Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/ebers/einwort/einwort.xml
typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080910
projectida0a1468c
Schließen

Navigation:

Dreißigstes Kapitel

Am zwanzigsten Oktober fiel Mastricht in die Hände der Spanier und wurde grausam verwüstet. Die Garnison von Antwerpen regte sich und fing an mit den Freunden der Meuterer auf der Zitadelle gemeinsame Sache zu machen.

Die fremden Kaufleute flohen aus der gefährdeten Stadt. Der Gouverneur Champagny sah die eigene Person und die Sache der Ordnung von den Machthabern in der Festung, die den Handelsplatz beherrschte, furchtbar bedroht. Ein niederländisches Heer, das zum größten Teil aus Wallonen bestand, erschien unter Führung des unfähigen Marquis Havré, des vorwitzigen de Hèze und anderer Edelleute vor der Stadt, um das Schlimmste zu verhindern.

Champagny fürchtete, die deutschen Regimenter würden sich beleidigt fühlen und Verrat wittern, wenn er die Truppen der Staaten einlasse – aber der größte Teil der Landsknechte stand schon mit den Meuterern in Verbindung, die Gefahr wuchs mit jeder Stunde, überall wankte die Treue, die Bürgerschaft drängte, und so wurden den Niederländern die Tore geöffnet.

Der deutsche Landsknechtführer Graf Oberstein, der sich in der Trunkenheit verbunden hatte, mit den Meuterern auf der Zitadelle gemeinsame Sache zu machen, erinnerte sich seiner Pflicht und blieb ihr treu bis ans Ende. Das Regiment, in dem Hans Eitelfritz diente, und die anderen Landsknechtsfähnlein waren der Versuchung erlegen und warteten nur auf das Zeichen zum Losbruch. Der Einwohnerschaft war ums Herz wie einem Mann, der Pulver und Zündstoff im Keller birgt, wie einem Reisenden, der in dem eigenen Geleit Räuber und Mörder erkennt.

Champagny rief die Bürger zur Selbsthilfe auf und benützte ihre Kräfte, um an der offenen Stelle der Stadt, die von der Zitadelle am schwersten bedroht ward, einen Schutzwall aufzuwerfen. Unter den Männern und Frauen, die zu Tausenden freiwillig herbeiströmten, befand sich auch der Schmied Adam mit seinen Gesellen und Ruth. Der Meister und die Seinen führten unter Leitung eines geschickten Ingenieurs den Spaten, das Mädchen flocht mit anderen Frauen Schanzkörbe aus Weidenruten.

Hinter ihr lagen schwere Tage. Der Vorwurf, daß ihre schnell entflammte Empörung den Zorn des Vaters gegen den Sohn zum Ausbruch gebracht hatte, peinigte sie hart.

Sie hatte die Spanier ebenso bitter zu hassen gelernt wie der Meister; sie wußte, daß Ulrich auf verbrecherischen, ruchlosen Wegen wandle, und doch liebte sie ihn, und doch stand sein Bild seit ihrer Kindheit bis heute unangetastet und unbeeinträchtigt im Allerheiligsten ihres Herzens. Er war ihr alles in allem, war der für sie bestimmte, ihr eigene Mann, zu dem sie gehörte, wie das Auge ins Antlitz, das Herz in die Brust.

Sie glaubte an seine Liebe, und wenn sie ihn zu verdammen und zu vergessen trachtete, so war es ihr dabei, als verurteilte, als verstoße sie den besten Teil des eigenen Wesens.

Tausend Stimmen sagten ihr, daß sie ebenso in ihm lebe wie er in ihr, und daß sein Dasein ohne sie nur nichtig sein könne und halb. Sie fragte nicht, wann und wie, aber daß es ihr beschieden sei, die Seine zu werden, das erwartete sie so sicher wie das Licht am Morgen, wie den Lenz nach dem Winter. Nichts schien ihr so unumstößlich wie dieser Glaube; er war das Wissen ihrer liebenden Seele. Und hatte sich das erfüllt, was doch kommen mußte, dann wurde mit ihr selbst auch ihr Wille zum Guten der seine, und der Sohn konnte nicht länger dem Vater, der Vater nicht länger dem Sohne das Herz verschließen.

Die rastlose Phantasie des Kindes war in der Jungfrau lebendig geblieben. In jeder müßigen Stunde hatte sie des verlorenen Spielgefährten gedacht, jeden Tag den Vater von ihm unterhalten und ihn gefragt, ob er ihn lieber als ruhmreichen Maler, als gewaltigen Schmied oder auf einem tüchtigen Fahrzeuge als Schiffsführer wiedersehen möchte.

Schön, kraftvoll, außerordentlich war er ihr immer erschienen. Nun hatte sie ihn ruchlos und auf dem Pfad ins Verderben wiedergefunden; aber auch so war er ein Mann ohnegleichen, und welcher Makel auch an ihm haftete, schlecht und niedrig gesinnt war er gewiß nicht!

Wenn sie ihn als Kind in eine prächtige Märchengestalt verwandelt hatte, so entkleidete sie ihn jetzt des Glanzes und sah ihn demütig im schlichten Bürgergewand vor dem Vater erscheinen und ihn dann neben ihm an der Esse stehen. Sie träumte sich an seiner Seite, und vor ihr stand der Tisch, den sie für ihn deckte, und das Wasser, welches sie ihm nach der Arbeit reichte. Sie hörte, wie unter dem mächtigen Schlag seines Hammers das Haus erdröhnte, und träumte, daß er das Lockenhaupt in ihrem Schoß schmiege und ihr sage, daß er Liebe und Frieden bei ihr gefunden.

Das Geschützfeuer von der Zitadelle machte den Arbeiten der Bürger ein Ende.

Die offenen Feindseligkeiten hatten begonnen.

Am Morgen des vierten November zogen unter dem Schutze dichter Nebel verräterische Spanier unter Romero, Vargas und Valdez in die Festung ein. Die Bürger, und mit ihnen Adam, hörten es mit Wut und Entsetzen, aber noch waren die Meuterer von Aalst nicht gekommen.

»Er hält sie zurück,« hatte Ruth schon gestern gesagt. »Antwerpen, unser Heim, ist ihm heilig.«

Die Kanonen donnerten, Feldschlangen krachten, Musketen und Hakenbüchsen knatterten laut, und in den betäubenden Lärm der Geschütze mischte sich das schreckenkündende Geheul der stürmenden Glocken und das wilde Geschrei der zum Kampf eilenden Soldaten und Bürger.

Jede Hand griff nach der Waffe, die Läden schlossen sich, die Herzen stockten vor Angst oder schlugen wilder in Wut und Empörung. Ruth blieb ruhig. Sie hielt den Meister zurück und wiederholte ihr Wort: »Die von Aalst kommen nicht; er hält sie zurück.«

Da stürzte der jüngste Lehrling, dessen Eltern an der Schelde wohnten, mit wirrem Haar keuchend in die Werkstätte und rief:

»Die von Aalst sind da. Auf Torfschiffen und einer Galeere sind sie übergefahren. Sie tragen grüne Reiser auf den Helmen, und der Eletto zieht ihnen mit der Standarte voran. Ich hab' sie gesehen; furchtbar – schrecklich – in Eisen vom Kopf bis zur Zehe.«

Er sprach nicht weiter; denn der Meister unterbrach ihn mit einem wilden Fluche, griff nach dem großen Hammer und stürzte hinaus.

Ruth taumelte in die Werkstätte zurück.

Adam war geradeswegs an die Brustwehr geeilt. Hier standen sechstausend Wallonen, um den halbfertigen Wall zu verteidigen, und hinter ihnen große Scharen bewaffneter Bürger.

»Die von Aalst sind gekommen!« rief es von Mund zu Mund.

Verwünschungen, Jammergeheul, wildes Gezeter mischte sich in den Donner der Geschütze und das Glockengeläute.

Ein fliehender Mann jagte nun von der Kontereskarpe den Wallonen entgegen und schrie:

»Sie sind da, sie sind da! Der Navarrete, der Bluthund, zieht ihnen voran. Sie wollen nicht essen, nicht trinken. Sie sagen, im Paradies oder in Antwerpen würden sie speisen. Hört ihr's, hört ihr's, da sind sie!«

Und sie, sie waren da, näher und näher kamen sie, und allen voran der Eletto mit der Standarte in der hocherhobenen Hand.

Hinter ihm scholl es von tausend bärtigen Lippen, wütend, gierig, entsetzlich: »Santiago, España, á sangre, á carne, á fuego, á saco!« Er aber schwieg und schritt hochfahrend und aufrecht dahin, als sei er gegen die Kugeln gefeit, die ihn von allen Seiten umsausten. Das Vollgefühl der Macht und wilder Kriegsmut leuchteten ihm aus den Augen. Wehe dem, den der Zweihänder traf, welchen er jetzt noch mit der Linken an die Schulter gelehnt hielt.

Adam stand neben der vordersten Reihe der Wallonen mit erhobenem Hammer. Sein Auge hing wie gebannt an dem anstürmenden Sohne und an der Fahne in seiner Hand. Das Antlitz des unseligen Weibes, das ihn um das Glück seines Lebens betrogen, starrte ihm von der Standarte entgegen. Er wußte nicht, ob er wache oder ob ein wüster Traum ihn umfange.

Jetzt, jetzt begegnete sein Blick dem des Eletto, und nun konnte er sich nicht mehr halten und hob den Hammer und versuchte vorwärts zu stürmen, aber die Wallonen drängten ihn zurück.

Ja, ja, er haßte das eigene Kind, und bebend vor Wut, glühend vor Verlangen, sich auf ihn zu stürzen, sah er, wie der Eletto auf die unterste Stufe des Walles sprang, um nach oben zu klimmen. Kurze Zeit war er seinen Blicken entzogen, nun aber zeigte sich die Spitze der Fahne, nun die Standarte, und jetzt, jetzt stand sein Sohn auf der höchsten Stelle der Brustwehr und rief: »España, España!«

In diesem Augenblicke entluden sich mit ohrenzerreißendem Lärm hundert Hakenbüchsen neben dem Meister, dichter Pulverdampf verfinsterte die Luft, und als der Wind ihn zerteilte, sah Adam die Standarte nicht mehr. Sie lag am Boden und neben ihr der Eletto, lang hingestreckt, mit dem Antlitz nach oben, regungs-, lautlos.

Stöhnend schloß der Vater die Augen, und als er sie wieder aufschlug, hatten hundert eisenbewehrte Meuterer die Brustwehr erklommen. Unter ihren Füßen lag sein verblutendes Kind.

Leiche auf Leiche sank neben den Gefallenen auf das Gestein, aber der eiserne Keil der Spanier schob sich weiter und weiter vorwärts.

España, á sangre, á carne!

Und nun hatten sie die Wallonen erreicht, Stahl prallte an Stahl, einen Augenblick nur, dann schwankten die Verteidiger der Stadt, der wütende Keil schob sich in ihre Reihen, sie teilten sich, wichen, und mit lautem Geheul wandten sich die erschütterten Glieder zur Flucht. Das spanische Schwert wütete in ihrer Mitte, und mit erfaßt von dem allgemeinen Entsetzen, jagten die Führer den Soldaten nach, und wie ein wilder Strom riß die fliehende Heerschar alles mit sich fort, auch den Meister.

Ein Blutbad sondergleichen begann. Adam sah eine wütende Schar in die Häuser stürzen, und nun dachte er wieder an Ruth und eilte, halb von Sinnen, zu der Schmiede zurück. Hier verkündete er den Zurückgebliebenen, was er gesehen. Dann rüstete er sich und die Gesellen mit selbstgeschmiedeten Waffen und eilte mit ihnen hinaus, um zu kämpfen.

Die Stunden vergingen, und der Lärm, das Schießen, das Geläut dauerten fort; Rauch und Brandgeruch drangen durch Fenster und Türen.

Der Abend kam, und die reichste, blühendste Handelsstadt der Welt war hier ein Aschenhaufen, dort eine Ruine, überall ein ausgeplündertes Schatzhaus.

In der Werkstätte hörte man einmal eine mordende Rotte vor der Schmiede heulen und toben; aber sie zog vorüber, und keine zweite kam, solang es Tag war, in die stille, nur von Metallarbeitern bewohnte Straße.

Ruth und die alte Rahel waren unter dem Schutze des wackeren Altgesellen zurückgeblieben. Der Meister hatte ihnen geboten, wenn es vor der Tür laut werden sollte, in den Kellerraum zu flüchten. Ruth trug einen Dolch, entschlossen, ihn im äußersten Fall gegen die eigene jungfräuliche Brust zu richten. Was galt ihr das Leben, seitdem Ulrich dahin war!

Die alte Rahel, eine Greisin von achtzig Jahren, schritt tief gebückt und ruhelos durch den weiten Raum. Wenn ihr Blick dem Mädchen begegnete, seufzte sie auf und rief mitleidig: »Olrik, unser Olrik!« Dabei zog sie die Schultern in die Höhe und schaute aufwärts. Sie wußte nicht mehr, was vor wenigen Stunden geschehen, ihr Gedächtnis hatte sich aber völlig treu für längst Vergangenes erhalten. Die Magd des Hauses, ein Antwerpener Kind, war, als die Furie losbrach, zu ihren Eltern entlaufen.

Mit dem Sinken des Tages wurden die Scheiben immer seltener von dem Donner der Geschütze erschüttert, die Heftigkeit des Lärms in den Straßen nahm ab, doch das Haus füllte sich mehr und mehr mit atembeklemmendem Rauch.

Die Nacht brach herein, das Licht war entzündet. Bei jedem neuen Geräusch schraken die Frauen zusammen, und die Angst um Adam beherrschte nun in Ruth jede andere Empfindung. Da ging das Tor, und die tiefe Stimme des Meisters rief schon im Vorsaal: »Ich bin's! Erschreckt nicht; ich bin's!«

Mit fünf Gesellen war er ausgezogen, mit zweien kehrte er wieder. Die anderen lagen erschlagen in den Straßen, und mit ihnen des Grafen Oberstein deutsche Knechte, die einzigen Soldaten, welche den spanischen Meuterern und ihren Verbündeten wacker bis auf den letzten Mann Widerstand geleistet hatten.

Erst auf der Mere und dann am Zuckerkanal hatte Adam unter den Bürgern, die verzweifelt für Hab' und Gut und das Leben der Ihren kämpften, den Hammer geschwungen; – aber alles war vergeblich gewesen. Die Vargasschen Reiter hatten auch die letzten Atemzüge des Widerstandes erstickt.

Die Straßen schwammen in Blut, in hohen Haufen lagen die Leichen vor den Türen und auf dem Pflaster – unter ihnen die des Markgrafen von Antwerpen, Verryck, des Bürgermeisters van der Mere und vieler Senatoren und Herren. Feuersbrunst neben Feuersbrunst färbte den Himmel, das herrliche Stadthaus stand in lichten Flammen, und aus tausend Fenstern scholl das Jammergeheul der überfallenen, ausgeplünderten, verblutenden Bürger, Weiber und Kinder.

Der Meister stärkte sich schnell mit wenigen Bissen, dann hob er das Haupt und sagte: »An unser Haus hat keiner gerührt. Beim Nachbar Ykens sind Tor und Laden zerschlagen!«

»Ein Wunder!« rief die alte Rahel und hob den Stab. »Beim Silberschmied wittert die Teufelsbrut Besseres als Eisen.«

Da ging der Klopfer. Adam sprang auf, legte den Panzer wiederum an, winkte den Gesellen und schritt auf das Tor zu.

Rahel kreischte laut: »In den Keller, Ruth! Gott, Gott, erbarme dich unser! Schnell – wo ist mein Tuch? – Sie fallen auf uns! – Fort, fort! Gott, Gott, ich bin verklammet, ich kann nicht weiter!«

Ein furchtbares Grauen hatte die Alte erfaßt; sie wollte nicht sterben. Der Jungfrau war der Tod willkommen, und sie regte sich nicht.

Jetzt wurden Stimmen in der Hausflur laut, aber sie klangen weder lärmend noch drohend; Rahel schrie indessen noch einmal wie eine Verzweifelte, als ein Landsknecht in voller Rüstung mit dem Meister die Werkstätte betrat.

Hans Eitelfritz war gekommen, um nach dem Vater Ulrichs zu sehen. In seinen Armen ruhte der Hund Lelaps, welcher aus einem Streifschuß am Halse blutete und sich zitternd an seinen Herrn schmiegte.

Als der Wachtmeister Ruth erblickte, verneigte er sich artig und sagte:

»Erbarmet Euch der armen Kreatur, schöne Jungfrau, und wascht die Wunde ein wenig mit Wein. Er verdient es, und ich könnte auch von ihm Geschichten erzählen! Er stammt aus dem fernen Indien, von wo ihn ein wilder Pirat ... Aber das sollt Ihr ein andermal hören. Dank, Jungfer, Dank. Was Euren Sohn angeht, Meister, so ist es ein Jammer und ewiger Schade um ihn. Ein Prachtmensch war er, und wir sind wie zwei Brüder gewesen. Die Schutzbriefe für Euch und den Meister Moor hat er mir selbst übergeben, und als es losging, wurden sie von diesen Händen an die Türen geheftet. Mein Schwertträger hat den Kleister erbeutet, und nun mag die Schrift als ein ehrendes Denkmal da kleben bis ans Ende der Welt! Der Navarrete ist ein treuer Gesell gewesen, der immer an die Seinen gedacht hat! Wie das dem Lelaps wohltut! Schau, schau! Da leckt er Euch die Hände, und das will sagen: Ich danke!«

Während Ruth dem leidenden Hunde die Wunde gewaschen und der Landsknecht von Ulrich gesprochen hatte, war ihr feuchter Blick dem Auge des Vaters begegnet.

Jetzt fuhr der Wachtmeister fort: »Sie sagen, er habe einundzwanzig Wallonen niedergehauen, eh' er ins Gras biß.«

»Nein, Herr,« unterbrach ihn Adam. »Ich sah ihn fallen. Bevor er das sündige Schwert hob, ward er getroffen.«

»So, so; – aber auf der Brustwehr ist's doch gewesen.«

»Sie stürmten über ihn fort.«

»Und dort liegt er; es hat sich noch keine Seele um die Toten und Wunden gekümmert.«

Da zuckte das Mädchen zusammen, legte den Hund in den Schoß der Alten und rief: »Wenn Ulrich noch lebte! Vielleicht ward er nicht tödlich getroffen, vielleicht ...«

»Ja, Jungfer, möglich ist alles,« unterbrach sie der Landsknecht. »Ich könnte Euch Dinge erzählen ... Da war zum Exempel ein Landsmann von mir, und als wir in Afrika lagen, schlug dem so ein maurischer Pascha ... Verdammte Flausen! Vielleicht! In allem Ernste; es könnte sein, daß der Ulrich ... Wartet ... Um Mitternacht halte ich mit meiner Rotte Wacht an der Brustwehr, da will ich zusehen ...«

»Wir, wir suchen ihn auf!« rief Ruth und faßte den Arm des Meisters.

»Ich,« entgegnete der Schmied; »du bleibst hier.«

»Nein, Vater, ich gehe mit dir.«

Da schüttelte auch der Landsknecht den Kopf und sagte: »Jungfer, Jungfer, Ihr wißt nicht, was dies für ein Tag ist. Dankt dem himmlischen Vater, daß es Euch bis hierher so glimpflich erging. Der grimmige Leu hat Blut geleckt. Ihr seid ein sauberes Kind, und wenn sie Euch heute ...«

»Gleichviel!« unterbrach ihn das Mädchen. »Ich weiß, was ich fordere. Du nimmst mich mit dir, Vater! Du tust es, wenn du mich lieb hast! Wenn einer ihn findet, ich find' ihn! O Herr, Herr! Ihr seht freundlich und gutherzig aus! Ihr habt die Wache. Gebt uns das Geleit; laßt mich Ulrich suchen. Ich find' ihn, ich weiß es; ich muß ihn suchen – ich muß!«

Die Wangen des Mädchens glühten, denn sie sah den Spielgefährten, den Geliebten, greifbar deutlich vor sich, atmend, mit offenen Augen, mit ihrem Namen auf den erkaltenden Lippen.

Adam schüttelte traurig und ablehnend das Haupt, Hans Eitelfritz aber fühlte sich ergriffen von der dringlichen Sehnsucht der Jungfrau, dem Manne, der ihm selber lieb war, zu helfen, und so strengte er rasch den findigen Kopf an und sagte: »Vielleicht ... es käme drauf an ... Hört mich, Meister! Ihr seid auf der Straße auch nicht sonderlich sicher gebettet, und ohne mich möchtet Ihr schwerlich bis an die Brustwehr gelangen. Ich versäume da schöne Zeit; – aber Ihr seid der Vater, und dieses Mädchen – ist's seine Schwester? – Nein? – Um so besser für ihn, wenn er auflebt! Das Ding ist nicht leicht, aber zu machen ist's doch. Das Mütterchen dort besorgt mir den Lelaps. Armes Hundel! Gelt, das tut wohl? Ja, also ... Um Mitternacht könnte ich wieder hier sein. Habt Ihr einen handlichen Wagen im Haus?«

»Für Kohlen und Eisen.«

»Gut, gut. Laßt die Frauen einen Kessel Suppe kochen, und wenn Ihr ein paar Schinken besäßet ...«

»Vier sind in der Kammer!« rief Ruth.

»Tut Brot und ein paar Krüge Wein und ein Fäßchen Bier dazu, und dann folget mir still. Ich habe die Losung, mein Bursche wird mich begleiten, und ich mache die Spanier glauben, Ihr gehöret zu uns und hättet meinen Leuten die Abendmahlzeit zu bringen. Schwärzt Euch ein wenig das hübsche Gesicht, werte Jungfer, vermummelt Euch gut, und wenn wir den Ulrich gefunden, so legen wir ihn auf den leeren Karren, und ich begleite Euch wieder nach Hause. Da nehmt den Gewürzsack, und finden wir den armen Schelm, tot oder lebendig, so verdeckt ihn damit. Der Sack war für andere Dinge bestimmt, aber ich bin auch mit dieser Beute zufrieden. Das silberne Kinderspielzeug hier nehmt in Verwahrung. Gelt, das sind artige Sachen! Wie das Rößchen sich bäumt, und der Vogel im Bauer! Schaut nicht so grimmig drein, Meister! Beim Fischfang muß man sich auch mit dem Stinte begnügen, und wenn ich nicht zugegriffen haben würde, hätten's andere getan; 's ist für meine Schwesterkinder bestimmt, und hier im Wams steckt noch etwas anderes; das soll mir zu ruhigen Tagen verhelfen. Den einen verdrießt es, der andere genießt es.«

Als Hans Eitelfritz um Mitternacht wiederkam, stand der Wagen mit Getränken und Speisen bereit. Die Mahnungen Adams waren fruchtlos geblieben. Ruth hatte fest darauf bestanden, ihn zu begleiten, und er wußte, was sie antrieb, so willig wie er selbst Heil und Leben aufs Spiel zu setzen.

Die alte Rahel hatte das Ihre getan, um die Schönheit Ruths zu entstellen.

Die gefahrvolle nächtliche Wanderung begann.

Der Schmied zog den Wagen, Ruth schob, der Wachtmeister ging mit dem Schwertträger neben ihm her.

Von Zeit zu Zeit begegneten ihnen spanische Soldaten und riefen sie an; aber Hans wußte ihre Neugier und ihren Argwohn geschickt zu befriedigen und zu zerstreuen.

Das Plündern und Morden war auch jetzt noch nicht zu Ende, und Ruth bekam Greuelszenen zu sehen, zu hören, zu ahnen, die ihr das Herzblut gerinnen ließen. Aber sie hielt aus, bis sie zur Brustwehr gelangten.

Hier war der Wachtmeister unter den Seinen.

Er überantwortete ihnen den Trank und die Speisen, ließ sie die Nahrungsmittel von dem Wagen heben und lud sie ein, tapfer zuzugreifen. Dann nahm er eine Laterne und führte Ruth und den Meister, der das leichte Fahrzeug hinter sich herzog, durch das tiefe Dunkel der Novembernacht auf die Brustwehr.

Hans Eitelfritz leuchtete, alle drei suchten. Leiche lag neben Leiche. Wohin der Fuß Ruths trat, überall stieß er an gefallene Krieger. Grauen, Entsetzen, Abscheu drohten sie um die Besinnung zu bringen; aber der heiße Wunsch, die letzte, einzige Hoffnung ihrer Seele hielten sie aufrecht, stählten ihre Tatkraft, schärften ihr den Blick.

Bis zur Mitte des Walles waren sie vorgedrungen, da sah sie von fern einen großen Körper lang ausgestreckt liegen.

Das, ja, das war er!

Und nun riß sie dem Landsknecht die Laterne aus der Hand, eilte auf den Gefallenen zu, warf sich neben ihm nieder und leuchtete ihm ins Gesicht.

Was hatte sie gesehen?

Warum klang der Schrei, den sie ausstieß, so weh und schmerzlich?

Die Männer näherten sich ihr, sie aber wußte, daß es jetzt anderes zu tun gab, als zu jammern, zu klagen.

Lauschend schmiegte sie das Ohr an den Harnisch, und als es keinen Atemzug zu erlauschen vermochte, löste sie mit fliegenden Fingern die Schnallen und Haken an der Rüstung.

Nun sank der Küraß klirrend zu Boden, und jetzt – nein, es war keine Täuschung, jetzt hob sich die Brust des Gefallenen unter ihrem Ohre, und sie hörte den schwachen Schlag seines Herzens und das ersterbende Wehen eines leisen Atems.

Da brach sie in ein lautes, krampfhaftes Weinen aus und hob sein Haupt und drückte es an sich.

»Er wird tot sein; ich dachte es gleich!« sagte der Landsknecht, und Adam sank vor dem Gefallenen in die Knie.

Aber nun verwandelte sich Ruths Weinen in ein leises, glückseliges, wohllautendes Lachen, und das klang in ihrer Stimme fort, als sie dem Meister zurief: »Ulrich atmet, er lebt! Gott, Gott, wie danken wir dir!«

Und da – täuschte sie sich, könnt' es denn sein? Da hörte sie den unerbittlichen Mann neben sich schluchzen und sah, wie er sich über Ulrich neigte und seinen Herzschlag belauschte und die bärtigen Lippen erst auf seine Schläfen und dann auf die Hand drückte, die er so hart von sich gestoßen.

Hans Eitelfritz mahnte zur Eile, trug den Besinnungslosen mit Adam auf den Wagen, und eine halbe Stunde später lag der todeswunde, verstoßene Sohn wohl gebettet im besten Zimmer des väterlichen Hauses. Sein Lager stand im oberen Stockwerk; unten in der Küche regte sich die alte Rahel am Herde und kochte selbst ihre »gute Salbe«. Sie kicherte dabei manchmal laut vor sich hin und murmelte »Olrik«, und während sie die Mixtur mischte und rührte, konnte sie die alten Füße nicht ruhig halten, es sah beinahe aus, als wolle sie tanzen.

Hans Eitelfritz gelobte dem Meister, gegen jedermann zu schweigen, wohin sein Sohn gekommen sei, und kehrte dann zu seiner Mannschaft zurück.

Am folgenden Morgen suchten die Meuterer von Aalst den gefallenen Führer; aber er war verschwunden, und nun verbreitete und befestigte sich unter ihnen die Sage, der Gottseibeiuns habe die Leiche des Navarrete in die Hölle entführt.

Der Hund Lelaps erlag seinen Wunden, und kaum eine Woche nach der Verwüstung des blühenden Antwerpen durch »die spanische Furie« wurde das Regiment des Wachtmeisters nach Gent versetzt. Gesenkten Hauptes kam er in die Schmiede, um Abschied zu nehmen. Er hatte sein kostbares Beutestück verkauft und wie so viele andere Plünderer das von ihnen geraubte Gut an der Börse verspielt. Von dem großen Tag in Antwerpen blieb ihm nichts als das silberne Spielzeug für seine Schwesterkinder zu Kölln an der Spree.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.