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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Das spanische Wesen steckt an, dachte Hans Eitelfritz, während er sich in dem Zelt Ulrichs auf dem Lager umwandte. Was ist aus dem frischen Burschen für ein Kauz geworden! Seufzer sind bei ihm billig, und jedes Wort kostet einen Dukaten. Als Soldat alle Ehre! Machen sie ihn zum Eletto, so läßt sich der Anschluß an das freie Heer doch wohl empfehlen.

Ulrich hatte dem Wachtmeister kurz mitgeteilt, wie er zu dem Namen Navarrete gekommen und wie er von Madrid und Lepanto in die Niederlande gezogen. Dann war er auch zur Ruhe gegangen, aber er konnte nicht schlafen.

Er hatte die Mutter wiedergefunden. Das beste, was Ruth ihm von dem Wort zu erflehen geheißen, er besaß es nun. Die Soldatenliebste, das treulose Weib, die Gefährtin seines Rivalen, der er noch gestern aus dem Wege gegangen, die Kartenschlägerin, die Lagersibylle war die Frau, die ihn geboren. Er, der seine Mannesehre fleckenlos rein erhalten zu haben meinte, dessen Hand bei dem scheelen Blick eines anderen ans Schwert fuhr, war das Kind einer Frau, auf die jedes ehrbare Weib das Recht hatte, mit dem Finger zu weisen.

Das alles flog ihm durch den Sinn; aber seltsam, es verrann wie Morgennebel, wenn die Sonne sich hebt, vor dem Wonnegefühl, die Mutter wieder zu haben.

Nicht im Zelte des Zorrillo, sondern von Balsaminen und Gelbveigelein umrahmt, trat ihm ihr Bild vor die Seele. Seine Einbildungskraft verjüngte sie um zwanzig Jahre, und wie schön sie noch immer war, wie liebreizend sie blicken und lächeln konnte! Jedes anerkennende Wort, jedes Lob der Schönheit und Klugheit und Güte der Sibylle, welches er im Lager vernommen, kam ihm frisch in den Sinn, und am liebsten wäre er aufgesprungen, um sich ihr an die Brust zu stürzen und sie sein »Müetterl« zu heißen, sich von ihr mit all den süßen Schmeichelnamen, welche so herzbestrickend zärtlich von ihren Lippen klangen, rufen und sich von ihren weichen Händen liebkosen zu lassen. Wie reich der vereinsamte Mann sich fühlte, wie überreich! Mutterseelenallein war er gewesen! Das bedeutet: selbst von der Mutter verlassen! Nun war er's nicht mehr, und wie goldene Fäden ein dunkles Gewebe, so durchzogen liebliche Träume seine ehrgeizigen Pläne.

Wenn die Macht erst sein war, wollt' er ihr aus seinem Beuteanteil ein schönes, heimliches Nestlein bauen. Den Zorrillo mußte sie lassen, morgen verlassen. Das Nestlein sollte ihr und ihm allein, ganz allein gehören, und wenn seine Seele nach Frieden dürstete, nach Liebe und Stille, so wollte er dort bei ihr ausruhen und sich mit ihr seiner Kindertage erinnern und sie hegen und pflegen, sie alles, was sie verschuldet und erduldet, vergessen lassen und das Glück voll ausgenießen, sie wieder zu haben und ein zärtliches Mutterherz sein eigen zu nennen.

Mit jedem Atemzuge fühlte er sich freier und heiterer. Da raschelte es an der Zelttür. Er griff nach dem Zweihänder, aber er hob ihn nicht, denn eine liebe Stimme, die er kannte, rief leise: »Ulrich, Ulrich, ich bin es!«

Da sprang er auf, warf mit fliegenden Händen das Wams um, eilte ihr entgegen und schloß sie in die Arme und ließ sich die Locken von ihr streicheln und die Wangen und Augen küssen, wie in früheren glücklichen Tagen. Und dann zog er sie in das Zelt und raunte ihr zu: »Leise, leise, der Schnarcher dort ist der Deutsche!«

Sie folgte ihm und lehnte sich an ihn und zog seine Hände an die Lippen, und er fühlte, wie sie feucht wurden von Tränen.

Noch hatten sie sich nichts gesagt, als wie glückselig, wie froh, wie dankbar sie seien, sich wieder zu haben. Da zog die Lagerwache vorbei, und sie sprang auf und rief ängstlich: »So spät, so spät schon! Zorrillo wartet.«

»Zorrillo!« rief er verächtlich. »Du bist am längsten bei ihm gewesen. Wenn sie die Macht auf mich übertragen ...«

»Sie wählen dich, Kind, sie sollen dich wählen!« fiel sie ihm eilfertig ins Wort. »O Gott, o Gott, vielleicht bringt es dir Unglück statt Segen; aber du willst's ja so gern! Graf Mannsfeld kommt morgen; Zorrillo weiß es. Er bringt Pardon für alle; auch Beförderungen, aber noch immer kein Geld.«

»Oho!« rief Ulrich. »Das kann entscheiden.«

»Wohl, wohl. Du verdienst es auch, sie zu führen. Du bist zu etwas Besonderem geboren, und deine Karte fällt immer so seltsam. Eletto! Es klingt ja schön und stolz, aber es sind viele daran zugrunde gegangen ...«

»Weil die Macht zu schwer für sie war.«

»Dir soll sie dienen! Du bist stark, bist ein Glückskind. Torheit! ich will mich nicht fürchten. Es ist dir wohl gegangen im Leben; ach, Schäfle, ich habe ja nur wenig für dich getan, aber eins, eins unablässig: gebetet hab' ich für dich, du armer Bub', morgens und abends; hast du's gemerkt, hast du's gefühlt?«

Da zog er sie nochmals ans Herz, sie aber machte sich von ihm los und sagte: »Auf morgen, Ulrich; – Zorrillo –«

»Zorrillo, immer Zorrillo,« sprach er ihr nach, und das Blut wallte in ihm auf. »Du bist mein, und weil du mich lieb hast, wirst du ihn lassen.«

»Ich kann nicht, Ulrich, es geht nicht. Er ist gut; ihr werdet noch Freunde.«

»Wir, wir? Am jüngsten Tag, und auch dann nicht! Bist du fester an den glatten Gesellen gefesselt als an meinen ehrlichen Vater? Da steht einer im Dunkeln, der ist von gutem Stahl und haut zur Not das Band auseinander.«

»Ulrich, Ulrich!« klagte Flora und hob bittend die Hände. »Das nicht, das nicht; das darf ja nicht sein. Er ist gut und klug und trägt mich auf Händen. Ach, Himmel! ach, Ulrich! Die Mutter ist zu dem Sohne geschlichen in der Nacht, wie auf verbotenen Wegen. Oh, das ist ja schon eine Strafe. Ja, ich weiß ja, wie schwer ich gesündigt, und was auch über mich kommt, ich verdien' es; aber du, gerade du sollst mich nicht elender machen, als ich's schon bin. Dein Vater, er ... wenn er noch leben würde, um deinetwillen kröch' ich zu ihm auf den Knien und sagte: »Vergib mir, da bin ich;« aber er ist ja nicht mehr, er ist tot. Der Pasquale, der Zorrillo er lebt, und nun denke nicht, daß ich ein eitles, verblendetes Weib bin; der Zorrillo, er erträgt es nicht, wenn ich ihn verlasse –«

»Und mein Vater? Er hat es ertragen. Aber weißt du auch wie? Soll ich dir's schildern?«

»Laß das! Ach, Kind, wie du mich marterst! Dein Vater, ich weiß ja, was ich an ihm verbrochen, und es hört nicht auf, mich zu quälen, denn er hat mich redlich lieb gehabt, und ich bin ihm auch gut gewesen, inniglich gut. Aber stille sitzen kann ich nicht lange, ich kann's nicht, und die Augen niederschlagen wie die Weiber da drunten, das liegt mir auch nicht im Blute, und Adam, der hat mich in den Käfig gesperrt und mich so viele Jahre nichts sehen lassen, als sich selbst und die kalte, dumpfe Stadt in der Sackgasse am Walde. Da ist es eines Tages über mich gekommen, und ich mußte fort, fort in die Weite, gleichviel mit wem und wohin. Der Simonis brauchte nur anzustoßen, da kam ich ins Fallen. – Lange bin ich nicht bei ihm geblieben, denn er war ein windiger Prahlhans; aber bei dem Kapitän, dem Grandgagnage, habe ich treu ausgehalten und bin dem wilden Teufel mit den Wallonen durch aller Herren Länder gefolgt, bis die Kugel ihn traf. Dann, zehn Jahre sind's her, kam ich zu Zorrillo, und der, der Pasquale, das ist mein Freund, der fühlt nach, was ich fühle, dem bin ich nötig zum Leben. Lache nicht, Ulrich; ich weiß ja, daß die Jugend hinter mir liegt, daß ich alt bin, und dennoch liebt mich Pasquale, und seit ich ihn habe, bin ich zufriedener geworden, und, heilige Jungfrau, es ist nun einmal so – ich liebe ihn wieder. O Himmel, o Himmel! Warum ist es nicht anders! Aber dies Herz, dies unselige Herz, es schlägt heute noch so schnell wie vor zwanzig Jahren.«

»Du willst ihn nicht lassen?«

»Nein, nein, denn ich lieb' ihn, ich lieb' ihn, und weiß auch warum! Einen wackeren Mann nennt ihn ein jeder, und doch kennen sie ihn nur halb; ganz kennt ihn niemand als ich. Großmütig ist er, gut wie kein anderer. Du sollst mich ausreden lassen! Denkst du, ich hätte dich jemals vergessen? Nie, nie; – aber du bist mir stets das kleine liebe Büble gewesen; als Mann habe ich dich mir nimmer gedacht, und weil ich dich doch nicht haben konnte, und es mich so sehr nach dir, nach einem Kinde verlangte, hab' ich den Soldatenwaisen mein Herz zugewandt, und das Würmchen, das du im Zelte gesehen, ist auch so ein armseliges Ding, und manchmal hab' ich zwei und drei solche Schreihälse auf einmal im Felde gehabt. Dem Grandgagnage ist das ein Greuel gewesen, aber Zorrillo freut sich über meine Lust an den Kindern, und was der Wallone mir hinterlassen und seine eigene Beute, hab' ich an die Soldatenwitwen und die kleinen nackten Puppen im Lager vertan. Ihm war es recht, denn was ich auch tu', ihm gefällt es. Ich lasse ihn nicht, ich kann ihn nicht lassen!«

Sie schwieg und verbarg das Gesicht in die Hände, er aber ging tief erregt auf und nieder. Dann sagte er fest: »Und du mußt doch von ihm fort. Er oder ich. Mit dem Liebsten der Frau meines Vaters hab' ich keine Gemeinschaft. Ich bin der Sohn Adams und halte zu ihm und muß zu ihm halten. Ach, Mutter, ich hab' dich so lange entbehrt. Die fremden Elternlosen, die kannst du pflegen, und nun machst du das eigene Kind wieder zur Waise. Willst du das? Nein, tausendmal nein, das kannst du nicht wollen! Weine nicht so, du sollst nicht weinen! Höre nur, höre! Mir zuliebe trenne dich von dem Spanier! Du wirst's nicht bereuen! Ich habe vorhin von einem Neste geträumt, das ich für dich baue. Da hege und pflege ich dich, und da sollst du Waisenkindle warten, so viel du nur magst. Laß ihn, Mutter; deinem Kind, deinem Ulrich zuliebe mußt du ihn lassen!«

»Gott, Gott!« schluchzte sie laut. »Ich will ja, ich will's ja versuchen ... Kind, liebes Kind!«

Da schloß er sie fest in die Arme und küßte ihr den Scheitel und sagte leise: »Ich weiß, ich weiß, du brauchst Liebe, und bei mir sollst du sie finden.«

»Bei dir!« wiederholte sie schluchzend. Dann riß sie sich los und eilte zuerst zu der fiebernden Wöchnerin, auf deren Ruf sie das Zelt verlassen.

Als der Morgen graute, kehrte sie heim und fand Zorrillo noch immer wach. Er fragte sie nach dem Ergehen der Kranken und teilte ihr mit, daß er dem fremden Kind, während sie fort war, zu trinken gegeben.

Da mußte sie wiederum schmerzlich weinen, und als er das sah, rief er warnend: »Jeder hat das seine zu tragen, es tut nicht gut, sich fremdes Leid so tief zu Herzen zu nehmen.«

»Fremdes Leid,« wiederholte sie dumpf und begab sich zur Ruhe.

Weib mit den weißen Haaren, warum bist du so jung geblieben? Alle Sorgen und Qualen des Alters und der Jugend martern dich heute auf einmal! Eine Liebe ringt in deiner Brust auf Leben und Tod mit der andern; welche wird siegen?

Sie weiß es, sie hat es schon gewußt, bevor sie ins Zelt trat. Die Mutter ist von dem Kinde geflohen, aber den wiedergefundenen Sohn kann sie nicht lassen. O Mutterliebe, du schwebst in lichter Wonne unter singenden Engeln hoch über den Wolken! O Mutterherz, du blutest von Schwertern durchbohrt, so schmerzensreich wie kein anderes!

Arme, arme Florette! An diesem Julimorgen leidet sie übermenschliche Qualen, und alles, was sie gesündigt, zieht gegen sie ins Feld und schreit ihr ins Ohr, daß sie eine Verlorene sei, und daß es keine Gnade für sie gebe, weder hier noch dort.

Und doch! Die Wolken ziehen, die Zugvögel wandern, der Spielmann fährt singend von Land zu Land und findet Liebe und streift leichte Fesseln reuelos ab, um andere zu suchen. Und sein Kind tut es dem Vater nach, und der ist schon wie der seine gewesen und wie der Ahnherr in grauen Zeiten! Aber die ewige Gerechtigkeit? Wird sie das fliegende Blatt mit dem gleichen Maße messen wie die festgewurzelte Pflanze?

Als Zorillo seiner Gefährtin beim Licht des Tages ins Antlitz schaute, sagte er freundlich: »Du hast geweint?«

»Ja,« entgegnete sie und schaute zu Boden.

Da glaubte er, sie hege wie damals Besorgnis, daß ihm die Wahl zum Eletto verderblich werden könne, und so zog er sie an sich und rief: »Sei unbesorgt, Bonita. Wählen sie mich und der Mannsfeld kommt, wie er verheißen, so wird heute dem Spiel ein Ende gemacht. Hoffentlich nehmen sie in der zwölften Stunde Vernunft an und lassen sich bedeuten. Machen sie den jungen Tollkopf doch zum Eletto – so geht es um seinen Kopf, nicht mehr um meinen. Fühlst du dich krank? Wie du aussiehst, Kind! Sicher, sicher, du leidest; du sollst bei Nacht nicht wieder hinaus zu den Leuten!«

Diese Worte kamen aus einem besorgten Herzen und klangen innig und weich. Sie gingen Florette tief in die Seele, und in leidenschaftlicher Erregung faßte sie seine Hände und küßte sie und rief leise: »Dank, Dank, Pasquale, für deine Liebe und alles. Ich will es nie und nimmer vergessen, was auch geschehen mag! Geh, geh; da trommelt es wieder.«

Er glaubte, sie rede im Fieber, und bat sie, sich ruhig zu halten; dann verließ er das Zelt und begab sich auf den Wahlplatz.

Sobald Flora allein war, warf sie sich vor dem Madonnenbilde nieder, aber sie wußte nicht, ob es recht sei, für den Sohn um ein Amt zu bitten, das so vielen verderblich geworden; und als sie die Jungfrau anflehte, ihr Kraft zu gewähren, den lieben Gefährten zu verlassen, kam ihr das vor wie ein Verrat an Pasquale.

Ihre Gedanken verwirrten sich, und sie konnte nicht beten. Von dem Höchsten verfiel ihr beweglicher Sinn schnell auf das Kleine, und so griff sie nach den Karten, um zu sehen, ob das Geschick sie mit Zorrillo oder Ulrich verbinde, und die rote Zehn, das war sie selbst, kam dicht neben den grünen Fant, das war Pasquale, zu liegen. Empört warf sie das Spiel zusammen, und trotz des Orakels blieb sie entschlossen, dem Sohne zu folgen.

Im Lager rasselte indessen die Trommel, kreischte die Pfeife, schmetterte die Trompete, und wie das ferne Brausen der Brandung tönte das Reden und Rufen des versammelten Heeres.

Jetzt erscholl von neuem eine Fanfare, und nun raffte sie sich auf und lauschte hinaus. Es war ihr, als höre sie die Stimme Ulrichs. Der Schlag des Herzens benahm ihr den Atem. Sie mußte ins Freie, sie mußte sehen und hören, was vorging. Mit fliegenden Händen strich sie das weiße Haar aus der Stirn, warf den Schleier über und eilte durch das Lager auf die Stätte des Wahlkampfes. Die Soldaten kannten sie alle und machten ihr Platz.

Auf dem Erdwall zwischen den Feldstücken standen die Führer der Meuterer, und in der Mitte der vordersten Reihe, den anderen voran, ihr Sohn und redete zu der Menge.

Zwischen ihm und Zorrillo schwankte die Wahl.

Ulrich hatte schon länger geredet. Seine Wangen glühten, und in dem goldenen Helm und mit den wallenden Locken war er so männlich, so kriegerisch schön, daß das Herz ihr aufging, und wie die Nacht sich lichtet, wenn die schwarze Wolke zerreißt und der Mond siegreich hervortritt, wurden Schmerz und Qual mit einem Male von Mutterliebe und mütterlichem Stolz hell überstrahlt.

Und nun richtete er sich höher auf und rief: »Mit der Zunge sind andere schneller und schneidiger als ich, aber mit dem Schwert versteh' ich zu reden wie einer.«

Und nun hob er den Zweihänder auf, die schwere Waffe, die andere mühsam mit beiden Händen regierten, und schwang ihn mit der bloßen Rechten in raschen Kreisen über sich hin, daß er die Luft pfeifend durchschnitt.

Die Soldaten jubelten ihm zu, wie sie dies sahen, und als er die Waffe gesenkt hatte und es wieder ruhiger wurde, fuhr er mit fliegendem Atem herausfordernd fort: »Und wohin wollen die Redner und Parlamentierer uns bringen? Dahin, daß wir, wie die Kunde, den Herren die Füße lecken, den Herren, die uns prellen. Graf Mannsfeld kommt heute; ich weiß es sicher, und ebenso sicher hab' ich erfahren, daß er alles bringt, nur nicht das, was uns zusteht, was wir brauchen, was wir zu fordern haben, was uns nötig ist für den nackten Fuß, den zerlumpten Leib: Geld, Geld hat er uns nicht zu bieten! So ist es, ich schwör' es, und wenn es sich anders verhält, so tretet doch vor, ihr Herren Parlamentierer, und straft mich Lügen! Habt ihr Lust, habt ihr die Stirn, den Navarrete Lügen zu strafen?– Sie schweigen! – Wir aber reden! Wir wollen uns nicht foppen und hinhalten lassen! Was wir verlangen, ist billiger Lohn für gute Arbeit. Wer Geduld hat, der warte. Mir ist sie gerissen. Wir sind Seiner Majestät gehorsame Diener und wollen es bleiben. Sobald er seinen Vertrag hält, darf er auf uns zählen, aber wenn er ihn bricht, so sind wir an niemand gebunden als an uns selbst, und, Santiago, wir sind die Schwächsten nicht. Wir brauchen Geld, und fehlt es Seiner Majestät an Dukaten, eine Stadt, in der wir finden, was uns gebricht. Geld oder eine Stadt, eine Stadt oder Geld! Die Forderung ist gerecht, und wenn ihr mich wählt, da steh' ich und weiche nicht zurück, wenn es hinter mir murrt oder gegen mich heranzieht. Wem unter dem Harnisch ein mutiges Herz schlägt, der folge mir; wer Zorrillo nachkriechen will, mag es tun. Wählt mich, ihr Freunde, ich schaffe euch mehr als wir brauchen und dazu Ehre und Ruhm. Sankt Jakob und die Madonna stehen uns bei. Der König soll leben!«

»Der König soll leben! Navarrete soll leben! Navarrete! Hoch, Navarrete!« riefen laut und ungestüm tausend bärtige Lippen.

Zorrillo kam nicht mehr zu Worte. Die Wahl wurde vollzogen.

Ulrich war der Eletto.

Wie von Flügeln getragen, ging er von Mann zu Mann und schüttelte den Kameraden die Hände. Die Macht, die Macht, das Höchste auf Erden, er hatt' es erreicht, es war sein! Und das ganze Troßvolk, die Knechte, die Sudler, die Weiber, die Dirnen und Kinder scharten sich um ihn und schrien seinen Namen, und wer von ihnen einen Hut und eine Kappe trug, der warf sie in die Luft, wer ein Tüchlein führte, der schwang es. Wirbel auf Wirbel rollte, Fanfare auf Fanfare schmetterte drein, und der Geschützmeister ließ alle Feldstücke lösen, denn ihm behagte die Wahl.

Wie berauscht stand der Erkorene mitten unter dem Geschrei, dem Gejohle, der kriegerischen Musik, dem Donner der Schüsse und lüftete den Helm und winkte mit großen freien Bewegungen der Menge. Er wollte auch reden, aber der Lärm verschlang seine Worte.

Florette hatte sich nach der Wahl still von dannen geschlichen, erst in das leere Zelt, dann zur Wöchnerin, die ihrer bedurfte.

Dem Eletto blieb keine Zeit, an die Mutter zu denken; denn kaum hatte er den Kameraden einen schweren, feierlichen Eid geleistet und den ihren entgegengenommen, als Graf Mannsfeld erschien.

Der Feldherr wurde mit allen Ehren empfangen. Er kannte Navarrete, und dieser ging mit dem ihm eigenen männlichen Anstand auf die Verhandlungen ein; aber der Graf hatte in der Tat nichts als Versprechungen zu bringen, und die Meuterer ließen von ihrer Forderung nicht ab: »Geld oder eine Stadt!«

Der hohe Herr erinnerte sie an ihren Eid und ließ es an guten Worten, an Warnungen und Drohungen nicht fehlen, aber der Eletto blieb unbeugsam. Mannsfeld erkannte, daß er vergebens gekommen; das einzige, was er von Navarrete zu erwirken vermochte, war, daß ihm ein besonnener Mann aus der Schar der Führer nach Brüssel mitgegeben ward, um dort dem Staatsrat darzulegen, wie es mit den Regimentern stehe, und neue Vorschläge entgegenzunehmen; und als der Graf ihm dann vorschlug, Zorrillo mit der Sendung zu betrauen, befahl der Eletto dem Quartiermeister, sich sogleich zum Aufbruch fertig zu machen. Eine Stunde später verließ der Oberfeldherr das Lager. Der Gefährte Floras befand sich in seinem Gefolge.

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