für höchst unschicklich, während die Griechen nichts Schöneres kannten, als den nackten Körper. Als die Hetäre Phryne einst wegen Verletzung der Religion vor den Richtern stand, und diese sie verurtheilen wollten, riß der Vertheidiger des schönen Weibes das Gewand von ihrem Busen. Der Kunstgriff wirkte, denn überwältigt von der wunderbaren Anmuth der nackten Formen und überzeugt, daß nur einen Liebling Aphrodite's solche Reize zieren könnten, sprachen die Richter die Angeklagte frei. Athen. XIII. p. 590., – die Kleider ab und schleuderte, zum Jubel der Knaben, ihren Ringmeister wie eine Feder in den Sand. Dann überwältigte er eine gute Anzahl von Großsprechern und hätte wohl auch mich gezwungen, wenn er nicht schon ermüdet gewesen wäre. Ich versichere euch übrigens, daß ich stärker bin, als er, denn ich vermag schwerere Blöcke zu heben; der Athener gleicht aber einem Aal an Behendigkeit und umstrickt seine Gegner mit wunderbaren Griffen. Seine Nacktheit kam ihm auch zu Statten. Eigentlich sollte man, wäre es nicht unschicklich, nur entkleidet ringen und sich dazu, wie die Hellenen, die Haut mit Olivenöl salben. – Im Speerschleudern übertraf er uns gleichfalls, wogegen der Pfeil des Königs, der, wie ihr wißt, stolz darauf ist, der beste Schütze in Persien zu sein, weiter flog, als der seine. Am meisten lobte er unsere Sitte, daß nach dem Ringkampfe der Geworfene dem Sieger die Hand küssen muß. Endlich zeigte er uns eine neue Uebungsart, den Faustkampf. Seine Anwendbarkeit wollte er aber an keinem Freien erproben; darum ließ der König den größten und stärksten von allen Dienern, Bessus, meinen Stallknecht, kommen, der mit seinen riesigen Armen die Hinterbeine eines Pferdes so fest zusammendrückt, daß der Gaul zittert und sich nicht zu rühren vermag. Der gewaltige Schlagetodt, welcher Phanes mindestens um eines Hauptes Länge überragte, lachte und zuckte mitleidig die Achseln, als er hörte, daß er mit dem fremden Herrlein einen Faustkampf versuchen sollte. Seines Sieges gewiß, stellte er sich dem Athener gegenüber und that einen Schlag nach ihm, der einen Elephanten getödtet haben würde; Phanes aber wich ihm aus und schlug in dem gleichen Augenblicke dem Riesen so furchtbar mit der bloßen Faust unter die Augen, daß dem Munde und der Nase desselben ein Blutstrom entquoll, und der ungeschlachte Mensch heulend zu Boden sank. Als man ihn aufgerichtet hatte, glich sein Antlitz einem grünlichblauen Kürbis. Die Knaben jubelten über diesen Streich; wir aber bewunderten die Geschicklichkeit des Hellenen und freuten uns der guten Stimmung des Königs, die sich besonders bemerkbar machte, wenn ihm Phanes muntere griechische Lieder und Tanzweisen zu den Klängen der Laute vorsang.

Indessen hatte Kassandane durch die Kunst des Aegypters Nebenchari ihr Augenlicht wieder erlangt, ein Vorfall, welcher natürlich dazu beitrug, den Tiefsinn des Königs noch mehr zu zerstreuen. Wir hatten gute Tage, und ich wollte mich eben um Atossa's Hand bewerben, als Phanes nach Arabien aufbrach, und sich Alles schnell veränderte.

»Sobald nämlich der Athener die Pforte verlassen hatte, schienen alle bösen Diws in den König gefahren zu sein. Stumm und düster ging er einher, sprach kein Wort und genoß, um seinen Trübsinn zu übertäuben, schon am frühen Morgen ganze Kannen des schwersten syrischen Weines. Des Abends war er so trunken, daß man ihn gewöhnlich aus der Halle tragen mußte, während er des Morgens mit Krämpfen und Kopfschmerzen erwachte. Bei Tag wandelte er umher, als suche er etwas, und bei Nacht hörte man ihn oft den Namen Nitetis rufen. Die Aerzte waren für seine Gesundheit besorgt und gaben ihm Arzneien, die er fortgoß. Krösus hatte ganz Recht, als er ihnen eines Tages zurief: ›Ehe man sich mit der Heilung befaßt, ihr Herren Magier und Chaldäer, muß man den Sitz der Krankheit ergründet haben! Kennt ihr denselben? Nein? Dann will ich euch sagen, was dem König fehlt! Er hat ein inneres Leiden und eine Wunde. Das erstere heißt Langeweile, und die zweite sitzt im Herzen. Für jene ist der Athener gut, für diese aber weiß ich kein Mittel, denn die Erfahrung lehrt, daß solche Wunden entweder von selbst vernarben, oder aber nach innen verbluten.«

»›Ich wüßte dennoch eine Arznei für den König!‹ rief Otanes, der diese Worte vernommen hatte. ›Wir sollten ihn überreden, die Weiber, oder wenigstens meine Tochter Phädime, aus Susa zurückkommen zu lassen. Liebe zerstreut die Schwermuth und beschleunigt den Lauf des langsam fließenden Blutes!‹ – Wir gaben dem Redner Recht und forderten ihn auf, den Herrscher an die verbannten Frauen zu erinnern. Otanes wagte den Vorschlag, als wir gerade beim Schmause saßen, wurde aber so hart vom Könige angelassen, daß er uns Allen leid that. Kurze Zeit darauf ließ Kambyses eines Morgens alle Mobeds und Chaldäer kommen, um ihnen die Deutung eines seltsamen Traumgesichtes zu befehlen.

»Ihm hatte geträumt, daß er sich inmitten einer dürren Ebene befinde, die, dem Boden einer Tenne ähnlich, keinen Halm erzeugte. Mißgestimmt über den öden, traurigen Anblick des Platzes, wollte er soeben andere, fruchtbarere Orte aufsuchen, als Atossa erschien und, ohne ihn zu bemerken, einer Quelle entgegenlief, die plötzlich wie durch Zauberei mit fröhlichem Gemurmel aus dem dürren Boden emporquoll. Staunend sah er diesem Schauspiele zu und bemerkte, wie sich überall, wo der Fuß seiner Schwester das versengte Land berührt hatte, schlanke Terebinthen(Anm. 48) Die Könige von Persien mußten bei ihrer Krönung eine Terebinthe essen. Plutarch, Artaxerxes 3. erhoben, die sich, da sie größer wurden, in Cypressenbäume verwandelten, deren Gipfel bis in den Himmel ragten. Als er Atossa anreden wollte, war er aufgewacht.

»Die Mobeds und Chaldäer beriethen sich und deuteten den Traum dahin, Atossa werde bei all' ihren Unternehmungen vom Glücke begünstigt werden.

»Kambyses gab sich mit dieser Antwort zufrieden; als er aber in der nächsten Nacht ein ähnliches Traumbild erblickte, da bedrohte er die Mobeds mit dem Tode, wenn sie ihm keine andere Deutung geben würden. Die Weisen bedachten sich lange und antworteten endlich, Atossa werde einstmals Königin und die Mutter mächtiger Fürsten werden.

»Mit dieser Auslegung war der König zufrieden und lächelte sonderbar vor sich hin, als er uns seinen Traum erzählte.

»Kassandane berief mich am selbigen Tage und that mir zu wissen, ich möge, so lieb mir mein Leben wäre, jeder Hoffnung auf den Besitz ihrer Tochter entsagen.

»Eben wollt' ich den Garten der hohen Greisin verlassen, als ich Atossa hinter einem Granatengebüsch erblickte. Sie winkte mir. Ich kam. Wir vergaßen Gefahr und Schmerz und nahmen endlich Abschied auf immer. Jetzt wißt ihr Alles. Und nun, wo ich entsagt habe, wo jeder fernere Gedanken an dies holde Wesen Wahnsinn wäre, muß ich mir Gewalt anthun, um nicht eines Weibes wegen, wie der König, in Trübsinn zu verfallen. So lautet das Ende dieser Geschichte, deren Schluß wir schon erwarteten, als mich, den zum Tode Verurteilten, Atossa's Rose zum Glücklichsten aller Sterblichen machte. Hätt' ich euch damals, in der vermeinten Todesstunde, mein Geheimniß nicht verrathen, so würde es mit mir zu Grabe gegangen sein! Doch, was rede ich! Auf eure Verschwiegenheit darf ich ja zählen und bitte euch nur, mich nicht so bedauerlich anzublicken. Ich bin, wie ich meine, noch immer beneidenswerth, denn ich habe eine Stunde des Glücks genossen, die hundert Jahre des Elends aufwiegt. Ich danke euch – ich danke! Jetzt aber laßt mich schnell zu Ende kommen!

»Drei Tage nach meinem Abschiede von Atossa mußte ich Artystone, des Gobryas Tochter heimführen. Sie ist schön und würde einen anderen als mich glücklich machen. Am Morgen nach der Hochzeit kam der Angare, welcher die Nachricht von Bartja's Erkrankung nach Babylon brachte. Schnell entschlossen bat ich den König, Dich aufsuchen, pflegen und vor der Dein Leben in Aegypten bedrohenden Gefahr warnen zu dürfen, nahm, trotz der Einsprache meines Schwiegervaters, von meiner Neuvermählten Abschied und jagte in Begleitung des Prexaspes ohne Aufenthalt an Deine Seite, mein Bartja, um Dich mit Zopyrus nach Aegypten zu begleiten, während Gyges dem Botschafter als Dolmetscher nach Samos folgen muß. Also befiehlt es der König, dessen Stimmung sich in den letzten Tagen verbessert hat, weil er in der Besichtigung der herbeiziehenden Heeresmassen Zerstreuung findet, und ihn die Chaldäer versichert haben, daß der Planet Adar(Anm. 49) Der Planet Mars. Chron. Pasch. I. p. 18. Cedrenus, Chron. I. p. 29. Cicero, Nat. deor. II. 20. 46., welcher ihrem Kriegsgotte Chanon angehört, den persischen Waffen einen großen Sieg verheiße. Wann denkst Du reisen zu dürfen, Bartja?«

»Morgen, wenn Du willst,« antwortete dieser. »Die Aerzte sagten, daß mir die Seefahrt gut bekommen würde. Die Landreise bis Smyrna ist ja nur kurz.«

»Und ich,« fügte Zopyrus hinzu, »versichere Dich, daß Deine Liebste Dich schneller gesund machen wird, als alle Arzneibereiter der Welt!«

»So wollen wir in drei Tagen aufbrechen,« überlegte Darius, »denn wir haben noch allerlei vor der Abfahrt zu besorgen. Bedenkt nur, daß wir in ein so gut wie feindliches Land ziehen! Bartja muß, so habe ich mir das Ding überlegt, als ein Teppichhändler von Babylon auftreten. Ich stelle seinen Bruder dar und Zopyrus einen Kaufmann, der mit sardischem Roth(Anm. 50) Eine im Alterthume sehr beliebte Farbe, welche aus der Blüthe des Sandixbaumes gewonnen wurde. Aristoph. Acharn. 113. Handel treibt.«

»Könnten wir nicht als Krieger auftreten?« fragte Zopyrus, »'s ist schmählich, für solchen trügerischen Schacherer gehalten zu werden! Wie wär's z. B., wenn wir uns für lydische Soldaten ausgeben, die einer Strafe entflohen sind und Dienste im ägyptischen Heere suchten?«

»Der Vorschlag ließe sich hören!« sagte Bartja. »Auch meine ich, daß man uns, unserer Haltung wegen, eher für Krieger, als für Kaufleute ansehen würde.«

»Das wäre nicht maßgebend,« erwiederte Gyges. »So ein hellenischer Großhändler und Schiffsherr geht einher, als wenn ihm die Welt gehörte. Uebrigens finde ich den Vorschlag des Zopyrus nicht übel.«

»Gut denn,« sagte Darius, nachgebend. »So muß uns Oroetes mit den Kleidern lydischer Taxiarchen(Anm. 51) Die persische Armee war in Dezimaltheile gegliedert. Die Division zählte 10,000, das Regiment 1000, die Kompagnie 100 Mann. Der Taxiarch war etwa gleich unserem Hauptmann, der Hekatontarch ein über 100, der Chiliarch ein über 1000 Mann Kommandirender. Uebrigens bezeichnete später bei den Persern der Name der Chiliarchen eine sehr hohe Stellung, deren Träger (χιλιάρχης) die erste Person nach dem Könige gewesen sein soll. Diod. XVIII. 48. Aelian, Var. hist. I. 21. versehen.«

»Warum nicht gar mit dem Schmucke der Chiliarchen!« rief Gyges. »Das würde bei eurer Jugend Verdacht erregen.«

»Als gemeine Soldaten können wir doch nicht auftreten.«

»Nein, aber wohl als Hekatontarchen!«

»Auch gut,« lachte Zopyrus, »wenn ich mich nur nicht für einen Krämer ausgeben muß! – In drei Tagen geht's also fort! 's ist mir lieb, daß ich Zeit behalte, mich des Töchterleins dieses Satrapen zu versichern und endlich einmal den Cybele-Hain, nach dem ich mich schon lange sehne, zu besuchen. Aber jetzt, gute Nacht, Bartja! Und daß Du gehörig lange liegen bleibst. Was würde Sappho sagen, wenn Du mit bleichen Wangen zu ihr kämest!« –

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