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Eine ägyptische Königstochter Bd. I

Georg Ebers: Eine ägyptische Königstochter Bd. I - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine ägyptische Königstochter
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger Verlag
addressStuttgart und Leipzig
titleEine ägyptische Königstochter Bd. I
created20021129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Fünftes Kapitel.

Die übrigen Mitglieder der persischen Gesandtschaft waren von ihrer Nilfahrt zu den Pyramiden nach Sais zurückgekommen; nur Prexaspes, der Botschafter des Kambyses, befand sich schon auf dem Heimwege nach Persien, um dem Könige den günstigen Erfolg seiner Freiwerbung anzuzeigen.

Im Schlosse des Amasis ging es gar lebhaft her. Das Gefolge der Botschafter des Kambyses, welches aus beinahe dreihundert Menschen bestand, und die vornehmen Gäste, denen man jede nur mögliche Aufmerksamkeit zollte, füllten alle Räume des großen saitischen Palastes. Die Höfe wimmelten von Leibwachen und Würdenträgern, jungen Priestern und Sklaven im reichsten Feierschmucke.

Der König wollte heut, in einem zu Ehren der Verlobung seiner Tochter veranstalteten Feste, den Reichthum und die Pracht seines Hofes ganz besonders glänzend entfalten.

Die hohe, von bunten Säulen getragene, dem Garten zugekehrte Empfangshalle, deren blau gemalte Decke mit tausend goldenen Sternen übersäet war, bot einen wahrhaft bezaubernden Anblick. An den mit Bildern und Hieroglyphenzeichen reichbemalten Wänden und Säulen hingen Lampen von farbigem Papyrus, die einen seltsamen, dem Sonnenlichte, welches durch bunte Scheiben strahlte, nicht unähnlichen Glanz verbreiteten. Der Raum zwischen den Wänden und Säulen war mit auserwählten Gewächsen, Palmen, Oleander, Granaten, Orangen und Rosen angefüllt, und hinter diesen verborgen stand eine unsichtbare Schaar von Harfen- und Flötenspielern, welche die Gäste mit feierlichen gleichförmigen Weisen empfing(Anm. 125) Die Schilderung dieser ganzen Gesellschaft ist den Wandgemälden entlehnt, welche Wilkinson, Rosellini, Lepsius u. A. in ihren großen Werken bildlich wiedergeben. Sie sind den Grabkapellen, d. h. dem ersten Saale der Felsengrüfte reicher Aegypter entnommen. In diesem versammelten sich die Hinterbliebenen der Verstorbenen, um seinen Manen zu opfern und sich seiner zu erinnern. Die Wandgemälde riefen hier das Gedächtniß an sein Leben, seine Würden, seinen Besitz, seine Liebhabereien &c. zurück. Mit Vorliebe zeigte man sich in geselligem Beisammensein mit den Seinen. Solche Darstellungen finden sich zu Kom el achmar bei Minieh, zu el Kab und besonders häufig in den Grüften des zu der Nekropolis von Theben gehörenden Schech Abd el Qurnah..

In der Mitte des mit weiß und schwarzen Platten belegten Fußbodens standen zierliche, mit kalten Braten, süßen Gerichten, wohlgeordneten Frucht- und Kuchenkörben, goldenen Weinkrügen, gläsernen Pokalen und kunstreichen Blumenvasen bedeckte Tafeln. Neben diesen tummelte sich eine Menge reichgeschmückter Sklaven, welche, unter Leitung des Haushofmeisters, die Speisen und Getränke den einzelnen Gästen, die sich theils stehend unterhielten, theils auf kostbaren Lehnstühlen sitzend mit ihren Freunden sprachen, überreichten.

Die Gesellschaft bestand aus Männern und Weibern jeden Alters. Den eintretenden Frauen boten junge Priester, die persönlichen Diener des Königs, zierliche Blüthensträuße dar, und mancher vornehme Jüngling war mit Blumen erschienen, welche er während des Festes der Auserwählten seines Herzens nicht nur überreichte, sondern sogar dicht unter die Nase hielt.

Die, wie bei dem Empfange der persischen Botschafter gekleideten Aegypter bezeigten sich höflich, beinahe unterwürfig gegen die Frauen, unter denen sich übrigens wenige hervorragende Schönheiten befanden. Freilich war so manches mandelförmige Auge von zauberhaftem Reiz, der noch erhöht wurde durch die Färbung seiner Ränder mit der mestem genannten Augenschminke. Das Haupthaar der Meisten war nach dem gleichen Vorbilde geordnet; so zwar, daß die ganze Fülle der wellig gebrannten Locken nach hinten herabwallte und vorn derartig hinter die Ohren gestrichen war, daß rechts und links ein Zopf übrig blieb, welcher, zwischen Auge und Ohr herabfallend, bis zur Brust reichte. Ein breites Diadem hielt diese Coiffüren zusammen, von denen die Zofen wußten, daß sie eben so häufig ein Werk des Haarkräuslers als der Natur waren. Ueber dem Scheitel hin lag bei vielen Damen des Hofes eine Lotusblume, deren Stengel auf ihren Hinterkopf herabfiel.

In den zarten, mit Ringen beladenen Händen, deren Nägel nach ägyptischer Sitte roth gefärbt waren(Anm. 126) Diese Sitte herrscht heute noch im Orient. Man bedient sich dazu der Hennapflanze, Lausonia spinosa. In Aegypten hat die Regierung diese Färbung verboten; doch wird man die fest eingewurzelte alte Sitte schwer zu beseitigen vermögen. Die oben erwähnte Schminkung der Augenränder ist gleichfalls noch heute üblich. Das arabische Kohl oder Spießglas kommt im Papyr. Ebers und auch sonst auf Denkmälern aus der Pharaonenzeit sehr häufig vor und führte den Namen Mestem., trugen sie Fächer von bunten Federn, um den Oberarm, das Handgelenk und die Fußknöchel goldene und silberne Reifen.

Die Gewänder aller anwesenden Aegypterinnen waren eben so schön als kostbar, namentlich durch die Feinheit der bis zur Durchsichtigkeit zarten Gewebe, und bei mancher so geschnitten, daß sie die rechte Brust unbedeckt ließen.

Wie sich unter den Männern der junge persische Königssohn, Bartja, durch Schönheit und Anmuth auszeichnete, so war Nitetis, die Tochter des Pharao, die bei weitem reizendste unter allen Aegypterinnen. Das fürstliche Mädchen, welches in einem durchsichtigen rosenrothen Gewande, mit frischen Rosen im schwarzen Haar, an der Seite ihrer gleichgekleideten Schwester wandelte, war bleich wie die Lotusblume, die das Haupt ihrer Mutter schmückte.

Die Königin Ladice(Anm. 127) Herod. II. 181. Nach dem Königsschilde der zweiten Gemahlin des Amasis, bei Lepsius Königsbuch II. Taf. 49, muß sie Sebaste genannt worden sein. Dieser Name kann für ägyptisch, aber auch für griechisch gehalten werden. In ersterem Falle würde sie Tochter der Göttin Bast, in letzterem »die Geehrte, Angebetete« bedeuten, und beweisen, daß die zweite Gemahlin des Amasis in der That eine Hellenin gewesen sei., von Geburt eine Griechin, Tochter des Battus von Cyrene, ging an der Seite des Amasis und führte die jungen Perser ihren Kindern zu. Ein leichtes Spitzengewand überwehte den golddurchwirkten Purpurstoff ihres Kleides. Auf dem schönen griechischen Haupte trug sie den mit einer goldenen Uräusschlange geschmückten Kopfputz der ägyptischen Herrscherinnen(Anm. 128) Am Kopfschmucke jedes Königs und jeder Königin von Aegypten waren Uräusschlangen, die Zeichen der Herrscherwürde, angebracht. Ein silberner Königinnenhauptschmuck mit den Schlangenköpfen findet sich im Leydener Museum. Abbildungen in dem Lepsius'schen Denkmälerwerke, bei Champollion, Mon., Rosellini, Mon. stor. und civil., bei Wilkinson u. a. a. O. in Menge.. Ihr Angesicht war eben so edel als wohlwollend, und jede Bewegung verrieth, daß sie jene Anmuth besaß, welche nur eine hellenische Erziehung zu geben vermochte.

Amasis hatte diese Frau, nach dem Tode seiner zweiten Gattin, der Aegypterin Tentcheta(Anm. 129) Lepsius, Königsbuch II. Tafel XXXVIII. Des Amasis erste Gemahlin scheint Anchnas, die Wittwe Psamtik II., gewesen zu sein, die er wohl, da sie schon ziemlich bejahrt war, aus politischen Gründen heirathete., der Mutter des Thronfolgers Psamtik, in Folge seiner Vorliebe für die Griechen und trotz des Einspruchs der Priester, zu seiner Königin erwählt.

Die beiden Mädchen an der Seite Ladice's, Tachot und Nitetis, wurden Zwillingsschwestern genannt; zeigten aber keine Spur jener Aehnlichkeit, welche man sonst bei Zwillingen zu finden pflegt.

Tachot war blond und blauäugig(Anm. 130) Die Aegypterinnen galten im Alterthum nicht gerade für schön. Dennoch finden wir unter den Porträts der Königinnen und Prinzessinnen, auf den Denkmälern sehr anmuthige Gesichter. Köstliche Proben von schönen ägyptischen Gesichtern haben sich bei den Ausgrabungen von Saqqara gefunden und sind abgebildet worden in Mariette's Serapéum. Denon sagt von den alten Bildern ägyptischer Frauen: »Celle des femmes ressemble encore à la figure des jolies femmes d'aujourd'hui: de la rondeur, de la volupté, le nez petit, les yeux longs, peu ouverts . . . le caractère de tête de la plupart tenait du beau styl.« Noch anerkennender spricht sich General Heilbronner in seiner Reisebeschreibung über die weiblichen ägyptischen Köpfe aus. Es ist auch trotz Hartmann's Einspruch fraglos, daß die Aegypter ein aus Asien an den Nil gewandertes Volk sind, das der sogen. kaukasischen Rasse zugehörte. S. Ebers, Aegypten u. d. Bücher Mose's I. S. 40 fgd. Euripides spricht von dem Nil, dessen Ufer schöne Mädchen bewohnen. Daß es auch blonde Aegypterinnen gegeben habe, ist gewiß. Manetho beim Syncellus nennt die Königin Nitokris ξανθὴ τὴν χροιάν, d. i. blond, und wir haben z. B. unter den Porträts bei Rosellini, Mon. stor. Taf. XIX. eine blonde Königstochter Namens Ranofre gefunden. Nach den Königsschildern bei Lepsius ist dieselbe eine Tochter Tutmes III. gewesen. Fast alle auf den Denkmälern abgebildete Frauen haben eine helle, gewöhnlich lichtgelbe Hautfarbe und zwar auf den allerältesten Monumenten, zu denen wir in erster Reihe die Mastaba von Mêdûm zählen dürfen. Die Koptinnen, welche man doch für direkte Nachkommen der alten Aegypter halten darf, sind oft sehr schön. Siehe G. Richter's Porträt eines anmuthigen koptischen Mädchens bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 33., klein und zierlich gebaut, während Nitetis, groß und voll, mit schwarzen Haaren und Augen, durch jede Bewegung errathen ließ, daß sie einem königlichen Hause entstammte.

»Wie bleich Du aussiehst, meine Tochter,« sprach Ladice, die Wange der Nitetis küssend. »Sei frohen Muthes und sieh' getrost der Zukunft entgegen. Ich bringe Dir den Bruder Deines zukünftigen Gatten, den edlen Bartja.«

Nitetis erhob ihre sinnigen dunklen Augen und ließ sie lange prüfend auf dem schönen Jünglinge ruhen. Dieser verneigte sich tief, küßte das Gewand des erröthenden Mädchens und sprach:

»Sei gegrüßt als meine zukünftige Königin und Schwester! Ich glaube gern, daß Dir der Abschied von der Heimath, von Eltern und Geschwistern, das Herz beklemmt; aber sei guten Muthes, denn Dein Gatte ist ein großer Held und ein mächtiger König; unsere Mutter Kassandane die edelste der Frauen, und die Schönheit und Tugend des Weibes wird bei den Persern geehrt, wie das Leben spendende Licht der Sonne. Dich, Du Schwester der Lilie Nitetis, die ich neben ihr ›die Rose‹ nennen möchte, bitte ich um Verzeihung, daß wir gekommen sind, Dir Deine liebste Freundin zu rauben.«

Die Blicke des Jünglings strahlten bei diesen Worten in die blauen Augen der schönen Tachot, welche sich, die Hand auf's Herz drückend, stumm verneigte und Bartja noch lange nachschaute, als ihn Amasis fortzog, um ihm einen Stuhl gegenüber den Tänzerinnen anzuweisen, die soeben zur Unterhaltung der Gäste ihre Künste zu zeigen begannen. Diese Mädchen waren nur mit einem leichten Rocke bekleidet und schwangen und wanden nach dem Takte der Harfen und Tambourine ihre geschmeidigen Glieder. Hierauf gaben ägyptische Sänger ihre Lieder und Possenreißer(Anm. 131) Tänzerin, die sich selbst mit der Guitarre begleitet. Wilkinson II. 301. Harfenspieler, Wilkinson II. 20. Harfner und blinde Sänger II. 239. Frauen mit Tamburin II. 240. Männer, welche die Doppelflöte blasen, II. 232 u. 234. Gesellschaft mit Tänzerinnen und Musikern, Wilkinson II. Plate XII. II. 390. Jongleurs, Wilkinson II. 433. Musikalische Instrumente finden sich in den Museen. Die Tänzerinnen, welche wir zu gleicher Zeit singend antreffen, sind mit den heutigen Ghawasi zu vergleichen, welche durch ihre Reize, Gesang und Tanz die Gesellschaften der Kairener und anderer Städtebewohner am Nil erheitern. Im alten Aegypten wurden sie Achennu genannt und scheinen zum Hausstande großer Herren gehört zu haben. In vornehmen Familien hielt man sich besondere Haussänger. Der des Neferhotep ward in dem Grabe dieses der 18. Dyn. angehörenden Großen zu Abd el Qurnah abgebildet. Neben ihm ist sein an schönen Stellen reiches Lied zu lesen. muntere Spässe zum Besten.

Endlich verließen einzelne Höflinge, ihr feierliches Wesen in der Trunkenheit(Anm. 132) Leider finden wir auf den Denkmälern sowohl betrunkene Männer als Frauen abgebildet. Ein Berauschter wird auf den Köpfen seiner Diener liegend, wie ein Balken, nach Hause getragen. Wilkinson II. 168. Ein Anderer steht auf dem Kopfe II. 169. Mehrere Damen sind eben im Begriff, das zu viel Genossene von sich zu geben. Wilkinson II. 169. Bei der großen Techu-Feier zu Dendera scheint der Rausch eben so geboten gewesen zu sein wie bei der Dionysien-Feier unter den Ptolemäern, von denen einer (Dionysos) den Nichtberauschten mit dem Tode bedrohte. Uebrigens galt auch bei den Aegyptern das Berauschtsein für einen unwürdigen und verpönten Zustand. Im Papyrus Anastasi IV. heißt es z. B. von einem Trunkenbolde: »Du bist wie ein Heiligthum ohne seinen Gott, wie ein Haus ohne Brod«: und dann: »Wie sehr muß man das Bier (hek) vermeiden«. Eine Menge von Stellen in dem Papyrus ziehen gegen Schlemmer und Säufer zu Felde. vergessend, den Saal. Die Frauen begaben sich, von fackeltragenden Sklaven abgeholt, in bunten Sänften nach Hause; nur die Kriegsobersten, die persischen Botschafter und einige Würdenträger, besondere Freunde des Amasis, wurden von dem Haushofmeister zurückgehalten und in eine kostbar geschmückte Halle geführt, woselbst eine in griechischer Weise zugerichtete Tafel, auf welcher ein riesengroßer Mischkrug stand, zu einem nächtlichen Trinkgelage einlud.

Amasis saß auf einem hohen Lehnstuhle(Anm. 133) Kostbare vergoldete und bunt gepolsterte königliche Lehnstühle, abgebildet an den Wänden der Gräber und Tempel. Lepsius Denkmäler a. v. O. Wilkinson II. Plate XI. Rosellini, Mon. civ. Taf. 90–92. an der Spitze des Tisches; zu seiner Linken der junge Bartja, zu seiner Rechten der greise Krösus. Außer diesen und den Vertrauten des Pharao befanden sich auch die uns bekannten Freunde des Polykrates, Theodorus und Ibykus, sowie der nunmehrige Oberst der hellenischen Leibwache, Aristomachus, unter den Gästen des Königs.

Amasis, den wir vor Kurzem so ernst mit Krösus reden hörten, erging sich jetzt in beißenden Scherzen. Er schien wiederum zu dem tollen Unterbefehlshaber, dem verwegenen Zechbruder von ehedem geworden zu sein.

Mit sprudelndem Geiste schleuderte er Spässe und Witzworte neckend und höhnend den Trinkgenossen entgegen. Schallendes, oft wohl zu Ehren des königlichen Witzes erkünsteltes Gelächter antwortete seinen Scherzen, Becher auf Becher wurde geleert, und der Jubel erreichte seinen Gipfel, als der Haushofmeister mit einer kleinen vergoldeten Mumie erschien, und, indem er sie der Gesellschaft zeigte, ausrief: »trinket, scherzet und seid fröhlich, denn allzubald werdet ihr gleich diesem(Anm. 134) Herod. II. 78. Petron. Satyr. c. 34. Nicol. Damasc. Orat. I. Wilkinson gibt Abbildungen solcher Mumien II. 410, von denen viele erhalten sind. Lucian war Augenzeuge, als sie bei einem Gastmahle herumgegeben wurden. Die Griechen in Alexandrien scheinen diese Sitte adoptirt, aber statt der Mumie, auch hier verschönernd, einen geflügelten Genius des Todes herumgereicht zu haben. Sprüche wie der folgende sind nicht selten: »Laß hinter Dir alle Sorgen; sei eingedenk der Freuden, bis daß kommt der Tag der Reise, an dem man landet in dem Reiche, das da liebt das Schweigen.« Aus dem Grabe des Neferhotep zu Abd el Qurnah. sein!«

»Ist dies Hinweisen auf den Tod eure Sitte bei Festgelagen?« fragte Bartja, ernster werdend, den König, »oder erlaubt sich Dein Haushofmeister heute nur diesen Spaß?« – »Seit uralter Zeit,« antwortete Amasis, »pflegt man solche Mumien, um die Heiterkeit zu steigern, und die Zecher zu erinnern, daß man genießen solle, so lang' es Zeit sei, den Trinkgenossen zu weisen. Du, junger Schmetterling, hast freilich noch lange Freudenjahre vor Dir; wir alten Söhne aber, Freund Krösus, müssen uns ernstlich daran halten. – Mundschenk, fülle schnell unsere Becher, damit kein Augenblick des Lebens nutzlos verrinne! Wie Du trinken kannst, Du goldhaariger Perser! Wahrhaftig, die großen Götter haben Dir eine eben so gute Kehle, als schöne Augen und blühende Reize beschert. Laß Dich küssen, Du herrlicher Jüngling, Du schlechter Knabe! Was glaubst Du, Krösus? Meine Tochter Tachot spricht von nichts, als von dem Milchbarte, welcher ihr erst mit holden Blicken, dann mit süßen Worten das Köpfchen verdreht zu haben scheint. Nun, Du brauchst nicht roth zu werden, Du junger Tollkopf! Ein Mann wie Du darf sich wohl nach Königstöchtern umschauen; aber wärest Du Dein Vater Cyrus selbst, die Tachot dürfte mir nicht nach Persien!«

»Vater!« flüsterte der Thronerbe Psamtik, diese Rede unterbrechend, dem Könige zu. »Vater, hüte Deine Zunge und gedenke des Phanes!« Der König schaute seinen Sohn mit einem finstern Blicke an, und als habe ein Krampf seine frohe Laune gelähmt, mischte er sich nur noch seltener in das allgemeiner werdende Gespräch.

Aristomachus, welcher Krösus schräg gegenüber saß, hatte bis dahin, ohne eine Sylbe zu reden oder die Scherze des Amasis zu belachen, die Perser unablässig betrachtet. Sobald der Pharao verstummt war, wandte er sich lebhaft Krösus zu und fragte: »Ich wünschte zu wissen, Lyder, ob Schnee die Berge bedeckte, als ihr Persien verließet?«

Lächelnd und erstaunt über diese seltsame Ansprache antwortete Krösus: »Die meisten Berge des persischen Gebirges waren grün belaubt, als wir vor vier Monaten nach Ägypten aufbrachen; doch gibt es auch Höhen im Lande des Kambyses, auf denen der Schnee selbst in der heißesten Jahreszeit nicht zerschmilzt(Anm. 135) Besonders der Demawend. Siehe die Besteigung desselben in Brugsch's Reise nach Persien I. S. 284., und diese sahen wir weißlich schimmern, als wir zur Ebene hinabzogen.«

Das Antlitz des Spartaners ward sichtlich heiterer. Krösus, dem der ernste Mann gefiel, fragte ihn nach seinem Namen.

»Ich heiße Aristomachus.«

»Den Namen sollt' ich kennen.«

»Du kanntest viele Hellenen, und viele heißen wie ich.«

»Deinem Dialekte nach gehörst Du dem dorischen Stamme an. Solltest Du nicht ein Spartaner sein?«

»Ich war es.«

»So bist Du es nicht mehr?«

»Wer die Heimath ohne Erlaubniß verläßt, ist des Todes schuldig.«

»Verließest Du sie freiwillig?«

»Ja.«

»Warum?«

»Um der Schande zu entgehen.«

»Was hattest Du verbrochen?«

»Nichts!«

»So beschuldigte man Dich mit Unrecht eines Vergehens?«

»Ja.«

»Wer war der Urheber Deines Unglücks?«

»Du!«

Krösus fuhr von seinem Sitze auf. Der ernste Ton und das finstere Gesicht des Spartaners verboten jeden Gedanken an einen Scherz. Auch die Tischnachbarn der Beiden, welche dem seltsamen Gespräche gefolgt waren, erschraken und baten Aristomachus um eine Erklärung seiner seltsamen Aussage.

Der Spartaner zauderte. Man sah ihm an, daß er ungern reden möge; endlich aber, als ihn auch der König zu erzählen aufforderte, begann er:

»Du, Krösus, hattest, dem Orakel folgend(Anm. 136) Herod. I. 52. 54. 69. 70. Xenoph. Cyrop. VI. 2. 5., uns Lacedämonier, als die mächtigsten der Hellenen, zu Bundesgenossen gegen die Macht der Perser erwählt, und uns das Gold zu der Apollo Herme ans dem Berge Thornax geschenkt. Die Ephoren beschlossen daher, Dir dafür ein riesengroßes, kunstreiches Mischgefäß von Erz zu verehren. Als Ueberbringer desselben erwählte man mich. Bevor wir nach Sardes kamen, zerstörte ein Sturm unser Schiff. Der Mischkrug versank mit ihm. Wir retteten uns mit dem nackten Leben nach Samos. Als wir heimkehrten, ward ich von Feinden und Neidern beschuldigt, Schiff und Mischkrug an samische Händler verkauft zu haben. Weil man mich nicht überführen konnte und dennoch verderben wollte, ward ich verurtheilt, zwei Tage und zwei Nächte lang am Pranger zu stehen. Man schmiedete in der Nacht meinen Fuß an den Schandblock. Bevor der Morgen meiner Entehrung graute, kam mein Bruder zu mir und reichte mir heimlich ein Schwert. Ich sollte mir vor der Beschimpfung das Leben nehmen. Ich konnte nicht sterben, denn ich hatte mich noch an meinen Verderbern zu rächen; darum hieb ich mir selbst den angeschmiedeten Fuß vom Beine und versteckte mich im Schilfe des Eurotas. Mein Bruder brachte mir heimlich Speise und Trank. In zwei Monaten konnte ich wieder auf diesem hölzernen Fuße gehen. Der ferntreffende Apollo übernahm meine Rache, denn meine verruchtesten Gegner raffte die Pest dahin. Trotz ihres Todes durfte ich nicht heimkehren. Zu Gythium schiffte ich mich endlich ein, um mit Dir, Krösus, von Sardes aus gegen die Perser zu fechten. Als ich in Teos landete, erfuhr ich, daß Du nicht mehr König wärest. Der gewaltige Cyrus, der Vater dieses schönen Jünglings, hatte in kurzen Wochen das mächtige Lydien erobert und den reichsten König zum Bettler gemacht.«

Alle Zecher schauten den ernsten Krieger bewundernd an. Krösus schüttelte ihm die harte Rechte; der junge Bartja aber rief: »Wahrlich, Spartaner, ich möchte Dich mit nach Susa nehmen, um meinen Freunden zeigen zu können, was ich gesehen habe, den muthigsten, ehrenwerthesten aller Menschen!«

»Glaube mir, Knabe,« gab Aristomachus lächelnd zurück, »ein jeder Spartaner hätte gleich mir gehandelt. Bei uns zu Lande gehört mehr Muth dazu, feige als tapfer zu sein!«

»Und hättest Du, Bartja,« rief Darius, der Vetter des Königs von Persien, »ertragen können, an dem Schandpfahle zu stehen?«

Bartja erröthete, aber man sah ihm an, daß auch er den Tod der Schande vorziehe.

»Und Du, Zopyrus?« fragte Darius, sich an den dritten jungen Perser wendend.

»Ich würde mich aus bloßer Liebe zu euch verstümmeln(Anm. 137) Diese hyperbolisch klingende Versicherung wußte Zopyrus, wie wir später erfahren werden, wahr zu machen.!« rief dieser und drückte unter dem Tische die Hände seiner beiden Freunde.

Psamtik sah mit spöttischem Lächeln, Krösus, Gyges und Amasis voller Wohlgefallen, die Aegypter sich einander bedeutungsvoll anschauend, der Spartaner vergnüglich schmunzelnd, auf die jungen Helden.

Jetzt erzählte Ibykus von dem Orakelspruche, welcher Aristomachus beim Nahen der Männer von den schneeigen Bergen die Heimkehr verhieß, und erwähnte dabei des gastfreien Hauses der Rhodopis.

Psamtik ward unruhig, als er diesen Namen aussprechen hörte, Krösus äußerte den Wunsch, die greise Thracierin kennen zu lernen, von welcher ihm Aesop viel Rühmliches erzählt hatte, und als die Gäste, meistens bis zur Bewußtlosigkeit trunken, den Saal verließen, verabredeten sich der entthronte König, der Dichter, der Bildhauer und der spartanische Held, am folgenden Tage nach Naukratis zu fahren, um sich an den Gesprächen der Rhodopis zu erfreuen.

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