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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 22
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Das Admiralschiff, das die Gesandten des Königs Philipp nach Venedig führte, erreichte glücklich sein Ziel; aber Sturm und Wetter hatten es aufgehalten, und unter den Fahrgästen war Ulrich der einzige gewesen, der sich bei dem Schwanken und Rollen des taumelnden Fahrzeuges gesund wie ein alter Matrose gehalten.

Dafür war es mit seinem inneren Wohlsein um so übler bestellt, und wer ihn beobachtet hätte, wie er, über die Brüstung des Decks gelehnt, in die See starrte, oder mit unruhiger Haltung und düster blickenden Augen auf und nieder schritt, der hätte schwerlich geahnt, daß dieser verschlossene, reizbare, nur zu oft von trüben Stimmungen beherrschte Jüngling vor kurzem ein edles, begehrenswertes Menschenherz gewonnen habe und der Verwirklichung seiner kühnsten Träume, der Erfüllung seiner heißesten Wünsche entgegenfahre.

Wie anders hatte er »das Paradies der Kunst« zu betreten gehofft!

So frei, so frisch, so reich wie in der Frühe des Tages, bei dessen Niedergang er das Lebensglück Isabellas mit dem eigenen verbunden, war er noch nie gewesen ... und nun – und nun!

Ungebunden, froh und ledig wie der Vogel in der Luft hatte er Italien von einem Orte zum andern zu durchstreifen gedacht; er war willens gewesen, zu schauen, zu bewundern, zu genießen, und erst, wenn er alle großen Maler kennen gelernt, unter ihnen einen neuen Meister zu wählen. Sofonisbas Heimat hatte die seine werden sollen, und es war ihm nicht in den Sinn gekommen, die Zeit seines Genießens und Lernens auf dem geheiligten Boden fest zu begrenzen.

Wie anders sollte sich nun sein Leben gestalten! Bis er in Valencia das Schiff bestiegen, hatte ihn der Gedanke, ein so gutes, verständiges, liebreiches Wesen wie Isabella sein eigen zu nennen, beglückt und erhoben, aber in den einsamen Stunden, welche die Seefahrt verschwenderisch brachte, vollzog sich eine verhängnisvolle Wandlung in seinem Inneren.

Je breiter die Meeresfläche wurde, die sich zwischen ihn und Spanien legte, desto ferner rückte ihm Isabella, desto weniger lockend und reizvoll wollte ihr Besitz ihm erscheinen.

Er sagte sich jetzt, daß er sich vor der verhängnisvollen Stunde gefreut hatte, von ihren schulmeisterlichen Mäkeleien loszukommen, und wenn er in die Zukunft schaute und er sich, den schmucken Navarrete, dessen hoher Wuchs die kleineren Spanier mit Neid erfüllte, mit der winzigen Gefährtin durch die Straßen wandeln und von den Leuten belächeln sah, erfaßte ihn bitterer Ingrimm gegen sich selbst und sein hartes Los.

Er fühlte sich gefesselt wie die Galeerensträflinge, deren Ketten laut rasselten und klirrten, wenn sie unten im Schiffsraume die Ruder zogen. Zu anderen Zeiten mußte er hingegen ihrer schönen, großen, von Liebe überströmenden Augen und ihrer roten, weichen Lippen gedenken und sehnsüchtig bekennen, daß es doch süß gewesen sei, sie zu küssen und in den Armen zu halten, und daß er, da er seine Ruth doch auf immer verloren, kein treueres, verständigeres, zärtlicheres Weib finden könne als sie.

Aber was sollte er, der Schüler, der wandernde Jünger der Kunst, mit einer Braut, einer Gattin? Die beste und schönste ihres Geschlechts wäre ihm jetzt wie ein Hemmnis, wie ein lastendes Zentnergewicht erschienen. Der Gedanke, in einer gegebenen Frist etwas Bestimmtes erreichen und sich dann einer Prüfung unterziehen zu sollen, lähmte seine Freudigkeit, beugte und beleidigte ihn.

Graue Nebel verfinsterten ihm mehr und mehr das leuchtende Sonnenland, nach dem er sich mit so leidenschaftlichem Verlangen gesehnt hatte, und es war ihm, als sei er in jener unseligen Stunde dem »Worte« untreu geworden, als habe es ihm damals seinen Beistand auf immer entzogen.

Manchmal trieb es ihn, Coello seine Dukaten zurückzuschicken und ihm zu schreiben, er habe sich übereilt und trage kein Verlangen nach dem Besitz seiner Tochter, aber das brach vielleicht dem armen, guten Geschöpf, das ihn so zärtlich liebte, das Herz! Er wollte kein undankbarer, wollte kein Ehrloser sein, und ertragen und auf sich nehmen, was sein Leichtsinn verschuldet.

In Italien, im eigensten Reiche der Kunst, konnte vielleicht ein Wunder geschehen. Dort nahm sie, die erhabene Göttin, ihn vielleicht wieder ans Herz und übte auch auf ihn jene Macht aus, welche Sofonisba mit so glühenden Worten gepriesen.

Der Gesandte und der Sekretär de Soto hielten Ulrich für einen ungeselligen Träumer; aber nachdem sie in Venedig angelangt waren, forderte dieser ihn dennoch auf, sein Quartier zu teilen; denn Don Juan hatte ihn ersucht, sich des jungen Malers anzunehmen.

Was mochte dem prächtigen Burschen fehlen? Der Sekretär suchte ihn auszuforschen, aber Ulrich verriet nicht, was ihn bedrückte, und deutete nur im allgemeinen an, daß ihn eine schwere Sorge belaste.

»Aber nun kommt die Zeit, in der auch der Ärmste der Armen, der Elendeste unter den gottverlassenen Leidtragenden seine Bürde abwirft!« rief de Soto. »Übermorgen beginnt die frohe Karnevalszeit! Kopf in die Höhe, junger Mann! Mich drücken gewichtigere Bürden als Euch! Werfet die Euren in den Großen Kanal und bildet Euch bis Aschermittwoch ein, das Himmelreich sei auf die Erde gefallen!«

O blaues Meer, das die Lagunen bespült, o mastenreicher Lido, o Dogenpalast, der du das Auge fesselst wie den rückwärts schauenden Sinn, o du Markusdom in deinem unvergleichlichen Gewande von Gold und Gemälden, o ihr Rosse und ihr anderen göttlichen Werke von Erz, ihr edlen Paläste, denen die stille Fläche des ruhenden Wassers zum Spiegel dient, du Markusplatz, auf dem sich in Samt und Seide und Gold das reichste und freieste aller Geschlechter in gerechtem Selbstbewußtsein groß macht! Du Hafen, du Mastenwald, du unzählbares Heer von stolzen Galeeren, die einen Erdteil mit dem anderen verbinden, Schrecken künden, Gehorsam ertrotzen und unermeßliche Schätze auf friedlichen Fahrten und mit blanken Waffen erbeuten. O du Rialto, auf dem Gold eingeheimst wird wie anderwärts Weizen und Roggen; – ihr stolzen Edlen, ihr schönen Frauen mit dem vollen Haar, das ihr nicht schwarz mögt, sondern so goldglänzend färbt wie die blanken Zechinen, die ihr mit so kleinen und doch so weit geöffneten Händen verschwendet! O Venedig, du Königin der Meere, du Mutter des Reichtums, du Thron der Macht, du Ruhmeshalle, du Tempel der Kunst, wer entzöge sich wohl deinem Zauber?

Was der übermütige Lenz für die Erde, das ist für dich deine Karnevalszeit! Die wandelt die Farbenpracht der Lagunenstadt in augenblendendes Leuchten, das Lächeln in olympisches Lachen, das Liebesgeflüster in jauchzende Hymnen der Liebe, die Heiterkeit und den Scherz in bacchantische Lust, das laute, rege Leben der mächtigen Handelsstadt in einen tosenden Wirbel, der alles in seine Kreise zieht und keinen losläßt, den er erfaßt hat.

De Soto drängte und stieß den ohnehin aus dem Gleichgewicht gerissenen Jüngling, bevor er die rechte Strömung fand, mitten in den Strudel hinein.

Auf der Barke, im Getümmel der Straße, beim Festmahl, im Tanzsaal, am Spieltisch, überall zog der junge, glänzend gekleidete goldlockige Maler, der mit dem Gesandten des Königs von Spanien vertraut war, und von dem man doch nicht wußte, woher und von wannen, die Aufmerksamkeit der Männer und das Auge, die Neugier, das Verlangen der Frauen auf sich.

Wo er rief, da folgten ihm auch die Schönsten, und unter den schlanken Frauen Venedigs wählte er die größten und stattlichsten aus, um sie zum Tanz oder durch das Gedränge der Masken und die von Festlust berauschte Menge zu führen.

Er wollte die Henkersmahlzeit genießen, vergessen, vergessen, sich schadlos halten für kommende Zeiten der Entbehrung, der Nüchternheit, der Selbstüberwindung, der Qual.

Arme kleine Isabella! Dein Liebster will kosten, wie es mundet, sich mit dem majestätischen Weib am Arm der Menge zu zeigen! Und du, Ulrich, wie wird dir, wenn sie hinter dir rufen: »Ein herrliches Paar! Seht diese beiden!«

In diesem Taumel braucht er kein hilfreiches Wort, nicht »Glück«, nicht »Kunst«; auch ohne Zauber fliegt er von Rausch zu Rausch, durch alle Himmel, und kennt nur den heutigen Tag und fragt nicht nach morgen.

Wie ein Besessener wirft er sich der Begierde an den Busen und entwindet sich üppigen Armen, um an den Spieltisch zu stürzen, und dort wird aus dem Dukaten, den er hinwirft, ein Haufen Goldes, aus der Zechine ein voller Beutel.

Die rasch erworbenen Schätze schmelzen hin wie Schnee an der Sonne und kehren wieder wie ausgeflogene Tauben in den offenen Schlag.

An den Werken der Kunst wird nur mit trunkenen Blicken genascht; – und dennoch übt das gnädige Wort noch einmal seine Wunderkraft an dem Verirrten.

Am Faschingsdienstag führt der Gesandte Ulrich zu dem großen Tizian.

Er steht dem Beherrscher der Farben gegenüber, er hört aus seinem Munde freundliche Worte, er sieht den kaum gebeugten Neunziger im lang hinwallenden Purpurtalar die Gaben des Königs empfangen.

Nie und nimmer bis zum Ende seines Daseins kann er dies Antlitz vergessen.

Wie mit dem Ziselierstahl aus hartem Metall gestochen, so fein, so scharf umrissen erscheinen diese Züge, aber sie sind bleich, ganz ohne Blut, sie werden auch nicht von dem leisesten Farbenhauche gestreift. Der lange, silberweiße Bart des hohen Greises fließt in vollen Wogen bis tief auf die Brust, und die Augen, mit denen er Ulrich mißt, sind die eines markigen, scharf prüfenden Mannes. Seine Stimme klingt nicht streng, sondern wehmutsvoll und betrübt, und ein tiefes Seelenleid beschattet das Auge und hat sich fest an dem Munde des Mannes eingenistet, dessen hagere Greisenhand immer noch leicht und sicher mit heiteren Farbensymphonien die Sinne bestrickt.

Der Schüler beantwortet mit bebenden Lippen die Fragen des hohen Meisters, und als Tizian ihn einladet, sein Mahl zu teilen, und Ulrich um Mittag im glänzenden Festsaal am unteren Ende der Tafel von seinem Nachbarn belehrt wird, mit welchen Größen es ihm zu schmausen vergönnt ist, fühlt er sich so bang, so klein und unwürdig, daß er kaum wagt, den Becher und die köstlichen Speisen zu berühren, die die Diener ihm reichen.

Er schaut, er horcht, er vernimmt den Namen seines alten Meisters, er hört ihn als Bildnismaler neidlos preisen. Man fragt ihn nach seinem Ergehen, und er steht befangen Rede und Antwort.

Nun erheben sich die Gäste.

Die Februarsonne scheint in das hohe Fenster, bei dem Tizian sich niederläßt, um heiterer als zuvor mit Paolo Cagliari, dem Veronesen, und anderen großen Malern und Herren zu plaudern.

Wiederum hört Ulrich Moor erwähnen. Dann winkt ihm der Greis, von dem er kein Auge verwandt hat, und Cagliari ruft ihm zu, er, der Schüler des wackeren Antonio Moro, solle jetzt zeigen, was er vermöge; Meister Tizian wolle ihm eine Aufgabe stellen.

Ein Schauer überläuft ihn, die Stirn wird ihm feucht vor herzbedrückender Angst.

Jetzt fordert der Greis ihn auf, seinem Neffen in die Werkstätte zu folgen. Eine Stunde bleib' es noch hell. Er möge einen Juden malen, aber keinen Schacherer und Trödler, sondern einen von der edlen Art der Propheten, Jünger, Apostel.

Ulrich steht vor der Staffelei.

Zum erstenmal nach langer Zeit ruft er wieder das Wort an, und er tut es mit Inbrunst, aus ganzem Herzen. Seine verlorenen Lieben, die ihm im Taumel der Festlust aus dem Gedächtnis geschwunden, stellen sich ihm wieder vor das innere Auge und unter ihnen der Doktor, welcher ihn mahnend mit den klaren, sinnenden Augen anschaut.

Wie eine Eingebung kommt es über den Jüngling. Ihn, den Freund, den Lehrer, den Vater Ruths kann er, will er nun malen.

Das Bildnis, welches er als Knabe gezeichnet, tritt ihm Zug für Zug vor die Seele.

Da liegt ein Rotstift!

Mit wenigen Strichen wirft er die Umrisse hin. Dann greift er zum Pinsel, und während er mit fliegender Hand die Farben mischt und den Pinsel führt, ist es ihm, als stehe Costa leibhaftig vor ihm und fordere ihn auf, ihn zu malen.

Den milden Blick dieses Auges, das Lächeln dieses feinen Mundes, er hat sie nimmer vergessen, und er gibt sie wieder so gut er vermag. Die Augenblicke verfliegen, die Minuten eilen dahin, das Bildnis rundet sich, es gewinnt Leben. Er tritt von der Staffelei zurück, um zu sehen, woran es noch fehlt, und das Wort noch einmal aus vollem Herzen anzurufen; da öffnet sich die Tür, und auf einen jüngeren Maler gestützt, tritt Tizian mit anderen Künstlern in die Werkstätte.

Er blickt auf das Bild, schaut auf den Maler und sagt dann mit einem beifälligen Lächeln: »Seht nur, seht! Nicht zu viel vom Juden, und ein ganzer Apostel! Ein Paulus, oder mit längerem Haar und ein wenig jünger wohl auch ein Johannes. Gut, gut, mein Sohn!«

Gut, gut! Mit diesen Worten hatte Tizian seine Arbeit geadelt, und sie klangen laut in ihm fort, und das Maß der Wonne, die ihn erfüllte, drohte überzufließen, als kein geringerer als der große Paolo Veronese ihn aufforderte, sich am Samstag in seiner Werkstätte als Schüler zu melden.

Entzückt, von neuer Hoffnung beseelt, wirft er sich in die Gondel.

In dem Palast, den er mit de Soto bewohnt, ist alles ausgeflogen. Wer mag am Fastnachtabend zu Hause bleiben?

Es wird ihm zu eng in den einsamen Räumen.

Morgen in der Frühe begannen die stillen Tage, Samstag sollte für ihn ein neues, fruchtbringendes Leben im Dienste des einzigen wahren Wortes, der Kunst, der göttlichen Kunst beginnen. Diesen Abend der Freude, diese Nacht des Jubels wollte er noch genießen, auskosten bis auf die Neige. Er meinte sich heute ein Recht auf alle Wonnen der Erde erworben zu haben.

Der Markusplatz war von Fackeln, Pechpfannen und Lampen tageshell erleuchtet, und auf seinem glatten Pflaster drängten sich die Masken wie auf dem Boden eines ungeheuren Tanzsaales.

Rauschende Musik, lautes Gelächter, leises, zärtliches Geflüster, süßer Duft aus dem wallenden Haar lieblicher Frauen berauschten seine ohnehin von Erfolg und Wonne benebelten Sinne. Mit jedem, mit jeder band er übermütig und herausfordernd an, und wo er ein schönes Antlitz unter der Maske vermutete, trat er näher, um in die Saiten der Laute zu greifen, die ihm an einem breiten Purpurbande am Halse hing, und mit zärtlichem Sang Liebe zu heischen.

Mancher Wink mit dem Fächer lohnte, mancher zornige Blick aus dunklen Männeraugen strafte den kecken Werber.

Jetzt zog ein herrliches, königlich hochgewachsenes Weib am Arm eines reich gekleideten Kavaliers vorüber.

War das nicht die schöne Claudia, die neulich beim Spiel unsinnige Summen im Namen des reichen Grimani verloren und ihn aufgefordert hatte, sie später in der Fastenzeit zu besuchen?

Sie war es, er konnte nicht irren, und nun folgte er dem Paare wie sein Schatten und ward um so kecker, je zorniger der Kavalier ihn mit Blicken und barschen Worten zurückwies; denn die Dame hörte nicht auf, ihm anzudeuten, daß sie ihn erkenne und daß sein Spiel sie ergötze.

Aber der Edelmann war nicht gewillt, dies beleidigende Spiel zu ertragen. Mitten auf dem Platze blieb er stehen, gab mit einer mißachtenden Bewegung seiner Dame den Arm frei und sagte: »Der Lautenschläger oder ich, meine Schönste; Ihr habt zu entscheiden.«

Da lachte die Venezianerin laut auf, legte die Hand in den Arm Ulrichs und sagte: »Der Rest der Fastnacht für Euch, mein fröhlicher Sänger.«

Ulrich stimmte in ihre Heiterkeit ein, nahm die Laute vom Halse, hielt sie mit einer herausfordernden Gebärde dem Kavalier hin und rief:

»Sie steht Euch zur Verfügung, Maske; wir haben die Rollen getauscht. Aber, bitte, haltet sie besser fest als Eure Dame.«

Im Spielsaal ging es hoch her, und Claudia hatte Glück mit dem Golde des Malers.

Nach Mitternacht legte der Bankhalter die Karten aus der Hand. Aschermittwoch war da, der Saal mußte geräumt werden; die stille Fastenzeit hatte begonnen.

Die Spieler zogen sich in die Nebenräume zurück und mit ihnen das viel beneidete Paar.

Claudia warf sich auf den Diwan; Ulrich verließ sie, um für eine Gondel zu sorgen.

Sobald er fort war, wurde sie von einer bunten Schar von Werbern umdrängt.

Wie blitzten die dunklen Augen des schönen Weibes, wie funkelten die Edelsteine an dem vollen Hals und den blendenden Armen, wie schlagfertig gab sie auf jedes witzige Wort ein anderes zurück!

»Claudia ohne Begleiter!« rief ein junger Edelmann, »auf diesem ungewöhnlichen Karneval das seltenste Schauspiel!«

»Ich faste,« entgegnete sie munter, »und nun ich mich nach magerer Speise sehne, kommt Ihr! Welch ein glücklicher Zufall!«

»Der schwere Grimani ist mit Eurer Hilfe auch schon ein recht leichter Mann geworden.«

»Darum flog er auch fort. Wie wär' es, wenn Ihr ihm folgtet?«

»Gern, gern; wenn Ihr mich begleitet.«

»Für heute dank' ich; da kommt schon mein Ritter.«

Ulrich war lange ausgeblieben, aber sie hatte es nicht bemerkt. Nun verneigte er sich vor den Kavalieren, bot ihr den Arm, und als sie die Treppe hinabstiegen, flüsterte er ihr zu: »Deine Maske von vorhin hat mich aufgehalten; – und dort ... Sieh nur, dort hinten im Hofe heben sie ihn auf. – Er drang auf mich ein.«

»Ihr habt – Ihr hättet –«

»Sie sind ihm gleich zu Hilfe gekommen. Mit der blanken Klinge sprang er mir in den Weg.«

Claudia zog hastig die Hand aus dem Arm des Malers und rief leis und angstvoll: »Fort, fort, Unglückseliger! Wer du auch sein magst. Es war Luigi Grimani, ein Grimani war es. Du bist verloren, wenn sie dich finden. Fort, so lieb dir dein Leben, fort auf der Stelle!«

So endete der Faschingsdienstag, welcher so herrlich für den jungen Maler begonnen. Das »Gut, gut!« des Tizian klang nicht mehr glückverheißend in ihm wieder, aber um so lauter das schmähliche »Fort, fort!« des feilen Weibes.

De Soto erwartete ihn, um ihm mitzuteilen, wie großes Lob er über seine Kunstprobe bei Tizian vernommen – aber Ulrich bekam nichts von dem allem zu hören, denn er ließ dem Sekretär keine Zeit zum Reden, und dieser konnte nur das »Fort, fort!« der schönen Claudia wiederholen und ihm dann den Weg zum Entkommen ebnen.

Als der Aschermittwochmorgen kühl und nebelig graute, lag Venedig hinter dem jungen Maler.

Unverfolgt, aber ohne Ruhe, ohne Befriedigung zu finden, zog er nach Parma, Bologna, Pisa, Florenz.

Der Tod Grimanis belastete sein Gewissen nur leicht. Der Zweikampf war ein Krieg im kleinen, den Gegner zu töten keine Missetat, sondern ein Sieg. Ihn quälten ganz andere Sorgen.

Venedig, wohin ihn »das Wort« geführt, von dem er alles gehofft und erwartet hatte, war für ihn verloren, und mit ihm Tizians Gunst und die Lehre Cagliaris.

Er begann an sich selbst, seiner Zukunft, an dem hehren Wort und seinem Zauber zu zweifeln. Je größer die Werke waren, welche des Wanderers Auge erschauten, desto kleiner fühlte er sich selbst, desto elender wollte ihm die eigene Kraft und das eigene Können erscheinen.

»Zeichnen, Zeichnen!« riet ihm jeder Meister, an den er sich wandte, sobald er sein Schaffen beobachtet hatte. Jahrelanges Ausharren verlangten die Großen, denen er sich als Schüler anbot. Aber die Zeit war gemessen, denn das stand in dem treuen deutschen Gemüt des Verirrten fest: er mußte sich am Ende der bewilligten Frist Coello stellen. Sein Lebensglück war verscherzt, aber niemand sollte das Recht gewinnen, ihn einen Wortbrüchigen, einen Schelm zu nennen.

In Florenz hörte er Sebastiano Filippi als guten Zeichner rühmen. Er war ein Schüler Michel Angelos gewesen, und so suchte er ihn in Ferrara auf und fand ihn bereit, ihn das zu lehren, was ihm noch fehlte.

Aber die Schöpfungen des neuen Meisters sagten ihm nicht zu. Der an die wundervolle Klarheit Moors, an Tizians leuchtende Farben gewöhnte Jüngling fand Filippis Gemälde verschwommen und wie von grauen Nebeln umschleiert. Dennoch zwang er sich, monatelang bei ihm auszuhalten, denn er war in der Tat ein hervorragender Zeichner, und es fehlte in seiner Werkstätte nie an nackten Modellen; er bedurfte ihrer für die Vorstudien zu seinem Jüngsten Gericht.

Ohne Befriedigung, ohne Lust an dem lästigen Schülerwerk, ohne Liebe zu dem kränklichen Meister, welcher sich von jedem Verkehr mit ihm fernhielt, sobald die Arbeitsstunden abgelaufen waren, fühlte er sich unbefriedigt, gelangweilt, entnüchtert.

Des Abends suchte er Zerstreuung am Spieltisch, und wie in Venedig, war auch hier das Glück ihm gewogen. Sein Beutel strotzte von Zechinen, aber mit dem roten Golde entzog ihm die Kunst ihre mächtige Bundesgenossin, die Not, das drängende Muß, mit dem Aufgebote der eigenen Kraft das Leben zu fristen.

Wie ein sorgloser Liebhaber hielt er die für die Studien festgesetzten Stunden inne und arbeitete ohne zwingenden Trieb, ohne Leidenschaft, ohne Freude, und auch ohne sichtlichen Gewinn für sein Können.

Beim Spiel vergaß er, was ihn quälte, es erregte sein Blut, es scheuchte die Langeweile ins Weite; das Gold war ihm nichts.

Den Löwenpart des Gewinns verlieh er auf Nimmerwiedersehen an gerupfte Spieler, er verschenkte ihn an darbende Maler und warf ihn bettelnden Armen verschwenderisch zu.

So schlichen die Monde in Ferrara hin, und als die festgesetzte Zeit vorbei war, nahm er ohne Bedauern von Sebastiano Filippi Abschied, kehrte zur See nach Spanien zurück und gelangte reicher als er gegangen, aber verarmt an Zutrauen auf die eigene Kraft und verzweifelnd an der Allmacht der Kunst, nach Madrid.

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