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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ulrich stand wiederum vor dem Schatzhaus und erinnerte sich der Stunde, in der er als bettelarmer Bursche dem Gefängnis entronnen und von demselben Torhüter schnöde zurückgewiesen worden war, welcher jetzt den jungen Herrn in kostbarem Samt unterwürfig begrüßte.

Und doch! Wie gern hätte er wie damals arm, aber frei und mit einer Seele voll Begeisterung und Hoffnung diese Schwelle überschritten, wie freudig würde er die Jahre aus seinem Leben gestrichen haben, die zwischen damals und heute lagen!

Ihm graute vor den Coellos; nichts als die Ehre gebot ihm, sich ihnen zu stellen.

Ja – und wenn der Alte ihn abwies? – Um so besser!

In der Werkstätte herrschte immer noch das alte, lustige Durcheinander. Er hatte dort lange zu warten und hörte dann durch mehrere Türen Frau Petra schelten und die heftige Gegenrede ihres Gatten.

Endlich kam ihm Coello entgegen, und nachdem er ihn erst gemessen, dann aus gutem Herzen begrüßt und nach seinem Ergehen und seinem Schicksale gefragt hatte, zuckte er die Achseln und sagte:

»Mein Weib will nicht, daß du Isabella wiedersiehst vor der Probe. Was du kannst, mußt du zeigen, dabei bleibt es natürlich; aber ich ... Du siehst gut aus und hast, wie es scheint, die Realen zusammengehalten. Oder ist es wahr?« Und nun bewegte er die Hand, wie wenn jemand den Würfelbecher schüttelt. »Wer gewinnt, ist ein braver Mann; aber mit dergleichen geben wir uns hier nicht mehr ab! In mir findest du den Alten, und du, du bist zur rechten Zeit wieder gekommen, und das ist schon etwas. Von deinem Handel in Venedig hat mir de Soto erzählt. Die großen Meister waren zufrieden mit dir, und das verscherzt sich der Hitzkopf! Ferrara für Venedig! Ein elender Tausch. Der Filippi – das Zeichnen versteht er; aber sonst ... Michel Angelos Schüler! Schreibt er sich's immer noch auf den Rücken? Jedes Mönchlein ist Gottes Diener, und in wie wenigen steckt doch der Herrgott! Was hast du bei dem Sebastiano gezeichnet?« Ulrich beantwortete diese Fragen kleinlaut, und Coello hörte ihm nur mit halbem Ohre zu, denn er lauschte auf seine Gattin, die im Nebenzimmer der Duenna Catalina zurief, was sie von dem Betragen ihres Mannes halte. Sie tat es überlaut, denn sie wünschte von ihm und Ulrich gehört zu werden. Aber sie sollte ihren Zweck nicht erreichen, denn plötzlich unterbrach Coello den Bericht des Heimgekehrten und rief:

»Das wird mir zu bunt. Und wenn sie sich auf den Kopf stellt, du sollst Isabella begrüßen. Ein Willkommen, ein Händedruck, nichts weiter. Armes junges Volk! Wäre zum Leben nur nicht so verwünscht viel notwendig ... Nun, wir werden ja sehen!«

Sobald der Künstler das Nebenzimmer betreten hatte, entbrannte dort ein neuer, heftiger Streit, aber obgleich Frau Petra zuletzt auch eine Ohnmacht ins Feld führte, blieb ihr Gatte doch fest und kehrte endlich mit Isabella in die Werkstätte zurück.

Ulrich hatte sie erwartet wie ein Angeklagter das Urteil. Nun stand sie ihm an der Hand des Vaters gegenüber – und er, er schlug sich mit der Hand an die Stirn und schloß die Augen und öffnete sie wieder, um sie anzublicken – anzustarren wie eine Wundererscheinung. Und dann war es ihm zumute, als solle er vor Scham und Schmerz und freudiger Überraschung vergehen, und festgebannt stand er da und wußte nichts zu tun, als ihr die Hände entgegenzustrecken, und nichts zu sagen als: »Ich – ich, ich,« und dann wie ein Sinnverwirrter mit jählings wechselndem Ausdruck der Stimme zu rufen:

»Du weißt nicht! Ich bin nicht ... Gebt mir Zeit, Meister. Hierher, hierher, Mädchen, du sollst, du mußt, es darf nicht alles vorbei sein!«

Er hatte die Arme weit geöffnet, und nun trat er rasch gegen sie hin mit dem begehrlichen Blick des Spielers, der sein Letztes auf eine Karte setzte.

Coellos Tochter folgte ihm nicht.

Sie war nicht mehr die kleine, bescheidene Belita: hier stand kein Kind, sondern eine schön erblühte Jungfrau. In achtzehn Monden hatte sich ihre Gestalt gestreckt, in banger Sehnsucht, im Kampf mit der Mutter war das Übermaß der Fülle geschwunden, das Gesicht länglich, die Haltung selbstbewußter geworden. Die großen, klaren Augen kamen nun erst zur vollen Geltung, die halb entwickelten Züge hatten schönes Ebenmaß gewonnen, und die rabenschwarzen Locken umwallten als glänzender Schmuck das bleiche und anmutige Haupt.

»Selig, dem es vergönnt war, dies Weib zu besitzen!« So rief es laut in der Brust des Jünglings, aber eine andere Stimme raunte ihm zu: »Verloren, verloren, verscherzt und verspielt!«

Warum folgte sie nicht seinem Rufe? Warum flog sie ihm nicht in die geöffneten Arme? Warum, warum?

Er ballte die Fäuste, er biß die Zähne zusammen, denn sie regte sich nicht und schmiegte sich fest an den Vater.

Dieser schöne, prunkend gekleidete Herr mit dem spitz geschnittenen Vollbart, mit den tiefliegenden Augen und dem harten, grollenden Blick, das war ein ganz anderer als der heitere, begeisterte Jünger der Kunst, für den ihr erwachendes Herz zum erstenmal schneller geschlagen, das war der künftige Meister nicht, der als ein herrlicher, von freudigem Schaffen und hohem Gelingen verklärter Liebling des Glücks und der Muse vor ihrem inneren Auge gestanden. Dieser trotzige Riese sah nicht aus wie ein Künstler. Nein, nein; der dort glich nicht mehr jenem Ulrich, dem sie in der seligsten Stunde des Lebens so gern, so übergern die reinen Lippen geboten.

Das junge Herz Isabellas zog sich fröstelnd zusammen, und doch sah sie, daß ihn nach ihr verlangte, und doch wußte sie und konnte es nicht leugnen, daß sie sich ihm mit Leib und Seele verschrieben, und doch – doch hätte sie ihn so gern geliebt.

Es drängte sie, zu reden, aber sie fand kein anderes Wort als »Ulrich« und noch einmal »Ulrich«, und das klang nicht froh und entzückt, sondern beklommen und fragend.

Coello fühlte, wie ihre Finger sich fest und fester in seine Schulter drückten. Gewiß, sie suchte Schutz und Hilfe bei ihm, um ihr Versprechen zu halten und dem leidenschaftlichen Rufe des Geliebten zu widerstehen.

Nun schwammen die Augen seines Lieblings in Tränen, und er fühlte das Beben ihrer Glieder.

Da konnte er dem warmen Drange des väterlichen Herzens, seine kleine Belita glücklich zu sehen, nicht länger trotzen, und ganz erweicht von zärtlicher Schwäche, flüsterte er ihr zu:

»Armes Ding! Verliebtes Völkchen! Tut, was ihr wollt, ich werde nicht hinsehen!«

Aber Isabella ließ nicht von ihm los; sie richtete sich nur höher auf und faßte Mut, und blickte dem Wiedergekehrten fester ins Antlitz und sagte:

»Du hast dich verändert, so ganz verändert, Ulrich, und ich kann nicht sagen, was jetzt über mich kommt. Tag und Nacht hab' ich mich auf diese Stunde gefreut, und nun sie da ist – wie ist es nun? Was hat sich zwischen uns beide gestellt?«

»Was, was!« rief er empört und trat ihr in drohender Haltung näher. »Was? Du mußt es wissen! Deine Mutter hat dir die Lust an dem armen Stümper verdorben. Da steh' ich! Hab' ich Wort gehalten, ja oder nein? Bin ich ein Scheusal, eine giftige Schlange geworden? Schau mich nicht wieder so an, so nicht! – Es tut nicht gut; mir nicht und dir nicht. Ich lasse nicht mit mir spielen!«

Ulrich hatte diese Worte gerufen, als sei ihm schwere Unbill widerfahren, und er glaubte auch an sein Recht.

Coello machte sich von der Tochter los, um dem wild erregten Mann entgegenzutreten, sie aber hielt ihn zurück und entgegnete bleich, mit zitternder Stimme, aber dennoch stolz und entschieden:

»Es hat keiner mit dir gespielt, und ich am letzten: Ernst, heiliger Ernst ist es mir mit meiner Liebe gewesen!«

»Ernst!« unterbrach sie Ulrich mit schneidendem Spott.

»Ja, ja, heiliger Ernst; – und als die Mutter mir sagte, du habest um einer Dirne willen einen Menschen getötet und Venedig verlassen, als es hieß, in Ferrara seist du ein Spieler geworden, da hab' ich gedacht: den kenne ich besser, sie schwärzen ihn an, um dir, was du hier drinnen trägst, zu verderben. Ich glaubte es nicht; – aber nun glaub' ich's. Ich glaube es und werde es glauben, bis du deine Probe bestanden. Für den Spieler bin ich zu gut, dem Künstler Navarrete halt' ich mit Freuden, was ich versprach. Kein Wort, ich will nichts mehr hören. Komm, Vater! Wenn er mich liebt, so wird er verstehen, mich zu erwerben. Vor diesem da hab' ich Furcht.«

Ulrich wußte nun, auf wessen Seite die Schuld, auf wessen das Recht war. Es trieb ihn fort aus der Werkstätte, fort von der Kunst und der Braut; denn alles Beste im Leben, er hatt' es verscherzt.

Aber Coello vertrat ihm den Weg. Er war nicht der Mann, dem treuen Gesellen, welcher deutlich genug gezeigt hatte, wie fest er an seinem Liebling hing, um eines Raufhandels und eines glücklichen Spieles willen die Freundschaft zu kündigen. Hinter diesen Büschen hatte er in jungen Jahren selbst gesteckt, und war doch ein tüchtiger Maler und ein guter Ehemann geworden.

In kleinen Dingen gab er seinem Weibe willig nach, in großen wollte er Herr des Hauses bleiben.

Herrera war ein gewaltiger Gelehrter und Künstler, aber ein unscheinbarer Mann; und er ließ sich wie ein Stümper bezahlen. Die männliche Schönheit Ulrichs hatte es ihm angetan, und unter seiner, Coellos, Leitung sollte er's schon zu etwas bringen. Er, der Vater, wußte besser, wie es um Isabella stand, als sie selbst. Man schluchzt nicht so heftig auf, wie sie es getan hatte, sobald sich die Tür des Studienraumes hinter ihr geschlossen, wenn man nicht verliebt ist.

Woher hatte sie nur den kühlen Verstand? Von ihm gewiß nicht, und noch weniger von der Mutter.

Vielleicht wollte sie den Navarrete nur reizen, sich bei der Probe zusammenzunehmen. Coello lächelte: es lag ja in seiner Hand, milde zu richten!

So hielt er denn Ulrich mit ermutigenden Worten zurück und stellte ihm eine Aufgabe, mit der er wohl zurechtkommen konnte. Er sollte eine Madonna mit dem Christkinde malen, und zwei volle Monde wurden ihm für diese Arbeit bewilligt. In der Casa del Campo gab es eine Werkstätte, und da sollte er malen und nur versprechen, das Schatzhaus vor der Vollendung der Arbeit nie zu besuchen.

Ulrich willigte ein.

Isabella mußte die Seine werden.

Trotz gegen Trotz!

Sie sollte erfahren, wer von ihnen der Stärkere sei.

Er wußte nicht, ob er sie liebe, ob er sie hasse, aber ihr Widerstand hatte das Verlangen nach ihrem Besitz leidenschaftlich entflammt. Er war entschlossen, mit dem Aufgebot aller Kraft ein Meisterwerk zu schaffen. Was Tizian gebilligt hatte, mußte einem Coello genügen, und so begann er die Arbeit.

Es drängte und trieb ihn, das Bild der Mutter Gottes, so wie es einst in seiner Seele gelebt hatte, keck und ohne langes Besinnen hinzuwerfen, aber er tat sich Zwang an und wiederholte sich das warnende Wort, das man ihm so oft ins Ohr gerufen: Zeichnen, und wiederum Zeichnen.

Ein weibliches Modell war bald gefunden; aber statt seinem Auge zu trauen und keck und groß wiederzugeben, was er geschaut, maß er und maß er, und löschte aus, was der Rotstift vollendet. Beim Malen belebte sich sein Mut, denn Haar, Fleisch und Gewand schienen ihm wahr und wirksam zu werden. Aber er, der in besseren Zeiten Herz und Gemüt der Kunst verschrieben und ihr mit der Seele gedient hatte, zwang sich bei diesem Bilde zu einer Arbeitsweise, die seinem innersten Wesen widersprach. Sein Modell war schön, aber aus dem wohlgestalteten Antlitz konnte er nichts lesen, als daß es schön sei, und die leblosen Züge wurden ihm zuwider. Auch das Knäblein bereitete ihm große Not, denn ihm gebrach der Sinn für den Zauber der kindlichen Unschuld und den Liebreiz des kindlichen Wesens.

Dabei geriet er in große innere Not. Was ihm den Pinsel führte, war nicht mehr die göttliche Schaffensfreude von früher, sondern Angst vor dem Mißlingen, und heftiges, von Tag zu Tag wachsendes Verlangen nach Isabella.

Die Wochen vergingen.

Ulrich lebte in dem einsamen Schlößchen, in sich selbst zurückgezogen, feind jeder Gesellschaft, von früh bis spät ruhe- und freudlos tätig an einer Arbeit, die ihm mit jedem neuen Tag weniger genügte.

Don Juan d'Austria begegnete ihm zuweilen im Park. Einmal rief der Kaisersohn ihm zu:

»Nun, Navarrete, wie steht's mit der Anwerbung?«

Aber Ulrich wollte die Kunst nicht lassen, und doch zweifelte er schon lange an ihrer Allmacht. Je näher der Abschluß des zweiten Monats rückte, desto häufiger, desto inbrünstiger rief er das Wort an, aber es hörte ihn nicht.

Wenn es dunkelte, trieb es ihn in die Stadt, um Händel zu suchen und am Spieltisch sich selbst zu vergessen, doch er gab diesem Drange nicht nach, und um sich vor der Versuchung zu schützen, floh er in die Kirche und verbrachte dort ganze Stunden, bis der Sakristan die Lichter auslöschte.

Er rang hier nicht sehnsuchtsvoll nach Gemeinschaft mit dem Höchsten, kein demütiges Verlangen nach innerer Läuterung, etwas anderes hielt ihn hier fest.

Beim Orgelton und Weihrauchduft konnte er mit den verlorenen Lieben wie mit Gegenwärtigen verkehren, da wurde der trotzige Mann zum Kinde, da fühlte er in seinem Herzen alles wieder aufblühen, was gut und weich in ihm war.

In der letzten Woche vor Ablauf der Frist kam ihm in der Nacht wie eine Offenbarung ein Gedanke, der ihn zum Ziel führen mußte.

Auf der Leinwand prangte ein schönes Weib, dem ein Kind auf dem Schoß stand.

Was hatte er alles versucht, um in diese Züge den rechten Ausdruck zu legen!

Die Erinnerung, ja, sie sollte ihm helfen, das Rechte zu treffen. Welches Weib war schöner, welches zärtlicher und liebreicher gewesen als seine Mutter?

Ihre Augen, ihr Mund standen ihm greifbar deutlich vor der Seele, und in den letzten Tagen, die ihm übrig blieben, gewann seine Maria Florettens fröhlichen Blick, und bald spielte auch um die Lippen der Jungfrau der sinnliche, herzbestrickende Reiz, der dem Munde der Spielmannstochter eigen gewesen.

Ja, das war eine Mutter, ja, es mußte eine echte, rechte Mutter sein, denn es war ja die seine!

Je finsterer es in seiner Seele aussah, desto sonniger und entzückend heiterer erschien ihm sein Bild. Er konnte sich nicht satt daran sehen, denn er fühlte sich vor ihm in die seligsten Stunden der Kindheit versetzt, und wenn diese Maria ihn anschaute, war es ihm, als stünden ihm die Balsaminen hinter dem Fenster der Schmiede am Markt und die schönen Herren wieder vor Augen, die ihn von dem Schoß der lachenden Frau genommen, um ihn auf die Schulter zu heben.

Ja! Bei diesem Gemälde hatte jene »heitere Kunst« geholfen, der zu Ehren Paolo Veronese bei Tizian aufgesprungen war, um das Glas zu leeren und es aus dem Fenster in den Kanal zu schleudern.

Er glaubte des Erfolges gewiß zu sein, und nun konnte Isabella nicht mehr grollen. Sie hatte ihn auf den rechten Weg zurückgeführt, und es wollte ihm süß, beseligend süß erscheinen, das geliebte Mädchen zärtlich und sacht auf starken Armen durchs Leben zu tragen.

Eines Morgens ließ er der Verabredung gemäß Coello mitteilen, die Madonna sei fertig.

Am Mittag erschien er, doch er kam nicht allein, und derjenige, welcher ihm voranging, war kein Geringerer als der König.

Klopfenden Herzens, keines Wortes mächtig, öffnete Ulrich die Tür der Werkstätte und verneigte sich tief vor dem Monarchen; aber dieser würdigte ihn keines Blickes und trat gravitätisch vor das Gemälde.

Coello zog das Tuch herunter, mit dem es bedeckt war, und alsbald tönte von den Lippen des Königs jenes schneidende Kichern, das Ulrich schon öfter aus seinem Munde vernommen.

Dann wandte sich der Monarch an Coello und sagte unwillig und laut genug, um von dem jungen Künstler verstanden zu werden:

»Ärgerlich! Ein verletzendes, beleidigendes Machwerk. Eine Bacchantin im Kleide der gnadenreichen Mutter. Und das Kind! Sieh diese Beine! Wenn es heranwächst, kann es ein Tanzmeister werden. Wer solche Madonna malt, der lasse die Hand von den Farben! Zu den Rossen mit ihm, zu den Rossen!«

Coello fand kein Wort der Entgegnung, der König aber blickte noch einmal auf das Bild und rief dann entrüstet:

»Eines Christen Werk, eines Christen! Was weiß der Wurm, der dies gemacht hat, von der Mutter, der Jungfrau, der Lilie ohne Makel, der Rose ohne Dorn, dem Pfade, auf dem Gott zu dem Menschen gekommen, der Schmerzensreichen, die, wie Christus mit seinem heiligen Blute, mit ihren Tränen die Welt erlöste! – Ich habe genug gesehen, übergenug! Escovedo erwartet mich draußen! Wegen der Ehrenpforte reden wir morgen!«

Philipp entfernte sich, und der Hofmaler gab ihm das Geleit bis zur Tür.

Als er in die Werkstätte zurückkehrte, stand der unglückliche Jüngling immer noch an derselben Stelle und starrte, tief atmend, auf sein verurteiltes Werk.

»Armer Schelm!« sagte Coello und trat ihm mitleidig näher; Ulrich aber unterbrach ihn und fragte mit mühsam hervorgestoßenen Lauten:

»Und Ihr, und Ihr? Euer Urteil!«

Da zuckte der andere die Achseln und entgegnete mit aufrichtigem Bedauern:

»Ihre Majestät ist nicht milde; aber komm her und sieh selbst! Von dem Kinde will ich nicht reden, obgleich es ... Lassen wir es in Gottesnamen stehen, wie es steht. Auf die Madonna kommt es mir an wie dem König, und die – es tut mir leid, es zu sagen, die gehört überall eher hin, als in den Himmel. Mein Gott, wie oft ist das Ding übermalt! Wenn Meister Antonio, wenn Moor das sähe ...«

»Dann, dann?« fragte Ulrich mit düster glühenden Augen.

»Er würde dich zwingen, noch einmal von vorne anzufangen. Du tust mir aufrichtig leid, und die arme Belita nicht minder. Meine Frau wird triumphieren. Du weißt, ich habe dir immer die Stange gehalten; aber eine so unglückselige Leistung! ...«

»Genug!« schnitt ihm der Jüngling ins Wort. Dann stürzte er sich auf das Bild, durchstieß es mit dem Malerstock und warf es samt der Staffelei mit einem kräftigen Fußtritt zu Boden.

Coella sah ihm kopfschüttelnd zu und suchte ihn mit gütigen Worten zu besänftigen, Ulrich aber hörte ihn nicht und rief nur:

»Es ist aus mit der Kunst, aus und vorbei. A Dios, Meister! Eurer Tochter schmeckt die Liebe nicht ohne Kunst, und die Kunst und ich haben nichts mehr zu teilen.«

An der Tür blieb er stehen, suchte sich zu sammeln und streckte endlich Coello, der ihm traurig nachgeschaut hatte, die Hand entgegen.

Der Maler reichte ihm willig die seine, und während Ulrich sie kräftig drückte, sagte er bewegt und mit bebender Stimme:

»Verzeiht dies Toben ... Mir ist nur ... mir ist, als trüg' ich alles, was mir teuer war, zu Grabe. Habt Dank, Meister, Dank für vieles. Ich bin, ich habe ... hier drinnen – hier oben, da wirbelt alles bunt durcheinander. Ich weiß nur, gewiß, ich weiß, daß Ihr, daß Isabella gut zu mir waret, und ich, ich habe – es bringt mich noch um! Glück hin! Kunst hin! A Dios, trügerisches Wort! A Dios, göttliche Kunst!«

Bei diesem letzten Gruß zog er die Hand aus der des Meisters, stürzte in die Werkstätte zurück, drückte mit überströmenden Augen die Lippen auf die Palette, auf die Stiele der Pinsel, auf sein vernichtetes Bild und eilte dann an Coello vorüber ins Freie.

Den Maler zog es zu seinem Kinde; aber der König hielt ihn im Parke auf. Endlich konnte er ins Schatzhaus zurück.

Auf der Treppe vor der Tür seiner Wohnung wartete Isabella. Sie hatte hier schon lange, lange gestanden.

»Vater!« rief sie hinunter.

Coello blickte mit einem traurigen Blick zu ihr auf und schwenkte bedauerlich und verneinend die Hand.

Da schauerte sie zusammen, als habe ein scharfer Zug sie getroffen, und wie der Maler neben ihr stand, blickte sie ihn mit den dunklen Augen, die größer als je aus dem bleichen, verhärmten Antlitz schauten, forschend an und sagte leise, aber bestimmt:

»Ich will ihn sprechen. Du führst mich zu dem Gemälde. Ich muß es sehen.«

»Er hat es durchstoßen,« entgegnete der Maler. »Glaube mir, Kind, du hättest es selber verurteilt.«

»Und doch, doch! Ich muß es sehen,« wiederholte sie ernst und fest, »sehen, sehen mit diesen Augen. Ich fühl' es, ich weiß es: er ist dennoch ein Künstler. Warte, ich hol' die Mantilla!«

Mit fliegenden Schritten eilte sie in die Wohnung zurück, und als sie um weniges später mit dem schwarzen Spitzentuch auf dem Haupt die Treppe neben dem Vater hinabstieg, kam ihnen der Geheimsekretär de Soto entgegen und rief dem Maler zu:

»Wollt Ihr das Neueste hören Coello? Euer Schüler Navarrete ist Euch und der edlen Malerkunst treulos geworden. Vor einer Viertelstunde hat ihm Don Juan das Handgeld gegeben. Immer besser, ein guter Reiter, als ein mittelmäßiger Maler. Was habt Ihr, Fräulein?«

»Nichts, nichts,« murmelte sie leise und sank an die Brust des Vaters.

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