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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Dritter Band.

Erstes Kapitel.

Prexaspes, der Botschafter des Königs, einer der vornehmsten Hofbeamten, hatte Gaumata, den Geliebten der Mandane, dessen Aehnlichkeit mit Bartja in der That staunenswerth genannt werden mußte, krank und verwundet wie er war, nach Babylon gebracht. Hier wartete er im Kerker des Richterspruches, während Boges, sein Verführer, trotz aller Bemühungen der Sicherheitsbehörde, nirgends aufzufinden war. Das Volksgedränge in den Straßen von Babylon hatte seine Flucht, welche ihm durch die uns bekannte Fallthür aus den hängenden Gärten möglich geworden war, erleichtert. Die Reichthümer, die man in seiner Wohnung vorfand, waren ungeheuer. Ganze Kisten voll Gold und Schmucksachen, die er sich in seiner Stellung leicht verschaffen konnte, wurden in den königlichen Schatz, dem sie entstammten, zurückgeführt. Aber Kambyses hätte gern, um des Verräthers habhaft zu werden, den zehnfachen Betrag dieser Reichthümer hingegeben.

Zwei Tage nach der Freisprechung der Angeklagten ließ er, zu Phädime's Verzweiflung, alle Bewohnerinnen des Weiberhauses, seine Mutter, Atossa und die mit dem Tode ringende Nitetis ausgenommen, nach Susa schaffen. Mehrere vornehme Eunuchen wurden ihrer hohen Stellen entsetzt. Die Kaste sollte für das Verbrechen ihres der Strafe entronnenen Mitgliedes büßen.

Oropastes, welcher sein Amt als Stellvertreter des Königs bereits angetreten und seine Unschuld an dem Verbrechen seines Bruders klar erwiesen hatte, belehnte ausschließlich Magier mit den erledigten Würden. Die Demonstration, welche von Seiten der Babylonier zu Bartja's Gunsten stattgefunden hatte, wurde dem Könige erst bekannt, nachdem das Volk schon längst aus einander gelaufen war. Trotz seiner Sorge um Nitetis, die ihn fast ausschließlich in Anspruch nahm, ließ er sich genauen Bericht über diese gesetzwidrigen Vorfälle abstatten und befahl die Rädelsführer streng zu strafen. Er glaubte dem Geschehenen entnehmen zu können, daß Bartja um die Gunst des Volkes werbe, und würde ihm vielleicht schon setzt sein Mißfallen thätlich bewiesen haben, wenn ihm nicht sein besseres Gefühl gesagt hätte, daß nicht er dem Bartja, sondern Bartja ihm zu vergeben habe. Trotzdem konnte er den Gedanken, sein Bruder sei wiederum, wenn auch ohne sein Zuthun, an den traurigen Ereignissen der letzten Tage Schuld gewesen, eben so wenig unterdrücken, wie den Wunsch, ihn so vollkommen als möglich zu beseitigen. Darum schenkte er dem Verlangen des Jünglings, sofort nach Naukratis zu reisen, vollen Beifall.

Nach einem zärtlichen Abschiede von seiner Schwester und Mutter machte sich Bartja, zwei Tage nach seiner Freisprechung, auf den Weg. Gyges, Zopyrus und ein zahlreiches Gefolge, welches kostbare Geschenke von Seiten des Kambyses für Sappho mit sich führte, begleiteten ihn. Darius folgte ihm nicht, da ihn seine Liebe für Atossa zurückhielt. Auch war der Tag nicht fern, an welchem er Artystone, die Tochter des Gobryas auf Befehl seines Vaters heimführen sollte.

Bartja trennte sich mit schwerem Herzen von seinem Freunde, dem er in Bezug auf Atossa zur größten Vorsicht rieth. Kassandane wußte jetzt um das Geheimniß der Liebenden und versprach, Darius bei dem Könige das Wort zu reden.

Wenn Einer, so durfte der Sohn des Hystaspes seinen Blick zur Tochter des Cyrus erheben; war er doch eng mit dem regierenden Hause verschwägert, gehörte er doch, wie Kambyses, zu den Pasargaden; war doch sein Stamm eine jüngere Linie der herrschenden Dynastie und darum nicht minder vornehm als diese(Anm. 1) In der Inschrift von Behistân finden wir den Stammbaum des Darius, der mit demjenigen, welchen wir namentlich Herodot verdanken, vereint werden kann. Inschr. v. Behistân I. §. II.. Sein Vater nannte sich das Oberhaupt des gesammten Reichsadels und verwaltete als solches die Provinz Persien, das Mutterland, dem das ungeheure Weltreich und dessen Beherrscher ihren Ursprung verdankten. Nach dem Aussterben der Familie des Cyrus hatten die Nachkommen des Hystaspes ein wohlbegründetes Erbrecht auf den persischen Thron. Darum war Darius, ganz abgesehen von seinen persönlichen Vorzügen, ein ebenbürtiger Freier für Atossa. Dennoch konnte man jetzt noch nicht wagen, um die Einwilligung des Königs zu bitten. Bei der düsteren Stimmung, in welcher sich derselbe seit den letzten Vorfällen befand, konnte er leicht eine abschlägige Antwort geben, und eine solche mußte unter allen Umständen als unwiderruflich betrachtet werden. So zog Bartja, ohne über die Zukunft des ihm so theuren Paares beruhigt zu sein, in die Ferne.

Krösus versprach, auch hier als Vermittler aufzutreten und führte Bartja kurz vor seiner Abreise mit Phanes zusammen.

Der Jüngling kam dem Athener, von dem er durch seine Geliebte nur Schönes und Gutes gehört hatte, mit großer Freundlichkeit entgegen und gewann sich schnell die Zuneigung des vielerfahrenen Mannes, der ihm manchen nützlichen Wink und ein Empfehlungsschreiben(Anm. 2) Aus verschiedenen Stellen bei den Klassikern geht hervor, daß die alten Griechen Empfehlungen, welche theils aus Briefen, theils aus dem Abdruck des Siegels bestanden, mit auf Reisen zu nehmen pflegten. Schon in der Ilias erzählt Glaukos von solchem Symbolon. Vgl. Plutarch, Artaxerxes XVIII. und namentlich Böckh, Corp. Inscr. I. p. 126. Marmor. Oxon. II. 24. In dieser Inschrift wird von den Empfehlungsschreiben oder Zeichen (σύμβολα) gesprochen, welche der König von Sidon, Strato, etwa seinen Gesandten nach Athen mitgeben möchte. Eines Passes (σφραγίς) in das Ausland wird in den Vögeln des Aristophanes 1212 gedacht. Solcher war mit dem Siegel des Staates versehen. Die Lokrer führten den Abendstern in demselben, die Samier eine Leyer u. s. w. Siehe II. Theil Anmerk. 71. an den Milesier Theopompus zu Naukratis auf den Weg gab, und ihn schließlich um ein Gespräch unter vier Augen ersuchte.

Als Bartja mit dem Athener wiederum zu den Freunden trat, erschien er ernst und nachdenklich; bald aber hatte er die Sorge vergessen und scherzte mit den Genossen beim frohen Abschiedsbecher. Bevor er am Morgen des nächsten Tages sein Roß bestieg, ließ ihn Nebenchari um eine Audienz bitten. Der Augenarzt wurde vorgelassen und ersuchte ihn, eine umfangreiche Briefrolle für den König Amasis nach Aegypten mitzunehmen. Sie enthielt eine ausführliche Schilderung des Leidens der Nitetis und endeten »So wird dieses arme Opfer Deines Ehrgeizes durch das Gift, welches sie, um nicht zu verzweifeln, einnahm, in wenigen Stunden einem zu frühen Tode verfallen. Wie der Schwamm ein Bild von der Tafel, so wischt die Willkür der Mächtigen dieser Erde das Glück eines Menschenlebens aus. Verbannt von Heimath und Besitz verkümmert Dein Knecht Nebenchari; als Selbstmörderin siecht die unselige Tochter eines ägyptischen Königs dahin. Ihr Leichnam wird von Hunden und Geiern nach persischer Sitte zerrissen werden. Wehe Denen, welche die Unschuldige des Glückes der Erde und der Ruhe im Jenseits beraubten!«

Bartja versprach dem finsteren Manne, dies Schreiben, dessen Inhalt er nicht kannte, mitzunehmen, stellte, von einer jubelnden Volksmenge umgeben, vor den Thoren der Stadt die Steine auf, welche ihm, nach dem persischen Aberglauben(Anm. 3) Dieser Aberglaube ist heute noch herrschend. Morier, Zweite Reise in Bertuch's neuer Bibl. d. Reisebeschr. S. a. de Wette, Archäologie §. 192., eine glückliche Reise sicherten, und verließ Babylon.

Indessen schickte sich Nebenchari an, auf seinen Posten am Sterbelager der Aegypterin zurückzukehren.

An der ehernen Pforte der Mauer, welche den Garten des Weiberhauses mit den Höfen des großen Palastes verband, trat ihm ein weiß gekleideter Greis entgegen. Kaum hatte er diesen erblickt, als er zurückbebte und den hageren Alten wie eine Erscheinung anstarrte. Da ihm derselbe jedoch vertraulich und freundlich zulächelte, beschleunigte er seine Schritte, streckte ihm mit einer Herzlichkeit, welche ihm keiner seiner persischen Bekannten zugetraut haben würde, die Hand entgegen und rief in ägyptischer Sprache: »Darf ich denn meinen Augen trauen?! Alter HibHib bedeutet im Altägyptischen einen Ibis. Viele alte Aegypter führten den Namen heiliger Thiere., Du hier in Persien? Eher hätte ich des Himmels Einsturz als die Freude, Dich hier am Euphrat zu sehen, erwartet! Jetzt aber sage mir in Osiris Namen, was Dich alten Ibis bewegen konnte, Dein warmes Nest am Nile zu verlassen und die weite Reise gen Osten zu unternehmen?«

Der Alte, welcher sich während dieser Worte mit herunterhängenden Armen tief verbeugt hatte, schaute jetzt den Arzt mit unbeschreiblicher Glückseligkeit an, betastete seine Brust mit zitternden Händen und rief, sein rechtes Knie beugend und die eine Hand auf's Herz pressend, die andere gen Himmel erhebend: »Habe Dank, große Isis, die Du den Wanderer beschirmst, daß Du mich meinen Herrn also finden läßt! Ach, Kind, welche Angst hab' ich um Deinetwillen ausgestanden! Abgezehrt, wie einen verhungerten Gefangenen aus den Steinbrüchen, verhärmt und elend dachte ich Dich anzutreffen, und sehe Dich jetzt wieder in blühender Gesundheit, schön und stattlich wie immer! Ach, wenn der arme alte Hib an Deiner Stelle gewesen wäre, so würde er sich längst zu Tode gegrämt und geärgert haben!«

»Glaub' Dir's, Alterchen! Auch ich habe die Heimath nur gezwungen und mit blutendem Herzen verlassen. Die Fremde gehört dem SethSiehe I. Theil Anmerkung 147.; die gütigen Götter wohnen nur in Aegypten, nur am heiligen, gesegneten Nil!«

»Hat sich was mit dem Segen!« brummte der Alte.

»Du erschreckst mich, Väterchen. Was ist vorgefallen, daß . . . ?«

»Vorgefallen? – Hm! – Schöne Dinge sind vorgefallen! Nun, Du wirst schon zeitig genug davon hören! Glaubst Du denn, daß ich unser Haus und meine Enkelchen verlassen und mich in meinem achtzigsten Jahre wie solch' ein hellenischer ober phönizischer Landstreicher auf Reisen und unter die heillosen Fremden, welche die Götter vernichten mögen, begeben haben würde, wenn es in Aegypten noch auszuhalten wäre?«

»Aber so rede doch!«

»Später, später! Jetzt mußt Du mich für's Erste mit in Deine Wohnung nehmen, die ich nicht verlassen will, so lange wir in diesem typhonischen Lande bleiben.«

Der Greis hatte diese Worte mit so lebhaftem Abscheu ausgesprochen, daß sich Nebenchari eines Lächelns und der Frage. »Ist man Dir denn gar so übel begegnet, mein Alter?« nicht erwehren konnte.

»Pest und ChamsinDer Südwestwind, welcher namentlich den Staaten des fruchtbaren Nilthals so gefährlich wird, und der uns unter dem Namen des den Wüstenwanderern feindlichen Samum bekannter ist.!« polterte der Greis. »All' diese Perser sind die nichtswürdigste Typhonsbrut auf Erden! Mich wundert nur, daß sie nicht allesammt rothköpfig und aussätzig geboren werden! Ach Kind, ich bin schon zwei Tage in dieser Hölle und habe eben so lange mitten unter den Götterverächtern leben müssen! Man sagte mir, es sei unmöglich, Dich zu sprechen, denn Du dürftest das Lager der kranken Nitetis nicht verlassen. Die arme Kleine! Ich hab's gleich gesagt, daß diese Heirath mit einem Fremden übel ablaufen würde. Na, es geschieht Amasis schon recht, wenn ihm seine Kinder Kummer machen! Er hat's um Dich allein verdient!«

»Schäme Dich, Alter!«

»Ei was! Einmal muß es doch heraus! Ich hasse diesen hergelaufenen König, der, als er noch ein armer Junge war, Deinem Vater die Datteln von den Bäumen schlug und die Schilder von den Hausthüren riß! O, ich hab' ihn damals wohl gekannt, den Taugenichts! 's ist eine Schmach, daß man sich von solchem Menschen, der . . .«

»Gemach, gemach, Alter!« unterbrach Nebenchari den sich ereifernden Greis. »Wir sind nicht Alle von einem Holze gemacht, und wenn Amasis als Knabe wirklich nicht viel mehr war als Du, dann ist es Deine Schuld, wenn Du als Greis so viel weniger bist als er.«

»Mein Großvater war Tempeldiener, mein Vater war es, darum mußte ich natürlich dasselbe werden(Anm. 4) Der Sohn mußte gewöhnlich dasselbe werden, wie der Vater. Diod. I. 74. Lepsius hat ausnehmend lange Stammbäume gefunden, deren Mitglieder alle denselben Beschäftigungen oblagen. Die auf den Denkmälern vorkommenden Geschlechterverzeichnisse, die Namen und Titel von Vater, Mutter, Kindern &c. sind in jüngster Zeit gesammelt und herausgegeben worden von Lieblein, Dictionnaire de noms hiéroglyphiques. Sie haben Wichtigkeit erlangt für die Berechnung der Zeiten der ägyptischen Geschichte. Uebrigens waren die Kasten der Aegypter lange nicht so streng begrenzt wie die der Inder, denn die Denkmäler lehren, daß der Sohn des Kriegers ein Priester und der des Priesters ein Soldat werden konnte, daß sich eines Vaters Söhne verschiedenen Ständen widmeten und – dafür sprechen besonders einige hieratische Manuskripte didaktischen Inhalts – den Jünglingen freistand, sich einen Beruf zu wählen. Jedenfalls hielt man es aber für das Vorzüglichere und war es gebräuchlich, dem väterlichen Berufe treu zu bleiben. Dies galt übrigens beinah bei allen Völkern des Alterthums, selbst bei den Griechen. . . .«

»Ganz recht, so befiehlt es das Gesetz der Kasten, dem zu Folge Amasis nichts Anderes sein dürfte, als höchstens ein armer Kriegshauptmann.«

»Nicht Jeder hat ein so weites Gewissen wie dieser Glückspilz!«

»Immer der Alte! Schäme Dich, Hib! So lang ich lebe, und das dauert nun schon ein volles halbes Jahrhundert, ist jedes dritte Wort, das Du redest, ein Scheltwort. Als ich noch ein Kind war, mußte ich unter Deiner üblen Laune leiden; jetzt trifft sie den König.«

»Und mit Recht! O, wenn Du wüßtest! Sieben Monate ist es her, seitdem . . .«

»Ich kann Dich jetzt nicht hören! Beim Aufgange des Siebengestirns will ich aber einen Sklaven schicken, der Dich in meine Wohnung führen soll. Bis dahin bleibst Du in Deinem bisherigen Quartiere, denn ich muß notwendiger Weise zu meiner Kranken.«

»So, Du mußt? – Gut, geh' nur und laß den alten Hib sterben! Ich komme um, ich vergehe, wenn ich nur noch eine Stunde bei diesen Menschen bleiben soll!«

»Aber, was willst Du eigentlich?«

»In Deinen Gemächern warten, bis wir wieder abreisen.«

»Hat man Dich denn gar so unglimpflich behandelt?«

»Und wie! O, dieser Ekel! Sie haben mich gezwungen, mit ihnen aus demselben Topfe zu essen und mein Brod mit ihrem Messer zu schneiden. Ein heilloser Perser, der lange in Aegypten gewesen und mit mir gereist ist, hat ihnen Alles mitgetheilt, was uns verunreinigt(Anm. 5) Ueber die zahlreichen Reinigungen durch Waschen, Scheeren, Purgiren &c. siehe Herod. II. 37. 41. 47. 77. Plutarch, Is. et Osir. 5. Genesis 41. Ebers, Aegypten u. d. Bücher Mose's I. S. 350.. Als ich mich scheeren wollte, nahmen sie mir das Messer fort. Eine nichtswürdige Dirne küßte mich, eh' ich mich dessen versah, auf die Stirn. Du brauchst nicht zu lachen! Ich bedarf wenigstens eines Monats, um mich von all' diesen Befleckungen zu säubern. Als endlich das Brechmittel, welches ich genommen, seine Wirkung that, verhöhnten sie mich. Aber das war noch nicht Alles. Ein verwünschter Küchenjunge schlug in meiner Gegenwart ein heiliges Kätzchen halb zu Tode. Ein Salbenreiber, der erfahren hatte, daß ich Dein Diener sei, ließ mich durch denselben verruchten Bubares, mit dem ich hergekommen, fragen, ob ich mich auch auf Augenheilkunde verstehe? Ich habe diese Frage vielleicht bejaht; denn, weißt Du, in sechzig Jahren sieht man seinem Herrn schon etwas ab. Da klagt mir der elende Mensch, Bubares verdolmetschte mir Alles, daß er sich wegen eines schrecklichen Uebels an seinen Augen beunruhige. Als ich ihn frage, worin dies bestehe, läßt er mir antworten, daß er im Dunkeln nichts zu erkennen vermöge!«

»Du hättest ihm antworten sollen, das einzige Mittel gegen diese Krankheit sei, Licht anzustecken!«

»O, wie ich diese Bösewichter hasse! Wenn ich noch eine Stunde lang bei ihnen bleiben muß, so gehe ich zu Grunde!«

Nebenchari lächelte und gab seinem Diener zurück: »Du wirst Dich den Fremden gegenüber wunderbar genug geberdet und ihren Uebermuth gereizt haben. Die Perser sind im Allgemeinen sehr artige, höfliche Leute(Anm. 6) Herod. I. 134.. Versuch's nur noch einmal mit ihnen! Heute Abend will ich Dich gern bei mir aufnehmen; eher aber kann ich nicht.«

»Dacht' ich's doch! Auch er hat sich verändert! Osiris ist todt und Seth herrscht wieder auf Erden!«

»Gehab' Dich wohl! Wenn das Siebengestirn aufgeht, so erwartet Dich der Sklave Pianchi, unser alter Aethiopier, an dieser selben Stelle.«

»Pianchi, der alte Spitzbube, den ich nicht sehen mag?«

»Derselbe!«

»Hm, 's ist immer noch was Gutes, wenn man bleibt wie man war. Ich kenne freilich Leute, die das nicht gerade von sich sagen können, die, statt sich auf ihre Kunst zu beschränken, auch innere Krankheiten heilen wollen, die einem alten treuen Diener . . .«

»Befehlen seinen Mund zu halten und den Abend in Geduld zu erwarten.«

Diese letzten mit Ernst gesprochenen Worte verfehlten ihren Eindruck auf den Alten keineswegs. Er verneigte sich und sagte, ehe sein Herr ihn verließ: »Ich bin unter dem Schutze des früheren Söldnerobersten Phanes hieher gekommen. Er hat dringend mit Dir zu sprechen.«

»Das ist seine Sache; er möge mich aufsuchen!«

»Du steckst ja den ganzen Tag bei dieser Kranken, deren Augen so gesund sind . . .«

»Hib!!«

»Meinetwegen mag sie den Staar auf beiden haben! Darf Phanes heut' Abend mit mir kommen?«

»Ich wünschte mit Dir allein zu sprechen.«

»Und ich mit Dir; der Hellene scheint aber sehr eilig zu sein und weiß fast Alles, was ich Dir zu erzählen habe.«

»Hast Du geplaudert?«

»Das gerade nicht, aber . . .«

»Mein Vater rühmte Deine Treue und ich hielt Dich bis heute für zuverlässig und verschwiegen.«

»Das war ich auch immer. Dieser Hellene wußte aber schon viel von dem, was ich weiß, und das Andere . . .«

»Nun?«

»Das Andere hat er aus mir herausgeholt, ich weiß selbst nicht wie! Trüge ich nicht dies Amulet gegen den bösen Blick, so müßte . . .«

»Ich kenne den Athener und verzeihe Dir! Es würde mir lieb sein, wenn er Dich heut' Abend begleitete. Wie hoch die Sonne schon steht! Die Zeit drängt! So erzähle in kurzen Worten, was sich zugetragen hat . . .«

»Ich denke, heut' Abend . . .«

»Nein, ich muß wenigstens eine allgemeine Kenntniß von dem Vorgefallenen haben, eh' ich mit dem Athener rede. Mach' es kurz!«

»Du bist bestohlen worden.«

»Weiter nichts?«

»Wenn Du das nichts nennst.«

»Antworte! Weiter nichts?«

»Nein!«

»Dann lebe wohl!«

»Aber, Nebenchari . . .«

Der Augenarzt hörte diesen Ruf nicht mehr, denn schon hatte sich die Pforte, welche zu dem Hause der Weiber des Königs führte, hinter ihm geschlossen.

Als das Siebengestirn aufgegangen war, saß Nebenchari in einem der prächtigen Zimmer, die er auf der östlichen Seite des Palastes, unweit der Wohnung Kassandane's, inne hatte. Die Freundlichkeit, mit der er seinem alten Diener begegnet war, hatte wieder jenem Ernste Platz gemacht, der ihn unter den leichtblütigen Persern in den Ruf eines finsteren Griesgrams brachte.

Er war ein ächter Aegypter, ein ächtes Kind jener Priesterkaste, deren Mitglieder selbst in ihrer Heimath, sobald sie sich öffentlich zeigten, feierlich und würdevoll einherzugehen und niemals zu scherzen pflegten, während sie im Kreise ihrer Genossen und Familie den selbstauferlegten Zwang abschüttelten und heiter bis zur Unbändigkeit sein konnten.

Nebenchari empfing Phanes mit kalter Höflichkeit, obgleich er ihn von Sais her kannte, und befahl dem alten Hib nach einer kurzen Begrüßung, ihn mit dem Obersten allein zu lassen.

»Ich habe Dich aufgesucht,« begann der Athener in ägyptischer Sprache, deren er vollkommen mächtig war, »weil ich wichtige Dinge mit Dir besprechen muß . . .«

»Von denen ich unterrichtet bin!« lautete die kurze Antwort des Arztes.

»Das möchte ich bezweifeln,« erwiederte Phanes mit ungläubigem Lächeln.

»Du bist aus Ägypten verjagt, von Psamtik, dem Thronerben, bitter verfolgt und gekränkt worden, und kommst jetzt nach Persien, um Kambyses zum Werkzeuge Deiner Rache gegen mein Vaterland zu machen.«

»Du irrst! Deinem Vaterlande schulde ich nichts; desto mehr habe ich jedoch dem Hause des Amasis heimzuzahlen.«

»Du weißt, daß in Ägypten Staat und König Eins sind.«

»Ich glaube vielmehr die andere Bemerkung gemacht zu haben, daß sich die Priester Deiner Heimath gern dem Staate gleichsetzen.«

»So bist Du besser unterrichtet als ich. Ich hielt bis dahin die ägyptischen Könige für unbeschränkt.«

»Das sind sie, soweit sie sich dem Einflusse Deiner Standesgenossen zu entheben verstehen. – Auch Amasis beugt sich jetzt vor den Priestern.«

»Seltsame Neuigkeit!«

»Die man Dir längst mitgetheilt haben wird.«

»Meinst Du?«

»Ganz bestimmt! Aber noch bestimmter weiß ich, daß es Amasis einmal, hörst Du, einmal gelungen ist, den Willen seiner Lenker dem seinigen unterzuordnen.«

»Ich erfahre nur wenig aus der Heimath und weiß nicht, was Du meinst.«

»Das glaube ich; denn wenn Du es wüßtest und balltest jetzt nicht Deine Fäuste, dann wärest Du nicht besser als ein Hund, der sich winselnd treten läßt und seinem Quäler die Hände leckt!«

Der Arzt erbleichte bei diesen Worten und sagte: »Ich weiß, daß ich von Amasis beleidigt worden bin; bitte Dich aber, zu bemerken, daß ich die Rache für ein zu süßes Gericht halte, um es mit einem Fremden theilen zu mögen!«

»Wohlgesprochen! Was aber meine Rache anbetrifft, so vergleiche ich sie mit einem Weinberge, der so voll ist, daß ich ihn nicht allein abzuernten vermag.«

»Und Du bist hierhergekommen, um hülfreiche Winzer anzuwerben?«

»So ist's; gebe ich doch die Hoffnung immer noch nicht auf, daß Du die Ernte mit mir theilen wirst.«

»Du irrst! Meine Arbeit ist vollbracht; die Götter selbst haben sie mir abgenommen. Amasis ist dafür, daß er mich aus der Heimath, von Freunden und Schülern verbannte und eigennütziger Pläne wegen in dies unreine Land schickte, hart genug bestraft worden.«

»Etwa durch seine Blindheit?«

»Vielleicht.«

»So weißt Du nicht, daß Dein Kunstgenosse Petammon eine Haut, die den Sehstern des Amasis bedeckte, durchschnitten und ihm das Tageslicht wieder gegeben hat?«

Der Aegypter zuckte zusammen und knirschte mit den Zähnen; aber er gewann schnell seine Fassung wieder und gab dem Athener zurück: »Dann haben die Götter den Vater in seinen Kindern bestraft.«

»Wie meinst Du das? – Psamtik behagt dem Könige in seiner jetzigen Stimmung sehr wohl; Tachot leidet zwar, betet und opfert jedoch um so fleißiger mit dem Vater. Was endlich Nitetis betrifft, so wird ihm der wahrscheinliche Tod derselben nicht näher gehen, als sei eine Freundin seiner Tochter gestorben; das weißt Du so gut als ich.«

»Abermals kann ich Dich nicht verstehen.«

»Das ist natürlich, so lange Du wähnst, daß ich die schöne Kranke für ein Kind des Amasis halte.«

Der Aegypter erbebte wiederum; Phanes aber fuhr fort, ohne scheinbar auf seine Erregung zu achten: »Ich bin besser unterrichtet, als Du vermuthen kannst. Nitetis ist die Tochter Hophra's, des entthronten Vorgängers Deines Königs. Amasis hat sie auferzogen, als wäre sie sein eigenes Kind, erstens um Deine Landsleute glauben zu machen, der gestürzte Pharao sei ohne Nachkommen gestorben; zweitens aber, um Nitetis aller Ansprüche auf einen Thron, der ihr von Rechtswegen zukommt, zu berauben. Am Nile sind ja auch Weiber regierungsfähig(Anm. 7) In den Königslisten finden sich mehrere von den Denkmälern bestätigte regierende Königinnen. Lauth in seinem Manetho findet sogar, daß die Eintheilung der Dynastieen in Zusammenhang steht mit den Regierungen der Königinnen.

»Dies sind Vermuthungen . . .«

»Die ich durch unumstößliche Beweise zu bekräftigen vermag! Unter den Papieren, welche Dein alter Diener Hib in einem Kästchen bei sich führte, müssen sich Briefe eines berühmten Geburtshelfers(Anm. 8) Nach den Bildern auf den alten Denkmälern und dem ersten Kapitel des Exodus scheint es, als wenn, wie im heutigen Aegypten, die Geburtshülfe gewöhnlich von Hebammen ausgeübt worden sei; doch ist es gewiß, daß bei schwierigen Lagen auch Aerzte zu Hülfe gerufen worden sind. In dem hieratischen Papyrus 1558 medizinischen Inhalts zu Berlin wird mehrfach von helfenden Frauen geredet. Im med. Papyrus Ebers befinden sich lehrreiche den Frauenkrankheiten gewidmete Abschnitte. Es gab eigene Geburtszimmer; wie bei den Tempeln symbolische für die Göttinnen, so wohl auch in den Privathäusern für die Wöchnerinnen. Sie hießen meschen und nach ihnen die Hebammen ta meschennu, die vom Geburtszimmer., Deines leiblichen Vaters, vorfinden –«

»Wenn dem so wäre, dann sind doch in jedem Falle diese Schreiben mein Eigenthum, das ich nicht herauszugeben gesonnen bin; zweitens aber möchtest Du in Persien vergeblich nach einem Manne suchen, der die Schrift meines Vaters zu entziffern verstände.«

»Verzeih' mir, wenn ich Dich abermals auf einige Irrthümer aufmerksam mache. Erstens befindet sich jenes Kästchen, wie gesagt, in meinem Gewahrsam und wird Dir, so hoch ich sonst das Recht des Eigentümers zu achten gewohnt bin, nicht eher zurückerstattet werden, bis mir sein Inhalt für meinen Zweck gedient hat; zweitens verweilt in der That durch die wunderbare Fügung der Götter ein Mann zu Babylon, welcher jede Schriftart, die ein ägyptischer Priester nur immer kennen mag, zu lesen versteht. Erinnerst Du Dich zufällig des Namens Onuphis?«

Der Arzt erbleichte zum Drittenmale und fragte: »Bist Du sicher, daß dieser Mann noch immer unter den Lebenden wandelt?«

»Gestern habe ich mit ihm gesprochen. Er war, wie Du weißt, Oberpriester zu Heliopolis und darum in all' eure Geheimlehren eingeweiht. Mein weiser Landsmann Pythagoras von Samos kam nach Aegypten, erlangte, nachdem er sich einigen eurer Ceremonien unterworfen hatte(Anm. 9) Jamblichus de vita Pythagorae II. p. 18 ed. Kiessl. Diod. I. 98. Plutarch, Quaest. conviv. VIII. 8. 2. Onuphis wird auch Oinuphis genannt. Viel Hierhergehöriges bei Röth, Geschichte unserer abendländischen Philosophie. Dies höchst geistreiche auf ausgedehnten Studien beruhende Werk verliert leider an Werth durch die schrankenlose Kühnheit der Kombinationen seines Verfassers., die Erlaubniß, an dem Unterrichte der Priesterschule von Heliopolis Theil zu nehmen, gewann sich durch seine großen geistigen Vorzüge die Liebe des trefflichen Onuphis, wurde durch ihn in alle Geheimlehren(Anm. 10) Ueber die Geheimlehren der Aegypter hören wir zwar von späteren griechischen Schriftstellern, namentlich von einigen Neuplatonikern, viel fabuliren, können uns aber kein klares Bild von ihnen machen, obgleich Vieles, was ihnen angehört, uns in den Papyrusrollen bewahrt ward. Leider ist aber überall, wo mysteriöse Dinge behandelt werden, die Sprache der priesterlichen Schreiber so stark mit Metaphern überladen und geflissentlich verdunkelt worden, daß sich das Gemeinte schwer klar erfassen läßt. Die Mysterien scheinen, wie auch Plutarch (Isis und Osiris 4–11) sagt, ausschließliches Eigentum der Priester gewesen zu sein, und dasjenige, was durch die heiligen Ceremonien symbolisirt wurde, umfaßt zu haben. Der Glaube an einen einigen Gott scheint, wie auch das Todtenbuch lehrt, den Kern jener Geheimlehren gebildet zu haben, welche viel Hohes und Schönes enthalten haben müssen, da die Weisesten der Griechen, Lykurg, Solon, Thales, Pythagoras, Demokrit, Plato und manche Andere, ihnen viele ihrer Lehren in Staatswissenschaft, Geometrie, Astronomie und Philosophie entlehnt haben. Auch Moses verdankt wohl den Geheimlehren, welche er, als Zögling der Priester, kannte, viele seiner sittlichen und medizinischen Vorschriften. S. II. Th. Anmerk. 36. Ueber die Mysterien ist mit einem großen Aufwande von Gelehrsamkeit, aber sehr kleinen Resultaten, auch von neueren Gelehrten viel geschrieben worden: so von J. G. Bremer, Symbolische Weisheit der Aegypter &c; R. Howard, Revelations of Egyptian Mysteries; F. Nork, Andeutungen eines Systems der priesterlichen Mysteriosophie und Hierologie &c. Ein vollkommenes Verständniß des schon von S. Birch im 5. Bande der Translation des Bunsen'schen Werkes, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte, vollständig aber leider ohne jede Textkritik übersetzten Todtenbuchs und die Publikation der hieratischen Papyrus, die bei dem jetzigen Stande der ägyptischen Philologie dem Studium ihre Geheimnisse nicht länger vorenthalten können, wird die Mysterien der Mysterien, wenn auch nicht beseitigen, so doch vielfältig aufklären. Manches ward schon erworben, besonders durch die Inschriften aus der Ptolemäerzeit, das 1., 17., 125. u. a. Kapitel des Todtenbuchs, die pantheistischen Texte in den Königsgräbern und in den Oasentempeln, das Buch vom Athem und viele funeräre Schriftstücke, deren Text durch Vergleichung hergestellt werden kann. eingeweiht und machte sie der Welt nutzbar. Ich selbst und meine edle Freundin Rhodopis nennen uns mit Stolz seine Schüler. Als Deine Standesgenossen erfuhren, daß Onuphis zum Verräther an den Mysterien geworden sei, beschlossen die priesterlichen Richter, ihn umzubringen. Er sollte durch ein Gift getödtet werden, das man aus den Kernen des Pfirsichbaumes gewinnen kann. Der Verurtheilte hörte von dem, was ihn bedrohte, und floh nach Naukratis, woselbst er im Hause der Rhodopis, von deren Geist und Güte ihm Pythagoras erzählt hatte, einen durch den Freibrief des Königs gesicherten Versteck fand. Hier wurde er mit Antimenidas, dem Bruder des Dichters AlcäusSiehe I. Theil Anmerkung 15 (Alcäus). von Lesbos bekannt, der viele Jahre lang, während er durch Pittakus, den weisen Herrscher von Mitylene, aus der Heimath verbannt gewesen, zu Babylon gelebt und bei Nebukadnezar, dem damaligen Könige von Assyrien, Kriegsdienst genommen hatte. Dieser Antimenidas gab ihm Empfehlungen an die Chaldäer. Anuphis reiste zum Euphrat, ließ sich zu Babylon nieder und mußte sich, da er als armer Mann seine Heimath verlassen hatte, nach einem Broderwerb umsehen. Einen solchen erhielt er durch den Empfehlungsbrief des Antimenidas. Heute noch fristet er, der einstmals zu den Mächtigsten in Aegypten gehörte, sein Leben, indem er den Chaldäern bei ihren astronomischen Berechnungen auf dem Thurme des Bel mit seinen überlegenen Kenntnissen hülfreiche Hand leistet. Onuphis ist beinahe achtzig Jahre alt, doch vollkommen frischen Geistes. Als ich ihn gestern sprach und um seinen Beistand bat, sagte er mir ihn mit leuchtenden Augen zu. Dein Vater war einer seiner Richter; er will aber nicht seinen Groll von dem Erzeuger auf den Sohn übertragen und läßt Dir seinen Gruß entbieten.«

Nebenchari hatte während dieser Erzählung sinnend zu Boden geschaut. Als Phanes schwieg, sah er ihn durchdringend an und fragte: »Wo sind meine Papiere?«

»In Händen des Anuphis, der in ihnen nach den Belegen sucht, deren ich bedarf.«

»Das konnte ich denken! Sei so gut, mir zu sagen, wie die Kiste aussieht, welche Hib nach Persien zu bringen für gut fand.«

»Es ist ein Köfferchen von schwarzem Ebenholz. Sein Deckel ist kunstreich geschnitzt. Man sieht in seiner Mitte einen geflügelten Käfer, und an seinen vier Ecken . . .«

Nebenchari athmete auf und sagte: »Dies Kistchen enthält nichts, als einige Aufzeichnungen meines Vaters.«

»Die meinen Zwecken vielleicht genügen werden. Ich weiß nicht, ob man Dir erzählt hat, daß ich mich der höchsten Gunst des Kambyses erfreue.«

»Um so besser für Dich! Ich kann Dich versichern, daß die Papiere, welche Dir vielleicht ernstlich dienen könnten, in Aegypten geblieben sind.«

»Sie lagen in einer großen, bunt bemalten Sykomoren-Kiste.«

»Woher weißt Du das?«

»Weil ich, – merke wohl auf, Nebenchari, – weil ich Dir jetzt der Wahrheit gemäß mittheile, – ich schwöre nicht, denn Pythagoras, der Meister, verbietet den Eidschwur, – daß eben diese Kiste mit sammt ihrem ganzen Inhalte im Haine des Neith-Tempels zu Sais auf Befehl des Königs verbrannt worden ist.«

Diese Worte, welche Phanes langsam, Sylbe auf Sylbe scharf betonend, aussprach, trafen den Aegypter wie ebensoviel Blitzschläge. Die kalte Ruhe und Gemessenheit, die er bis dahin bewahrt hatte, wichen einer unbeschreiblichen Erregung. Seine Wangen glühten und seine Augen flammten. Aber nur während einer einzigen Minute. Dann verwandelte sich die Erregung in eisige Ruhe, die glühenden Wangen entfärbten sich und der bebende Mund sprach kalt und gelassen: »Du willst mich, um mich zu Deinem Bundesgenossen zu machen, mit Haß gegen meine Freunde erfüllen. Ich kenne euch Hellenen! Ränkevoll und listig, verschmäht ihr kein Mittel des Truges und der Lüge, wenn es euch daran liegt, eure Zwecke zu fördern.«

»Du beurtheilst mich und meine Landsleute nach ächt ägyptischer Art; das heißt, Du hältst uns als Fremde für so schlecht als möglich; diesmal täuschest Du Dich aber in Deinem Verdachte! – Laß den alten Hib kommen und Dir von ihm bestätigen, was Du mir nicht glauben willst.«

Nebenchari's Stirn verfinsterte sich, als Hib, seinem Rufe folgend, in das Zimmer trat.

»Komm näher!« herrschte er dem Alten zu.

Hib folgte achselzuckend dem Befehle.

»Hast Du Dich von diesem Manne bestechen lassen? Ja oder nein? Ich verlange die Wahrheit, denn es gilt das Wohl oder Wehe meiner Zukunft. Bist Du in die Schlingen dieses Meisters in allen Listen gegangen, so verzeih' ich Dir, weil ich Dir, einem alten treuen Diener, Vieles zu danken habe. Sage die Wahrheit, – ich beschwöre Dich im Namen Deiner osirischen Väter!«

Das gelbliche Gesicht des Alten war während dieser Worte seines Herrn erdfahl geworden. Mehrere Minuten lang konnte er schluckend und schnaufend keine Antwort finden. Endlich, nachdem es ihm gelungen war, die Thränen, welche sich mit aller Gewalt in seine Augen dringen wollten, hinunter zu würgen, rief er halb zornig, halb weinerlich: »Hab' ich's nicht gleich gesagt? Er ist in diesem Lande der Schmach und des Unheils verzaubert und verderbt worden. Wessen man selber fähig ist, das traut man auch Andern zu! Sieh' mich nur zornig an, ich mache mir nichts daraus. Was kann es mich überhaupt noch kümmern, wenn man mich, einen alten Mann, der sechzig Jahre lang demselben Hause treu und redlich gedient hat, für einen Schurken, einen Spitzbuben, einen Verräther, wenn's euch gefällig ist, auch für einen Mörder hält!«

Bei diesen letzten Worten flossen die Augen des Greises, sehr gegen seinen Willen, von heißen Thränen über.

Der leicht gerührte Phanes klopfte ihm auf die Schulter und sagte, sich an Nebenchari wendend: »Hib ist ein treuer Mensch. Nenne mich einen Schurken, wenn er einen Obolus von mir angenommen hat.«

Der Arzt hätte dieser Worte des Atheners nicht bedurft, um von der Unschuld seines Dieners vollkommen überzeugt zu sein. Er kannte ihn so lange und so genau, daß er in den keiner Verstellung fähigen Zügen des Alten wie in einem offenen Buche zu lesen verstand; darum näherte er sich ihm und sagte begütigend: »Ich habe Dir nichts vorgeworfen, Alter. Wer wird über eine bloße Frage so böse werden!«

»Soll mich wohl noch über Deinen schändlichen Verdacht freuen?«

»Das nicht; – wohl aber gestatte ich Dir jetzt, zu erzählen, was sich während meiner Abwesenheit in unserem Hause zugetragen hat.«

»Schöne Geschichten! Wenn ich nur daran denke, wird mir so bitter im Munde, als wenn ich Koloquinthenäpfel kaute.«

»Du sagtest vorhin, man habe mich bestohlen.«

»Und wie! So ist noch gar kein Mensch vor uns bestohlen worden! Wenn die Spitzbuben noch Strolche von der Diebeskaste gewesen wären(Anm. 11) Nach Herod. II. 120 sollte zwar der schlaue Baumeistersohn, welcher das Schatzhaus des Rhampsinit bestohlen hatte, streng bestraft werden: aus Diodor I. 80 und A. Gellius XI. 18 geht aber hervor, daß die Diebe, wenn sie sich als solche bei den Behörden meldeten, vielleicht streng überwacht, aber nicht bestraft wurden. Nach Diodor soll es einen Vorsteher der Diebeskaste gegeben haben, bei dem man sich das entwendete Gut gegen Aufgabe des vierten Theils abholen konnte. Dieses seltsame Gesetz verdankt wohl jener Vorschrift seinen Ursprung, nach welcher jeder Aegypter verpflichtet war, sich alljährlich bei der Obrigkeit seines Bezirkes zu melden und sich über seinen Lebensunterhalt auszuweisen. Denjenigen, welcher falsche Angaben machte, erwartete die Todesstrafe. Diod. I. 77. So konnte Niemand, dem sein Leben lieb war, sich dem überwachenden Auge der Obrigkeit entziehen. Der Dieb opferte den besten Theil seines Gewinnes und bekannte seine Unredlichkeit, um nicht dem Tode zu verfallen., so könnte man sich trösten, denn erstens würden wir dann den besten Theil unseres Eigentums wieder bekommen haben,. und zweitens nicht schlimmer dran gewesen sein wie viele Andere; wenn aber . . . .«

»Bleibe bei der Sache, denn meine Zeit ist gemessen!«

»Weiß schon! Der alte Hib kann Dir hier in Persien nichts recht machen; aber sei es drum! Du bist der Herr und hast zu befehlen; ich bin nichts als der Diener, der gehorchen muß. Ich will mir's merken! Es war also gerade in der Zeit, wo die große persische Gesandtschaft nach Sais kam, um Nitetis zu holen und sich von aller Welt wie Wunderthiere angaffen zu lassen, als die Schändlichkeit vor sich ging. Ich sitze, gerade eh' die Sonne unterging, auf dem Mückenthürmchen und spiele mit meinem Enkel, dem ältesten Knaben meiner Benra, – 's ist ein prächtiger, dicker Junge geworden, der für sein Alter merkwürdig klug und kräftig ist. Der Schlingel erzählt mir eben, sein Vater habe, wie die Aegypter thun, wenn ihre Frauen die Kinderchen zu viel allein lassen, die Schuh' seiner Mutter versteckt(Anm. 12) Plutarch erzählt, es sei in Aegypten unschicklich gewesen, barfuß über die Straße zu gehen: darum hätten die Männer ihren Frauen, um sie zur Häuslichkeit zu zwingen, die Schuhe versteckt. Nach Herod. II. 35 lag es übrigens den Weibern ob, die Einkäufe auf dem Markte zu machen, was uns durchaus nicht ungewöhnlich erscheint, dem Griechen aber auffallen mußte, da in seiner Heimath die Männer den Markt besuchten., und ich lache aus vollem Halse, weil ich der Benra, die keines der Enkelkinder bei mir wohnen lassen will, diesen Streich schon gönnte, – sie sagen immer, ich verzöge die Kleinen, – als es plötzlich mit dem Klopfer so heftig an die Hausthür pocht, daß ich schon denke, es sei Feuer ausgebrochen, und den Jungen von meinem Schooße fallen lasse. So schnell ich kann, spring' ich die Treppe hinunter, nehme mit meinen langen Beinen immer drei Stufen auf einmal und schiebe den Riegel zurück. Die Thür fliegt auf, und eine Schaar von Tempeldienern und Sicherheitsbeamten, – es waren wenigstens fünfzehn Mann, – dringt, ehe ich noch Zeit habe, nach ihrem Begehr zu fragen, in's Haus. Pichi, der unverschämte Tempeldiener der Neith, – Du kennst ihn ja, – stößt mich zurück, riegelt die Thür von innen zu und befiehlt den Schaarwächtern, mich zu binden, wenn ich seinen Befehlen nicht Folge leisten würde. Ich werde natürlich grob, denn ich kann nicht anders, wenn mich etwas ärgert, das weißt Du, Herr; da läßt er mich, – bei unserem Gotte Toth, der die Wissenschaft beschirmt, ich rede die Wahrheit, Herr, – da läßt der Grünschnabel mir die Hände binden, verbietet mir, dem alten Hib, den Mund und theilt mir mit, daß er vom Oberpriester den Auftrag habe, mir fünfundzwanzig Stockprügel geben zu lassen, wenn ich mich nicht ohne jede Widerrede seinen Anordnungen fügen würde. Dabei zeigt er mir den Ring des Oberpriesters. Nun mußt' ich, ob ich wollte oder nicht, dem Befehle dieses Schuftes gehorchen! Der bestand in nichts Geringerem, als ihm sofort alle Schriftstücke, die Du in Deinem Hause zurückgelassen, einzuhändigen. Aber der alte Hib ist nicht so dumm, daß er sich fangen läßt, wenn auch Manche, die ihn besser kennen sollten, meinen, daß er ein bestechlicher Mensch und der Sohn eines Esels sei. Was werde ich also thun? Ich stelle mich, als wär' ich ganz zerknirscht von dem Anblicke des Siegelrings, ersuche Pichi so höflich wie ich eben kann, mir die Hände loszubinden, und sage, daß ich die Schlüssel holen wolle. Man nimmt die Stricke von meinen Händen, ich eile die Treppe hinauf, immer fünf Stufen mit einem Schritte nehmend, reiße, oben angekommen, die Thür Deines Schlafzimmers auf, schiebe meinen Enkel, der vor ihr stand, hinein und stoße den Riegel vor. Dank meinen langen Beinen war ich den Andern so weit voraus, daß ich Zeit behielt, dem Jungen das schwarze Kästchen, welches Du meiner besondern Obhut empfohlen hattest, in den Arm zu geben, den kleinen Kerl durch das Fenster auf den Altan, der das Haus an der dem Hofe zugekehrten Seite umgibt, zu heben und ihm zu befehlen, es sofort in den Taubenschlag zu stecken. Dann öffne ich die Thür, als wäre nichts geschehen, mache dem Pichi weis, der Junge habe ein Messer im Munde gehabt, und ich sei darüber so entsetzt gewesen, daß ich vor lauter Angst die Treppe so rasch hinaufgesprungen sei und den Buben nun zur Strafe an die Luft gesetzt habe. Der Bruder eines Nilpferds glaubte mir und ließ sich dann durch das ganze Haus führen. Erst fanden sie die große Sykomoren-Kiste mit den Papieren, welche Du mir gleichfalls sorgsam zu bewachen anbefohlen hattest, dann die Papyrusrollen auf Deinem Arbeitstische, und nach und nach alles Geschriebene, was nur im Hause aufzutreiben war. Das steckten sie ohne Auswahl in die große Kiste und trugen sie hinunter; das schwarze Kästchen aber lag unversehrt im Taubenschlage. Mein Enkel ist der klügste Junge in ganz Sais!

»Als ich die Kiste zum Hause hinaustragen sah, erwachte meine mühsam hinuntergekämpfte Wuth von neuem. Ich drohte den unverschämten Eindringlingen, sie bei den Richtern, ja, wenn es Noth thäte, beim Könige zu verklagen, und würde auch das Volk gegen sie aufgehetzt haben, wenn die verdammten Perser, denen die Stadt gezeigt wurde, nicht gerade in diesem Augenblicke die ganze Aufmerksamkeit der zusammengelaufenen Menge in Anspruch genommen hätten. Am selben Abende ging ich zu meinem Schwiegersohne, der, wie Du weißt, gleichfalls Tempeldiener der Göttin Neith ist, und bat ihn, Alles aufzubieten, um sich Kenntniß von dem Schicksale der geraubten Schriften zu verschaffen. Der gute Mensch ist Dir noch immer dankbar für die reiche Mitgift, welche Du meiner Benra schenktest, und kam drei Tage später zu mir, um mir zu erzählen, daß er Zeuge gewesen sei, wie man Deine schöne Kiste und alle in ihr befindlichen Rollen verbrannt habe. Ich bekam vor Aerger die Gelbsucht, ließ mich aber von meiner Krankheit nicht abhalten, bei den Richtern eine Klageschrift einzureichen. Diese Elenden wiesen mich, gewiß nur weil sie selbst Priester sind, mit meiner Beschwerde ab. Jetzt gab ich in Deinem Namen ein Bittschreiben beim Könige ein, wurde aber auch von diesem mit der schnöden Drohung, man werde mich als Staatsverräther betrachten, wenn ich jener Papiere noch einmal erwähnen würde, abgewiesen. Nun war mir meine Zunge zu lieb(Anm. 13) Dem Staatsverräther sollte nach ägyptischem Gesetze die Zunge abgeschnitten werden. Diod. I. 78., um weitere Schritte zu thun. Der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich konnte nicht in Aegypten bleiben, denn ich mußte Dich sprechen; ich mußte Dir erzählen, was man Dir angethan; ich mußte Dich, der Du mächtiger bist, als Dein armer Diener, auffordern, Dich zu rächen; ich mußte Dir auch den schwarzen Kasten, den man mir sonst vielleicht gleichfalls abgejagt hätte, überliefern. So verließ ich denn mit blutendem Herzen die Heimath und mein Enkelchen, um, so alt ich bin, in die typhonische Fremde zu ziehen. Ach, der kleine Junge war so klug! Als ich ihn beim Abschiede küßte, sagte er: ›Bleib' bei uns, Großvater! Wenn die Fremden Dich verunreinigen, so darf ich Dich nicht mehr küssen.‹ Benra grüßt Dich herzlich, und mein Schwiegersohn läßt Dir sagen, er habe in Erfahrung gebracht, daß Psamtik, der Thronfolger, und Petammon, der Augenarzt, Dein alter Nebenbuhler, ganz allein an dieser fluchwürdigen Frevelthat schuld wären. Weil ich mich nicht dem typhonischen Meere anvertrauen wollte, so reiste ich zuerst mit einem Zuge arabischer Handelsleute bis nach Thadmor, der palmenreichen Wüstenstation der Phönizier(Anm. 14) Thadmor, das spätere Palmyra, ist wohl von Salomo erbaut worden, obgleich arabische Sagen es noch älter sein lassen. Schultens, Index geogr. Der weise König, welcher auch als unternehmender Kaufmann bekannt ist, wandte seine Aufmerksamkeit auf diesen Platz, wohl mehr um die mitten in der syrischen Wüste gelegene Oase den Karawanen als Ruhestätte zu schenken, als um sein Reich vor den Unfällen der Syrer und Araber zu schützen, wie Winer in seinem biblischen Realwörterbuche 3. Aufl. will. Der anfänglich kleine Ort erlebte eine hohe Blüthe, welche sich schnell entfaltete. Heute noch überraschen die Trümmer von Palmyra den Reisenden durch ihre Schönheit und Größe. Siehe R. Wood, The ruins of Palmyra. – Karchemisch am Euphrat, berühmt durch die dort geschlagene Schlacht zwischen Necho und Nebukadnezar, Jerem. 46, 2, wird als Hauptstation der über Palmyra führenden Straße nach Babylon angegeben. Josephus, Antiq. VIII. 6. X. 6. Movers, Das phönizische Alterthum II. 40. S. a. Maspero's Dissertation über diese Stadt., und von dort mit sidonischen Händlern bis Karchemis am Euphrat, woselbst sich die von Phönizien nach Babylon führende Straße mit derjenigen verbindet, die von Sardes aus hierher führt. Schwer ermüdet saß ich dort in dem Wäldchen vor dem Stationshause, als ein mit königlichen Postpferden reisender Fremder ankam. Ich erkannte in ihm sofort den früheren Obersten der hellenischen Söldner.«

»Und ich,« unterbrach Phanes den Erzähler, »erkannte ebenso schnell in Dir, Alter, den längsten und zänkischsten Menschen, der mir je begegnet ist. Hundertmal hatte ich zu Sais über Dich lachen müssen, wenn Du auf die Kinder schaltest, die Dir nachliefen, so oft Du mit dem Arzneikästchen unter dem Arme Deinem Herrn durch die Straßen folgtest. Ja, ich erinnerte mich, sobald ich Dich sah, eines Scherzes, den sich der König nach seiner Art auf Deine Kosten erlaubt hatte. Als ihr Beide eines Tages vorbeikamet, rief er: ›Der Alte kommt mir vor wie eine grimmige Eule, die von kleinen necksüchtigen Vögeln umflattert wird, und Nebenchari soll ein böses Weib haben, das ihm zum Lohne für all' die Augen, welche er sehend macht, seine eigenen auskratzen wird!‹«

»Solche Schändlichkeit!« rief der Alte, in Verwünschungen ausbrechend.

Der Arzt hatte schweigend und sinnend der Erzählung seines Dieners zugehört. Von Zeit zu Zeit wechselte die Farbe seines Angesichts. Als er hörte, daß man seine Papiere, die Frucht vieler mühsam durcharbeiteter Nächte, verbrannt, mit dem Willen seiner Standesgenossen und des Königs freventlich zerstört habe, ballten sich seine Fäuste und sein Körper erbebte, als überkomme ihn ein harter Frost.

Dem Athener war keine Bewegung des Saïten entgangen. Er kannte die menschliche Natur und wußte, daß häufig ein Wort des Spottes die Seele des Ehrgeizigen tiefer verletzt, als harte Beleidigungen. Darum wiederholte er gerade jetzt jenen leichtfertigen Scherz, den sich Amasis in Wahrheit einstmals, seiner schalkhaften Neigung folgend, erlaubt hatte. Auch war seine Rechnung richtig gewesen, denn er bemerkte, daß Nebenchari bei seinen letzten Worten eine Rose, welche vor ihm auf dem Tische lag, mit der flachen Hand zerdrückte. Ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend, sah Phanes zu Boden und fuhr fort. »Jetzt wollen wir aber die Erzählung der Reiseabenteuer des braven Hib schnell beschließen. Ich lud ihn ein, meinen Wagen zu theilen. Erst weigerte er sich, mit einem so verruchten Fremden, wie ich bin, auf einem Polster zu sitzen; doch gab er endlich meinen Bitten nach, hatte auf der letzten Station Gelegenheit, an dem Bruder des Oberpriesters Oropastes die Handgriffe, welche er Dir und Deinem Vater abgesehen, der Welt zu zeigen, und langte glücklich zu Babylon an, woselbst ich ihm im Königspalaste selbst ein Unterkommen verschaffte, weil wir Deiner, wegen der traurigen Vergiftung Deiner Landsmännin, nicht habhaft werden konnten. Das Andere weißt Du.« –

Nebenchari senkte bejahend sein Haupt und befahl Hib mit einem ernsten Winke, das Zimmer zu verlassen.

Der Alte gehorchte brummend und leise vor sich hin scheltend. Als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, näherte sich der Heilkünstler dem Kriegsmann und sagte: »Ich fürchte, Hellene, daß wir trotz alledem keine Bundesgenossen sein können!«

»Und warum nicht?«

»Weil ich vermuthe, daß Deine Rache im Vergleich zu derjenigen, die mir zu üben obliegt, zu gelinde ausfallen möchte.«

»In dieser Beziehung hast Du nichts zu besorgen!« antwortete der Athener. »Darf ich Dich meinen Bundesgenossen nennen?«

»Ja; unter einer Bedingung!«

»Laß sie hören!«

»Du mußt mir Gelegenheit verschaffen, mit eigenen Augen das Werk unserer Rache zu sehen.«

»Das heißt, Du willst, wenn Kambyses nach Aegypten zieht, das Heer begleiten?«

»Ja! Und wenn meine Feinde in Schmach und Elend schmachten, dann will ich ihnen zurufen: ›Seht, ihr Feiglinge, dies Unheil verdankt ihr dem armen, verbannten Augenarzte!‹ O, meine Bücher, meine Bücher! Sie waren mir Ersatz für Weib und Kind, die ich Beide verloren. Aus ihnen sollten Hunderte lernen, den Blinden aus seiner Nacht zu erlösen und dem Schauenden die süßeste Göttergabe, die Blume des Angesichts, das Gefäß des Lichtes, das sehende Auge, zu erhalten. Nun meine Bücher zerstört sind, hab' ich umsonst gelebt; mit meinen Werken haben die Elenden mich selbst verbrannt! O meine Bücher, meine Bücher!« Bei diesen Worten schluchzte der unglückliche Mann schmerzlich auf; Phanes aber näherte sich ihm, ergriff seine Rechte und sprach: »Dich, mein Freund, haben die Aegypter geschlagen, ich aber bin von ihnen gemißhandelt worden; Dir sind Diebe in die Scheune gedrungen, mir haben Mordbrenner Haus und Hof eingeäschert. Weißt Du, Mann, weißt Du, was man mir gethan hat? Wenn sie mich verjagten und verfolgten, so hatten sie ein Recht dazu, denn ich war nach ihren Gesetzen des Todes schuldig. Um meinetwillen hätte ich ihnen vergeben können, denn ich hing an diesem Amasis, wie ein Freund an dem Freunde hängt. Das wußte der Elende, und dennoch litt er das Unglaubliche. O, das Gehirn sträubt sich, das Entsetzliche zu denken! Wie die Wölfe drangen sie bei Nacht in das Haus eines wehrlosen Weibes und raubten meine Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, den Stolz, die Freude, den Trost meines heimathlosen Lebens. Und was thaten sie mit ihnen? Das Mädchen hielten sie gefangen, wie sie vorgaben, um mich zu verhindern, Aegypten an die Fremden zu verrathen; den Knaben aber, das Bild der Schönheit und Güte, meinen einzigen Sohn, hat Psamtik, der Thronerbe, vielleicht mit Wissen des Amasis, ermorden lassen. Mein Herz war in Gram und Verbannung zusammengeschrumpft, jetzt aber fühle ich, wie es in der Hoffnung nach Rache anschwillt und in freudigeren Schlägen pocht!«

Nebenchari sah mit düsterglühenden Blicken in die flammenden Augen des Atheners und sprach, indem er ihm die Hand reichte: »Wir sind Bundesgenossen!«

Der Hellene ergriff die Rechte des Arztes und sagte: »Jetzt gilt es zunächst, uns der Gunst des Königs zu versichern!«

»Ich werde Kassandane sehend machen.«

»Du könntest?«

»Jene Operation, welche Amasis das Licht wieder gab, ist meine Erfindung. Petammon entwandte sie mir aus meinen verbrannten Schriften.«

»Warum hast Du aber Deine Kunst nicht früher bewährt?«

»Weil ich nicht gewohnt bin, meinen Feinden Geschenke zu machen.«

Phanes fühlte bei diesen Worten einen leisen Schauder; faßte sich aber schnell und sagte: »Auch mir ist die Gunst des Königs gewiß. Die Gesandten der Massageten sind heute schon heimwärts gezogen. Man hat ihnen den Frieden bewilligt und –«

In diesem Augenblick wurde die Thür aufgerissen, ein Eunuch Kassandane's stürzte athemlos in's Zimmer und rief Nebenchari zu: »Die Herrin Nitetis will sterben! Schnell, schnell! Mach' Dich auf und folge mir!«

Der Arzt winkte seinem Bundesgenossen zu, zog die Sandalen an und folgte dem Eunuchen an das Lager der hinscheidenden Königsbraut.

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