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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Keine der Festgesandtschaften war mit leeren Händen gekommen. Diese führten eine Koppel edler Pferde, jene riesenhafte Elephanten und possierliche Affen, eine dritte mehrere mit Schabracken und Quasten behängte Nashörner und Büffel, die vierte zweibucklige baktrische Kameele mit goldenen Ringen um den zottigen Hals. Andere brachten Wagen voll seltener Holzarten und Elfenbein, köstliche Gewebe, silberne und goldene Gefäße, Wannen voller Goldstaub und Barren, seltene Gewächse für die Gärten und für den Wildpark des Königs ausländische Thiere, unter denen sich Antilopen, Zebra's, seltene Affen- und Vogelarten auszeichneten(Anm. 53) Diesen Aufzug haben wir nach Reliefs beschrieben, deren Kenntniß wir großenteils den Layard'schen Grabungen und einem Obelisken von Nimrud (Niniveh) verdanken, der sich im Abgusse in mehreren europäischen Museen befindet; so auch neben den Mengs'schen Abgüssen zu Dresden., welche letzteren an grüne Bäume gekettet waren und, mit den Flügeln schlagend, ein fröhliches Schauspiel darboten.

Diese Geschenke galten als Tribute der unterjochten Stämme. – Nachdem sie dem Könige gezeigt worden waren, wurden sie von den Schatzmeistern und Schreibern gewogen, geprüft und entweder für genügend befunden oder, als zu gering, zurückgewiesen. In letzterem Falle mußten die kargen Geber doppelte Nachzahlungen leisten(Anm. 54) Zur Zeit unserer Erzählung besteuerten die Könige von Persien ihr Reich, wann und wie hoch sie wollten. Erst des Kambyses Nachfolger, Darius, führte ein geordnetes Steuersystem ein. Deßwegen erhielt er den Beinamen »der Krämer«. Selbst noch in späterer Zeit lag es übrigens den einzelnen Bezirken ob, bestimmte Naturallieferungen an den Hof zu schicken. Herod. I. 192. Xenoph. Anab. IV. 5..

Der Zug gelangte ohne Aufenthalt an die Pforten des Reichspalastes, denn die Peitschenträger und Soldaten, welche zu beiden Seiten der Straßen ein Spalier bildeten, hielten den Weg von der drängenden Masse des Volkes frei.

Wenn die Fahrt des Königs zur Opferstelle prächtig gewesen war (fünfhundert reich geschmückte Rosse hatte man hinter seinem Wagen hergeführt(Anm. 55) Herod. VII. 40. 41. 54. 55. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. Curtius III. 3.) und der Aufzug der Gesandten glänzend genannt werden mußte, so war der Anblick des großen Thronsaales blendend und zauberhaft.

Im Hintergrunde desselben stand auf sechs Stufen, deren jede von zwei goldenen Hunden gleichsam bewacht wurde, der güldene Thron, über welchen sich ein purpurner, von vier goldenen mit Edelsteinen besetzten Säulen getragener Baldachin breitete, dessen Dach zwei geflügelte Scheiben, die Feruer(Anm. 56) Der Feruer oder Ferwer ist der geistige Theil des Menschen, seine mit der Urteilskraft vereinte Seele. Er war längst vor der Geburt vorhanden, vereint sich mit uns, sobald wir in die Welt treten, und verläßt den Leib, sobald wir sterben. Der Ferwer kämpft gegen die Diws (bösen Geister) und ist Ursache unserer Erhaltung. Sobald er von uns weicht, muß sich der Körper auflösen. Nach dem Tode wird er, hat er Gutes gethan, unsterblich; verübte er Böses, in die Hölle gestürzt. Man soll den Ferwer anrufen und mit Opfern um Hülfe bitten. Er bringt auch das Gebet zu Gott, weßwegen er als geflügelte Scheibe dargestellt wird. Ulmai Islam bei Vullers, Fragmente über die Religion des Zoroaster. Wir weisen hier gern, namentlich in Bezug auf die Fravashi's (im Farvardin yasht) auf Tiele, De Godsdienst van Zarathustra. des Königs, trug.

Hinter dem Throne standen Wedel- und Fächerträger, vornehme Hofbeamte; zu seinen beiden Seiten die Tischgenossen, Verwandten und Freunde des Königs, die Würdenträger des Reichs, die vornehmsten Priester und Eunuchen.

Die Wände und die Decke des ganzen Saales waren mit blitzenden Goldblechen bekleidet und der Fußboden mit purpurnen Teppichen belegt.

Geflügelte Stiere mit Menschenhäuptern lagen als Wächter vor den silbernen Thoren der Halle, und im Hofe des Palastes hatten sich die Leibgarden, deren Lanzen mit goldenen und silbernen Aepfeln geschmückt waren, aufgestellt. Sie trugen goldene Panzer auf purpurnen Röcken, von Edelsteinen blitzende Schwerter in goldenen Scheiden und hohe persische Mützen. Unter ihnen zeichnete sich durch stattlichen Wuchs und kühne Haltung die Schaar ›der Unsterblichen‹(Anm. 57) Diese »Unsterblichen« dankten ihren Ehrennamen dem Umstande, daß, sobald eines ihrer Mitglieder fiel oder starb, sofort ein Ersatzmann eintrat, und sich darum ihre Zahl niemals verringern konnte, sondern stets 10,000 Streiter betragen mußte. Schon Cyrus soll diese Garde eingerichtet haben. Herod. VII. 40. 41. 84. Xenoph. Cyrop. VII. 1. VIII. 1. 2. 3. Curtius III. 3. aus.

Anmelder und Fremdenführer, elfenbeinerne kurze Stäbe in den Händen tragend, führten die Festboten in die Halle und an dem Throne vorüber. Vor den Stufen desselben angelangt, warfen sie sich, als wollten sie die Erde küssen, zu Boden und verbargen die Hände in die Aermel ihres Gewandes. Ehe sie dem Könige auf eine etwaige Frage antworteten, wurde ihnen ein Tuch um den untern Theil des Gesichts gebunden, damit ihr unreiner Athem seine reine Person nicht berühre.

Kambyses sprach freundlich oder streng, je nachdem er mit den Geschenken und dem Gehorsame der einzelnen Provinzen zufrieden war, mit den vornehmsten Festboten. Als sich am Ende des Zuges die Gesandtschaft der Juden seinem Throne nahte, rief er den Hebräern, welchen zwei ernste Männer mit scharfen Zügen und langen Bärten vorangingen, ein freundliches ›Halt‹ entgegen.

Der Erste von diesen war nach Art der vornehmsten und reichsten Babylonier gekleidet, der Zweite trug ein aus einem Stücke gewebtes, mit Schellen und Quasten besetztes Purpurgewand, welches von einem blau-roth-weißen(Anm. 58) Ewald, Altertümer des Volkes Israel (Anhang zur Geschichte d. V. I.), S. 289, 305 und 333. Weiß, Kostümkunde I. S. 344. Winer, Bibl. Realwörterbuch, 3. Aufl. Kitto, The tabernacle and furniture. Pl. III. Gürtel zusammengehalten wurde, und ein blaues Schulterkleid. Von seinem Halse hing ein Täschchen mit den heiligen LoosenDie Urim und Thummim. herab, welches zwölf in Gold gefaßte Edelsteine mit dem Namen der Stämme Israels schmückten. Eine weiße Binde, deren Zipfel bis über die Schultern herniederwallten, umschlang die ernste Stirn des hohen Priesters.

»Ich freue mich, Dich wieder zu sehen, Beltsazar(Anm. 59) In der ersten Auflage führten wir dem Leser Daniel selbst in der Person des den Josua begleitenden Israeliten vor; dies scheint uns aber nach den Untersuchungen von Hitzig, Lengerke, Merx und dem Holländer Kuenen nicht mehr zulässig zu sein. Einen in Babylon zurückgebliebenen vornehmen und reichen Juden dürfen wir ohne Weiteres einführen; auch sei bemerkt, daß das erwähnte Dokument von der Hand des Cyrus, um dessentwillen Darius später den Bau des Tempels bewilligte, historisch beglaubigt ist. Esra 6, 2–12. Sacharja 1–8. Zur Zeit unserer Erzählung ist Josua hoher Priester. Bunsen, Bibelwerk S. CCCXXIV.,« rief der König dem babylonisch gekleideten Manne zu. »Seit dem Tode meines Vaters hast Du Dich nicht an meiner Pforte blicken lassen!«

Der also Angeredete verneigte sich demüthig und antwortete: »Die Gnade meines Herrn beglückt Deinen Knecht! Willst Du die Sonne Deiner Huld, trotz seiner Unwürdigkeit, Deinem Knechte leuchten lassen, so gewähre meinem armen Volke, welches Dein großer Vater in das Land seiner Väter heimkehren ließ, eine Bitte! Dieser Greis an meiner Seite, Josua, der hohe Priester unseres Gottes, hat den weiten Weg nach Babylon nicht gescheut, um sie Dir vorzutragen. Laß seine Rede Deinem Ohre angenehm sein und seine Worte eine fruchtbare Stelle in Deinem Herzen finden.«

»Mir ahnt, was ihr verlangen werdet,« rief der König. »Hab' ich Recht, Priester, wenn ich vermuthe, daß sich eure Bitte abermals auf den Tempelbau in eurer Heimath bezieht?«

»Meinem Herrn kann nichts verborgen bleiben,« antwortete der Priester, sich tief verneigend. »Deine Knechte zu Jerusalem sehnen sich danach, das Angesicht ihres Beherrschers zu schauen, und flehen zu Dir durch meinen Mund, Du möchtest das Land ihrer Väter besuchen, und um die Erlaubniß, den Bau des Tempels, welchen Dein erlauchter Vater, über dem die Gnade Gottes sei, genehmigte, fortsetzen zu dürfen.«

Der König lächelte und erwiederte: »Du weißt Deine Bitte mit der Schlauheit Deines Volkes vorzubringen und wählst das rechte Wort und die rechte Stunde! An meinem Geburtstage kann ich einem treuen Volke kaum eine Bitte abschlagen; so versprech' ich Dir denn, so bald als möglich die gute Stadt Jerusalem und das Land Deiner Väter zu besuchen.«

»Du wirst Deine Knechte hoch beglücken,« antwortete der Priester. »Unsere Oelbäume und Weinstöcke werden bei Deinem Nahen schönere Früchte tragen, unsere Pforten sollen weit gemacht werden zu Deinem Empfange, und Israel wird seinem Herrn entgegen jubeln, doppelt beglückt, wenn es ihn als neuen Bauherrn –«

»Halt, Priester, halt!« rief Kambyses. »Eure erste Bitte soll, wie gesagt, nicht unerfüllt bleiben, denn ich hege schon lange den Wunsch, das reiche Tyrus, das goldene Sidon und Dein Jerusalem mit seinem wunderbaren Aberglauben kennen zu lernen; wollt' ich euch aber die Erlaubniß zur Fortsetzung des Tempelbaues schon jetzt ertheilen, was bliebe mir dann noch übrig, euch im nächsten Jahre zu bewilligen?«

»Deine Knechte werden ihren Herrn mit Gaben und nicht mit Bitten willkommen heißen,« antwortete der Priester; »nun aber sprich das Wort und gestatte uns, dem Gott unserer Väter ein Haus zu bauen.«

»Seltsame Menschen, diese Palastinäer!« rief Kambyses. »Ich hörte sagen, daß ihr an eine einzige durch kein Bildniß darstellbare Gottheit glaubt, welche nichts sei als ein Geist. Meint ihr denn, daß dies luftige Wesen nach einem Hause verlangt? Wahrlich, euer großer Geist muß schwach und erbärmlich sein, wenn er eines Wetterdaches gegen Wind und Regen und eines Schutzes gegen die Hitze bedarf, welche er selbst erzeugt hat. – Ist eure Gottheit wie die unsere überall gegenwärtig, wohl, so fallt vor ihr nieder und betet zu ihr, wie wir es thun, an jeder Stelle, und ihr könnt gewiß sein, überall vernommen zu werden!«

»Der Gott Israels hört sein Volk an allen Orten,« rief der hohe Priester. »Er hat uns vernommen, als wir in der Gefangenschaft des Pharao fern von der Heimath schmachteten, er hörte uns, als wir an den Wassern Babels weinten! Er ersah Deinen Vater zum Werkzeuge unserer Befreiung, und wird auch heute mein Gebet erhören und Dein Herz erweichen. O, großer König, gestatte Deinen Knechten eine gemeinsame Opferstelle für die zwölf getrennten Stämme ihres Volkes, einen Altar, an dessen Stufen sie vereinigt für Dich beten, ein Haus, in welchem sie gemeinsam ihre Festtage heiligen können, zu erbauen! Für diese Huld werden wir die Gnade des Herrn unabläßlich auf Dein Haupt und seinen Fluch auf Deine Feinde herniederflehen.«

»Gestatte meinen Brüdern den Bau ihres Tempels!« bat auch Beltsazar, der reichste und angesehenste von den in Babylon zurückgebliebenen Juden, welchen Cyrus mit großer Auszeichnung behandelt und selbst vielfach um Rath gebeten hatte.

»Würdet ihr denn Frieden halten, wenn ich euren Bitten nachgeben wollte?« fragte der König. »Mein Vater erlaubte euch das Werk zu beginnen und gewährte euch die Mittel zu seiner Vollendung. Einig und glücklich zoget ihr von Babylon in die Heimath zurück; beim Bau des Tempels aber kam Zwist und Hader unter euch. Zahlreiche Bittschreiben, von den angesehensten Syrern unterschrieben, bestürmten Cyrus, die Fortsetzung des Tempelbaus zu verbieten, und erst vor Kurzem bin auch ich von euren Landsleuten, den Samaritern, flehentlich angegangen worden, den Bau zu unterbrechen. Betet denn zu eurem Gotte, wo und wie ihr wollt; weil ich euch wohl will, kann ich aber nicht die Fortsetzung eines Werkes genehmigen, welches Zwist und Uneinigkeit unter euch entflammt.«

»Willst Du an diesem Tage eine Gnade zurücknehmen, die uns Dein Vater durch ein königliches Schreiben gewährte?« fragte Beltsazar.

»Ein Schreiben?«

»Es muß noch heut in dem Archive Deines Reiches aufbewahrt werden.«

»Sobald ihr dasselbe findet und mir vorzeigen könnet,« gab der König zurück, »will ich den Bau nicht nur bewilligen, sondern euch sogar bei demselben unterstützen. Der Wille meines Vaters ist mir so heilig wie ein Befehl der Götter!«

»Gestattest Du mir,« fragte Beltsazar, »das Archiv von Ekbatana, woselbst sich das Schriftstück finden muß, von Deinen Schreibern durchsuchen zu lassen?«

»Ich erlaube es Dir; aber ich fürchte, daß ihr nichts entdecken werdet! Sage Deinen Landsleuten, Priester, ich sei mit der Ausrüstung der Krieger zufrieden, welche sie zum Kampfe gegen die Massageten nach Persien sandten. Mein Feldherr Megabyzus lobt ihre Haltung und ihr Aussehen. Mögen sie sich, wie in den Kriegen meines Vaters, bewähren! – Dich, Beltsazar, lade ich zu meinem Hochzeitsfeste mit der Aegypterin, und trage Dir auf, Deinen Landsleuten Mesach und Abed Nego(Anm. 60) Wir behalten die Namen Mesach und Abed Nego bei, weil wir keine passenderen für vornehme in Babylon wohnhafte Israeliten finden konnten, wie die, welche das Buch Daniel den Gefährten des frommen Jünglings beilegt., den ersten Männern von Babylon nach Dir, zu sagen, ich erwarte sie heut Abend an meiner Tafel.«

»Der Gott des Volkes Israel schenke Dir Glück und Segen,« sprach Beltsazar, sich tief verneigend.

»Diesen Wunsch nehme ich an,« rief der König, »denn ich halte euren großen Geist, welcher große Wunder geübt haben soll, nicht für machtlos. Noch Eins, Beltsazar! Mehrere Juden haben neulich die Götter der Babylonier geschmäht und sind dafür bestraft worden. Warne Deine Landsleute! Sie machen sich verhaßt durch ihren starren Aberglauben(Anm. 61) Tacitus, Histor. V. 2–5 spricht sich in noch schärferer Weise, ja mit bitterer Härte, besonders wegen ihrer Unduldsamkeit, über die jüdische Religion aus. und den Hochmuth, mit dem sie sich zu behaupten erkühnen, euer großer Geist sei die einzige wahre Gottheit! Nehmt ein Beispiel an uns, die wir, zufrieden mit dem, was wir haben, auch den Besitz der Andern gut sein lassen. Haltet euch selbst nicht für besser als alle übrigen Menschen! Ich will euch wohl, denn selbstbewußter Stolz gefällt meinem Herzen; hütet euch aber, daß der Stolz nicht zu eurem Schaden in Ueberhebung ausartet! Lebt wohl und bleibt meiner Huld versichert!«

Die Hebräer entfernten sich, enttäuscht, aber doch nicht ohne Hoffnung, denn Beltsazar wußte bestimmt, daß sich jenes den Tempelbau zu Jerusalem betreffende Dokument im Archive von Ekbatana vorfinden müsse.

Den Juden folgte die Gesandtschaft der Syrer und der jonischen Griechen. Als die Letzten im Zuge zeigten sich in Thierfelle gekleidete, wild aussehende Männer von fremdartiger Gesichtsbildung. Ihre Gürtel, Schulterbänder, Bogen-Futterale, Aexte und Lanzenspitzen waren aus gediegenem Golde roh gearbeitet, ihre hohen Pelzmützen mit goldenen Zierrathen versehen. Ihnen voraus ging ein Mann in persischer Tracht, dessen Züge andeuteten, daß er demselben Stamme wie die ihm folgenden Männer angehöre(Anm. 62) Herod. I. 215. Diese Episode geben wir theils nach Herod. I. 204–216, theils nach Diod. II. 44 u. Justin. I. 8. – Ktesias, Persica 9. erzählt, Cyrus sei in einem Kampfe gegen die Derbier von einem Inder verwundet worden und gestorben. Xenophon läßt ihn, aber wohl nur, um ihm eine schöne Sterberede in den Mund zu legen, friedlich heimgehen..

Der König schaute mit Verwunderung auf diese sich dem Throne nähernden Gesandten. Seine Stirn verfinsterte sich, und indem er dem Fremdenführer winkte, rief er aus: »Was begehren diese Menschen von mir? Irr' ich nicht, so gehören sie jenen Massageten an, welche gar bald vor meiner Rache erzittern sollen. Sage ihnen, Gobryas, daß ein wohlgerüstetes Heer in der medischen Ebene bereit stehe, um ihnen mit dem Schwerte blutige Antwort auf jede Forderung zu geben!«

Der Fremdenführer verneigte sich und sprach: »Diese Menschen sind heute Morgen während des Opfers mit großen Lasten des reinsten Goldes zu Babylon eingezogen, um Deine Nachsicht zu erkaufen. Als sie vernahmen, daß man zu Deiner Ehre ein großes Fest begehe, drangen sie in mich, ihnen heute noch die Gnade zu verschaffen, vor Dein Angesicht treten und Dir mittheilen zu dürfen, mit welchen Aufträgen sie von ihren Landsleuten zu Deiner Pforte entsandt worden sind.«

Die bewölkte Stirn des Königs wurde heller. Mit scharfen Blicken musterte er die hohen, bärtigen Gestalten der Massageten und rief: »Laßt sie vortreten! Ich bin neugierig zu vernehmen, welche Aufträge mir die Mörder meines Vaters zu machen wagen!«

Gobryas winkte; der größte und älteste der Massageten trat, von dem persisch gekleideten Manne begleitet, dicht vor den Thron und begann in der Sprache seiner Heimath mit lauter Stimme zu reden. Sein Nachbar, ein massagetischer Kriegsgefangener des Cyrus, welcher die persische Sprache erlernt hatte, übersetzte dem Könige Satz für Satz die Anrede des Wortführers der Nomaden.

»Wir wissen,« begann derselbe, »daß Du, großer Herrscher, den Massageten zürnest, weil Dein Vater in einem Kampfe gegen unsere Macht, den er selbst, obgleich wir ihn niemals beleidigt hatten, heraufbeschwor, gefallen ist.«

»Mein Vater war wohl berechtigt euch zu strafen,« unterbrach der König den Redner, »denn eure Fürstin Tomyris vermaß sich, ihm eine abschlägige Antwort zu geben, als er sich um ihre Hand bewarb.«

»Zürne nicht, o König,« antwortete der Massaget; »aber ich darf nicht verschweigen, daß unser ganzes Volk diese Weigerung billigte. Einem Kinde konnte es ja nicht verborgen sein, daß der greise Cyrus unsere Königin nur darum der Zahl seiner Gattinnen beizugesellen wünschte, weil er, unersättlich nach Ländern, mit ihr auch unser Gebiet zu gewinnen hoffte.«

Kambyses schwieg; der Gesandte aber fuhr fort: »Cyrus ließ den Araxes(Anm. 63) Der Araxes (Aras) entspringt in dem Hochlande von Armenien und ergießt sich in's kaspische Meer., unsern Grenzstrom, überbrücken. Wir fürchteten nichts; darum ließ Tomyris ihm sagen, er möge sich die Mühe des Brückenschlagens ersparen, denn wir wären bereit, ihn entweder in unserem Lande ruhig zu erwarten und ihm den Uebergang über den Araxes frei zu lassen, oder ihm in sein eigenes Land entgegen zu ziehen.

»Cyrus entschied sich, wie Kriegsgefangene uns später mittheilten, auf den Rath des entthronten Königs von Lydien, Krösus, dafür, uns in unserem eigenen Gebiete aufzusuchen und durch List zu verderben. Er sandte uns nur einen kleinen Theil seines Heeres entgegen, ließ ihn von unsern Pfeilen und Lanzen aufreiben und gestattete, daß wir uns seines Lagers ohne einen Schwertstreich bemächtigten. Wir glaubten den Unüberwindlichen besiegt zu haben und schmausten von euren reichen Vorräthen. Als wir, vergiftet von jenem süßen Tranke, welchen wir noch niemals versucht hatten und den ihr ›Wein‹ benennt, in einen der Betäubung gleichen Schlummer versunken waren, überfiel uns euer Heer und mordete einen großen Theil unserer Krieger. Viele nahmt ihr gefangen, unter diesen den heldenmütigen Spargapises, den jungen Sohn unserer Königin.

»Als dieser erfuhr, daß seine Mutter bereit sei, Frieden mit euch zu machen, wenn ihr ihn freigeben wolltet, bat der edle junge Held, ihm seine Ketten abzunehmen. So geschah es. Als er den Gebrauch seiner Hände wieder erlangt hatte, ergriff er ein Schwert und durchbohrte seine Brust mit dem Rufe: ›Ich opfere mich für die Freiheit meines Volkes!‹

»Kaum erhielten wir die Nachricht von dem großmüthigen Tode des geliebten Jünglings, als wir alle Streitkräfte, welche eure Schwerter und Ketten verschont hatten, sammelten. Selbst die Knaben und Greise bewaffneten sich und zogen aus gegen Deinen Vater, um den edlen Spargapises zu rächen und sich, wie er, für die Freiheit der Massageten zu opfern. Es kam zum Treffen. Ihr wurdet geschlagen, Cyrus fiel, Tomyris fand seinen Leichnam in einer Lache von Menschenblut schwimmend und rief: ›Unersättlicher, jetzt, denke ich, wirst Du mit Blut gesättigt sein!‹ Die Schaar der Edlen, welche ihr die Unsterblichen nennt, drängte uns zurück und holte aus unsern dichtesten Reihen den Leichnam Deines Vaters. Du selbst hast an ihrer Spitze gestanden und wie ein Löwe gekämpft. Ich erkenne Dich wohl! Wisse, daß dieses Schwert an meiner Seite jene Wunde schlug, welche jetzt als purpurnes Ehrenzeichen Dein männliches Angesicht schmückt!«

Die lauschende Menge regte sich, zitternd für das Leben des kühnen Sprechers; Kambyses aber nickte ihm, statt zu zürnen, beifällig zu und sagte: »Auch ich erkenne Dich jetzt! Du rittest an jenem Tage ein brandrothes, mit goldenen Zierrathen bedecktes Roß. Wir Perser wissen die Tapferkeit zu ehren, das sollst auch Du erfahren! Meine Freunde, niemals sah ich ein schärferes Schwert, niemals einen unermüdlicheren Arm, wie den dieses Mannes; verneigt euch vor ihm, denn Heldengröße verdient die Ehrfurcht der Tapfern, zeige sie sich beim Freunde oder beim Feinde(Anm. 64) Dieser Zug ist dem persischen Charakter vollkommen angemessen. Obgleich Herodot VII. 231 Xerxes ganz anders handeln läßt, so beweist doch folgendes Epigramm des Antiphilos aus Byzanz (Griechische Blumenlese F. Jacobs IV. 19), daß die Hellenen den ritterlichen Edelmuth der Perser sehr wohl gekannt haben:

A.:

   

»Hier, dies Purpurgewand, o Leonidas, sendet dir Xerxes,
Ehrend den muthigen Sinn, den Du im Kampfe bewährt.

B.:

Bietet Verräthern ein falsches Geschenk! Mich decke der Schild hier
Auch noch im Tode, dem Grab dienet nicht prunkender Schmuck.

A.:

Aber Du starbst. Wie magst Du im Tode noch hassen die Perser?

B.:

Liebe der Freiheit stirbt nimmer in spartischer Brust.«

. – Dir, Massaget, will ich rathen, bald nach Hause zu ziehen und zu rüsten, denn durch die Erinnerung an euren Muth und eure Kraft verdoppelt sich in mir die Sehnsucht, mit euch zu kämpfen. Starke Feinde, wie ihr seid, sind mir beim Mithra lieber als schwache Freunde! Ich will euch ohne Schaden in eure Heimath entlassen, aber bleibt nicht zu lange in meiner Nähe, sonst möchte im Gedanken an die Rache, welche ich der Seele meines Vaters schulde, mein Zorn erwachen und das Ende eures Lebens nahe sein!«

Um den bärtigen Mund des Kriegers zog ein bitteres Lächeln und er erwiederte dem Könige: »Wir Massageten glauben, daß die Seele Deines Vaters nur zu furchtbar gerochen ward. Statt seiner verblutete der einzige Sohn unserer Königin, der Stolz meines Volkes, welcher nicht unedler oder geringer war als Cyrus. Fünfzigtausend Leichen meiner Landsleute haben als Todtenopfer die harten Ufer des Araxes mit ihrem Blute erweicht, während auf eurer Seite nur dreißigtausend Menschen dem Tode verfielen. Wir kämpften eben so wacker wie ihr, eure Rüstungen aber sind fester als die unsern und widerstehen den Pfeilen, welche unsere Felle durchbohren. Endlich, als grausamste Rache, habt ihr unsere edle Königin Tomyris getödtet.«

»Tomyris lebt nicht mehr?!« rief Kambyses, den Redner unterbrechend. »Wir Perser sollten ein Weib gemordet haben? Was ist eurer Königin begegnet? Gib Antwort!«

»Tomyris starb vor zehn Monden aus Gram über den Tod ihres einzigen Sohnes, darum durft' ich sagen, daß auch sie dem Kriege mit den Persern und der Seele Deines Vaters zum Opfer fiel.«

»Sie war ein großes Weib,« murmelte Kambyses. Dann fuhr er, seine Stimme erhebend, fort: »Wahrlich, ihr Massageten, ich beginne zu glauben, daß die Götter selbst es übernommen haben, meinen Vater an euch zu rächen. Aber so schwer eure Verluste auch erscheinen mögen: Spargapises, Tomyris und fünfzigtausend Massageten wiegen immer noch nicht die Seele eines Königs von Persien, am wenigsten aber die eines Cyrus auf!«

»Bei uns zu Lande,« antwortete der Bote, »ist im Tode Alles gleich, und die flüchtige Seele eines verstorbenen Königs nicht gewichtiger als die eines armen Knechtes. Dein Vater war ein großer Mann; aber das, was wir um seinetwillen erduldeten, ist ungeheuer. Wisse, König, daß ich Dir noch nicht alles Unglück mitgetheilt habe, welches seit jenem furchtbaren Kriege über unser Land gekommen ist. – Nach dem Tode der Tomyris ist Uneinigkeit unter den Massageten ausgebrochen. Zwei Männer glaubten gleiche Rechte auf den erledigten Thron zu haben. Die eine Hälfte des Volkes kämpfte für den ersten, die andere für den zweiten. Ein furchtbarer Bürgerkrieg, dem eine verheerende Pestilenz auf dem Fuße folgte, hat die Schaaren unserer Krieger gelichtet. Wir vermögen Deiner Macht, wenn Du uns bekriegen solltest, nicht zu widerstehen, und bieten Dir darum mit schweren Lasten reinen Goldes Frieden an.«

»So wollt ihr euch ohne Schwertstreich unterwerfen?« fragte Kambyses. »Die Zahl meines in der medischen Ebene versammelten Heeres kann euch beweisen, daß ich von eurem Heldenmuthe Größeres erwartet habe. Ohne Feinde können wir nicht kämpfen! Ich werde die Streiter entlassen und euch einen Statthalter senden. Seid mir willkommen als neue Unterthanen meines Reichs!«

Bei diesen Worten des Königs färbten sich die Wangen und die Stirn des massagetischen Helden mit flammender Röthe und er antwortete mit bebender Stimme: »Du irrst, o Herrscher, wenn Du denkst, daß wir die alte Tapferkeit verlernt oder Lust bekommen hätten, Knechte zu werden. Aber wir kennen Deine Macht und wissen, daß die kleine von Krieg und Pest verschonte Zahl unserer Landsleute Deinen unzählbaren wohlgerüsteten Heeren nicht widerstehen kann. Ehrlich und offen, nach Massageten Art, bekennen wir dieß; doch wir erklären zu gleicher Zeit, daß wir uns selbst zu regieren fortfahren und niemals ertragen werden, von einem persischen Satrapen Gesetze und Vorschriften zu empfangen. – Du siehst mich zürnend an; ich aber ertrage Deinen Blick und wiederhole meine Erklärung.«

»Und ich,« rief Kambyses, »sage Dir dieß. Ihr habt nur eine Wahl! Entweder unterwerft ihr euch meinem Scepter, schließt euch unter dem Namen der massagetischen Provinz dem persischen Reiche an, empfangt einen Satrapen, den Stellvertreter meiner eigenen Person, mit gebührender Ehrfurcht, oder ihr betrachtet euch als meine Feinde und bequemt euch, von meinen Heeren gezwungen, zu denselben Dingen, welche ich euch jetzt im Guten anbiete. Heute könnt ihr noch einen wohlgesinnten Herrn gewinnen; später werdet ihr einen Eroberer und Rächer in mir zu fürchten haben. Bedenkt dieß wohl, eh' ihr antwortet!«

»Wir haben Alles vorher erwogen,« antwortete der Krieger, »und eingesehen, daß wir, die freien Söhne der Steppe, viel eher den Tod, als die Knechtschaft gewinnen mögen. Höre, was Dir der Rath unserer Greise durch meinen Mund verkünden läßt: ›Wir Massageten sind nicht durch unsere eigene Schuld, sondern wegen großer Heimsuchungen unseres Gottes, der Sonne, zu schwach geworden, euch Persern widerstehen zu können. Wir wissen, daß ihr gegen uns ein großes Heer gerüstet habt, und sind bereit, durch alljährlich zu zahlende Schätze den Frieden und die Freiheit von euch zu erkaufen. Wisset, daß wenn ihr trotzdem versuchen wolltet, uns durch Waffengewalt zu bezwingen, ihr euch selbst den größten Schaden zufügen würdet. Sobald sich ein Heer dem Araxes nähern sollte, werden wir Alle mit Weibern und Kindern aufbrechen und eine andere Heimath suchen, denn wir wohnen nicht, wie ihr, in festen Städten und Häusern, sondern sind gewöhnt, auf unsern Rossen umherzuschweifen und unter Zelten zu ruhen. Unser Gold werden wir mit uns nehmen und die versteckten Gruben verschütten und vernichten, in welchen ihr neue Schätze finden könntet. Wir kennen alle Orte, an denen edle Metalle schlummern, und sind bereit, euch solche in reichem Maße zukommen zu lassen, wenn ihr uns Frieden und Freiheit gewährt; überzieht ihr uns aber mit Krieg, so werdet ihr nichts gewinnen, als eine menschenleere Steppe und einen unerreichbaren Feind, welcher euch furchtbar werden könnte, sobald er sich von den harten Verlusten, die seine Reihen lichteten, erholt haben wird. Laßt ihr uns Frieden und Freiheit, so sind wir bereit, euch außer dem Golde jährlich fünftausend schnelle Steppenpferde zuzusenden und euch beizustehen, sobald dem Perserreiche ernstliche Gefahren drohen.‹«

Der Botschafter schwieg. Kambyses schaute sinnend zu Boden, zauderte lange mit der Antwort und sagte endlich, indem er sich von seinem Thron erhob: »Wir werden heute beim Zechgelage Rath halten und euch morgen mittheilen, welchen Bescheid ihr eurem Volke zu überbringen habt. Sorge dafür, Gobryas, daß diese Männer gut verpflegt werden, und übersende dem Massageten, welcher mein Angesicht zerhieb, einen Antheil von den besten Gerichten meiner eigenen Tafel.«

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