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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Am zwölften Tage nach dem Tode der Nitetis begab sich Kambyses wieder auf die Jagd. Das Waidwerk mit seiner Anstrengung, seinen Gefahren und Erregungen sollte ihn zerstreuen. Die Großen und Würdenträger empfingen ihren Herrscher mit donnerndem Zurufe, den er freundlich dankend hinnahm. Die wenigen Tage des Grams hatten den des Leides ungewohnten Mann sehr verändert. Sein Angesicht war bleich, sein rabenschwarzes Haupt- und Barthaar grau geworden. Die frühere Siegesgewißheit strahlte nicht mehr so leuchtend, wie sonst, aus seinen Blicken; hatte er doch schmerzlich erfahren, daß es einen stärkeren Willen gab, als den seinen, daß er zwar Vieles vernichten, aber auch nicht das ärmste Leben erhalten konnte. Ehe man aufbrach, musterte Kambyses die Jäger, rief Gobryas herbei und fragte nach Phanes.

»Mein König hat nicht befohlen –«

»Er ist ein- für allemal mein Gast und Gefährte. Rufe ihn und folge uns nach.«

Gobryas verneigte sich, sprengte zum Palaste zurück und hielt nach einer halben Stunde wiederum mit Phanes beim Gefolge des Königs.

Mancher freundliche Gruß der Jagdgenossen wurde dem Athener zu Theil; ein Umstand, der um so befremdender erscheinen mußte, weil Niemand neidischer zu sein pflegt, als Höflinge, und kein Mensch der Mißgunst sicherer sein darf, als der Günstling eines Herrschers. Nur Phanes schien eine Ausnahme von dieser Regel bilden zu wollen. Er war allen Achämeniden so offen, so frei und doch bescheiden entgegengekommen und hatte durch hingeworfene Andeutungen auf einen großen Krieg, der nicht ausbleiben könne, so viele Hoffnungen zu erregen und durch trefflich erzählte, den Persern ganz neue Scherze so große Heiterkeit zu erwecken verstanden, daß Alle, mit wenigen Ausnahmen, das Erscheinen des Atheners freudig begrüßten. Als er sich von dem Jägerzuge getrennt hatte, um mit dem Könige einen wilden Esel zu verfolgen, gestand Einer dem Andern zu, noch niemals einen so vollkommenen Mann wie Phanes gesehen zu haben. Man bewunderte die Klugheit, mit der er die Unschuld der Gefangenen an den Tag gebracht, die Feinheit, mit welcher er den König gewonnen, die Schnelligkeit, mit der er die persische Sprache erlernt hatte. Dabei wurde er von keinem der Achämeniden durch Schönheit und Ebenmaß der Gestalt übertroffen. Auf der Jagd bewährte er sich als vollkommener Reiter, und im Kampfe mit einem Bären als ausnehmend kühner und geschickter Jäger. Während die Höflinge bei der Heimkehr all' diese Eigenschaften des neuen Günstlings in den Himmel erhoben, rief der alte Araspes: »Ich gebe gern zu, daß dieser Hellene, welcher sich übrigens auch schon im Kriege bestens bewährt hat, ein seltener Mann ist; ihr würdet ihm aber nicht halb so viel Lob zu Theil werden lassen, wenn er kein Fremder, wenn euch seine Art nichts Neues wäre!«

Phanes hatte diese Worte vernommen, denn er befand sich, von dichtem Strauchwerk versteckt, in unmittelbarer Nähe des Redners. Als dieser schwing, gesellte er sich zu den Plaudernden und sagte lächelnd: »Ich habe Dich verstanden und danke Dir für Deine freundliche Gesinnung. Der zweite Theil Deiner Rede berührte mich beinahe noch angenehmer als der erste; fand ich doch in ihm meine eigene Bemerkung bestätigt, daß ihr Perser das großmüthigste aller Völker seid, da ihr den Tugenden fremder Menschen dasselbe, ja beinahe größeres Lob als euren eigenen zu Theil werden lasset.«

Alle Anwesenden lächelten geschmeichelt, Phanes aber fuhr fort: »Wie anders sind zum Beispiel die Juden! Sie halten sich für das einzige den Göttern wohlgefällige Volk und machen sich dadurch allen Weisen verächtlich und der ganzen Welt verhaßt. Und nun erst die Aegypter! Ihr glaubt nicht, wie verkehrt diese Menschen sind! Wenn es auf die Priester, welche ausnehmend mächtig sind, allein ankäme, so würden alle Ausländer getödtet und das ganze Reich des Amasis jedem Fremden unzugänglich gemacht werden. Ein ächter Aegypter hungert lieber, als daß er aus einem Topfe mit unsereinem speist. Es gibt nirgends so viel Seltsamkeiten, so viel Befremdliches und Staunenerregendes wie dort! Doch um billig zu sein, muß ich auch gestehen, daß Aegypten mit Recht als reichstes und wohlbebautestes aller Länder der Welt bekannt ist. Wem dieses Reich gehört, der braucht selbst die Götter ihrer Schätze wegen nicht zu beneiden! Und es ist kinderleicht zu erobern, dies schöne Aegypten! Ich kenne die dortigen Verhältnisse aus zehnjähriger Erfahrung und weiß, daß die ganze Kriegerkaste des Amasis einer einzigen Schaar, wie eure Unsterblichen, nicht widerstehen könnte. Nun, wer weiß, was die Zukunft bringt! Vielleicht machen wir noch Alle zusammen einen Ausflug nach dem Nil. Ich meine, daß eure guten Schwerter ziemlich lange gerostet haben!«

Allgemeine stürmische Beifallsrufe begleiteten diese wohlberechneten Worte des Atheners.

Kambyses hatte den Jubel seines Gefolges vernommen, wandte sein Roß und fragte nach der Ursache desselben. Phanes nahm schnell das Wort und sagte, die Achämeniden hätten gejauchzt beim Gedanken an die Möglichkeit eines bevorstehenden Krieges.

»Welchen Krieges?« fragte der König, zum Erstenmale seit langen Tagen lächelnd.

»Wir redeten nur von der allgemeinen Möglichkeit,« antwortete Phanes leichthin. Dann lenkte er sein Roß dicht an die Seite des Königs. Seine Stimme nahm einen gesangreichen, zum Herren gehenden Ton an; mit innigem Ausdruck schaute er in die Augen des Königs und sprach: »O, mein Fürst, zwar bin ich nicht als Dein Unterthan in diesem schönen Lande geboren, zwar darf ich erst seit kurzer Zeit mich rühmen, den Mächtigsten aller Herrscher zu kennen, und dennoch vermag ich mich des vielleicht frevelhaften Gedankens nicht zu erwehren, daß die Götter mein Herz von Geburt an zu inniger Freundschaft mit Dir bestimmt haben. Nicht jene großen Wohlthaten, welche Du mir erwiesen, haben mich Dir so schnell und innig genähert. Deren bedarf ich nicht, denn ich zähle zu den Reicheren meines Volkes und habe keinen Sohn, keinen Erben, dem ich erworbene Schätze vermachen könnte. Einstmals nannte ich einen Knaben mein, ein schönes, liebliches Kind; – aber das wollte ich Dir ja nicht sagen, ich . . . Zürnest Du meiner Freimüthigkeit, o König?«

»Wie sollte ich!« antwortete der Herrscher, zu dem noch niemand vor dem Athener in ähnlicher Weise geredet hatte, und der sich mächtig zu dem seltsamen Fremden hingezogen fühlte.

»Bis zum heutigen Tage war mir Dein Schmerz zu heilig, um ihn zu stören; jetzt aber ist die Zeit gekommen, Dich dem Grame zu entreißen und Dein erkaltendes Herz mit neuer Gluth zu erfüllen. Du wirst Dinge vernehmen, welche Dich kränken müssen.«

»Es gibt nichts mehr, was mich betrüben könnte!«

»Meine Worte werden nicht Deinen Schmerz, sondern Deinen Zorn erregen!«

»Du spannst meine Neugier!«

»Man hat Dich schnöde betrogen; Dich, wie jenes liebliche Wesen, das vor wenigen Tagen einem zu frühen Tode verfiel.«

Kambyses schaute den Athener mit blitzenden Augen fragend an.

»König Amasis von Ägypten hat sich erlaubt, mit Dir, dem mächtigen Herrn der Erde, ein freventliches Spiel zu treiben. Jene holde Jungfrau war nicht seine Tochter, obgleich sie selber glaubte, das Kind des Amasis zu sein; sie –«

»Unmöglich!«

»So sollt' es scheinen, und dennoch rede ich die reine Wahrheit! Amasis hat ein Gewebe von Lügen gesponnen, mit dem er alle Welt, und auch Dich, o  König, bestrickte. Nitetis, das holdeste Wesen, welches jemals von einem Weibe geboren wurde, war ein Fürstenkind; aber nicht der Kronenräuber Amasis, nein, der ächte, aber durch ihn gestürzte König von Ägypten, Hophra, erzeugte diese Perle! Runzle die Stirn, mein Herrscher; Du hast ein Recht dazu, denn es ist grausam, von Freunden und Bundesgenossen betrogen zu werden!«

Kambyses gab seinem Hengste die Sporen und rief, nachdem Phanes, um seine letzten Worte tief wirken zu lassen, eine Zeitlang geschwiegen hatte. »Das Nähere! Weiter! Ich will Näheres wissen!«

»Der entthronte Hophra hatte zwanzig Jahre(Anm. 24) Nach Herod. II. 169 behandelte Amasis seinen entthronten Vorgänger sehr huldreich und ließ ihn leben, bis er von den Aegyptern überfallen und erhängt wurde. Um des Alters der Nitetis willen müssen wir Hophra seinen Sturz um zwanzig Jahre überleben lassen. Nur so können wir die Geschichte des Herod. III. 1, welche unserer Erzählung zu Grunde liegt, retten. Amasis würde kaum gewagt haben, dem Großkönige von Persien eine vierzigjährige Jungfrau zum Weibe anzubieten. Dabei muß noch bedacht werden, daß eine vierzigjährige Dame vom Nil älter ist, als eine sechzigjährige Europäerin. In der Vorrede ist bereits über diese Frage gehandelt worden. lang in leichter Gefangenschaft zu Sais gelebt, als sich seine Gattin, welche drei Kinder geboren und ebensoviele begraben hatte, zum andern Male schwanger fühlte. Hophra war glücklich und wollte, um sich für diese Gnade zu bedanken, in dem Tempel der PachtSiehe I. Theil Anmerkung 53., einer ägyptischen Göttin, der man den Kindersegen zuschreibt, Opfer bringen, als ein früherer Großer seines Hofes, Namens Patarbemis(Anm. 25) Herod. II. 162., den er im Zorn ungerechter Weise schmählich verstümmelt hatte, ihn mit einer Schaar von Sklaven überfiel und niedermetzelte. Amasis ließ die klagende Wittwe sofort in seinen Palast bringen und ihr ein Gemach neben dem Zimmer seiner Gattin Ladice anweisen, welche gleich ihr einer baldigen Niederkunft entgegensah. Die Wittwe des Hophra schenkte dort einem Mädchen das Leben, gab aber selbst in der schweren Stunde den Geist auf. Ladice genas zwei Tage später gleichfalls eines Kindes. – Aber da sind wir im Schloßhofe. Wenn Du mir gestattest, so werde ich Dir den Bericht des Geburtshelfers, welcher den Betrug vermittelte, vorlesen lassen. Verschiedene Aufzeichnungen desselben sind durch eine wunderbare Fügung, von der ich Dir später erzählen werde, in meine Hände gekommen. Onuphis, ein früherer Oberpriester von Heliopolis in Ägypten, lebt hier zu Babylon und kennt alle Schreibarten(Anm. 26) Zur Zeit des Amasis existirten schon die drei Schreibarten der Aegypter, obgleich die ersten Proben der demotischen (Volks-) oder Briefschrift, welche wir besitzen, nicht viel älter sind, als die Dynastie, der er angehört. (Die 26.) seines Volkes. Nebenchari, der Augenarzt, wird sich, wie natürlich, weigern, einen Betrug, der seinem Vaterlande sicheres Verderben bringen muß, aufdecken zu helfen.«

»Ich erwarte Dich in einer Stunde mit jenem Manne. Krösus, Nebenchari und alle Achämeniden, welche in Aegypten waren, sollen gleichfalls erscheinen. Bevor ich handle, muß ich Gewißheit haben. Dein Zeugniß reicht nicht aus, denn ich weiß von Amasis selbst, daß Du Grund hast, seinem Hause zu zürnen.«

Zur festgesetzten Zeit standen die Befohlenen vor dem Könige.

Der frühere Oberpriester Onuphis war ein Greis von achtzig Jahren, dessen abgezehrtes Haupt einem Todtenschädel geglichen haben würde, wenn nicht aus demselben zwei große graue Augen hell und geistvoll geblickt hätten. Er saß, da er seiner gelähmten Glieder wegen nicht anders konnte, auch vor dem Könige in einem Lehnsessel und hielt eine große Papyrusrolle in der abgemagerten Hand. Seine Kleidung war schneeig weiß, wie sich dies für den Priester ziemte, zeigte aber hier und dort Flicken und Risse. Früher mochte er groß und schlank gewesen sein; jetzt aber war er so gebeugt und zusammengezogen von Alter, Entbehrungen und Leiden, daß seine Gestalt winzig klein, sein Haupt dagegen viel zu groß für den zwerghaften Leib erschien.

Neben diesem seltsamen Manne stand Nebenchari und legte die Kissen, welche seinen Rücken stützten, zurecht. Der Arzt verehrte in ihm nicht nur den in alle Mysterien tief eingeweihten Oberpriester, sondern auch den hochbetagten Greis(Anm. 27) Das Alter zu ehren galt den Aegyptern als heilige Pflicht. Herod. II. 80. Cicero, De senectute 18. Geht auch aus dem literarischen Nachlasse der Aegypter selbst hervor. Im Papyrus Prisse findet sich das 4. Gebot des mosaischen Gesetzes, selbst mit der Verheißung.. Zur Linken des Alten stand Phanes, neben diesem Krösus, Darius und Prexaspes.

Der König saß auf einem Thronsessel. Sein Angesicht war streng und düster, als er, das Schweigen der Anwesenden unterbrechend, also anhob: »Der edle Hellene dort, den ich für meinen Freund zu halten geneigt bin, hat mir seltsame Mittheilungen gemacht. Amasis von Aegypten soll mich schnöder Weise betrogen haben. Meine verstorbene Gattin soll nicht seine, sondern seines Vorgängers Tochter gewesen sein!«

Ein Murmeln des Staunens ließ sich hören.

»Der Greis dort drüben ist erschienen, um uns den Betrug zu beweisen.«

Onuphis machte eine beistimmende Bewegung.

»Jetzt richte ich zuerst an Dich, Prexaspes, meinen Botschafter, die Frage. Ist Dir Nitetis ausdrücklich als Tochter des Amasis übergeben worden?«

»Ausdrücklich! Zwar hatte Nebenchari der hohen Kassandane die andere Zwillingsschwester, Tachot, als die schönere von beiden Königstöchtern gepriesen; Amasis bestand aber darauf, Nitetis nach Persien zu schicken. Ich vermuthete, daß er Dich, indem er Dir sein schönstes Kleinod anvertraute, besonders verpflichten wollte, und ließ ab von der Werbung um Tachot, weil mir die Verstorbene, sowohl an Liebreiz als an Würde, ihre Schwester zu überragen schien. In seinem Briefe an Dich schrieb er auch, wie Du Dich erinnern wirst, daß er Dir sein schönstes, liebstes Kind anvertraue.«

»Also schrieb er.«

»Und sicher war Nitetis die schönere und edlere von Beiden,« bestätigte Krösus die Worte des Gesandten. »Uebrigens kam es mir vor, als wäre Tachot der Liebling des ägyptischen Königspaares.«

»Ganz gewiß!« fügte Darius hinzu; »Amasis neckte einst Bartja beim Schmause und sagte: ›Sieh' nicht zu tief in Tachot's Augen, denn wärest Du auch ein Gott, so würde ich Dir doch nicht gestatten, sie mit nach Persien zu nehmen!‹ Der Thronfolger Psamtik war über diese Aeußerung auffallend entrüstet und rief dem Könige zu: ›Vater, gedenke des Phanes!‹«

»Des Phanes?«

»Ja, mein König,« antwortete der Athener. »Amasis hatte mir einst im Rausche sein Geheimniß verrathen; Psamtik warnte ihn nun, sich nicht zum Zweitenmale zu vergessen.«

»Erzähle!«

»Als ich von Cypern siegreich nach Sais heimkehrte, wurde ein großes Fest bei Hofe gefeiert. Amasis zeichnete mich in jeder Weise aus und umarmte mich, weil ich eine reiche Provinz für ihn gewonnen hatte, zum Entsetzen seiner Landsleute. Je trunkener er wurde, desto wärmere Anerkennung zollte er mir. Als ich ihn endlich mit Psamtik in seine Wohnung zurückführte, und wir an den Gemächern seiner Tochter vorüberkamen, blieb er stehen und sagte: ›Da schlummern die Mädchen. Wenn Du Deine Gattin verstoßen willst, Athener, so gebe ich Dir Nitetis zum Weibe! Du wärest mir ein lieber Eidam! 's ist ein wunderlich Ding mit dem Mädchen, Phanes! Sie ist nicht mein eigenes Kind!‹ . . . So viel ließ Psamtik den Trunkenen sagen. Dann legte er ihm die Hand auf den Mund und schickte mich mit barschen Worten in mein Quartier. Dort überdachte ich das Gehörte und reimte mir zusammen, was ich jetzt aus sicherer Quelle weiß. Ich bitte Dich, König, diesem Greise zu befehlen, die bezüglichen Tagebuchblätter des Geburtshelfers Imhotep zu übersetzen.«

Kambyses winkte, und der Greis las mit lauter, klangreicher Stimme, welche Niemand diesem gebrechlichen Körper zugetraut haben würde: »Am fünften Tage des Monats Toth(Anm. 28) Der Monat Thoth dauerte vom 29. August bis zum 27. September. Der 5. Thoth war also gleich unserem 2. September. wurde ich zum Könige gerufen. Ich erwartete dies, denn die Königin lag in den Wehen. Mit meiner Hülfe genas sie leicht und glücklich eines schwachen Mädchens. – Als die Amme dasselbe übernommen hatte, führte mich Amasis hinter den Vorhang, der das Schlafgemach seiner Gattin zertheilt. Dort lag ein zweiter Säugling, in dem ich das Neugeborene der Gattin des Hophra erkannte, die am dritten Tage des Toth unter meinen Händen gestorben war. Der König zeigte auf die kräftige Kleine und sagte: ›Dies ist ein elternloses Wesen; da aber das Gesetz sagt, man solle sich der verlassenen Waisen annehmen(Anm. 29) Nicht nur das Todtenbuch ward hier zu Grunde gelegt; es geht vielmehr auch aus vielen anderen Texten hervor, daß es den Aegyptern geboten war, Mildthätigkeit, namentlich auch gegen Wittwen und Waisen, zu üben. So rühmt sich ein vornehmer Gouverneur in seinem Grabe zu Benihassan (Lepsius, Denkm. II. Bl. 22), kein schwaches Kind (vielleicht Waise zu verstehen) geschädigt, keiner Wittwe Böses angethan zu haben &c., so haben Ladice und ich beschlossen, diesen Säugling aufzuerziehen, als wenn er unsere eigene Tochter wäre. Nun liegt uns daran, der Welt und dem Kinde diese Handlung zu verbergen. Darum bitte ich Dich, reinen Mund zu halten und zu verbreiten, Ladice habe ein Zwillingspaar zur Welt gebracht. Vollbringst Du dies nach unserem Willen, so erhältst Du heute noch 5000 goldene RingeSiehe I. Theil Anmerkung 172. und Jahr für Jahr, so lange Du lebst, den fünften Theil dieser Summe.‹ Ich verneigte mich schweigend, befahl allen Anwesenden, die Wochenstube zu verlassen, und rief sie dann wieder herein, um ihnen mitzutheilen, daß Ladice eines zweiten Mägdleins genesen sei. Das rechte Kind des Amasis erhielt den Namen Tachot, das untergeschobne wurde Nitetis genannt.«

Kambyses sprang bei diesen Worten von seinem Sitze auf und durchmaß den Saal mit großen Schritten; Onuphis aber fuhr, ohne sich stören zu lassen, fort: »Am sechsten Tage des Monats Toth. Als ich mich heute Morgen, um ein wenig von den Anstrengungen der Nacht auszuruhen, niedergelegt hatte, erschien ein Diener des Königs, der mir das versprochene Gold und einen Brief überbrachte. In demselben wurde ich gebeten, ein todtes Kind zu schaffen, welches als das verstorbene Töchterlein des Hophra mit großer Feierlichkeit bestattet werden sollte. Mit vieler Mühe hab' ich vor einer Stunde das Verlangte von dem armen Mädchen, welches heimlich bei der alten Frau, die am Eingange der Todtenstadt wohnt, niedergekommen ist, erhalten. Sie wollte ihren verstorbenen Liebling, der ihr so viel Gram und Schande gebracht hatte, nicht von sich geben und willfahrte mir nur, als ich ihr versprach, das Kleine sollte auf's Schönste mumisirt und beigesetzt werden. In meinem großen Arzneikasten, den diesmal mein Sohn Nebenchari, statt meines Dieners Hib, tragen mußte, schafften wir die kleine Leiche in das Wochenzimmer der Gattin des Hophra. Das Kind des armen Mädchens wird mit aller Herrlichkeit begraben werden. Dürfte ich ihr doch mittheilen, welches schöne Loos ihren Liebling nach dem Tode erwartet! Nebenchari wird soeben zum Könige berufen.«

Bei der zweiten Nennung dieses Namens blieb Kambyses stehen und fragte: »Ist unser Augenarzt Nebenchari derselbe, dessen diese Schrift erwähnt?«

»Nebenchari,« gab Phanes zurück, »ist der Sohn desselben Imhotep, der die beiden Kinder vertauschte!«

Der Augenarzt blickte düster zu Boden.

Kambyses nahm Onuphis die Papyrusrolle aus der Hand, beschaute die Schriftzeichen, welche sie bedeckten, kopfschüttelnd, näherte sich dem Arzte und sprach:

»Betrachte diese Zeichen und sage mir, ob Dein Vater sie geschrieben?«

Nebenchari fiel auf die Kniee nieder und erhob seine Hände.

»Hat Dein Vater diese Zeichen gemalt? frage ich.«

»Ich weiß nicht, ob . . . . In der That . . . .«

»Die Wahrheit will ich wissen! Ja oder nein?«

»Ja, mein König; aber . . . .«

»Erhebe Dich und sei meiner Gnade gewiß. Es zieret den Unterthan, wenn er treu zu seinem Herrscher steht; vergiß aber nicht, daß Du mich jetzt Deinen König zu nennen hast. Kassandane ließ mir sagen, Du wollest ihr morgen durch eine kunstreiche Operation das Gesicht wiedergeben. Wagst Du auch nicht zu viel?«

»Ich bin meiner Kunst gewiß, o König!«

»Noch Eins! – Wußtest Du um diesen Betrug?«

»Ja – mein Fürst.«

»Und Du ließest mich im Irrthume?«

»Ich hatte Amasis schwören müssen, das Geheimniß zu bewahren, und ein Schwur . . . .«

»Der Schwur ist heilig. Sorge dafür, Gobryas, daß diesen beiden Aegyptern eine Portion von unserer Tafel angewiesen werde. Du scheinst einer besseren Nahrung zu bedürfen, Alter!«

»Ich bedarf Nichts, als Luft zum Athmen, eine Krume Brod und einen Schluck Wasser, um nicht zu verhungern und zu verdursten, ein reines Gewand, um den Göttern und mir selbst angenehm zu sein, und ein eigenes Stübchen, um keinem Menschen im Wege zu stehen. Niemals war ich reicher, als am heutigen Tage.«

»Wie so?«

»Ich bin soeben im Begriff, ein Königreich zu verschenken.«

»Du sprichst in Räthseln.«

»Ich habe durch meine Uebersetzung dargethan, daß Deine verstorbene Gattin das Kind des Hophra gewesen sei. Nach unserem Erbrechte hat, wenn keine Söhne oder Brüder vorhanden sind, auch die Tochter des Königs ein volles Anrecht auf den ThronS. III. Theil Anmerkung 7.. Wenn diese wiederum kinderlos stirbt, so ist ihr Gatte ihr gesetzlicher Nachfolger. Amasis ist ein Kronenräuber, während Hophra und seine Nachkommen durch das Recht der Geburt Ansprüche auf die Herrscherwürde haben. Psamtik verliert jedes Recht auf das Szepter, sobald sich ein Bruder, ein Sohn, eine Tochter oder ein Eidam des Hophra findet. Also begrüße ich in meinem Könige den zukünftigen Herrn meines schönen Vaterlandes.«

Kambyses lächelte selbstgefällig, und Onuphis fuhr fort:

»Auch habe ich in den Sternen gelesen, daß Psamtik untergehen wird; Dir aber die Krone von Aegypten beschieden ist.«

»Die Sterne sollen Recht behalten!« rief Kambyses; »Dir aber, Du freigebiger Alter, befehle ich, einen Wunsch, er möge lauten, wie er wolle, auszusprechen.«

»Laß mich Deinem Heerzuge in einem Wagen folgen. Ich sehne mich darnach, meine Augen am Nile zu schließen.«

»So sei es! Verlaßt mich jetzt, ihr Freunde, und sorgt dafür, daß alle Tischgenossen zum heutigen Schmause erscheinen. Wir wollen beim süßen Weine Kriegsrath halten. Ein Feldzug nach Aegypten scheint mir lohnender zu sein, als ein Kampf mit den Massageten!«

»Sieg dem Könige!« riefen die Anwesenden mit lautem Jubel und entfernten sich, während Kambyses seine An- und Auskleider rufen ließ, um zum Erstenmale die Trauergewänder mit den prunkenden Königskleidern zu vertauschen.

Krösus und Phanes begaben sich gemeinsam in den Garten, welcher auf der Ostseite des Schlosses mit Baum- und Sträucherpflanzungen, Wasserkünsten und Blumenbeeten grünte. Die Züge des Atheners strahlten vor Befriedigung, während der entthronte König sorgenvoll vor sich hinblickte.

»Hast Du bedacht, Hellene,« begann der Letztere, »welche Brandfackel Du soeben in die Welt geschleudert hast?«

»Unbedacht zu handeln ist nur Kindern und Narren eigen.«

»Du vergißt die von der Leidenschaft Bethörten.«

»Zu diesen gehöre ich nicht.«

»Und dennoch zeugt die Rache die furchtbarsten Leidenschaften.«

»Nur, wenn sie in blinder Wallung geübt wird. Meine Rache ist kühl wie dieses Eisen; aber ich kenne meine Pflicht.«

»Die erste Pflicht jedes Tugendhaften ist, dem Wohle seines Vaterlandes sein eigenes unterzuordnen.«

»Das weiß ich . . .«

»Vergißt aber, daß Du den Persern mit dem ägyptischen Reiche Deine hellenische Heimath überlieferst!«

»Ich denke anders.«

»Glaubst Du, daß Persien das schöne Griechenland unangefochten lassen wird, wenn alle anderen Küsten des Mittelmeeres ihm gehören?«

»Keineswegs; wohl aber kenn' ich meine Hellenen und glaube, daß sie allen Barbarenheeren siegreich widerstehen und, naht die Gefahr, größer sein werden, denn je. Die Noth wird all' unsere gesonderten Stämme vereinen, wird uns zu einem großen, einigen Volke machen und die Throne der Tyrannen stürzen.«

»Das sind Träume.«

»Die zur Wahrheit werden müssen, so wahr ich auf die Erfüllung meiner Rache hoffe!«

»Ich kann nicht mit Dir rechten, denn mir sind die Verhältnisse Deiner Heimath fremd geworden. Uebrigens halte ich Dich für einen weisen Mann, der das Schöne und Gute liebt und zu rechtlich denkt, um aus bloßem Ehrgeiz ein ganzes Volk verderben zu mögen. Es ist furchtbar, daß die Schickung die Schuld des Einzelnen, wenn er eine Krone trägt, an ganzen Nationen vergilt! Jetzt erzähle mir, wenn Dir etwas an meiner Meinung gelegen ist, welches Unrecht Deine Rachsucht so mächtig entflammt hat!«

»Höre denn und versuche niemals wieder, mich von meinem Vorhaben abzulenken! Du kennst den Thronerben von Aegypten, Du kennst auch Rhodopis. Erster war mein Todfeind aus mehreren Gründen, Letztere die Freundin aller Hellenen, und ganz besonders die meine. Als ich Aegypten verlassen mußte, bedrohte mich Psamtik mit seiner Rache. Dein Sohn Gyges rettete mich vor dem Tode. Einige Wochen später kamen meine Kinder nach Naukratis, um mir von dort aus nach Sigeum zu folgen. Rhodopis nahm sie in ihren freundlichen Schutz. Ein Elender hatte das Geheimniß erspäht und dem Thronfolger verrathen. In der folgenden Nacht wurde das Haus der Thracierin umstellt und durchsucht. Man fand meine Kinder und nahm sie gefangen. Amasis war unterdessen erblindet und ließ seinen elenden Sohn gewähren, der sich nicht entblödete, meinen einzigen Knaben – zu . . .«

»Er ließ ihn tödten?«

»Du sagst es.«

»Und Dein anderes Kind?«

»Das Mädchen ist heute noch in seiner Gewalt.«

»Aber man wird der Armen ein Leid anthun, wenn man erfährt . . .«

»Sie möge sterben. Lieber kinderlos, als ohne Rache zu Grabe gehen!«

»Ich verstehe Dich und kann Dir nicht mehr zürnen. Das Blut Deines Knaben muß gerochen werden.«

Bei diesen Worten drückte der Greis die Rechte des Atheners, der, nachdem er seine Thränen getrocknet hatte und seiner Gemütsbewegung Herr geworden war, ausrief. »Komm' jetzt zum Kriegsrathe! Niemand darf den Schandthaten des Psamtik dankbarer sein, als Kambyses. Dieser Mann der schnellen Leidenschaft paßt nicht zum Friedensfürsten.«

»Und doch scheint mir die höchste Aufgabe eines Königs die zu sein, an der inneren Wohlfahrt seines Reiches zu arbeiten. Aber die Menschen sind einmal so, daß sie ihre Schlächter höher preisen, als ihre Wohlthäter. Wie viele Gesänge ertönten dem Achill; wem aber ist es eingefallen, die weise Regierung des Pittakus in LiedernS. I. Theil Anmerkung 15 und 16. zu feiern?«

»Es gehört eben mehr Muth dazu, Blut zu vergießen, als Bäume zu pflanzen.«

»Aber mehr Güte und Klugheit, Wunden zu heilen, als Wunden zu schlagen. Doch ehe wir die Halle betreten, muß ich Dir eine dringende Frage vorlegen. Wird Bartja, wenn Amasis die Pläne des Königs erfährt, ohne Gefahr zu Naukratis bleiben können?«

»Keineswegs. Ich habe ihn jedoch gewarnt und ihm gerathen, verkleidet und unter falschem Namen dort aufzutreten.«

»Zeigte er sich willfährig?«

»Er schien mir folgen zu wollen.«

»Jedenfalls wird es gut sein, wenn man ihm einen Boten nachsendet, der ihn warnt.«

»Wir wollen den König darum bitten.«

»Komm' jetzt. Dort fahren schon die Wagen aus der Küche, welche die Mahlzeit für den Hofstaat enthalten.«

»Wie viel Menschen werden vom Könige täglich ernährt?«

»Etwa 15,000(Anm. 30) Dieser ungeheure Hofstaat soll täglich zu seinem Unterhalte 400 Talente, d. s. 600,000 Thlr., gebraucht haben. Athen. Deipn. p. 607.

»So mögen die Perser den Göttern danken, daß ihre Herrscher nur einmal des Tages zu speisen pflegen!«

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