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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Neuntes Kapitel.

Die Sonne eines neuen Tages war über Aegypten aufgegangen. Der reiche Thau der Nacht, welcher am Nil den Regen zu ersetzen pflegt, lag wie Smaragden und Edelgestein auf den Blättern und in den Blüthen; die Sonne stand noch tief im Osten, und die von einem frischen Nordwestwinde durchwehte Morgenluft lud vor der drückenden Wärme des Mittags in's Freie.

Aus dem uns wohlbekannten Landhause traten zwei weibliche Gestalten: die alte Sklavin Melitta und Sappho, die Enkelin der Rhodopis.

Schwebenden Schrittes ging und lief das anmuthige Mädchen durch den Garten. Liebreizend und jungfräulich, wie wir sie im Schlafe gesehen, erschien sie auch jetzt. Dabei umspielte ein schalkhafter Zug ihren rosigen Mund und die Grübchen in Kinn und Wangen. Das volle braune Haar stahl sich unter dem purpurrothen Kopftüchlein hervor, und das leichte weiße Morgengewand mit den weiten Aermeln flatterte zwanglos um ihre geschmeidigen Glieder.

Jetzt bückte sie sich, brach eine junge Rosenknospe, spritzte den Thau, welcher auf derselben lag, ihrer alten Wärterin in's Gesicht, lachte laut und glockenrein über ihren losen Streich, heftete die Rose an ihren Busen und begann mit wunderbar voller und anmuthiger Stimme zu singen:

»Als Eros einstmals Rosen brach,
Da ist es ihm geschehen,
Daß seine Hand ein Bienlein stach:
Er hatt' es nicht gesehen.

»Nun schüttelt' er die Händchen klein,
Nun hob er an zu klagen
Und flog zu seinem Mütterlein
Mit schnellem Flügelschlagen.

»O Mutter, rief er, Mutter ach!
Mir ist so weh und bange:
Ich werde sterben, denn mich stach
Gar eine böse Schlange.

»Geflügelt ist das gift'ge Thier,
Du wirst es sicher kennen: –
Es ist dasselbe, das allhier
Die Bauern ›Biene‹ nennenDie letzten Verse mit der Pointe dieses Liedes lauten:

»Doch Cypris sprach: Wenn Du, mein Sohn,
Empfindest solches Wehe
Vom Stachel einer Biene schon, –
Dann, liebes Kind, gestehe,

»Wie muß es erst dem Menschen sein
Mit Deinem Pfeil im Herzen:
Ach, Eros, das ist eine Pein,
Die schwerer zu verschmerzen!«

(Anm. 189) Eigene Uebersetzung nach einem Pägnion des Anakreon, dessen Aechtheit, wie wir glauben, mit Unrecht angezweifelt worden ist. Anacr. ed. Melhorn. λγ'.

»Ist mein Lied nicht schön?« – lachte das Mädchen. »O, wie dumm doch der kleine Eros ist, eine Biene für eine geflügelte Schlange zu halten! Die Großmutter sagt, sie wisse noch eine Strophe dieses Gesanges, den der große Dichter Anakreon erdacht hat; sie wolle mich die aber noch nicht lehren. Sage, Melitta, was mag die Strophe wohl enthalten? – Du lächelst? Liebe, einzige Melitta, singe mir das Verschen vor! Oder kennst Du es nicht? Nein? Dann freilich kannst Du's mich nicht lehren.«

»Das ist ein ganz neues Lied,« erwiederte die Alte, den Bitten ihres Lieblings wehrend, »und ich kenne nur die Gesänge aus der alten guten Zeit. Aber was ist das? Hörtest Du nicht dort an der Pforte den Klopfer gehen?«

»Freilich, und mir war's auch, als hätt' ich den Hufschlag eines Pferdes auf der Straße vernommen. Da klopft es wieder! Sieh' nach, wer zu so früher Stunde Einlaß begehrt. Vielleicht ist der gute Phanes gestern dennoch nicht abgereist und will uns noch einmal Lebewohl sagen.«

»Phanes ist fort,« entgegnete die Alte ernster werdend. »Rhodopis hat mir befohlen, Dich in's Haus zu schicken, wenn Besuch kommen sollte . . . Geh', Mädchen, damit ich die Pforte öffnen kann. Geh', da klopft es wieder!«

Sappho that, als liefe sie dem Hause entgegen; statt aber dem Befehle ihrer Wärterin zu folgen, versteckte sie sich hinter ein Rosengebüsch, um von dort aus den frühen Besuch in Augenschein zu nehmen. – Man hatte ihr die Vorgänge des gestrigen Abends, um sie nicht umsonst zu ängstigen, verheimlicht, und Sappho war gewohnt, in so früher Stunde nur die vertrautesten Freunde ihrer Großmutter erscheinen zu sehen.

Melitta öffnete die Pforte des Gartens, und führte bald darauf einen blondlockigen, reich geschmückten Jüngling in denselben ein.

Sappho, erstaunt über die ihr fremde Tracht und die große Schönheit des persischen Königssohnes, – denn dieser war der frühe Besucher, – rührte sich nicht von ihrem Platze und konnte ihre Augen nicht von seinem Angesichte wenden. Gerade so hatte sie sich den schönlockigen Apollo, den Führer des Sonnenwagens und der Musen, vorgestellt.

Melitta und der Fremde näherten sich ihrem Verstecke; sie aber drängte das Köpfchen zwischen den Rosen hervor, um den Jüngling, welcher freundlich, aber in gebrochenem Griechisch zu der alten Sklavin sprach, besser verstehen zu können.

Jetzt vernahm sie, daß er sich in einer gewissen Hast nach Krösus und dem Sohne desselben erkundigte. Dann hörte sie auch zum Erstenmale von der alten Sklavin Alles, was sich am gestrigen Abende zugetragen hatte. Sie zitterte für Phanes, sie dankte in ihrem Herzen dem edlen Gyges, sie fragte sich, wer dieser königlich geschmückte Jüngling sein möge. Wohl hatte ihr Rhodopis von den Heldenthaten des Cyrus, vom Sturze des Krösus, von der Macht und dem Reichthume der Perser erzählt; bis dahin hatte sie aber die Asiaten für ein wildes, rohes Volk gehalten. Je länger sie nun den schönen Bartja anschaute, je höher wuchs ihre Theilnahme für die Perser. Als sich endlich Melitta entfernte, um ihre Großmutter zu wecken und ihr den frühen Besuch zu melden, wollte sie ihr folgen; Eros aber, der thörichte Knabe, über dessen kindliche Unwissenheit das Mädchen noch vor wenigen Minuten gespottet hatte, wollt' es anders. Ihr Gewand verfing sich in den Dornen der Rosen, und ehe sie sich von ihnen los machen konnte, stand ihr der schöne Perser bereits gegenüber und half der hocherröthenden Jungfrau ihr Kleid von dem verrätherischen Strauche zu befreien.

Sappho vermochte kein Wort des Dankes zu sagen und schlug, schämig lächelnd, die Augen nieder.

Bartja, der sonst so übermüthige Knabe, blickte stumm und gleich ihr erröthend auf sie herab.

Dieses Schweigen dauerte aber nur kurze Zeit, denn das Mädchen, welches sich bald von ihrem Schrecken erholt hatte, lachte auf einmal in kindlichem Ergötzen über den stummen Fremdling und die Seltsamkeit ihrer Lage hell und fröhlich auf und floh, gleich einem gescheuchten Reh, dem Hause zu.

Jetzt kehrte auch dem Perser seine natürliche Unbefangenheit wieder. In zwei Sätzen hatte er das Mädchen erreicht. Schnell wie der Gedanke faßte er ihre Hand und behielt sie, trotz alles Sträubens, fest in der seinen.

»Laß mich los!« bat Sappho, halb ernst, halb lächelnd ihre dunklen Augen zu dem Jüngling erhebend.

»Wie sollt' ich!« antwortete dieser. »Ich habe Dich von dem Rosenstrauche gepflückt und halte Dich fest, bis Du mir, statt Deiner, Deine Schwester dort an Deinem Busen zum Andenken mitgibst in meine ferne Heimath.«

»Bitte, laß mich los,« wiederholte Sappho. »Ehe Du meine Hand nicht frei gibst, geh' ich auf gar keine Verhandlungen ein.«

»Wirst Du aber auch nicht wieder fortlaufen, wenn ich Deinen Wunsch erfülle?«

»Gewiß nicht!«

»Nun, so schenke ich Dir die Freiheit; aber jetzt mußt Du mir auch Deine Rose geben!«

»Dort drüben am Strauche sind weit schönere. Pflücke Dir eine; was willst Du gerade mit dieser hier?«

»Sie als Erinnerung an die schönste Jungfrau, welche ich jemals gesehen habe, sorglich bewahren.«

»Nun geb' ich Dir die Rose gar nicht, – denn wer mir sagt, ich sei schön, der meint es schlecht mit mir; – wer mir aber sagt, ich sei gut, der will mir wohl!«

»Wer hat Dich das gelehrt?«

»Meine Großmutter, Rhodopis.«

»Wohl denn, so sage ich Dir, Du bist das beste Mädchen auf der ganzen Welt.«

»Wie magst Du solche Dinge reden, da Du mich doch gar nicht kennst! O, ich bin manchmal recht böse und ungehorsam! Wär' ich brav, so würd' ich jetzt, statt mit Dir zu plaudern, in unser Haus zurückgehen, wie sich's ziemt. Die Großmutter hat mir streng verboten, im Garten zu bleiben, wenn Fremde da sind, und ich mache mir auch nichts aus den vielen Männern, die stets von Dingen reden, die ich nicht verstehe.«

»So wünschtest Du wohl auch, daß ich mich wieder entfernte?«

»Ach nein, Dich verstehe ich ja ganz gut, wenn Du auch lange nicht so schön zu reden weißt, wie zum Beispiel Ibykus oder der arme Phanes, der gestern, wie ich erst vorhin von Melitta hörte, so jämmerlich fliehen mußte.«

»Hattest Du ihn lieb?«

»Lieb? – O ja, – ich mochte ihn sehr gerne leiden. Als ich kleiner war, brachte er mir immer Bälle, Gliederpuppen und Kegelspiele(Anm. 190) Gliedermann und Puppen für Kinder. Wilkinson II. 427. Anmerkung 149 [Anmerkung 153]. Im Museum zu Leyden befindet sich ein sehr wohlerhaltener Gliedermann. aus Sais und Memphis mit; seitdem ich aber groß bin, lehrt er mich schöne, neue Lieder, und zum Abschiede hat er mir ein ganz kleines sicilisches Schooßhündchen(Anm. 191) Sicilische Schooßhündchen waren im Alterthum berühmt und scheinen zuerst von den üppigen Sybariten gehalten worden zu sein. mitgebracht, das ich Argos(Anm. 192) Also hieß auch der treue Hund des Odysseus. nennen will, weil es so weiß und schnellfüßig ist; in wenigen Tagen aber werden wir noch ein anderes Geschenk von dem guten Phanes bekommen, denn . . . Siehst Du wohl, so bin ich! Da hätte ich beinahe ein großes Geheimniß ausgeplaudert. Die Großmutter hat mir streng verboten, irgend Jemanden zu erzählen, was für liebe kleine Gäste wir erwarten; aber mir ist, als wären wir schon lange mit einander bekannt, und Deine Augen sind so gut, daß ich Dir gerne Alles sagen möchte. Siehst Du wohl, ich habe außer Großmutter und der alten Melitta gar keinen Menschen auf der ganzen Welt, dem ich anvertrauen könnte, was mich freut; – und, ich weiß selber nicht, woher es kommt, – aber manchmal begreifen die Beiden, so lieb sie mich haben, gar nicht, wie dieses oder jenes Schöne mir so große Freude machen kann.«

»Das kommt daher, weil sie alt sind und das Jauchzen eines jungen Herzens nicht mehr verstehen können. Aber hast Du denn gar keine Gespielin, keine Altersgenossin, die Du liebst?«

»Keine einzige. Es gibt wohl manches Mädchen außer mir in Naukratis; die Großmutter sagt aber, ich dürfe ihren Umgang nicht suchen, und weil sie nicht zu uns kommen wollten, sollte ich nicht zu ihnen gehen.«

»Armes Kind, wenn Du in Persien wärest, so könnt' ich Dir bald eine Freundin schaffen. Ich hab' eine Schwester, Atossa heißt sie, die jung und schön und gut ist wie Du.«

»Ach, wie schade ist es, daß sie Dich nicht begleitet hat. – Aber jetzt mußt Du mir auch sagen, wie ich Dich nennen soll.«

»Ich heiße Bartja.«

»Bartja? Ein seltsames Wort; Bartja – Bartja. Weißt Du, daß mir der Name gut gefällt? Wie hieß doch der gute Sohn des Krösus, der unseren Phanes so edelmüthig rettete?«

»Gyges nennt man ihn. Darius, Zopyrus und er sind meine besten Freunde. Wir haben einander geschworen, uns niemals zu trennen, und Einer für den Andern Blut und Leben zu opfern(Anm. 193) Heute noch schließen die Perser feierliche Freundschaftsbündnisse, und zwar am sogenannten Feste der Nachfolge. »Zwei Perser, die auf Lebenszeit mit einander Freundschaft schließen wollen, gehen zum Mollah, bezeugen vor demselben ihre Absicht und lassen sich als brader hâ oder ›Brüder‹ feierlich einsegnen.« Brugsch, Reise nach Persien. I. S. 260.. So bin ich denn heut in aller Frühe, trotz ihrer flehenden Bitten, heimlich hierhergeeilt, um meinem Gyges beizustehen, im Fall er der Hülfe bedürfen sollte.«

»Du bist aber umsonst geritten.«

»Nein, beim Mithra, das bin ich nicht, denn ich habe Dich auf diesem Ritte gefunden. Nun aber mußt Du mir auch sagen, wie Du heißt?«

»Man nennt mich Sappho!«

»Ein schöner Name. Bist Du verwandt mit der Dichterin, von welcher mir Gyges so schöne Lieder vorgesungen hat?«

»Freilich; die zehnte Muse oder der lesbische Schwan, wie sie die ältere Sappho nennen, war die Schwester meines Großvaters Charaxus. – Dein Freund Gyges ist wohl des Griechischen mächtiger als Du?«

»Von der Wiege an hat er neben der lydischen die hellenische Sprache gelernt und spricht beide gleich geläufig. Auch des Persischen ist er vollkommen mächtig; und, was mehr sagen will, er hat sich auch alle Tugenden der Perser zu eigen gemacht!«

»Welche haltet ihr denn für die höchsten Tugenden?«

»WahrhaftigkeitS. Anmerkung 142. ist die erste von allen, die zweite nennen wir Tapferkeit, die dritte Gehorsam. Diese drei, vereint mit der Ehrfurcht vor den Göttern, haben uns Perser groß gemacht.«

»Aber ich denke, daß ihr keine Götter kennt?«

»Thörichtes Kind! Wer könnte ohne Götter, wer möchte ohne einen höheren Lenker bestehen? Freilich lassen wir die Himmlischen nicht wie ihr in Häusern und Bildern wohnen, denn ihre Wohnung ist Alles, was geschaffen ist. Die Gottheit, welche überall sein und Jedes hören und sehen muß, läßt sich nicht in Mauern verschließen(Anm. 194) Herod. I. 131 u. 132 und aus vielen anderen Quellen ersehen wir, daß die Perser zur Zeit der Achämeniden keine Tempel und Götterbilder besaßen. Das böse und gute Prinzip, Auramazda und Angramainjus, waren unsichtbare Wesen, welche mit einem zahllosen Gefolge von guten und bösen Geistern alles Geschaffene erfüllten. Die ewige Zeit schuf Feuer und Wasser. Hieraus entstand Ormusd (Auramazda), der gute Geist. Dieser war lichtglänzend, rein, dem Guten ergeben. Nachdem er in 12,000 Jahren Himmel, Paradies und Sterne geschaffen hatte, sah er den bösen Geist, Ahriman (Angramainjus), welcher schwarz, unrein, übelriechend und bösartig war. Ormusd beschloß, Ahriman zu vernichten. Ein großer Kampf begann, in welchem der Böse unterlag, um 3000 Jahre lang ohnmächtig vor Schrecken dazuliegen. Während dieser Zeit schuf Ormusd den Himmel, das Wasser, die Erde, die guten Gewächse, den Stier und das erste Menschenpaar in einem Jahre. Hierauf brach Ahriman wieder hervor und wurde bezwungen, aber nicht getödtet, weil sich nach dem Tode die Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde, aus denen alles Lebende besteht, mit den Urelementen vereinigen und sich am Auferstehungstage das Auseinandergerissene wieder zusammenfügt. Nichts geht zum Nichtsein zurück; Alles vereint sich nur mit seinen Urbestandtheilen. Man hätte Ahriman nur tödten können, wenn sich seine Unreinheit in Reinheit, seine Finsterniß in Licht verwandelt haben würde. – So lebte das Böse fort, um, sobald der gute Geist etwas Gutes und Reines schuf, etwas Böses und Unreines zu erschaffen. Dieser Kampf wird fortdauern bis zum jüngsten Tage. Dann wird Ahriman rein und heilig sein, weil die Diws oder Daewa (bösen Geister) nach und nach all' sein Böses aufgenommen haben und am jüngsten Tage nicht mehr sein werden. Mit der Strafe jedes Menschen nach dem Tode sollen nämlich die Diws, welche in ihm wohnten und Theile Ahriman's waren, vernichtet werden. Nach Ulmai Islam bei Bullers und der Zend-Avesta.

»Wo aber betet und opfert ihr denn, wenn ihr keine Tempel habt?«

»Auf dem größesten aller Altäre: in der freien Natur; am liebsten auf dem Gipfel der Berge(Anm. 195) Heute noch stehen auf den Bergen die Feueraltäre der Parsen. Diese letzteren dürfen immer beten, sobald sich Feuer und Wasser in ihrer Nähe befindet. Spiegel, Avesta. Einleitung LI. Auch nach Herod. I. 132 opferten die Perser in der freien Natur.. Dort sind wir unserem Mithra, der großen Sonne, und Auramazda, dem reinen schaffenden Lichte, am nächsten; da dunkelt es zuletzt und wird es am frühesten hell. Nur das Licht ist rein und gut; die Finsterniß schwarz und böse. Ja, Mädchen, auf den Bergen ist uns die Gottheit am nächsten; dort weilt sie am liebsten. Hast Du einmal auf der waldigen Spitze eines Hochgebirgs gestanden und Dich im feierlichen Schweigen der Natur vom schaurig leisen Wehen des Odems der Gottheit umkreisen lassen? Hast Du Dich jemals im grünen Walde, an reinen Quellen, unter freiem Himmel, niedergeworfen und auf die Stimme des Gottes gelauscht, welche aus allen Blättern redet und aus allen Wassern spricht? Hast Du je gesehen, wie die Flamme sich unwiderstehlich hinaufschwingt zu ihrem Vater, der Sonne, und das Gebet, im himmelansteigenden Rauche, dem großen strahlenden Schöpfer entgegenträgt? – Du hörst mir verwundert zu; aber, Mädchen, ich sage Dir, Du würdest mit mir niederknieen und anbeten, wenn ich Dich zu einem Altar auf der Spitze des Hochgebirges führen wollte!«

»O, daß ich mit Dir könnte! O, daß ich einmal von einem Berge hinunterschauen dürfte auf alle Thäler und Flüsse und Wälder und Wiesen! Ich glaube, daß ich mich da oben, wo sich nichts meinen Blicken verbergen könnte, fühlen würde, als sei ich selbst eine Alles schauende Gottheit. – Aber, was war das? – Die Großmutter ruft; ich muß gehen!«

»O, verlaß mich noch nicht!«

»Gehorsam ist auch eine persische Tugend!«

»Und meine Rose?«

»Hier hast Du sie.«

»Wirst Du Dich meiner erinnern?«

»Wie sollt' ich nicht?«

»Liebes Mädchen, verzeih mir, wenn ich Dich um eine zweite Gunst ersuche.«

»Schnell, schnell, die Großmutter ruft wieder!«

»Nimm diesen Stern von Diamanten zum Andenken an diese Stunde.«

»Ich darf nicht!«

»O bitte, bitte, nimm ihn an! Mein Vater gab ihn mir zum Lohn, als ich den ersten Bären mit eigener Hand erlegt(Anm. 196) Die Könige pflegten mit derartigen Geschenken edle Thaten ihrer Unterthanen zu belohnen. Herod. III. 130. VIII. 118. Plutarch, Artaxerxes 10. 14. Xenoph. Anab. I. 2. Ehrenkleid. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. S. III. Th. A. 187.; er war bisher mein Liebstes; jetzt sollst Du ihn haben, denn jetzt kenne ich nichts Lieberes als Dich!«

Der Jüngling nahm die Kette mit dem Sterne von seiner Brust, und wollte sie dem Mädchen an den Hals hängen. Sappho sträubte sich, die kostbare Gabe anzunehmen; Bartja aber schlang seinen Arm um sie her, küßte ihre Stirn, nannte sie seine einzige Geliebte, legte mit freundlicher Gewalt den Schmuck um ihren Hals und schaute tief in die dunklen Augen des zitternden Kindes.

Rhodopis rief zum dritten Male. Sappho entzog sich den Armen des Königssohnes und wollte fliehen; aber sie wandte sich nochmals auf den flehenden Ruf des Jünglings um und antwortete auf dessen Frage: »Wann darf ich Dich wiedersehen?« mit leiser Stimme: »Morgen früh bei jenem Rosenbusche!«

»Der Dich als mein Bundesgenosse festhielt.«

Sappho eilte dem Hause zu. Rhodopis empfing Bartja und theilte ihm von dem Geschicke seines Freundes mit, was sie wußte.

Der junge Perser ritt sogleich nach Sais zurück.

Als die Greisin an diesem Abende, wie immer, an das Bett ihrer Enkelin trat, fand sie dieselbe nicht mehr kindlich schlummernd wie sonst, denn ihre Lippen bewegten sich, und, wie von neckischen Träumen gequält, seufzte die Schläferin tief und schmerzlich.

Bartja traf auf dem Heimwege von Naukratis nach Sais mit seinen Freunden Darius und Zopyrus zusammen, welche ihm, sobald sie seine heimliche Entfernung bemerkt hatten, gefolgt waren. Sie ahnten nicht, daß Bartja, statt der gefürchteten Kämpfe und Gefahren, sein erstes Liebesglück geerntet habe.

Kurze Zeit vor den drei Freunden traf Krösus zu Sais ein. Er begab sich sofort zum Könige und erzählte diesem ohne Rückhalt, der Wahrheit gemäß, was sich am letzten Abende zugetragen hatte.

Amasis zeigte sich sehr verwundert über das Benehmen seines Sohnes, versicherte seinen Freund, daß Gyges sofort auf freien Fuß gestellt werden sollte, und erging sich in Spottreden und scherzhaften Bemerkungen über die fehlgeschlagene Rache des Psamtik.

Als ihn Krösus kaum verlassen hatte, ließ sich der Thronerbe melden.

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