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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Sechstes Kapitel.

Der oberste Tafeldecker ging den eintretenden Gästen entgegen und wies ihnen, unterstützt von einigen anderen edlen Stabträgern, ihre Plätze an.

Als sich Alle niedergelassen hatten, verkündete eine Trompetenfanfare das Nahen des Königs. Sobald er die Halle betrat, erhoben sich die Gäste und empfingen ihren Herrscher mit dem donnernden, oft wiederholten Rufe. »Sieg dem Könige!«

Ein sardischer Purpurteppich, welchen er und Kassandane allein betreten durften, bezeichnete den Weg zu seinem Platze. Die blinde Mutter des Königs ging, geführt von Krösus, ihrem Sohne voran und nahm einen Thron an der Spitze der Tafel ein, welcher höher war als der goldene Sessel des Kambyses(Anm. 90) Plutarch, Artaxerxes 5., der neben dem ihren stand. Zur Linken des Herrschers nahmen die rechtmäßigen Weiber Platz. Nitetis saß neben ihm, neben dieser Atossa, neben Atossa die schlicht gekleidete, bleich gefärbte Phädime, und neben der letzten Gattin des Königs der Eunuch Boges. Dann kam der Oberpriester Oropastes, einige andere hochgestellte Magier, die Satrapen mehrerer Provinzen, unter denen sich auch der Jude Beltsazar befand, und eine Menge von Persern, Medern und Eunuchen, welche hohe Staatsämter bekleideten.

Zur Rechten des Königs saß Bartja. Diesem folgten Krösus, Hystaspes, Gobryas, Araspes und andere Achämeniden nach ihrem Alter und Range. Die Kebsweiber saßen theils am untersten Ende der Tafel, theils standen sie gegenüber dem Könige, um durch Spiel und Gesang die Festfreude zu erhöhen. Hinter ihnen verweilten viele Eunuchen, welche Acht zu geben hatten, daß sie ihre Augen nicht zu den Männern erhöben(Anm. 91) Herod. IX. 110 u. 111. Buch Esther 1. 10 u. 11. Brisson, Regn. Persarum principat. I. c. 103..

Der erste Blick des Kambyses galt Nitetis, welche in aller Pracht und Würde einer Königin, bleich, aber über alle Beschreibung schön in den neuen Purpurkleidern, an seiner Seite saß.

Die Augen der Verlobten begegneten sich.

Kambyses fühlte, daß ihm aus dem Blicke seiner Braut heiße Liebe entgegenstrahle. Dennoch bemerkte er mit dem seinen Instinkte zärtlicher Leidenschaft, daß dem theuren Wesen ein ihm unbekanntes Etwas begegnet sein müsse. Wehmüthiger Ernst umspielte heute ihren Mund, und ein trüber, nur ihm bemerkbarer Schleier umflorte ihren sonst so ebenmäßig klaren, ruhig heiteren Blick. – »Ich werde sie später fragen, was ihr widerfahren,« dachte der König; »meine Unterthanen dürfen nicht bemerken, wie lieb mir dieses Mädchen ist.«

Nun küßte er die Stirn seiner Mutter, seiner Geschwister und nächsten Anverwandten, sprach ein kurzes Gebet, in welchem er den Göttern für ihre Gnade dankte und ein neues glückliches Jahr für sich selbst und alle Perser erflehte, nannte die ungeheure Summe. mit der er an diesem Tage seine Landsleute beschenkte, und forderte die Stabträger auf, Diejenigen vor sein Angesicht treten zu lassen, welche von diesem Feste der Gnade die Gewährung eines billigen Wunsches erhofften.

Keiner der Bittsteller ging unbefriedigt von dannen, hatte doch ein Jeder am Tage vorher dem obersten Stabträger sein Gesuch vorgetragen und sich über seine Zulässigkeit unterrichten lassen müssen. In gleicher Weise wurden die Anliegen der Weiber, ehe sie dem Könige vorgetragen werden durften, von den Eunuchen geprüft.

Nach den Männern führte Boges die Schaar der Frauen (nur Kassandane blieb sitzen) an dem Herrscher vorüber.

Atossa eröffnete mit Nitetis den langen Zug. Phädime und eine andere Schöne folgten den Königstöchtern. Letztere war auf's Glänzendste geschmückt und von Boges der gestürzten Favoritin beigesellt worden, um ihre beinah dürftige Einfachheit noch schärfer hervortreten zu lassen.

Intaphernes und Otanes sahen, wie Boges vermuthet hatte, finsteren Blickes auf ihre Enkelin und Tochter, welche so bleich und dürftig gekleidet an dieser Stätte des Glanzes erschien.

Kambyses, der aus früheren Zeiten die verschwenderische Putzsucht Phädime's kannte, musterte, als sie ihm gegenüberstand, halb unwillig, halb erstaunt den schlichten Anzug und die bleichen Züge der Achämenidin. Seine Stirn verfinsterte sich und grollend herrschte er dem vor ihm niedersinkenden Weibe zu: »Was soll diese Betteltracht an meiner Tafel und meinem Ehrenfeste? Kennst Du nicht mehr die Sitte unseres Volkes, vor seinem Herrscher nur im Schmucke zu erscheinen? Wahrlich, wäre heut ein anderer Tag und achtete ich Dich nicht als die Tochter unserer liebsten Verwandten, so ließ' ich Dich von den Eunuchen in den Harem zurückführen und Dich in der Einsamkeit über das Ziemliche nachdenken!«

Diese Worte erleichterten die Aufgabe der Gedemüthigten. Laut und bitterlich weinend schaute sie zu dem Zürnenden auf und hob ihre Blicke und Hände so flehentlich zu ihm empor, daß sich der Groll des Königs in Mitleid verwandelte und er, die Knieende aufhebend, fragte: »Hast Du eine Bitte auf dem Herzen?«

»Was sollte mir noch wünschenswerth erscheinen, seitdem mir meine Sonne ihr Licht entzieht?« lautete die unter leisem Schluchzen gestammelte Antwort.

Kambyses zuckte die Achseln und fragte noch einmal: »Wünschest Du Dir gar nichts? In früheren Tagen konnte ich mit Geschenken Deine Thränen trocknen; fordere denn auch heut einen goldenen Trost.«

»Phädime wünscht nichts mehr! Für wen bedürfte sie auch des Schmucks, seitdem ihr König, ihr Gatte, das Licht seines Auges von ihr wendet?«

»So kann ich Dir nicht helfen!« rief Kambyses, indem er sich unwillig von der Knieenden abwandte.

Der Rath des Boges, daß sich Phädime Weiß auflegen solle, war gut gewesen, denn unter der bleichen Schminke glühten ihre Wangen vor Zorn und Scham. Trotzdem blieb sie Herrin ihrer Leidenschaft und folgte dem Befehle des Eunuchen, indem sie sich tief und ehrerbietig, wie vor der Mutter des Königs, vor Nitetis verneigte und ihre Thränen frei und offen unter den Augen aller Achämeniden fließen ließ.

Otanes und Intaphernes verbissen nur mühsam den Grimm, welchen die Erniedrigung ihrer Tochter und Enkelin in ihnen erweckte, und manches Achämeniden Auge sah mit hoher Theilnahme auf die unglückliche Phädime, mit stillem Groll auf die bevorzugte, schöne Fremde.

Alle Ceremonien waren beendet und die Schmauserei begann. – Vor dem Könige lag in einem goldenen Korbe, von andern Früchten zierlich umgeben, ein riesiger Granatapfel in der Größe eines Kinderkopfes(Anm. 92) Das gewöhnliche Pischkesch oder Gastgeschenk, welches die Perser heute noch einander zu verehren pflegen, besteht aus Süßigkeiten oder Körben mit ausnehmend zierlich geordneten Früchten. Brugsch läßt in seiner Reise nach Persien dem Geschmacke, mit welchem das Obst geordnet wird, hohes Lob widerfahren..

Jetzt erst bemerkte er ihn, musterte die Schönheit der seltenen, ungeheuren Frucht mit Kennerblicken und fragte: »Wer hat diesen wunderbaren Apfel gezogen?«

»Dein Knecht Oropastes,« antwortete der Oberste der Magier, sich tief verbeugend. »Seit vielen Jahren treibe ich die Gärtnerkunst und habe es gewagt, in dieser herrlichen Frucht den schönsten Erfolg meiner Mühen zu Deinen Füßen niederzulegen(Anm. 93) Die folgende Geschichte erzählt Aelian var. hist. I. 23. von Artaxerxes und einem gewissen Omises.

»Ich danke Dir!« rief der König, »denn, meine Freunde, dieser Granatapfel wird mir die Wahl eines Statthalters erleichtern, wenn wir in den Krieg ziehen. Beim Mithra, wer einen kleinen Baum so sorgsam zu pflegen versteht, der wird auch in großen Dingen tüchtig sein! Welch' eine Frucht! Wer sah ihresgleichen? Noch einmal danke ich Dir, Oropastes, und weil der Dank des Königs nicht in Worten allein bestehen darf, so ernenne ich Dich heute schon, für den Fall eines Krieges, zum Statthalter des gesammten Reichs. Ja, meine Freunde, wir werden nicht mehr lange in träger Ruhe unsere Zeit verträumen. Der Perser verliert seine Fröhlichkeit ohne die Lust des Krieges!«

Ein Murmeln des Beifalls zog durch die Reihen der Achämeniden. »Sieg dem Könige!« erklang es von neuem.

Schnell vergessen war der Groll wegen des gedemüthigten Weibes; Schlachtgedanken, Traume von unsterblichem Waffenruhm und Siegeskränzen, Rückerinnerungen an vergangene Großthaten hoben die Feststimmung der Schmausenden.

Der König selbst, an diesem Tage mäßiger als sonst, munterte seine Gäste zum Trinken auf und freute sich der lärmenden Heiterkeit und der überschäumenden Kampflust seiner Helden, mehr aber noch der zauberhaften Schönheit der Aegypterin, die, bleicher als sonst und gänzlich erschöpft von den Anstrengungen des vergangenen Morgens und der ungewohnten Last der hohen Tiara, an seiner Seite saß. So glücklich wie an diesem Tage hatte er sich noch nie gefühlt!

Was fehlte ihm auch, was konnte er noch wünschen, er, dem die Gottheit das Glück der Liebe zu allen Schätzen, welche das Herz zu begehren vermag, in den Schooß geworfen hatte? Sein Starrsinn schien sich in mildes Wohlwollen, seine strenge Härte in freundliche Nachgiebigkeit verwandelt zu haben, als er dem neben ihm sitzenden Bartja zurief. »Nun, Bruder, hast Du mein Versprechen vergessen? Weißt Du nicht mehr, daß Du heute, sicher der Gewährung, von mir erbitten darfst, was Dein Herz begehrt? So ist's recht, leere den Becher und steigere Deinen Muth! Daß Du aber nichts Geringes forderst! Ich bin heute in der Stimmung, große Geschenke zu machen! Ah, Du willst mir im Geheimen sagen, was Du begehrst? So tritt näher! Ich bin doch neugierig zu erfahren, was der glücklichste Jüngling in meinem ganzen Reiche so sehnlich begehrt, daß er wie ein Mädchen erröthet, sobald man von seinem Wunsche spricht.«

Bartja, dessen Wangen in der That vor Erregung glühten, beugte sich lächelnd dem Ohre seines Bruders entgegen und erzählte ihm, leise flüsternd, in kurzen Worten die Geschichte seiner Liebe.

»Sappho's Vater hatte geholfen, seine Vaterstadt PhocaeaSiehe Anmerkung 22 im I. Theil. gegen die Heere des Cyrus zu vertheidigen.« Diesen Umstand hob der Jüngling klüglich hervor, nannte seine Geliebte der Wahrheit gemäß die Tochter eines hellenischen Streiters aus edlem Geschlechte und verschwieg(Anm. 94) Das Gesetz verbot den Persern Schulden zu machen, weil der Schuldner manche Unwahrheit reden müsse. Herodot I. 138. Darum verachteten sie alle Geldgeschäfte, welche auch ihrem kriegerischen Sinn keineswegs zugesagt haben würden. Sie überließen den Handel den überwundenen Nationen und dachten verächtlich über denselben., daß derselbe durch kaufmännische Unternehmungen große Schätze erworben habe. Er schilderte seinem Bruder die Anmuth, hohe Bildung und Liebe seiner Braut und wollte sich eben auf das Zeugniß des Krösus berufen, als ihn Kambyses unterbrach und, seine Stirne küssend, ausrief: »Spare Deine Worte, mein Bruder, und folge der Sehnsucht Deines Herzens. Ich kenne die Macht der Liebe und will Dir helfen die Einwilligung unserer Mutter zu erringen.«

Bartja warf sich, von Glück und Dankbarkeit überwältigt, dem königlichen Bruder zu Füßen; dieser aber hob ihn freundlich auf und rief, sich besonders an Nitetis und Kassandane wendend. »Merkt auf, ihr Lieben! Der Stamm des Cyrus soll neue Blüthen treiben, denn unser Bruder Bartja hat sich entschlossen, seinem den Göttern mißliebigen Junggesellenleben(Anm. 95) Die Religion gebot den Persern zu heirathen, und setzte den Unbeweibten der Verachtung aus. Vendid IV. Fargard. 130 fgd. Das Leben zu erwecken und zu fördern galt für das Höchste; darum war auch, viele Kinder zu haben, besonders rühmenswert. Herod. I. 136. ein Ende zu machen. In wenigen Tagen zieht der liebende Jüngling in Deine Heimath, Nitetis, und bringt den zweiten Edelstein vom Ufer des Nils nach unserer bergigen Heimath!«

»Was hast Du, Schwester?« rief, ehe Kambyses diese Worte vollendet hatte, die junge Atossa, indem sie die Stirn der Ägypterin, welche ohnmächtig in ihren Armen ruhte, mit Wein benetzte.

»Was war Dir?« fragte die blinde Kassandane, als die Braut des Königs nach wenigen Augenblicken zu neuem Leben erwachte.

»Die Freude, das Glück, Tachot,« stammelte Nitetis.

Kambyses war, wie seine Schwester, der Umsinkenden zu Hülfe gesprungen. Als dieselbe ihr volles Bewußtsein zurückerlangt hatte, bat er sie, sich durch einen Trunk zu stärken, reichte ihr selbst den Becher und fuhr, seinen ersten Bericht ergänzend, fort: »Bartja wird in Deine Heimath ziehen, meine Gattin, und sich die Enkelin einer gewissen Rhodopis, die Tochter eines edlen Kriegshelden, welcher dem männlichen Phocaea entstammt, aus Naukratis am Nil zum Weibe holen.«

»Was war das?« rief die blinde Mutter des Königs.

»Was ist Dir?« fragte die muntere Atossa in besorgtem, beinahe vorwurfsvollem Tone.

»Nitetis!« rief Krösus seinem Schützling mahnend zu.

Aber diese Warnung kam zu spät, denn schon war der Becher, welchen Kambyses seiner Geliebten überreicht hatte, ihren Händen entsunken und klirrend zu Boden gefallen.

Die Blicke aller Anwesenden hingen in ängstlicher Spannung an den Zügen des Königs, welcher, bleich wie der Tod, mit zitternden Lippen und krampfhaft geballter Faust abermals von seinem Sessel aufgesprungen war.

Nitetis schaute, um Nachsicht bittend, zu ihrem Geliebten empor; er aber wandte, den Zauber dieses Blickes fürchtend, sein Haupt und rief mit heiserer Stimme: »Führe die Frauen in ihre Gemächer, Boges! Ich will sie nicht mehr sehen . . . Das Trinkgelage soll beginnen . . . Schlafe wohl, meine Mutter, und hüte Dich, Nattern mit Deinem Herzblute zu säugen. Schlafe gut, Aegypterin, und bitte die Götter, daß sie Dir eine gleichmäßigere Verstellungskunst gewähren mögen. Ihr Freunde, morgen ziehen wir zum Jagen aus! Gib mir zu trinken, Schenk! Fülle den großen Becher; aber koste viel, sehr viel, denn heute fürcht' ich mich vor Gift, heut zum Erstenmale! Hörst Du, Aegypterin; ich fürchte mich vor Gift, und alle Gifte und Arzeneien(Anm. 96) Schon dem Homer war Aegypten als besonders reich an Heilmitteln bekannt. In den Inschriften an den Wanden der Tempellaboratorien, namentlich zu Dendera und Edfu, welche Dümichen publizirt hat, und in den medizinischen Papyrus finden sich Droguen in überraschender Menge hergezählt. Odyssee IV. 299. Plinius XXV. 2 erwähnt der großen Zahl der am Nil gedeihenden offizinellen Kräuter. Die ägyptischen Gifte, besonders der Strychnos, waren nicht minder berühmt. Plinius XXI. 15. Auch das Halicacabon, welches Homer, Odyss. 304, μω̃λυ nennt, war ein schlimmes ägyptisches Gift. Die Zahl und Verschiedenartigkeit der im Papyrus Ebers verordneten Droguen zeugt für den großen Reichthum der ägyptischen materies medica., haha, das weiß ja ein jedes Kind, alle Gifte kommen ans Aegypten!«

Nitetis verließ die Halle, mehr taumelnd als gehend. Boges begleitete sie und befahl den Sänftenträgern, sich zu beeilen.

Bei den hängenden Gärten angelangt, übergab er die Aegypterin den Eunuchen, welche ihr Haus zu bewachen hatten, und verabschiedete sich von ihr, indem er, seine Hände reibend und leise kichernd, keineswegs ehrerbietig wie sonst, aber um so vertraulicher und freundlicher sagte. »Träume von dem schönen Bartja und seiner ägyptischen Liebsten, mein weißes Nilkätzchen! Hast Du nichts an den schönen Knaben, dessen Verliebtheit Dich so sehr erschreckt, zu bestellen? – Besinne Dich gut; der arme Boges will gern den Vermittler spielen, der verachtete Boges will Dir wohl, der demüthige Boges wird sich grämen, wenn er die stolze Palme von Sais fallen sieht, der Seher Boges verkündet Dir eine baldige Heimkehr nach Aegypten oder eine sanfte Ruhe in der schwarzen Erde von Babylon, der gute Boges wünscht Dir ruhigen Schlaf! Gehabe Dich wohl, mein geknicktes Blümchen, meine bunte Natter, die sich selbst verwundete, mein vom Baume gefallener Pinienapfel!«

»Unverschämter!« rief die entrüstete Königstochter.

»Ich danke Dir,« antwortete der lächelnde Unhold.

»Ich werde mich über Dein Betragen beschweren,« drohte Nitetis.

»Wie liebenswürdig Du bist!« erwiederte Boges.

»Fort aus meinen Augen!« rief die Aegypterin.

»Ich gehorche Deinen holden Winken,« flüsterte der Eunuch, als wenn er ihr ein Liebesgeheimnis in's Ohr zu raunen habe.

Sie wich, angewidert und entsetzt über diesen Hohn, dessen Furchtbarkeit sie durchschaute, zurück und wandte Boges, indem sie dem Hause zueilte, den Rücken; er aber rief ihr nach: »Denke meiner, schöne Königin, denke mein! Alles, was Dir in den nächsten Tagen begegnen wird, ist eine Liebesgabe des armen verachteten Boges!«

Sobald die Aegypterin verschwunden war, änderte er seinen Ton und befahl den Wächtern in strenger, befehlshaberischer Weise, die hängenden Gärten sorgsam zu bewachen. »Wer von euch einem andern Menschen, wie mir, diesen Ort zu betreten gestattet, ist des Todes schuldig! Niemand, hört ihr, Niemand; am wenigsten aber Boten von der Mutter des Königs, von Atossa oder anderen Großen dürfen den Fuß auf diese Treppe setzen. Wenn Krösus oder Oropastes die Aegypterin zu sprechen begehren, so weist ihr sie bestimmt zurück! Verstanden? Hiermit wiederhol' ich, daß ihr Alle ohne Unterschied am längsten gelebt haben sollt, wenn ihr euch durch Bitten oder Geschenke zum Ungehorsam verleiten laßt. Niemand, Niemand darf diese Gärten ohne meinen ausdrücklichen mündlichen Befehl betreten! Ich denke, daß ihr mich kennt! Nehmt diese Goldstateren zum Lohne für den erschwerten Dienst und hört meinen Schwur beim Mithra, daß ich des Nachlässigen oder Ungehorsamen nicht schonen werde!«

Die Wächter verneigten sich und waren entschlossen, ihrem Vorgesetzten zu gehorchen, denn sie wußten, daß er nicht zu scherzen pflege, wenn er ernstlich drohte, und ahnten, daß große Dinge zu erwarten seien, denn der geizige Boges vertheilte seine Stateren nicht zum Spaße.

Dieselbe Sänfte, welche Nitetis getragen hatte, führte den Eunuchen in die Festhalle zurück.

Die Gattinnen des Königs hatten sich entfernt; nur die Kebsweiber standen noch auf dem ihnen angewiesenen Platze und sangen, ungehört von den lärmenden Männern, ihre einförmigen Lieder.

Die zechenden Gäste dachten längst nicht mehr an das ohnmächtige Weib. Jeder neue Becher steigerte das Toben und Durcheinanderschreien der Trunkenen. Vergessen schien die Erhabenheit des Ortes und die Gegenwart des allmächtigen Herrschers.

Hier jauchzte ein Berauschter gellend auf in trunkener Lust, dort umarmten sich zwei Krieger, deren Zärtlichkeit der Wein erzeugt hatte, dort wurde ein schwerberauschter Neuling von kräftigen Dienern aus der Halle getragen, dort ergriff ein alter Trinker einen Krug statt des Bechers, und leerte ihn unter dem Jubelgeschrei seiner Nachbarn auf einen Zug.

An der Spitze der Tafel saß der König, bleich wie der Tod, theilnahmlos in den Becher starrend. Sobald er seines Bruders ansichtig wurde, ballten sich seine Fäuste.

Er vermied es, ihn anzureden, und ließ seine Fragen unbeantwortet. Je länger er vor sich hinstarrte, je fester wurde seine Ueberzeugung, die Aegypterin habe ihn hintergangen und ihm Liebe geheuchelt, während ihr Herz Bartja gehörte! Welch' schändliches Spiel war mit ihm getrieben worden, wie tief mußte die Treulosigkeit dieser gewandten Heuchlerin wurzeln, da die bloße Nachricht, daß sein Bruder eine Andere liebe, nicht nur ihre gewohnten Künste zu vernichten, sondern sie sogar ihres Bewußtseins zu berauben genügte.

Otanes, der Vater der Phädime, hatte, als Nitetis die Halle verließ, gerufen: »Die Aegypterinnen scheinen für das Liebesglück ihrer Schwäger sehr empfindlich zu sein; die Perserinnen sind weniger freigebig mit ihren Gefühlen und sparen sie ihren Männern auf!«

Der Stolze gab sich den Anschein, als vernehme er nicht diese Worte, und verschloß seine Augen und sein Gehör, um des Gemurmels und der Blicke seiner Gäste, welche allesammt bestätigten, daß er hintergangen worden sei, nicht gewahr zu werden.

Bartja konnte keine Schuld an ihrer Treulosigkeit haben; sie nur liebte den schönen Jüngling und liebte ihn vielleicht um so heißer, je weniger sie auf eine Erwiederung ihrer Leidenschaft hoffen durfte. Hätt' er den leisesten Argwohn gegen seinen Bruder gehegt, so würde er ihn auf der Stelle getödtet haben. Bartja war unschuldig an seiner Täuschung und seinem Unglück; aber er war die Ursache desselben, und darum stieg der alte Groll, welcher, kaum eingeschlummert, in seinem Herzen ruhte, von neuem, und wie jeder Rückfall gefährlicher ist als die erste Krankheit, mit doppelter Heftigkeit in ihm empor.

Er sann und sann und wußte nicht, wie er das falsche Weib bestrafen sollte. Ihr Tod befriedigte nicht seine Rache; er wollte ihr Schlimmeres anthun!

Sollte er sie in Schmach und Schande nach Aegypten zurückschicken? O nein! Sie liebte ja ihre Heimath und würde dort von ihren Eltern mit offenen Armen empfangen worden sein. Sollt' er, nachdem sie ihre Schuld gestanden (denn das Geständniß zu erzwingen, war er fest entschlossen), die Treulose in einen einsamen Kerker verschließen oder sie, als Dienerin seiner Kebsweiber, dem Boges übergeben?

Das war das Rechte! So wollt' er die Treulose strafen, so wollt' er die Heuchlerin, welche sich erlaubt hatte, ein frevelhaftes Spiel mit ihm zu treiben, und deren Anblick er doch nicht entbehren mochte, züchtigen.

Dann sagte er sich: »Bartja muß fort von hier, denn Feuer und Wasser kommen eher zusammen, als dieses Glückskind und ich beklagenswerter Mann. Seine Nachkommen werden sich einst in meine Schätze theilen und diese Krone tragen; aber noch bin ich König und will beweisen, daß ich's bin!«

Wie ein Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an seine stolze, allmächtige Größe. Aus seinen Träumen zu neuem Leben emporgerissen, warf er in wilder Leidenschaft seinen goldenen Becher mitten in die Halle, so daß der Wein wie Regenschauer auf seine Nachbarn niederspritzte, und rief: »Hört auf mit dem müßigen Geschwätz und unnützen Lärm! Laßt uns, trunken wie wir sind(Anm. 97) Herod. I. 134. In der Trunkenheit hielten die Perser Rath und faßten Beschlüsse. Nüchtern wurde dann das Beschlossene noch einmal überdacht. Aehnliches erzählt Tacitus von unseren Vorvätern, den alten Germanen. Germ. c. 22., Kriegsrath halten und die Antwort bedenken, welche wir den Massageten schulden. Dich, Hystaspes, als Aeltesten von uns, frag' ich zuerst um Deine Meinung!«

Der greise Vater des Darius erwiederte: »Mir scheint es, als wenn uns die Gesandten der Nomaden keine Wahl gelassen hätten. Gegen menschenleere Steppen können wir nicht zu Felde ziehen; weil aber unsere Heere einmal gerüstet sind und unsere Schwerter schon zu lange geruht haben, so brauchen wir einen Krieg. Um diesen führen zu können, fehlt uns nichts als einige kräftige Feinde, und sich Feinde zu machen ist die leichteste Arbeit, die ich kenne!«

Die Perser brachen bei diesen Worten in lauten Jubel aus; Krösus aber ergriff, als der Lärm verstummte, das Wort und sprach: »Du bist ein Greis, wie ich, Hystaspes; aber als ächter Perser wähnst Du nur in Schlachten und Kämpfen glücklich sein zu können. Der Stab, einst das Zeichen Deiner Feldherrnwürde, ist jetzt Deine Stütze; dennoch redest Du gleich einem heißblütigen Jünglinge! Feinde, das geb' ich zu, sind leicht gefunden; aber nur Thoren bemühen sich, solche mit Gewalt zu erwerben. Wer sich muthwilligerweise Feinde verschafft, gleicht einem Frevler, welcher sich selbst verstümmelt. Haben wir Feinde, dann ziemt sich's gegen sie zu kämpfen, wie es sich für den Weisen schickt, dem Unglücke eine feste Stirn entgegen zu setzen! Laßt uns keinen Frevel begehen, meine Freunde, und keinen ungerechten, den Göttern verhaßten Krieg beginnen, sondern warten, bis man uns ein Unrecht zufügt, und dann mit dem Bewußtsein, wegen einer gerechten Sache in den Kampf zu ziehen, siegen oder sterben.«

Ein leises Murmeln des Beifalls, übertönt von dem Rufe: »Hystaspes hat das Rechte getroffen! Suchen wir einen Feind!« unterbrach die Rede des Greises.

Der Botschafter Prexaspes, welcher nun das Wort erhielt, rief lachend: »Folgen wir den beiden edlen Greisen; dem Krösus, indem wir auf ein Unrecht, welches man uns zufügt, warten, dem Hystaspes, indem wir unsere Empfindlichkeit steigern und annehmen, daß Jeder, der sich nicht freudig ein Mitglied des großen Reiches unseres Vaters Cyrus nennen möchte, unter die Feinde der Perser zu zählen sei. Fragen wir z. B. bei den Indern an, ob sie stolz sein würden, Deinem Scepter zu gehorchen, Kambyses. Sagen sie nein, dann lieben sie uns nicht, und wer uns nicht liebt, der ist eben unser Feind!«

»Nichts da!« rief Zopyrus. »Wir müssen Krieg haben um jeden Preis!«

»Ich stimme für Krösus,« rief Gobryas.

»Ich auch!« der edle Artabazus.

»Wir sind für Hystaspes,« schrieen der Held Araspes, der greise Intaphernes und andere alte Waffengefährten des Cyrus.

»Keinen Krieg gegen die Massageten, welche uns fliehen, aber Krieg um jeden Preis!« brüllte der Feldherr Megabyzus, der Vater des Zopyrus, mit seiner schweren Faust auf die Tafel schlagend, daß die goldenen Gefässe an einander klirrten und mehrere Becher umfielen.

»Keinen Krieg gegen die Massageten, an denen Cyrus von den Göttern selbst gerächt wurde,« sagte der Oberpriester Oropastes.

»Krieg! Krieg!« brüllten die trunkenen Perser in wildem Durcheinander.

Kalt und ruhig ließ Kambyses einige Zeit lang die ungezügelte Begeisterung seiner Streiter toben; dann erhob er sich von seinem Sitze und rief mit donnernder Stimme. »Schweigt und hört euren König!«

Wie ein Zauberschlag wirkten diese Worte auf die berauschte Schaar. Selbst der Trunkenste gehorchte in unbewußtem Gehorsam dem Befehle seines Herrschers, welcher, seine Stimme senkend, fortfuhr: »Ich hab' euch nicht gefragt, ob ihr Krieg oder Frieden begehrt, denn ich weiß, daß jeder Perser die Arbeit des Kampfes der ruhmlosen Unthätigkeit vorzieht; – ich habe wissen wollen, was ihr an meiner Stelle den Massageten antworten würdet. – Haltet ihr die Seele meines Vaters, des Mannes, dem ihr eure Größe verdankt, für gerächt?«

Ein dumpfes bejahendes Gemurmel, unterbrochen von wenigen heftigen Verneinungen, antwortete dem Könige, dessen zweite Frage: »Sollen wir die Bedingungen der heut eingetroffenen Gesandtschaft annehmen und dem gelichteten, von den Göttern heimgesuchten Volke Frieden schenken?« von allen Anwesenden lebhaft bejaht wurde.

»Das ist es, was ich zu wissen verlangte,« fuhr Kambyses fort. »Morgen wollen wir in der Nüchternheit, nach alter Sitte, erwägen, was im Rausche beschlossen wurde. Durchzecht die letzten Stunden der Nacht; ich verlasse euren Kreis und erwarte euch beim letzten Schrei des heiligen Vogels Parodar(Anm. 98) Der Hahn war den Persern heilig, denn er scheuchte die finsteren Diws der Nacht in ihre Höhlen zurück. Jasht Avân 21. Er hieß Parôdar (Parôdarsh) und wurde auch onomatopoietisch Kahrkatâç (der seinen Kamm Hebende und Senkende?) genannt. Vendid. XVIII. 34 fgd. am Thore des Bel, um mit euch zu jagen!«

Mit diesen Worten verließ der Herrscher die Halle. Ein donnerndes »Sieg dem Könige« brauste ihm nach.

Boges, der Eunuch, hatte sich vor seinem Gebieter aus dem Saale geschlichen. Im Vorhofe fand er einen Burschen des Blumenzüchters von den hängenden Gärten.

»Was willst Du hier?« fragte er ihn.

»Ich habe dem Prinzen Bartja etwas zu übergeben.«

»Dem Bartja? Hat er Deinen Herrn um eine Sämerei oder einen Steckling gebeten?«

Der Knabe schüttelte seinen sonnenverbrannten Kopf und lächelte schelmisch.

»So hat Dich ein Anderer geschickt?« fragte Boges aufmerksamer werdend.

»Ja, eine Andere.«

»Ah, die Aegypterin läßt ihrem Schwager durch Dich etwas sagen!«

»Wer hat Dir das verraten?«

»Nitetis sprach mir davon. Gib her, was Du hast; ich werde es Bartja sogleich überreichen.«

»Ich darf es keinem Anderen als ihr selbst einhändigen.«

»Gib her; ich kann den Auftrag sicherer besorgen als Du.«

»Ich darf nicht.«

»Gehorche mir, oder –«

In diesem Augenblicke nähere sich der König den Streitenden. Boges besann sich einen Augenblick, dann rief er mit lauter Stimme den an der Pforte Wache haltenden Peitschenträgern und befahl ihnen, den erstaunten Burschen festzunehmen.

»Was gibt es hier?« fragte Kambyses.

»Dieser Verwegene,« antwortete der Eunuch, »ist in den Palast gedrungen, um Bartja eine Botschaft Deiner Gattin Nitetis zu überbringen.«

Der Knabe war, als er den König gewahrte, den Boden mit der Stirn berührend, auf die Kniee gesunken.

Kambyses schaute todtenbleich auf den unglücklichen Boten. Dann wandte er sich an den Eunuchen und fragte: »Was begehrt die Aegypterin von meinem Bruder?«

»Der Bursche behauptet, er habe den Befehl, das, was er bringe, nur Bartja selbst zu übergeben.«

Bei diesen Worten hielt der Knabe dem Könige, indem er ihn flehentlich bittend anschaute, ein Papyrusröllchen entgegen.

Kambyses entriß ihm das Blatt und stampfte wüthend mit dem Fuße, als er griechische Schriftzeichen, welche er nicht zu lesen vermochte, auf ihm erblickte.

Nachdem er sich gesammelt hatte, fragte er den Knaben, indem er ihn mit einem furchtbaren Blick anschaute: »Wer hat Dir dieß übergeben?«

»Die Zofe der ägyptischen Herrin, die Magiertochter Mandane.«

»Für meinen Bruder Bartja?«

»Sie sagte, ich solle dieses Blatt dem schönen Prinzen vor dem Schmause einhändigen, ihm einen Gruß von der Herrin Nitetis bestellen und ihm mittheilen . . .«

Der König stampfte vor Ingrimm und Ungeduld mit dem Fuße, worüber der Knabe so sehr erschrak, daß ihm die Stimme versagte und er nur mühsam fortfahren konnte: »Der Herr ging ja vor dem Schmause neben Dir, da konnt' ich ihn nicht anreden. Jetzt erwart' ich ihn hier, denn Mandane versprach mir ein Goldstück, wenn ich den Auftrag geschickt ausrichten würde.«

»Das hast Du nicht gethan,« donnerte der nach seiner Ansicht so schändlich hintergangene Mann. »Das hast Du nicht gethan! Ihr Trabanten, ergreift den Burschen!«

Der Knabe erhob flehentlich bittend Blick und Stimme, aber vergebens, denn schnell wie der Gedanke hatten ihn die Peitschenträger ergriffen, und der König, welcher mit raschen Schritten seinen Gemächern zueilte, vernahm nicht mehr sein winselndes Flehen um Schonung und Gnade.

Boges rieb, dem Herrscher folgend, seine fleischigen Hände und lachte still vor sich hin.

Als die Auskleider ihr Geschäft beginnen wollten, wies sie der König mit dem Befehle, ihn sofort zu verlassen, grollend zurück.

Nachdem sie sich aus dem Gemache entfernt hatten, rief er Boges und murmelte. »Von dieser Stunde an übertrage ich Dir die Aufsicht über die hängenden Gärten und die Aegypterin. Bewache sie gut! Wenn ein Mensch oder eine Botschaft ohne mein Wissen zu ihr gelangt, so ist Dein Leben verwirkt!«

»Aber, wenn Kassandane oder Atossa zu ihr schicken?«

»So weise die Boten ab und laß ihnen sagen, ich würde jeden Versuch, den sie wagen sollten, mit Nitetis zu verkehren, für eine mir zugefügte Beleidigung ansehen.«

»Darf ich Dich um eine Gnade bitten, o König?«

»Die Stunde dazu ist schlecht gewählt.«

»Ich fühle mich so krank. Uebertrage nur für den morgenden Tag die Aufsicht über die Gärten einem Anderen wie mir.«

»Nein! – Verlaß mich!«

»Heftiges Fieber durchschauert mein Blut. Ich habe heut dreimal die Besinnung verloren. – Wenn irgend Jemand während einer solchen Schwäche . . .«

»Wer könnte Deine Stelle vertreten?«

»Der lydische Eunuchenhauptmann Kandaules. Er ist treu wie Gold und unbeugsam streng. Ein Tag der Erholung wird meine Gesundheit herstellen. Sei gnädig!«

»Niemand ist so schlecht bedient, als ich, der König. Kandaules mag Dich morgen vertreten; gib ihm aber strenge Befehle und sage ihm, daß eine einzige Nachlässigkeit sein Leben bedroht. – Verlaß mich!«

»Noch Eins, mein König: Du weißt, daß morgen Nacht in den hängenden Gärten die seltene blaue Lilie erblüht. Hystaspes, Intaphernes, Gobryas, Krösus und Oropastes, die größten Gartenkünstler an Deinem Hofe, möchten sie gern in Augenschein nehmen. Dürfen sie auf wenige Minuten die hängenden Gärten betreten? Kandaules soll Acht haben, daß sie nicht mit der Aegypterin verkehren.«

»Kandaules wird seine Augen offen halten, wenn ihm sein Leben lieb ist. – Geh'!«

Boges verneigte sich tief und verließ das Gemach des Königs. Den Sklaven, welche ihm mit Fackeln voranleuchteten, warf er einige Goldstücke zu. Er war sehr fröhlich! Alle seine Pläne glückten über Erwartung, denn das Schicksal der Nitetis schien so gut als entschieden, und er hielt das Leben des Kandaules, seines Standesgenossen, den er haßte, in seinen Händen.

Kambyses ging bis zum Morgen in seinen Gemächern auf und nieder. Als die Hähne krähten, hatte er fest beschlossen, Nitetis zu einem Geständnisse zu zwingen und sie dann als Magd der Kebsweiber in den großen Harem zu senden.

Bartja, der Vernichter seines Glücks, sollte sogleich nach Aegypten reisen und später als Satrap entfernte Provinzen verwalten. Er scheute das Verbrechen des Brudermords, aber er kannte sich selber gut genug, um zu wissen, daß er in einem Augenblicke des Jähzorns den Verhaßten tödten würde, wenn er ihn nicht aus dem Bereiche seiner Leidenschaft entfernte.

Zwei Stunden nach dem Aufgange der Sonne jagte Kambyses auf schnaubendem Hengste seinem unabsehbaren, mit Schild, Schwert, Lanze, Bogen und Fangschnur bewaffneten Gefolge weit voran, um das von mehr als tausend Hunden aufgescheuchte Wild des viele Meilen großen Thiergartens von Babylon zu erlegen.(Anm. 99) Die Jagdzüge der Könige waren natürlich eben so ungeheuer wie ihr Reisegefolge. Da das Waidwerk zu den Lieblingsbeschäftigungen edler Perser gehörte, so wurden schon die Knaben zeitig zu demselben angehalten. Selbst Könige rühmen sich nach Strabo in ihren Grabschriften, große Jäger gewesen zu sein. In den Trümmern von Persepolis ist ein Relief gefunden worden, auf welchem der König eine Löwin mit dem rechten Arme erwürgt. Texier, Description de l'Arménie pl. 98. Layard hat auch bei seinen Grabungen Jagdszenen, z. B. Hirsche und Wildschweine im Rohr, gefunden, und die Griechen erzählen viel von den großen Thiergärten und dem aus Reitern und Fußgängern bestehenden Jagdgefolge der Könige von Persien. Xenoph. Cyrop. I. 2. II. 4. Nach demselben mußte jeder Jäger mit Pfeil und Bogen, zwei Lanzen, Schwert und Schild bewaffnet sein. Aus dem Königsbuche des Firdusi ersehen wir, daß auch die Fangschnur zum Jagen sehr gern gebraucht wurde. Schon vor 900 Jahren war auch die Falkenbeize den Persern wohlbekannt. Buch des Kabus XVIII. S. 495. Der Boumerang (das zurückkehrende Wurfholz) wurde bei der Vogeljagd, wie früh von den Aegyptern und jetzt von den neuholländischen Wilden gebraucht. Nach Brugsch ist der Schah von Persien, Nasr ed-din, ein ebenso leidenschaftlicher als kühner Jäger..

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