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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080910
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Erstes Kapitel

»Ein Wort, nur ein Wort!« rief eine frische Knabenstimme, und dann klatschten zwei Hände kräftig zusammen, und ein helles Lachen scholl durch den Wald. Es war bisher still gewesen in den Zweigen der Tannen und den Kronen der Buchen. Jetzt fiel eine Kohltaube in das Lachen des Knaben ein, und ein Häher, den das Händeklatschen erschreckt hatte, entfaltete die braunen Flügel mit dem zierlichen blauen Putz und schwang sich von einem Tannenwipfel auf den anderen.

Der Lenz hatte erst vor wenigen Wochen Einzug in den Schwarzwald gehalten, der Mai erst vor kurzem sein Ende erreicht, und doch war es schwül wie mitten im Sommer, und Wolken zogen sich dicht und dichter zusammen. Die Sonne stand nicht mehr hoch, aber das Tal war so eng, daß sie schon verschwunden war, bevor sie den prächtigen Einzug in die Pforten der Nacht gehalten.

Wenn sie bei klarem Himmel zur Rüste ging, vergoldete sie nur den Saum der Tannen auf dem Kamm der hohen, westlichen Bergwand. Heute war das Tagesgestirn gar nicht zu sehen, und der sparsame, schnell abgebrochene Gesang der Vögel paßte besser als das Lachen des Knaben zu dem drohenden Gewölk und der Schwüle des Tages.

Alle Kreatur schien beängstigt zu atmen, Ulrich aber lachte noch einmal hell auf und rief dann, während er das nackte Knie auf ein Bündel Reisig stemmte:

»Gib mir den Ast dort, Ruth, damit ich es schnüre. Wie dürr das Zeug ist, und wie es kracht! Ein Wort! Um ein dummes Wort tagelang hinter den Büchern zu sitzen; – das ist ja Unsinn!«

»Aber jedes Wort ist nicht wie das andere,« entgegnete das Mädchen.

»Piff ist paff und paff ist puff!« lachte Ulrich. »Das Reisig, hörst du's, das sagt auch immer, wenn ich's zerbreche, »knack«, und noch einmal »knack«; und »knack« ist doch auch ein Wort. Gaukelkaspars Elster kann ihrer zwanzig.«

»Aber der Vater hat es gesagt,« erwiderte Ruth und legte dabei dürre Zweige zusammen. »Um die rechten Worte zu finden, arbeitet er sich müde, und nicht um Geld und Gut. Du willst ja immer wissen, was er in den dicken Büchern sucht. Da hab' ich mir ein Herz gefaßt und ihn gefragt, und nun weiß ich's! Er merkte wohl, daß mich's wundernahm, und da lächelte er denn in das Buch hinein, wie bei der Lektion, wenn du etwas Dummes gefragt hast, und dabei sprach er, ein Wort sei nichts Kleines, und man dürfe es ja nicht verachten, und Gott habe die Welt aus einem einzigen Wort gemacht.«

Ulrich schüttelte den Kopf und fragte nach einigem Besinnen:

»Das glaubst du?«

Die Kleine entgegnete nichts als: »Der Vater hat's ja gesagt.«

Aus ihren Worten klang die feste, unumstößliche Zuversicht kindlichen Vertrauens, und die gleiche Empfindung leuchtete ihr aus den Augen.

Sie mochte neun Jahre zählen und war in jeder Hinsicht das Widerspiel ihres um einige Sommer älteren Genossen; denn er war kräftig gebaut, und aus seinem blonden, schönen Lockenkopf schauten ein Paar große blaue Augen trotzig in die Welt; sie dagegen war ein zartes Geschöpf mit schmächtigen Gliedern, bleichen Wangen und kohlschwarzem Haar.

Sie trug ein ärmliches, aber städtisch geschnittenes Kleidchen und auch Strümpfe und Schuhe, er ging barfuß, und sein graues Wams sah nicht weniger verbraucht aus als die kurzen ledernen Hosen, die kaum seine Knie erreichten; aber doch mußte er etwas auf sein Äußeres halten, denn an seiner Schulter war eine rote Schleife von wirklicher Seide befestigt. Er konnte auch kaum das Kind eines Bauern oder Waldarbeiters sein; dazu war die Stirn zu hoch gewölbt, die Nase und der kirschrote Mund zu fein geschnitten, die Haltung zu stolz und frei.

Die letzten Worte Ruths hatten ihm zu denken gegeben, aber er ließ sie unerwidert, bis das letzte Reisigbündel zusammengeschnürt war. Dann sagte er zögernd:

»Mein Müetterl – du weißt ja ... vor dem Vater darf ich nicht von ihr reden, sonst faßt ihn der Ingrimm; mein Müetterl soll ja so schlecht sein; – aber zu mir war sie's nimmer, und ich habe Heimweh nach ihr alle Tage, sehr, sehr, wie nach nichts anderem. Als ich so groß war, da hat mir mein Müetterl viel Dinge erzählt, so seltsame Dinge! Auch von einem Manne, der Schätze begehrte, und vor dem sich Berge öffneten auf ein Wort, das er kannte. Gewiß, solch ein Wort sucht dein Vater.«

»Ich weiß nicht,« entgegnete die Kleine. »Aber es muß ein großes Wort gewesen sein, aus dem Gott die ganze Erde und den Himmel und alle Sterne gemacht hat.«

Ulrich nickte. Dann schlug er die Augen keck auf und rief:

»Ja, wenn er es fände und würd' es nicht bei sich behalten, und du wolltest mir's sagen! Ich wüßte schon, was ich begehrte.«

Ruth schaute ihn fragend an; er aber rief lachend: »Ich sag's nicht. Aber du, was würdest du fordern?«

»Ich? Ich möchte, daß meine Mutter wieder sprechen könnt' wie andere Menschen. Aber du, du wünschst dir ...«

»Was ich mir wünsch', das kannst du nicht wissen.«

»Doch, doch! Du schafftest dir dein Müetterl wieder ins Haus.«

»Nein, das hab' ich mir nicht gedacht,« entgegnete Ulrich und schaute errötend zu Boden.

»Was denn? Sag's nur; ich schwatz' es nicht aus.«

»Ich möchte ein Knapp beim Grafen sein und immer mit ihm ausreiten dürfen, wenn er auf die Pirsch zieht.«

»O du!« rief das Mädchen. »Wenn ich ein freier Bursch wäre wie du, das wär' mir das Rechte! Ein Knapp! Wenn das Wort alles vermag, macht es dich auch zum Herrn auf der Burg und zu einem mächtigen Grafen, und du bekommst Kleider von lauter Samt mit bunten Schlitzen und ein seidenes Bett.«

»Und ich reite den schwarzen Hengst, und mir gehört der Wald mit den Hirschen und Rehen; und den Bürgern drunten im Ort, denen werd' ich es zeigen.«

Der Knabe erhob bei diesen Worten drohend die Faust und die Augen und bemerkte nun erst, daß schwere Regentropfen zu fallen begannen und ein Gewitter heraufzog.

Rasch und geschickt belud er sich mit mehreren Reisigbündeln, legte eins auf die Schulter der Kleinen und schritt mit ihr talabwärts. Er achtete nicht des heftiger strömenden Regens, des Blitzes und Donners; sie aber bebte an allen Gliedern.

Am Saume des Hohlweges, der zur Stadt führte, blieb sie stehen. Das Naß des Himmels sickerte an seinen beiden schrägen Wänden nieder und sammelte sich auf seinem steinigen Boden zu einem rötlichen Gießbach.

»Komm nur!« rief er und setzte den Fuß auf die Wandung der Schlucht, von der nun Steine und das von dem feuchten Element gebundene sandige Erdreich prasselnd niederwärts rutschten.

»Ich fürchte mich,« entgegnete sie bebend. »Da blitzt es wieder! O Gott, Gott – wie das flammt! ... – oh, dieser Schlag!«

Sie bückte sich, als habe der Strahl sie getroffen, schlug die Händchen vor das Gesicht und sank auf die Knie; dabei fiel das Reisigbündel zu Boden. Sie war ganz Furcht, und als wenn sie dem mächtigen Wort schon gebieten könne, dachte sie: »Ach Wort, ach du Wort, schaff mich nach Hause.«

Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß, warf ihr einen Blick zu, in dem sich Verdruß und Verachtung paarten, und murmelte scheltende Worte vor sich hin, während er ihr Bündel, dem er bald die seinen folgen ließ, in den Hohlweg schleuderte. Dann faßte er unsanft ihre Hand und zog sie an den Rand des Abhanges.

Halb gehend, halb gleitend, mit manchem unfreundlichen Ruf, aber doch immer bedacht, sie zu stützen, klomm er die steile Wand mit ihr hinab, und als sie endlich zwischen den ausgefahrenen Geleisen im Wasser standen, nahm er die triefenden Reisigwellen auf und ging mit allen, auch mit den ihrigen, stillschweigend weiter.

Nach einer kurzen Wanderung durch eilendes Naß und langsam zu Tale rutschendes Geröll schauten ihnen einige Schindeldächer entgegen. Nun atmete die Kleine wieder auf, denn zu der Reihe von einzeln stehenden armseligen Häusern, die sich zwischen dem Wald und dem hier schon ganz flachen Saume des Sohlweges erhob, gehörte auch ihr eigenes Heim und die väterliche Schmiede ihres Gefährten.

Es regnete noch immer, aber das schnell heraufgekommene Gewitter hatte sich rasch verzogen, und Dämmerung breitete sich schon über die von feuchtem Dunst umwallten Dächer und spitzen Türme des Städtchens, von dem die Gasse am Hohlweg ausging.

Nur noch einzelne abgerissene Glockentöne unterbrachen die Stille des Abends, schwache Nachzügler des kräftigen Geläutes, mit dem der Türmer vorhin das Unwetter zu zerstreuen versucht hatte.

Es war wohl gesorgt für die Sicherheit des Ortes im engen Waldtale drunten, denn eine Mauer und ein Graben zogen sich rings um ihn her; nur die Häuser am Rande der Schlucht waren unbeschützt. Zwar wurde die Mündung des Hohlweges von den Feldstücken der Stadtmauer und dem starken Turm neben der Ausfallspforte beherrscht, aber es lag den Bürgern nicht ob, für die Sicherheit der Häuserreihe dort oben zu sorgen. Man nannte sie den Richtberg, und es wohnte darin nur Gesindel, der Scharfrichter und armes Volk, dem man das Bürgerrecht nicht gewährte. Der Schmied Adam hatte das seine auch verwirkt, und Ruths Vater, der Doktor Costa, war ein Jude, der froh sein mußte, daß man ihn hier in der alten Försterei duldete.

In der Gasse war es still. Nur einige Kinder sprangen in den Pfützen umher, und eine alte Wäscherin stellte ein hölzernes Gefäß unter die Dachrinne, um Regenwasser zu sammeln.

Zwischen den Hütten und unter Menschen atmete Ruth wieder auf, und bald hing sie an der Hand des Vaters, der ihr entgegengekommen war, und betrat dann mit ihm und Ulrich ihr elterliches Haus.

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