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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Achtes Kapitel.

Zwei Stunden vor Mitternacht drangen fröhliche Worte und helle Lichtstrahlen aus den offenen Fenstern des Hauses der Rhodopis.

Heute war die Tafel der Greisin zu Ehren des Krösus besonders reich geschmückt.

Auf den Polstern lagen, bekränzt mit Pappelzweigen und Rosen, die uns bekannten Gäste der Rhodopis: Theodorus, Ibykus, Phanes, Aristomachus, der Kaufmann Theopompus von Milet, Krösus und mehrere andere Männer.

»Ja, dieß Aegypten,« sagte Theodorus, der Bildhauer, »kommt mir vor wie ein Mädchen, welches einen goldenen Schuh besitzt, den es, wenn er sie auch schmerzt und drückt, nicht ablegen mag, obgleich schöne, bequeme Sohlen vor ihr stehen, nach denen sie nur zu greifen hätte, um sich auf einmal frei und zwanglos fortbewegen zu können.«

»Du meinst das starre Festhalten der Aegypter an ihren althergebrachten Formen und Gewohnheiten?« fragte Krösus.

»Freilich,« antwortete der Bildhauer. »Noch vor zwei Jahrhunderten war Aegypten unbestreitbar das erste Land der Welt. Seine Kunst und sein Wissen übertrafen Alles, was wir leisten konnten. Wir sahen ihnen die Handgriffe ab, vervollkommneten, gaben den starren Formen Freiheit und SchönheitSiehe Anmerkung 26., hielten uns an kein bestimmtes Maß, sondern an das Vorbild des Natürlichen, und haben jetzt den Meister weit hinter uns gelassen. Wie war das möglich? – Lediglich dadurch, daß der Lehrer, von unerbittlichen Gesetzen gezwungen, auf dem alten Platze stehen bleiben mußte; wir aber nach Kraft und Lust im weiten Stadium der Kunst fortlaufen durften.«

»Aber wie kann man den Künstler zwingen, seine Bildwerke, welche doch immer Verschiedenes darstellen, gleichmäßig zu gestalten?«

»Das ist in diesem Falle schnell erklärt. Die Aegypter theilen den ganzem menschlichen Körper in 21¼ Theile(Anm. 173) Diese Zahl, sowie die folgende Geschichte nach Diodor I. 98. Plato erzählt, daß, nach einem Gesetze, die Aegypter ihre Bilder zu seiner Zeit ebenso schön oder häßlich gestalten mußten, als vor tausend und mehreren Jahren. Dies wird auch durch die Denkmäler bestätigt, obwohl doch jede Epoche ihren eigenen dem Kenner in's Auge fallenden Kunststil besaß. Im alten Reiche sind die Formen mehr gedrungen, unter Seti I. erreicht die Schönheit der Proportionen ihren Höhepunkt, von der 20. Dynastie an verschlechtert sich der Stil, in der 26. unter den Psamtikiden begegnen wir einem letzten Wiederaufblühen der Kunst, die aber trotz aller Sorgfalt bei der Behandlung des Details doch nicht die alte Feinheit der Formen wiederzufinden vermag. und bemessen hiernach die Verhältnisse der einzelnen Glieder zu einander. An diesen Zahlen halten sie fest und opfern ihnen die höheren Forderungen der Kunst. Ich selber habe dem Amasis, in Gegenwart des ersten ägyptischen Bildhauers, eines Priesters von Theben, die Wette angeboten, meinem Bruder Telekles nach Ephesus zu schreiben, ihm Größe, Verhältniß und Stellung nach ägyptischer Weise anzugeben und mit ihm zusammen eine Bildsäule zu verfertigen, welche wie von einer Hand und aus einem Stücke gearbeitet aussehen muß, obgleich Telekles ihren unteren Theil zu Ephesus ausführen soll, ich aber den oberen Theil zu Sais, unter den Augen des Amasis, herzustellen bereit bin.«

»Und würdest Du Deine Wette gewinnen?«

»Unbedingt. Ich bin schon im Begriffe, dieses Kunststück auszuführen; ein Kunstwerk wird es freilich nicht werden, so wenig, als irgend eine ägyptische Statue diesen hohen Namen verdient.«

»Dennoch sind einzelne Bildwerke, die zum Beispiel, welche Amasis jetzt eben dem Polykrates als Geschenk nach Samos schickt, vortrefflich gearbeitet. Ich sah sogar zu Memphis eine Statue, die an dreitausend Jahre alt sein und einen König darstellen(Anm. 174) Diese Statuen von Holz stellten den König selber dar. Herod. II. 182. Porträtstatuen sind in ziemlich großer Zahl bis auf uns gekommen. Für die frühe Höhe der ägyptischen Bildhauerkunst schon in der Pyramidenzeit zeugt namentlich die gegenwärtig im Museum zu Bulaq befindliche Statue des Chefren, die aus sehr hartem Materiale köstlich gearbeitet ist und in der Weltausstellung zu Paris (1867) die Bewunderung aller Beschauer erweckte. Die zu Saqqara gefundene Holzstatue des sogenannten Dorfschulzen im Museum zu Bulaq entstammt gleichfalls der Pyramidenzeit und steht wegen der Feinheit ihrer Arbeit und des Realismus in der Behandlung unübertroffen da. soll, der die eine große Pyramide erbaute, und welche in jeder Beziehung meine Bewunderung erregte. Wie sicher ist der ungemein harte Stein bearbeitet, wie sauber ausgeführt ist die Muskulatur, namentlich der Brust, der Beine und Füße, wie verständig zeigt sich überall die Behandlungsweise, wie sicher gezeichnet sind die Umrisse, wie vollkommen erscheint auch bei anderen Statuen die Harmonie der Züge des Angesichts.«

»Ohne Frage. Was das Handwerk in der Kunst, das heißt die sichere Verarbeitung selbst des härtesten Materials betrifft, so sind uns die Aegypter, trotz ihres langen Stillstandes, noch immer voraus. Keine griechische Statue ist je so wunderbar schön polirt worden wie das Standbild des Amasis im Hofe des Palastes. Die freie Gestaltung aber, die Prometheus-Arbeit, das Einhauchen der Seele in den Stein, werden die Aegypter nicht eher erlernen, als bis sie vollkommen mit dem alten Formenkrame brechen. Durch Proportionen erreicht man keine Darstellung des geistigen Lebens, – nicht einmal den anmuthigen Wechsel des Körperlichen. Betrachtet jene zahllosen Statuen, welche bei Palästen und Tempeln von Naukratis bis zu den Katarrhakten in langer Reihe seit dreitausend Jahren aufgestellt worden sind. Sie alle stellen freundlich ernste Menschen im mittleren Mannesalter dar, und dennoch ist die eine das Bild eines Greises, die andere soll das Andenken eines königlichen Jünglings verewigen. Kriegshelden, Gesetzgeber, Wüthriche und Menschenfreunde, alle haben so ziemlich das gleiche Ansehen, wenn sie sich nicht durch Größe, wodurch der ägyptische Künstler Macht und Stärke ausdrücken will, und das porträtartig ausgeführte Antlitz von einander unterscheiden. Wie ich mir ein Schwert, so bestellt sich Amasis eine Bildsäule. Bevor der Meister sein Werk begonnen hat, wissen wir Beide im Voraus, sobald wir nur die Länge und Breite sorglich angegeben haben, was wir erhalten werden, wenn die Arbeit fertig ist. – Wie könnte ich einen gebrochenen Greis gleich einem sich aufschwingenden Jünglinge, einen Faustkämpfer gleich einem Läufer, einen Dichter gleich einem Krieger formen? – Stellt den Ibykus neben unsern Freund, den Spartaner, und bedenkt, was ihr sagen würdet, wenn ich den harten Krieger wie den herzumstrickenden Sänger mit süßen Geberden darstellen wollte.«

»Und was sagt Amasis zu Deinen Bemerkungen über diesen Stillstand?«

»Er bedauert ihn; fühlt sich aber nicht stark genug, die alten bindenden Regeln der Priester aufzuheben.«

»Und dennoch,« sagte der Delphier, »hat er für die Ausschmückung unseres neuen Tempels, ›um die hellenische Kunst zu fördern‹, – ich gebrauche seine eigenen Worte, – eine namhafte Summe bewilligt.«

»Das ist schön von ihm,« rief Krösus. »Werden die Alkmäoniden bald jene dreihundert Talente450,000 Thaler., deren sie zur Vollendung des Tempels bedürfen, zusammen haben(Anm. 175) Die attische Adelsfamilie der Alkmäoniden hatte, nachdem sie vor Pisistratus aus Athen geflohen war, den Bau des neuen Tempels zu Delphi übernommen. Die Delphier selbst mußten den vierten Theil der Baugelder aufbringen, kollektirten auch in Aegypten und sollen dort eine hübsche Summe zusammengebracht haben. Herod. II. 180.? Wär' ich noch in den alten Glücksumständen, so würd' ich gern die ganzen Kosten übernehmen; wenn mich auch Dein böser Gott, trotz aller Geschenke, die ich ihm darbrachte, gar arg betrogen hat. Als ich ihn nämlich fragen ließ, ob ich den Krieg gegen Cyrus beginnen sollte, gab er mir zur Antwort, daß ich ein großes Reich vernichten würde, wenn ich den Halys-Strom überschritte(Anm. 176) Herod. I. 53. Xenoph. Cyrop. VII. 2.. Ich vertraute dem Gotte, gewann nach seinen Befehlen die Freundschaft der Spartaner und zerstörte, den Grenzfluß überschreitend, in der That ein großes Reich; dieses Reich war aber nicht das medisch-persische, sondern mein eigenes armes Lydien, welches jetzt als Satrapie des Kambyses sich nur schwer an die ihm ungewohnte Abhängigkeit gewöhnen kann.«

»Du tadelst den Gott mit Unrecht,« antwortete Phryxus, »denn es ist nicht seine Schuld, daß Du in menschlicher Eitelkeit seinem Ausspruch eine falsche Deutung gegeben hast. Er sagte nicht ›das Reich der Perser‹, sondern ›ein Reich‹ werde durch Deine Kriegslust zerstört werden. Warum fragtest Du nicht, welches Reich er meine? Hat er Dir nicht außerdem das Schicksal Deines Sohnes der Wahrheit gemäß vorhergesagt und Dir zugerufen, daß er am Tage des Unheils die Sprache wieder erlangen würde? Und als Du nach dem Falle von Sardes Cyrus um die Gnade batest, in Delphi anfragen zu dürfen, ob die griechischen Götter sich's zum Gesetze gemacht hätten, ihren Wohlthätern Undank zu erweisen, da hat Dir Loxias geantwortet, er habe das Beste mit Dir vorgehabt, aber über ihm walte, mächtiger als er, das unerbittliche Geschick, welches schon Deinem gewaltigen Ahnherrn(Anm. 177) Kandaules hatte sich durch den Mord des Königs Gyges des lydischen Thrones bemächtigt. Ihm wurde das oben erwähnte Orakel zu Theil. Herod. I. 8 fgd. 91. vorhersagte, daß der Fünfte nach ihm, und der warst Du, dem Verderben erlesen sei!«

»Deine Worte,« unterbrach Krösus den Redner, »wären mir in der Zeit des Unheils nöthiger gewesen als jetzt. Es gab eine Stunde, in der ich Deinen Gott und seine Sprüche verfluchte, dann aber, als ich mit Macht und Reichthum meine Schmeichler verloren hatte und ich mich meine Thaten nach dem eigenen Urtheile zu messen gewöhnte, da erkannte ich wohl, daß nicht Apollo, sondern meine Eitelkeit mich in's Verderben stürzte. ›Ein Reich‹, das vernichtet werden sollte, konnte ja doch nicht meines, nicht das mächtige Reich des mächtigen Krösus, des Götterfreundes, des bis dahin unbesiegten Feldherrn bedeuten! Würde mich ein Freund auf diese Seite des zweideutigen Spruches hingewiesen haben, ich hätte ihn verlacht, oder vielleicht, ja wahrscheinlich, gestraft. Wie ein Roß den Arzt, der seine Wunde befühlt, um sie zu heilen, zu schlagen versucht, so der Despot den aufrichtigen Freund, der die Schäden seiner kranken Seele berührt. So hab' ich, was ich leicht hätte sehen können, nicht gesehen. Die Eitelkeit blendet das Auge, das uns zu unbefangener Prüfung der Dinge gegeben ward, und stärkt die Begehrlichkeit des Herzens, welches ohnehin, den Göttern sei Dank, sich jeder Hoffnung auf Gewinn weit öffnet und sich schnell abwehrend schließt, wenn sich ihm die begründete Besorgniß naht, ein Verlust oder Unheil sei im Anzuge. Wie viel öfter bangt mir jetzt, wo ich klar sehe und doch nichts zu verlieren habe, als damals, wo Niemand mehr verlieren konnte wie ich! Im Vergleiche mit früheren Zeiten bin ich arm, Phryxus, doch Kambyses läßt mich als König meine Tage beschließen und ich vermag für euren Bau noch immer ein Talent(Anm. 178) Das ältere attische Silbertalent betrug nach Böckh, Staatshaushaltung der Athener I. 25, 1500 Thaler, die Mine 25 Thaler, die Drachme 6 gute Groschen, der Obolus 1 Groschen. zu steuern.«

Phryxus dankte; Phanes aber sagte: »Die Alkmäoniden werden ein schönes Werk herstellen, denn sie sind ehrgeizig, reich und wollen sich die Gunst der Amphiktyonen erwerben, um, von ihnen unterstützt, den Tyrannen zu stürzen, mein Geschlecht zu überflügeln und sich der Lenkung des Staats zu bemächtigen.«

»Zu dem Reichthume dieser Familie hast Du, Krösus, wie man erzählt, neben der Agariste(Anm. 179) Agariste hieß die reiche Erbtochter des Klisthenes von Sicyon, welche der Alkmäonide Megakles heimführte. Herod. VI. 126– 130. Diod. VII. 19. Pherecydes fr. 20. Müller., welche dem Megakles große Schätze mitbrachte, das Meiste beigetragen,« sagte Ibykus.

»Freilich, freilich,« lachte Krösus.

»Erzähle den Hergang der Sache!« bat Rhodopis.

»Alkmäon von Athen kam einst an meinen Hof(Anm. 180) Herod. VI. 125.. Der heitere, fein gebildete Mann gefiel mir so gut, daß ich ihn längere Zeit bei mir behielt. Eines Tages zeigte ich ihm meine Schatzkammern, über deren Reichthum er in eine wahre Verzweiflung gerieth. Er nannte sich einen gemeinen Bettler und malte sich ein glückliches Leben aus, wenn er nur einen einzigen Griff in all' diese Herrlichkeiten thun dürfte. Da gestattete ich ihm, so viel Gold mitzunehmen, als er zu tragen vermöge. Was that nun Alkmäon? Er ließ sich hohe lydische Reiterstiefel anziehen, eine Schürze umbinden und einen Korb an den Rücken befestigen. Diesen füllte er mit Schätzen, in die Schürze häufte er so viel Gold, als er zu tragen vermochte, die Stiefel überlastete er mit goldenen Münzen, in Haar und Bart ließ er Goldstaub streuen; ja selbst den Mund füllte er mit Gold, so daß seine Backen aussahen. als sei er im Begriff, an einem großen Rettig zu ersticken. In jede Hand nahm er zuletzt eine goldene Schüssel, und schleppte sich so, unter seiner Last erliegend, zur Schatzkammer hinaus. Vor der Thür derselben brach er zusammen; ich aber habe niemals wieder so herzlich gelacht, als an jenem Tage.«

»Und Du ließest ihm diese Schätze?« fragte Rhodopis.

»Freilich, meine Freundin; glaubte ich doch die Erfahrung, daß Gold selbst einen klugen Mann zum Narren mache, nicht zu theuer bezahlt zu haben.«

»Du warst der freigebigste aller Fürsten!« rief Phanes.

»Und bin jetzt ein leidlich zufriedener Bettler. Doch sage mir, Phryxus, wie viel hat Amasis zu Deiner Sammlung beigetragen?«

»Er gab tausend Centner Alaun(Anm. 181) Herod. II. 180.

»Das scheint mir ein fürstliches Geschenk zu sein.«

»Und der Thronerbe?«

»Als ich ihn anging und mich auf die Freigebigkeit seines Vaters berief, lachte er bitter und sagte, mir den Rücken kehrend: ›Wenn Du für die Zerstörung eurer Tempel sammeln wirst, so bin ich bereit, doppelt so viel als Amasis zu zeichnen‹.«

»Der Elende!«

»Sage lieber: der echte Aegypter! Psamtik haßt Alles, was nicht aus diesem Lande stammt.«

»Wie viel haben die Hellenen zu Naukratis beigetragen?«

»Außer der reichen Beisteuer der Privatleute zeichnete jede Gemeinde(Anm. 182) S. Anmerk. 173. Herod. II. 180. Diese Stelle kann so verstanden werden, als wenn alle Griechen in Naukratis zusammen 20 Minen, das sind 500 Thaler, gegeben hätten. Da dies für eine so bedeutende Stadt zu wenig, für jeden einzelnen Bürger (wie Valla will) viel zu viel wäre, so nehmen wir an, daß Herodot von den verschiedenen Gemeinden in Naukratis spreche. zwanzig Minen.«

»Das ist viel!«

»Philoinus der Sybarit schickte mir ganz allein tausendSiehe Anmerkung 178. 250 Thaler. Drachmen und begleitete sie mit einem höchst sonderbaren Briefe. Darf ich ihn vorlesen, Rhodopis?«

»Immerhin,« antwortete die Greisin. »Ihr werdet daraus ersehen, daß dem Schlemmer sein Betragen von neulich leid thut.«

Der Delphier holte das Briefröllchen aus seiner Tasche und las: »Philoinus läßt dem Phryxus sagen: ›Es thut mir leid, daß ich neulich bei Rhodopis nicht mehr getrunken habe; denn hätt' ich das gethan, so würd' ich ohne alle Besinnung und außer Stande gewesen sein, auch nur die kleinste Fliege zu beleidigen. Meine verwünschte Mäßigkeit trägt also die Schuld, daß ich mich von nun ab nicht mehr an der wohlbesetztesten Tafel in ganz Aegypten ergötzen darf.

›Uebrigens bin ich Rhodopis schon für das Genossene dankbar, und sende Dir, in der Erinnerung an jenen herrlichen Rinderbraten, wegen dessen ich den Koch der Thracierin um jeden Preis zu kaufen wünsche, zwölf große Spieße zum Ochsenrösten(Anm. 183) Rhodopis soll ein solches Geschenk nach Delphi gesandt haben. Herod. II. 135.. Selbige mögest Du in irgend einem Schatzhause von Delphi, als Geschenk der Rhodopis, aufstellen lassen. Ich selber zeichne, weil ich ein reicher Mann bin, ganze tausend Drachmen. Bei den nächsten pythischen Spielen soll diese Gabe öffentlich ausgerufen werden.

›Dem Grobian Aristomachus von Sparta sprich meinen Dank aus. Er hat den Zweck meiner Reise nach Aegypten wesentlich gefördert. Ich war hierher gekommen, um mir einen bösen Zahn von jenem ägyptischen Arzte(Anm. 184) Die ägyptischen Zahnärzte müssen sehr geschickt gewesen sein. Man hat in den Kinnbacken von Mumien künstliche Zähne gefunden. Blumenbach, Von den Zähnen der alten Aegypter und von den Mumien. Im Göttinger Magazin 1780. I. S. 115. Im Papyr. Ebers werden Rezepte gegen verschiedene Zahnleiden verordnet, z. B. Taf. 72. ausnehmen zu lassen, welcher kranke Zähne ohne große Schmerzen beseitigen soll. Aristomachus hat den schadhaften Theil meines Gebisses mit seinem Faustschlage entfernt, und mir jene furchtbare Operation, vor der ich zitterte, erspart. Als ich zu mir kam, fand ich drei ausgeschlagene Zähne in meinem Munde, – den kranken und zwei leidlich gesunde, denen es anzusehen war, daß sie mir später vielleicht Schmerzen verursacht haben würden.

›Grüße Rhodopis und den schönen Phanes von mir; Dich aber ersuche ich, heute über ein Jahr ein Gastmahl in meinem Hause zu Sybaris einzunehmen(Anm. 185) Athen. XII. 20. Plut. sept. sap. p. 147.. Wir pflegen unsere Einladungen wegen mancher kleiner Vorbereitungen etwas früh zu machen.

›Ich lasse diesen Brief von meinem gelehrten Sklaven Sophotatus im Rebenzimmer schreiben, denn ich bekomme den Krampf in die Finger, wenn ich nur der Arbeit des Schreibens zuschaue.‹«

Alle Gäste brachen in ein schallendes Gelächter ans; Rhodopis aber sagte: »Mich erfreut dieser Brief, weil ich aus ihm ersehe, daß Philoinus kein schlechter Mensch ist. Sybaritisch erzogen . . .«

»Verzeiht, ihr Herren, wenn ich euch störe, und Du, ehrwürdige Hellenin, daß ich ungeladen in Dein friedliches Haus dringe!« Mit diesen Worten unterbrach ein der Greisin fremder Mann, welcher von Allen unbemerkt in das Speisezimmer getreten war, das Gespräch der Schmausenden. – »Ich bin Gyges, Sohn des Krösus, und nicht zum Scherze vor kaum zwei Stunden von Sais fortgeritten, um zur rechten Zeit hier einzutreffen!«

»Menon, ein Polster für unsern neuen Gast!« rief Rhodopis. »Sei herzlich willkommen in meinem Hause und ruhe aus von Deinem wilden, echt lydischen Ritte.«

»Beim Hunde(Anm. 186) »νὴ τὸν κύνα.« Eid des Rhadamanthus, um den Namen der Götter zu vermeiden. Schol. Aristoph. Aves. 520., Gyges,« sagte Krösus, seinem Sohne die Hand reichend, »ich begreife nicht, was Dich zu so später Stunde hierherführt. Ich hatte Dich ersucht, nicht von des mir anvertrauten Bartja Seite zu weichen, und dennoch . . . Aber wie siehst Du aus? Ist etwas vorgefallen? Hat sich ein Unglück ereignet? So sprich doch, sprich!«

Gyges vermochte in den ersten Augenblicken kein Wort auf die Rede seines Vaters zu erwiedern. Ihm war, als er den Geliebten, für dessen Leben er gefürchtet hatte, wohlbehalten und fröhlich beim reichlichen Schmause sitzen sah, als habe er zum Zweitenmale die Sprache verloren. Endlich kehrte ihm die Kraft der Rede wieder und er antwortete: »Die Götter seien gepriesen, mein Vater, daß ich Dich wohlbehalten wiedersehe! Glaube ja nicht, ich habe meinen Posten an Bartja's Seite leichtsinnig verlassen. Ich bin gezwungen worden, mich als Unglücksvogel in diese frohe Versammlung einzudrängen. Wißt, ihr Männer, denn ich darf keine Zeit mit Vorbereitungen verlieren, – euer warten Verrath und Ueberfall.«

Alle Anwesenden sprangen, wie vom Blitz getroffen, auf die Füße. Aristomachus lockerte schweigend das Schwert in seiner Scheide und Phanes streckte die Arme aus, als wollt' er prüfen, ob ihm noch die alte athletische Spannkraft innewohne.

»Was ist's? – Was hat man mit uns vor?« fragte es von allen Seiten.

»Dieses Haus ist von äthiopischen Kriegern umstellt!« erwiederte Gyges. »Ein treuer Mensch hat mir mitgetheilt, der Thronerbe wolle Einen aus eurer Mitte gefangen fortführen lassen, ja er habe befohlen, sein Opfer zu tödten, wenn es sich wehren sollte. Ich fürchtete für Dich, mein Vater, und jagte hierher. – Der Mann, von dem ich Alles erfuhr, hat nicht gelogen. Dies Haus ist umstellt. Als ich an der Pforte Deines Gartens, o Rhodopis, anlangte, scheute mein Roß, trotz seiner Ermüdung. Ich stieg ab und gewahrte im Mondenscheine hinter jedem Strauche die blitzenden Waffen und glühenden Augen versteckter Menschen. Sie ließen uns ungestört in den Garten treten.«

»Eine wichtige Meldung!« unterbrach der in das Zimmer stürzende Knakias die Rede des Gyges. »Als ich soeben, um Wasser für den Mischkrug(Anm. 187) Das Nilwasser ist, wie wir aus eigener Erfahrung versichern können, außerordentlich wohlschmeckend. Ein Reisender nennt es den Champagner unter den Wassern, die Damen im Harem des Großsultans lassen Nilwasser bis nach Konstantinopel kommen, und die Araber sagen, daß Mohammed, wenn er davon getrunken hätte, sich ein ewiges Leben gewünscht haben würde. aus dem Nile zu holen, dem Strome zuging, stürzte mir ein Mensch entgegen, welcher mich beinahe umgerannt hätte. Ich erkannte ihn bald. – Es war ein äthiopischer Ruderer des Phanes, der hastig erzählte, er wär' eben, um zu baden, aus dem Nachen in den Nil gesprungen, als eine königliche Barke sich an den Kahn des Phanes gelegt und ein Soldat die in demselben verweilende Mannschaft gefragt habe, wem sie diene. ›Dem Phanes,‹ antwortete der Steuermann. Die königliche Barke fuhr langsam weiter, ohne sich scheinbar um Dein Schiff, mein Oberst, zu kümmern; der badende Ruderknecht hatte sich aber zum Scherz auf das Steuer des fremden Fahrzeuges gesetzt, und hörte dort, wie ein äthiopischer Soldat einem andern zurief: ›Behalte dieß Fahrzeug wohl im Auge; wir wissen jetzt, wo der Vogel sein Nest hat; nun wird es leicht sein, ihn zu fangen. Bedenke, daß uns Psamtik zwanzig goldene Ringe versprochen hat, wenn wir den Athener todt oder lebendig nach Sais bringen.‹ – Solches berichtete Sebek, der Matrose, welcher Dir seit sieben Jahren dient, o Phanes.«

Mit großer Ruhe hatte der Athener die Erzählung des Gyges und die des Sklaven mit angehört.

Rhodopis zitterte. Aristomachus rief: »Ich lasse Dir kein Härchen krümmen und müßten wir ganz Aegypten zerschlagen!« Krösus rieth zur Vorsicht; eine ungeheure Aufregung hatte sich des ganzen Kreises bemächtigt.

Endlich brach Phanes sein Stillschweigen und sagte. »Niemals ist Ueberlegung nöthiger, als in Gefahr. Ich bin mit Nachdenken fertig und sehe ein, daß ich schwerlich zu retten bin. Die Aegypter werden versuchen, mich ohne Aufsehen zu beseitigen. Sie wissen, daß ich morgen in aller Frühe mit einer phoceischen Triere von Naukratis nach Sigeum segeln will und haben also keine Zeit zu verlieren, wenn sie mich fangen wollen. Dein ganzer Garten, Rhodopis, ist umstellt. Sollt' ich bei Dir bleiben, so wärest Du sicher, daß man Dein Haus nicht mehr als Asyl achten, es durchsuchen und mich in ihm fangen würde. Das phoceische Schiff, welches mich zu den Meinen bringen soll, wird ohne Zweifel gleich diesem Hause bewacht. Um meinetwillen soll kein unnützes Blut vergossen werden.«

»Du darfst Dich nicht ergeben!« schrie Aristomachus.

»Ich hab's, ich hab's!« rief plötzlich Theopompus, der milesische Kaufmann. »Morgen bei Sonnenaufgang segelt ein von mir befrachtetes Schiff mit ägyptischem Getreide, nicht von Naukratis, sondern von Kanopus aus nach Milet. Nimm das Pferd des edlen Persers und reite dorthin; wir bahnen Dir mit Gewalt den Weg durch den Garten!«

»Unsere unbewaffnete Schaar würde zu einem Gewaltstreiche nicht genügen,« erwiederte Gyges. »Wir sind zehn Männer, von denen nur drei ein Schwert besitzen; – jene, deren Zahl sich wenigstens auf hundert beläuft, sind bis an die Zähne bewaffnet.«

»Und wenn Du, Lyder, zehnmal keinen Muth hast, und wenn ihrer zweimal hundert wären,« rief Aristomachus, – »ich kämpfe!«

Phanes drückte dem Freunde die Hand. Gyges erbleichte. Der erprobte Held hatte ihn muthlos genannt. Wieder fand er keine Worte, sich zu vertheidigen. Bei jeder Erregung des Gemüths versagte die Sprache seiner Zunge; plötzlich rötheten sich aber seine Wangen und schnell und bestimmt rief er: »Folge mir, Athener! Du aber, Spartaner, der Du sonst zu erwägen pflegst, ehe Du sprichst, nenne in Zukunft Niemand muthlos, den Du nicht kennst. – Ihr Freunde, Phanes ist gerettet. Lebe wohl, mein Vater!«

Erstaunten Muthes schauten die Zurückbleibenden auf die sich entfernenden Männer. Kurze Zeit nach ihrem Verschwinden hörten die lauschenden Gäste den Hufschlag zweier fortsprengender Pferde; dann vernahmen sie nach längerer Zeit einen langgedehnten Pfiff und Hülferufe vom Nile her.

»Wo ist Knakias?« fragte Rhodopis einen ihrer Sklaven.

»Er hat sich mit Phanes und dem Perser in den Garten begeben.« In diesem Augenblicke trat der alte Diener zitternd und bleich in das Zimmer.

»Hast Du meinen Sohn gesehen?« rief ihm Krösus entgegen.

»Wo ist Phanes?«

»Beide lassen euch den Abschiedsgruß durch mich überbringen.«

»So sind sie fort? – Wie entkamen sie? Wohin wandten sie sich?«

»Hier in diesem Seitenzimmer,« erzählte der Sklave, »hatten der Athener und der Perser zuerst einen Wortwechsel. Dann mußte ich Beide entkleiden. Phanes that die Hosen, den Rock und den Gürtel des Fremden an und setzte dessen spitze Mütze auf seine Locken; der Perser aber hüllte sich in das Chiton und den Mantel des Atheners, schmückte seine Stirn mit dem goldnen Reife desselben, ließ sich die Haare von seiner Oberlippe schneiden, und befahl mir, ihm in den Garten zu folgen.

»Phanes, den Jedermann in seiner neuen Kleidung für einen Perser halten mußte, schwang sich auf eines der vor der Pforte haltenden Rosse. Der Fremde rief ihm fortwährend zu: ›Lebe wohl, Gyges, – lebe wohl, geliebter Perser, – reise glücklich, Gyges!‹ Der an der Pforte harrende Diener ritt ihm nach. In den Büschen hörte ich überall Waffengeklirr, aber Niemand trat dem fortjagenden Athener in den Weg. Die versteckten Krieger hielten ihn ohne Frage für einen Perser.

»Als wir wieder vor diesem Hause standen, befahl mir der Fremde: ›Jetzt begleite mich zur Barke des Phanes und laß nicht ab, mich bei dem Namen des Atheners zu nennen.‹ – ›Aber die Matrosen können Dich leicht verrathen,‹ wandte ich ein. ›So geh' erst allein zu ihnen und befiehl, sie möchten mich empfangen, als wäre ich Phanes, ihr Gebieter.‹

»Ich bat nun, er möge mir erlauben, mich statt seiner im Kleide des Entflohenen von den Häschern ergreifen zu lassen. Er verweigerte dies auf's Bestimmteste, und er hatte Recht, als er sagte, meine Haltung würde mich leicht verrathen. Ach, nur der Freie schreitet gerade und aufrecht einher; des Sklaven Nacken ist immer krumm und seine Bewegungen entbehren der Anmuth, die ihr Edlen in den Schulen und Gymnasien erlernt. So wird es ewig bleiben, denn unsere Kinder müssen ihren Vätern ähnlich werden; entwächst doch der garstigen Zwiebel keine Rose und dem grauen Rettig keine Hyazinthe(Anm. 188) Nach einigen Versen des Theognis von Megara † 480 v. Chr. IV. 62.. Das Dienen krümmt den Nacken, wie das Bewußtsein der Freiheit den Wuchs erhebt!«

»Was ist aus meinem Sohn geworden?« rief Krösus, den Sklaven unterbrechend.

»Er nahm mein armes Opfer nicht an und setzte sich, indem er mir tausend Grüße an Dich, o König, auftrug, in die Barke. Ich schrie ihm nach: ›Gehabe Dich wohl, Phanes, glückliche Reise, Phanes!‹ Eine Wolke hatte sich über den Mond gebreitet; es war sehr finster geworden. Plötzlich hörte ich Geschrei und Hülferufe; das dauerte aber nur kurze Zeit, dann erklang ein gellender Pfiff, und endlich vernahm ich nur noch gleichmäßige Ruderschläge. Eben wollt' ich, um euch von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, in's Haus zurückkehren, als Sebek, der Schiffsknecht, von Neuem angeschwommen kam. Er berichtete Folgendes: ›Die Aegypter hatten die Barke des Phanes, wahrscheinlich durch Taucher, anbohren lassen. Sobald sie in die Mitte des Stromes gelangt war, sank sie unter. Die Matrosen schrieen nach Rettung. Da kam das königliche Schiff, welches ihnen folgte, herbei, nahm den vermeinten Phanes, als wenn es ihn retten wollte, an Bord, und verhinderte die Matrosen des Atheners, von ihren Bänken zu weichen. Sie Alle sind mit dem angebohrten Fahrzeuge untergegangen, nur der kühne Schwimmer Sebek erreichte das Ufer. Gyges befindet sich auf dem königlichen Schiffe; Phanes ist entkommen, denn jener Pfiff muß den Soldaten an der Hinterpforte gegolten haben. – Als ich, bevor ich hierherkam, die Büsche an der Straße untersuchte, fand ich keinen Menschen mehr hinter ihnen; doch hörte ich das Waffenrasseln und Reden der Krieger, welche sich wiederum auf dem Wege nach Sais befanden.‹«

Mit fieberhafter Spannung hatten die Gäste der Rhodopis dem Sklaven zugehört.

Als er seine Erzählung beendet hatte, war die Stimmung eine sehr getheilte. Das Glück, den geliebten Freund aus einer drohenden Lebensgefahr gerettet zu wissen, war das erste Gefühl der Meisten; dann aber machte sich die Furcht um den kühnen Lyder geltend. Man pries seinen Edelmuth, man beglückwünschte den Vater eines solchen Sohnes und kam endlich darin überein, daß der Thronerbe, sobald der Irrthum seiner Leute bemerkt werden würde, Gyges nicht nur ohne Weiteres freilassen müsse, sondern auch verpflichtet sei, ihm eine Genugthuung zu gewähren.

Krösus selbst beruhigte sich bei dem Gedanken an die Freundschaft des Amasis und jene Scheu, welche derselbe vor der Macht der Perser gezeigt hatte. Bald darauf verließ er das Haus der Rhodopis, um bei dem Melisier Theopompus zu übernachten.

»Grüße Gyges von mir!« rief Aristomachus, als sich der Greis entfernte. »Ich lasse ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich wünschte ihn zum Freunde zu haben, oder, wenn das nicht ginge, ihm als ehrlichem Feinde im Felde gegenüber zu stehen.«

»Wer kann wissen, was die Zukunft bringt!« erwiederte Krösus, dem Spartaner die Hand reichend.

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