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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 30
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Am folgenden Morgen packte Ulrich mit dem Diener seine Sachen zusammen. Da ließen sich Trommeln und Pfeifen, Fanfaren und Viktorrufe auf der Straße vernehmen, und als er ans Fenster trat, sah er das gesamte Meutererheer im besten Schmuck heranziehen.

Vor seinem Hause ordneten sich die Fähnlein in Reihen, mit wilder Heftigkeit dröhnte Geschrei und Musik an die Scheiben, und nun drangen die Offiziere in sein Gemach und hielten ihm den Degen hin und schwuren ihm Treue bis in den Tod und bestürmten ihn, ihr Führer zu bleiben.

Da ward er inne, daß die Macht sich doch nicht fortwerfen lasse wie ein wertloses Nichts. Sein gequältes Herz ward von Rührung ergriffen, und die erschlafften Schwingen des Ehrgeizes entfalteten sich mit neuer Kraft. Er grollte, er tobte, aber er gab nach, und als Ortis ihm den Kommandostab auf den Knien überreichte, nahm er ihn an.

Ulrich war wieder Eletto, und das durfte ihn nicht hindern, den Vater und Ruth wiederzusehen, und so erklärte er denn, daß er zwar bleiben wolle, was er gewesen, aber verpflichtet sei, heute noch nach Antwerpen zu reiten. Im geheimen unterrichtete er die Offiziere von dem Anschlag auf diese Stadt, und daß es nun gelte, mit dem Kommandanten ernst zu verhandeln, damit ihm ihr Anteil an dem kostbaren Fang nicht entgehe.

Was viele geahnt und gehofft hatten, das sollte nun Wirklichkeit werden. Ihr Eletto war kein müßiger Mann! Und als Navarrete um Mittag mit seinem eigenen Werke, der Standarte, vor die Front trat, ward er mit Jubel empfangen, und keiner murrte, obgleich mancher in dem Antlitz der Madonna die Züge der ermordeten Sibylle wiedererkannte.

Zwei Tage später ritt Ulrich erwartungsvoll in Antwerpen ein. In seinem Mantelsack lagen die Andenken, die er aus der Truhe der Mutter genommen, vor seinem inneren Auge stand das Bild des Vaters, die Schmiede am Richtberg, der grüne Wald, die Berge der Heimat, das Haus der Costas und seine kleine Gespielen. War es ihm wirklich vergönnt, sich noch einmal an die breite Brust des Vaters zu schmiegen?

Und Ruth, Ruth! Ob sie ihm noch gut war, ob Philipp sie ihm richtig geschildert?

Ohne Aufenthalt begab er sich zu dem Grafen und traf ihn zu Hause. Philipp empfing ihn zwar freundlich, aber scheu und befangen. Auch Ulrich war ernst gestimmt, denn er hatte den Jugendfreund zuerst vom Tode der Mutter zu unterrichten.

»Das wäre also geschlichtet,« sagte der Graf. »Dein Vater ist ein alter, knorriger Baum, ein echter schwäbischer Starrkopf. Vergessen, vergeben ist nicht seine Sache.«

»Und wußte er, daß ihm die Mutter so nahe, daß sie in Aalst war?«

»Alles, alles.«

»Der Verstorbenen verzeiht er. Gewiß, gewiß, er tut es, wenn ich ihn bitte, wenn wir uns wiederhaben, wenn ich ihm sage ...«

»Armer Schelm! Du denkst dir das alles so leicht. – Saurer ist mir lange nichts geworden, aber heraus muß es nun einmal doch. Auch von dir will er nichts wissen.«

»Nichts wissen von mir?« rief Ulrich. »Ist er von Sinnen? Was hab' ich verbrochen, was will er ...«

»Er weiß, daß du der Navarrete, der Eletto von Herenthals, der Mann von Aalst bist, und darum ...«

»Darum?«

»Ja freilich. Siehst du, Ulrich, wenn man wie du ein berühmter Mann ist, so wird man weithin gesehen, und alles, was man tut, darüber erhebt sich ein großes Geschrei, und das Echo wiederholt es in allen Gassen.«

»Zu meiner Ehre vor Gott und den Menschen.«

»Vor Gott? 's ist ja möglich; vor den Spaniern gewiß. Was mich betrifft – ich war selbst bei der Fahne, ich nenne dich einen braven Soldaten; aber – nichts für ungut – ihr habt in diesem Lande übel gehaust. Auch die Niederländer sind Menschen.«

»Rebellen sind sie, abtrünnige Ketzer!«

»Sieh dich vor, sonst schiltst du den leiblichen Vater. Mit seinem Glauben ist's übel bestellt. Ein Prädikant, den er damals auf der Flucht hierher in irgendeiner Herberge gefunden, hat ihn zum Bibellesen verführt. Gar manches, was die Kirche verdammt, ist ihm heilig. Die Niederländer sind für ihn ein edles, freies Volk. Euren König Philipp hält er für einen Tyrannen, einen Bedrücker und ruchlosen Würger. Ihr, die ihr ihm und Alba gedient habt – ihr seid in seinen Augen – aber ich will dich nicht kränken ...«

»Was sollen wir sein, ich will's hören!«

»Nein, nein, es täte nicht gut. – Kurz, für den Meister ist das spanische Heer eine gräßliche, blutige Plage, nichts weiter.«

»Bravere Soldaten hat es nirgends gegeben.«

»Ganz recht; aber jede Niederlage und alles Blut, das ihr vergossen, hat ihn und das Volk hier erzürnt, und Zorn, der täglich neue Nahrung empfängt und an den der Mensch sich gewöhnt, was wird daraus anders als Haß? An den Namen Albas heftet sich alles Größere, an deinen manches Kleinere, was in diesem Kriege Schlimmes verübt ward, und so wird man deinen Vater ...«

»So belehren wir ihn eines Besseren! Ich kehre als ehrlicher Soldat, als Führer von Tausenden zu ihm zurück! Wiedersehen, nur wiedersehen! Sohn bleibt Sohn! Ich hab' es bei der Mutter erfahren! Wir sind Rivalen und Feinde gewesen, als ich sie traf! Und dann, dann – oh, daß es vorbei ist! Nun will ich bei dem Vater wiederfinden, was ich verloren; du begleitest mich doch in die Schmiede?«

»Nein, Ulrich, nein. Was sich zu deiner Verteidigung vorbringen läßt, hab' ich dem Alten alles gesagt, aber er hat sich so tief in den Ingrimm verbissen ...«

Da brauste der Eletto auf, und jähzornig rief er: »Santiago! Ich brauche keinen Advokaten! Wenn der Alte weiß, was in diesem Kriege auf mein Teil kommt, um so besser. Die Lücken in dieser Wissenschaft ergänze ich selbst. Wo es hitzig herging, bin ich dabei gewesen! Gottes Tod, das ist mein Stolz! Ich bin kein Bube mehr, und habe mich ohne Vater und Mutter durchs Leben gefochten. Was ich bin, das bin ich durch mich allein und kann es in Ehren vertreten, auch vor dem Alten. Er führt grobes Geschütz, ich kenne ihn – aber ich bin auch nicht gewohnt, mit Federbällen zu schießen!«

»Ulrich, Ulrich! Er ist ein Greis und dein Vater.«

»Das will ich bedenken, sobald er mich Sohn nennt.«

Ein Diener des Grafen führte Ulrich nach dem Hause des Schmiedes.

Der Meister hatte den Pferdebeschlag völlig aufgegeben, denn in dem Erdgeschosse des schmalen, hohen Giebelhauses sah man nichts als die große Eingangstür und je ein Fenster zu deren beiden Seiten. Hinter dem verschlossenen rechten standen einige Rüstungsstücke in schöner, getriebener Arbeit und eiserne Kunstgeräte. Das linke war halb geöffnet und gewährte der Herbstsonne Einlaß. Ulrich verabschiedete den Diener, nahm die Andenken, welche er von der Mutter mitgebracht hatte, in die Hand und lauschte auf den Hammerschlag, der aus dem Innern des Hauses auf die Straße drang.

Der wohlbekannte Ton rief freundliche Kindheitserinnerungen in ihm wach und kühlte sein siedendes Blut. Graf Philipp hatte recht. Adam war ein Greis und durfte von dem Sohne Ehrfurcht verlangen. Was er keinem andern gestatten konnte, von ihm mußte er es ertragen. Ja, er empfand es nun wieder als hohes Glück, dem langentbehrten geliebten Manne nahe zu sein, und was ihn von dem Alten trennte, das mußte ja schnell in nichts vergehen, sobald sie einander in die Augen schauten.

Was war sein Vater noch für ein Meister! Den stählernen Panzer mit dem Medusenhaupt in der Mitte schmiedete ihm so leicht kein anderer nach. Er arbeitete hier auch nicht allein wie am Richtberg; denn Ulrich hörte aus der Werkstatt mehr als einen Hammer auf Eisen schlagen.

Bevor er den Klopfer rührte, schaute er in das geöffnete Fenster.

Da stand an einem Pulte eine hohe Frauengestalt.

Sie wandte ihm den Rücken zu, und er sah nur das runde Hinterhaupt, die langen schwarzen Zöpfe, das schlichte braune Gewand, das bescheiden mit Samt verbrämt war, und den Spitzeneinsatz im Ausschnitt. Ein älterer Mann in Kaufmannstracht reichte ihr eben die Hand zum Abschiede, und er hörte ihn sagen: »Da habt Ihr wieder einmal zu billig eingekauft, Jungfer Ruth, viel zu billig.«

»Grad wie es recht ist,« entgegnete sie gelassen. »Euch bleibt guter Gewinn, und wir können bestehen. Übermorgen erwart' ich das Eisen.«

»Vor Mittag wird es geliefert. Der Meister hat an Euch einen Schatz, werte Jungfer. Wäre mein Sohn noch am Leben, ich weiß, bei wem er anklopfen müßte. Der Wilhelm Ykens hat mir sein Leid geklagt; er ist ein tüchtiger Goldschmied. Warum gebt Ihr dem armen Schelm keine Hoffnung? Bedenket! Ihr steht in den Zwanzigen, und mit jedem Jahre fällt das Jasagen schwerer.«

»Es sagt mir eben nichts besser zu, als bei dem Vater zu bleiben,« entgegnete sie heiter. »Ihr wißt, er kann mich nicht missen, und ich ihn auch nicht. Gegen den Wilhelm habe ich nichts, aber ohne ihn zu leben kommt mir sehr leicht vor. Auf Wiedersehen, Vater Keulitz.«

Ulrich zog sich vom Fenster zurück, bis der Kaufmann in einer Seitengasse verschwunden war; dann blickte er wieder in das schmale Gemach. Ruth saß jetzt vor dem Pult, aber sie schaute nicht in das offene Kontobuch, sondern blickte träumend ins Leere, und der Eletto sah nun ihr schönes, vornehm ruhiges Antlitz und störte sie nicht; denn er ward nicht müde, sie anzuschauen und mit dem Erinnerungsbilde zu vergleichen, das ihn unerloschen durch alle Wechselfälle des Lebens begleitet hatte.

Nie und nirgends, wenn nicht in Italien, war er einem edleren Frauenantlitz begegnet. Philipp hatte recht. Es lag etwas Fürstliches in ihrer Erscheinung. Das war das Weib seiner Träume, das die stolze Frau, die der Eletto begehrte, um Macht und Größe mit ihr zu teilen, und er hatte sie ja schon einmal in den Armen gehalten! Es war ihm, als sei es gestern gewesen. Das Herz schlug ihm höher und höher. – Als sie nun aufstand und sich sinnend dem Fenster nahte, da hielt er sich nicht länger und rief leise: »Ruth, Ruth! Erkennst du mich, Mädchen? Ich bin es – der Ulrich!«

Sie schrak zusammen und streckte die Hände abwehrend aus; aber nur einen Augenblick. Dann jubelte sie ihm seinen Namen entgegen und rang nach Fassung, und als er jetzt in das Zimmer gestürzt kam, rief sie wiederum »Ulrich!« und noch einmal »Ulrich!« und ihrer selbst nicht mächtig, duldete sie es, daß er sie an sein Herz zog.

Sie hatte ihn täglich mit brennender Sehnsucht und doch mit stillem Grauen erwartet, denn er war ja der wilde Eletto, der Meutererführer, der blutige Feind des braven Volkes, das sie liebte. – Aber das war alles, alles vergessen bei seinem Anblick, und sie empfand nichts als die Seligkeit, ihn wiederzuhaben, ihn, den sie nie und nimmer vergessen, und die Lust, zu sehen, zu fühlen, daß er sie liebe.

Auch sein Herz war übervoll von leidenschaftlichem Entzücken. Er stammelte zärtliche Worte und preßte ihr Haupt an die Brust, und nun hob er es, um den Mund auf ihre reinen Lippen zu schmiegen. Da verflog der Rausch – und bevor er es hindern konnte, hatte sie sich seinen Armen entzogen und sagte streng: »So nicht, so nicht ... Zwischen dir und uns liegt viel Übles!«

»Nichts, nichts!« rief er feurig. »Bist du mir nicht nahe? Dein Herz und das meine gehören zusammen seit damals im Schnee. Und wenn der Vater mir grollt, weil ich anderen Herren diene als er, so sollst du, ja du uns wieder versöhnen. Es hielt mich nicht länger in Aalst.«

»Bei den Meuterern?« fragte sie traurig. »Ulrich, Ulrich, daß du so zu uns heimkehrst!«

Da ergriff er wiederum ihre Hand, und als sie dieselbe zurückzog, lächelte er nur überlegen und sagte mit der vollen Zuversicht eines Mannes, der seiner Sache gewiß ist:

»Laß doch die törichte Scheu. Morgen reichst du mir freiwillig nicht nur die eine Hand, sondern beide. Ich bin nicht so schlimm wie ihr denkt. Das Kriegsglück hat mich eben unter die spanischen Fahnen geworfen, und »weß Brot ich esse, deß Lied ich singe,« sagt der Soldat. Was wollt ihr? Ich habe mit Ehren gedient und es zu etwas Rechtem gebracht; das mag euch genügen!«

Da fuhr Ruth auf und rief entschieden:

»Nein, tausendmal nein. Du bist der Eletto von Aalst, der Städteplünderer, und das fegt sich nicht fort wie der Staub von der Diele. Ja, ich bin nur ein schwaches Mädchen – aber der Vater, der reicht dem blutigen Manne im spanischen Kleide nimmer die Hand! Ich kenn' ihn, ich weiß es!«

Da begann Ulrich wieder schneller zu atmen; doch er unterdrückte die zornige Wallung und entgegnete erst vorwurfsvoll und dann bittend:

»Du bist das Echo des Alten. Was weiß er von Soldatenehre und Kriegsruhm; aber du, Ruth, mußt mich begreifen. Denkst du noch an unser Spiel mit dem Worte, dem großen Worte, das alles vermag? Ich hab' es gefunden; und was es gewährt, du sollst es mit mir genießen. Jetzt hilf mir zuerst den Vater freundlich stimmen; es wird schon gelingen, wenn du mir beistehst. Schwer wird es wohl halten. – Er hat es nicht über sich gebracht, seinem armen Weibe zu verzeihen – Graf Philipp sagt es – aber jetzt! Sieh, Ruth, meine Mutter ist tot, seit wenigen Tagen, und sie war gut und lieb und hätte ein besseres Los verdient. Ich bin nun wieder allein, und mich verlangt nach Liebe, so heiß, so innig – mehr als ich zu sagen vermag. Bei wem soll ich sie suchen, wenn nicht bei dir und dem leiblichen Vater? Du bist mir immer noch gut; du hast es verraten, und, nicht wahr, im Grunde weißt du doch, daß ich nicht schlecht bin? Laß dir die große Liebe da drinnen gefallen und führe mich selbst dem Vater zu. Hilf mir, daß er mich anhört. Ich habe hier etwas, das magst du ihm von mir bringen; du wirst sehen, es erweicht ihm das Herz!«

»So gib es,« entgegnete Ruth, »aber was es auch sein mag – glaube mir, Ulrich: solang du den spanischen Meuterern voranziehst, bleibt er hart, hart wie sein Eisen!«

»Was Spanier, was Meuterer! Wer lieben will, kann auch lieben; das andere schlichtet sich später. Du weißt nicht, wie hoch mir das Herz schlägt, nun ich dir nahe bin, nun ich dich sehe und höre. Du bist mein guter Engel und sollst es bleiben, und jetzt schau her. Das ist der Nachlaß der Mutter. Dies Hemdchen hab' ich einmal getragen, als ich so groß war, und die bunte Puppe da, die war mein Spielzeug, und dieser goldene Reifen, das ist der Trauring, den der Vater seiner Braut am Altare gab – dies alles hat sie bewahrt bis ans Ende und wie Heiligtümer mit sich geführt von Land zu Land, von Lager zu Lager. Willst du ihm die Andenken bringen?«

Sie nickte schweigend.

»Und nun kommt das Beste. Hast du je eine schönere Arbeit gesehen? Dies Halsband, du sollst es tragen, du, Ruth, als mein erstes Geschenk.«

Er hielt den kostbaren Schmuck in die Höhe, sie aber wich zurück und fragte bitter:

»Erbeutet?«

»Im ehrlichen Krieg,« entgegnete er stolz und trat ihr näher, um ihr das Geschmeide mit eigener Sand um den Hals zu legen; sie aber stieß ihn von sich, riß ihm den Schmuck aus der Hand, schleuderte ihn zu Boden und rief empört und beleidigt:

»Mich ekelt vor dem gestohlenen Ding. Lies es auf. Für die Dirnen im Lager mag's gut sein!«

Da war es um seine Fassung geschehen, und mit eisernem Griffe faßte er ihre beiden Arme und knirschte:

»Das hat meiner Mutter gegolten, das nimmst du zurück!«

Sie aber hörte und sah nichts, und ganz Empörung, fühlte sie nur, daß ihr Gewalt angetan wurde, und rang vergeblich gegen die unwiderstehliche Kraft, die sie festhielt.

Inzwischen hatte sich die Tür weit geöffnet, aber weder er noch sie waren es gewahr geworden, bis eine tiefe Mannesstimme laut grollend ausrief:

»Zurück, du Schandbub! Hierher, Ruth! So meldet sich der Mordgesell bei den Seinen? Hinaus, hinaus! Du Schmach meines Hauses!«

Adam hatte diese Worte gerufen, und nun zog er den Hammer aus dem Latze im Schurzfell.

Ulrich starrte ihm sprachlos ins Antlitz. Da stand sein Vater, baumstark, riesengroß, wie vor dreizehn Jahren. Das Haupt war ein wenig nach vorn gebeugt, der Bart länger und weißer, das Haar an den Augenbrauen buschiger und der Blick finsterer geworden, sonst aber war er sich gleich geblieben Zug für Zug.

Die Augen des Sohnes hingen wie gebannt an dem Schmied. Es war ihm, als habe ein tückisches Schicksal ihn in eine Falle gestoßen.

Er konnte nichts sagen als »Vater« und noch einmal »Vater«, und der Schmied fand keine andere Antwort als das barsche »Hinaus!«

Da trat Ruth zu dem Meister, schmiegte sich an ihn und bat:

»Höre ihn, weise ihn so nicht fort; er ist doch dein Kind, und wenn der Zorn ihn vorhin übermannt hat ...«

»Spanische Art – Weiber mißhandeln!« rief Adam. »Ich habe keinen Sohn Navarrete, oder wie das mörderische Ungetüm sich sonst nennt. Ich bin ein Bürger und habe keinen Sohn, der in gestohlenen Edelmannskleidern umherprunkt; diesen da und seine Mordgesellen, ich hasse sie, hasse sie alle. Ihr Fuß besudelt mein Haus. Hinaus mit dir, Bube, oder ich brauche den Hammer.«

Da rief Ulrich noch einmal: »Vater, Vater!« und dann nahm er sich gewaltsam zusammen und stieß mühsam hervor: »Vater, ich bin mit gutem Herzen, bin mit Liebe zu dir gekommen. Ich bin ein ehrlicher Soldat, und wenn ein anderer wie du – Gottes Tod – wenn ein anderer gewagt hätte, mir das zu bieten ...«

»Mordet den Hund, hätt' es geheißen!« unterbrach ihn der Schmied. »Wir kennen den spanischen Segen: á sangre, á carne!Blut, Mord. Dank für die Schonung. Dort ist die Tür. Noch ein Wort, und ich halt' mich nicht länger!«

Ruth hatte sich fest an den Meister geklammert und winkte Ulrich zu gehen. Da stöhnte der Eletto laut auf, schlug die Hand vor die Augen und stürzte ins Freie.

Sobald der Meister mit Ruth allein war, faßte sie seine Hand und rief flehend: »Vater, Vater, er ist dein leiblicher Sohn! Liebet die Feinde, hat der Heiland geboten; und du ...«

»Und ich hasse ihn,« sagte der Schmied kurz und entschieden, »Hat er dir wehe getan?«

»Dein Haß tut mir zehnmal so weh! Du urteilst, ohne zu prüfen; ja, Vater, das tust du! Wie er mich angriff, war er im Rechte. Er glaubte, ich hätte seine Mutter geschmäht.«

Der Schmied zuckte die Achseln, und sie fuhr fort:

»Das arme Weib ist gestorben. Den Ring dort brachte dir Ulrich; sie hat ihn niemals von sich gelassen.«

Da fuhr der Meister zusammen, griff nach dem goldenen Reifen, suchte nach der Jahreszahl in seinem Innern, und als er sie gefunden, faltete er die Hände um den Ring und drückte sie stumm an die Schläfe. So blieb er kurze Zeit stehen, dann ließ er die Arme sinken und sagte leise:

»Den Toten soll man vergeben –«

»Und den Lebenden, Vater? Du hast ihn furchtbar gestraft, und schlecht ist er nicht, nein, gewiß nicht! Wenn er nun wiederkommt, Vater?«

»So weisen die Gesellen dem spanischen Meuterer die Tür,« rief der Alte hart und streng; »dem reuigen Bürgersohne steht mein Haus allzeit offen.«

Indessen irrte der Eletto von einer Straße in die andere. Er fühlte sich wie betäubt, wie geschändet.

Was ihn erfüllte, war kein reiner Schmerz, kein stilles Herzweh, sondern ein wüstes Gemisch von Jammer und Wut.

Er mochte dem Jugendfreunde nicht unter die Augen treten, und selbst dem Wachtmeister Hans Eitelfritz, der ihm entgegenkam, ging er aus dem Weg. Sein Auge war blind für das bunte, fröhliche Treiben der Weltstadt; grau und schal erschien ihm das Leben. Sein Vorhaben, mit dem Kommandanten der Zitadelle zu verhandeln, blieb unausgeführt; denn er dachte an nichts als an den Zorn des Vaters, an Ruth, an seine Schmach und sein Unglück.

So konnte er nicht scheiden.

Der Vater mußte, ja, er mußte ihn hören, und als es dämmerte, suchte er noch einmal das Haus auf, in das er gehörte und aus dem man ihn so grausam verstoßen.

Die Tür war verschlossen. Auf sein Klopfen fragte eine fremde Männerstimme, wer er sei, was er wolle.

Er verlangte den Meister zu sprechen und nannte sich Ulrich.

Nachdem er lange gewartet, hörte er, wie eine Tür aufgerissen wurde und der Meister unwillig rief:

»An dein Spinnrad! Wer zu ihm hält, solang er das spanische Kleid trägt, meint es übel mit ihm wie mit mir!«

»Aber hören, hören mußt du ihn, Vater!« rief Ruth.

Da fiel die Tür zu, schwere Schritte näherten sich dem Haustor, es wurde geöffnet, und Adam stand wiederum dem Sohne gegenüber.

»Was willst du?« fragte er rauh.

»Dich sprechen, dir sagen, daß du unrecht tust, mich ungehört zu beschimpfen.«

»Bist du immer noch der Eletto? Gib Antwort!«

»Das bin ich!«

»Und willst es auch bleiben?«

»Qué como – puede ser –« stammelte Ulrich, der, verwirrt durch diese Frage, sich in die Sprache verirrt hatte, in der er längst zu denken gewohnt war. Aber kaum hatte der Schmied die welschen Worte vernommen, als ihn der Ingrimm von neuem erfaßte.

»So verdirb denn mit deinen Spaniern!« klang es dem Eletto entgegen. Dann schlug das Tor zu, daß das Haus erdröhnte, und nach und nach verklang der schwere Schritt des Meisters im Vorsaal.

»Vorbei, vorbei!« murmelte der verstoßene Sohn. Dann raffte er sich auf, ballte die Faust und knirschte: »An Verderben soll's nun nicht fehlen. Wen es trifft, der mag's tragen!«

Während er dann durch die Straßen und über die Plätze schritt, schmiedete er Plan auf Plan und malte sich aus, was da kommen mußte. Mit dem Schwert in der Hand wollte er das Tor des Alten erbrechen, und das einzige Beutestück, das er für sich verlangte, sollte Ruth sein, nach der ihn verlangte, die ihn trotz alle- und alledem liebte, die zu ihm gehörte seit seiner Kindheit.

Am folgenden Morgen verhandelte er sicher und schneidig mit dem Kommandanten der spanischen Macht auf der Zitadelle. Das Schicksal der Stadt war besiegelt, und als er nun wieder über den großen Platz schritt und das Stadthaus mit dem stolzen, giebelgekrönten Mittelbau und den Lauben im Erdgeschoß, die von Waren strotzten, ins Auge faßte, da lachte er wild vor sich hin.

Hans Eitelfritz hatte ihn aus der Ferne erblickt und rief ihm zu:

»Ein artiges Hüttchen! Drei Stockwerke hoch. Und wie die breiten Fenster zwischen den Säulen in den Seitenflügeln blitzen!«

Dann senkte er die Stimme und fuhr leiser fort, denn es wimmelte auf dem Platze von Menschen, Lastwagen und Reitern:

»Schau dir's näher an und suche dir drin das Quartier aus. Komm mit! Ich zeige dir, wo sonst noch das Beste steckt, was wir brauchen. Haben wir nicht oft genug für die Pfeffersäcke geblutet? Jetzt kommt die Reihe an uns, sie zu schröpfen. Die Schlösser hier mit dem Puppenzeug auf den Giebeln sind die Gildenpaläste. In jedem liegt Gold genug, um ein Fähnlein zu mästen. Hier durch jetzt! Gleich hinter dem Stadthaus liegt der Zuckerkanal. Da wohnen lauter Protzen, die auch am Alltag vom Silber schmausen. Merk dir die Straße!«

Dann führte er ihn auf den Platz zurück und fuhr fort:

»Die Gassen hier führen alle zum Kai. Du kennst ihn? Hast du die Warenhäuser gesehen? Voll bis unter das Dach! Mit all dem Malvasier, dem Kanariensekt und indischem Pfefferkram kann man die Schelde und Nordsee zusammen in einen großen Würzwein verwandeln.«

Ulrich folgte dem Erklärer von Straße zu Straße. Wohin er schaute, sah er üppigen Reichtum in Speichern und Magazinen, in Häusern, Schlössern und Kirchen.

Vor einem Juwelierladen blieb Hans Eitelfritz stehen und sagte:

»Schau mal hierher. Darauf freu' ich mich ganz besonders. Dies Kinderspielzeug: das Hündchen, der Schlitten, die Frau mit dem Reifrock, all das Zeug ist von eitlem Silber. Wenn es losgeht, greif' ich's und bring' es dem kleinen Völkchen bei meiner Schwester in Kölln: die werden sich freuen, und wenn's einmal nottut, verkauft es die Mutter.«

Welche Menschenmenge drängte sich in den vornehmsten Straßen! Die englischen, spanischen, italienischen und hanseatischen Kaufherren suchten es den niederländischen an Kleiderpracht und Goldschmuck zuvorzutun. In dem gotischen Börsenpalast auf der Mere, dem schönsten Platze der Stadt, sah er sie alle vereint. Da standen sie in der weiten, offenen Halle auf dem gewürfelten Marmorfußboden, nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden, und handelten um Güter, die aus allen Erdteilen stammten und den entlegensten Ländern zugute kommen sollten. Ihr Fordern und Bieten vermischte sich zu einem schon von weitem vernehmbaren Geräusch, das wie Wogenschwall über den Mereplatz brauste.

Da wurde von Summen geredet, die selbst die geflügelte Phantasie des Landsknechts kaum zu fassen vermochte. Diese Stadt war ein Hort sondergleichen, und in ihr war tausendfach reichere Beute zu finden als in dem osmanischen Schatzschiff auf der See bei Lepanto.

Hier lag das Vermögen, das der Eletto brauchte, um den Palast zu erbauen, in den er Ruth zu führen gedachte. Wem anders als ihm kam der Löwenpart an der ungeheuren Beute zu! Aus dem Verderben dieser übermütigen, in Gold erstickenden Stadt sollte ihm das Glück der Zukunft erwachsen.

Das waren hochfliegende, glänzende Pläne, aber er schmiedete sie mit finster blickendem Auge und in einer verdüsterten Seele. Was ihm versagt war, das gedachte er zu ertrotzen, solange die Macht ihm gehörte.

An Blut und Brand konnte es dabei nicht fehlen, aber das gehörte zu seinem Handwerk, wie Späne zum Hobeln, wie Hammerschläge zum Schmieden.

Graf Philipp ahnte nichts von dem Anschlag, durfte nichts ahnen. Er schrieb Ulrichs verstörtes Wesen auf Rechnung der Abweisung, die er im väterlichen Hause erfahren, und als er beim Aufbruch nach Schwaben Abschied von ihm nahm, redete er dem Schulgenossen freundlich zu und riet ihm, die spanischen Fahnen bald zu verlassen und es dann noch einmal bei dem Alten zu versuchen.

Bevor der Eletto die Stadt verließ, gab er Hans Eitelfritz, dessen Regiment sich heimlich der Meuterei angeschlossen, einen Schutzbrief für die Seinen und den Maler Moor. Er hatte ihn nicht vergessen, aber eine wohlbegründete Scheu hielt ihn ab, dem verehrten Mann mit den finsteren Gedanken, welche ihm die Seele bewegten, vor Augen zu treten.

In Aalst empfingen ihn die Meuterer mit hellem Jubel, und so hart und abweisend er sich auch zeigte, fügten sie sich ihm doch willig; denn er konnte ihnen eine Aussicht eröffnen, die auch dem grimmsten Krieger ein wonniges Lächeln um die bärtigen Lippen zauberte.

Wenn die Macht das Wort war, so verstand er kaum, es recht zu gebrauchen, denn ganz in sich zurückgezogen führte er ein freudloses Leben in unbefriedigter Sehnsucht und düsterem Brüten. Es war ihm, als habe er die Hälfte seiner selbst verloren, als brauche er Ruth, um wieder ein ganzer Mensch zu werden. Die Stunden wurden ihm zu Tagen, die Tage zu Wochen, und erst als von der Zitadelle zu Antwerpen der Bote de Rodas erschien, der ihn zum Handeln aufrief, raffte er sich zusammen und gewann die alte Spannkraft zurück.

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