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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Sechstes Kapitel.

Der König Amasis hatte sich nach dem beschriebenen Gastmahle kaum drei Stunden nächtlicher Ruhe gegönnt. Wie alle Tage, so weckten ihn auch heute beim ersten Hahnenschrei junge Priester aus dem Schlummer, wie alle Tage führten sie ihn in's Bad, schmückten ihn mit dem königlichen Ornate und führten ihn zum Altar im Hofe des Schlosses, woselbst er vor den Augen des Volkes sein Opfer darbrachte, während der Oberpriester mit lauter Stimme Gebete sang, die Tugenden des Königs aufzählte und, um jeden Tadel von dem Haupte des Herrschers fern zu halten, seine schlechten Rathgeber für alle fluchwürdigen, in Unkenntnis begangenen Sünden verantwortlich machte.

Wie alle Tage ermahnten ihn die Priester, seine Tugenden erhebend, zum Guten, lasen ihm die nützlichen Thaten und Rathschläge der großen Männer aus den heiligen Schriften vor und führten ihn in seine Gemächer, woselbst Briefe und Berichte aus allen Theilen des Landes seiner warteten(Anm. 138) Diese Einteilung des Tages eines Königs von Aegypten, welche Diod. I. 70 bringt, wird im Ganzen von den Denkmälern bestätigt..

Diese sich alle Morgen wiederholenden Ceremonien und Arbeitsstunden pflegte Amasis treulich inne zu halten, während er den späteren Theil des Tages wie es ihm beliebte, meistens in heiterer Gesellschaft zubrachte(Anm. 139) Herod. II. 173..

Darum warfen ihm die Priester vor, daß er ein unkönigliches Leben führe; er aber antwortete einst dem erzürnten Oberpriester: »Siehe diesen Bogen! Wenn Du ihn fortwährend anspannst, so wird er bald seine Kraft verlieren; benutzst Du ihn aber den halben Tag und gönnst ihm dann seine Ruhe, so bleibt er stark und brauchbar, bis die Sehne zerreißt.«

Amasis hatte soeben den letzten Brief, die Bitte eines Nomarchen(Anm. 140) Nomarchen hießen die obersten Verwalter der Gaue oder Nomen von Aegypten, in welche das ganze Reich getheilt war. Der Name Nomos (νόμος) ist ganz griechisch und bedeutet wohl ursprünglich einen Weidebezirk. Aegyptisch heißt der Nomos p-tasch oder Thesp. Wir sind jetzt, namentlich durch die Verdienste des Engländers Harris, Brugsch's, Parthey's, Dümichen's und Jacques de Rougé's auf das Genaueste von der Eintheilung des Pharaonenreichs unterrichtet. Die Resultate der genannten Gelehrten wurden möglich durch viele an den Tempelwänden gefundene Listen der Nomen, aus denen hervorgeht, daß das ganze Land meist in 26 oberägyptische und 24 unterägyptische Gaue getheilt wurde, deren jeder 3 Unterabtheilungen hatte. Der Begriff des Nomos ward sehr zutreffend definirt von dem alexandrinischen Bischof Cyrill. in Esai. 19. Nach den neueren Forschungen scheint es wahrscheinlich, daß die Grenzen der Nomen nicht durch zufällige lokale Verhältnisse entstanden, sondern durch die Legung von Graden mathematisch genau gezogen worden sind. Unter den Nomarchen, die den ganzen Nomos verwalteten, und wohl in der Metropolis, die dem Gau den Namen gab, residirten, standen in der Ptolemäerzeit die Toparchen, welche den Ortskreisen geboten. Diese letzteren wurden in Feldstücke (άρουραι, μερίδες) zerlegt. Strabo 787. um Gelder für mehrere nach der Ueberschwemmung nöthig gewordene Uferbauten(Anm. 141) Wegen der eigenthümlichen Beschaffenheit des Nils waren Uferbauten besonders nöthig. Die Pharaonen schätzten es sich zur Ehre, für dieselben zu sorgen. Herodot erzählt, daß Menes den westlichen Nilarm bei Memphis abgedämmt habe. Diese Nachricht kann richtig sein. S. Anm. 49. Daß auch der Mörissee zur Regulirung der Ueberschwemmung gegraben worden sei, unterliegt keinem Zweifel mehr. Lepsius, Chronol. I. p. 262. Linant de Bellefonds, Mémoire sur le lac de Moeris. S. a. H. Stephan, das heutige Aegypten S. 8., das Geforderte bewilligend, unterschrieben, als ihm ein Diener mittheilte, der Thronfolger Psamtik ließe seinen Vater ersuchen, ihm auf einige Minuten Gehör zu schenken.

Amasis, welcher, erfreut über die günstigen Berichte aus allen Theilen des Landes, den Eintretenden heiter bewillkommnet hatte, wurde plötzlich ernst und nachdenklich. Endlich rief er nach langem Zaudern: »Geh' und sage dem Prinzen, er möge kommen!«

Psamtik, wie immer bleich und düster, verneigte sich, als er die väterliche Schwelle überschritt, tief und ehrfurchtsvoll.

Amasis dankte ihm durch einen schweigenden Wink; dann fragte er kurz und streng: »Was begehrst Du von mir? Meine Zeit ist gemessen.«

»Absonderlich für Deinen Sohn,« antwortete mit zuckenden Lippen der Thronerbe. »Siebenmal habe ich Dich um die große Gunst ersuchen lassen, welche Du mir heute endlich gewährst.«

»Keine Vorwürfe! Ich vermuthe den Grund Deines Kommens. Ich soll Dich in Betreff Deiner Zweifel über die Herkunft der Nitetis aufklären.«

»Ich bin nicht neugierig und komme vielmehr, um Dich zu warnen und zu erinnern, daß außer mir noch ein Anderer lebt, welcher um dieses Geheimniß weiß!«

»Phanes?«

»Wer sonst? Er, der aus Ägypten und der eigenen Heimath Vertriebene, wird in wenigen Tagen Naukratis verlassen. Wer bürgt Dir dafür, daß er uns nicht an die Perser verräth?«

»Die Güte und Freundschaft, welche ich ihm stets erwiesen habe.«

»So glaubst Du an die Dankbarkeit der Menschen?«

»Nein! aber ich vertraue meiner Fähigkeit, sie zu beurtheilen. Phanes wird uns nicht verraten! Ich wiederhole es, er ist mein Freund!«

»Vielleicht Dein Freund, aber mein Todfeind!«

»So hüte Dich vor ihm! Ich habe nichts von ihm zu fürchten.«

»Du nicht, aber unsere Heimath! O bedenke Vater, daß, wenn ich Dir auch verhaßt sein mag als Dein Sohn, ich Dir dennoch als die Zukunft Ägyptens am Herzen liegen muß. Bedenke, daß nach Deinem Tode, den die Götter noch lange verhüten mögen, ich, wie Du es jetzt bist, die Gegenwart dieses herrlichen Landes darstellen werde, daß mein Sturz in Zukunft dasselbe bedeuten wird, wie der Fall Deines Hauses, wie der Untergang Aegyptens.«

Amasis ward immer ernster, während Psamtik dringend fortfuhr: »Du wirst, Du mußt mir Recht geben! Dieser Phanes hat die Macht in Händen, jedem auswärtigen Feinde unser Land zu verrathen, denn er kennt es so gut wie ich und Du; in seiner Brust schlummert ferner ein Geheimniß, dessen Verrath unsern mächtigsten Freund zu unserem furchtbarsten Feinde machen könnte.«

»Du irrst! Nitetis ist zwar nicht meine, aber dennoch die Tochter eines Königs und wird es verstehen, das Herz ihres Gatten zu gewinnen.«

»Und wäre sie die Tochter eines Gottes, so würde Dir Kambyses, wenn er das Geheimniß durchschaute, zum Feinde werden; weißt Du doch, daß bei den Persern die Lüge für das größte Verbrechen(Anm. 142) Herod. I. 138. Xenoph. Cyrop. VIII. 8. 7. Avesta (Spiegel). Fargard IV. S. III. Theil Anmerk. 158. und sich betrügen zu lassen für schmählich gilt; Du aber hast den Stolzesten, Mächtigsten unter ihnen betrogen; und was wird ein einzelnes unerfahrenes Mädchen vermögen, wo sich hundert in allen Ränken fein geschulte Weiber um die Gunst ihres Herrschers bewerben!«

»Gibt es bessere Lehrer in der Redekunst, als Haß und Rache?« fragte Amasis mit schneidender Stimme. »Thörichter Sohn, glaubst Du denn, daß ich ein so gefährliches Spiel ohne reifliche Erwägung aller Umstände unternommen haben würde? Laß Phanes meinetwegen heute noch den Persern erzählen, was er nicht einmal weiß, was er nur ahnen, niemals aber beweisen kann. Ich der Vater und Ladice die Mutter müssen wohl am besten wissen, wer unser Kind sei. Wir Beide nennen Nitetis unsere Tochter; wer darf behaupten, sie sei es nicht? – Will Phanes die Schwächen unseres Landes einem anderen Feinde verrathen, wie den Persern, so möge er es thun; ich fürchte keinen! Willst Du mich auffordern, einen Mann, dem ich vielen Dank schulde, einen Freund, welcher mir zehn Jahre lang treulich diente, zu verderben, bevor er mich beleidigte, so sage ich Dir, daß ich, statt ihm Schaden zu thun, bereit bin, ihn vor Deiner Rache zu schützen, deren unlauteren Grund ich kenne.«

»Mein Vater!«

»Du möchtest diesen Mann verderben, weil er Dich verhindert hat, die Enkelin der Thracierin Rhodopis von Naukratis mit Gewalt an Dich zu bringen, weil ich ihn, als Du Dich für unfähig erwiesen, an Deiner Stelle zum Feldherrn ernannt habe. Du erbleichst? Wahrlich, ich bin Phanes dankbar, daß er mich von Deinen ruchlosen Plänen in Kenntniß setzte und mir dadurch Gelegenheit gab, die Stützen meines Thrones, denen Rhodopis theuer ist, immer fester an mich zu knüpfen.«

»O, Vater! daß Du die Fremden also benennst, daß Du des alten Ruhmes der Aegypter also vergessen kannst! Schmähe mich, wie Du willst; ich weiß, daß Du mich nicht liebst; sage aber nicht, daß wir der Ausländer bedürfen, um groß zu sein! Sieh' zurück in unsere Geschichte! Wann waren wir am größten? Damals, als wir allen Fremden ohne Ausnahme die Pforten unseres Landes verschlossen und, auf eigenen Füßen stehend, der eignen Kraft vertrauend, nach den uralten Gesetzen unserer Väter und unserer Götter lebten. Jene Zeiten haben gesehen, wie Ramses der Große(Anm. 143) Ramses der Große, Sohn des Sethos, welchen ersteren die Griechen Sesostris nannten (über die Ursachen dieser Verwechselung Lepsius, Chronol. d. Aegypt. S. 538), regierte von 1394 bis 1328 v. Chr. Unter demselben entfaltete sich die ägyptische Macht zur höchsten Blüthe, denn er bezwang viele Völker von Afrika und Asien mit einem Heere, welches nach Diodor I. 53–58 aus 600,000 Fußsoldaten, 24,000 Reitern, 27,000 Wagenkämpfern und 400 Kriegsschiffen bestand, und grub sein Bild und seinen Namen als Siegestrophäe in die Felsen der unterjochten Länder ein. Herodot hat zwei dieser Bilder selbst gesehen II. 102–106, und heute noch kann man zwei derselben unweit Bairut, dem alten Βερόη oder Βερυτός finden. Guys und Wyse lieferten Abbildungen derselben. Solche finden sich auch in Lepsius' Denkmälern und den Annales de l'institut de corresp. Archéol. Rome 1834. Mit Bezug auf diese Bilder nennen ihn wohl die ägyptischen Monumente: cher ta-u em menn-u her ran-f, der da festhält die Welt durch die Monumente, bezüglich auf seinen Namen. Ungeheure Tribute strömten durch ihn nach Aegypten, Tacitus annal. II. 60, welche ihn in den Stand setzten, wunderbare Prachtbauten von Nubien bis Tanis, besonders aber in seiner Residenz Theben zu errichten. Einer der Obelisken, welche er zu Theben aufstellte, befindet sich heute auf der place de la concorde zu Paris. In jüngster Zeit übersetzt von F. Chabas. An den erhaltenen Wänden der Paläste und Tempel, welche der große Ramses errichten ließ, finden wir heute noch tausend Bilder, die ihn selbst, seine Heere, die vielen Völkerschaften, die seinen Waffen unterlagen, und die Götter, denen er seine Siege danken zu müssen glaubte, darstellen. Unter den letzteren scheint er dem Ammon und der Bast besondere Ehrfurcht gezollt zu haben. Andererseits ersehen wir aus den Inschriften, daß die Himmlischen alle Zeit bereit waren, ihrem Lieblinge jeden Wunsch zu erfüllen. Seine Kämpfe gegen die Cheta werden in langen Hieroglyphenreihen, sowohl auf der südlichen Wand des ungeheuren Säulensaales zu Karnak, als auch zu Luqsor und im Sallier'schen Papyrus poetisch geschildert. Das gleiche auf seine Thaten bezügliche Epos findet sich an sechs verschiedenen Stellen. Behandelt von Vicomte E. de Rougé. Der höchst interessante Friedensvertrag, den er mit den Cheta schloß, ist erhalten und vollständig übersetzt worden von Chabas in seinen Beigaben zur Analyse des Papyrus Anastasi I. voyage d'un Égyptien. Sein Porträt mit der leichtgebogenen Nase, das ihn in frischer Unternehmungslust darstellt, muß höchst charakteristisch genannt werden. Die schönste seiner Porträtstatuen wird im ägyptischen Museum zu Turin konservirt. Die Denkmäler befähigen uns, sein ganzes Leben von seiner Jugend, mit der uns namentlich die Denkmäler von Abydos bekannt machen, bis zu seinem Tode zu verfolgen, und geben Aufschlüsse über jedes Glied seiner Familie. Unter seines Vaters Seti Regierung erreichte auch die ägyptische Kunst ihre höchste Blüthe. mit unseren siegreichen Waffen die entlegensten Völker unterjochte, jene Zeiten haben gehört, wie die ganze Welt Aegypten das erste, größte Land der Erde nannte! Was sind wir jetzt? Aus Deinem, des Königs eignem Munde höre ich fremde Bettler und Abenteurer ›Stützen des Reiches‹ nennen; Dich, den König, sehe ich eine elende List bereiten, um die Freundschaft eines Stammes zu gewinnen, über welchen wir, ehe die Fremden zum Nile kamen, große Siege erfechten konnten(Anm. 144) Der Jude Josephus erzählt, dem Manetho folgend, Ramses habe auch die Meder bezwungen (??). Dies wäre nicht so unwahrscheinlich, wenn man in Bachtan Ekbatana (?) sehen darf, wo wir in der 20. Dynastie einen Pharaonen Tribute einsammeln sehen. Freilich spricht manches gegen diese Etymologie. Brugsch hält es für Bachi. Bachtan lag jedenfalls in Asien. Stele von der Bentrescht in der pariser Bibliothek. E. de Rougé, Étude sur une stèle égyptienne etc. Journ. Asiat. 1856–58.. Aegypten war eine reichgeschmückte mächtige Königin, jetzt ist es eine geschminkte, mit goldenen Flittern behängte Dirne!«

»Hüte Deine Zunge!« rief Amasis, die Erde mit dem Fuße stampfend. »Aegypten war niemals so blühend und groß als jetzt! Ramses hat unsere Waffen in ferne Lande getragen und Blut mit ihnen erworben; ich aber habe es dahin gebracht, daß die Erzeugnisse unserer Hände bis zu den Enden der Welt befördert werden und uns, statt des Blutes, Schätze und Segen bringen. Ramses ließ Blut und Schweiß der Unterthanen in Strömen für den Ruhm seines Namens fließen, ich habe es dahin gebracht, daß Blut nur sparsam, der Schweiß nur im Dienste nützlicher Arbeiten in meinem Lande vergossen wird und jeder Bürger in Sicherheit, Glück und Wohlstand seine Lebensreise vollenden kann. An den Ufern des Nils erheben sich jetzt zehntausend(Anm. 145) Herod. II. 177. Diese Nachricht scheint übertrieben zu sein, da nach Diodor zur Zeit der Ptolemäer Aegypten nicht mehr als 7 Millionen Einwohner zählte. Diod. I. 31. Josephus gibt 7,500,000 Seelen an. Die Zahl beim Theokrit ist nichts als eine mnemonische Spielerei mit der Zahl 3. Lane berechnet in seinem Account of the manners and customs of the modern Egyptians, daß dies Land für 8 Millionen Nahrung spenden könne. Champollion le jeune glaubt 6–7 Millionen annehmen zu dürfen. Die Einwohnerzahl von Aegypten betrug 1830 nach Lane 2,500,000 Seelen; nach Stephan, Das heutige Aegypten 1872 S. 58, hatte 1866 Aegypten 4,848,529 Einwohner. volkreiche Orte, kein Fuß breit Landes ist unbebaut, kein Kind in Aegypten entbehrt der Wohlthat des Rechtes und Gesetzes, kein Bösewicht kann sich dem wachen Auge der Obrigkeit entziehen. – Sollte uns ein Feind überfallen; wohl, so stehen neben unseren Festungen und den Bollwerken(Anm. 146) Die alten Aegypter verstanden sich sehr gut auf Befestigungskunst. Die Bilder auf den Denkmälern zeigen Forts mit Mauern und Zinnen. In unseren Werken Aegypt. I. 78 fgd. und Durch Gosen zum Sinai S. 71 fgd. haben wir zu beweisen versucht, daß der Nordosten des Landes (von Pelusium bis zum rothen Meere) durch eine Reihe von Fortifikationen gegen die Angriffe der Asiaten gesichert war., die uns die Götter gegeben, den Katarrhakten, dem Meere und der Wüste, die besten Soldaten, welche jemals Waffen trugen, dreißigtausend Hellenen, außer der ägyptischen Kriegerkaste, zu unserem Schutze bereit. So steht es um Aegypten! Den Flitterstaat eitlen Ruhmes bezahlte es einst dem Ramses mit blutigen Thränen. Das echte Gold wahrhaftigen Bürgerglückes und friedlicher Wohlfahrt schuldet es mir und meinen Vorgängern, den saitischen Königen!«

»Und dennoch sage ich Dir,« rief der Erbprinz »daß Aegypten ein Baum ist, an dessen Lebensmark ein tödtender Holzwurm nagt. Das Ringen und Streben nach Gold, nach Pracht und Glanz hat alle Herzen verdorben. Die Ueppigkeit der Fremden gab den schlichten Sitten unserer Bürger den Todesstoß. Für Gold ist Alles zu haben. Häufig hört man von Hellenen verführte Aegypter der alten Götter spotten; Zwist und Hader trennt die Kasten der Priester und Krieger. Täglich werden blutige Schlägereien zwischen hellenischen Söldnern, ägyptischen Kriegern, Fremden und Einheimischen gemeldet, Hirt und Heerde bekriegen einander; der eine Stein der Staatsmühle zerreibt den andern, bis das ganze Werk in Staub und Schutt versinken wird. Ja, Vater, wenn nicht heute, so werde ich niemals reden, und ich muß endlich aussprechen, was mein Herz bedrückt! Während Deiner Kämpfe mit unserer ehrwürdigen Priesterschaft, der besten Stütze des Thrones, hast Du ruhig mitangesehen, wie sich die junge Macht der Perser gleich einem Völker verschlingenden Ungethüm, welches bei jedem neuen Fraße furchtbarer und gewaltiger wird, von Ost nach Westen wälzte. Statt den Lydern und Babyloniern zu Hülfe zu kommen, wie Du ursprünglich wolltest, halfest Du den Griechen Tempel für ihre Lügengötter bauen. Als aber endlich jeder Widerstand unmöglich erschien, als Persien die halbe Welt unterjocht hatte und übermächtig und unbezwinglich von allen Königen fordern durfte, was es mochte, da schienen die Unsterblichen, Dir noch einmal die Hand zur Rettung Aegyptens reichen zu wollen. Kambyses begehrte Deine Tochter; Du aber, zu schwach, um Dein rechtes Kind der allgemeinen Wohlfahrt zu opfern, sendest dem Großkönige ein untergeschobenes Mädchen und schonest, weichmüthig wie Du bist, eines Fremdlings, der das Wohl und Wehe Deines Reiches in Händen hält und es verderben wird, wenn es nicht schon früher, von innerer Zwietracht zernagt, zusammensinkt!«

Bis hierher hatte Amasis, bleich und bebend vor Zorn, sein Theuerstes schmähen lassen. Jetzt konnte er nicht länger schweigen, und mit einer Stimme, welche wie Posaunenklänge durch die weite Halle schmetterte, rief er aus: »Weißt Du wohl, wessen Dasein ich opfern müßte, wenn mir nicht das Leben meiner Kinder und die Erhaltung des von mir begründeten Herrscherhauses lieber wäre, als die Wohlfahrt dieses Landes? Kennst Du, großsprecherischer, rachdürstiger Sohn des Unheils, den zukünftigen Verderber dieses herrlichen, uralten Reichs? Du bist es, Du, Psamtik, der von den Göttern gezeichnete, von den Menschen gefürchtete Mann, dessen Herz keine Liebe, dessen Brust keine Freundschaft, dessen Antlitz kein Lächeln, dessen Seele kein Mitleid kennt! – Ein Fluch der Götter belastete Dich mit dem Dir eigenen unseligen Wesen und der Unsterblichen Feindschaft endet mit schlimmen Erfolgen, was Du beginnst. – Höre jetzt, denn einmal muß es gesagt sein, was Dir meine väterliche Schwäche so lange verschwiegen. Ich hatte meinen Vorgänger gestürzt und ihn gezwungen, mir seine Schwester Tentcheta zum Weibe zu geben. Sie gewann mich lieb und versprach ein Jahr nach der Hochzeit mich mit einem Kinde zu beschenken. In der Nacht, welche Deiner Geburt vorherging, schlief ich, vor dem Lager meiner Gattin sitzend, ein. Da träumte mir, Deine Mutter läge am Ufer des Nils. Sie klagte mir, sie empfinde Schmerzen in der Brust. Ich beugte mich zu ihr hernieder und sah, daß eine Cypresse ihrem Herzen entwuchs. Der Baum wurde immer größer, immer breiter und schwärzer; seine Wurzeln aber wanden sich um Deine Mutter und erwürgten sie. Ein kalter Schauder faßte mich. Ich wollte fliehen. Plötzlich erhob sich von Osten her ein furchtbarer Orkan, der die Cypresse umstürzte und sie niederwarf, so daß ihre breiten Zweige in den Nil schlugen. Da hörte der Strom zu fließen auf, sein Wasser verhärtete sich und statt des Flusses lag eine riesengroße Mumie vor mir. Die Städte an den Ufern schrumpften zusammen und wurden zu mächtigen Todten-Urnen, welche, wie in einem Grabe, den ungeheuren Leichnam des Nils umstanden. Da erwachte ich und ließ die Traumdeuter kommen. Keiner vermochte das wunderbare Gesicht zu erklären, bis mir endlich die Priester des libyschen Ammon folgende Deutung gaben: ›Tentcheta ist durch die Geburt eines Sohnes getödtet worden. Diesen, einen finstern unseligen Menschen, stellt die ihre Mutter mordende Cypresse dar. Unter seiner Regierung wird ein Volk von Osten den Nil, das sind die Aegypter, zu Leichen, und ihre Städte zu Trümmerhaufen, das sind die Todten-Urnen, machen.«

Psamtik stand seinem Vater wie ein Steinbild gegenüber, als dieser fortfuhr: »Deine Mutter starb bei Deiner Geburt, brandrothes Haar, das Zeichen der Söhne des Typhon(Anm. 147) Typhon, ägyptisch Seth, der Gott des Unheils und des Bösen, hat im religiösen Bewußtsein der Aegypter eine merkwürdige Wandlung erfahren, da er in der ältesten Zeit weniger entschieden als verderbliche Gottheit auftritt. Mariette hat nachgewiesen, daß er von der 5. Dynastie an verehrt ward. Zu einer unbedingt verderblichen Gottheit scheint er für die Aegypter erst in der Zeit der Hyksos, die ihn ausschließlich verehrten, geworden zu sein. Früher ward wohl das böse Prinzip durch die Schlange Apep personifizirt. Seth war Kriegsgott und zugleich der Gott des Auslands. Unterlagen die Fremden, so hielt man ihn hoch, triumphirten diese, so verfolgte man ihn. Ramses nennt sich gern seinen Verehrer; spätere Fürsten kratzen seinen Namen aus, wo sie ihn finden. Endlich wird er ausschließlich als Prinzip der Vernichtung verabscheut. Nach Plutarch regierte er alles leidenschaftliche, Ordnungslose, Unbeständige, Unwahre und Thörichte in der Seele des Menschen. In einem Papyrus heißt er »der allmächtige Zerstörer und Veröder«. Lepsius, Erster Götterkreis S. 53. In seinem Wesen spiegelten sich also auch die verderblichen Kräfte der Natur. Alle schädlichen Pflanzen und Thiere sind sein Eigenthum, und auch das ungenießbare, wankelmüthige, unfruchtbare Meer gehörte zu seinem Reiche. Der störrige Esel, das garstige Nilpferd, das gefräßige Krokodil und der wilde Eber sind seine Lieblingsthiere. Seine Farbe war das Rothe, darum soll man ihm in alter Zeit die rothhaarigen Menschen, welche man typhonisch nannte, geopfert haben. Diod. I. 88. Dasselbe berichtet Plutarch. Im Papyrus Ebers werden üble oder schädliche geradezu »rothe« Dinge genannt. Z. B. Pap. Ebers Taf. I. Z. 20. Die Menschenopfer haben schon in sehr früher Zeit aufgehört. Uebrigens sollen noch weit später die rothhaarigen Aegypter mit Koth beworfen und verachtet worden sein. Seth's Bilder zeigen ihn entweder in der Gestalt eines dem Windhunde ähnlichen Thieres mit spitzen Ohren und gespaltenem Schwanze oder stellen ihn mit Borsten auf dem Rücken und dem Kopfe eines Krokodils, Esels oder Nilpferdes dar. Wir werden Seth-Typhon in der Isis- und Osiris-Mythe wieder finden., umwuchs Deine Schläfe, Du wurdest ein düsterer Mann; – das Unglück verfolgte Dich, denn es raubte Dir ein geliebtes Weib und vier Deiner Kinder. Wie ich unter dem glücklichen Zeichen des Ammon, so wurdest Du, die Astrologen berechneten es, beim Aufgange des schrecklichen Planeten Seb geboren(Anm. 148) Die ägyptischen Astrologen waren weltberühmt. Herod. II. 82 sagt, die Aegypter hätten die Astrologie erfunden, und Aristoteles de coelo II. 12, sie wären die ersten Astronomen gewesen. Jede Stunde hatte ihre Planeten, von denen einige Glück, andere Unheil verkündeten; auch kam es bei Horoskopen auf die Stellung der Sterne an. Ammon (Jupiter) war stets glückverheißend, Seb (Saturn) stets verderblich. Toth (Merkur) schwankend. Die verschiedenen Gestirne sollten auch auf einzelne Gliedmaßen Einfluß haben. Champollion, Lettres p. 239. Firmicus Maternus IV. 16 nennt sogar die Namen zweier berühmter ägyptischer Astrologen, des Petosiris und Nechepso. Siehe auch Diod. I. 50. 81. II. 92. Die Denkmäler sind voll von astronomischen Darstellungen, und die Festkalender, welche bis auf uns kamen, bestätigen das, was die Klassiker von der Astronomie der Aegypter berichten., Du . . .«

Amasis unterbrach seine Rede, denn heftig schluchzend, überwältigt von der Fülle des Furchtbaren, das er vernommen, brach Psamtik zusammen und rief mehr stöhnend als sprechend:

»Höre auf, grausamer Vater, und verschweige wenigstens, daß ich der einzige Sohn in Aegypten bin, den der Haß seines Vaters schuldlos verfolgt!«

Amasis schaute auf den bleichen Mann hernieder, der, das Angesicht in die Falten seines Gewandes verbergend, vor ihm niedergesunken war. Sein schnell entflammter Zorn verwandelte sich in Mitleid. Er fühlte, daß er zu hart gewesen sei, daß er mit seiner Erzählung einen giftigen Pfeil in Psamtik's Seele geschleudert habe und gedachte an die vor vierzig Jahren verstorbene Mutter des Unglücklichen. – Seit langer Zeit zum Erstenmale sah er als Vater, als zum Troste Berufener auf diesen finsteren, jede Liebesbezeugung abweisenden, ihm in allen Anschauungen so fremden Mann. Sein weiches Herz fand sich jetzt zum Erstenmale in die Lage versetzt, eine Thräne in dem sonst so kalten Auge des Sohnes trocknen zu können. In freudiger Hast ergriff er diese Gelegenheit. Er beugte sich zu dem stöhnenden Manne hernieder, küßte seine Stirn, richtete ihn auf und sprach mit sanfter Stimme:

»Verzeihe mein Ungestüm, lieber Sohn. Die schlimmen Worte, welche Dich kränkten, kamen nicht aus dem Herzen des Amasis, sondern aus dem Rachen des Jähzorns. Du hast mich viele Jahre lang durch Kälte, Härte, Widerspenstigkeit und fremdes Wesen gereizt. Heute beleidigtest Du mich in meinen heiligsten Gefühlen, darum ward ich zu überschäumender Heftigkeit fortgerissen. Jetzt soll Alles wieder gut sein zwischen mir und Dir. Wenn wir auch zu verschiedener Art sind, als daß sich unsere Herzen je recht innig verschmelzen könnten, so wollen wir doch in Zukunft einig handeln und nachgiebig gegen einander sein.«

Psamtik küßte, sich stumm verneigend, das Kleid seines Vaters. »Nicht also,« rief dieser, »küsse meinen Mund! So ist's recht, so geziemt sich's zwischen Vater und Sohn! Was den wüsten Traum betrifft, den ich Dir erzählt habe, so sei unbesorgt. Träume sind Trugbilder; doch, wenn sie auch wirklich von den Göttern gesandt werden, so sind doch Diejenigen, welche sie deuten, menschlichen Irrthümern unterworfen. Deine Hand zittert noch immer und Deine Wangen sind bleicher wie Dein leinenes Gewand. Ich war hart gegen Dich, härter als ein Vater . . .«

»Härter als ein Fremder gegen den Fremden sein darf,« unterbrach der Thronfolger den König. »Du hast mich gebrochen und zerknickt, und wenn bis dahin mein Antlitz wenig lächelte, so wird es von heute an ein Spiegel des Elends sein.«

»Nicht also,« sagte Amasis und legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes. »Wenn ich Wunden schlage, so besitze ich auch die Macht, sie zu heilen. Nenne mir den wärmsten Wunsch Deines Herzens; er sei Dir gewährt!«

Psamtik's Augen blitzten auf, ein röthlicher Schimmer flog über seine fahlen Wangen und er erwiederte ohne sich zu besinnen, aber mit einer Stimme, in der die Erschütterung, welche sein Herz in den letzten Augenblicken erfahren hatte, nachzitterte. »Ueberlaß mir Phanes, meinen Feind.«

Der König blieb einige Augenblicke in Nachdenken versunken, dann sagte er. »Ich werde Deine Forderung erfüllen müssen; aber ich wollte lieber, Du hättest die Hälfte meines Schatzes verlangt, als dies. Tausend Stimmen in meinem Innern sagen mir, daß ich etwas zu thun im Begriff bin, das meiner unwürdig ist, das verderblich sein wird für mich, für Dich, für das Reich und für uns Alle. Ueberlege noch einmal, ehe Du handelst, und das sage ich Dir, was Du auch mit Phanes vorhast, der Rhodopis darf kein Haar gekrümmt werden; auch hast Du Sorge zu tragen, daß die Verfolgung meines armen Freundes besonders den Griechen ein Geheimniß bleibe. Wo werde ich einen Feldherrn, einen Berather und Tischgenossen wiederfinden wie ihn!? Ich seh' ihn auch noch nicht in Deiner Gewalt, und gebe Dir zu bedenken, daß, wenn Du auch klug als Aegypter sein magst, Phanes als Hellene klug ist! Besonders erinnere Dich auch an Deinen Eid, jedem Gedanken an die Enkelin der Rhodopis zu entsagen. Der Ersatz, welchen ich Dir biete, ist, meine ich, annehmbar; denn, kenne ich Dich recht, so erscheint Dir die Rache schätzbarer wie die Liebe! Was endlich Aegypten anbelangt, so wiederhole ich Dir, daß es niemals glücklicher war, als jetzt. Das Gegentheil zu behaupten fällt Niemandem ein, außer den unzufriedenen Priestern und Denen, welche ihnen nachplappern. Du möchtest auch die Geschichte von der Herkunft der Nitetis erfahren? So höre denn; Dein eigenes Interesse gebietet Dir zu schweigen!«

Psamtik lauschte gespannten Ohres der Mittheilung seines Vaters und dankte diesem, als er geendet hatte, durch einen starken Händedruck.

»Jetzt lebe wohl!« schloß Amasis die Unterredung mit seinem Sohne. »Vergiß nichts von dem, was ich Dir gesagt habe, und, darum bitte ich Dich besonders, vergieße kein Blut! Geschehe mit Phanes, was da wolle, ich mag nichts davon wissen, denn ich hasse die Grausamkeit und möchte Dich, meinen Sohn, nicht verabscheuen müssen. Wie fröhlich Du aussiehst! Armer Athener, Dir wäre besser, Du hättest niemals dieses Land betreten!«

Als Psamtik die Halle seines Vaters verlassen hatte, ging dieser noch lange sinnend in derselben auf und ab. Seine Nachgiebigkeit that ihm leid, und es war ihm schon jetzt, als sähe er den blutenden Phanes neben dem Schatten des von ihm gestürmten Hophra vor sich stehen. »Aber er konnte uns in der That zu Grunde richten,« entschuldigte er sich vor dem Richter in seiner eigenen Brust; dann schüttelte er sich, richtete sich hoch empor, rief den Dienern und verließ lachenden Mundes seine Gemächer.

Hatte der leichtblütige Mann, das Glückskind, seine mahnende Seele so schnell beruhigt, oder war er stark genug, um die Pein, welche er ausstand, mit dem Mantel eines Lächelns zu verbergen?

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