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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Zweites Kapitel.

Kambyses hatte eine schlaflose Nacht. Das ihm neue Gefühl der Eifersucht steigerte sein Verlangen nach der Aegypterin, welche er noch nicht seine Gattin nennen durfte, denn das persische Gesetz schrieb vor, daß der König erst dann eine Fremde heimführen dürfe(Anm. 28 [27]) Nach dem Buche Esther 2, 12–14 wurde dieses Lehrjahr angewandt, um die Weiber in den Gebrauch von Salben, Spezereien und Wohlgerüchen einzuweihen. Diese Zeit scheint uns aber für derartige Künste zu lang zu sein. Warum sollte man sie nicht angewandt haben, um die fremden Weiber den Anforderungen gerecht zu machen, welche das Gesetz des Zoroaster an sie stellt? Zur Begründung dieser Konjektur wollen wir die dahin zielende Stelle, Vendidad Farg. XVIII. 123 und 124, wörtlich nach der Spiegel'schen Uebersetzung citiren.

»Wer übt an Dir, der Du Ahura-Mazda bist, die größte Rache, wer thut Dir die größte Plage an?«

Darauf entgegnet Ahura-Mazda:

»Der, welcher den Samen vermengt der Frommen und Unfrommen, der Verehrer der Dävas und Derer, die die Dävas nicht verehren, der Sünder und Nichtsünder, und Diejenigen, welche sich mit Anbetern der Dävas vermischen, sollen eher getödtet werden, als giftige Schlangen.« Vend. XVIII. 123. Obgleich das Proselytenmachen den Mazdayaçnas fern bleiben mußte, weil sie es für eine Auszeichnung hielten, als solche geboren zu sein, so übertrug man doch auch an Fremde dies Vorrecht. Ja zur Sassanidenzeit werden Andersgläubige sogar bitter verfolgt.

, wenn sie sich mit den iranischen Gebräuchen vertraut gemacht und zu der Religion des Zoroaster bekannt habe(Anm. 29 [28]) Zoroaster, eigentlich Zarathustra oder Zerethoschtro, war einer der größten Religionsstifter und Gesetzgeber. Nach Anquetil du Perron bedeutet sein Name »güldener Stern«. Doch ist diese Erklärung eben so unsicher, wie die vielen anderen, welche versucht worden sind. Sehr ansprechend erscheint die in dem unten citirten Kern'schen Aufsatze gegebene von zara goldig und thwistra schimmernd; also der goldschimmernde, χρυσοφάης. Ob er in Baktrien, Medien oder Persien geboren worden sei, ist ungewiß. Nach Anquetil erblickte er zu Urmi, einer Stadt in Aderbedjan, das Licht der Welt. Sein Vater hieß Poroschasp, seine Mutter Dogdo; sein Geschlecht rühmte sich königlicher Herkunft. Die Zeit seiner Geburt ist sehr – wie Spiegel sagt – »hoffnungslos« dunkel. Anquetil und viele andere Gelehrte wollen ihn zur Zeit des Darius leben lassen; diese Ansicht ist aber, wie Spiegel, Duncker und v. Schack in seiner Einleitung zur Uebersetzung des Firdusi bewiesen haben, unrichtig. Es ist hier nicht der Platz, auf diese schwiege Frage näher einzugehen, doch dürfen wir den Leser versichern, daß die Lehre des Zoroaster schon in der Zeit unserer Erzählung in Kraft war. Ueber den Religionsstifter schwanken die Nachrichten so sehr, daß jüngst ein gelehrter Holländer, Professor Kern, den Versuch machen konnte, die Existenz Zoroaster's als Persönlichkeit zu leugnen und ihn ganz in das Reich der Mythe zu versetzen. Seine mit vielem Geiste und großen Kenntnissen geschriebene Abhandlung findet sich in den Verslagen en midedeelingen der k. akad. v. wetenschapen. Amsterdam 1867. S. 132 fgd. Entgegengesetzter Ansicht ist Justi in seinem Handbuche der Zendsprache. Die Avesta ist wahrscheinlich erst später, etwa zur Zeit des Artaxerxes, vollständig aufgezeichnet worden. Sie enthielt 21. Nosk oder Theile. Nur der 20. »Vendidad« ist vollkommen auf uns gekommen..

Dem Gesetze nach hätte Nitetis eines vollen Jahres bedurft, ehe sie das Weib eines persischen Fürsten werden durfte; was war aber dem Kambyses das Gesetz? Er erblickte die Verkörperung desselben in seiner eignen Person, und meinte, für Nitetis würden drei Monate genügen, um alle Lehren der Magier verstehen und ihre Hochzeit mit ihm feiern zu können.

Seine andern Weiber erschienen ihm heute hassenswerth, ja sogar Ekel erregend. Schon in seiner frühesten Jugend hatte man sein Haus mit Frauen angefüllt. Schöne Mädchen aus allen Theilen Asiens, schwarzäugige Armenierinnen, blendend weiße Jungfrauen vom Kaukasus, zarte Dirnen vom Ufer der Ganga, üppige Babylonierinnen, goldhaarige Perserinnen und die weichlichen Töchter der medischen Ebene gehörten ihm; ja mehrere Kinder der edelsten Achämeniden hatten dem Königssohne als rechte Gattinnen die Hand gereicht.

Phädime, die Tochter des edlen Otanes, die Nichte seiner Mutter Kassandane, war bis dahin sein Lieblingsweib, oder vielmehr die Einzige gewesen, von der man denken konnte, sie stände seinem Herzen näher als eine erkaufte Sklavin. Aber auch diese schien dem Ueberdrusse und der Uebersättigung des Königs, zumal wenn er an Nitetis gedachte, gemein und verächtlich.

Die Aegypterin schien ihm aus edleren, würdigeren Stoffen gebildet zu sein, wie jene Alle. Diese waren schmeichlerische Dirnen, Nitetis eine Königin. Im Staube lagen die Andern zu seinen Füßen; dachte er an Nitetis, so sah er sie aufrecht stehend, eben so hoch, eben so stolz, wie sich selber. Sie sollte von jetzt an nicht nur Phädimes Stelle einnehmen; er wollte sie vielmehr so hoch erheben, wie einst sein Vater Cyrus seine Gattin Kassandane.

Sie allein konnte ihm mit Kenntnissen und Rath zur Seite stehen, während die Uebrigen, unwissend wie die Kinder, nur für Putz und Schmuck, für kleinliche Ränke und nichtige Tändeleien lebten. Die Aegypterin mußte ihn lieben, denn er war ihre Stütze, ihr Herr, ihr Vater und ihr Bruder in dem ihr fremden Lande.

»Sie muß,« sagte er sich, und sein Wille schien dem Tyrannen so gültig wie die schon vollbrachte That. »Bartja soll sich hüten,« murmelte er vor sich hin; »er wird erfahren, was den erwartet, welcher meine Wege zu kreuzen wagt!«

Auch Nitetis hatte eine unruhige Nacht.

In dem an ihre Gemächer grenzenden Versammlungssaale der Weiber sang, tobte und lärmte man bis gegen Mitternacht. Oftmals erkannte sie die kreischende Stimme des Boges, der mit seinen Untergebenen scherzte und lachte. Als es endlich in den weiten Hallen des Palastes ruhig war, mußte sie an die ferne Heimath und die arme Tachot denken, welche sich nach ihr und dem schönen Bartja sehnte, der, wie ihr Krösus erzählt hatte, morgen in den Krieg, vielleicht in den Tod ziehen sollte. Dann schlief sie, von der Ermüdung der Reise überwältigt und von ihrem Gatten träumend, ein. Sie sah ihn auf seinem schwarzen Hengste reitend. Das wüthende Thier scheute vor der am Wege liegenden Leiche des Bartja, warf den König ab und schleifte ihn in den Nil, welcher plötzlich mit blutrothen Wellen zu fließen begann. In ihrer Angst schrie sie nach Hülfe; ihr Ruf hallte von den Pyramiden wieder und wurde immer lauten und furchtbarer, bis sie von dem schrecklichen Echo erwachte.

Aber, was war das? Der klagende und schmetternde Ton, welchen sie im Traum vernommen, schlug auch jetzt an ihr wachendes Ohr.

Sie riß die Laden einer Fensteröffnung auf und schaute in's Freie. Ein großer, prächtiger Garten mit Springquellen und langen Baumreihen breitete sich, von frischem Thaue benetzt, vor ihren Blicken aus(Anm. 29) Die persischen Gärten waren im ganzen Alterthume berühmt und wurden, wie es scheint, weit freier und ungezwungener angelegt, wie die der Aegypter. Selbst die Könige verschmähten es nicht, Gärtnerei zu treiben, und die vornehmsten Achämeniden legten mit Vorliebe schöne Parkanlagen, auf persisch Paradiese, an. Herod. V. 14. 49–52. Xenoph. Cyrop. VIII. 6. 9. Oekonom. 4. Diodor XVI. 41. Plutarch, Alcibiades 24. Ihre Vorliebe für schlanke Gewächse ging so weit, daß Xerxes einen besonders schönen Baum, den er auf seinem Wege nach Griechenland antraf, mit goldenem Zierrath schmückte. Firdusi, der größte persische Epiker, kennt kein höheres Lob für die menschliche Schönheit, als das Adjektiv »cypressenwüchsig«. Uebrigens genossen auch einige Bäume unter den Iraniern göttlicher Verehrung. Heilige Bäume kommen in ihrem Paradiese vor, wie der »Lebensbaum« im Hebräischen und Aegyptischen.. Kein Laut, außer jenem seltsamen Tone, ließ sich vernehmen; aber auch dieser verhallte endlich im Morgenwinde. Nach kurzer Zeit hörte sie aus der Ferne Geschrei und Toben, dann erwachte das Treiben in der Riesenstadt, und bald vernahm sie nur noch ein dumpfes, den Wogen des Meeres ähnliches Brausen.

Die kühle Morgenluft hatte sie so vollkommen erweckt, daß sie sich nicht von Neuem niederlegen wollte. Abermals trat sie zum Fenster. Da sah sie zwei Menschen aus dem Hause, welches sie bewohnte, treten. Sie erkannte den Eunuchen Boges, welcher mit einem schönen, nachlässig gekleideten persischen Weibe redete. Die Beiden näherten sich ihrem Fenster. Nitetis verbarg sich hinter die halb geöffneten Laden und lauschte, denn es war ihr, als habe sie ihren Namen vernommen.

»Die Ägypterin schläft noch,« sagte der Eunuch, »sie muß von der Reise schwer ermüdet sein.«

»So antworte schnell,« sprach die Perserin. »Meinst Du wirklich, daß mir von dieser Fremden Gefahr drohen kann?«

»Gewiß, mein Püppchen.«

»Was bringt Dich auf diese Vermuthung?«

»Das neue Weib braucht nicht meinen, sondern nur den Befehlen des Königs zu gehorchen.«

»Ist das Alles?«

»Nein, mein Schätzchen; ich kenne aber den König und lese in seinen Zügen wie ein Magier in den heiligen Büchern.«

»So müssen wir sie verderben.«

»Das ist leicht gesagt und schwer gethan, mein Täubchen.«

»Laß mich los, Du Unverschämter!«

»Nun wir sind ja ungesehen, und Du wirst mich nöthig haben.«

»Meinetwegen; aber sage schnell, was zu thun ist?«

»Dank', mein süßes Herzchen Phädime! – Ja also, für's Erste müssen wir uns ruhig verhalten und auf eine Gelegenheit warten. Wenn Krösus, der widrige Heuchler, der sich der Aegypterin anzunehmen scheint, fort ist, dann gilt es eine Schlinge zu stellen . . .«

Die Redenden hatten sich so weit entfernt, daß Nitetis nichts mehr verstehen konnte. In stummer Entrüstung schloß sie den Laden und rief ihren Dienerinnen, um sich ankleiden zu lassen. Sie kannte jetzt ihre Feinde, sie wußte nun, daß tausend Gefahren ihrer warteten; dennoch fühlte sie sich gehoben und stolz, denn sie sollte das echte Weib des Kambyses werden. Niemals hatte sie ihren eigenen Werth so froh empfunden, wie diesen Elenden gegenüber. Eine wunderbare Siegesgewißheit zog in ihr Herz, welches sicher an die Zauberkraft des Guten und der Tugend glaubte.

»Was hatte der schreckliche Ton heute früh zu bedeuten?« fragte sie die erste ihrer persischen Zofen, welche ihr Haar ordnete.

»Meinst Du das tönende Erz, Herrin?«

»Vor kaum zwei Stunden wurde ich durch einen seltsamen Klang aus dem Schlafe geschreckt.«

»Das war das tönende Erz, Gebieterin, welches die Knaben der Edlen, die an der Pforte des Königs erzogen werden(Anm. 30) Besonders nach Xenoph. Cyrop. VIII. 8. 7. Anabasis I. 9., allmorgendlich weckt. Du wirst Dich an den Klang gewöhnen! Wir hören ihn schon lange nicht mehr; im Gegentheil erwachen wir, wenn er an hohen Feiertagen einmal ausbleibt, von der ungewohnten Ruhe. Auf den hängenden Gärten wirst Du jeden Morgen, mag es kalt oder warm sein, beobachten können, wie man die Schaar der Knaben zum Bade führt. Die armen Kleinen werden schon an ihrem sechsten Geburtstage den Müttern fortgenommen, um mit den andern Buben ihres Standes gemeinschaftlich unter den Augen des Königs erzogen zu werden.«

»Sollen sie schon so früh die große Ueppigkeit dieses Hofes kennen lernen?«

»Ach nein, den armen Knaben ergeht es gar schlimm! Sie müssen auf harter Erde schlafen und sich vor Sonnenaufgang wieder erheben; sie werden mit Wasser, Brod und wenig Fleisch genährt. Was Wein und Zukost ist, wissen sie gar nicht. Manchmal müssen sie sogar mehrere Tage ohne alle Noth hungern und dürsten; man sagt, um sie an Entbehrungen zu gewöhnen. Wohnen wir zu Pasargadae oder Ekbatana(Anm. 31) Die Sommerresidenzen der Könige von Persien, in denen es empfindlich kalt werden kann. Ekbatana liegt am Fuße des hohen Elburs- (Orontes-) Gebirges in der Gegend des heutigen Hamadân; Pasargadä unweit des Rachmet im Hochlande von Iran., dann können sie sicher sein, wenn es recht bitter kalt ist, in's Bad geführt zu werden; sind wir hier oder zu Susa, so läßt man sie, je heißer die Sonne brennt, je beschwerlichere Märsche machen.«

»Und aus diesen harten, schlicht erzogenen Knaben werden so üppige Männer?«

»Das geht ja immer so! Je länger man hungern muß, je besser mundet die Mahlzeit! So ein junger Edler sieht täglich allen Glanz der Welt, weiß, daß er reich ist, und muß dennoch darben. Was Wunder, daß er, wenn man ihn losläßt, alle Freuden des Lebens mit zehnfacher Lust genießt? Geht es aber in den Krieg oder zieht man zum Jagen aus, dann grämt er sich auch nicht, wenn es zu hungern und zu dürsten gilt, dann springt er lachend mit seinen dünnen Stiefeln und purpurnen Hosen in den Koth und schläft auf einem Felsen so gut wie auf seinem Lager von zarter arabischer Wolle. Du mußt sehen, welche Wagestücke die Knaben machen, besonders wenn der König ihren Uebungen zusieht! Kambyses wird Dich gewiß einmal mitnehmen, wenn Du ihn darum bittest.«

»Ich kenne das. In Aegypten wird die Jugend, Knaben wie Mädchen, gleichfalls zu Leibesübungen angehalten. Auch meine Glieder sind durch Laufen, künstliche Stellungen, Ball- und Reifenspiele geschmeidig gemacht wordenSiehe I. Theil Anmerkung 153.

»Wie seltsam! Bei uns wachsen wir Frauen heran, wie wir eben wollen, und lernen nichts, als ein bischen weben und spinnen. Ist es wahr, daß die meisten Aegypterinnen sogar die Kunst des Schreibens und Lesens verstehen?«

»Fast alle werden in diesen Fertigkeiten unterrichtet.«

»Beim Mithra, ihr müßt ein kluges Volk sein! Außer den Magiern und Schreibern erlernen nur wenige Perser jene schweren Wissenschaften. Die edlen Knaben lehrt man nichts, als die Wahrheit zu reden, gehorsam und tapfer zu sein, die Götter zu ehren, zu jagen, zu reiten, Bäume zu pflanzen und Kräuter zu unterscheiden. Wer schreiben lernen will, der mag sich später, wie der edle Darius, an die Magier wenden. Den Frauen ist es sogar verboten, solchen Wissenschaften obzuliegen. – Aber jetzt bist Du fertig. Diese Perlenschnur, welche Dir der König heute Morgen geschickt hat, steht prächtig zu Deinen rabenschwarzen Haaren. Darf ich Dich bitten, Dich zu erheben? Wahrlich, auch diese Schuhe sind Dir zu groß! Versuche dieses Paar! Du strahlst wie eine Göttin; aber man sieht, daß Du noch nicht gewohnt bist, die weiten seidnen Beinkleider und hohen Hacken an den Stiefelchen zu tragen. Geh' nur ein paarmal auf und ab, dann wirst Du selbst im Gange alle Perserinnen ausstechen!«

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür und Boges, der Eunuch, trat ein, um Nitetis der blinden Kassandane, bei welcher Kambyses ihrer wartete, zuzuführen.

Der Verschnittene stellte sich als ihr demüthigster Sklave dar und ergoß sich in einen Strom von blumenreichen Schmeichelworten, indem er sie mit der Sonne, dem Sternenhimmel, einer reinen Quelle des Glücks und einem Rosengarten verglich. Nitetis würdigte ihn keines Wortes und trat hochklopfenden Herzens in das Gemach der Mutter des Königs.

Die Fenster desselben waren durch Vorhänge von grüner indischer Seide verschlossen, welche die helle Mittagssonne aufhielten und ein den Augen der Blinden wohlthätiges Halbdunkel herstellten. Der Fußboden war mit einem schweren babylonischen Teppiche belegt, in dessen Wolle die Füße der Schreitenden wie in Moos versanken. Die Bekleidung der Wände bestand aus einem Mosaik von Elfenbein, Schildpatt, Gold, Silber, Malachit, Lapis LazuliLapis Lazuli und Malachit werden unter den von asiatischen Völkern den Pharaonen gesteuerten Tributen schon früh genannt., Ebenholz und Bernstein. Die goldenen Gestelle der Ruhesitze waren mit Löwenhäuten überzogen, und der an der Seite der Blinden stehende Tisch bestand aus gediegenem Silber. Kassandane, mit veilchenblauen, reich mit Silber gestickten Gewändern bekleidet, saß auf einem kostbaren Lehnstuhle. Auf ihren schneeweißen Haaren lag ein langer Schleier vom zartesten ägyptischen Spitzengewebe, dessen lange Enden ihren Hals umschlangen und unter dem Kinne zu einer großen Schleife zusammengeschürzt waren(Anm. 32) Diese prächtige Einrichtung des Wohnzimmers einer Mutter des Königs von Persien braucht keineswegs für übertrieben gehalten zu werden. Die Details sind den Persern des Aeschylus, der Cyropädie und Anabasis des Xenophon, dem Arrian, Curtius, Strabo u. v. A. entlehnt. Das Spitzengewebe, welches Kassandane trägt, nenne ich ägyptisch, da in der That zur Zeit unserer Geschichte nirgend feiner gewebt wurde, als am Nil. Die Klassiker behaupten, die Denkmäler, welche viele durchsichtige Gewänder zeigen, bestätigen dies. Im Besitze des Sir Gardener Wilkinson befand sich zudem ein äußerst feines Stück altägyptischen Gewebes.. Das von dem Spitzentuche eingerahmte Angesicht der Blinden, welche sich inmitten der sechziger Jahre befand, war wunderbar ebenmäßig geformt und verrieth neben einem hohen Geiste tiefe Herzensgüte und warme Menschenliebe.

Die blinden Augen der Greisin waren geschlossen, aber man erwartete, wenn sie sich öffnen würden, ein paar milde, freundliche Sterne leuchten zu sehen. Die Haltung und Größe der Sitzenden verriethen einen stattlichen Wuchs. Die ganze Erscheinung war würdig der Wittwe des großen und guten Cyrus.

Auf einem kleinen Sessel zu Füßen der Greisin saß ihr jüngstes, spät geborenes Kind Atossa und zog von ihrer goldnen Spindel lange Fäden. Der Blinden gegen über stand Kambyses und im Hintergrunde, halb verborgen von dem Dämmerlichte des Zimmers, der ägyptische Augenarzt Nebenchari.

Als Nitetis die Schwelle dieses Gemaches überschritten hatte, trat der König auf sie zu und führte sie seiner Mutter entgegen. – Die Tochter des Amasis sank vor der ehrwürdigen Greisin auf die Kniee nieder und küßte ihre Hand mit wahrer Herzlichkeit.

»Sei uns willkommen!« rief die Blinde, ihre tastende Hand auf das Haupt der Jungfrau legend. »Ich habe viel Gutes von Dir vernommen und hoffe eine liebe Tochter an Dir zu gewinnen.«

Nitetis küßte abermals die zarte Hand der Königin und erwiederte mit leiser Stimme: »Wie dank' ich Dir für diese Worte! O gestatte mir, Dich, die Gattin des Cyrus, Mutter zu nennen. Meine Zunge, welche diesen süßen Namen auszusprechen gewohnt war, zittert vor Wonne, da sie jetzt, seit langen Wachen zum Erstenmal, wieder rufen darf: ›Meine Mutter!‹ Ach, ich will mich mit aller Kraft bestreben, würdig zu werden Deiner Güte, aber halte auch Du, was mir Dein liebes Angesicht zu versprechen scheint; steh' mir in diesem fremden Lande mit Rath und Lehre zur Seite, laß mich zu Deinen Füßen eine Zuflucht finden, wenn die Sehnsucht mich übermannt und mein Herz zu schwach wird, seinen Gram oder seine Wonne allein zu tragen; sei mir, in diesem einen Worte ist alles gesagt, sei, o sei meine Mutter!«

Die Blinde fühlte warme Tropfen auf ihre Hand herniederfallen. Freundlich berührte sie mit den Lippen die Stirn der Weinenden und sagte. »Ich fühle Dir nach, was Du empfindest! Mein Herz wie meine Gemächer werden stets für Dich geöffnet sein, und wie ich Dich von ganzer Seele ›Tochter‹, so nenne Du mich mit vollem Zutrauen Deine Mutter! In wenigen Monden wirst Du die Gattin meines Sohnes werden, und später gewähren Dir die Götter vielleicht ein Geschenk, welches Dir die Mutter entbehrlich machen wird, weil Du die Mutterschaft in Dir selbst empfindest.«

»Dazu gebe Auramazda seinen Segen!« rief Kambyses. »Ich freue mich, Mutter, daß meine Gattin auch Deinem Herzen wohlgefällt, und weiß, daß es ihr bei uns behagen wird, sobald sie nur erst unsere persischen Sitten und Gebräuche kennt. Wenn sie aufmerkt, so wird sie mir in vier Monaten angetraut werden können!«

»Aber das Gesetz,« wollte die Mutter erwiedern.

»Ich befehle, in vier Monaten!« rief der König, »und möchte Denjenigen sehen, welcher Einsprache dagegen erheben dürfte! Lebt jetzt wohl, ihr Frauen! Hab' Acht auf die Augen der Königin, Nebenchari, und wenn meine Gattin es gestattet, so magst Du, als ihr Landsmann, sie morgen besuchen. Lebt wohl! Bartja läßt grüßen. Er ist auf dem Wege zu den Tapuren.«

Atossa wischte sich schweigend eine Thräne aus den Augen; Kassandane aber sagte: »Du hättest uns den Knaben einige Monde wenigstens lassen können. Dein Feldherr Megabyzus wird daß kleine Volk der Tapuren auch ohne ihn zu züchtigen wissen.«

»Daran zweifle ich nicht,« antwortete der König; »Bartja sehnte sich aber selbst nach einer ersten Gelegenheit, sich im Kriege bewähren zu können; so schickte ich ihn denn in's Feld.«

»Würde er nicht gern bis zum großen Massagetenkriege, in welchem höherer Ruhm zu gewinnen sein wird, gewartet haben?« fragte die Blinde.

»Und wenn er von einem tapurischen Pfeile getroffen wird,« rief Atossa, »dann hast Du ihn der heiligsten Pflicht eines Menschen beraubt, dann hast Du ihn verhindert, die Seele unseres Vaters zu rächen!«

»Schweig,« herrschte Kambyses seine Schwester an, »damit ich Dich nicht lehre, was Weibern und Kindern ziemt. Das Glückskind Bartja wird am Leben bleiben und sich hoffentlich jene Liebe verdienen, welche man ihm jetzt viel zu freigebig als Almosen in den Schooß wirft.«

»Wie magst Du also reden? Schmückt Deinen Bruder nicht jede Tugend des Mannes? Ist es seine Schuld, daß er noch keine Gelegenheit hatte, sich gleich Dir im Kampfe hervorzuthun?« fragte Kassandane. »Du bist der König, dessen Befehl ich achte; meinen Sohn möchte ich aber tadeln, weil er seine blinde Mutter, ich weiß nicht aus welchem Grunde, der schönsten Freude ihres Alters beraubt. Bartja wäre gern bis zum Massagetenkriege bei uns geblieben; doch Deinem Eigenwillen gefiel es anders . . .«

»Und was ich will ist gut!« unterbrach Kambyses, dessen Wangen blaß geworden waren, seine Mutter. »Ich will von dieser Angelegenheit nie wieder reden hören!«

Mit diesen Worten verließ er jählings das Zimmer und begab sich, von seinem großen Gefolge, welches ihn, wohin er auch gehen mochte, nicht verließ, begleitet, in den Empfangssaal.

Schon vor einer Stunde hatte Kambyses das Gemach seiner Mutter verlassen, und noch immer saß Nitetis neben der lieblichen Atossa zu Füßen der Greisin.

Die Perserinnen lauschten den Erzählungen der neuen Freundin und wurden nicht müde, sich nach den Merkwürdigkeiten Aegyptens zu erkundigen.

»O wie gern möcht' ich Deine Heimath besuchen!« rief Atossa. »Euer Aegypten muß ganz, ganz anders sein, als Persien und Alles, was ich bisher gesehen habe. Die fruchtbaren Ufer des ungeheuren Stromes, der noch größer ist als unser Euphrat, die Götterhäuser mit den vielen bunten Säulen, die künstlichen Berge der Pyramiden, in denen uralte Könige begraben liegen, das Alles muß einen köstlichen Anblick gewähren! Am schönsten aber denke ich mir eure Gastmähler, bei denen Männer und Frauen mit einander verkehren, wie sie wollen. Wir Perserinnen dürfen auch am Neujahrs- und am Geburtstagsfeste des Königs in Gesellschaft der Männer schmausen, aber das Reden ist uns dann verboten, ja es wäre sogar unschicklich, wenn wir die Augen aufschlagen wollten. Wie anders ist es bei euch! Beim Mithra, Mutter, ich möchte eine Aegypterin werden, denn wir Armen sind ja nichts als elende Sklavinnen, und ich fühle doch, daß auch ich ein Kind des großen Cyrus und nicht schlechter bin wie ein Mann. Rede ich nicht die Wahrheit, kann ich nicht befehlen und gehorchen, sehne ich mich nicht nach Ruhm, könnt' ich nicht reiten, den Bogen spannen, fechten und schwimmen lernen, wenn man mich nur üben und kräftigen wollte?«

Das Mädchen war mit flammenden Augen von ihrem Sitze aufgesprungen und schwang ihre Spindel, ohne zu beachten, daß der Flachs sich verwirrte und der Faden riß.

»Bedenke, was sich ziemt,« mahnte Kassandane. »Das Weib soll sich in Demuth ihrem stilleren Geschicke unterwerfen und nicht nach den Thaten des Mannes streben.«

»Aber es gibt doch Weiber, welche gleich den Männern leben,« rief Atossa. »Am Thermodon in Themiscyra und am Irisstrom zu Komana wohnen jene Amazonen, die große Kriege geführt haben und noch heut im Waffenschmucke der Männer einhergehen.«

»Von wem weißt Du das?«

»Meine Wärterin, die alte Stephanion ans Sinope, welche der Vater als Kriegsgefangene nach Pasargadae brachte, hat es mir erzählt.«

»Ich aber kann Dich eines Bessern belehren,« sagte Nitetis. – »Zu Themiscyra und Komana finden sich freilich eine Menge von Weibern, welche sich wie streitbare Männer rüsten; diese alle sind aber nichts als Priesterinnen, welche sich wie die kriegerische Göttin, der sie dienen, zu kleiden pflegen, um den Betern in ihrer eigenen Gestalt das Bild der Gottheit zu zeigen. Krösus sagt, es habe niemals ein Amazonenheer gegeben; die Griechen aber, welche aus allen Dingen schnell eine schöne Sage zu formen wüßten, hätten auch, nachdem diese Priesterinnen ihnen begegnet wären, aus den bewaffneten Jungfrauen jener Göttin ein Volk von streitbaren Weibern gemacht(Anm. 33) Nach Duncker, Gesch. d. Altertums S. 231 bis 238. Die Amazonen gehören erwiesenermaßen ganz in das Reich der Mythe. Es ist merkwürdig, daß auch die Chinesen eine Amazonensage gebildet haben. Das ethnographische Museum zu Jena, dessen Direktor ich war, besitzt ein sehr interessantes, einen Amazonenkrieg darstellendes chinesisches Bild.

»Aber dann sind sie ja Lügner!« rief das enttäuschte Kind.

»Freilich,« erwiederte Nitetis, »ist den Hellenen die Wahrheit nicht so heilig, als euch; solche Mähren zu erfinden und staunenden Hörern in schönen, nach fein ersonnenen Maßen geordneten Worten vorzusingen, nennen sie aber nicht ›Lügen‹, sondern ›Dichten‹.«

»Gerade wie bei uns,« sagte Kassandane. »Haben doch die Sänger, welche den Ruhm meines Gatten preisen, die Jugendgeschichte des Cyrus ganz wunderbar verkehrt und ausgeschmückt, ohne doch Lügner genannt zu werden. Aber sage mir, meine Tochter, ist es wahr, daß diese Hellenen schöner sind als die anderen Menschen, und alle Künste besser verstehen, als selbst die Aegypter?«

»Darüber wage ich nicht zu urtheilen. Unsere Kunstwerke sind so verschieden von denen der Hellenen! Wenn ich in unsere ungeheuren Tempel ging, um zu beten, so war es mir immer, als müsse ich mich vor der Größe der Götter in den Staub werfen und sie bitten, mich kleinen Wurm nicht zu zerschmettern; auf den Stufen des Hera-Heiligthums zu Samos aber mußte ich meine Hände erheben und den Göttern fröhlich danken, daß sie die Erde so schön bereitet haben. In Aegypten dacht' ich immer, wie man mich gelehrt hatte: ›Das Leben ist Schlaf, in der Todesstunde werden wir erst zum rechten Dasein im Reiche des Osiris erwachen,‹ in Griechenland meinte ich: ›Zum Leben bin ich geboren und zum Genusse dieser Welt, die mich so heiter und schön umblüht und umglänzt.‹«

»Ach erzähle uns mehr von Griechenland,« rief Atossa; »aber erst soll Nebenchari die Augen der Mutter von neuem verbinden.«

Der Augenarzt, ein großer ernster Mann im weißen ägyptischen Priestergewande, ging an sein Geschäft und zog sich nach Beendigung desselben und nachdem ihn Nitetis herzlich begrüßt hatte, schweigend in den Hintergrund zurück. Ein Eunuch trat in das Zimmer und fragte an, ob Krösus der Mutter des Königs seine Ehrfurcht bezeugen dürfe.

Bald darauf erschien der Greis und ward als alter, bewährter Freund des persischen Königshauses mit aufrichtiger Herzlichkeit empfangen. Die ungestüme Atossa fiel dem lange Vermißten um den Hals, die Königin streckte ihm ihre Hand entgegen, und Nitetis begrüßte ihn wie einen geliebten Vater.

»Ich danke den Göttern, daß sie mir euch wiederzusehen gestatten,« rief der rüstige Greis. »In meinem Alter muß man jedes neue Jahr als ein unverdientes Göttergeschenk hinnehmen, während die Jugend das Leben, als etwas von selbst Verständliches, als ein ihr von Rechtswegen zukommendes Eigenthum betrachtet.«

»Wie beneide ich Dich um Deinen frohen Lebensmuth!« seufzte Kassandane. »Ich bin jünger wie Du; aber jeder neue Tag, dessen Ausgang zu sehen mir die Götter versagen, kommt mir vor wie eine neue Strafe der Unsterblichen.«

»Höre ich die Gattin des großen Cyrus reden?« fragte Krösus. »Seit wann ist der Muth und die Zuversicht aus dem starken Herzen Kassandane's gewichen? Du wirst wieder sehend werden, sage ich Dir, und, wie ich, den Göttern für Dein schönes hohes Alter danken. Wer recht krank gewesen ist, der weiß das Glück der Gesundheit hundertfach zu schätzen, wer blind war und das Augenlicht wieder gewinnt, der muß ein ganz besonderer Freund der ewigen Götter sein. Male Dir nur die Wonne des Augenblicks, in welchem Du nach langen Jahren zum Erstenmale das Glanzlicht der Sonne, die Häupter Deiner Lieben und die Schönheit des Geschaffenen wiedersehen wirst, recht deutlich aus, und gestehe mir, daß die Herrlichkeit dieser Stunde ein ganzes Leben der Nacht und Blindheit aufwiegen kann(Anm. 34) In diesen Worten kann kein Anachronismus gefunden werden. Man denke nur an die schöne Stelle des Aristoteles in Cicero's De natura deorum, welche ganz ähnliche Empfindungen ausspricht.. Wenn Du geheilt sein wirst, dann beginnt für Dich, im Greisenalter, ein neues, junges Leben, und ich höre Dich schon meinem Freunde Solon beistimmen.«

»Was sagte dieser?« fragte Atossa.

»Er wünschte, Memnermos von Kolophon(Anm. 35) Memnermos, Fragm. ed. Bergk. Solon, Fragm. ebendaselbst 20., welcher gesungen hatte, ein schönes Leben müsse mit dem sechzigsten Jahre enden, möge seine Verse verbessern und aus der Sechzig eine Achtzig machen.«

»O nein,« rief Kassandane, »ein so langes Dasein würde mir, selbst wenn Mithra das Licht meiner Augen erneuern wollte, furchtbar scheinen. Ohne meinen Gatten komm' ich mir vor wie ein Wanderer, der sonder Ziel und Führer die Wüste durchirrt.«

»Vergißt Du denn ganz Deine Kinder und dieses Reich, welches Du entstehen und wachsen sahst?«

»O nein! Aber die Kinder bedürfen meiner nicht mehr, und der Beherrscher dieses Reiches ist nicht gewillt, auf den Rath eines Weibes zu hören.«

Jetzt ergriff Atossa die rechte, Nitetis die linke Hand der Greisin, und die Aegypterin rief: »Um Deiner Tochter, um unseres Glückes willen mußt Du Dir ein langes Leben wünschen. Was wären wir ohne Deinen Schutz und Deine Hülfe?«

Kassandane lächelte und murmelte kaum hörbar: »Ihr habt Recht, meine Kinder, ihr werdet der Mutter bedürfen.«

»An diesen Worten erkenn' ich die Gattin des Cyrus,« rief Krösus, das Gewand der Blinden küssend. »Ich sage Dir, Kassandane, daß man Deiner bedürfen wird, wer weiß wie bald! Kambyses ist ein harter Stahl, der Funken weckt, wohin er schlägt. Deine Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß diese Funken keine Feuersbrunst im Kreise Derjenigen, welche Deinem Herzen die Liebsten sind, entzünden. Du bist die Einzige, welche den Aufwallungen des Königs eine Mahnung entgegensetzen darf; Dich allein betrachtet er als ebenbürtig seiner Majestät. Er verachtet das Urtheil aller Menschen; aber der Tadel seiner Mutter thut ihm weh. – So ist es denn Deine Pflicht, als Vermittlerin zwischen dem Könige, dem Reiche und den Deinen auszuharren und dafür zu sorgen, daß der Stolz Deines Sohnes nicht, statt von Deinem Tadel, von der Strafe der Götter gedemüthigt werde.«

»O, wenn ich solches bewirken könnte!« antwortete die Blinde. »Doch wie selten beachtet mein stolzer Sohn den Rath seiner Mutter!«

»Aber er wird wenigstens hören müssen, was Du ihm räthst,« gab Krösus zurück; »und damit ist schon viel gewonnen, denn wenn er auch Deine Lehren nicht befolgt, so werden sie dennoch als Götterstimmen in seinem Busen fortklingen und ihn von manchem Frevel zurückhalten. Ich will Dein Verbündeter bleiben, denn auch ich, der von seinem sterbenden Vater bestellt ward, um ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen, wage manchmal, mit einem kühnen Worte seinen Ausschreitungen entgegen zu treten. Wir Beide sind die einzigen Menschen an diesem ganzen Hofe, deren Tadel er scheut. Seien wir muthig und verwalten wir treulich unser Mahneramt; Du aus Liebe zu Persien und Deinem Kinde, ich aus Dankbarkeit gegen den großen Mann, der mir einst Leben und Freiheit schenkte. Ich weiß, daß Du es beklagst, Kambyses nicht anders erzogen zu haben; die Nachreue aber muß man fliehen wie schädliches Gift. ›Bessermachen‹, nicht ›Reue‹ ist das Heilmittel für die Fehler der Weisen; denn die Reue verzehrt das Herz, das Bessermachen aber füllt es mit edlem Stolz und zwingt es zu volleren Schlägen.«

»Bei uns in Aegypten,« sagte Nitetis, »zählt man die Reue sogar zu den zweiundvierzig Todsünden. ›Du darfst Dein Herz nicht verzehren‹, also lautet eins unserer hohen Gebote(Anm. 36) Im 125. Kapitel des sogenannten Todtenbuches tritt uns die Darstellung der Seele, deren Herz gewogen und gerichtet wird, entgegen. Die Rede, welche sie hält, wird die negative Rechtfertigung genannt. In ihr versichert sie vor den 42 Todtenrichtern, die 42 Todsünden, welche sie aufzählt, nicht begangen zu haben. Diese Rechtfertigung ist darum doppelt interessant, weil sich in ihr fast das ganze mosaische Sittengesetz wiederfindet, welches letztere, ganz absehend von nationalen Eigentümlichkeiten und Anschauungen, die allgemein menschliche Quintessenz der Moral zu sein scheint, die sich schon in unserer negativen Rechtfertigung paragraphirt findet. Todtenbuch ed. Lepsius 125. Der Text gereinigt von Pleyte. Wir können hier keine philosophischen Erörterungen geben; für uns spricht aber des Pythagoras (der so viel aus Aegypten entlehnte) Gebot gleichen Inhalts, das beinahe die nämliche Form trägt wie das ägyptische.

»Mit diesen Worten,« sprach der Greis, »erinnerst Du mich, daß ich es übernommen habe, Deine Zeit für den Unterricht in den persischen Gebräuchen, der Religion und Sprache dieses Landes einzuteilen. Ich hätte mich gern nach Barene, der Stadt, welche Cyrus mir zum Geschenke machte, zurückgezogen, um dort in dem stillsten und lieblichsten aller Gebirgsthäler auszuruhen; um Deinet- und des Königs willen bleib' ich aber hier und werde fortfahren, Dich in der persischen Sprache zu unterrichten. Kassandane selbst wird Dich in die Sitten der Frauen dieses Hofes einweihen, Oropastes, der Oberpriester, soll Dich, nach dem Befehle des Königs, mit der iranischen Götterlehre bekannt machen. Er soll Dein geistlicher, ich werde Dein weltlicher Vormund sein(Anm. 37) Von der Zeit an, wo das Kind der Parsen den Gürtel »Kosti« trägt, muß es sich einen Schutzpatron unter den Yazatas und einen geistlichen Rathgeber unter den Destûrs (Priestern) aussuchen. Wie Vater und Mutter die leiblichen Eltern des Kindes sind, so ist dieser geistliche Rathgeber der geistige Vater. Spiegel, Avesta II. Einl. XXII.

Nitetis, welche bis dahin freudig gelächelt hatte, schlug jetzt die Augen nieder und fragte mit gedämpfter Stimme: »Soll ich den Göttern meiner Heimat, zu denen ich bis heute gebetet habe, und die mich niemals unerhört ließen, untreu werden? Kann ich, darf ich ihrer vergessen?«

»Du kannst, darfst und mußt,« sagte Kassandane mit fester Stimme, »denn die Frau soll keine andern Freunde haben, als der Mann. Die Götter sind aber die mächtigsten, treuesten und ersten Freunde des Mannes, darum ist es Deine Pflicht als Frau, sie zu ehren und, wie Du fremden Bewerbern Dein Haus verbietest, Dein Herz vor den Göttern und dem Aberglauben Deiner früheren Heimath zu verschließen.«

»Und dann,« sagte Krösus, »will man Dich ja nicht der Gottheit berauben; man gibt sie Dir nur unter einem andern Namen. Denn wie die Wahrheit sich ewig gleich bleibt, ob Du sie wie die Aegypter › maa‹ oder wie die Hellenen ›Aletheia‹ nennen magst, so verändert sich doch das Wesen der Gottheit nie und nirgends. – Sieh', meine Tochter, ich selber habe, als ich noch König war, in aufrichtiger Verehrung dem hellenischen Apollo geopfert, und glaubte mit dieser That der Frömmigkeit den lydischen Sonnengott Sandon nicht zu beleidigen; die Ionier beten andächtig zu der asiatischen Cybele, und jetzt, nachdem ich ein Perser geworden, erhebe ich meine Hände zum Mithra, Auramazda und der holden Anahita(Anm. 38) Anahita oder Ardi-çûra hieß die Göttin der Quellen, welche auch, und zwar nicht mit Unrecht, mit der griechischen Aphrodite verglichen worden ist. Aus der Quelle Anahita flossen alle Wasser, und sie hatte unbedingte Reinigungskraft. Vendidad VII. 37–40. Die Vermuthung, welche unser holländischer Uebersetzer ausspricht, Anahita sei eine ursprünglich semitische Gottheit, die mit dem weiblichen persischen Wassergenius zusammengeschmolzen worden sei, hat Vieles für sich und ist auch von uns an einer andern Stelle ausgesprochen worden. Ihre Verehrung ist in der That erst unter Artaxerxes Mnemon nachweisbar Für die erstere Ansicht tritt am lebhaftesten ein der berühmte Förderer orientalischer Münzkunde Stickel: De Dianae pers. monum. gr., für die zweite Windischmann: Die persische Anâhita. Nach der späteren Tradition vertraute ihr Zoroaster den Samen an, aus welchem seine nachgeborenen Söhne vor dem jüngsten Gerichte erwachsen sollten. Anquetil, Zend-Avesta II p. 43.. Pythagoras, dessen Lehren auch Dir nicht fremd sind, betet nur zu einer Gottheit. Er nennt sie Apollo, weil ihr, wie dem hellenischen Sonnengotte, das reine Licht und die Harmonieen, welche ihm das Höchste sind, entströmen. Xenophanes von Kolophon(Anm. 39) Ein berühmter Freigeist, welcher, kühn und selbstständig denkend, wegen seiner Spöttereien auf die homerische Götterwelt viel Tadel und Verfolgung dulden mußte. Er blühte schon zur Zeit unserer Erzählung, wurde aber so alt, daß er noch bis tief in's fünfte Jahrhundert hinein lebte. Er soll auch in Aegypten gewesen sein. Seine Fragmente haben wir schon oben angeführt. Er legte seine Spekulationen noch in Versen nieder. endlich spottet der vielgestaltigen Götter des Homer und setzt eine einzige Gottheit auf den Thron: Die rastlos zeugende Naturkraft, deren Wesen der Gedanke, die Vernunft und die Ewigkeit ist. Aus ihr ist Alles entstanden, sie ist die Kraft, welche sich ewig gleich bleibt, während sich der Stoff des Geschaffenen in stetem Wechsel ergänzt und erneut. Das heiße Sehnen nach einem höheren Wesen über uns, auf welches wir uns stützen können, wenn unsere eigenen Kräfte nicht ausreichen, den wunderbaren Trieb in unserer Brust, einen verschwiegenen Vertrauten für alle Leiden und Wonnen unseres Herzens zu haben, die Dankbarkeit, welche wir beim Anblicke dieser schönen Welt und der Glücksgüter, welche uns so reichlich zu Theil werden, empfinden, nennen wir Frömmigkeit. Erhalte Dir dieses Gefühl, aber bedenke wohl, daß nicht die ägyptischen, nicht die griechischen und nicht die persischen Götter abgesondert von einander die Welt. regieren, sondern daß sie alle Eins sind und eine untheilbare Gottheit, so verschieden man sie auch nennen und darstellen mag, die Geschicke aller Völker und Menschen leitet(Anm. 40) Wer die ungefähr derselben Zeit entstammenden Aussprüche des Xenophanes kennt, der wird diese Rede kaum anachronistisch finden können.

Die Perserinnen hörten dem Greise staunend zu. Ihre ungeübte Fassungskraft vermochte nicht dem Gedankengange des Krösus zu folgen; Nitetis aber hatte ihn wohl verstanden und rief: »Ladice, meine Mutter, die Schülerin des Pythagoras, hat mich Aehnliches gelehrt; die ägyptischen Priester aber nennen diese Ansichten frevelhaft und ihre Erfinder Götterverächter. Darum hab' ich mich bestrebt, solche Gedanken in meinem Herzen zu unterdrücken. Jetzt will ich mich nicht länger dagegen sträuben. Was der fromme und weise Krösus glaubt, kann ja nichts Gottloses sein! Oropastes mag kommen! Ich bin bereit, seine Lehren zu hören und mir unsern Ammon, den Gott von Theben, in Auramazda, Isis oder Hathor in Anahita zu übersetzen. Andächtig werde ich aufblicken zu der Gottheit, die die ganze Welt umfaßt, die es auch hier grünen und blühen läßt und die Erquickung und Trost auch in die Herzen der Perser senkt, die sich betend an sie wenden.«

Krösus lächelte. Er hatte geglaubt, Nitetis würde schwerer von den Göttern ihrer Heimath lassen, denn er kannte den unbeugsam am Hergebrachten und Anerzogenen hängenden Sinn der Aegypter; aber er hatte vergessen, daß die Mutter dieser Jungfrau eine Hellenin und daß die Lehre des Pythagoras den Töchtern des Amasis nicht fremd geblieben war. Endlich kannte er nicht den heißen Herzenswunsch dieses Mädchens, das Wohlgefallen ihres stolzen Gebieters zu erringen. Amasis selbst würde, obgleich er den samischen Weisen hoch verehrte, obgleich er manchem hellenischen Einflusse nachgab und mit Recht ein freidenkender Aegypter genannt werden konnte, eher sein Leben mit dem Tode, als seine vielgestaltigen Götter mit dem Begriffe »Gottheit« vertauscht haben.

»Du bist eine gelehrige Schülerin,« sagte Krösus, seine Hand auf das Haupt seines Schützlings legend. »Zum Lohne dafür soll Dir gestattet sein, alle Morgen und Nachmittage, bis zum Sonnenuntergang, entweder Kassandane zu besuchen oder Atossa auf den hängenden Gärten zu empfangen.«

Diese Freudenbotschaft wurde mit hellem Jubel von der jungen Perserin, mit einem dankbaren Blicke von der Ägypterin beantwortet.

»Endlich,« fuhr Krösus fort, »habe ich euch Bälle und Reifenspiele aus Sais mitgebracht, damit ihr euch nach ägyptischer Weise ergötzen könnt.«

»Bälle?« fragte Atossa erstaunt. »Was sollen wir mit den schweren hölzernen Kugeln(Anm. 41) In Persien gilt das Ballspiel heute noch für ein Männervergnügen. Ein Spieler treibt dem andern, wie bei unserem Sauball, dem englischen Cricket und holländischen Kastiespiel, hölzerne Kugeln zu. Chardin. (Voyage en Perse III. S. 226) sah das Spiel von 300 Theilnehmern spielen. Viel Hierhergehöriges bei Hyde, De ludis orientalium. machen?«

»Sei unbesorgt,« lachte Krösus. »Die Bälle, welche wir meinen, sind gar fein und zierlich aus einer aufgeblasenen Fischhaut oder aus Leder verfertigt. Ein zweijähriges Kind kann sie werfen, während ihr schon Mühe haben würdet, eine jener Holzkugeln, mit denen die persischen Knaben und Jünglinge spielen, aufzuheben. Bist Du mit mir zufrieden, Nitetis?«

»Wie soll ich Dir danken, mein Vater?«

»Höre nur nochmals die Einteilung Deiner Tage: Am Morgen wird Kassandane besucht, mit Atossa geplaudert und auf die Lehren der hohen Mutter gelauscht.«

Die Blinde nickte zustimmend mit dem Haupte.

»Gegen Mittag komm' ich zu Dir und unterrichte Dich, so manchmal von Ägypten und den Deinen redend, – Du hast doch nichts dagegen? – im Persischen.«

Nitetis lächelte.

»Einen Tag um den andern wird Dir Oropastes aufwarten, um Dich in die Religion der Perser einzuweihen.«

»Ich werde mir alle Mühe geben, ihn schnell zu verstehen.«

»Nachmittags wirst Du mit Atossa zusammen sein, so lange Du willst. Bist Du damit zufrieden?«

»O Krösus!« rief das Mädchen und küßte die Hand des Greises.

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