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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 26
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Heute hatten sich gegen Abend die Führer der Meuterei, um Rat zu halten, bei den Zorrillos eingefunden.

Draußen war es sehr heiß und gewitterschwül, und je mehr Leute zusammenströmten, desto schwerer und drückender wurde die Luft in dem weiten Innenraum des Zeltes. Hier sah es einfach genug aus, denn die ganze Ausstattung bestand aus roh gearbeiteten Tischen, Bänken und Sesseln, einer großen Tafel und einer geraubten schönen Truhe von Ebenholz mit Elfenbeinzierat. Auf diesem Kunstwerke lagen die Kissen für das Nachtlager, Beutestücke aus Haarlem, überzogen mit bunter, schon längst durchlöcherter Seide, an die keine bessernde Frauenhand jemals gerührt hatte. Die Wände waren mit Heiligenbildern beklebt, und ein Kruzifix hing über dem Zelttor.

Hinter der großen Tafel stand ein hoher Sessel zwischen einem Korbe und dem Weinfaß, woraus die Sibylle, wenn es nottat, die Krüge füllte. Eine grobe, im Lager erwachsene Schenkmagd bediente die versammelten Männer; aber sie brauchte sich nicht zu eilen, denn die Spanier waren langsame Trinker.

Die Gäste saßen dicht gedrängt im Kreise beisammen und zeigten sich ernst und wenig gesprächig; aber was sie sagten, klang leidenschaftlich, aufbegehrend, trotzig, und oft hörte man den Redenden mit der Faust auf den Panzer schlagen oder das Schwert auf den Boden stoßen.

Wenn es eine Meinungsverschiedenheit gab, brausten die Streitenden bisweilen wütend auf, und dann erhob sich wie ein zehnfältiges Echo hier und dort ein Chor von wild durcheinander polternden Stimmen. Oft hatte es den Anschein, als müsse im nächsten Augenblicke das Schwert aus der Scheide fliegen und ein blutiges Handgemenge beginnen; aber Zorrillo, der zum Leiter der Versammlung erwählt worden war, brauchte nur den Stab zu erheben und Ruhe zu gebieten, und das Gebrüll verwandelte sich in dumpfes Murren, und die wettergebräunten, narbigen, mitleidlosen Krieger fügten sich auch noch als Meuterer zahm und scheu dem Kommando und dem eisernen Zwange der Mannszucht.

In der See und auf Schouwen hatte ihre prunkende Tracht ein bettelhaftes Ansehen gewonnen. Der Samt und Brokat, den sie den reichen Antwerpenern abgetrotzt hatten, hing nun zerfetzt und verschlissen um ihre nervichten Glieder. Sie hatten das Ansehen von Strauchdieben, Wegelagerern, gewalttätigen Räubern, und dennoch saßen sie hier, wie die Form des soldatischen Brauches es heischte, streng nach dem Range geordnet; und doch fügte sich jeder Meuterer auf dem Marsch und im Lager willig dem Befehle des neuen Führers, der beim Würfelspiel auf der Trommel des Kriegsglücks die höheren Pasche geworfen.

Eines stand unter allen fest: es mußte etwas Entscheidendes geschehen. Wämser und Schuhe, Geld und gutes Quartier tat jedermann not. Aber auf welchem Wege kam man am leichtesten zum Ziel? Parlamentieren, auf annehmbare Bedingungen sich fügen, verlangten diese; frei bleiben und eine Stadt nehmen, tobten die anderen; zuerst das begüterte Mecheln, das schnell erreicht werden konnte. Dort fand sich auch ohne Geld, was man brauchte.

Zorrillo hielt es mit besonnenem Vorgehen, Navarrete trat stürmisch für kühnes Zugreifen ein. Sie, die Meuterer, rief er, seien stärker als jede andere Heeresmacht in den Niederlanden und brauchten niemand zu fürchten. Den Bettler finde man mit Kupfer ab, aber wenn sie im Wohlstand säßen, so sei das Fordern an ihnen.

Mit flammenden Augen pries er, was die Truppen, was er selbst geleistet, erduldet, für den König erworben. Was er verlangte, war nichts als guter Lohn für Blut und Arbeit, guter Lohn, keine Silberlinge und nichtige Verheißungen.

Lautes Beifallgeschrei folgte seiner Rede, und ein Geschützmeister, der jetzt den Hauptmannsstab führte, rief begeistert:

»Navarrete, der Mann von Lepanto und Haarlem, hat recht. Ich weiß, wen ich wähle!«

»Victor, victor Navarrete!« klang es nach von manchem bärtigen Munde.

Aber Zorrillo unterbrach diese Kundgebung und rief nicht ohne Würde und indem er den Kommandostab höher hob:

»Die Wahl auf morgen, ihr Herren; heute der Rat. Es ist heiß hier drinnen, ich empfind' es wie ihr. Aber bevor wir auseinander gehen, leiht einem Manne, der es gut meint, noch auf wenige Augenblicke das Ohr.«

Nun entwickelte Zorrillo noch einmal alle Gründe, die sich für Verhandlungen und ein freundliches Übereinkommen mit dem Oberfeldherrn anführen ließen. Es lag etwas Gehaltenes, Staatsmännisches in seinem Wesen, und doch war seine Sprache nicht ohne Wärme und Reiz. Man sah und hörte es ihm an, daß es ihm ernst war, und während er redete, trat die Sibylle hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und trocknete ihm mit dem Tuche die triefende Stirn. Er ließ es geschehen, und ohne sich zu unterbrechen, warf er ihr einen innigen, dankbaren Blick zu.

Die gebräunten Krieger sahen sie gern und gestatteten ihr auch, ein Wort, einen Rat, eine Mahnung in die Verhandlung zu mischen, denn sie war klug und keine Frau von gewöhnlichem Schlage. Aus ihrem blauen Auge strahlte Verstand und frische Lebenslust, ihre vollen Lippen schienen zu schnellen, munteren Antworten geschaffen, im Verkehr, auch mit dem Geringsten, war sie immer und überall heiter und freundlich. Aber woher kamen die tiefen Linien an ihrem roten Munde und den äußeren Winkeln der Augen? Sie bemalte sie täglich mit Schminke, denn wer brauchte diese Zeugen der traurigen Stunden zu sehen, die sie in einsamen Zeiten durchlebte? Verdecken ließen sie sich wohl, aber sie mehrten sich, und mit jedem Jahre wurden sie tiefer.

An die schmale Stirn hatte sich noch keine Runzel gewagt, und die feinen Züge, die glänzend weißen Zähne, der mädchenhafte Wuchs, das herzgewinnende Lächeln dieser Frau gaben ihr ein jugendliches Ansehen. Sie konnte einige dreißig Jahre zählen, aber auch vierzig und mehr.

Eine Freude verjüngte sie um zehn Sommer, ein Verdruß verwandelte sie zur Matrone. Für ein höheres Alter schien das am Vorderhaupt künstlich gelockte schneeweiße Haar zu sprechen; aber man wußte, daß sie in wenigen Tagen und Nächten ergraut war, und zwar vor acht Jahren, als ein unzufriedener Troßknecht Zorrillo das Messer in den Leib gestoßen und der Quartiermeister wochenlang mit dem Tode gerungen hatte.

Dieses weiße Haar stand vortrefflich zu den roten Wangen der Lagersibylle, und das wußte sie und hütete sich darum wohl, es zu färben.

Während der Rede ihres Genossen ließ sie die Augen mehrmals mit einem eigentümlich gespannten Ausdruck auf Ulrich ruhen. Sobald er geendet, trat sie dann wieder hinter die Tafel zu dem schreienden Kinde zurück, um es auf den Armen zu wiegen.

Unter den Männern wollte ein neuer, heftiger Wortkampf entbrennen, aber Zorrillo hob die Versammlung auf. Zuletzt wurde einmütig beschlossen, am nächsten Morgen zur Wahl zu schreiten.

Während sich die Soldaten geräuschvoll erhoben und einige Zorrillo, andere dem Navarrete die Hand schüttelten, trat durch die weit geöffnete Zelttür der stattliche Wachtmeister eines deutschen Landsknechtsfähnleins, das in Antwerpen stand und nicht zu den Meuterern gehörte. Seine Tracht war bunt und gut gehalten, und ein munterer Tigerhund sprang hinter ihm drein.

Es hatte zu wettern begonnen und regnete heftig. Einige Spanier drehten die Rosenkränze und sprachen Gebete, aber dem Deutschen schien Donner, Blitz und Nässe die gute Laune nicht verdorben zu haben; denn er schwenkte mit einem fröhlichen »Puh« das Wasser von dem Federhute und stellte sich frisch und heiter den Kameraden als Abgesandten des Regimentes Pollviller vor.

Die Seinen, sagte er, hätten nicht übel Lust, sich dem »freien Heere« anzuschließen; er sei hier, um sich zu informieren, wie es mit den Herren von Schouwen bestellt sei.

Zorrillo bot dem Wachtmeister einen Sessel, und nachdem dieser schnell hintereinander zwei volle Becher von dem zinnernen Brett der Schenkin gehoben und geleert hatte, sah er sich im Kreise der meuternden Kameraden um. Einige waren ihm in verschiedener Herren Länder schon früher begegnet, und er schüttelte ihnen die Hände. Dann faßte er Ulrich ins Auge und besann sich, wo und unter welcher Fahne er diesem prächtigen blondhaarigen spanischen Krieger begegnet sein könne.

Da erkannte Navarrete den lustigen Landsknecht Hans Eitelfritz aus Kölln an der Spree, hielt ihm die Hand hin und rief in spanischer Sprache, deren sich auch der Landsknecht bedient hatte:

»Ihr seid der von der Lücke! Gedenkt Ihr noch des Weihnachtsabends am Schwarzwald und des Meisters Moor und des Alkazar in Madrid?«

»Ulrich, der junge Herr Ulrich! Himmel und Erde!« schrie Hans Eitelfritz; – aber plötzlich unterbrach er sich selbst; denn die Sibylle, welche sich von der Tafel erhoben hatte, um dem Abgesandten eigenhändig einen größeren Becher zu überbringen, hatte den Pokal dicht neben ihm aus der Hand fallen lassen.

Zorrillo und er waren ihr schnell beigesprungen, um sie zu stützen, denn sie taumelte und war einer Ohnmacht nahe. Aber sie hielt sich aufrecht und wies die Männer mit einer stummen Bewegung zurück.

Alle Augen waren auf sie gerichtet, und jeder erschrak; denn sie stand da wie erstarrt, und aus ihrem jugendlichen, heiteren Gesicht war plötzlich ein alterndes, abgelebtes Antlitz geworden.

»Was ist dir?« fragte Zorrillo besorgt.

Da sammelte sie sich und entgegnete schnell:

»Der Donnerschlag, das Gewitter ...«

Dann trat sie mit kleinen, zierlichen Schritten zu der Tafel zurück, und als sie sich dort auf ihrem Sitz niedergelassen hatte, erscholl draußen das Ave-Maria, das zum Gebet am Tagesschlusse rief.

Die meisten Anwesenden erhoben sich, um der Mahnung der Glocke zu folgen.

»Auf morgen, Wachtmeister! Morgen früh bei der Wahl.«

»A dios, á dios, hasta mas ver, Sibylla, á Dios« klang es laut durcheinander, und bald waren die meisten Gäste aus dem Zelte verschwunden.

Die Zurückgebliebenen saßen dünn gesät an den Tischen, und Ulrich blieb mit Hans Eitelfritz an dem seinen allein.

Der Landsknecht hatte die Aufforderung Zorrillos, sich zu ihm zu setzen, abgelehnt; denn da sei ein alter Freund aus Madrid, mit dem er von schöneren Zeiten zu plaudern habe. Der andere ließ dies willig gelten; denn was er seinen Tischgenossen zu sagen hatte, sollte sich gegen Navarrete und seine Meinungen richten. Je länger der Wachtmeister ihn festhielt, desto besser!

Ulrich war alles lieb, was ihn an Meister Moor erinnerte, und sobald er mit Hans Eitelfritz allein war, begrüßte er ihn nochmals in einem seltsamen Gemisch von Spanisch und Deutsch. Er hatte die Heimat vergessen, aber die Muttersprache doch nur zur Hälfte. Jedermann hielt ihn für einen Spanier, und er fühlte sich selbst als solchen.

Hans Eitelfritz hatte Ulrich viel zu erzählen; denn er war Moor öfter in Antwerpen begegnet, und auch in seiner Werkstätte freundlich empfangen worden.

Wie hörte Navarrete so gern von dem edlen Manne erzählen, wie tat es ihm so wohl, nach langen Jahren wieder einmal Deutsch zu sprechen, so schlecht es auch ging! Es war, als löse sich ihm eine Rinde vom Herzen, und so heiter, so jugendlich froh hatte ihn keiner der Anwesenden jemals gesehen. Nur eine wußte, daß er zu lachen und ausgelassen zu spielen verstand, und diese eine war die schöne Frau an der langen Tafel, die nicht wußte, ob sie vor Lust vergehen oder vor Scham in den Erdboden versinken sollte.

Sie hatte das einjährige Kind aus dem Korbe genommen, ein elendes, bleiches Geschöpfchen, dessen Vater gefallen war und dessen Mutter es dann im Stich gelassen hatte.

Der stattliche Fähnrich dort hieß Ulrich, er war ihr Sohn, er mußte es sein! Und sie, ach, sie durfte ihn nur verstohlen ansehen, nur heimlich auf die deutschen Worte lauschen, welche die geliebten Lippen sprachen. Es entging ihr keines, und doch verweilten, während sie schaute und hörte, ihre Gedanken in einem weit entlegenen Lande und fernen Zeiten, und neben dem bärtigen Riesen sah sie ein schönes, liebliches, lockiges Kind, neben der tiefen Mannesstimme vernahm sie ein glockenreines, süßes Kinderstimmchen, das sie »Müetterl« rief und so silberhell und herzlich zu lachen verstand.

Das blasse, fremde Kind in ihren Armen führte die schlaffen Händchen oft nach der Wange, denn sie war naß von den Tränen der Frau, die es wiegte. Und das arme Weib mit dem jungen Gesicht und den weißen Haaren, wie fiel es ihm so schwer, so unsagbar, grenzenlos schwer, ruhig zu bleiben. Wie trieb und drängte es sie, aufzuspringen und dem Kinde, dem Manne, dem Gegner ihres Geliebten, ihrem, ja ihrem Ulrich zuzujubeln: »Schau her, schau mich an! Ich, ich bin deine Mutter. Du bist mein! Komm, komm an mein Herz; ich will dich nie mehr verlassen!«

Und nun lachte Ulrich und lachte wieder und ahnte nicht, was in einem Mutterherzen dicht neben ihm vorging, und er hatte kein Auge für sie und hörte nur auf die Spässe des deutschen Landsknechts, mit dem er Becher auf Becher leerte.

Das fremde Kind in ihren Armen diente ihr als Schild vor den Blicken des Sohnes und mußte ihm verbergen, daß sie spähe und horche und weine.

Der Wachtmeister führte das große Wort und machte einen Spaß nach dem anderen; aber sie lachte nicht und wünschte nichts, als daß er aufhören und Ulrich reden lassen möge, damit es ihr gestattet sei, seine Stimme wieder zu hören.

»Gönnet dem Hunde Lelaps ein Plätzchen hier auf dem Sessel,« rief Hans Eitelfritz. »Er bekommt auf dem feuchten Erdboden – denn es sickert hier durch – nasse Füße und wird sich erkälten. Dieses auserlesene Geschöpf ist nicht wie andere Hunde.«

»Lelaps nennt Ihr den Tiger?« fragte Ulrich. »Ein seltsamer Name!«

»Von einem Tübinger Studenten, dem feinen Junker Fritz von dem Hallberg, tauscht' ich ihn ein gegen einen Elefantenzahn, den ich in der Levante erbeutet, und diesem fröhlichen Schalk dankt er seinen Namen. Ich sage Euch, er ist klüger als viele Studierte; Doktor Lelaps sollte er heißen.«

»'s ist ein artiges Tierchen.«

»Artig! Mehr, Herr, weit mehr. Da hatten wir in Napoli zum Exempel die berühmte Mortadellawurst zum Imbiß, und wie wir in eifrigen Gesprächen verkehrten, unterließ ich, ihn zu bedenken. Was tut nun mein Lelaps? Er geht stillschweigend davon in den Garten und kehrt mit dem Blümchen Vergißmeinnicht in der Schnauze zurück und reicht es mir, wie der Galan der Herzallerliebsten ein Sträußchen bietet. Das sollte sagen: auch ein Hund ist den Würsten gewogen, und es ziemt sich nicht, ihn zu vergessen. Was sagt Ihr zu dieser Klugheit?«

»Was die Eure angeht: Ihr seid ein guter Erfinder.«

»An mein Glück habt Ihr damals geglaubt, und nun zweifelt Ihr an dieser wahrhaftigen Geschichte?«

»Das ist freilich verkehrt, denn das Glück – Euer Glück ... wer es für treu und wahrhaftig nimmt, der ist übel beraten. Habt Ihr neue Lieder ersonnen?«

»Vorbei, völlig vorbei!« seufzte der Wachtmeister. »Seht hier diese Narbe! Seit mir ein ungläubiger Hund vor Tunis den Schädel entzwei hieb, will mir kein Vers mehr geraten; aber ruhig ist's hier oben darum doch nicht geworden. Ich lüge jetzt, statt zu dichten. Sie freuen sich über das krause Zeug, wenn ich einmal loslege am Schenktisch.«

»Und der gespaltene Schädel; ist das auch so eine Vergißmeinnichtsschnurre, oder wär' es ...«

»Seht her. Es ist die lautere Wahrheit. Ein schlimmer Streich ist's gewesen, aber an allem Bösen hängt auch ein Zipfelchen Gutes. Da waren wir zum Exempel in Afrika in der Wüste und gerad' am Verschmachten, denn das gehört zur Wüste wie der Punkt auf das i. Der Lelaps dort war bei mir und hat sogleich eine Quelle gewittert. Nun galt es zu graben, aber ich hatte weder Spaten noch Hacke. Da nahm ich die lockere Hälfte des Schädels heraus, 's ist ein hartes Stück Knochen, und grub, und als die Quelle herauskam, hab' ich aus der Hirnschale wie aus dem Becher getrunken.«

»Mann, Mann!« rief Ulrich und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Ihr glaubt, ein Hund vermöge keine Quelle zu wittern?« fragte Eitelfritz mit komischer Entrüstung. »Der Lelaps hier ist in Afrika gebürtig, wo die Tiger zu Hause sind, und seine Mutter ...«

»Ich denke, daß Ihr ihn aus Tübingen habt?«

»Ich sagte Euch doch schon, daß ich lüge. Da hab' ich Euch weisgemacht, der Lelaps stamme aus Schwaben; aber in Wirklichkeit ward er in der Wüste geboren, wo die Tiger zu Hause sind. Nichts für ungut, Herr Ulrich. Wir wollen die Spässe auf einen anderen Abend versparen. Sobald mich einer auf den Sand setzt, hör' ich auf mit den Flausen. Sagt mir jetzt, wo find' ich den Navarrete, den Fähnrich, den von Lepanto und Schouwen? Das muß ein schneidiger Kerl sein; es heißt, der Zorrillo und er ...«

Der Landsknecht hatte mit lauter Stimme gesprochen, und der Quartiermeister, der den Namen »Navarrete« verstanden, wandte sich um, und seine Augen begegneten denen des Fähnrichs.

Vor diesem Manne mußte er auf der Hut sein!

Sobald Zorillo in ihm den Deutschen erkannte, hatte er eine mächtige Waffe gegen ihn in der Hand. Der Spanier übertrug nur dem Spanier die Führung.

Dieser Gedanke kam ihm jetzt zum erstenmal. Hans Eitelfritz hatte ihm begegnen müssen, um ihn zu erinnern, daß er einem anderen Volke angehöre als die Kameraden. Hier galt es einer Gefahr zu begegnen, und so legte er mit der schnellen Besonnenheit, die er in der Schule des Krieges erworben, die Hand schwer auf die des Landsmannes und sagte leise und ernst: »Ihr seid mein Freund, Hans Eitelfritz, und wollt mir nicht schaden.«

»Beileibe, nein! Was sind das für Sachen?«

»Wohl denn, so behaltet für Euch, wo und wie wir einander zuerst getroffen. Unterbrecht mich nicht. Wie ich zu dem Namen gekommen und was ich im Leben erfahren, das erzähl' ich Euch später in meinem Zelte, wo Ihr Quartier nehmen müßt. Macht Eurem Erstaunen nicht Luft und bleibt ruhig. Ich, Ulrich, der Schwarzwälder Bube, bin der, den Ihr sucht: ich bin Navarrete!«

»Ihr?« fragte der Landsknecht und riß die Augen weit auf. »Larifari! Die Flausen von vorhin; Ihr zahlt sie mir heim!«

»Nein, Hans Eitelfritz, nein. Ich spasse nicht, es ist ernst! Ich bin Navarrete. Und weiter! Wenn Ihr reinen Mund zu halten versteht und der Teufel kein Ei in das Nest legt, so denke ich, trotz aller Zorrillos, morgen Eletto zu sein. Ihr kennt den spanischen Tick. Der deutsche Ulrich ist ein anderer für sie wie Navarrete, der Kastilianer. In Eurer Hand liegt es, mir das Spiel zu verderben.«

Da unterbrach ihn der andere mit einem überlauten, frohen Gelächter und befahl dem Hunde: »Aufgewartet, Lelaps! Meinen Respekt dem Caballero Navarrete!«

Die Spanier zogen die Stirnen kraus, denn sie meinten, der Deutsche habe sich einen Rausch angetrunken, aber Hans Eitelfritz brauchte mehr, um den nüchternen Mut zu verlieren.

Jetzt blinzelte er Ulrich mit den klugen Augen schalkhaft an und flüsterte ihm zu: »Wo es sein muß, kann ich auch schweigen. Ihr Allerweltsmensch, Ihr Obenhinaus! Ein Schwab der Führer dieser steifnackigen Protzen! Und nun gebt einmal acht, wie ich Euch helfe.«

»Was habt Ihr im Sinn?« fragte Ulrich; Hans Eitelfritz hatte aber schon den großen Becher gehoben und ihn so gewaltig auf den Tisch gestoßen, daß dieser erbebte. Dann schlug er noch mit der Faust auf die Tafel, und als die Spanier ihm die Augen zuwandten, schrie er in ihrer Sprache: »Ja, damals, damals war's schön, Caballero Navarrete. Euer Ohm, der edle Conde in Dingsda, dort in Kastilien, Ihr wißt schon, und die Condesa und die Condesilla. Lauter herrliche Leute! Wißt Ihr noch im Stall Eures Herrn Vaters, den kohlschwarzen Rappen mit dem schneeweißen Schweife und den alten Diener Enrique? In ganz Kastilien gab's keine längere Nase als seine. Einmal sah ich in Burgos einen einsamen länglichen Schatten um eine Straßenecke biegen, und zwei Minuten später kam erst die Nase und dann der alte Enrique.«

»Ja, ja,« entgegnete Ulrich, der die Absicht des Landsknechts erriet, »aber es ist spät geworden bei dem Geplauder; brechen wir auf!«

Die Frau an der Tafel hatte nichts von dem Geflüster der beiden verstanden; aber sie erriet, was der Wachtmeister mit seiner lauten Rede bezweckte. Als dieser sich gemächlich erhob, legte sie das Kind in den Korb, atmete tief auf, drückte die Finger eine kurze Weile fest auf die Augen und ging dann gerade auf den Sohn zu.

War es wirklich nur die Kunst, Karten zu schlagen, war es ihr kluger Rat, dem Florette den Namen der Sibylle verdankte, sie wußte es selbst nicht. Schon vor zwölf Jahren, während sie noch des wallonischen Kapitäns Grandgagnage Zeltgenossin gewesen, war er ihr angeflogen, sie konnte nicht sagen wie und durch wen. Das Kartendeuten hatte sie von einer Schiffskapitänswitwe erlernt, bei der sie lange im Quartier gelegen.

Als ihre Stimme scharf und schwächer geworden war, hatte sie sich dann auf das Weissagen gelegt, um beachtet zu bleiben und sich geltend zu machen; und ihr beweglicher Geist, ihr Ehrgeiz und die Menschenkenntnis, die ihr im Lager und auf der Wanderung von Land zu Land zugeflossen war, halfen ihr, in dieser wunderlichen Fertigkeit Außerordentliches zu leisten.

Die höchsten Kommandierenden hatten ihren Karten erwartungsvoll gegenüber gesessen und ihren Orakelsprüchen gelauscht, und wenn Zorrillo, der Mann, dessen Geliebte sie nun seit zehn Jahren war, die Quartiermeisterstelle nach der letzten Meuterei nicht eingebüßt hatte, so dankte er das ihrem Einfluß.

Hans Eitelfritz hatte von ihrer Kunst vernommen, und wie sie beim Aufbruch an ihn herantrat, um ihm anzubieten, die Karten für ihn zu befragen, ließ er sich von Ulrich nicht abhalten, einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Was ihm verkündet wurde, lautete im ganzen erfreulich, aber die Prophetin blieb nicht voll bei der Sache, denn sie machte sich beim Wenden der Blätter viel mit Ulrich zu schaffen, und einmal sagte sie, indem sie auf den roten und grünen Ritter wies, mit nachdenklicher Miene: »Das seid Ihr, Navarrete; das ist dieser Herr. Ihr müßt einander an einem Weihnachtstage begegnet sein, und nicht hier, sondern in Deutschland; wenn ich recht sehe, in Schwaben.«

Sie hatte dies alles eben erlauscht, aber Ulrich überlief es kalt, als er es hörte, und diese Frau, deren forschender Blick ihn stets beunruhigt hatte, flößte ihm nun ein geheimnisvolles Grauen ein, dem er nicht zu gebieten vermochte. Er erhob sich, um sich zu entfernen; sie aber hielt ihn zurück und sagte: »Nun kommt die Reihe an Euch, Kapitän.«

»Auf ein andermal,« entgegnete Ulrich abweisend. »Das Glück kommt immer zeitig genug, und das Unglück vorher zu kennen, ist ein Mißgeschick, sollt' ich meinen.«

»Ich kann auch in die Vergangenheit sehen.«

Ulrich stutzte. Er sollte erfahren, was dem Weib des Rivalen von seinem früheren Leben bekannt war, und so entgegnete er schnell: »Meinetwegen, beginnt!«

»Gern, gern; aber wenn ich in ein verflossenes Dasein schaue, muß ich mit dem Frager allein sein. Habt die Güte, Herr Wachtmeister, und schenkt Zorrillo auf ein Viertelstündchen Eure Gesellschaft.«

»Glaubt ihr nicht alles und schaut ihr nicht zu tief in die Augen. Komm, Lelaps, mein Söhnchen!« lachte der Landsknecht und tat, wie ihm geheißen.

Sie legte schweigend und mit unruhigen Händen die Karten aus; er aber dachte: »Jetzt wird sie mich auszuforschen versuchen, und tausend gegen eins, sie setzt alles daran, mir das Verlangen nach dem Elettostab zu verleiden. So fängt man Gimpel. Wir wollen uns an die Vergangenheit halten.«

Sie kam diesem Vorsatz entgegen; denn bevor sie die beiden letzten Reihen aufgedeckt hatte, stützte sie das Kinn auf das Kartenspiel in den erhobenen Händen und fragte, indem sie seinem Blick zu begegnen suchte:

»Wie fangen wir an? Erinnert Ihr Euch noch an Eure Kindheit?«

»Gewiß.«

»An Euren Herrn Vater?«

»Ich hab' ihn lange nicht gesehen. Sagen Euch die Karten nicht, daß er tot ist?«

»Tot, tot; natürlich ist er gestorben. Ihr hattet doch auch eine Mutter?«

»Ja, ja,« entgegnete er ungeduldig; denn es verdroß ihn, mit diesem Weib von der Mutter zu reden.

Sie fuhr leise zusammen und sagte kleinlaut: »Das klingt recht hart. Denkt Ihr nicht mehr gern an die Mutter?«

»Was kümmert das Euch?«

»Ich muß es doch wissen.«

»Nein. Was die Mutter angeht, das ist – das will ich – das ist zu gut für den Hokuspokus.«

»Oh,« sagte sie und schaute ihn mit einem Blicke an, vor dem er erschrak. Dann legte sie schweigend die letzten Karten aus und fragte: »Wünscht Ihr auch etwas über ein Liebchen zu hören?«

»Ich habe keines. Aber wie Ihr mich anseht! Ist der Zorrillo Euch lästig geworden? Was mich betrifft, so tauge ich nicht zum Galan.«

Sie schauerte leise zusammen, und das frohe Gesicht war wiederum alt, so alt und müde geworden, daß sie ihm leid tat. Aber sie sammelte sich bald und fuhr fort: »Was Ihr nur redet. Bitte, stellt nun selbst Eure Fragen.«

»Wo bin ich zu Hause?«

Auf einem waldigen Gebirge in Deutschland.«

»Aha! Und was wißt Ihr von meinem Vater?«

»Ihr seht ihm gleich, erstaunlich gleich an der Stirn und den Augen; auch seine Stimme war ganz wie die Eure.«

»Der Stamm und der Apfel.«

»Wohl, wohl. Ich sehe ihn vor mir, den Adam ...« »Den Adam?« fragte Ulrich, und das Blut wich ihm aus den Wangen.

»Ja, er hieß Adam,« fuhr sie mutiger und mit wachsender Lebhaftigkeit fort. »Da steht er. Er trägt den Schurz eines Schmiedes, ein Lederkäppchen schwebt ihm auf dem blonden Haar. Am Erkerfenster stehen Aurikeln und Balsaminen. Unten auf dem Markt wird eine Schecke beschlagen.«

Da schwindelte dem Soldaten, und die seligste Zeit seiner Kindheit, an die er schon so lange nicht mehr gedacht hatte, trat ihm wiederum vor die Seele, und er sah seinen Vater leibhaftig vor sich stehen, und die Frau, die Sibylle, das Weib dort, die hatte die Augen und den Mund nicht seiner Mutter, aber der Madonna, die er mit dem Malerstocke zerstoßen, und seiner selbst kaum mächtig, faßte er ihre Hand und preßte sie heftig und fragte auf deutsch: »Wie heiß' ich, und wie hat mich mein Müetterl genannt?«

Da schlug sie die Augen nieder, als ob sie sich schäme, und flüsterte ganz leise auf deutsch: »Ulrich, Ulrich, mein Herzblatt, mein Büble, mein Schäfle, Ulrich – mein, mein Kind! Verdamm mich, verlaß mich, verfluch mich, aber nenne mich noch einmal mein Müetterl.«

»Mein Müetterl,« sagte er leise und schlug beide Hände vor das Antlitz; sie aber sprang auf und eilte wieder zu dem blassen Soldatenkind in der Wiege und drückte die Augen auf die Brust des Kleinen und stöhnte und weinte bitterlich.

Zorrillo hatte unterdessen kein Auge von Navarrete und seiner Genossin verwandt. Was mochte zwischen den beiden vorgegangen sein, was hatte der Mann?

Langsam erhob er sich, trat an den Korb, vor dem die Sibylle kniete, und fragte besorgt: »Was war das, Flora?«

Da preßte sie das Antlitz fester auf das weinende Kind, damit er ihre Tränen nicht sehe, und entgegnete schnell: »Ich hab' ihm Dinge vorausgesagt, Dinge ... Geh, ich erzähl' es dir später.«

Er gab sich mit dieser Antwort zufrieden, sie aber mußte sich nun zu den Spaniern setzen, und Ulrich nahm mit einem stummen Gruß von ihr Abschied.

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