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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Elftes Kapitel.

Phanes hatte mit echt attischem Scharfsinn aus dem Gehörten den rechten Sachverhalt dieser traurigen Angelegenheit errathen; ja ihm war nicht entgangen, daß auch die Bosheit ihre Hand im Spiele gehabt haben müsse; konnte doch Bartja's Dolch nicht anders als durch einen Verräther auf die hängenden Gärten gekommen sein.

Während er diesen Verdacht dem Könige kund that, wurde der Oberpriester Oropastes von den Stabträgern in die Halle geführt.

Der König schaute ihn grollend an und fragte ohne jedes einleitende Wort: »Hast Du einen Bruder?«

»Ja, mein König. Er und ich sind die einzigen Ueberlebenden von sechs Geschwistern; meine Eltern . . .«

»Ist dieser Bruder jünger oder älter als Du?«

»Ich war der Aelteste von uns Allen, während er, der Jüngste, meinem Vater als Freude seines Alters geboren wurde.«

»Hast Du eine auffallende Aehnlichkeit zwischen ihm und einem meiner Verwandten bemerkt?«

»Ja, mein König. Gaumata gleicht Deinem Bruder Bartja so auffallend, daß man ihn stets in der Priesterschule zu Rhagae, woselbst er sich noch heute befindet, den Prinzen nannte.«

»War er in der jüngsten Zeit zu Babylon?«

»Während des Neujahrsfestes zum Letztenmale.«

»Sprichst Du die Wahrheit?«

»Mein Kleid und mein Amt würden mich doppelt strafbar machen, wenn ich meinen Mund zu einer Lüge öffnen wollte.«

Der König erröthete bei diesen Worten vor Zorn und rief: »Dennoch lügst Du, denn Gaumata war gestern Abend hier! Du erbebst mit gutem Grunde!«

»Mein Leben gehört Dir, dem Alles gehört; dennoch schwöre ich, der Oberpriester, bei dem höchsten Gotte, dem ich dreißig Jahre lang treulich gedient habe, daß ich nichts von der gestrigen Anwesenheit meines Bruders zu Babylon weiß.«

»Dein Angesicht trägt die Züge der Wahrhaftigkeit.«

»Du weißt, daß ich am gestrigen hohen Tage keinen Augenblick von Deiner Seite gewichen bin.«

»Ich weiß.«

Abermals öffneten sich die Pforten, um die zitternde Mandane einzulassen. Der Oberpriester sah sie staunend und fragend an. Dem aufmerksam beobachtenden Auge des Königs entging es nicht, daß die Zofe in einer gewissen Beziehung zu Oropastes stand, darum fragte er ihn, ohne das zitternde Mädchen, welches vor seinen Füßen lag, zu beachten: »Kennst Du dies Weib?«

»Ja, mein König. Sie erhielt durch mich die hohe Stelle einer Oberin allen Gesindes bei der, – vergib ihr Auramazda, – bei der ägyptischen Königstochter.«

»Wie kamst Du, ein Priester, dazu, dies junge Weib zu begünstigen?«

»Ihre Eltern starben an derselben Pest, welche meine Brüder dahinraffte. Ihr Vater war ein ehrenwerther Priester und ein Freund unseres Hauses; darum nahmen wir das Mägdlein zu uns, eingedenk der hohen Lehre: ›Gibst Du dem reinen Manne und seinen Wittwen und Waisen nichts, dann wirst Du fortgeschleudert werden von der reinen, unterwürfigen Erde zu stachelnden Nesseln, schmerzenden Leiden und den furchtbarsten Orten.‹ So wurde ich ihr Pflegevater und ließ sie mit meinem jüngsten Bruder auferziehen, bis er in die Priesterschule eintrat.«

Der König wechselte mit Phanes einen Blick des Einverständnisses und fragte: »Warum behieltest Du das Mädchen, welches doch schön zu sein scheint, nicht bei Dir?«

»Als sie die OhrringeSiehe Anmerkung 22 [21] des II. Theils. erhalten hatte, hielt ich es für passend, sie, eine Jungfrau, aus meinem priesterlichen Hause zu entfernen und ihr eine selbstständige Zukunft zu gründen.«

»Hat sie auch als erwachsenes Mädchen Deinen Bruder wiedergesehen?«

»Ja, mein König. So oft mich Gaumata besuchte, ließ ich ihn mit Mandane wie mit seiner Schwester verkehren: als ich aber später bemerkte, daß sich in die kindliche Freundschaft die Leidenschaft der Jugend zu mischen beginne, wurde mein Beschluß, das Mädchen fortzuschicken, immer fester.«

»Wir wissen genug,« sagte der König, indem er dem Oberpriester durch einen Wink zurückzutreten befahl. Dann blickte er auf das Mädchen hernieder und herrschte ihr zu: »Erhebe Dich!«

Mandane stand zitternd und bebend auf. Ihr frisches Gesichtchen war bleich wie der Tod geworden, und ihre rothen Lippen hatten eine bläuliche Farbe angenommen.

»Erzähle, was Du vom gestrigen Abende weißt; bedenke aber, daß eine Lüge Dein Tod ist.«

Die Kniee der Geängstigten bebten so stark, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte und die Furcht ihre Lippen versiegelte.

»Meine Geduld ist kurz!« rief ihr Kambyses von neuem zu.

Mandane schrak zusammen, wurde noch bleicher und fühlte sich unfähiger zu sprechen, als vorher. Da trat Phanes an den zornigen König heran und bat ihn leise, ihm zu gestatten, dies Weib zu verhören. Ihr Mund, den jetzt die Angst verschließe, werde von einem begütigenden Worte geöffnet werden.

Kambyses nickte ihm willfährig zu, und was der Athener vorausgesagt hatte, bewahrheitete sich; denn kaum hatte er Mandane des Wohlwollens aller Anwesenden versichert, seine Hand auf ihr Haupt gelegt und ihr freundlich zugeredet, als sich der Quell ihrer Augen öffnete, ein Thränenstrom ihre Wangen benetzte, und der Bann, welcher ihre Zunge gefesselt hatte, dahin schwand. Nun erzählte sie, von leisem Schluchzen unterbrochen, Alles, was sie wußte, verschwieg nicht, daß Boges jenes Stelldichein unterstützt habe, und schloß mit den Worten: »Ich weiß wohl, daß ich mein Leben verwirkt habe und daß ich das schlechteste und undankbarste Wesen auf der Welt bin; all' dies Unheil wäre aber niemals möglich gewesen, wenn Oropastes seinem Bruder gestattet hätte, mich zu heirathen!«

Bei diesen sehnsüchtig ausgesprochenen Worten brach sie in neues Schluchzen aus, während sich die ernsten Zuhörer, ja selbst der König, eines leisen Lächelns nicht erwehren konnten.

Dies Lächeln rettete das schwer bedrohte Leben des Mädchens. Kambyses würde aber nach Allem, was er erfahren, kaum gelächelt haben, wenn Mandane nicht mit jenem feinen Instinkte, welcher den Frauen just in der Stunde der drohenden Gefahr am willfährigsten zu Gebote steht, verstanden hätte, seine schwache Seite aufzufassen und auszubeuten. So verweilte sie denn viel länger als nöthig bei der Freude, welche Nitetis über die Geschenke des Königs geäußert hatte.

»Tausendmal,« rief sie, »küßte meine Herrin alle Dinge, die man ihr von Dir, o König, brachte; am öftesten aber hat sie ihre Lippen auf jenen Blumenstrauß gedrückt, welchen Du ihr vor einigen Tagen mit eigenen Händen pflücktest. Ach, und als der Strauß zu welken begann, da nahm sie Blume für Blume, breitete die Blüthenblättchen sorglich aus, legte sie zwischen wollene Tücher und stellte eigenhändig ihre schwere, goldene Salbenschachtel darauf, um sie zu trocknen und als Andenken an Deine Güte aufzubewahren!«

Als sie bemerkte, daß sich die Züge ihres strengen Richters bei diesen Worten aufheiterten, schöpfte sie neuen Muth, legte der Herrin süße Worte, welche sie niemals ausgesprochen, in den Mund und behauptete, daß sie, Mandane, hundertmal gehört habe, wie Nitetis den Namen »Kambyses« unaussprechlich zärtlich im Schlafe ausgerufen habe. Endlich schloß sie ihre Rede, indem sie schluchzend um Gnade bettelte.

Der König schaute ohne Groll, aber mit grenzenloser Verachtung zu ihr hernieder, stieß sie mit dem Fuße zurück und rief: »Aus meinen Augen, Du Hündin! Blut wie Deines würde das Beil des Henkers besudeln! Aus meinen Augen!«

Mandane ließ sich nicht lange bitten, die Halle zu verlassen. Das »aus meinen Augen« klang ihr wie süße Musik. Spornstreichs eilte sie durch die weiten Höfe des Palastes, um auf der Straße dem drängenden Volke, gleich einer Wahnwitzigen, unaufhörlich zuzurufen: »Ich bin frei! ich bin frei!«

Kaum hatte sie den Saal verlassen, als Datis, das Auge des Königs, ihn von neuem betrat und die Mittheilung brachte, daß man den Eunuchenobersten vergeblich gesucht habe. Derselbe sei in räthselhafter Weise von den hängenden Gärten verschwunden; er, Datis, habe jedoch seinen Untergebenen den Auftrag ertheilt, den Flüchtling zu suchen und ihm denselben todt oder lebendig abzuliefern.

Der König brauste bei dieser Botschaft in neuem Jähzorn auf und bedrohte den Sicherheitsbeamten, welcher die Aufregung des Volkes seinem Gebieter klüglich verschwieg, mit schwerer Strafe, wenn man des Entflohenen nicht bis zum nächsten Morgen habhaft werden sollte.

Kaum hatte er ausgesprochen, als der Stabträger einen Eunuchen der Mutter des Königs einführte, durch den sie ihren Sohn um eine Unterredung ersuchen ließ.

Kambyses schickte sich ohne Bedenken an, dem Wunsche der Blinden zu willfahren, reichte Phanes seine Hand zum Kusse, eine seltene und nur den Tischgenossen gewährte Gunstbezeugung, und rief: »Alle Gefangenen sind sofort auf freien Fuß zu setzen. Geht hin zu euren Söhnen, ihr geängstigten Väter, und sagt ihnen, sie möchten meiner Huld und Gnade versichert sein. Es wird sich wohl für Jeden von ihnen eine Satrapie, als Ersatz für diese Nacht unschuldiger Gefangenschaft, finden. Dir, mein hellenischer Freund, bin ich zu großem Danke verpflichtet. Um mich desselben zu entledigen und Dich an meinen Hof zu fesseln, bitte ich Dich, Dir von unserem Schatzmeister hundert150,000 Thaler. Talente auszahlen zu lassen.«

»Eine so große Summe,« gab Phanes sich verneigend zurück, »werde ich kaum gebrauchen können.«

»Dann mißbrauche sie!« erwiederte der König, freundlich lächelnd, und verließ mit dem an den Athener gerichteten Rufe: »Auf Wiedersehen beim Schmause!« von seinen Hofbeamten begleitet, die Halle.

Während dieser Vorgänge herrschte in den Gemächern der Mutter des Königs tiefe Trauer. Kassandane glaubte, nachdem sie den Inhalt jenes Briefes an Bartja vernommen hatte, an die Treulosigkeit der Nitetis, während sie ihren geliebten Sohn für unschuldig hielt. Wem durfte sie noch trauen, wenn das Mädchen, in dem sie bis dahin die Verkörperung aller weiblichen Tugenden gesehen hatte, eine verworfene Treulose genannt werden mußte, wenn die edelsten Jünglinge meineidig werden konnten?!

Nitetis war für sie mehr als todt; Bartja, Krösus, Darius, Gyges, Araspes, mit denen Allen ihr Herz durch Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden war, so gut als gestorben. Und sie durfte ihrem Schmerze nicht einmal freien Lauf lassen, denn es lag ihr ob, die Ausbrüche der Verzweiflung ihres wilden Kindes zu zügeln.

Atossa geberdete sich wie eine Rasende, als sie von den verhängten Todesurtheilen hörte. Die Mäßigung, welche sie durch den Umgang mit der Aegypterin gewonnen hatte, wich von ihr, und ihr so lang zurückgehaltenes Ungestüm brach doppelt lebhaft hervor.

Nitetis, ihre einzige Freundin, Bartja ihr Bruder, an dem sie mit ganzer Seele hing, Darius, den sie, jetzt fühlte sie es, nicht nur als ihren Lebensretter ehrte, sondern mit der ganzen Innigkeit einer ersten Neigung liebte, Krösus, an dem sie wie eine Tochter hing, Alles, was ihr theuer war, sollte sie jetzt auf einmal verlieren.

Sie zerriß ihre Kleider, zerraufte ihr Haar, nannte Kambyses ein Ungeheuer und Jeden, der an die Schuld so trefflicher Menschen glaube, verblendet und wahnsinnig. Dann zerfloß sie wieder in Thränen und schickte demüthige Gebete zu den Göttern, um wenige Minuten später ihre Mutter zu beschwören, sie auf die hängenden Gärten zu begleiten und mit ihr die Vertheidigung der Nitetis anzuhören.

Kassandane suchte das ungestüme Mädchen zu besänftigen und betheuerte, daß jeder Versuch, Nitetis zu sprechen, vergeblich sein würde. Nun begann Atossa von neuem zu toben und zwang endlich die Greisin, ihr mit mütterlicher Strenge Stillschweigen aufzuerlegen und sie, als der Morgen graute, in ihr Schlafgemach zu verweisen.

Das Mädchen folgte dem Gebote der Blinden und setzte sich, statt ihr Lager aufzusuchen, an das hohe Fenster, welches sich den hängenden Gärten entgegen öffnete. Thränenden Blickes schaute sie zu dem Hause hinüber, in welchem jetzt ihre Freundin, ihre Schwester, einsam, verlassen, verbannt, einem schmachvollen Tode entgegen sah. Plötzlich schien ein kräftiger Wille ihr von Thränen ermattetes Auge von neuem zu beleben, und statt in die grenzenlose Weite, heftete sich ihr Blick unverwandt auf einen schwarzen Punkt, welcher vom Hause der Aegypterin aus, immer größer und erkennbarer werdend, in gerader Linie auf sie zuflog und sich endlich auf eine Cypresse dicht vor ihrem Fenster niederließ.

Da schwand mit einem Male der Gram von ihrem lieblichen Antlitze; hochaufathmend klatschte sie in die Hände und rief aus! »O, sieh' da, der Vogel Homaï(Anm. 122) Der Paradiesvogel heißt auf persisch Homaï. Siehe darüber Malcolm, Persia S. 53.! Der Glücksvogel! Nun wird Alles gut werden!«

Derselbe Paradiesvogel, dessen Anblick dem Herzen der Nitetis so wunderbaren Trost gebracht hatte, schenkte auch Atossa neue Zuversicht.

Prüfend, ob sie von niemand gesehen werde, schaute sie in den Garten. Als sie sich überzeugt hatte, daß Keiner, außer einem alten Gärtner, darin verweile, schwang sie sich, behend wie ein Reh, aus dem Fenster hinaus, brach einige Rosenblüthen und Cypressenzweige und näherte sich mit ihnen dem Greise, welcher ihrem Treiben kopfschüttelnd zusah.

Schmeichlerisch liebkoste sie die Wange des Alten, legte ihre Blumen in seine gebräunte Hand und fragte: »Hast Du mich lieb, Sabaces?«

»O Herrin!« lautete die einzige Antwort des Greises, der den Saum des Gewandes der Königstochter inbrünstig an seine Lippen drückte.

»Ich glaube Dir, Väterchen, und will Dir beweisen, daß ich meinem alten, treuen Sabaces traue. Verstecke diese Blumen wohl und eile schnell in den Palast des Königs. Sag', Du brächtest Früchte für die Tafel. Neben der Wache der Unsterblichen werden mein armer Bruder Bartja und Darius, der Sohn des edlen Hystaspes, gefangen gehalten. Du sorgst dafür, daß den Beiden diese Blumen sogleich, aber hörst Du, sogleich, mit einem herzlichen Gruße von mir, übergeben werden.«

»Die Wächter werden mich nicht zu den gefangenen Herren lassen.«

»Nimm diese Ringe und drücke sie ihnen in die Hand. Man kann den Armen doch nicht verbieten, sich an Blumen zu erfreuen!«

»Ich will versuchen.«

»Ich wußte ja, daß Du mich liebst, guter Sabaces! Jetzt mache schnell, daß Du fortkommst, und kehre bald zurück!«

Der Greis entfernte sich so eilig wie er konnte. Atossa schaute ihm gedankenvoll nach und murmelte vor sich hin: »Jetzt werden sie Beide wissen, daß ich sie bis an ihr Ende geliebt habe. Die Rose bedeutet: ›ich liebe Dich‹; die immer grüne Cypresse ›treu und unwandelbar‹.« Nach einer Stunde kam der Greis zurück und überbrachte der Königstochter, welche ihm entgegen eilte, den Lieblingsring des Bartja und von Darius ein in Blut getränktes indisches Tuch.

Thränenden Blickes nahm Atossa diese Gaben aus der Hand des Alten, dann setzte sie sich mit den theuren Angedenken unter einen breitästigen Platanenbaum, drückte sie abwechselnd an ihre Lippen und murmelten »Bartja's Ring bedeutet, daß er meiner gedenke; das blutgetränkte Tuch des Darius, daß er bereit sei, sein Herzblut für mich zu vergießen.«

Atossa lächelte bei diesen Worten und vermochte von nun an, indem sie an das Geschick ihrer Freunde dachte, bitterlich, aber still zu weinen.

Wenige Stunden später verkündete ein Bote des Krösus den königlichen Frauen, daß die Unschuld des Bartja und seiner Freunde erwiesen, und auch Nitetis so gut als gerechtfertigt sei.

Alsogleich schickte Kassandane auf die hängenden Gärten, um Nitetis auffordern zu lassen, vor ihr zu erscheinen. Atossa lief, im Jubel eben so zügellos als im Jammer, der Sänfte ihrer Freundin entgegen und flog von einer ihrer Dienerinnen zur andern, um ihnen zuzurufen: »Alle sind unschuldig; Alle, Alle sollen uns erhalten bleiben!«

Und als die Sänfte mit der Freundin sich endlich näherte, als sie die Geliebte, bleich wie der Tod, in ihr erblickte, da brach sie in ein lautes Schluchzen aus, fiel der Aussteigenden um den Hals und bedeckte sie so lange mit Küssen und Liebkosungen, bis sie bemerkte, daß die Kniee der Erretteten wankten und sie einer kräftigeren Stütze, als ihrer schwachen Arme, bedürfe.

Ohnmächtig wurde die Aegypterin in die Gemächer der Mutter des Königs getragen. Als sie die Augen wiederum aufschlug, ruhte ihr marmorbleiches Haupt im Schooße der Blinden, fühlte sie Atossa's warme Lippen auf ihrer Stirn, stand Kambyses, der dem Rufe seiner Mutter gefolgt war, an ihrem Lager.

Verstört und beängstigt schaute sie im Kreise Derer, die sie am meisten liebte, umher. Endlich erkannte sie Einen nach dem Andern, strich mit der Fläche der Hand über ihre bleiche Stirn, als wollte sie einen Schleier von ihr entfernen, lächelte jeden Einzelnen freundlich an und schloß dann wiederum die Augen. Sie wähnte, die gütige Isis habe ihr ein süßes Traumbild beschert, und versuchte nun, es mit aller Kraft ihrer Seele festzuhalten.

Da rief Atossa ihren Namen mit ungestümer Zärtlichkeit. – Von Neuem schlug sie die Augen auf und begegnete abermals denselben liebevollen Blicken, von denen sie geträumt zu haben glaubte. Ja, das war ihre Atossa, das ihre mütterliche Freundin, das nicht der zürnende König, sondern der Mann, der sie liebte. – Jetzt öffnete auch er die Lippen und rief, sein strenges Herrscherauge wie ein um Gnade Flehender zu ihr aufschlagend: »O Nitetis, erwache! Du darfst, Du kannst nicht schuldig sein!« Freudig verneinend bewegte sie leise ihr Haupt, und über ihre schönen Züge schwebte, wie der Hauch des jungen Lenzes über Rosenbeete, ein wonniges Lächeln.

»Sie ist unschuldig; beim Mithra, sie kann nicht schuldig sein!« rief Kambyses zum Andernmale und stürzte, der Anwesenden nicht achtend, auf die Kniee nieder.

Ein persischer Heilkünstler näherte sich jetzt der Geretteten und bestrich ihre Schläfen mit einem süßen Duft verbreitenden Salböl, während der Augenarzt Nebenchari Beschwörungsformeln murmelnd, kopfschüttelnd ihren Puls befühlte und ihr einen Trank aus seiner Handapotheke reichte. Nun gewann sie ihre volle Besinnung wieder und fragte, sich an Kambyses wendend, nachdem sie sich mühsam aufgerichtet und die Liebesbezeugungen der Freundinnen erwiedert hatte: »Wie konntest Du Solches von mir denken, mein König?!« Kein Vorwurf, nur tiefes Weh sprach aus diesen Worten, welche Kambyses mit der leisen Bitten »Verzeihe mir,« beantwortete.

Kassandane dankte durch einen freundlichen Blick ihrer blinden Augen dieser Selbstverleugnung ihres Sohnes und sagte. »Auch ich, meine Tochter, bedarf Deiner Vergebung.«

»Ich aber habe nie an Dir gezweifelt!« rief Atossa, die Freundin stolz und glücklich auf den Mund küssend.

»Dein Schreiben an Bartja erschütterte meinen Glauben an Deine Unschuld,« fügte die Mutter des Kambyses hinzu.

»Und doch war das Alles so einfach und natürlich,« antwortete Nitetis. »Hier, meine Mutter, nimm diesen Brief aus Aegypten. Krösus mag ihn Dir übersetzen. Er wird Alles erklären. Vielleicht bin ich unvorsichtig gewesen. Laß Dir von Deiner Mutter das Nöthige mittheilen, mein König. O, bitte, spotte nicht meiner armen, kranken Schwester. Wenn eine Aegypterin liebt, so kann sie nicht vergessen. Mir ist so bang! Es geht zu Ende. Die letzten Stunden waren gar so entsetzlich! Das furchtbare Todesurtheil, welches Boges, der entsetzliche Mann, mir vorlas, dies Urtheil zwang mir das Gift in die Hand. Ach, mein Herz!«

Mit diesen Worten sank sie in den Schooß der Greisin zurück. Nebenchari, der Arzt, stürzte herbei, flößte der Kranken einige neue Tropfen ein und rief: »Dachte ich's doch! Sie hat Gift genommen und wird sicher sterben, wenn dieses Gegenmittel ihren Tod auch noch um einige Tage verzögert!«

Kambyses stand neben ihm, bleich und starr jede seiner Bewegungen verfolgend, während Atossa die Stirn der Freundin mit Thränen benetzte.

»Man bringe Milch und hole meinen großen Arzneikasten,« befahl der Augenarzt. »Rufet auch Dienerinnen, um sie fortzutragen, denn vor allen Dingen ist sie der Ruhe bedürftig.«

Atossa eilte in das Nebenzimmer; Kambyses aber fragte den Heilkünstler, ohne ihn anzublicken: »Gibt es keine Rettung?«

»Das Gift, welches sie genossen, hat unfehlbaren Tod zur Folge.«

Als der König diese Worte vernommen hatte, stieß er den Arzt von der Kranken zurück und rief: »Sie soll leben! Ich befehl' es! Hierher, Eunuch! Alle Aerzte in Babylon werden aufgeboten, alle Priester und Mobeds(Anm. 123) Mobeds sind Priester. In der Avesta kommen sie nicht vor. Spiegel leitet ihren Namen ab von nmâna paiti. Rogge zieht nach Tiele Haug's Erklärung von magu pat, Herr der Magier, vor. berufen! Sie soll leben, hört ihr, sie muß leben, ich befehl' es, ich, der König!«

In diesem Augenblick öffnete Nitetis ihre Augen, als wollte sie dem Befehl ihres Gebieters Folge leisten. Ihr Angesicht war dem Fenster zugekehrt. Aus dem Cypressenbaume vor demselben saß der Paradiesvogel mit dem goldenen Kettlein am Fuße. – Die Blicke der Leidenden fielen zuerst auf den vor ihr niedergesunkenen Geliebten, der seine heißen Lippen auf ihre Rechte preßte. Lächelnd murmelte sie: »O dieses Glück!« Dann erblickte sie den Vogel, zeigte mit der Linken auf ihn hin und rief: »O sehet, sehet! Der Vogel des Ra, der Phönix!«

Nach diesen Worten schloß sie ihre Augen und verfiel bald darauf in ein heftiges Fieber.

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