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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Nitetis, welche als Aegypterin an die größesten Bauten gewohnt war, staunte dennoch über die riesenhafte Ausdehnung und die Großartigkeit dieser ungeheuren Stadt.

Die Mauern derselben erschienen durchaus uneinnehmbar, denn ihre Höhe maß fünfzig Ellen und ihre Breite war so groß, daß sich zwei Wagen bequemlich darauf ausweichen konnten. Zweihundert und fünfzig hohe Thürme krönten und befestigten diese ungeheure Schutzwehr, ja man hätte eine noch größere Anzahl solcher Citadellen bedurft, wenn Babylon nicht auf einer Seite von undurchdringlichen Sümpfen beschützt worden wäre. Die Riesenstadt erhob sich auf beiden Seiten des Euphrat. Ihr Umfang betrug mehr als neun Meilen, und die sie umgürtende Mauer beschirmte Bauwerke, deren Größe selbst die Pyramiden und die Tempel von Theben und Memphis überbot(Anm. 14) Diese Angaben sind theils dem Herodot, theils dem Diodor, Strabo und Arrian entlehnt. Die Trümmer dieser Riesenstadt sind heute noch, nach Layard l. l., Gosse, Assyria, Ritter, Erdkunde XI. S. 900 u. v. A., derartig, daß man aus ihnen auf die einstige ungeheure Ausdehnung derselben schließen kann. Aristot. polit. III. 1 sagt, Babylon habe nicht die Größe einer Stadt, sondern eines Volkes..

Das Thor, durch welches der königliche Zug in die Stadt gelangte, hatte vor den hohen Ankömmlingen seine fünfzig Ellen hohen ehernen Flügel weit geöffnet. Diesen Eingang beschirmte von jeder Seite ein Festungsthurm, vor je welchem sich als Wächter ein gigantischer geflügelter Stier von Stein mit ernstem, bärtigem Menschenkopfe erhob(Anm. 15) J. Bonomi, Niniveh and its Palaces, Fig. 33, und Layard auf vielen Bildern. Originale und Abgüsse von Erzeugnissen der alten assyrischen Kunst im British Museum zu London, im Louvre zu Paris und (namentlich Abgüsse) im neuen Museum zu Berlin. Die assyrischen Sphinxe hatten wohl die Aufgabe, die Allgewalt der Gottheit zu versinnbildlichen, denn sie vereinen in sich die größte Kraft im Leibe des Stiers, die höchste Einsicht im Menschenhaupte und die größte Schnelligkeit in den Flügeln des Adlers.. Staunend blickte Nitetis auf diese Riesenpforte, freudig bewegt in die lange, breite Straße der großen Stadt, welche ihr zu Ehren im schönsten Festgewande prangte.

Sobald sich der König und der goldene Wagen zeigte, brach die zusammengelaufene Menge in lauten Jubel aus; dieser steigerte sich aber zu einem unaufhörlichen, donnernden und kreischenden Freudengeschrei, als man den heimkehrenden Bartja, den Liebling des Volkes, erblickte. Die Menge hatte auch Kambyses lange nicht gesehen, denn der König zeigte sich nach medischer Sitte nur selten in der Oeffentlichkeit. Unsichtbar wie die Gottheit sollte er regieren und sein Erscheinen unter dem Volke gleich einer Festfreude erwartet werden. So hatte sich denn auch heute ganz Babylon aufgemacht, um den gefürchteten Herrscher und den geliebten Heimkehrenden zu sehen und zu begrüßen. Alle Fenster waren von neugierigen Frauen besetzt, welche den Heranziehenden Blumen vor die Füße warfen und wohlriechende Essenzen auf sie hernieder gossen. Das ganze Pflaster war mit Myrthen und Palmenzweigen bestreut, grüne Bäume aller Arten standen vor den Thüren, Teppiche und Tücher hingen aus den Fenstern, Blumengewinde zogen sich von Haus zu Haus, Weihrauch und Sandeldüfte durchwehten die Luft, und in dichtem Gedränge standen zu beiden Seiten des Weges Tausende von gaffenden Babyloniern in weißen leinenen Hemden, bunten wollenen Röcken und kurzen Mäntelchen, lange Stäbe mit goldenen und silbernen Granatäpfeln, Vögeln oder Rosen in der Hand haltend(Anm. 16) Herod. I. 195. Im Propheten Ezechiel 23, 15. Diese Tracht stimmt auch schön mit den Bildern der Assyrer, welche sich unter den Darstellungen von fremden Nationen auf den ägyptischen Denkmälern finden. Abgebildet bei Rosellini in Farbendruck, Mon. stor. dell'Egitto II. Taf. 157 u. 158, ebenso in Lepsius' Denkmälern. Bei der berühmten Aufzählung der Züge Thutmes III. zu Karnak wird von Assuri und Bebel, vielleicht Assyrien und Babylon, gesprochen. Da heißt es: »Im Jahre 40 waren die Tribute des Königs von Assuri (Assyrien?) ein großer Stein Lapis lazuli, wiegend 20 Minen und 9 Aß, schönes Lapis lazuli von Bebel (Babylon?), Vasenaufsätze von Assuri &c.« Zuletzt wurde das »statistische Denkmal von Karnak« veröffentlicht von Mariette Bey und behandelt von Brugsch und A. Wiedemann.).

Sämmtliche Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, waren breit und gerade; die von Backsteinen erbauten Häuser stattlich und hoch(Anm. 17) Herod. I. 180.. Sie alle überragte, überall sichtbar, der Riesentempel des Gottes Bel mit seiner ungeheuren Treppe, die sich außerhalb des runden, thurmartigen Baues, welcher aus Stockwerken bestand, von denen das höher gelegene immer kleiner war als dasjenige, auf dem es ruhte, in acht weit gedehnten Kreisen, gleich einer ungeheuren Schlange, bis an die Spitze, die das eigentliche Heiligthum trug, hinauf wand(Anm. 18) Dieser Tempel des Bel, den Manche für den »Thurm von Babel«, 1. Buch Mose's 11, halten wollen, wird von Herodot I. 181. 182. 183, Diodor II. 8 und 9 (Ktesias), Strabo 738 u. v. a. alten Berichterstattern erwähnt. Die Trümmer desselben werden von den heutigen Bewohnern jener Gegend Birs Nimrud, Burg des Nimrod, genannt. Im Texte geben wir das ungefähre Bild des Baues, wie wir ihn uns nach den Stellen in den Klassikern, die seiner erwähnen, rekonstruirt haben. Die Höhe des ersten Stockwerks, welches heute noch, von Trümmern umgeben, dasteht, beträgt 260 Fuß. Die Mauern, welche den Tempel umgaben, sollen sich noch recht gut erkennen lassen und 4000' lang und 3000' breit gewesen sein. Ritter, Erdkunde XI. 877 fgd. Layard S. 494–499. Rich. collected memoirs. First memoir p. 37. Zur Zeit unserer Erzählung muß dieser Riesenbau in vollem Glanze dagestanden haben, weil wir wissen, daß Nebukadnezar ihn köstlich ausbauen ließ. Diese Angabe des Josephus Antiq. X. 11, 1 wird durch eine Keilinschrift, welche Rawlinson übersetzte, bestätigt. Journal of the roy. As. society XII. 2. p. 476. Die Basis des Belustempels scheint jedenfalls viereckig gewesen zu sein..

Jetzt näherte sich der Zug der Burg des Königs(Anm. 19) Auch diese Burg soll von Nebukadnezar erbaut worden sein; wenigstens tragen die Ziegel derselben, welche in den Trümmern bei Hillah gefunden worden sind, den in Keilinschrift geschriebenen Namen dieses großen Königs. Auch viele Bruchstücke von glasirten Reliefs werden heute noch dort gefunden., deren Größenverhältnisse der Ungeheuerlichkeit der ganzen Anlage der Stadt entsprachen. Die Mauern, die den Palast umzogen, waren mit bunt glasirten Bildwerken überdeckt, welche seltsame Mischgestalten von Menschen, Vögeln, Säugethieren und Fischen, Jagden, Kriegsscenen und feierliche Aufzüge darstellten. Gegen Norden, dem Strome entlang, erhoben sich die hängenden Gärten(Anm. 20) Siehe I. Theil Anmerkung 154 [159]. Ein Trümmerhaufe, heute el Kasr, d. h. der Palast, genannt, erstreckt sich 2400' lang und 1800' breit am Ufer des Euphrat. »Auf der Nordseite dieses künstlichen Hügels von einem der höchsten Punkte sieht heute eine einsame Tamariske, ein sehr alter und starker Baum, auf den Fluß hinab; die Araber erzählen, es sei der einzige Baum, der von den hängenden Gärten der Semiramis übrig geblieben.« Duncker, Geschichte des Alterthums I. S. 572. Diodor II. 10 sagt, die hängenden Gärten hätten den Stufen eines Theaters geglichen. Layard fand auf einer Tafel Basreliefs mit der Darstellung eines auf Säulen schwebenden Gartens. Niniv. and Babyl. S. 233. Taf. XI. B. der Zenker'schen Uebersetzung.; nach Osten hin lag auf dem anderen Ufer des Euphrat die zweite kleinere Königsburg, welche mit der ersteren durch den Wunderbau einer festen Steinbrücke verbunden war.

Der Zug bewegte sich durch die ehernen Thore der drei den Palast umgebenden Mauern. Die Pferde der Nitetis standen still, Schemelträger halfen ihr aus dem Wagen. Sie befand sich in ihrer neuen Heimath und bald darauf in den ihr zur einstweiligen Wohnung angewiesenen Räumen des Weiberhauses.

Kambyses, Bartja und die uns bekannten Freunde standen noch, von hundert glänzenden Würdenträgern umgeben, in dem mit bunten Teppichen belegten Schloßhofe, als man laute Weiberstimmen vernahm und eine wunderschöne junge Perserin, in kostbaren Kleidern, reiche Perlenschnüre in den vollen blonden Haaren tragend, von mehreren älteren Frauen verfolgt, in den Hof und den Männern entgegen stürzte.

Kambyses stellte sich der Ungestümen lächelnd in den Weg; das Mädchen aber schlüpfte mit einer geschickten Wendung an ihm vorbei und hing einen Augenblick später, bald lachend, bald weinend an Bartja's Halse.

Die verfolgenden Frauen warfen sich in ehrerbietiger Entfernung auf die Erde nieder; Kambyses aber rief, als das Mädchen den Heimgekehrten mit immer neuen Liebkosungen überhäufte: »Schäme Dich, Atossa! Bedenke, daß Du, seitdem Du die Ohrringe trägst(Anm. 21) Man gab den Perserinnen die Ohrringe, wenn sie in ihrem fünfzehnten Jahre mannbar wurden. Vendid. Fargard. XIV. 66. Uebrigens mußten sich Mädchen wie Knaben im fünfzehnten Jahre mit der heiligen Schnur, kuçti oder kosti, umgürten. Nur in der Nacht durfte sie abgebunden werden. Die Verfertigung derselben ist noch bei den heutigen Persern mit vielen Förmlichkeiten verbunden. Sie soll aus 72 Fäden bestehen. Schwarze Wolle darf nicht dazu genommen werden. Spiegel, Avesta II. Einleitung XXIII., aufgehört hast, ein Kind zu sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Du Freude über die Heimkehr Deines Bruders empfindest, aber selbst in der Freude darf eine königliche Jungfrau der Schicklichkeit nicht vergessen. Mach', daß Du zu der Mutter zurückkommst! Dort drüben seh' ich Deine Wärterinnen. Geh' und sage ihnen, ich wolle Dich an diesem Freudentage straflos lassen! Drängst Du Dich zum Zweitenmale in diese, jedem Unberufenen verschlossenen Räume, so lass' ich Dich von Boges zwölf Tage lang einsperren. Merke Dir das, Du Wildfang, und sage der Mutter, ich würde sie gleich mit Bartja besuchen. Gib mir einen Kuß! Du willst nicht? Warte, Trotzkopf!«

Bei diesen Worten sprang der König auf das Mädchen zu, hielt ihre Hände mit seiner Linken so fest zusammen, daß sie laut aufschrie, bog mit der Rechten das reizende Köpfchen zurück und küßte die widerstrebende Schwester, welche nun weinend ihren Wärterinnen entgegen und in ihre Wohnung zurücklief.

Als Atossa verschwuren war, sagte Bartja: »Du hast die arme Kleine zu hart angefaßt, Kambyses; sie schrie vor Schmerz!«

Des Königs Angesicht verfinsterte sich; er hielt aber die barsche Antwort, welche auf seinen Lippen schwebte, zurück und sagte, sich dem Hause zuwendend: »Komm jetzt zur Mutter; sie hat mich gebeten, Dich zu ihr zu führen, sobald Du anlangen solltest. Die Weiber können Dich wie gewöhnlich nicht erwarten! Nitetis sagte mir, Du habest auch die Aegypterinnen mit Deinen blenden Locken und rosigen Wangen bezaubert. Bete bei Zeiten zu Mithra, daß er Dir ewige Jugend verleihe und Dich vor den Runzeln des Alters bewahre!«

»Willst Du mit diesen Worten sagen,« fragte Bartja, »daß ich keine Tugend besäße, welche auch dem Alter zur Zierde gereicht?«

»Ich erkläre niemanden meine Worte. Komm!«

»Ich aber werde Dich um eine Gelegenheit bitten, Dir zu beweisen, daß ich keinem Perser an männlichen Tugenden nachstehe.«

»Das Jubelgeschrei der Babylonier konnte Dir sagen, daß Du nicht der Thaten bedarfst, um Anerkennung zu finden.«

»Kambyses!«

»Komm jetzt! Der Krieg mit den Massageten steht vor der Thür. Da wirst Du Gelegenheit haben, zu zeigen, was Du kannst und bist!«

Wenige Minuten später lag Bartja in den Armen seiner blinden Mutter, welche klopfenden Herzens dem sehnsüchtig erwarteten Lieblinge entgegenharrte. Jetzt, da sie endlich seine Stimme vernahm und mit ihren Händen das theure Haupt befühlte, vergaß sie alles Andere und beachtete, indem sie sich des Heimgekehrten freute, selbst nicht ihren erstgeborenen Sohn, den allgewaltigen König, welcher bitter lächelnd zusah, wie sich ein voller Strom von Mutterliebe auf seinen jüngeren Bruder schrankenlos ergoß.

Von der ersten Kindheit des Kambyses an hatte man jeden seiner Wünsche erfüllt, jeder Wink seiner Augen war gleich einem Befehle gewesen; darum konnte er keinen Widerspruch ertragen und überließ sich seinem jäh aufbrausenden Zorne, wenn einer seiner Unterthanen, und er kannte keine andern Menschen als solche, sich ihm zu widersprechen erkühnte. Cyrus, sein Vater, der mächtige Eroberer der halben Welt, dessen großer Geist das kleine Volk der Perser auf den Gipfel irdischer Größe gehoben und es verstanden hatte, sich die Ehrfurcht zahlloser unterjochter Stämme zu erwerben, dieser Cyrus verstand es nicht, in dem kleinen Kreise seiner Familie jenes Erziehungswerk auszuüben, welches ihm großen Staaten gegenüber so wunderbar gelungen(Anm. 23 [22]) Dieselbe Bemerkung findet sich im Seneca de ira und im Plato legg. 691 und 695. war. – Er sah schon in dem Knaben Kambyses den zukünftigen König, befahl seinen Unterthanen, dem Kinde blindlings zu gehorchen, und vergaß, daß, wer befehlen will, zuerst das Dienen erlernen müsse.

Die Gattin seines Herzens und seiner Jugend, Kassandane, hatte ihm erst Kambyses, dann drei Töchter und endlich nach fünfzehn Jahren Bartja geschenkt. Der erstgeborne Sohn hatte sich längst den elterlichen Liebkosungen entzogen, als der jüngere Knabe zur Welt kam, um alle Sorgfalt und alle Pflege des zarten Kindesalters für sich allein in Anspruch zu nehmen. Der wunderholde, warmherzige, sich anschmiegende Nachkömmling ward der Augapfel beider Eltern; ihm schenkten sie die warme Gabe der Liebe, während sich Kambyses nur sorgsamer Rücksichten von Vater und Mutter zu erfreuen hatte. Der Erbe des Thrones zeichnete sich in manchem Kriege durch Muth und Tapferkeit aus; aber sein befehlshaberisches, stolzes Wesen erwarb ihm zitternde Knechte, während der leutselige, gemüthsvolle Bartja seine Genossen zu gleicher Zeit liebe Freunde nennen durfte. Das Volk endlich fürchtete Kambyses, und zitterte, wenn er nahte, trotz der reichen Geschenke, welche er verschwenderisch auszustreuen gewohnt war, während es den freundlichen Bartja liebte, in dem es das Ebenbild des verstorbenen Cyrus, des »Vaters seines Volkes«, erblickte.

Kambyses fühlte sehr wohl, daß er sich jene Liebe, welche man seinem Bruder von allen Seiten freiwillig zollte, nicht erkaufen könne. Er haßte Bartja nicht; aber es verdroß ihn, daß der Knabe, welcher sich durch keine Thaten bewährt hatte, von allen Persern gleich einem Helden und Wohltäter verehrt und geliebt wurde. Alles, was ihm nicht gefiel, hielt er für Unrecht, was er für Unrecht hielt, mußte er rügen, und sein Tadel war, seit seiner Kindheit, selbst den Größten furchtbar gewesen.

Die begeisterten Jubelrufe des Volkes, die überströmenden Liebesergüsse seiner Mutter und Schwester, besonders aber die warmen Lobpreisungen der Nitetis, welche dem Bartja gezollt worden waren, fachten heut in ihm eine Eifersucht an, die sein stolzes Herz bis dahin nicht gekannt hatte. Nitetis gefiel ihm ausnehmend wohl. Diese sich seiner Größe vollkommen unterwerfende und gleich ihm alles Geringe stolz verachtende Tochter eines mächtigen Königs, dieses Weib, welches, um seine Gunst zu gewinnen, sich ernstlicher Mühen bei der Erlernung der persischen Sprache unterzogen hatte, diese hohe Jungfrau, deren eigentümliche, halb ägyptische, halb griechische Schönheit (ihre Mutter war eine Hellenin gewesen) seine Bewunderung als etwas Neues, nie Gesehenes in Anspruch nahm, hatte nicht verfehlt, einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. Darum verstimmten ihn ihre dem Bartja freigebig gezollten Lobeserhebungen und machten sein Herz für die Eifersucht empfänglich.

Als er mit dem Bruder die Gemächer der Frauen verließ, faßte er einen raschen Entschluß und rief ihm, ehe sie sich trennten, zu: »Du hast mich um eine Gelegenheit gebeten, Deine Mannhaftigkeit zu bewähren. Ich will sie Dir nicht versagen! Die Tapuren sind aufgestanden; ich habe ein Heer an ihre Grenze geschickt. Begib Dich nach Rhagae, übernimm den Oberbefehl und zeige, was Du bist und kannst.«

»Ich danke Dir, mein Bruder,« rief Bartja; »darf ich meine Freunde Darius, Gyges und Zopyrus mit mir nehmen?«

»Ich will Dir diese Gunst nicht versagen; haltet euch brav und zaudert nicht, damit ihr in drei Monaten wieder bei dem großen Heere seid, welches im Frühjahr zum Rachezuge gegen die Massageten aufbrechen soll.«

»Morgen reise ich.«

»Gehab' Dich wohl!«

»Willst Du mir eine Bitte gewähren, wenn Auramazda mein Leben erhält und ich siegreich heimkehre?«

»Ich will.«

»O, nun werde ich siegen und stände ich mit tausend Mann gegen zehntausend Tapuren!« Die Augen des Jünglings leuchteten. Er dachte an Sappho.

»Ich werde mich freuen, wenn Du Deine schönen Worte zu Thaten machst. Aber halt; ich habe Dir noch etwas zu sagen. Du bist zwanzig Jahre alt und mußt heirathen. Roxane, die Tochter des edlen Hydarnes, ist mannbar geworden. Sie soll schön sein und ist ihrer Herkunft nach Deiner würdig.«

»O, mein Bruder, sprich mir nicht von der Ehe, ich . . .«

»Du mußt ein Weib nehmen, denn ich bin kinderlos.«

»Doch Du bist jung und wirst nicht ohne Nachkommen bleiben; auch sage ich nicht, daß ich niemals heirathen will. Zürne mir nicht; aber gerade jetzt, wo ich meine Mannheit bewähren soll, mag ich nichts von den Weibern hören!«

»So mußt Du Roxane heimführen, wenn Du aus dem Norden zurückkehrst. Aber ich rathe Dir, die Schöne mit in's Feld zu nehmen. Der Perser pflegt besser zu kämpfen, wenn er neben seinen liebsten Schätzen ein schönes Weib in seinem Lager zu vertheidigen hat(Anm. 24 [23]) Herod. VII. 83. 177. Xenoph. Cyrop. VIII. 10.

»Verschone mich mit diesem Befehle, mein Bruder. Bei der Seele unseres Vaters beschwöre ich Dich, strafe mich nicht mit einem Weibe, das ich nicht kenne und nicht kennen mag. Gib Roxane dem Zopyrus, der die Frauen liebt, gib sie dem Darius oder Bessus, welche dem Hydarnes verwandt sind; ich würde unglücklich werden . . .«

Kambyses lachte und rief, seinen Bruder unterbrechend. »Das hört sich an, als hättest Du aufgehört ein Perser zu sein und wärest zum Aegypter geworden. Wahrlich, ich bereue schon lange, einen Knaben wie Dich in die Fremde geschickt zu haben! Ich bin nicht gewohnt, mir widersprechen zu lassen, und nehme nach dem Kriege keine Entschuldigung an. Jetzt magst Du meinetwegen unbeweibt in's Feld ziehen, denn ich will Dir nichts aufdrängen, was, wie Du meinst, Deine Mannhaftigkeit gefährden könnte. Uebrigens scheint es mir, als hättest Du noch andere geheime Gründe, meinen brüderlichen Vorschlag abzulehnen. Das sollte mir um Deinetwillen Leid thun. Jetzt ziehe hin. Nach dem Kriege laß ich keinen Widerspruch gelten. Du kennst mich!«

»Vielleicht bitt' ich Dich selbst nach dem Kriege um das, was ich jetzt nicht von Dir annehmen möchte. So schlecht es ist, jemanden zu seinem Unglücke, so unweise ist es, einen Menschen zu seinem Glücke zwingen zu wollen. Ich danke Dir für Deine Nachgiebigkeit.«

»Erprobe sie nicht zu oft! – Wie glücklich Du aussiehst! Ich glaube gar, daß Du verliebt bist und um der Holden Deines Herzens willen die andern Weiber verachtest.«

Bartja erröthete bis zum Scheitel, ergriff die Hand seines Bruders und rief: »Forsche jetzt nicht weiter nach, nimm zum Zweitenmale meinen Dank und lebe wohl. Gestattest Du mir, nachdem ich von der Mutter und Atossa Abschied genommen habe, auch Nitetis Lebewohl zu sagen?«

Kambyses biß sich in die Lippen, sah Bartja durchdringend an und rief, als er eine gewisse Verlegenheit in den Zügen seines Bruders zu bemerken glaubte, kurz und drohend. »Eile Dich, daß Du zu den Tapuren kommst! Meine Gattin bedarf Deines Schutzes nicht mehr; sie hat jetzt andere Hüter!«

Bei diesen Worten kehrte er Bartja den Rücken und begab sich in die von Gold, Purpur und Edelsteinen strahlende Halle, wo Feldherren, Satrapen, Richter, Schatzmeister, Schreiber, Räthe, Eunuchen, Thürhüter, Fremden-Einführer, Kämmerer, Aus- und Ankleider, Schenken, Stallmeister, Jagdobersten, Leibärzte, Augen und Ohren des Königs(Anm. 25 [24]) Die »Augen und Ohren« des Königs sind etwa unseren Polizeiministern gleichzusetzen. Vielleicht hat Darius diesen Titel aus Aegypten entlehnt, auf dessen Denkmälern sich der Titel »Die 2 Augen des Königs von Oberägypten, die 2 Ohren des Königs von Unterägypten« schon früh findet, z. B. im Grabe des Amen em heb zu Abd el Qurnah. Uebrigens läßt der Knabe Cyrus, Herod. II. 114, einen seiner Spielgenossen οφθαλμὸν βασιλέως, das Auge des Königs sein. S. die Glosse bei Hesychius (ed. Schmidt) unter οφθαλμός. Herod. I. 100 läßt das Spionirsystem der Polizei bei den Medern schon unter Dejoces beginnen. Zu seiner Zeit war das Land erfüllt von Spähern und Horchern. Die andern Hofbeamten werden in verschiedenen alten Schriftstellern erwähnt und von Duncker, Geschichte des Alterthums II. S. 606 und 614, aufgezählt., und Botschafter aller Arten seiner warteten.

Ihm voraus gingen Herolde mit Stäben, seinen Schritten folgte ein Heer von Fächer-, Sänften- und Schemelträgern, Teppichbreitern und Schreibern, die jeden Befehl ihres Herrn, jede nur angedeutete Bewilligung, Belohnung oder Strafe sofort aufzeichneten und den betreffenden Beamten zur Ausführung übergaben.

In der Mitte der tageshell erleuchteten Halle stand eine vergoldete Tafel, die beinahe zusammenbrach unter der Last goldener und silberner Gefäße, Teller, Becher und Schalen, welche sie in schöner Ordnung schmückten. In einem durch purpurne Vorhänge verschlossenen Seitengemache stand ein kleiner Tisch, dessen wunderbar prächtige Geräthe viele Millionen werth sein mochten. An diesem pflegte der König zu speisen. Der Vorhang verbarg ihn den Blicken der anderen Schmausenden, während er die ganze Halle und jede Bewegung seiner Tischgenossen übersehen konnte(Anm. 26 [25]) Heracl. Cum. Fragm. I. Plutarch, Artaxerxes 5, erzählt, daß die Mutter und die Favoritgemahlin des Königs bei demselben gesessen haben.. Zu der Zahl dieser »Tischgenossen« gezählt zu werden, galt für die höchste Befriedigung des Ehrgeizes; ja schon derjenige durfte sich einer hohen Gunstbezeugung rühmen, welchem nur ein Antheil von der Tafel des Königs übersandt wurde.

Als Kambyses in die Halle trat, warfen sich fast alle Anwesenden vor ihm nieder; nur seine Verwandten, die durch die blau und weiße Binde an ihren Tiaren kenntlich waren, begnügten sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

Nachdem der König in seinem Gemache Platz genommen hatte, ließen sich auch die Tischgenossen nieder, und nun begann eine ungeheure Schmauserei. Ganze gebratene Thiere wurden auf die Tafel gesetzt und, als der Hunger gestillt war, mehrere Gänge der seltensten Näschereien aufgetragen, welche später als »Persischer Nachtisch« selbst bei den Griechen berühmt wurden(Anm. 27 [26]) Herodot I. 133 sagt, die Perser meinten, die Griechen müßten hungern, weil man bei ihnen nach der Mahlzeit nichts Sonderliches mehr auftrüge. Aus neueren Reisewerken, namentlich Brugsch, Reise nach Persien, erfahren wir, daß die Iranier heute noch sehr viele Leckereien essen. J. v. Hammer gibt Proben eines Dichters Namens Abu Ishak, welcher nur Leckereien besang..

Dann erschienen Sklaven, die den Tisch von den Ueberresten der Mahlzeit säuberten. Andere Diener brachten riesige Weinkrüge herbei, der König trat aus seinem Zimmer heraus, um sich an der Spitze der großen Tafel niederzulassen, zahlreiche Schenken füllten auf's Zierlichste die goldenen Becher und kosteten den Wein, um zu zeigen, daß sich kein Gift in demselben verberge, und bald war eines jener Trinkgelage im besten Gange, bei denen später Alexander der Große das Maßhalten, ja selbst die Freundschaft vergaß.

Kambyses war heute außergewöhnlich schweigsam. Ein Argwohn, Bartja liebe seine neue Gemahlin, war in seiner Seele wach geworden. Warum weigerte sich der Jüngling gegen alle Sitte, ja gegen die wegen seiner Kinderlosigkeit gebotene und oft besprochene Pflicht, ein vornehmes schönes Mädchen heimzuführen, warum wollte er Nitetis vor seiner Abreise zu den Tapuren noch einmal sehen, warum erröthete er, als er diese Bitte aussprach, warum hatte ihm die Aegypterin, fast ohne gefragt zu sein, so hohes Lob gezollt?

Es ist gut, daß er fortgeht, denn er soll mir nicht auch die Liebe dieses Weibes rauben, dachte der König. Wäre er nicht mein Bruder, so wollte ich ihn dahin schicken, von wannen keine Wiederkehr ist!

Nach Mitternacht hob er das Gelage auf. Boges, der Eunuchenoberst, erschien, um ihn in das Weiberhaus zu führen, wohin er sich zu dieser Stunde, wenn seine Trunkenheit ihn nicht hinderte, zu begeben pflegte.

»Phädime erwartet Dich mit Ungeduld,« sagte der Verschnittene.

»Laß sie warten!« antwortete der König. »Hast Du für die Herstellung des Schlosses auf den hängenden Gärten gesorgt?«

»Man wird es morgen beziehen können.«

»Welche Gemächer sind der Aegypterin angewiesen worden?«

»Die frühere Wohnung der zweiten Gemahlin Deines Vaters Cyrus, der in den Tod gerufenen Amytis.«

»Es ist gut. Nitetis soll mit der höchsten Ehrfurcht behandelt werden; Du selbst hast ihr keine anderen Befehle, als diejenigen, welche ich Dir für sie auftrage, zu ertheilen.«

Boges verneigte sich.

»Habe Acht, daß niemand, selbst Krösus nicht, mit ihr rede, bevor mein . . . bevor ich Dir anders lautende Befehle gebe.«

»Krösus war heut Abend bei ihr.«

»Was wollte er von meiner Gattin?«

»Ich weiß nicht, denn ich verstehe kein Griechisch; doch hörte ich den Namen Bartja mehrmals wiederholen und glaube, daß die Aegypterin eine schlimme Nachricht erhalten hat. Sie sah sehr traurig aus, als ich mich, nachdem Krösus sie verlassen hatte, nach ihren Befehlen erkundigte.«

»Angramainjus verderbe Deine Zunge,« murmelte der König, dem Eunuchen den Rücken kehrend und den Fackelträgern und Auskleidern folgend, welche ihn in seine Gemächer begleiteten.

Um die Mittagszeit des folgenden Tages ritt Bartja mit seinen Freunden und einem großen Dienertrosse der tapurischen Grenze entgegen. Krösus begleitete die jungen Helden bis an die Thore von Babylon. Vor der letzten Umarmung flüsterte Bartja seinem greisen Freunde zu: »Sollte der Bote aus Aegypten auch für mich ein Schreiben in seinem Felleisen haben, so sende es mir nach.«

»Wirst Du die griechischen Schriftzüge lesen können?«

»Gyges und Eros werden mir helfen!«

»Nitetis, der ich von Deiner Abreise erzählt habe, läßt Dich grüßen und Dir sagen, Du möchtest nicht die ägyptischen Freunde vergessen.«

»Gewiß nicht!«

»So mögen die Götter Dich behüten, mein Sohn. Sei milde wie Dein Vater gegen die Aufrührer, welche sich nicht aus Uebermuth, sondern für den schönsten Besitz des Menschen, die Freiheit, erhoben haben. Bedenke auch, daß Wohlthaten zu erweisen besser ist als Blut zu vergießen, denn das Schwert tödtet, aber die Güte und Milde des Herrschers macht die Menschen glücklich. Beende den Krieg, so bald Du kannst, denn er verkehrt die Natur; im Frieden überleben ja die Söhne ihre Väter, im Kriege die Väter ihre Söhne. Lebt wohl, ihr jungen Helden, und seid siegreich!«

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