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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 25
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Was Ruhm ist – der Navarrete sollt' es erfahren! Er sah in Messina den Helden von Lepanto wie eine Gottheit verehren. Wo der Sieger sich zeigte, streuten ihm schöne Hände Blumen auf den Weg, Balkon und Fenster schmückten sich mit Teppichen, und jauchzende und winkende Frauen und Mädchen, fröhliche Kinder und ernste Männer riefen begeistert seinen Namen und warfen ihm Lorbeerkronen und Zweige zu. Von allen Monarchen und Großen der Erde liefen Botschaften, Glückwünsche und Ehrengeschenke für ihn ein.

Wenn er so den wunderbaren Jüngling dahinsprengen sah, wunderte sich Ulrich, daß seinem Rosse keine Flügel wuchsen und daß es sich nicht mit ihm in die Wolken erhob.

Aber auch er, Navarrete, hatte das Seine getan und sollte die Süßigkeit des eigenen Ruhmes kosten. Wenn er sich als einer der letzten auf Don Juans widerspenstigstem Roß im Gefolge des Feldherrn zeigte, fühlte er, daß man auch an ihm nicht vorbeisah, und wie oft hörte er die Leute einander von seinen Taten erzählen!

Das hob ihm das Haupt, dabei schwoll ihm das Herz, das trieb ihn auf neue Bahnen des Ruhmes.

Auch den Feldherrn drängte es vorwärts, aber er sah sich zu tatenlosem Warten verdammt, sah die Liga sich lösen, die Frucht seines Sieges verkümmern. Die eifersüchtige Kleinheit König Philipps zerfraß seine Wünsche, vergiftete seine Hoffnungen und zog eine Schranke vor die Verwirklichung seiner Träume.

Don Juan war übersättigt von Ruhm. »Macht« war die Kost, nach der er verlangte. Die emsige Spinne im Eskorial konnte ihm den Lorbeer nicht nehmen – aber ihr Wort, ihr höchstes Lebensziel war die Macht, und die war sie mit keinem Sterblichen, auch nicht mit dem Bruder, zu teilen gewillt.

»Lorbeeren sind welkende Blätter, Macht ist ein Ackerfeld,« hatte Don Juan zu Escovedo gesagt.

Einem Kaiserkinde, dachte Ulrich, steht es an, so hohe Wünsche zu hegen, dem Kleineren mag der Ruhm Leitstern auf der Lebensbahn bleiben.

In den Niederlanden stand die Elite des Heeres; da konnte er finden, was er begehrte.

Don Juan ließ ihn ziehen, und wenn »Ruhm« das Wort war, hatte Ulrich sich nicht über seine Mißgunst zu beklagen.

Dem stolzen Regiment »Kastilien« trug er die Fahne voran, und begegneten ihm fremde Kriegsvölker, wenn er in eine Stadt einzog, so raunte einer dem anderen zu: »Das ist der Navarrete, der bei jedem Sturm auf Haarlem voran war, der vor Alkmaar, als alles zurückwich, die Mauer noch einmal überannte; an ihm liegt es nicht, daß sie abziehen mußten ... Der da hat mit den Seinen auf der Mooker Heide den Ausschlag gegeben ... Habt ihr's gehört? Wie ihn dort zwei Kugeln getroffen, wickelte er die Fahne um sich und sank mit ihr und auf ihr ins Gras.

Und nun, da er mit dem meuternden Heere die Insel Schouwen hinter sich gelassen hatte und durch Brabant zog, hieß es von ihm:

»Der Navarrete! Er ist's, der den Spaniern mit der Fahne auf dem Haupte voranzog, als sie in jener Gewitternacht das Meer durchwateten, um Zierikzee zu überrumpeln.«

Was Waffen in den Niederlanden trug, das kannte seinen Namen; aber auch die niederländischen Bürger wußten, wer er war, und sie ballten die Faust, wenn sie von ihm sprachen.

Auf dem Schlachtfeld, im Wasser, auf dem Eise, in den Breschen ihrer festen Mauern, in brennenden Städten, in Straßen und Gassen, in Ratsstuben und ausgeplünderten Wohnräumen hatte er ihnen als Würger und Vernichter gegenüber gestanden. Und doch, wenn das Wort, der Ruhm, ihm schon lange vergällt war, so hatte das Unmenschliche, das seinem Treiben anhaftete, damit am letzten zu schaffen. Er war der Diener seines Monarchen, nichts weiter.

Was Niederländisch hieß, war für ihn ein von Gott verdammter, von seinem König verurteilter Rebell und Ketzer, kein braver Bauer, kein tüchtiger, gewerbfleißiger Bürger, kein edler Mensch, der Hab' und Leben für Glauben und Freiheit aufs Spiel setzt.

Diese Teufelsbrut verschmähte es, zu der gnadenreichen Mutter Gottes und den Heiligen zu beten, diese Tempelschänder hatten die Kirchen ihres Bilderschmuckes beraubt, die frommen Brüder und Schwestern aus den Klöstern vertrieben! Sie nannten den Papst den Antichrist, und in jeder eroberten Stadt fand er Spottlieder und höhnende Verse auf seinen Herrn, den König, seine Feldherren und alle Spanier.

Er hatte den Glauben der Kindheit bewahrt, und den teilte ein jeder, der mit ihm im Feld stand. Für die furchtbarsten Bluttaten hatte er willig Absolution, ja Aufmunterung und Lob erhalten.

In der Schlacht, beim Gemetzel, wenn die Wunden ihn brannten, beim Plündern, am Spieltisch, überall wandte er sich an die heilige Jungfrau, und daneben auch, aber das geschah nur noch selten, an das »Wort«, an den Ruhm.

Er glaubte nicht mehr daran, denn es hielt ihm nicht, was er von ihm erwartet. Der Lorbeer raschelte ihm jetzt auf den Locken als welkes Laub. Der Ruhm, er wollte die Leere seines Herzens nicht füllen, ihm fehlte, seine unbefriedigte Brust zufriedenzustellen, die Macht, er bot dem Vereinsamten keinen Seelengenossen, er brachte nicht einmal die Stimme zum Schweigen, die ihn, den unnahbaren Fechter, ihn, den kein Sterblicher mit einem scheelen Blick anzusehen wagte, aus seinem eigenen Innern heraus einen unglücklichen, um das wahre Heil und rechte Ziel betrogenen Narren schalt.

Diese Stimme, sie quälte ihn im weichen Daunenbette des Bürgers, auf dem Stroh im Lager, auf dem Marsch und beim Becher.

Und dennoch. Von wie vielen ward er beneidet! Ja, er schritt auch dahin wie ein triumphierender Halbgott, wenn er mit der Fahne dem Regiment voranzog. Kein anderer vermochte wie er den mit Goldblech beschlagenen schweren Stab und das übergroße, gestickte, seidene Tuch seiner Fahne zu tragen. Dies hätte einem stattlichen Schifferboot als Segel genügt; er aber hielt die Stange mit der bloßen Rechten, als sei die ihm anvertraute Last ein leicht zu regierendes Spielzeug. Mit unnachahmlicher Gravität warf er dabei den Oberkörper und das lockige Haupt zurück und stemmte die Linke auf die Hüfte. Die Wölbung der breiten Brust trat dann schön hervor und mit ihr der Kiel und die Spitze des Harnisches. Wie ein stolzes Schiff unter schwellendem Segel erschien er vor den Seinen, und selbst in feindlichen Städten las er Bewunderung in den Blicken der gaffenden Menge.

Und dennoch, dennoch war er ein elender, unzufriedener Mann, und öfter und öfter mußte er an die Worte Don Juans denken. Er traute der Zauberkraft eines Wortes nicht mehr wie in früheren Zeiten. Dennoch sagte er sich, »das Ackerfeld« des Kaiserkindes, »die Macht«, sei etwas Hohes und Großes – ja das Höchste, was ein Mensch zu erreichen vermag.

Galt denn die Allmacht nicht als vornehmste Eigenschaft Gottes? Und jetzt, gerade jetzt auf dem Marsche von Schouwen durch Brabant, jetzt winkte ihm die Macht. Er hatte sie schon gekostet, als das meuternde Heer, zu dem er gehörte, eine Schmiede überfallen. Da war er den Plünderern in den Weg getreten und hatte dem Meister Gut und Leben gerettet. Wer den Hammer vor dem Blasebalg schwang, war ihm heilig, und mit manchem ausgeraubten Handwerksgenossen seines Vaters hatte er schon früher Gewinn und Beute geteilt.

Er trug jetzt den Stab eines Kapitäns, aber das war Mummenschanz, Kinderspiel und nichts weiter. Ein lustiger Soldatenkoch hatte sich auch den Federschmuck eines Hauptmanns an die Seite des hohen Hutes befestigt. Der Feldoberst, die meisten Kapitäne und Leutnants waren, nachdem sich die große Meuterei auf der Insel Schouwen vollzogen hatte, zurückgetreten, und an ihrer Stelle standen nun Fähnriche, Sergeanten und Quartiermeister. Die höheren Offiziere hatten sich nach Brüssel begeben, und das meuternde Heer zog ohne Feldherrn die Kreuz und Quer durch Brabant.

Zweiundzwanzig Monate war der wohlverdiente Sold unbezahlt geblieben, und nun suchten die darbenden Regimenter den Lebensunterhalt, wo sie ihn fanden.

Auch vor zwei Jahren, nach der Schlacht auf der Mooker Heide, hatte die Armee sich selbst geholfen, und damals war, wie schon häufig bei ähnlichen Anlässen, ein ElettoDer Auserwählte. Die italienische Form, statt des der deutschen Zunge weniger bequemen spanischen Electo. aus der Mitte der meuternden unteren Offiziere gewählt worden. Ulrich hatte zu jener Zeit an schweren Wunden daniedergelegen, aber nach dem Ende der Meuterei war ihm von vielen gesagt worden, daß man keinen anderen als ihn zum Eletto gemacht hätte, wenn er nur gesund und dabei gewesen wäre.

Jetzt stand wiederum die Wahl eines Eletto bevor, und derjenige, auf welchen sie fiel, hatte an dreitausend Mann zu führen, ja es stand zu erwarten, daß sich bald auch andere Regimenter dem Aufstande anschließen würden. Aber ein Heer zu gebieten! Das war Macht, das war das Höchste; es war ein Leben wert, dies zu erreichen.

Bei Herenthals schlugen die Regimenter das Lager auf, und hier sollte die Wahl vollzogen werden.

Ulrich hatte bei der Anordnung der Zeltstraßen, bei der Verteilung der Wagen, die das Lager wie ein Wall umgaben, bei der Aufstellung der Feldstücke an den am wenigsten geschützten Stellen das große Wort geführt und sich dabei zum erstenmal im Leben Zwang angetan, nachgiebig und mild zu erscheinen, wo er weit lieber aufbegehrt hätte. Er lebte im Fieber, der Schlaf floh sein Lager, jedes Wort, das er vernahm, bezog er auf sich und seine Wahl.

In diesen Tagen lernte er im Zorne lächeln und gute Worte geben, wenn ihm ein Fluch auf den Lippen brannte. Und dabei galt es, nichts merken zu lassen, mit keiner Miene zu verraten, was er erstrebte, was in ihm vorging, damit er, wenn er unterlag, nicht dem Spott anheimfalle.

Noch ein Tag, noch eine Nacht, und vielleicht war er Feldherr und konnte ein Königreich erobern und die Welt in Schrecken setzen. Vielleicht, nur vielleicht; denn neben ihm warb ein anderer mit gefährlichen Mitteln um die Führung des Heeres.

Es war der Sergeantmajor und Quartiermeister Zorrillo, ein tüchtiger und wohlangesehener Soldat, der nach der Schlacht auf der Mooker Heide zum Eletto gewählt worden war, aber bei dem ersten ernsten Widerspruch, den er gefunden, sein Ehrenamt freiwillig niedergelegt hatte.

Es hieß, dies sei auf Rat seines Weibes geschehen, und diese Frau war sein gefährlichster Gegner.

Zorrillo stand bei einem anderen Regiment als er, aber er kannte ihn und seine Gefährtin, »die Lagersibylle«, schon lange.

In des Quartiermeisters Zelt wurde Wein verschenkt, und es war vor dem Ausbruch der Meuterei der Sammelplatz der Offiziere und Kaplane gewesen.

Die Sibylle hatte den Herren mit fröhlichem Geplauder die Zeit vertrieben, wenn sie tranken oder an den Spieltischen saßen; ihren Namen verdankte sie wohl dem Geschick, mit dem sie Karten zu legen verstand. Auch die gemeinen Leute waren ihr gut, denn sie kümmerte sich um ihre kranken Weiber und Kinder.

Navarrete hielt sich gern zu dem eigenen Regiment, und so war er nicht früher als auf Schouwen und dem Marsch durch Brabant öfter mit den Zorrillos zusammengekommen. Er hatte sie niemals gesucht, und jetzt ging er ihnen aus dem Wege; denn er wußte, daß die Sibylle nichts unterlasse, um die Wahl auf ihren Genossen zu lenken. Schon darum war er ihr übel gesinnt; aber er konnte es doch nicht vermeiden, dann und wann ihr Zelt zu betreten, denn die Führer der Meuterei pflegten dort Rat zu halten. Zorrillo kam ihm stets höflich entgegen; aber seine Genossin schaute ihn jedesmal so prüfend und forschend an, daß ihn dabei ein bängliches Gefühl beschlich, das dem kühnen Gesellen sonst fremd war.

Er mußte sich fragen, ob er sie nicht schon früher gesehen, und als ihm einmal in den Sinn kam, daß sie vielleicht seiner Mutter gleiche, wies er diesen Gedanken weit von sich.

Gestern hatte sie ihm angeboten, ihm die Karten zu legen; aber er war dem aus dem Wege gegangen, denn aus diesem Munde kam ihm sicher nichts Gutes.

Heute hatte sie ihn nach seinem Vornamen gefragt, und nun war es ihm seit Jahren zum ersten Male wieder eingefallen, daß er auch »Ulrich« heiße. Er war »Navarrete«, nichts als das, für sich selbst und andere Leute. Er lebte sein Leben für sich allein, und je abgeschlossener ein Mensch durch die Welt zieht, desto leichter geht ihm der Vorname verloren.

Wie er vor Jahren dem Meister versichert hatte, er heiße nur Ulrich, so war jetzt die barsche Antwort erfolgt: »Ich bin der Navarrete, das ist genug!«

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