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Ein Zweikampf

Anton Tschechow: Ein Zweikampf - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/cechov/zweikamp/zweikamp.xml
typefiction
authorAnton Tschechow
booktitleSchatten des Todes - Ein Zweikampf. Zwei kleine Romane
titleEin Zweikampf
publisherMusarion Verlag
seriesAnton Tschechow Gesammelte Romane und Novellen
volumeErster Band
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1919
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120425
projectid61f2d16e
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XVIII

Der Diakon stand auf, zog sich an, nahm seinen dicken Knotenstock und verließ leise das Haus. Es war dunkel, und der Diakon sah in den ersten Minuten nicht einmal seinen weißen Stock. Am Himmel war kein Stern, und es sah wieder nach Regen aus. Es roch nach nassem Sand und Meerwasser.

›Wenn mich nur nicht die Tschetschenzen überfallen,‹; dachte der Pfarrer und horchte, wie sein Stock aufs Pflaster schlug und wie hell und einsam dieser Laut durch die nächtliche Stille klang.

Als er aus der Stadt heraus war, begann er den Weg und seinen Stock zu unterscheiden. Am schwarzen Himmel zeigten sich trübe Flecke, und bald schaute ein Stern hervor und blinzelte schüchtern mit seinem einzigen Auge. Der Diakon ging auf dem hohen Felsufer und konnte das Meer nicht sehen. Es wogte unten, und die unsichtbaren Wellen brachen sich langsam und schwer am Ufer und seufzten gleichsam. Und wie langsam ging das. Eine Welle brach sich, dann konnte der Diakon acht Schritte zählen, bis sich die zweite brach, nach sechs Schritten die dritte. So war nichts zu sehen gewesen, und in der Dunkelheit hatte nur das langsame, schläfrige Rauschen des Meeres getönt, als der Geist Gottes über dem Chaos schwebte.

Dem Diakon wurde unbehaglich zumute. Er dachte daran, Gott könnte ihn vielleicht dafür bestrafen, daß er mit Ungläubigen Kameradschaft pflegte und sogar hinging, ihr Duell anzusehen. Das Duell würde eine Spielerei sein, unblutig und lächerlich, aber trotzdem war es ein heidnisches Schauspiel, und ihm beizuwohnen war durchaus unziemlich für einen Geistlichen. Er blieb stehen und überlegte: Sollte ich nicht lieber umkehren? Aber eine starke, unruhige Neugier besiegte seine Zweifel, und er ging weiter.

Wenn sie auch nicht gläubig sind, sie sind doch gute Menschen und werden gerettet werden, beruhigte er sich. – »Sicher werden sie gerettet werden,« sagte er laut und brannte eine Zigarette an.

Mit welchem Maß muß man die Leute messen, um gerecht zu urteilen? Der Diakon dachte an seinen Feind, den Inspektor der geistlichen Schule. Der glaubte an Gott und duellierte sich nicht und lebte in Keuschheit. Aber er hatte den Diakon mit sandigem Brot gefüttert und ihm einmal beinahe das Ohr abgerissen. Also war das menschliche Leben so dumm eingerichtet, daß dieser hartherzige, unredliche Inspektor, der dem Staat das Mehl stahl, von allen geachtet wurde, daß alle in der Schule für seine Gesundheit und sein Heil beteten. War es da gerecht, sich von Leuten wie Herrn von Koren und Lajewskij nur deshalb fernzuhalten, weil sie nicht gläubig waren? Der Diakon begann diese Frage zu erwägen, aber ihm fiel plötzlich ein, wie komisch Samoilenko gestern ausgesehen hatte, und das zerriß den Fluß seiner Gedanken. Wie viel würde man morgen lachen. Der Diakon malte sich aus, wie er sich hinter einen Busch ducken und zusehen wollte. Und wenn Herr von Koren beim Mittagessen anfangen würde zu renommieren, wollte er, der Diakon, ihm lachend alle Einzelheiten des Duells erzählen.

»Woher wissen Sie das alles?« würde der Zoolog fragen.

»Ja, das ist eine Geschichte. Ich hab' zu Hause gesessen und weiß doch alles.«

Das mußte famos sein, ein Duell humoristisch zu schildern. Sein Schwiegervater würde es lesen und lachen. Der hatte nichts lieber, als wenn man ihm etwas Komisches schrieb.

Das Tal des Gelben Baches öffnete sich vor ihm. Der Bach war vom Regen breiter und wilder geworden und rauschte nicht mehr wie früher, sondern brüllte. Es fing an hell zu werden. Der graue, trübe Morgen, die Wolken, die gen Westen jagten, um die Gewitterwolke einzuholen, die nebelumgürteten Berge, die nassen Bäume – alles schien dem Diakon häßlich und zornig. Er wusch sich im Bach, sprach sein Morgengebet und verspürte Sehnsucht nach Tee und heißen Semmeln mit Sahne, die es bei seinem Schwiegervater jeden Morgen gab. Er dachte an seine Frau und den Walzer, den sie auf dem Klavier spielte. Was war sie für eine Frau? Der Diakon war mit ihr bekannt gemacht, verlobt und verheiratet worden im Lauf einer Woche, und hatte nicht ganz einen Monat mit ihr zusammen gelebt, dann war er hierher kommandiert worden, so daß er bis jetzt noch nicht einmal wußte, was für eine Art Mensch sie war. Aber doch war's ohne sie langweilig.

›Ich muß ihr mal schreiben,‹; dachte er.

Die Flagge auf dem Wirtshaus hing regennaß und schlaff herab, und das Haus selbst schien mit dem nassen Dach niedriger und dunkler als sonst. Vor der Tür stand ein Eselskarren; Kerbalai, zwei Abchasen und eine junge Tatarin in Pluderhosen, wohl die Frau oder die Tochter Kerbalais, trugen mit etwas angefüllte Säcke heraus und legten sie in den Karren auf das Maisstroh. Vorne standen zwei Esel mit gesenkten Köpfen. Als sie die Säcke verstaut hatten, begann die Abchasen und die Tatarin sie oben mit Stroh zuzudecken, und Kerbalai spannte hastig die Esel an.

›Es wird wohl Kontrebande sein,‹; dachte sich der Diakon.

Und da war ja auch schon die umgestürzte Fichte mit den gelben Nadeln und der schwarze Fleck auf dem Boden, vom Feuer damals. Ihm fiel wieder das Picknick mit allen Einzelheiten ein, das Feuer, das Singen der Abchasen, die süßen Träume vom Erzbistum und von der Prozession. Der schwarze Bach war vom Regen schwärzer und breiter geworden. Der Diakon balancierte vorsichtig über das primitive Brückchen, das schon von den schmutzigen Wellen bespült wurde, und kletterte die Leiter empor in die Scheune.

›Ein vorzüglicher Kopf, dieser Herr von Koren,‹; dachte er und reckte sich auf dem Stroh. ›Ein vorzüglicher Kopf, Gott schenk ihm Gesundheit. Nur eine gewisse Härte hat er.‹;

Warum haßten er und Lajewskij sich gegenseitig? Warum würden sie sich duellieren? Wenn sie von Kind auf solche Not gekannt hätten wie der Diakon, wenn sie aufgewachsen wären unter ungebildeten Leuten, die hartherzig waren, sich um ihr bißchen Lebensunterhalt beneideten, sich gegenseitig ihr Stückchen Brot zum Vorwurf machten, sich grob und ungeschliffen betrugen, auf die Diele spuckten und während des Essens und des Gebetes rülpsten, wenn die beiden Duellanten nicht von klein auf verwöhnt gewesen wären durch gute Lebensverhältnisse und einen gewählten Bekanntenkreis, so hätten sie sich einander angepaßt, sich gegenseitig ihre Fehler verziehen und das Gute, das sie hatten, geschätzt. Es gab doch in der Welt so wenig Leute, die auch nur äußerlich einen anständigen Eindruck machten. Lajewskij ist allerdings ein toller, ausgelassener und merkwürdiger Kerl, aber er wird doch nichts stehlen, wird nicht laut auf den Boden spucken, wird seiner Frau nicht vorwerfen: »Fressen kannst du wohl, aber arbeiten willst du nicht!«, wird weder sein Kind mit einer Pferdeleine prügeln, noch seine Dienstboten mit stinkendem Fleisch füttern, – genügt denn das alles noch nicht, um nachsichtig gegen ihn zu sein? Außerdem schmerzen ihn doch selbst seine Fehler, wie den Kranken die Wunden. Statt aus Langeweile oder infolge eines Mißverständnisses aneinander Entartung, Vererbung usw. zu suchen, wäre doch wahrlich gescheiter, seinen Haß und Zorn dorthin zu richten, wo ganze Stadtteile vor Roheit, Gier, Flüchen, Schmutz, Geschimpfe und Weibergekreisch stöhnen ...

Jetzt ertönte das Rasseln eines Wagens und unterbrach den Gedankenfluß des Diakons. Er schaute durch die Tür und sah eine Kutsche, darin saßen Lajewskij, Scheschkowskij und der Vorstand des Post- und Telegraphenbureaus.

»Stopp,« rief Scheschkowskij.

Die drei stiegen aus dem Wagen und schauten sich an.

»Sie sind noch nicht da,« sagte Scheschkowskij und wischte den Schmutz von seinem Mantel, »was meinen Sie? Bis es soweit ist, suchen wir einen geeigneten Platz, hier kann man sich ja nicht umdrehen.«

Sie gingen weiter den Bach hinauf und waren bald nicht mehr zu sehen. Der tatarische Kutscher setzte sich in den Wagen, neigte den Kopf auf die Schulter und schlief ein. Zehn Minuten wartete der Diakon noch, dann verließ er die Scheune, nahm den schwarzen Hut ab, um nicht bemerkt zu werden, und begann, sich geduckt und ängstlich umschauend, durch Gebüsch und Maisfelder am Ufer entlang zu schleichen. Die Bäume und Sträucher schüttelten große Tropfen über ihn, Gras und Mais waren naß.

»Eine Schweinerei!« brummte er und hob sein feuchtes und schmutziges Gewand empor, »hätte ich das gewußt, wäre ich nicht hergekommen.«

Bald hörte er Stimmen und erblickte Leute. Lajewskij hatte die Hände in die Aermel zurückgezogen und ging gebückt und eilig auf einer kleinen Lichtung auf und ab. Seine Sekundanten standen direkt am Ufer und drehten sich Zigaretten.

›Merkwürdig,‹; dachte der Diakon, dem Lajewskijs Art sich zu bewegen fremd vorkam. – ›Als ob er ein alter Mann wäre.‹;

»Wie unhöflich ist das von ihnen,« sagte der Postbeamte und sah nach der Uhr, »vielleicht soll es vornehm sein, zu spät zu kommen. Nach meiner Ansicht aber ist es eine Schweinerei.«

Scheschkowskij, ein dicker Mensch mit schwarzem Bart, horchte hinaus und sagte:

»Sie kommen.«

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