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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Drittes Kapitel.

Am folgenden Tage bezog Nitetis das Landhaus bei den hängenden Gärten und lebte dort einförmig, aber vergnügt und arbeitsam, nach der Vorschrift des Krösus. Alle Tage wurde sie in einer festverschlossenen Sänfte zu Kassandane und Atossa getragen.

Die blinde Königin ward ihr bald zu einer liebenden und geliebten Mutter, und die lebenslustige, unbändige Tochter des Cyrus ersetzte der Aegypterin beinah' ihre am fernen Nil zurückgebliebene Schwester Tachot. – Nitetis konnte sich keine bessere Gefährtin wünschen, als das übermüthige Kind, welches mit Scherz und Frohsinn zu verhindern wußte, daß sich Heimweh oder Unzufriedenheit in dem Herzen ihrer Freundin einnisteten. Der Ernst der Einen hellte sich durch die Heiterkeit der Anderen auf, und der Uebermuth der Perserin wurde durch das gleichmäßige edle und selbstbewußte Wesen der Aegypterin zu gemessener Fröhlichkeit.

Krösus und Kassandane waren gleich zufrieden mit ihrer neuen Tochter und Schülerin. Oropastes, der Magier, lobte dem Kambyses täglich die Fähigkeiten und den Fleiß der Jungfrau; Nitetis erlernte die persische Sprache ungewöhnlich schnell und gut; der König ging nur zu seiner Mutter, wenn er die Ägypterin dort zu finden vermuthete, und beschenkte sie alle Tage mit köstlichen Schmucksachen und Kleidern. Die größte Gunst erzeigte er ihr dadurch, daß er sie niemals in ihrem Landhause bei den hängenden Gärten besuchte. Durch diese Handlungsweise bewies er, daß er gesonnen sei, Nitetis unter die geringe Zahl seiner angetrauten, rechtmäßigen Gemahlinnen aufzunehmen, eine Gunst, der sich manche Fürstentochter, welche in seinem Harem lebte, nicht rühmen konnte.

Das schöne, ernste Mädchen übte auf den unbändigen, gewaltigen Mann einen seltsamen Zauber. Ihre bloße Gegenwart schien zu genügen, seinen starren Sinn zu schmelzen. Stundenlang sah er dem Reifenspiele zu und verwendete keinen Blick von den zierlichen Bewegungen der Aegypterin. Einmal, als ein Ball in's Wasser geflogen war, sprang er ihm in seinen schweren, kostbaren Gewändern nach und rettete ihn. Nitetis schrie laut auf, als der König sich zu dieser unerwarteten ritterlichen That anschickte; Kambyses aber überreichte ihr lächelnd das triefende Spielzeug und sagte: »Nimm Dich in Acht, sonst muß ich Dich öfter erschrecken!« In demselben Augenblicke nahm er eine goldene mit Edelsteinen besetzte Kette von seinem Halse und schenkte sie dem erröthenden Mädchen, welches ihm mit einem Blicke dankte, der vollkommen aussprach, was ihr Herz für den künftigen Gatten empfand.

Krösus, Kassandane und Atossa merkten sehr bald, daß Nitetis den König liebe. Aus ihrer Scheu vor dem übermächtigen, stolzen Manne war in der That eine glühende Leidenschaft erwachsen. Sie glaubte, seines Anblicks beraubt, sterben zu müssen. Sein Wesen erschien ihr so glänzend und allmächtig wie das der Gottheit, der Wunsch, ihn zu besitzen, übermüthig und frevelhaft, aber seine Befriedigung dennoch schöner als selbst die Rückkehr in die Heimath, als eine Wiedervereinigung mit Denen, welche sie bisher ausschließlich geliebt hatte.

Sie war sich dieser Leidenschaft kaum selbst bewußt und versuchte den Gedanken festzuhalten, daß sie ihn nur fürchte und eh' er komme, vor Angst und nicht vor Sehnsucht bebe. Krösus hatte sie bald durchschaut und ließ seinen Liebling hoch erröthen, als er mit seiner Greisenstimme das neueste Liedchen des Anakreon, welches er zu Sais von Ibykus erlernt hatte, neckend sang:

»An seiner Hüfte trägt das Roß
Das Mal, das man ihm brennt,
Und Jedermann den Parther-Troß
An der Tiara kennt;
Doch, sehe ich Verliebte nah,
Weiß ich sogleich: Sie lieben;
Ein zartes Mal ward ihnen ja
In's Herz hinein geschriebenEigene Uebersetzung. Pägn. 15.

Also zogen in Fleiß und Spiel, in Ernst und Scherz, in Liebe und Gegenliebe Tage, Wochen und Monde an Nitetis vorüber. Der Befehl des Kambyses: »Es muß Dir bei uns gefallen«, fand Gehorsam, und als der mesopotamische Lenz (Januar, Februar und März), welcher dem regnerischen Dezember in jenen Gegenden folgt, vorüber war, als man während der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche das größte Fest der Asiaten, das Neujahrsfest, gefeiert hatte, als die Maiensonne mit heißen Gluthen zu brennen begann, da fühlte sich Nitetis in Babylon wie zu Hause und alle Perser wußten, daß die junge Aegypterin Phädime, die Tochter des Otanes, aus der Gunst des Königs verdrängt und sichere Aussicht habe, die erste bevorzugte Gemahlin des Kambyses zu werden.

Das Ansehen des Eunuchen-Obersten Boges sank, denn man wußte, daß der König den Harem nicht mehr betrete und der Verschnittene seinen Einfluß nur den Weibern verdankte, welche, was er selbst für sich oder Andere begehrte, Kambyses abschmeicheln mußten. – Täglich besprach sich der gekränkte Mann mit der gestürzten Favoritin Phädime, wie man die Aegypterin verderben könne; aber ihre feinsten Ränke und Listen scheiterten an der Liebe des Kambyses und dem makellosen Wandel der Königsbraut.

Phädime, das ungeduldige, nach Rache lechzende, gedemüthigte Weib drängte fort und fort den vorsichtigen Boges zu einer entscheidenden That; dieser aber mahnte zum Abwarten und zur Geduld.

Endlich, nach vielen Wochen, kam er voller Freude zu ihr und rief: »Wenn Bartja heimgekehrt ist, mein Schätzchen, dann ist unsere Stunde gekommen. Ich habe ein Plänchen ersonnen, das der Aegypterin so sicher den Hals bricht, als ich Boges heiße.«

Bei diesen Worten rieb der ewig lächelnde Halbmann seine glatten, fleischigen Hände und schaute so gesättigt zufrieden drein, als habe er eine gute That verübt. Uebrigens machte er Phädime nicht einmal andeutungsweise mit seinem »Plänchen« bekannt und antwortete auf ihre dringenden Fragen: »Lieber möcht' ich mein Haupt in den Rachen eines Löwen, als mein Geheimniß in das Ohr eines Weibes legen. Wohl schätze ich Deinen Muth; aber ich gebe Dir zu bedenken, daß sich die Kühnheit des Mannes im Handeln, die des Weibes im Gehorchen bewähren muß. Thue darum, was ich Dir sagen werde, und warte geduldig ab, was die Zukunft bringt!«

Nebenchari, der Augenarzt, pflegte Kassandane nach wie vor, hielt sich von allem Umgange mit den Persern zurück, und wegen seines düstern, schweigsamen Wesens wurde sein Name bald von ihnen sprüchwörtlich gebraucht. Man nannte bei Hofe jeden Glückseligen einen »Bartja«, jeden Griesgram einen »Nebenchari«. – Bei Tage verweilte er lautlos in den Zimmern der Mutter des Königs, in großen Papyrusrollen(Anm. 42) Der Name der heiligen Ambres scheint aus den Anfängen der Abschnitte größerer Texte »Ha em re'«, »Anfang der Kapitel«, korrumpirt zu sein. Horapollon I. 58. ed. Leemans erwähnt das »Buch der Krankheiten«, während Manetho bei Africanus und Eusebius von dem Nachfolger des ersten Königs von Aegypten Menes (die Chronographen und Denkmäler nennen ihn übereinstimmend als solchen) Athotes erzählt, daß er anatomische Bücher geschrieben habe. Da sonst die gelehrten und namentlich die medizinischen Werke gewöhnlich als herstammend von dem Gotte Thoth erklärt werden, so kann hier leicht wegen der Namensähnlichkeit dem Könige zugeschrieben worden sein, was dem Gotte gebührt. Unter den heiligen Schriften der Aegypter sollen sich auch 6 medizinische befunden haben. Clemens Alex. Strom. ed. Potter p. 757. (VI. 4.) Jamblichus, De Myst. Aeg. VIII. 4. S. auch Th. III. A. 115. blätternd; bei Nacht bestieg er häufig mit Erlaubniß des Königs und des Satrapen(Anm. 43) Satrapen hießen die Gouverneure der einzelnen Provinzen, welche als Stellvertreter des Königs ziemlich unbeschränkt herrschten. Unsere erste von Malcolm Persia I. 41 vorgeschlagene Erklärung des Namens von Chattra der Sonnenschirm und pati Herr, also Herr des Sonnenschirms, geben wir gern auf zu Gunsten der Tiele'schen, welche Satrap ableitet von Khshatra Herrschaft und pavan Beschirmer. Zwar zeigen uns die Denkmäler die Großen des Reichs, welche das Tragen des Sonnenschirms hinter dem Könige her mit Würde verrichten (bei Niebuhr, Texier, Layard &c.), auf Baktrisch und in der Zendavesta heißen sie aber »Shôitrapaita« (Herr eines Gaus) und Shôitrapan« (Beschirmer eines Gaus). Der holländische Uebersetzer dieser Anmerkung, Herr Dr. Rogge, erklärt sich auch für die letztere Ansicht. Wir bemerken nur, daß wie im Deutschen so auch im Altpersischen, mit Verwendung des gleichen Bildes, beschirmen für beschützen steht. In einem ägyptischen Texte wird der General Ptolemäus (Lagi) Chschatrapan, d. i. Satrap genannt. von Babylon, Tritantächmes, einen der hohen Mauerthürme, um die Sterne zu beobachten.

Die chaldäischen Priester, die uralten Pfleger der Himmelskunde, hatten ihm anbieten lassen, seine Beobachtungen auf der Spitze des großen Bel-Tempels, ihrer Sternwarte, zu machen; er aber weigerte sich entschieden dieser Einladung zu folgen, und verharrte in vornehmer Abgeschlossenheit. Als ihm Oropastes, der Magier, den berühmten babylonischen Schattenweiser, den Anaximander von Milet auch in Griechenland eingeführt hatte, erklären wollte, lächelte er höhnisch und kehrte dem Obersten der medischen Priester den Rücken, indem er sagte: »Das kannten wir schon, bevor ihr wußtet, was eine Stunde sei(Anm. 44) Obgleich die Chaldäer, wie dem Aristoteles mitgetheilt wurde, Himmelsberechnungen besaßen, welche bis 1903 vor Alexander, also bis 2234 v. Ch. zurückreichten (Simplicius comm. in Arist. de coelo I. II., Lepsius Chronologie 8. 9), so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die ägyptische Astronomie noch älter ist wie die ihre. Diodor. I. 81 berichtet sogar, die ägyptischen Priester behaupteten, daß die Chaldäer zu Babylon ägyptische Kolonisten wären und ihren Ruf als Astronomen den Lehren ägyptischer Priester zu danken hätten. Die letztere Behauptung kann etwas Wahres enthalten, dagegen sind die Aegypter weit eher aus Westasien als die Chaldäer aus Aegypten gekommen.

Nitetis war ihm freundlich entgegen gekommen; er aber kümmerte sich nicht um sie, ja er schien sie absichtlich zu vermeiden. Als sie ihn eines Tages fragte: »Findest Du etwas Böses an mir, Nebenchari, oder habe ich Dich beleidigt?« gab er zur Antwort: »Du bist mir fremd, denn wie möchte ich Diejenige zu meinen Freunden zählen, welche ihren theuersten Lieben, den Göttern und den Sitten der Heimath, so willig und schnell treulos zu werden vermag?«

Boges der Eunuch merkte sehr bald, daß der Augenarzt der zukünftigen Gattin seines Königs zürne; darum bemühte er sich, ihn zu seinem Bundesgenossen zu machen; Nebenchari wies aber seine schmeichlerischen Anreden, seine Geschenke und Aufmerksamkeiten mit Würde zurück.

So oft ein Angare mit irgend einer Botschaft an den König in den Schloßhof einritt, beeilte sich der Eunuch ihn auszufragen, woher er komme und ob er nichts von dem Heere gegen die Tapuren vernommen habe?

Endlich erschien der erwünschte Bote, welcher die Nachricht brachte, der aufrührerische Stamm sei gebändigt und Bartja werde binnen Kurzem heimkehren.

Drei Wochen vergingen, Bote auf Bote meldete das Nahen des siegreichen Prinzen, die Straßen prangten wiederum im reichsten Festschmucke, das Heer zog in Babylon ein, Bartja dankte dem jubelnden Volke und lag bald darauf in den Armen seiner Mutter.

Auch Kambyses empfing seinen Bruder mit unverstellter Herzlichkeit und führte ihn absichtlich zu Kassandane, als er wußte, daß sich Nitetis bei ihr befinde.

Sein Herz war voll von der Gewißheit, daß ihn die Aegypterin liebe. Er wollte Bartja zeigen, daß er ihr vertraue, und nannte seine frühere Eifersucht einen thörichten Wahn.

Seine Liebe machte ihn mild und freundlich, seine Hände wurden niemals müde zu schenken und wohl zu thun, sein Zorn war eingeschlummert, und die Krähen Babylons umkreisten jetzt, vor Hunger schreiend, den Platz, an welchem sonst die Häupter der Hingerichteten in großer Zahl als warnende Schreckbilder aufgestellt worden waren.

Mit dem Sinken des Einflusses der schmeichlerischen Eunuchen, einer Menschenrasse, welche erst durch die Einverleibung von Medien, Lydien und Babylonien, woselbst sie viele der höchsten Staats- und Hof-Aemter bekleidet hatte, an die Pforte des Cyrus gekommen war, stieg das Ansehen der edlen Perser aus dem Geschlechte der Achämeniden, und Kambyses gewöhnte sich zum Wohle des Landes, mehr auf die Stimme seiner Verwandten, als auf die Ratschläge der Verschnittenen zu hören.

Der greise Hystaspes, der Vater des Darius und Statthalter des persischen Stammlandes, welcher zu Pasargadae zu residiren pflegte, ein Vetter des Königs, Pharnaspes, sein Großvater von mütterlicher Seite, Otanes, sein Oheim und Schwiegervater, Intaphernes; Aspathines, Gobryas, Hydarnes, der Feldherr Megabyzus(Anm. 45) Diese Namen, welche Herodot nennt, finden sich zum Theil, wenn auch in etwas anderer Form, in der Inschrift von Behistân oder Bisitun wieder. Spiegel, Altpersische Keilschriften. Inschrift von Behistân IV. XVIII. S. 37. Rawlinson, Journ. of the Asiatic soc. X. p. 12., der Vater des Zopyrus, der Gesandte Prexaspes, der edle Krösus, der alte Held Araspes, kurz die vornehmsten Stammhäupter der Perser befanden sich gerade jetzt am Hofe des Königs.

Dazu kam, daß der ganze Adel des Reichs, die Satrapen oder Statthalter aller Provinzen und die Oberpriester aller Städte sich zu dieser Zeit in Babylon befanden, weil der Geburtstag(Anm. 46) Der Geburtstag des Königs war das größte Fest der Perser und hieß das »vollkommene«. Herod. I. 133. Ueberhaupt wurden die Geburtstage, namentlich der Könige, im Alterthume hoch gefeiert. Die großen zweisprachigen ägyptischen Denkmäler, welche wir besitzen (die Tafel von Rosette Z. 10 des hieroglyphischen Textes, gr. Text Z. 40 und das Dekret von Kanopus ed. Lepsius hierogl. Text Z. 3, gr. Text Z. 5), erwähnen beide die Feier des Geburtstages eines ptolemäischen Königs von Aegypten. Aber wir hören auch schon in Bezug auf Ramses II. (14. Jahrh. v. Chr.) sagen: »Freude war im Himmel an seinem Geburtstage.« Stele von Kuban. Z. 3. Drumann führt in seinem Kommentar zu dem griechischen Texte der Tafel von Rosette viele auf den Geburtstag der Könige bezügliche Stellen an. S. a. Ebers, Aegypten I. S. 334. des Königs gefeiert werden sollte.

Sämmtliche Würdenträger und Abgeordnete aus allen Provinzen strömten in die Königsstadt, um dem Herrscher Geschenke darzubringen, ihm Glück zu wünschen und an den großen Opfern teilzunehmen, an welchen Tausende von Rossen, Hirschen, Stieren und Eseln für die Götter geschlachtet zu werden pflegten.

An diesem Festtage wurden alle Perser beschenkt, und Jeder durfte dem König eine Bitte vortragen, die nur selten unerfüllt blieb; auch ward das Volk in allen Städten auf Kosten des Herrschers gespeist. Kambyses hatte bestimmt, daß acht Tage nach dem Geburtstage seine Vermählung mit Nitetis stattfinden und zu derselben alle Großen des Reichs geladen werden sollten.

Die Straßen von Babylon wimmelten von Fremden, die riesengroßen Paläste auf beiden Seiten des Euphrat waren überfüllt und alle Häuser prangten in festlichem Schmucke.

Dieser Eifer seines Volkes, dieses Menschengedränge, welches in den Abgeordneten der Provinzen gleichsam das ganze Reich um ihn versammelte, trug nicht wenig dazu bei, die fröhliche Stimmung des Königs zu heben.

Sein Stolz war befriedigt, und die einzige leere Stelle in seinem Herzen, der Mangel an Liebe, durch Nitetis ausgefüllt. Er glaubte zum Erstenmale in seinem Leben vollkommen glücklich zu sein, und vertheilte seine Geschenke nicht nur, weil ein König von Persien schenken mußte, sondern weil ihm das Geben wirkliche Freude verursachte.

Der Feldherr Megabyzus wußte die Kriegsthaten des Bartja und seiner Freunde nicht hoch genug zu preisen. Kambyses umarmte die jungen Helden, beschenkte sie mit goldenen Ketten und Rossen, nannte sie »Brüder« und erinnerte Bartja an jene Bitte, welche er ihm nach der siegreichen Heimkehr zu gewähren versprochen hatte.

Als der Jüngling die Augen niederschlug und nicht gleich wußte, wie er seinen Antrag beginnen sollte, lachte der König und rief: »Seht, ihr Freunde, wie unser junger Held gleich einem Mägdlein erröthet! Ich glaube, daß mir Großes zu gewähren bevorsteht, darum soll er bis zu meinem Geburtstage warten, und mir beim Trinkgelage, wenn der Wein ihm Muth gegeben hat, zuflüstern, was er sich jetzt zu erbitten scheut. Laß die Forderung groß sein, Bartja! Ich bin glücklich, und wünsche darum all' meine Freunde glücklich zu sehen!«

Bartja lächelte ihm zu und begab sich zu seiner Mutter, um ihr, jetzt zum Erstenmale, mitzutheilen, was sein Herz ersehnte.

Er fürchtete auf harten Widerstand zu stoßen; Krösus hatte ihm aber so gut vorgearbeitet und der Blinden so viel Rühmliches von Sappho erzählt, ihre Tugend und Anmuth, ihre Künste und Gaben so hoch gepriesen, daß die Mädchen behaupteten, die Enkelin der Rhodos habe dem Greise einen Zaubertrunk eingegeben, und Kassandane jetzt, nach kurzem Sträuben, den Bitten ihres Lieblings nachgab.

»Eine Hellenin die rechte Gemahlin eines persischen Königssohnes!« rief die Blinde. »Das ist noch niemals dagewesen! Was wird Kambyses sagen? – Wie werden wir seine Zustimmung erlangen?«

»Darüber kannst Du unbesorgt sein, Mutter,« erwiederte Bartja. »Ich bin der Einwilligung meinet Bruders ebenso sicher, als daß Sappho eine Zierde unseres Hauses werden wird.«

»Krösus hat mir viel Schönes und Gutes von der Jungfrau erzählt, und ich freue mich, daß Du endlich entschlossen bist, Dich zu vermählen; aber dennoch scheint mir solche Ehe nicht für einen Sohn des Cyrus zu passen. Und hast Du auch bedacht, daß die Achämeniden ein zukünftiges Kind dieser Hellenin schwerlich als ihren König anerkennen werden, wenn Kambyses ohne Söhne bleiben sollte?«

»Ich fürchte nichts, denn mein Sinn steht nicht nach der Krone. Uebrigens war schon mancher persische König der Sohn eines geringeren Weibes als meine Sappho(Anm. 47) Wir lesen zum Beispiel im Königsbuche des Firdusi, daß der Stamm des Feridun durch eine Sklavin erhalten wurde. Auch Sal, der Vater des Rustem, führte eine Fremde, in die er sich verliebt hatte, heim. Es war, mögen die Helden des persischen Epos rein mythische Personen gewesen sein (was keineswegs erwiesen ist) oder nicht, gewiß nichts Unerhörtes, daß ein Fürst eine Sklavin heirathete. ist. Ich weiß sicher, daß mich meine Verwandten nicht tadeln werden, wenn ich ihnen das Kleinod zeige, welches ich am Nile gewonnen habe.«

»Möchte Sappho unserer Nitetis gleichen! Ich liebe sie wie meine eigene Tochter und segne den Tag, an welchem sie dieses Land betrat. Mit ihren warmen Blicken hat sie den harten Sinn Deines Bruders geschmolzen, ihre Güte und Sanftmuth verschönern meine Nacht und mein Alter, ihr milder Ernst hat Deine Schwester Atossa aus einem unbändigen Kinde in eine Jungfrau verwandelt! Rufe jetzt die Mädchen, welche unten im Garten spielen, damit wir ihnen mittheilen, daß sie durch Dich eine neue Freundin erhalten sollen.«

»Verzeih' mir, Mutter,« erwiederte Bartja, »wenn ich Dich bitte, diese Angelegenheit der Schwester zu verschweigen, bis wir die bestimmte Einwilligung des Königs erlangt haben.«

»Du hast Recht, mein Sohn. Wir müssen den Mädchen Deinen Wunsch verheimlichen, und wäre es nur, um ihnen eine mögliche Enttäuschung zu ersparen. Das Fehlschlagen einer schönen Hoffnung ist schwerer zu tragen als ein unerwartetes Leid; harren wir darum auf die Einwilligung Deines Bruders. Mögen Dir die Götter ihren Segen schenken!«

Am frühen Morgen des königlichen Geburtstagsfestes brachten die Perser am Ufer des Euphrat ihre Opfer dar. Auf einem künstlichen Berge stand ein ungeheurer silberner Altar, aus welchem ein mächtiges Feuer, Flammen und Wohlgeruch gen Himmel sendend, brannte. Weiß gekleidete Magier speisten die Gluth mit zierlich gehauenen Stücken des feinsten Sandelholzes und schürten sie mit Ruthenbündeln.

Das Haupt der Priester war mit einer Binde, der Paiti-dhana(Anm. 48) Dieses viereckige, 2–7 Finger breite Stück Zeug sollen alle Perser vor dem Munde führen, wenn sie beten. Anquetil gibt in seinem Zend-Avesta eine Abbildung desselben. Strabo erwähnt die Paiti-dhâna p. 733. Nach ihm hing das Tuch, als Zipfel, von der Kopfbedeckung aus über die Lippen hin., umwunden, deren Enden ihren Mund verdeckten und auf diese Weise den unreinen Athem von dem reinen Feuer abwehrten. Auf einer Wiese neben dem Strome hatte man die Opferthiere geschlachtet, ihr Fleisch in Stücke geschnitten(Anm. 49) Herod. I. 132. Strabo 733. Das ganze Opfergeräth der heutigen Parsen findet sich bei Anquetil beschrieben und abgebildet., mit Salz bestreut und auf zarte Rasen und Kleesprossen, Myrthenblüthen und Lorbeerblätter ausgebreitet, damit nichts Todtes und Blutiges die schöne Tochter des Auramazda, die geduldige, heilige Erde, berühre.

Nun trat Oropastes, der oberste DesturPriester., an das Feuer und warf frische Butter hinein. Die Flammen schlugen hoch empor. Alle Perser fielen auf die Kniee und verbargen ihr Angesicht, denn sie glaubten, die Lohe schwinge sich ihrem Vater, dem großen Gotte, entgegen. Dann nahm der Magier einen Mörser, streute in denselben Blätter und Stengel des heiligen Haomakrautes(Anm. 50) Haoma oder Soma ist der Name einer Pflanze, deren Saft die Speise der Götter gewesen sein soll, und bei gewissen religiösen Zeremonien gekostet und in's Feuer geträufelt wurde. Endlich ist Haoma ein Gott. Näheres über den Somakultus der Arier bei Windischmann, in den Abhandlungen der K. B. Akad. der Wissenschaften IV. 2., zerstampfte sie und goß den röthlichen Saft der Pflanze, die Speise der Götter, in die Flammen.

Endlich hob er seine Hände zum Himmel empor und sang, während andere Priester das Feuer fortwährend mir frischer Butter zum wilden Auflodern zwangen, ein großes Gebet aus den heiligen Büchern. In diesem wurde der Segen der Götter auf alles Reine und Gute, vor Allem auf den König und das ganze Reich herabgerufen. Die guten Geister des Lichts, des Lebens, der Wahrheit, der edlen That, der Geberin Erde, des labenden Wassers, der glänzenden Metalle, der Weiden, der Bäume und der reinen Geschöpfe wurden gepriesen, die bösen Geister des Dunkels, der Lüge, welche die Menschen betrügt, der Krankheit, des Todes, der Sünde, der Wüste, der starren Kälte, der verödenden Dürre, des häßlichen Schmutzes und alles Ungeziefers sammt ihrem Vater, dem bösen Angramainjus, verflucht; und endlich stimmten alle Anwesenden singend in das Festgebet ein: »Reinheit und Herrlichkeit wartet des reinen Gerechten(Anm. 51) Dies schöne Gebet soll der Parse eigentlich sagen, wenn er vom Schlaf erwacht. Anquetil, Zend-Avesta II. 564 fgd.

Dann schloß das Gebet des Königs die Opferfeierlichkeit. – Kambyses bestieg im reichsten Ornate den mit vier schneeweißen nisäischen Rossen bespannten goldenen, mit Karneolen, Topasen und Bernstein geschmückten Wagen und begab sich in die große Empfangshalle, um die Würdenträger und Abgeordneten der Provinzen zu empfangen.

Sobald sich der König und sein Gefolge entfernt hatten, wählten sich die Priester die besten Stücke des Opferfleisches aus und gestatteten dem herandrängenden Volke, das übrig Gebliebene mit nach Hause zu nehmen.

Die persischen Götter verschmähten das Opfer, als Speise; sie verlangten nur die Seelen der geschlachteten Thiere, und mancher Aermere, namentlich unter den Priestern, fristete sein Leben von dem Fleische der reichen Königsopfer.

Wie der Magier gebetet hatte, so sollten alle Perser beten. Ihre Religion verbot, daß der Einzelne etwas für sich allein von den Himmlischen verlange. Vielmehr mußte jeder Fromme für alle Perser, besonders aber für den König Gutes erflehen; war doch jeder Einzelne ein Theil des Ganzen, wurde doch auch er beglückt, wenn die Götter dem Reiche Segen verliehen. Dies schöne Aufgeben der eigenen Persönlichkeit zu Gunsten der Gesammtheit hatte die Perser groß gemacht. Wenn man besonders für den König betete, so geschah dies, weil man in ihm die Verkörperung des ganzen Reiches erblickte.

Die ägyptischen Priester stellten die Pharaonen als wirkliche Gottheiten dar, die Perser nannten ihre Fürsten nur Söhne der Götter(Anm. 52) In späterer Zeit ließen sich freilich auch die Könige von Persien, wenn auch nicht geradezu, als Gottheiten anbeten. und dennoch herrschten diese in der That weit unbeschränkter als jene, denn sie hatten es verstanden, sich von der Vormundschaft einer Priesterkaste frei zu halten, welche, wie wir gesehen haben, die Pharaonen wenn nicht beherrschte, so doch in den wesentlichsten Angelegenheiten zu beeinflussen pflegte.

Von dem unduldsamen Wesen der Aegypter, welches alle fremden Götter vom Nile zu verbannen bestrebt war, wußte man in Asien nichts. Die von Cyrus besiegten Babylonier durften nach ihrer Einverleibung in das große asiatische Reich nach wie vor zu ihren alten Göttern beten. Die Juden, Ionier und Kleinasiaten, kurz die ganze Menge der dem Scepter des Kambyses gehorchenden Völkerschaften blieb ungestört im Besitze ihrer angeerbten Religionen und Sitten.

So brannten denn auch zu Babylon am Geburtstage des Königs neben den Feueraltären der Magier viele andere Opferflammen, welche die Festgesandten für die Götter, welche sie in ihrer Heimath verehrten, angezündet hatten.

Die Riesenstadt glich aus der Ferne einem ungeheuren Schmelzofen, denn über ihren Thürmen schwebten dichte Rauchwolken, welche das Licht der brennenden Maisonne verfinsterten.

Als der König im großen Reichspalaste angelangt war, ordnete sich die Schaar der Festboten zu einem unabsehbaren Zuge, der durch die geraden Straßen Babylons dem Schlosse entgegen wallte.

Myrthen und Palmenzweige, Rosen, Mohn- und Oleanderblüthen, Silberpappel-, Palmen- und Lorbeerblätter lagen auf allen Wegen. Weihrauch, Myrrhen und tausend andere Wohlgerüche durchwehten die Luft, Fahnen und Teppiche flatterten und wogten von allen Häusern. Das Jauchzen und die Jubelrufe des zahllosen babylonischen Volkes, welches, erst seit wenigen Jahren dem Perserreiche unterworfen, nach asiatischer Sitte seine Ketten gleich einem Schmucke trug, so lange es sich vor der Macht seines Zwingherrn fürchtete, übertönten die schmetternden Fanfaren medischer Trompeten, die sanften Töne phrygischer Flöten, die Cymbeln und Harfen der Juden, die Tamburine der Paphlagonier, die Saitenspiele der Ionier, die Pauken und Becken der Syrer, die Muscheln und Trommeln der Arier von der Indusmündung und die lauten Töne der baktrischen Schlachtposaunen.

Duft, Farbenpracht, Gold- und Edelsteingefunkel, Pferdegewieher, Jauchzen und Gesang vereinten sich zu einem Ganzen, das die Sinne betäubte und die Herzen mit taumelnder Lust erfüllte.

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