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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 3
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Während der Knabe die feuchten Reisigwellen neben den Herd in der Küche des Doktors zu Boden warf, zog ein Klosterknecht drei Rosse unter den roh zusammengezimmerten Schuppen vor der Werkstätte des Schmieds Adam. Der stattliche, längst ergraute Mönch, der den schweren Falben geritten hatte, stand schon neben dem erstorbenen Feuer und drückte die Hände auf die durchwärmte Esse.

Die Schmiede hatte offen gestanden, aber trotz allen Pochens und Rufens war weder der Meister noch eine andere Menschenseele erschienen. Adam war ausgegangen, aber weit entfernt konnte er nicht sein, denn auch die aus der Werkstätte in die Wohnstube führende Tür war unverschlossen.

Dem Pater Benedikt wurde die Zeit lang, und er versuchte zu seiner Zerstreuung den gewaltigen Hammer zu heben. Das fiel ihm, der doch auch kein Schwächling war, sauer, und dem Arme Adams war es nicht schwer, diese Last zu schwingen und sicher zu lenken. Hätte der Meister nur sein Leben ebensogut zu regieren verstanden wie sein wuchtiges Werkzeug!

Er gehörte nicht auf den Richtberg.

Was würde sein Vater gesagt haben, wenn er es erlebt hätte, seinen Sohn hier wohnen zu sehen!

Der alte Schmied war dem Pater wohl bekannt gewesen, und er wußte auch mancherlei von dem Sohne und dessen Schicksalen, aber freilich nicht mehr, als das Hörensagen den einen mit dem Leben des anderen vertraut macht. Auch das schon genügte, um ihm zu erklären, warum Adam ein so in sich gekehrter, weltfremder, einsilbiger Mann geworden.

Was man einen munteren Burschen nennt, das war er freilich auch in jüngeren Jahren nicht gewesen.

Die Schmiede, in der er groß geworden, stand noch am Markte drunten im Städtchen; sie hatte schon seinem Groß- und Urgroßvater gehört. An Zuspruch war dort niemals Mangel gewesen, zum Verdruß der wohlweisen Ratsherren, deren Hinundhergerede von dem Gehämmer gestört ward, das über den schlecht gepflasterten Platz an die Fenster des Sitzungssaales drang; der Scharwache unter den Lauben im Erdgeschoß des Rathauses versüßte dagegen der Verkehr vor der Schmiede das Nichtstun.

Wie Adam vom Marktplatz auf den Richtberg gekommen, ist schnell erzählt.

Er war das einzige Kind seiner wackeren Eltern und erlernte früh bei dem Vater das Handwerk. Als die Mutter gestorben war, gab der Alte dem Sohn und Gesellen den Segen sowie einige Gulden Zehrgeld und sandte ihn in die Fremde. Er wanderte geradeswegs nach Nürnberg, das der Alte als hohe Schule der Schmiedekunst rühmte. Hier blieb Adam zwölf Jahre, und als ihn dann die Nachricht ereilte, sein Vater sei gestorben und er habe die Schmiede am Markte geerbt, da wunderte er sich, daß er dreißig Jahre alt und nicht weiter als bis nach Nürnberg gekommen. Freilich hatte es dort alles zu lernen gegeben, was die gesamte übrige Welt in der Schmiedekunst nur immer vermochte.

Er war groß und schwer und hatte sich von Kind an langsam und ungern von der Stelle gerückt, an der er einmal stand.

Wenn die Arbeit fleckte, so war er auch nach Feierabend nicht vom Amboß fortzubringen; war es schön hinter dem Bierkrug, hielt er länger aus als der letzte. Beim Schaffen war er stumm, wie abgestorben, für alles, was um ihn her vorging, in der Schenke sprach er nur selten wenige Worte, und doch sahen die jungen Maler, Bildschneider, Goldarbeiter und Studenten am Stammtisch den gewaltigen Zecher und guten Hörer gern, und seine Zunftgenossen wunderten sich nur, wie der verständige Schwab, der bei keinem lockeren Streich mithielt und es bitter ernst mit der Arbeit nahm, dazu kam, sich von ihnen abzusondern, zu dem leichten Völkchen zu halten und papistisch zu bleiben.

Nach des Vaters Tode hätte er sogleich in die Schmiede am Markt einziehen können, doch es ging nicht so schnell mit dem Aufbruch, und es dauerte volle acht Monate, bis er sich von Nürnberg losgelöst hatte.

Auf der Landstraße vor Schwabach holte den Wanderer ein Stellwagen ein, in dem fahrende Leute saßen. Sie gehörten zu der feineren Art, wie sie sich auch vor Fürsten und Grafen hören lassen durften, und es waren ihrer sieben. Der Vater und die vier Söhne spielten Geige, Viola und Rebebe, und die beiden Töchter sangen zur Laute und Harfe. Der Alte lud Adam ein, den achten Platz in dem Fuhrwerk einzunehmen, und so zahlte er denn seine Pfennige, und man machte ihm Platz gegenüber der Flora, die die Ihren Florette nannten. Die Spielleute wollten nach Nördlingen zur Messe, und dem Schmied behagte es unter ihnen so gut, daß er auch noch am Ziel der Reise tagelang mit ihnen zusammenblieb. Als er endlich fortging, weinte Florette, er aber wanderte bis gegen Mittag, ohne sich umzusehen, fürbaß. Dann legte er sich unter einem blühenden Apfelbaum nieder, um Rast zu halten und einen Imbiß zu nehmen, aber es wollte ihm nicht schmecken, und als er die Augen schloß, konnte er nicht schlafen, denn er mußte fort und fort an Florette denken. Gewiß! Er hatte sich viel zu früh von ihr getrennt, und ihn überfiel heftige Sehnsucht nach dem Mädchen, ihren roten Lippen und ihrem vollen Haar. Das war ganz goldblond; er kannte es gut, denn sie hatte es oft im Wirtshauszimmer neben der Streu, auf der sie alle geschlafen, gestrählt und geflochten.

Auch nach ihrem Lachen war ihm bang, und er hätte sie gern noch einmal weinen sehen.

Dann kam ihm auch die verödete Schmiede auf dem engen Markt und das traurige Nest in den Sinn, und daß er dreißig Jahre alt geworden sei und doch eine Meisterin brauche.

Ein eigenes Weibchen! Eins wie Florette! Siebzehn Jahre, Milch und Blut, lauter Lust und fröhliches Leben! Er war gewiß kein leichtherziger Bursch, aber unter dem Apfelbaum im Monat Mai sah er sich in eitel Glück und Freude in der Schmiede am Markt mit dem Blondkopfe hausen, der ja schon Tränen um ihn vergossen. Endlich sprang er auf, und weil er sich einmal vorgenommen, an diesem Tage noch weiter zu wandern, so tat er es auch, und zwar aus keinem anderen Grunde, als um dem Entschluß von gestern gerecht zu werden. Am nächsten Morgen zog er vor Sonnenaufgang wieder auf der Landstraße hin, diesmal aber nicht vorwärts und auf den Schwarzwald los, sondern nach Nördlingen zurück.

Noch am selbigen Abend war Florette seine Braut, und am folgenden Dienstag sein eheliches Weib.

Mitten im Lärm der Messe ward die Hochzeit gefeiert. Fahrende Leute, Gaukler und Possenreißer waren die Zeugen; an Musik und Geleier und bunten Flittern fehlte es nicht.

Dem Bürgerssohne und verständigen Gesellen wäre ein ernsteres Fest lieber gewesen, aber dies Fegefeuer mußte passiert werden, um ins Paradies zu gelangen.

Am Mittwoch fuhr er auf einem Meßfuhrwerk mit seinem jungen Weibchen von dannen, und zu Stuttgart kaufte er, weit weniger um den Klatschbasen, nach denen er nichts fragte, die Mäuler zu stopfen, als um seine Frau vor den eigenen Augen zu ehren, für einen Teil seines Ersparten mancherlei Gerät. Das ließ er als Florettens Heiratsgut hochaufgepackt in einem eigenen Wagen in seinen Heimatsort führen, denn ihre ganze Morgengabe hatte aus einem rosenroten und einem grasgrünen Kleidchen, einer Laute und einem weißen Hündchen bestanden.

In der Schmiede begann nun für Adam ein herrliches Leben. Die Gevatterinnen mieden seine Frau, aber in der Kirche sahen sie doch nach ihr hin, und sie kam ihm, und zwar nicht mit Unrecht, zwischen ihnen vor wie die Rose unter dem Gemüse. Den ehrsamen Bürgern war der Bund, den er geschlossen, ein Greuel, aber er brauchte sie nicht, und Flora schien sich auch so zufrieden bei ihm zu fühlen. Als sie ihm vor Ablauf des ersten Jahres seiner Ehe Ulrich geschenkt hatte, da erreichte das Glück seinen Gipfel und erhielt sich ein volles Jahr auf der gleichen Höhe.

Wenn er damals in der Vesperzeit mit dem Buben auf der Schulter und sein Weibchen im Arm hinter den frischen Balsaminen, Aurikeln und Gelbveigelein im Erker stand und der brenzlige Geruch des geglühten Hufhorns ihm in die Nase drang und er sah, wie unten der Gesell und der Lehrbursch einem Roß das Eisen auflegten, da dachte er: in Nürnberg und bei der Kunst war es gut, möchte wohl wieder einmal eine Blume schmieden, aber das Handwerk darf man auch nicht verachten, und so mit Weib und Kind ist es gewißlich am besten.

Am Abend trank er seinen Schoppen im »Lämmle«, und als dort der Wundarzt Siedler das Leben ein elendes Jammertal nannte, lachte er ihm ins Gesicht: »Wer's nur recht zu nehmen weiß, für den ist's auch wohl ein wonniges Gärtlein!«

Florette war ihrem Manne gut, und solang ihr das Kind an der Brust lag, widmete sie sich ihm mit hingebender Liebe. Adam sprach oft von dem Töchterlein, das geradeso aussehen müsse wie die Mutter; aber das wollte nicht kommen.

Als der kleine Ulrich endlich auf der Straße zu laufen anfing, regte sich auch in der Mutter das Wanderblut, und sie begann dem Manne in den Ohren zu liegen, daß er dies elende Nest verlassen und nach Augsburg oder Köln, wo es schön sei, hinziehen möge; er aber saß, wo er saß, und wenn ihre Macht über ihn auch groß war, so vermochte sie doch nichts über die seßhafte Art seines Wesens.

Manchmal nahmen ihre Bitten und Vorstellungen kein Ende, und wenn sie sich gar beklagte, daß sie hier vor Einsamkeit und Langeweile vergehe, brach sein Zornmut hervor, und dann fürchtete sie sich und stob in ihre Kammer und weinte. Wenn sie einen mutigen Tag hatte, drohte sie ihm auch wohl, auf und davon zu gehen und die Ihren zu suchen.

Das gefiel ihm schlecht, und er ließ es sie schwer und bitter fühlen, denn er hielt an allem fest, auch an dem Ärger, den er empfand, und wenn er grollte, so geschah es nicht auf Stunden, sondern auf Monde, und in solcher Zeit ließ er sich weder durch süße Schmeichelei noch durch Tränen versöhnen.

Nach und nach lernte sie seiner Unzufriedenheit mit Achselzucken begegnen und sich das Leben in ihrer Weise zurechtzulegen. Ulrich war ihr Trost, ihr Stolz, ihr Spielzeug, aber das Getändel mit ihm genügte ihr nicht.

Wenn Adam hinter dem Amboß stand, saß sie hinter den Blumen im Erker, und die Leute von der Scharwache schauten nun höher hinauf als nach der Schmiede, und die ehrsamen Ratsherren fanden für das Haus des Meisters auch andere als unfreundliche Blicke, denn Florette erblühte in der Ruhe, die sie genoß, immer schöner, und unter den Rittern in der Nachbarschaft ließ mancher die Rosse bei Adam beschlagen, nur um seinem schönen Weib ins Auge zu sehen.

Am häufigsten kam der Graf von Frohlingen, und Florette lernte bald den Hufschlag seines Hengstes von dem der anderen Rosse unterscheiden, und machte sich, wenn er in die Werkstatt trat, dort gern dies oder das zu schaffen. Nachmittags ging sie oft mit dem Kind vors Tor, und dann wählte sie stets die nach der Burg des Grafen führende Straße. Es fehlte denn auch nicht an besorgten Freunden, die Adam warnten, aber der fuhr sie übel an, und so lernten sie schweigen.

Gerade jetzt war sie wieder munter geworden und sang bisweilen wie ein lustiger Vogel.

Sieben Jahre gingen so hin, und im Sommer des achten kam ein versprengtes Fähnlein Landsknechte vor die Stadt und erhielt Einlaß. Unter den Lauben im Rathaus war ihr Quartier, aber sie lagen auch viel in der Schmiede, denn es gab genug an ihren Sturmhauben und Halsbergen und sonstigem Rüstzeug zu bessern. Der Fähnrich, ein schmucker, stolzer Gesell mit zierlichem Schnauzbart, war der fleißigste Kunde des Adam und spielte recht liebevoll mit Ulrich, wenn Florette sich mit ihm zeigte. Endlich zog das Fähnlein ab, und am selben Tage wurde der Schmied in das Kloster gerufen, um etwas an dem Gitter vor dem Schatze zu bessern. Als er heimkehrte, war Florette verschwunden; »dem Fähnrich nachgelaufen,« sagten die Leute, und sie hatten das Rechte getroffen.

Adam versuchte es nicht, sie dem Verführer abzujagen; aber eine große Liebe läßt sich nicht aus der Brust reißen wie ein Stab, den man in die Erde gesteckt hat; sie ist mit tausend Fasern und Zasern festgewachsen, und sie ganz vernichten heißt das Herz, in dem sie wurzelt, und mit ihm das Leben zerstören.

Wenn er sie im stillen verwünschte und sie eine Natter nannte, so kam ihm wohl in den Sinn, wie holdselig, lieb und frohgemut sie doch gewesen sei, und dann schlugen die Wurzeln der zerstörten Neigung neue Triebe, und er sah vor seinem inneren Auge bestrickende Bilder, deren er sich schämte, sobald sie wieder entschwunden waren.

In das »wonnige Gärtlein« des Lebens hatte auch bei dem Adam Blitz und Hagel geschlagen, und aus dem kleinen Kreis der Glücklichen war er in die große Heerschar der Elenden gestoßen worden.

Unverschuldetem Leid wohnen läuternde Kräfte inne, aber durch unverschuldete Schande wird niemand besser, am wenigsten ein Mann wie Adam.

Ohne nach rechts und links zu schauen, hatte er getan, was ihm recht schien, jetzt aber fühlte der makellose Mann sich entehrt und bezog alles, was er sah und hörte, mit krankhafter Empfindlichkeit auf sich und seine Schmach; und die Kleinstädter ließen es ihn fühlen, daß er übel beraten gewesen sei, als er es gewagt hatte, eine Spielmannstochter zur Bürgerin zu machen.

Wenn er ausging, wollte es ihm – und gewöhnlich mit Unrecht – scheinen, als stieße einer den andern an, aus jedem Auge schienen ihm Hände zu wachsen, die mit ausgestrecktem Finger auf ihn wiesen. Daheim fand er nichts als Öde, Leere, Gram und ein Kind, das ohne Unterlaß an den Wunden riß, die in seinem Herzen brannten und nagten. Ulrich sollte »die Natter« vergessen, und er verbot ihm streng, von dem »Müetterl« zu reden, aber es verging kein Tag, an dem er dies nicht selbst getan hätte.

Der Schmied hielt es in dem Hause am Markt nicht lange aus. Er wollte nach Freiburg oder Alm, nur an keinen Ort, an dem er mit ihr zusammen gewesen. Ein Käufer für das Haus mit dem nahrhaften Gewerbe war bald gefunden, die Sachen wurden gepackt, und am Mittwoch sollte der neue Besitzer einziehen, da kam am Montag der Roßkamm Bolz vom Richtberge zu Adam in die Werkstatt. Der Mann war jahrelang sein guter Kunde gewesen und hatte ihm Hunderte von Eisen abgekauft, die er an der eigenen Esse den Pferden auflegte, denn er verstand sich aufs Schmieden. Er kam, um Abschied zu nehmen, denn er hatte sein Schäflein im trocknen, und im Unterland ließ sich ein besseres Geschäft machen als hier oben im Walde. Zuletzt bot er Adam sein Anwesen um ein billiges zum Kauf.

Der Meister hatte den Vorschlag des Roßkamms belächelt, aber am folgenden Tage ging er doch auf den Richtberg, um sich das Ding zu betrachten. Da lag die Scharfrichterei, nach der wohl die ganze Straße genannt ward. Eine elende Spelunke erhob sich hier neben der andern. Dort vor der Tür lachte der Trottel Wilhelm, mit dem die Stadtbuben ihre Kurzweil trieben, noch ebenso dumm vor sich hin wie vor zwanzig Jahren, hier hauste die Besenkathrin mit dem großen Kropf, die die Gossen fegte; in den drei grauen Kutten, an denen viel zerlumpte Wäsche hing, wohnten zwei Köhlerfamilien und der Gaukelkaspar, ein wunderlicher Mann, den er als Knabe am Pranger gesehen, mit seinen garstigen Töchtern, die im Winter Spitzen wuschen und im Sommer mit dem Alten auf die Jahrmärkte zogen.

In den Hütten, vor denen die vielen Kinder spielten, wohnten ehrliche, aber blutarme Waldarbeiter. Not und Elend waren hier heimisch. Nur das Haus des Roßkammes und ein zweites hätte sich auch in der Stadt sehen lassen können. Das letztere war von dem Juden Costa bewohnt. Der war vor zehn Jahren mit seinem alten Vater und einem stummen Weibe aus einem fernen Lande in die Stadt gekommen und dort geblieben, denn die Frau war eines Mägdleins genesen und der Alte später tödlich erkrankt. Aber die Bürger wollten keinen Juden unter sich dulden, und so war der Fremde auf den Richtberg in das frühere Forsthaus gezogen. Das hatte leer gestanden, weil ein besseres tiefer im Walde gebaut worden war. Den Zins und Judenzoll, der dem Fremden abverlangt wurde, konnte der Stadtsäckel brauchen. Der Jude willigte in die Forderung des Rates, aber weil man bald wußte, daß er den ganzen Tag hinter großen Büchern sitze und keinen Handel treibe, und zudem alles mit gutem Gelde bezahle, hielt man ihn für einen Goldmacher und Zauberkünstler.

Elend oder verachtet war alles, was hier hauste, und als Adam den Richtberg hinter sich hatte, sagte er sich, daß er nicht mehr unter die Stolzen und Makelfreien gehöre, und weil er sich nun einmal geschändet fühlte und er es mit allen Dingen und so auch mit der Schande bitter ernst nahm, fand er, daß die Richtberger die rechten Nachbarsleute für ihn seien. Von denen wußte jeder, was es heißt, elend sein, und unter ihnen hatte mancher größere Schmach als er zu tragen. Und dann! Wenn die Not sein unseliges Weib zu ihm zurücktrieb, hier war der rechte Platz für sie und ihresgleichen.

So kaufte er denn das Haus des Roßkamms und seine gut ausgestattete Schmiede. Was er da in aller Stille schaffte, dafür fanden sich Abnehmer genug.

Er hatte den Kauf nicht zu bereuen.

Die alte Wärterin war bei ihm geblieben und sorgte für den Buben, der wohl gedieh. Ihm selbst wurde es beim Zeichnen, bei mancher künstlichen Arbeit leichter ums Herz. Zuweilen ging er in die Stadt, um Eisen oder Kohlen zu kaufen, sonst aber vermied er den Verkehr mit den Bürgern, welche die Achseln über ihn zuckten und sich auf die Stirn wiesen, wenn sie von ihm sprachen.

Etwa ein Jahr nach der Übersiedlung hatte er mit dem Feilenhauer zu reden und suchte ihn im »Lämmle« auf. Dort saßen die Mannen des Frohlinger Grafen. Er beachtete sie nicht, sie aber begannen sich an ihm zu reiben und ihn zu hänseln. Eine Weile gelang es ihm, sich zu bezähmen, doch als es der rote Valentin zu bunt trieb, übermannte ihn der Jähzorn und er schlug ihn zu Boden. Die anderen fielen nun über ihn her und schleppten ihn auf die Burg ihres Herrn. Ein halbes Jahr lang wurde er gefangen gehalten, dann führte man ihn eines Tages vor den Grafen, und der gab ihm die Freiheit zurück wegen der »schönen Augen der Frau Florette«.

Seitdem waren Jahre vergangen, und Adam hatte mit dem Sohne still und arbeitsam auf dem Richtberge hingelebt. Er verkehrte mit niemand, doch in dem Doktor Costa fand er den ersten und einzigen wahren Freund, den die Schickung ihm gönnte.

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