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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Siebentes Kapitel.

Die Jagd war vorüber. Ganze Wagen voll erlegten Wildprets, unter welchem sich mehrere riesengroße Eber befanden, die Kambyses mit eigener Hand erlegt hatte, wurden den heimkehrenden Waidmännern nachgefahren. Vor den Pforten des Palastes zerstreuten sie sich, um in ihren Wohnungen das altpersische Jagdgewand von schlichtem Leder mit glänzenden modischen Hofkleidern zu vertauschen.

Während des Jagens hatte der König seinem Bruder mit mühsam zurückgehaltener Erregung den scheinbar freundlichen Befehl gegeben, am nächsten Tage aufzubrechen, um Sappho abzuholen und nach Persien zu geleiten. Er hatte ihm zu gleicher Zeit die Einkünfte der Städte Baktra, Rhagae und Sinope zur Erhaltung des neuen Hausstandes angewiesen und der jungen Frau, als sogenanntes Gürtelgeld, die Steuern ihrer väterlichen Heimath Phocaea geschenkt.

Bartja dankte dem freigebigen Bruder mit ungeheuchelter Wärme; Kambyses aber blieb eisig kalt, rief ihm einige kurze Abschiedsworte zu und wandte ihm, einen wilden Esel verfolgend, den Rücken.

Auf dem Heimzuge von der Jagd lud der junge Held seine SeelenfreundeSiehe Anmerkung 193 des I. Theils. Krösus, Darius, Zopyrus und Gyges zu einem Abschiedstrunke ein.

Krösus wollte sich später zu den Zechenden gesellen, denn er hatte versprochen, beim Aufgange des Tistarsterns mit den vornehmen Blumenfreunden dem Erblühen der blauen Lilie auf den hängenden Gärten beizuwohnen.

Als er Nitetis dort am frühen Morgen aufsuchen wollte, war er von den Wächtern entschieden abgewiesen worden; jetzt schien ihm die blaue Lilie eine neue Möglichkeit zu bieten, seinen geliebten Schützling, dessen gestriges Benehmen er sich kaum erklären konnte und dessen strenge Bewachung ihm große Besorgniß einflößte, zu sehen und zu sprechen.

Die jungen Achämeniden saßen, als es dämmerte, in einer schattigen Laube des königlichen Gartens, an deren Seite helle Springbrunnen plätscherten, in fröhlichen Gesprächen bei einander. – Araspes, ein vornehmer Perser und Freund des verstorbenen Cyrus, hatte sich zu den Plaudernden gesellt, und that sich gütlich an dem trefflichen Weine des Königssohnes.

»Glücklicher Bartja,« rief der alte Junggeselle, »Du ziehst fort in ein goldenes Land, um Dir das Weib Deiner Liebe heimzuholen, während ich armer Hagestolz, getadelt von aller WeltSiehe Anmerkung 95 des II. Theils., meinem Grabe entgegengehe, ohne Weiber und Kinder zu hinterlassen, welche mich beweinen und zu den Göttern für ein mildes Gericht über meine Seele bitten möchten.«

»Wer wird solche Gedanken hegen!« rief Zopyrus, den Becher schwingend. »Glaube mir, jeder Mann, der eine Frau heimführt, kommt durch sie wenigstens einmal täglich in die Lage zu bereuen, daß er nicht unverheirathet geblieben ist! Sei fröhlich, Väterchen, und denke, daß Du Dich über Deine eigene Schuld oder vielmehr über Deine Weisheit beklagst. Man wählt die Frauen doch nur wie die Nüsse nach dem Aussehen der Schale. Wer mag wissen, ob ein guter oder verdorbener oder gar kein Kern darin steckt. Ich spreche aus Erfahrung, denn wenn ich auch erst zweiundzwanzig Jahre zähle, so habe ich doch fünf stattliche Weiber und eine ganze Schaar von holden und unholden Sklavinnen in meinem Hause.«

Araspes lächelte bitter.

»Wer hindert Dich denn, heute noch zu heirathen?« rief Gyges. »Du bist zwar sechzig Jahre alt; aber Du nimmst es mit manchem Jüngeren auf, was Stattlichkeit, Kraft und Ausdauer anbetrifft. Du gehörst zu den edelsten Verwandten des Königs; ich sage Dir, Araspes, Du bekommst noch zwanzig schöne, junge Frauen!«

»Fege vor Deiner eigenen Thür,« gab der Hagestolz dem Sohne des Krösus zurück. »Wäre ich wie Du, so würd' ich wahrhaftig nicht bis in meine dreißiger Jahre unbeweibt geblieben sein!«

»Ein Orakelspruch verbot mir zu heirathen.«

»Thorheiten! Wie kann sich ein verständiger Mann um Orakel kümmern. Nur in Träumen verkünden uns die Götter die Zukunft! Ich dächte doch, daß Du an Deinem leiblichen Vater gesehen haben müßtest, wie schändlich jene griechischen Priester ihre besten Freunde betrügen.«

»Das verstehst Du nicht, Araspes.«

»Und verlange es nicht zu verstehen, Knabe, der Du gerade deßwegen an die Orakel glaubst, weil Du sie nicht verstehst, und weil ihr in eurer Beschränktheit Alles, was ihr nicht begreift, Wunder nennt. Was euch aber wunderbar erscheint, dem vertraut ihr sicherer als der einfachen, auf der Hand liegenden Wahrheit. Das Orakel hat Deinen Vater betrogen und in's Verderben gestürzt; aber das Orakel ist ein Wunder, und darum läßt auch Du Dich von ihm vertrauensvoll Deines Glückes berauben!«

»Du lästerst, Araspes. Ist es die Schuld der Götter, wenn wir ihre Sprüche falsch verstehen?«

»Ohne Zweifel, denn wenn sie uns nützen wollten, so würden sie uns mit ihren Worten die nöthige Einsicht schenken, sie zu begreifen. Was helfen mir schöne Reden, wenn sie mir in einer mir unverständlichen Sprache vorgetragen werden?«

»Laßt das unnütze Streiten!« rief Darius. »Erkläre uns lieber, Araspes, warum Du Dich so lange von den Priestern tadeln, bei den Festen zurücksetzen und von den Weibern schmähen ließest, um, obgleich Du jeden Bräutigam beglückwünschest, ein alter Junggeselle zu bleiben?«

Araspes blickte sinnend zu Boden, dann schüttelte er sich, that einen langen Zug aus dem Becher und sagte: »Ich habe meinen Grund, ihr Freunde; aber jetzt kann ich ihn euch nicht mittheilen.«

»Erzähle! erzähle!«

»Ich kann nicht, Kinder, ich kann nicht! Diesen Becher leere ich auf das Wohl Deiner holden Sappho, mein glücklicher Bartja, und diesen hier weihe ich Deinem Einstigen Glücke, mein Liebling Darius!«

»Ich danke!« rief Bartja, indem er freudig seinen Becher an die Lippen setzte.

»Du meinst es gut,« murmelte Darius, finster zu Boden schauend.

»Ei, ei, Du Sohn des Hystaspes,« rief der Alte, den ernsten Jüngling betrachtend; »so finstere Züge stehen dem Bräutigam, der auf das Wohl seiner Liebsten trinken soll, gar übel! Ist das Töchterchen des Gobryas nicht nach Atossa die vornehmste aller jungen Perserinnen! Ist sie nicht schön?«

»Artystone besitzt alle Vorzüge einer Achämenidin,« antwortete Darius, ohne die Falten seiner Stirn zu glätten.

»Nun, was verlangst Du denn noch mehr, Du Ungenügsamer?«

Darius erhob den Becher und schaute in den Wein.

»Der Knabe ist verliebt, so wahr ich Araspes heiße,« rief der Alte.

»Was ihr für närrische Leute seid,« unterbrach Zopyrus diese Ausrufungen. »Der Eine ist gegen alle persische Sitte Junggeselle geblieben, der Andere heirathet nicht, weil ein Orakel ihn beängstigt, Bartja will sich mit einem Weibe begnügen, und Darius sieht aus wie ein Destur, der die Sterbelieder singt, weil sein Vater ihm befiehlt, mit dem schönsten und vornehmsten Mädchen in ganz Persien glücklich zu werden!«

»Zopyrus hat Recht,« rief der Alte. »Darius ist undankbar gegen das Glück!«

Bartja verwandte keinen Blick von dem also getadelten Freunde. Er sah ihm an, daß die Scherze der Gefährten ihm mißfielen und drückte ihm, sein eigenes Glück doppelt fühlend, die Hand, indem er sagte: »Es thut mir leid, daß ich bei Deiner Hochzeit abwesend sein werde. Wenn ich wiederkomme, so hoff' ich Dich mit der Wahl Deines Vaters ausgesöhnt zu finden.«

»Vielleicht,« antwortete Darius, »kann ich Dir bei Deiner Rückkehr noch eine zweite und dritte Frau zeigen.«

»Das mag AnahitaSiehe Anmerkung 38 des II. Theils. geben!« rief Zopyrus. »Die Achämeniden würden bald aussterben, wenn alle handeln wollten wie Araspes und Gyges. Dein einziges Weib, Bartja, ist auch nicht der Rede werth! Es wäre Deine Pflicht, schon um den Stamm des Cyrus zu erhalten, drei Frauen auf einmal heimzuführen.«

»Ich hasse unsere Sitte, viele Frauen zu nehmen,« rief Bartja. »Wir stellen uns durch sie unter die Weiber, denen wir zumuthen, uns ein ganzes Leben lang treu zu bleiben, während wir, denen die Treue über Alles gehen sollte, heute Dieser, morgen Jener unverbrüchliche Liebe schwören!«

»Bah!« rief Zopyrus. »Ich möchte lieber meine Zunge einbüßen, als einen Mann belügen; unsere Frauen sind aber so trügerische Geschöpfe, daß man ihnen mit gleicher Münze zahlen muß.«

»Die Helleninnen sind von anderer Art, weil ihnen anders begegnet wird,« erwiederte Bartja. »Sappho erzählte mir von einer griechischen Frau; sie hieß, wie ich glaube, Penelope, welche zwanzig Jahre lang in Liebe, Geduld und Treue, obgleich fünfzig Freier tagtäglich in ihrem Hause verweilten, auf ihren für todt gehaltenen Gatten harrte.«

»Meine Weiber möchten nicht so lange auf mich warten!« rief Zopyrus und lachte vergnügt. »Offen gestanden, würde ich mich auch nicht grämen, wenn ich nach einer Abwesenheit von zwanzig Jahren bei meiner Heimkehr ein leeres Haus fände. Statt der Untreuen, die indessen alt geworden sein müßten, könnte ich dann um so jüngere, schönere Kinder in meinen Harem aufnehmen. Aber es findet nicht Jede einen Entführer, und unseren Frauen ist ein abwesender immer noch lieber als gar kein Mann.«

»Wenn Deine Weiber diese Worte hörten!« lachte Araspes.

»Sie erklärten mir den Krieg oder, was noch schlimmer wäre, sie würden Frieden mit einander schließen.«

»Wie so?«

»Wie so? Man merkt, daß ihr keine Erfahrungen habt!«

»So weihe uns in die Geheimnisse Deiner Ehe ein.«

»Sehr gerne! Ihr könnt euch denken, daß fünf Frauen in einem Hause weniger friedlich bei einander leben als fünf Tauben in einem Schlage; die meinen wenigstens führen einen ununterbrochenen Krieg auf Tod und Leben. Daran hab' ich mich gewöhnt und freue mich über ihre Munterkeit. Vor einem Jahre waren sie nun zum Erstenmale einig, und diesen Tag des Friedens muß ich den unglücklichsten meines Lebens nennen.«

»Spaßvogel!«

»Nein, ich rede in vollem Ernste. Der elende Eunuch, welcher die Fünf zu bewachen hat, ließ einen alten Juwelenhändler aus Tyrus zu ihnen. Jede wählte sich einen kostbaren Schmuck. Als ich nach Hause komme, naht sich mir Sudabe und bittet um das Geld für jenes Geschmeide. Das Ding war so theuer, daß ich mich weigerte, den Kaufpreis zu erlegen. Alle Fünf baten mich einzeln um das Geld, ich aber schlug es jeder Einzelnen rund weg ab und ging zu Hofe. Als ich wieder nach Hause komme, sitzt meine ganze Weiberschaar heulend neben einander. Eine umarmt die Andere und nennt sie ihre Leidens- und Unglücksgefährtin. Die Feindinnen erheben sich in rührender Einmüthigkeit und überhäufen mich mit Schmähreden und drohenden Worten, bis ich das Zimmer verlasse. Als ich mich niederlegen will, finde ich fünf verschlossene Thüren. Am nächsten Morgen wird das Gejammer vom vorigen Abend fortgesetzt. Ich fliehe wiederum und reite mit dem Könige auf die Jagd. Als ich ermüdet, hungrig und erfroren heimkehre (es war im Frühling und wir verweilten schon zu Ekbatana, als der Schnee noch ellenhoch auf dem Orontes lagerte), find' ich kein Feuer im Herde und keine Mahlzeit bereitet. Die edle Schaar hatte sich, um mich zu strafen, verbündet, das Feuer gelöscht, den Köchen verboten, ihre Pflicht zu thun und, was das Schlimmste war, den Schmuck behalten! – Als ich kaum den Sklaven befohlen habe, das Feuer anzuschüren und ein Mahl zu bereiten, erscheint der unverschämte Juwelenhändler von neuem und verlangt sein Geld. Ich weigere mich abermals zu bezahlen, ich verbringe wieder, abgeschlossen von den Weibern, meine Nacht und opfere am nächsten Morgen, um des lieben Friedens willen, zehn Talente. Seitdem fürchte ich die Einigkeit meiner Geliebten wie die bösen Diws und sehe nichts lieber als ihre kleinen Zänkereien und Händel.«

»Armer Zopyrus!« lachte Bartja.

»Armer?« fragte der fünffache Eheherr. »Ich sage euch, daß ich glücklicher bin als ihr. Meine Frauen sind jung und anmuthig, und wenn sie altern, wer hindert mich, schönere in mein Haus zu nehmen, die dann neben den verblühten doppelt reizend erscheinen werden. – He, Sklave, sorge für Lampen! Die Sonne ist untergegangen, und der Wein mundet nur, wenn helles Licht die Tafel bescheint!«

»Hört, wie schön der Vogel Bülbül singt!« rief Darius, welcher aus der Laube in's Freie getreten war, den Freunden zu.

»Beim Mithra, Sohn des Hystaspes, Du bist verliebt,« unterbrach Araspes den Ausruf des Jünglings. »Wer den Wein verläßt, um der Nachtigall zu lauschen, den hat der Blüthenpfeil der Liebe(Anm. 100) Diese Anschauung haben wir den Indern entlehnt, deren Liebesgott Kama die Herzen mit zugespitzten Blüthen verwundet. Die Nachtigall »Bülbül« spielt eine große Rolle in den Liedern der Perser. Ihr Lied gilt für den Inbegriff alles Wohllauts, sie selbst für den Vogel der liebenden. S. J. v. Hammer, Geschichte der schönen Redekünste Persiens. so sicher getroffen, als ich Araspes heiße!«

»Du hast Recht, Väterchen,« rief Bartja. »Philomele, wie die Hellenen unsere Bülbül nennen, der die Liebe so schöne Gesänge in die Brust legt, ist bei allen Völkern der Vogel der Liebenden. Von welcher Schönen träumtest Du, Darius, als Du in die Nacht hinaus tratest, um der Bülbül zu lauschen?«

»Von Keiner,« antwortete der Befragte. »Ihr wißt, daß ich den gestirnten Himmel gern beobachte. Der Tistarstern ging heute so wunderbar strahlend auf, daß ich den Wein verließ, um ihn näher zu betrachten. Ich hätte meine Ohren verschließen müssen, um den lauten Wechselgesang der Nachtigallen nicht zu vernehmen.«

»Du hast sie weit genug geöffnet; Dein entzückter Ausruf bewies das!« lachte Araspes.

»Genug!« rief Darius, den diese Neckereien verdrossen.

»Unvorsichtiger,« flüsterte jetzt der Alte dem Jünglinge zu, »nun erst hast Du Dich verrathen! Wärest Du nicht verliebt, so würdest Du lachen, statt aufzubrausen! Aber ich will Dich nicht reizen und frage Dich, was Du aus den Sternen gelesen?«

Darius schaute bei diesen Worten nochmals zum Himmel empor und heftete seine Augen unverwandt an ein leuchtendes, über dem Horizonte schwebendes Sternbild. Zopyrus beobachtete den Astrologen und rief den Freunden zu: »Dort oben muß etwas Wichtiges vorgehen. He, Darius, theile uns mit, was sich am Himmel ereignet!«

»Nichts Gutes,« antwortete dieser. »Ich habe mit Dir allein zu reden, Bartja.«

»Warum das? Araspes ist verschwiegen, und vor euch Anderen hab' ich kein Geheimniß.«

»Dennoch –«

»Rede nur!«

»Nein, ich bitte Dich, mir in den Garten zu folgen.«

Bartja nickte den Zechern zu, legte seinen Arm auf die Schulter des Darius und trat mit ihm in das helle Mondlicht hinaus. Als sie allein waren, ergriff der Sohn des Hystaspes beide Hände seines Freundes und sagte. »Heut zum Drittenmale gehen am Himmel Dinge vor, welche Dir nichts Gutes verheißen. Dein böser Stern tritt Deinem heilbringenden Gestirne so nah, daß man nur wenig Astrologie zu verstehen braucht, um Dir voraussagen zu können, Dich erwarte eine ernstliche Gefahr. Sieh' Dich vor, Bartja, und reise noch heut nach Ägypten, denn die Sterne sagen mir, daß Dir am Euphrat, nicht in der Ferne, das Verhängniß droht.«

»Glaubst Du so sicher an die weissagende Kraft des gestirnten Himmels?«

»Sicher! Die Sterne lügen niemals!«

»Dann wäre es Thorheit, sich dem, was sie verheißen, entziehen zu wollen.«

»Wohl, der Mensch kann zwar seinem Verhängnisse nicht entgehen; das Schicksal gleicht aber den Lehrern in der Fechtkunst, welche diejenigen Schüler am liebsten haben, die am muthigsten und geschicktesten mit ihnen zu kämpfen verstehen. Reise heute noch nach Aegypten, Bartja!«

»Ich kann nicht, denn ich habe der Mutter und Atossa noch nicht Lebewohl gesagt.«

»Sende ihnen durch einen Boten Deine Abschiedsgrüße und trage Krösus auf, ihnen den Grund Deiner Abreise aus einander zu setzen.«

»Sie würden mich für feige halten.«

»Einem Menschen zu weichen, ist schimpflich; dem Verhängnisse aus dem Wege zu gehen, weise.«

»Du widersprichst Dir selbst, Darius! Was würde der Fechtmeister über den fliehenden Schüler sagen?«

»Er würde sich der Kriegslist freuen, durch welche der Vereinzelte einer großen Uebermacht zu entgehen sucht.«

»Welche ihn endlich dennoch fangen und vernichten würde. – Wie sollte ich eine Gefahr, die, Du sagtest es selbst, nicht abgewendet werden kann, hinauszuschieben suchen? Wenn mich ein Zahn schmerzt, so lasse ich ihn sofort ausreißen, während Weiber und Feiglinge sich wochenlang quälen und ängstigen, um die schmerzliche Operation nur nicht gleich, nur so spät als möglich vollziehen zu lassen. Ich erwarte die Gefahr mit festem Muthe und wünsche ihr recht bald zu begegnen, um sie desto eher hinter mir zu haben!«

»Du kennst nicht ihre Größe.«

»Fürchtest Du für mein Leben?«

»Nein.«

»Theile mir mit, was Du besorgst!«

»Jener ägyptische Priester zu Sais, mit dem ich die Sterne beobachtete, hat Dein Horoskop mit mir gestellt. Er war der himmelskundigste Mann, welchen ich jemals gesehen. Ich verdanke ihm manche Kenntniß und will Dir nicht verschweigen, daß er mich schon damals auf Gefahren aufmerksam machte, die über Deinem Haupte schweben.«

»Und Du verschwiegst mir das?«

»Warum sollt' ich Dich vorzeitig ängstigen? Jetzt, wo sich das Verhängniß nähert, warn' ich Dich.«

»Ich danke Dir und werde Vorsicht üben. Früher hätte ich nicht auf Deine Mahnung gehört; seitdem ich aber liebe, ist mir's, als hätt' ich nicht mehr so frei über mein Leben zu verfügen als sonst.«

»Ich verstehe dieses Gefühl . . .«

»Du verstehst mich? So hatte Araspes recht beobachtet? – Du sagst nicht nein?«

»Ein Traum sonder Hoffnung!«

»Welches Weib könnte Dich verschmähen?«

»Verschmähen?«

»Ich begreife Dich nicht! Sinkt Dir, dem kühnsten Jäger, dem stärksten Ringer, dem weisesten aller jungen Perser, der feste Muth einem Weibe gegenüber?«

»Darf ich Dir vertrauen, mehr vertrauen, als ich meinem Vater vertrauen würde, Bartja?«

»Du darfst!«

»Ich liebe die Tochter des Cyrus, Deine und des Königs Schwester, Atossa!«

»Hab' ich Dich recht verstanden; Du liebst Atossa? So danke ich euch, ihr reinen Amescha çpentaSiehe II. Theil Anmerkung 106.. Von heute an glaub' ich nicht mehr an Deine Sterne, denn statt der Gefahren, mit denen sie mich bedrohen, schenken sie mir ein unerwartetes Glück. Umarme mich, mein Bruder, und erzähle mir die Geschichte Deiner Liebe, damit ich Dir helfen kann, das, was Du einen Traum sonder Hoffnung nanntest, zur Wahrheit zu machen!«

»Vor unserer Abreise nach Aegypten zogen wir, wie Du weißt, mit dem ganzen Hoflager von Ekbatana nach Susa. Ich befehligte damals die Abtheilung der ›Unsterblichen‹, welche die Wagen der königlichen Frauen zu beschützen hatte. Auf dem Engpasse, der über den Orontes führt, glitten die Pferde vor dem Wagen Deiner Mutter und Schwester aus. Das Joch, an welches die Rosse geschirrt waren(Anm. 101) An der Spitze der Deichseln persischer Wagen befand sich ein Joch, welches an den Rücken der Pferde befestigt wurde und die Stelle unserer Kummete und Widerhalter vertrat. S. das Bild bei Gosse, Assyria S. 224. Layard S. 151 und 447–451. Aehnlich wurden auch die ägyptischen Pferde angeschirrt. S. Bd. I. A. 30. Die auf den persischen und assyrischen Denkmälern abgebildeten Pferde sind von entschieden anderer Rasse als die, welche auf den ägyptischen Monumenten abgebildet wurden., brach von der Deichsel, und vor meinen Augen sank der vierrädrige schwere Wagen ohne Halt und Hemmniß in den Abgrund. Schaudernd sahen wir, unsere Pferde zu furchtbarer Eile spornend, das Fuhrwerk verschwinden. Bei der Stätte des Unglücks angelangt, glaubten wir uns auf den Anblick von Trümmern und Leichen vorbereiten zu müssen; die Götter hatten aber die Deinen in ihren allmächtigen Schutz genommen, und der in den Abgrund geschleuderte Wagen ruhte mit zertrümmerten Rädern in den Armen zweier riesiger Cypressen, welche sich mit zähen Wurzeln an das zerklüftete Schiefergefels klammerten und ihre dunklen Wipfel bis zum Saume der Fahrstraße emporstreckten.

»Schnell wie der Gedanke sprang ich vom Pferde und kletterte, ohne mich zu besinnen, an einer der Cypressen hernieder. Deine Mutter und Schwester riefen um Hülfe und streckten mir ihre Arme flehend entgegen. Ihre Gefahr war entsetzlich, denn die hölzernen Wände des Wagens, von dem harten Anprall aus den Fugen gerissen, drohten sich in jedem Augenblicke zu theilen und die von ihnen eingeschlossenen Frauen preiszugeben dem unvermeidlichen Sturz in den Abgrund, welcher tief, schwarz, unergründlich, ein Sitz der finsteren Diws, bereit schien, die schönen Opfer in seinem Rachen zu zermalmen.

»Ich stand, mich an den Stamm der Cypresse klammernd, vor dem zerberstenden, schwebenden Wagen. Da traf mich zum Erstenmale der flehende Blick Deiner Schwester. Seit jenem Augenblicke liebte ich Atossa; aber damals wußte ich noch nicht, was in meinem Herzen vorging, denn ich konnte an nichts, als an die Rettung der Deinen denken. In wilder Hast hob ich die zitternden Weiber aus dem Wagen, dessen Theile eine Minute später aus einander fielen und der dann krachend in den Abgrund herniederstürzte. Ich bin ein starker Mann, aber ich bedurfte des Aufwandes aller Kräfte, um mich selbst und die beiden Frauen so lange über dem Abgrunde zu erhalten, bis man Seile zu mir hernieder geworfen hatte. Atossa hing an meinem Halse, Kassandane ruhte, von meiner Linken gehalten, an meiner Brust. Mit der Rechten schlang ich den Strick um meinen Leib, man zog uns empor, und wenige Minuten später befand ich mich mit den geretteten Deinen auf der sicheren Landstraße.

»Nachdem ein Magier die Wunden, welche das scharf angezogene Seil in meine Seite geschnitten, verbunden hatte, ließ mich der König rufen, beschenkte mich mit dieser Halskette und den Einkünften einer ganzen Satrapie und führte mich selbst zu den Frauen, welche mir in warmen Worten ihren Dank aussprachen. Kassandane gestattete mir, ihre Stirn zu küssen und ließ mir den ganzen Schmuck, welchen sie während jenes Augenblickes der Gefahr getragen hatte, für meine künftige Gattin überreichen. Atossa zog einen Ring von ihrem Finger, steckte ihn an meine Hand und küßte dieselbe, lebhaft, wie sie ist, in dankbarer Aufwallung. Seit jenem Tage, dem glücklichsten meines Lebens, habe ich Deine Schwester bis zum gestrigen Abende niemals wiedergesehen. Bei dem großen Geburtstagsschmause saßen wir einander gegenüber. Mein Auge begegnete dem ihren. Ich sah nichts als Atossa und weiß, daß sie ihren Retter nicht vergessen hat. Kassandane . . .«

»O, meine Mutter wird Dich gern ihren Eidam nennen, dafür leiste ich Bürgschaft! An den König mag sich Dein Vater wenden; er ist unser Oheim und darf die Tochter des Cyrus mit gutem Rechte für seinen Sohn begehren!«

»Erinnerst Du Dich noch jenes Traumes Deines Vaters? Um seinetwillen hat Kambyses niemals aufgehört, mich mit Mißtrauen zu betrachten.«

»Das ist längst vergessen! Mein Vater träumte vor seinem Tode, Du habest Flügel(Anm. 102) Herod. I. 209.; darum fürchtete er, von den Traumdeutern verblendet, Du, ein achtzehnjähriger Knabe, werdest nach der Krone streben. Kambyses dachte jenes Gesichts, bis ihm Krösus, nachdem Du die Meinen gerettet hattest, erklärte, der Traum sei erfüllt, denn nur ein geflügelter Adler oder Darius vermöge so kräftig und geschickt über einem Abgrunde zu schweben.«

»Doch diese Deutung behagte Deinem Bruder nur wenig. Er will der einzige Adler in Persien sein; Krösus aber schmeichelt nie seinem Stolze.«

»Wo er nur so lange bleibt?!«

»Er ist auf den hängenden Gärten. Dein Vater und Gobryas werden ihn zurückhalten.«

»Das nenne ich höflich!« ließ sich in diesem Augenblick die Stimme des Zopyrus vernehmen. »Bartja ladet uns zum Schmause und läßt uns, Geheimnisse auskramend, ohne Wirth die Becher leeren!«

»Wir kommen, wir kommen!« rief der Königssohn als Antwort zurück. Dann ergriff er die Hand des Darius, drückte sie und sagte: »Deine Liebe zu Atossa macht mich glücklich. Ich bleibe bis übermorgen hier, wenn mich auch die Sterne mit allen Gefahren der Welt bedrohen! Morgen ergründe ich Atossa's Herz und erst, wenn Alles im rechten Geleise ist, ziehe ich fort, um meinem geflügelten Darius zu überlassen, sein Ziel mit eigenen Kräften zu erreichen.«

Mit diesen Worten ging Bartja der Laube zu, während sein Freund von neuem gen Himmel schaute. Je länger er in die Sterne sah, desto finsterer wurde sein Antlitz. Als der Tistarstern unterging, murmelte er. »Armer Bartja!« Die Freunde riefen ihm und er wollte soeben zu ihnen zurückkehren, als er eines neuen Sternes ansichtig wurde, dessen Stellung er mit Aufmerksamkeit musterte. Der Ernst seiner Züge verwandelte sich in ein triumphirendes Lächeln, seine hohe Gestalt schien zu wachsen, seine Hand preßte sich auf sein Herz, und mit den leise geflüsterten Worten: »Geflügelter Darius, brauche Deine Schwingen; Dein Stern wird Dir zur Seite stehen!« begab er sich zu den harrenden Freunden.

Kurze Zeit darauf näherte sich Krösus der Laube. Die Jünglinge sprangen von ihren Sitzen, um den Greis zu bewillkommnen, welcher, wie vom Blitze getroffen, stehen blieb, als er Bartja's vom hellen Mondlicht beschienenes Antlitz erkannte.

»Was ist Dir begegnet, Vater?« fragte Gyges, indem er die Hand des Krösus voller Besorgniß ergriff.

»Nichts, nichts,« stammelte dieser kaum hörbar, drängte seinen Sohn zur Seite, näherte sich Bartja und flüsterte ihm in's Ohr: »Unseliger, Du bist noch hier? Säume nicht länger und fliehe! Die Peitschenträger, welche Dich verhaften sollen, folgen mir auf dem Fuße! Glaube mir, daß Du, wenn Du nicht eilst, Deine doppelte Unvorsichtigkeit mit dem Tode büßen mußt.«

»Aber, Krösus, ich habe –«

»Du hast das Gesetz dieses Landes, dieses Hofes verhöhnt und wenigstens dem Scheine nach die Ehre Deines Bruders gekränkt . . .«

»Du redest –«

»Fliehe, flieh', sag' ich Dir; denn wärest Du auch in unschuldiger Absicht auf den hängenden Gärten und bei der Aegypterin gewesen, so hast Du dennoch Alles zu fürchten! Wie konntest Du, der doch den Jähzorn des Kambyses kennt, sein ausdrückliches Gebot so freventlich verletzen!«

»Ich verstehe nicht . . .«

»Keine Entschuldigungen! Flieh'! Du weißt nicht, daß Dich Kambyses schon lange mit Eifersucht betrachtet, daß Dein nächtlicher Besuch bei der Aegypterin . . .«

»Ich habe, seitdem Nitetis hier ist, die hängenden Gärten mit keinem Fuße betreten!«

»Füge nicht zum Frevel die Lüge, ich . . .«

»Ich schwöre Dir . . .«

»Willst Du eine That des Leichtsinns durch Meineid zum Verbrechen machen? – Die Peitschenträger kommen schon, flieh', flieh'!«

»Ich bleibe, denn ich beharre bei meinem Schwur.«

»Verblendeter! Wisse, daß ich selbst, Hystaspes und andere Achämeniden, Dich, noch ist es keine Stunde her, auf den hängenden Gärten gesehen haben . . .«

Bartja ließ sich in seinem Erstaunen halb willenlos von dem Greise fortführen; als er aber dessen letzte Behauptung vernommen hatte, blieb er stehen, rief seine Freunde herbei und sagte: »Krösus will mir vor weniger als einer Stunde auf den hängenden Gärten begegnet sein; ich aber bin, wie ihr wißt, seid dem Untergange der Sonne nicht von euch gewichen. Bestätigt ihm durch euer Zeugniß, daß hier ein böser Diw sein Spiel mit unserem Freund und seinen Begleitern getrieben haben muß.«

»Ich schwöre Dir, Vater,« rief Gyges, »daß Bartja seit vielen Stunden diesen Garten nicht verlassen hat.«

»Wir betheuern dasselbe,« stimmten Araspes, Zopyrus und Darius lebhaft ein.

»Ihr wollt mich betrügen?« brauste Krösus auf, Einen nach dem Andern vorwurfsvoll anblickend. »Glaubt ihr, ich sei blind oder sinnverwirrt? Meint ihr, daß euer Zeugniß die Aussage der edelsten Greise, des Hystaspes, Gobryas, Intaphernes und des Oberpriesters Oropastes entkräftigen werde? Bartja ist trotz eures falschen Zeugnisses, das keine Freundschaft entschuldigen kann, ein Kind des Todes, wenn er nicht flieht!«

»Angramainjus soll mich verderben,« rief, den geängstigten Greis unterbrechend, der alte Araspes, »wenn der Sohn des Cyrus vor zwei Stunden auf den hängenden Gärten gewesen ist.«

»Du magst mich nicht mehr Deinen Sohn nennen,« fügte Gyges hinzu, »wenn unser Zeugniß falsch war.«

»Bei den ewigen Sternen,« wollte Darius ausrufen, als Bartja die durcheinander Schreienden unterbrach und mit fester Stimme sagte: »Dort kommt eine Abtheilung der Leibwache in den Garten. Ich soll verhaftet werden und kann nicht fliehen, weil ich, der ich unschuldig bin, dadurch den Verdacht der Schuld auf mich laden würde. Bei der Seele meines Vaters, bei den blinden Augen meiner Mutter, bei dem reinen Lichte der Sonne schwöre ich Dir, Krösus, daß ich Dich nicht belüge.«

»Soll ich Dir gegen das Zeugniß meiner beiden hellen Augen glauben, die mich noch nie betrogen haben? Ich will es, Knabe, denn ich liebe und ehre Dich. Bist Du schuldig, bist Du unschuldig, ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen; das aber weiß ich, daß Du fliehen mußt, eilig fliehen! Du kennst Kambyses! Mein Wagen wartet an der Pforte. Jage die Pferde todt, aber flieh'! Die Soldaten scheinen zu wissen, um was es sich handelt, denn es ist unzweifelhaft, daß sie so lange zaudern, um Dir, ihrem Lieblinge, Zeit zu lassen, Dich zu entfernen. Flieh', flieh', oder es ist um Dich geschehen!«

»Flieh', Bartja,« rief auch Darius, seinen Freund vorwärts drängend, »und gedenke der Warnung, die Dir der Himmel selbst in Sternenschrift sandte.«

Bartja schüttelte schweigend sein schönes Haupt und sagte, die bangen Freunde zurückweisend: »Ich bin noch nie geflohen und gedenke auch heute Stand zu halten. Feigheit scheint mir schlimmer als Tod, und ich leide lieber Unrecht von Andern, als daß ich mich selbst beschimpfe. Da sind die Soldaten! Willkommen Bischen; Du sollst mich verhaften? Ja!? Warte nur einen Augenblick, bis ich den Freunden Lebewohl gesagt habe.«

Bischen, der also Angeredete, ein alter Feldhauptmann des Cyrus, der Bartja den ersten Unterricht im Pfeilschießen und Speerwerfen ertheilt, im Tapurenkriege an seiner Seite gefochten und ihn lieb hatte wie seinen eigenen Sohn, unterbrach den Jüngling und sagte: »Du brauchst von Deinen Freunden nicht Abschied zu nehmen, denn der König, der wie ein Rasender tobt, hat befohlen, ich sollte Dich und Jeden, den ich bei Dir finden würde, verhaften.«

Dann fügte er leise hinzu: »Der König ist außer sich vor Zorn und bedroht Dein Leben. Du mußt fliehen. Meine Leute gehorchen mir blindlings und werden Dich nicht verfolgen; ich aber bin alt und Persien verliert nur wenig, wenn mein Kopf fallen sollte.«

»Ich danke Dir, Freund,« erwiederte Bartja, ihm die Hand reichend, »aber ich kann Dein Opfer nicht annehmen, denn ich bin unschuldig und weiß, daß Kambyses wohl jähzornig, aber nicht ungerecht ist. Kommt, ihr Lieben; ich glaube, daß der König uns heute noch verhören wird.«

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